1,49 €
Paul lebt schon seit einigen Jahren in einem Frauenkörper. Zuvor war er mit Jennifer verheiratet, und trotz seiner Geschlechtsumwandlung hat er nie aufgehört, sie zu lieben. Durch eine zweite Heirat schwerreich geworden, beschäftigt Jennifer ihn nun als Haushälterin auf ihrem neuen, hochherrschaftlichen Anwesen, dem Haus Horthorpe in der kleinen, englischen Gemeinde "Horthorpe Up On Thames". Ihre Beziehung zueinander gestaltet sich schwierig – und das nicht allein deshalb, weil Jennifer von genau dem jungen Makler auf das Heftigste umworben wird, der ihr diesen altehrwürdigen Landsitz angeboten und verkauft hat. Denn wie das Schicksal so spielt, geschehen wie aus heiterem Himmel zwei schreckliche Morde, die Jennifers und Pauls Leben für immer verändern werden.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 264
Veröffentlichungsjahr: 2022
Anka Wils
O Claire!
Was geschah in 'Little Horthorpe'?
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
0
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
Nachwort
Von der gleichen Autorin
Leseprobe
Impressum neobooks
„Man kann davon überzeugt sein, sich etwas zu wünschen – vielleicht jahrelang – solang man weiß, dass der Wunsch unerfüllbar ist. Steht man aber plötzlich vor der Möglichkeit, dass der Wunschtraum Wirklichkeit wird, dann wünscht man sich nur noch eins: Man hätte es sich nie gewünscht.“
Michael Ende: Die unendliche Geschichte
Das alte Herrenhaus von „Little Horthorpe“
Für Paul
[Claire] Ich lief auf Claire zu und wollte sie umarmen, jeder möglichen Gegenwehr ihrerseits zuvorkommend. Doch, ohne es zu wissen, rannte ich schnurstracks in mein Verderben: Bevor ich das Messer sah, das Claire schnell aus ihrer Tasche gezogen hatte, spürte ich einen schmerzhaften Stich in meiner Hüfte. Mit rechts hatte sie zugestochen. Lautlos, ohne ein einziges Wort zu sagen.
Ich fiel in ein tiefes Loch, tiefer und tiefer und immer noch tiefer. Mein letzter Gedanke war:
„O Claire, geliebte Claire, warum? Warum hast du mir das angetan!“
[Sir Winfried] Sir Winfried schaute auf die dunklen Regenwolken, die hoch über den Wolkenkratzern der Londoner City die Themse entlang nach Osten zogen. Es war fünf Uhr nachmittags, und das trübe Wetter entsprach exakt seiner Stimmungslage. Normalerweise genoss er um diese Zeit seinen „Five-o’-Clock-Tea“, aber heute war es anders. Doch es lag nicht daran, dass Esmeralda, seine in die Jahre gekommene Sekretärin, vergessen hätte, den Tee zu servieren – mitnichten: Die Kanne stand wie üblich auf dem edlen Wedgwood-Stövchen, und Sir Winfried hatte die erste heiße Tasse Tee bereits zu sich genommen.
Seine Verdrossenheit lag vielmehr daran, dass ihm ein „kleiner Fisch“ in den Teich gespuckt hatte. Ein kleiner Makler aus der Provinz, ein „No-Name“, ein Nichts, hatte ihm einen dicken, fetten Auftrag vor der Nase weggeschnappt. Das heißt, eigentlich waren es gleich zwei Aufträge gewesen. Doch das Haus, das er diesem Autor – wie hieß der noch gleich? Ach ja, John Brewster! In der Tat war seine eigene Frau total verrückt nach dessen Liebesromanen, verschlang ein Buch nach dem anderen. Diesem Brewster also hatte McTwyhn, Christopher McTwyhn, dieser „kleine Fisch“ vom Lande, ein Haus in der Provinz verkauft.
Normalerweise war das nichts, worüber Sir Winfried sich besonders aufgeregt hätte. Häuser auf dem Land waren zu billig, um eine attraktive Provision abwerfen zu können. Aber gleich danach hatte ihm dieser „Provinz-Heini“ einen weiteren, dieses Mal äußerst lukrativen Kunden abspenstig gemacht. Eine äußerst lukrative Kundin sogar, um genau zu sein: Lady Jennifer Bottleneck, die ehemalige Frau des schon vor einiger Zeit verstorbenen Sir Gottfried.
Dieser McTwyhn hatte ihr „Haus Horthorpe“ verkauft, einen alten Landsitz, zwei Autostunden von London entfernt, der zuvor für längere Zeit leer gestanden hatte. Ein Objekt, das sich normalerweise kein Londoner als Hauptwohnsitz ausgewählt hätte. Schon allein deshalb, weil die tägliche Fahrt zur Arbeit und zurück sonst den halben Tag in Anspruch genommen hätte. Und dann noch die Kosten für eine angemessene Instandsetzung und Unterhaltung! In der Tat: Einen hochherrschaftlichen Landsitz dieser Größenordnung konnten sich wirklich nur sehr wenige, gut betuchte Kunden leisten.
Zwei Dinge wurmten Sir Winfried an diesem, ihm entgangenen „Deal“: „Haus Horthorpe“ hatte – obwohl weit weg von der Hauptstadt – bestimmt deutlich mehr als eine Million englische Pfund gekostet. Die Provision dafür hatte also mindestens im fünfstelligen, wenn nicht sogar im sechsstelligen Bereich gelegen. Das war Geld, das er für seine eigene Immobilien-Praxis gut hätte gebrauchen können. Nicht, dass die Geschäfte gerade jetzt besonders schlecht gegangen wären, nein, aber die Büro-Mieten in der Londoner City waren exorbitant hoch. Und überhaupt: In seinem Geschäft – dem Geschäft eines Immobilienmaklers –, da zählte jeder Penny!
Doch das, das verlorengegangene Geld, das war nicht das Schlimmste an der Sache mit McTwyhn: Das mit Abstand Schlimmste an dieser unangenehmen Angelegenheit, das was Sir Winfried Rockbottom auf keinen Fall verzeihen konnte, war, dass dieser Bürgerliche vom Lande, aus einem Ort – „Horthorpe Up On Thames“ –, den Sir Winfried erst mühsam auf der Karte hatte suchen müssen, ihm einen zum Adel zählenden Kunden direkt vor der Nase weggeschnappt hatte. Lady Jennifer war zwar nur angeheiratet, aber trotzdem – Sir Winfried schnaufte vor Ärger durch die Nase: So etwas ging gar nicht, zumindest nach seinen Vorstellungen!
Verärgert schüttelte er den spärlich behaarten Kopf: Was waren das für Zeiten? Es war ein ungeschriebenes Gesetz in London, dass ein jeder mit adligen Wurzeln, der etwas auf sich hielt, falls möglich nur mit Seinesgleichen verkehrte. Wo käme man sonst auch hin? Wo doch der Adelstitel heutzutage kaum noch ein Privileg, sondern mehr und mehr eine Last war. Eine finanzielle vor allen Dingen. Um den standesgemäßen Lebensstil aufrecht zu erhalten. In einer sündhaft teuren Stadt wie London.
„Nein, das geht gar nicht, dass mir dieser Mensch aus der Provinz, dieser McTwhyn, weiterhin die Kunden wegschnappt!“
Aber was tun? Sir Winfrieds Miene wechselte von ratlos-verärgert zu entschlossen-verärgert. Er würde die Sache im Klub zur Sprache bringen. Gleich heute Abend. Irgendwas müsste da doch zu machen sein! Dieser McTwhyn hatte bestimmt Blut geleckt. Er würde es wieder tun, so viel war sicher. Denn er war ja schon zum heutigen Zeitpunkt ein Wiederholungstäter. Der Spruch: „Einmal ist keinmal!“, galt hier nicht mehr. Also musste etwas passieren. Unbedingt! Und zwar möglichst schnell: Es musste verhindert werden, dass dieses Landei erneut zum Zuge käme. Mit allen Mitteln!
Mit allen Mitteln?Wirklich!? Sir Winfried erschrak, als er an die Implikationen dachte, die aus diesen finsteren Gedanken folgen könnten. Was, wenn bei seinem geplanten Rachefeldzug nun etwas aus dem Ruder liefe? Es könnte ihn seinen Job kosten, wenn nicht sogar mehr. Ob er wirklich dazu bereit war? Zum letzten Mittel, auch zum allerletzten? Erpressung, Mord? Sir Winfried schüttelte den Kopf. Er wusste nicht, ob er das wirklich wollte. Ob ihm das die Sache wert war.
[John] Das alte Herrenhaus am Hügel hatte lange Zeit leer gestanden. Ich war natürlich neugierig, als zwei große Möbelwagen die Auffahrt hinauffuhren und nach und nach von fleißigen Händen entladen wurden. Zum Vorschein kamen die üblichen Utensilien und Einrichtungsgegenstände, die ein großer Haushalt braucht: Lampen, Tische, Stühle, mehrere Sitzgarnituren, einige Bettgestelle, diverse Gemälde – sorgfältig in festes Tuch eingeschlagen –, sowie zahlreiche Kisten, Koffer und Kartons, deren geheimnisvollen Inhalt ich aus der Ferne beim besten Willen nicht bestimmen konnte.
Überhaupt vermochte ich das bunte Treiben nur deshalb zu beobachten, weil mein Haus auf der anderen Seite der Straße lag, am Fuße des Hügels „Three Oaks“ (Drei Eichen) der Gemeinde Horthorpe, und ich daher eine hervorragende Sicht auf das gegenüberliegende, unmittelbar an den Hang gebaute Herrenhaus hatte. Dieses monströse, aus einem längst vergangenen Jahrhundert stammende Gebäude, im Ort nur als „Haus Horthorpe“ bekannt, war zur Straße hin durch eine hohe, mit Efeu überwucherte Mauer aus verwitterten gelben Backsteinen vor neugierigen Blicken geschützt. Niemand konnte das Grundstück einsehen außer mir, wenn ich zum Beispiel an meinem Schreibtisch saß und über dem nächsten Roman brütete. Denn der besseren Luft und Aussicht wegen hatte ich mein Arbeitszimmer in das oberste Dachgeschoss verlegt.
Hierher aufs Land war ich erst vor kurzem – von London kommend – gezogen und hatte sorgfältig darauf geachtet, dass mein neues Heim freistehend war und in der Mitte eines großen Grundstückes stand. Nichts hasste ich mehr als neugierige Nachbarn, ganz besonders nachdem ich mich in der Hauptstadt vor Verehrerinnen zum Schluss gar nicht mehr hatte retten können: Meine letzten drei Romane waren dermaßen erfolgreich gewesen, dass neugierige Verehrerinnen meine kleine Wohnung in der Stadt regelrecht belagert hatten.
Schon vom frühen Morgen an standen sie wie zufällig in Gruppen herum, stets begierig auf einen flüchtigen Kontakt oder auf ein kleines Souvenir, das sie mir in jedem kurzen Moment der Unachtsamkeit zu entreißen versuchten, sobald ich das Haus verließ und auf die Straße ging. Nachdem ich mehr als einmal meiner Kopfbedeckung verlustig gegangen war, die die glückliche Diebin gegen aufgeregt kreischende Rivalinnen verteidigen musste, war der Höhepunkt der Nachstellungen mit dem Verlust mehrerer graublonder Haare meiner bis dahin noch vollen Haarpracht erreicht.
Ich hatte die Wahl, nur noch unter Polizeischutz auf die Straße gehen zu können oder in die Anonymität der Fremde abzutauchen. Ich entschied mich für letzteres und konnte nach meiner Flucht nach „Horthorpe Up On Thames“ das erste Mal wieder freie Luft atmen, ohne um mein Leben fürchten zu müssen. Hier in diesem beschaulichen Örtchen, sehr idyllisch im bildschönen Tal der oberen Themse gelegen, war ich von der Hauptstadt weit genug entfernt. Niemand kannte oder erkannte mich, hatte ich doch von Anbeginn meiner steilen Karriere als Erfolgsautor alle meine Bücher in weiser Voraussicht unter einen Pseudonym veröffentlicht, noch dazu einem weiblichen („Yolanda Benkowsky“).
Das Einzige, was mir am Landleben missfiel, war, dass ich hier der meisten Ver- und Belustigungen, die eine weit- und weltläufige Großstadt zu bieten hat – und London natürlich ganz besonders –, entsagen musste. Die beiden Zentren des kulturellen Lebens, wenn man einmal von den örtlichen Krimskrams-Händlern, Krämerläden und kleinen Supermärkten ganz absah, waren die Kirche und der Pub. Wobei für mich der Pub bezogen auf die geistige Zerstreuung eigentlich noch vor der Kirche kam.
Nicht etwa, dass ich von Natur aus ein Quartalssäufer war, Gott bewahre, ein Gläschen Wein hier, ein Gläschen Wein dort, aber alles in Maßen! Das Problem mit der heiligen Schrift war nur, dass mir die tiefere Bedeutung christlicher Weisheiten weder in die Wiege gelegt, noch jemals in schlüssiger Form erklärt worden war. Wenn ich also trotzdem fast jeden Sonntag in die Kirche ging, dann eigentlich nur aus purer Langeweile oder weil ich neue Charaktere für meinen nächsten Roman suchte. Die konnte ich von Zeit zu Zeit zwar auch im Pub finden, aber in der Kirche traf ich eben doch noch auf ganz andere Mitglieder der Gemeinde: Personen der gehobenen Gesellschaft zum Beispiel, deren Moral derart fest in Stein gemeißelt war, dass sie ohne besondere Not niemals im Leben auf die abwegige Idee gekommen wären, einen Fuß in ein gewöhnliches Weinlokal oder gar in eine hundsordinäre Wirtschaft zu setzen.
Der letzte Earl von Horthorpe, so erzählte man mir, sei auch einer dieser treuen Kirchgänger gewesen. Immer in Begleitung seiner um einige Jahre jüngeren Hausdame und eines uralten Butlers, bis ihn – den Earl – ganz plötzlich und unvermittelt mitten in der Heuernte der Schlag traf und er kurz darauf das Zeitliche segnen musste. Seitdem hatte das alte Herrenhaus auf der anderen Seite der Straße, durch die erhöhte Lage nahe am Hang mit einer fantastischen Rundumsicht über das ganze Tal ausgestattet, leer gestanden.
Von London aus gesehen war das Haus so weit entfernt, dass normalerweise niemand, der reich genug war, sich ein derartig hochherrschaftliches Anwesen leisten zu können, bereit war, hier hinaus in die ländliche Einöde zu ziehen. Chris McTwyhn, der junge, engagierte und äußerst ehrgeizige Makler, der auch mir zu einem neuen Heim verholfen hatte, war zu meiner Zeit schon der festen Überzeugung gewesen, das ganze Haus und Anwesen müsse früher oder später dem vollkommenen Verfall preisgegeben werden.
Der Hauptgrund für Chris’ pessimistische Sicht der Dinge war aber, dass die Gemeinschaft der Erben, die – wie bei so großen Erbschaften üblich – heillos miteinander zerstritten war, sich nicht darauf hatte einigen können, wer aus ihren Reihen das Haus übernehmen sollte. Also musste verkauft werden. Und wie der momentane Augenschein bewies, hatte das altehrwürdige Haus Horthorpe, hier in Horthorpe immer noch das erste Haus am Platze, am Ende doch noch einen (oder mehrere) solvente Käufer gefunden.
So hoffte ich jedenfalls. Denn jedes leer stehende Haus in meiner unmittelbaren Nachbarschaft ängstigte mich. Umso mehr, je größer es war. Man wusste nicht, welches Gesindel sich davon angezogen fühlen würde. Nicht auszudenken, was für Gefahren sich daraus für mein bescheidenes Eigentum und mein gesundheitliches Wohlergehen würden ableiten lassen!
Mein zweiter Grund zur Freude war natürlich, dass neue Nachbarn immer eine willkommene Abwechslung im täglichen Einerlei bedeuteten. Alleinstehend wie ich war – nach zwei noch vor der Ehe gescheiterten Verlobungen – schwebte über mir das Damoklesschwert eines ewigen Junggesellen-Daseins. Eine freudlose Zukunftsaussicht, die ich trotz der schlechten Erfahrungen, die ich bisher mit dem anderen Geschlecht gemacht hatte, als alles andere als erstrebenswert empfand.
Ich überlegte gerade, ob ich vom Fenster wegtreten und meinen kleinen Feldstecher holen sollte, um mir die Umzugsaktivitäten doch noch etwas genauer ansehen zu können, als ein kleiner roter Sportwagen die Auffahrt heraufgeschossen kam. Genau so ein Fahrzeug, wie es sich junge und moderne Frauen gerne kaufen. Sollte ich etwa das Glück haben, eine neue Nachbarin zu bekommen? Alleinstehend womöglich? Vielleicht sogar vermögend? In gespannter Erwartung fing mein Herz an, schneller zu schlagen.
Das kleine Fahrzeug stoppte abrupt hinter den beiden großen Umzugswagen und verursachte dabei eine nicht unerhebliche Staubwolke. Dann passierte für einen Moment gar nichts. Einer der Möbelpacker bemerkte das Auto und ging darauf zu. Nun erst öffnete sich die Fahrertür, und eine kleine, zierliche Frau trat heraus. Sie trug einen hellen Kurzmantel zum dunklen, gerade geschnittenen, knielangen Rock und sprach auf den Mann ein. Doch dieser zuckte nur mit den Schultern und schüttelte den Kopf. Ich sah, wie die Frau sich abwandte, ihr Handy aus der Handtasche holte und zu telefonieren begann.
Während ich weiter gespannt die Szene beobachtete, ging langsam die Beifahrertür auf und eine zweite Frau stieg aus dem Sportwagen. Sie war von großer, kräftiger Statur, trug eine ebenfalls auffällig große, dunkle Sonnenbrille, dazu ein helles, fast weißes Kopftuch, graue Hosen und einen langen, dunkelblauen Sommermantel. Nachdem sie ausgestiegen war, nahm sie ihr Kopftuch ab, und ich konnte sehen, dass sie volles, halblanges blondes Haar hatte.
Viel mehr konnte ich aus der Entfernung nicht erkennen. Aber schon das Wenige, was ich sah, gefiel mir. Ob es daran lag, dass ich als Schriftsteller oft gezwungen war, im Geiste die weibliche Rolle einzunehmen, starke Frauen gefielen mir. Ich will daher auch nicht verschweigen, dass der Anblick der zierlichen Fahrerin für mich eher eine Enttäuschung gewesen war. Doch der Anblick ihrer stattlichen Begleiterin entschädigte mich für alles.
[Tamara] Ich musste mit einem Mal wieder an Tamara denken, die feurige und für meine Wenigkeit vorübergehend in heißer Liebe entflammte, rothaarige Kunststudentin bosnischer Abstammung, die mir an Größe und Statur ebenbürtig gewesen war. Das Holz des Lattenrostes splitterte unter meinem breiten Rücken, als wir beide voller Leidenschaft auf das gemachte Bett fielen und sie mich unter sich in weichen Kissen begrub. Ihre heißen und intensiven Küsse nahmen mir den Atem, und es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich aus ihrer festen Umklammerung gelöst und in die klassische Missionarsstellung emporgearbeitet hatte.
Ich liebte meine Tamara von ganzem Herzen nicht nur dieses eine, sondern viele weitere Male, bis sie mich für einen jüngeren Mitstudenten mit (damals) deutlich besseren Karriereaussichten verließ. Seit dieser Zeit stehe ich auf starke und temperamentvolle Frauen. Kleine Frauen, die bei anderen Männern spontan den Beschützer-Instinkt auslösen, lassen mich kalt. Ich brauche Partnerinnen buchstäblich auf Augenhöhe, um in zärtlichen Gefühlen zu entflammen.
Davon hatte ich in der letzten Zeit aber leider viel zu wenige kennengelernt, von den Frauen einmal abgesehen, die mir auf der Straße aufgeregt kreischend hinterher liefen und sich dann aber doch ganz banal mit einem Autogramm oder einem schnellen, gemeinsam gemachten Selfie zufrieden gaben: Selfie statt Quickie, das war zurzeit mein trauriges Los. Mit drei Worten treffender beschrieben, als es ein ganzer Roman zu tun vermöchte!
Noch immer stand ich vor dem geschlossenen Fenster und schaute hinüber zum Herrenhaus. Wer waren diese beiden Frauen – die eine groß, die andere klein? Ins Haus gingen sie nicht. Stattdessen schauten sie die Auffahrt hinunter in Richtung Straße und schienen auf jemanden zu warten. Wahrscheinlich auf die Person, die von ihnen gerade eben angerufen worden war.
Die Zeiten, in denen ich noch ein armer, erfolgloser Hungerleider war, der nicht wusste, ob sein schmales Salär als Schriftsteller jemals ihn selbst, geschweige denn eine ganze Familie würde ernähren können, waren noch nicht sehr lange vorbei und auf keinen Fall vergessen. Jedesmal wenn ich, für einen neuen Roman, der in den Kreisen der Hochfinanz spielen sollte, Anregungen sammelnd, über Mittag in die Londoner City gefahren war, waren es nicht die in „formal dress“ von Termin zu Termin eilenden Banker und Börsenmakler gewesen, die mich neidisch machten. Deren hektisches Leben, hin- und hergerissen zwischen wichtigen Geschäftsbesprechungen, marktschreierisch bunten Monitorbildern und ewig klingelnden Telefonen, wollte ich nicht geschenkt haben!
Nein, niemals: Stattdessen waren es die stolzen, in modische Seidenblusen und dezent geschlitzte Bleistiftröcke gekleideten Bürofrauen, die, angeregt mit einer Freundin plaudernd, ihren rechten High-Heel elegant an einem einzelnen Zeh baumelnd, in einem Londoner Straßencafe entspannt die Mittagspause genossen, deren Leben ich gern gegen meins eingetauscht hätte. Ein Leben voller Bedeutung, aber ohne jede Verantwortung, so schien es mir, das wäre auch für mich das vollkommene Paradies.
Doch was hatte ich stattdessen, was war es, was ich selbst als Lebensentwurf vorweisen konnte: ein Leben ohne Bedeutung, aber voller Verantwortung. Voller Verantwortung deshalb, weil ich mich vertraglich verpflichtet hatte, den nächsten Verlagstermin einzuhalten, das nächste Buch zu schreiben, das – wenn möglich – doch außerdem bitte, bitte ein Bestseller sein möge!
Auch wie ich so traumverloren dastand und den beiden Frauen beim Warten auf irgendwen zusah, kam es mir immer noch wie ein Märchen vor, dass der in weniger als einem Monat schnell herunter geschriebene Roman „Mäuse im Queen’s Park“ erst auf dem nationalen und dann auf dem internationalen Buchmarkt eingeschlagen war wie eine Bombe. Die genau genommen total schwachsinnige und an den Haaren herbeigezogene Geschichte von der taubstummen, halbblinden Joanna, die zuerst die Liebe und dann ihre Sprache wiederfand, rührte die Herzen vieler Leserinnen dermaßen, dass die frisch gedruckten und ausgelieferten Exemplare den einschlägigen Geschäften regelrecht aus den Regalen gerissen wurden. Für einen kurzen Moment des Glücks kam ich meinem Ideal vom vollkommenen Leben ohne Verantwortung sehr nahe. Für einen sehr kurzen Moment nur. Leider.
Denn dann ging der Wahnsinn erst richtig los: Radiointerviews, Talkshows im Fernsehen, Autorenlesungen, Buchmessen – wo war bloß mein wilder Rotschopf Tamara, der mich aus diesem totalen Schlamassel hätte heraushauen können? Wo war in diesem Moment des triumphalen Erfolgs die starke Frau an meiner Seite? Mehr als jemals zuvor hätte ich sie als Partnerin gebrauchen können.
Ich glaube, meine Flucht aus London, und eine Flucht war es gewesen, wahrhaftig und ohne Zweifel: Meine Flucht aus London gründete sich nicht nur im Fan-Terror der Straße, auch der ständige Telefon- und Terminterror meines Buchverlages war zum wichtigen Anlass geworden, London den Rücken zu kehren. Jetzt, wo ich nahezu unerreichbar in die Provinz abgetaucht war, konnte ich nicht mehr so einfach mit einem süßen:
„Ach John (das ist mein wirklicher Vorname), sei ein Schatz und komm doch mal eben auf einen Sprung im Verlag vorbei, dein Typ wird gebraucht. Wir haben wichtige Gäste im Haus, die wollen dich unbedingt mal kennenlernen!“
aus meiner alltäglichen Lethargie gerissen und „mal eben“ schnell zurück ins wahre Leben gesäuselt werden. Zweieinhalb Stunden Autofahrt, zu Stoßzeiten vielleicht sogar bis zu dreieinhalb Stunden, hin ebenso wie zurück, das war noch alle Mal für eine Ausrede gut.
[Chris] Meine Gedanken fokussierten sich langsam wieder auf das vor mir Liegende: Was nun, wenn die stattliche Frau im blauen Sommermantel einfach nur eine Freundin und die Zierlichere der beiden in der Tat die neue Herrin auf Haus Horthorpe wäre? Deren große und starke Freundin allein zu dem Zweck mitgekommen war, um kurz beim Auspacken und Einräumen zu helfen und um dann ebenso schnell wieder zurück zu Mann und Kindern nach London zu fahren, wie sie gekommen war? Dieser rote Sportwagen hat doch bestimmt ein Londoner Kennzeichen, oder? Sollte ich jetzt vielleicht doch das Fernglas holen?
Bevor ich meinen Gedanken in die Tat umsetzen und mich vom Fenster fortbewegen konnte, nahm ein weiteres Fahrzeug – eine schwarze Business-Limousine, deren Erscheinungsbild mir nur allzu gut bekannt war – Kurs auf die Auffahrt zum Herrenhaus und rollte langsam auf die beiden Frauen zu. Ich hatte mich nicht getäuscht: Als das imposante Gefährt zum Stehen gekommen war, stieg Chris McTwyhn aus, mein Immobilienmakler. Das heißt, natürlich war Chris, eigentlich „Christopher“, nicht „mein“ Immobilienmakler, sondern „der“ Immobilienmakler von Horthorpe. (Vor „Horthorpe“ scherzhaft und im Geiste bitte stets ergänzen: „Little“!)
Der etwa dreißig Lenze zählende Chris sah auch genauso aus, wie man sich einen jung-dynamischen, nach schnellem geschäftlichem Erfolg strebenden Immobilienmakler vorstellt. Stets freundlich und zuvorkommend, immer mit einem sorgfältig gestutzten Dreitagebart nebst dunklem, perfekt frisiertem Kurzhaarschnitt sowie selbst bei heißesten Sommertemperaturen ins makelloseste Business-Casual gekleidet mit blauweiß-gestreiftem Hemd, hellgelber Seidenkrawatte und zwei aufs Peinlichste genau gebügelten Falten an der beigen Stoffhose. Das einzige Zugeständnis, dass er an die Hitze des heutigen Sommertages gemacht hatte, war, dass er „nur“ ein Halbarmhemd angezogen und sein dunkelblaues Sakko im Auto gelassen hatte, was seinem Auftreten vor den beiden Frauen eine eher legere Anmutung gab.
Chris ging schnellen Schrittes auf die kleine Frau zu, verbeugte sich aber nicht, sondern – Was war das? – begrüßte sie mit Küsschen, Küsschen, bevor er sich der größeren und dem äußeren Anschein nach auch etwas älteren Frau zuwandte und ihr zur Begrüßung einfach die Hand gab. Diese nahm währenddessen ihre Sonnenbrille herunter, um dem Jungmakler ihr volles Gesicht zu zeigen.
Die Sache wurde für mich immer mysteriöser: Wäre die zweite Frau die Freundin des Hauses gewesen, dann wäre es wohl das Mindeste gewesen, dass Chris ihr einen formellen Handkuss gegeben hätte. Aber so? Einfach nur die Hand schütteln? Wer macht so etwas bei der Freundin jener Frau, die man soeben mit Küsschen, Küsschen begrüßt hat?
Dieser offensichtliche Fauxpas schien unseren Christopher aber wenig zu bekümmern. Er drehte sich, ohne viel Zeit mit der zweiten Frau zu verschwenden, wieder nach der ersten um, hakte sie unter und ging mit ihr an den beiden Möbelwagen vorbei ins Haus. Wahrscheinlich um ihr die Räumlichkeiten zu zeigen.
Aha, dachte ich, die kleinere der beiden ist also die neue Hausbesitzerin, sonst hätte mein „guter Freund“ nicht so um sie herumgeschwänzelt. Aber wer war die andere? Die mysteriöse Große? Ich spürte eine gewisse Neugier in mir aufkeimen.
Das unbekannte Objekt meines Interesses schien auf die beiden Anderen nicht sonderlich angewiesen zu sein, denn sie schaute ihnen nicht lange hinterher. Stattdessen öffnete sie mit einem eleganten Schwung den Kofferraum des roten Sportwagens und holte zwei große Taschen und etwas heraus, das aus der Ferne wie ein mittelgroßes Schmink- oder Schmuckköfferchen aussah. Danach schloss sie den Kofferraumdeckel wieder und ging ebenfalls ins Haus. „Jetzt passiert hier nicht mehr viel!“, sagte ich daraufhin zu mir selbst und verließ meinen Beobachtungsposten, um mir im Basement an meiner Hausbar ein gutes Glas Wein zu gönnen.
„Sherlock Holmes wäre nun ein sehr willkommener Helfer“, dachte ich so bei mir, als ich beide Beine auf den Couchtisch legte und meinen Rücken tief in die weichen Lederpolster meiner frisch erworbenen Wohnzimmergarnitur versenkte. Am rechten Zimmerfenster summte ein dicker Brummer verzweifelt gegen die gläserne, für Licht, aber nicht für Fliegen durchlässige Fensterscheibe an.
„Was wissen wir?“, fragte ich mich selbst. Zwei Frauen, eine davon die Hausbesitzerin. Und die andere? Zwei Freundinnen, ein Liebespaar vielleicht? Nein, auf keinen Fall. In so einem bedeutsamen Moment, wo man das erste Mal vor einem so erhabenen Haus steht, das höchstwahrscheinlich für lange Zeit die gemeinsame Heimstätte sein wird: Zwei Liebende hätten sich in so einem Moment mit Sicherheit umarmt und vor Freude geküsst, so viel war gewiss. Zumal die beiden Frauen genügend Zeit gehabt hatten, intime Zärtlichkeiten auszutauschen, während sie auf Chris’ Erscheinen warteten.
Aber zwei alleinstehende Frauen in so einem großen Haus ohne jede besondere Beziehung zueinander, wie wahrscheinlich war das denn? Schwestern vielleicht, oder Kusinen? Die unterschiedlichen Physiognomien beider Frauen schlossen eine derartig nahe Verwandtschaft eigentlich aus.
Ein lichter Moment, ein Geistesblitz kündigt sich nicht an, er ist einfach da. Eine Bedienstete, das war’s! Die Köchin vielleicht, oder besser noch: die Hausdame! Ja, das war wohl das Wahrscheinlichste. Ein so großes Haus, eine so zierliche Frau – ohne Hilfe schafft man die Arbeit, die so ein herrschaftliches Anwesen macht, nicht. Und auch wenn Hausdamen in einem kinderlosen Haushalt inzwischen im Allgemeinen so ziemlich aus der Mode gekommen sind, wer sich so einen großen Landsitz leisten kann, hat bestimmt auch das nötige Kleingeld für eine oder vielleicht sogar für mehrere angestellte Mitarbeiter.
Aber lag ich mit meiner handgemachten Theorie überhaupt richtig? Wieso eigentlich „kinderlos“? Wer sagte mir, dass Myladys Mann nicht noch im rindsledernen Chefsessel seines Abteilungsleiter-Büros saß und aus großen Glasfenstern auf die hell das Sonnenlicht reflektierenden Türme der Londoner City blickte – oder auf den strammen Busen seiner Sekretärin, die den heutigen Abend frei hat, weil er heute noch mit dem Auto und den Kindern „seiner Liebsten“ nach Horthorpe hinterher gereist kommt? Nur um frühmorgens für den Rest der Woche wieder in die hektische Metropole zu seiner Sekretärin abzutauchen?
Meine Spannung auf das, was noch kommen sollte, stieg langsam ins Unermessliche. Ich beschloss, den ganzen Tag bis in die späte Nacht die Fenster an der Vorderfront meines Hauses offen stehen zu lassen, um mir ja nichts entgehen zu lassen, was sich auf der Straße und dem gegenüber liegenden Grundstück an Interessantem ereignen sollte. Ich beschloss nach kurzer Überlegung sogar, heute auf meinen allabendlichen Gang in den Pub zu verzichten.
„John, du schlimmer Finger, es tatsächlich geschehen Zeichen und Wunder!“, sagte ich zu mir selbst und schämte mich ein bisschen ob meiner ungezügelten Neugier auf Dinge, die mich eigentlich gar nichts angingen.
[Sizzy] Leider passierte an diesem Tag nichts weiter mehr, als dass die beiden Möbelwagen am späten Nachmittag, ihrer Ladung beraubt, leer die Auffahrt herunter kamen und in Londoner Richtung in die Straße einbogen, die mein Haus vom gegenüber liegenden Herrenhaus trennt. Gleich darauf klingelte das Telefon. Für einen kurzen, hoffnungsvollen Moment hatte ich die wahnwitzige Idee, dass das meine neuen Nachbarinnen sein könnten, die mich um Rat fragen und für den anderen Tag zum Tee einladen wollten. Doch leider war es nur Sizzi, die Cheflektorin meines Londoner Buchverlags, die mit mir einen Termin ausmachen wollte, an dem ich sie in ihrem Büro besuchen sollte.
„Bietest du mir Polizeischutz an, liebste Sizzi?“
„Machst du Witze, John?“
„Nein, ganz und gar nicht! Du weißt, seit ich hier aufs Land gezogen bin, hasse ich die Stadt und würde dich um ein Vieles lieber hier bei mir sehen, als zu dir ins Verlagshaus zu kommen. Tu dir selbst mal was Gutes, gönn dir eine Pause von dem ganzen Großstadt-Stress und besuche mich hier in Horthorpe. Du kannst mir glauben, auch hier können wir uns ganz wunderbar über alles unterhalten, was immer du willst. Und dabei die Ruhe und die herrliche Landluft genießen.“
„O nein, John, bitte nicht: Sei ein Schatz und komm zu mir! Du weißt, wie unsicher ich bin, wenn ich aufs Land fahren muss. Du kannst mir den Weg vorher noch so genau beschreiben, ich verfahre mich garantiert!“
Doch ich blieb hart:
„Sizzi-Schatz, hast du schon mal etwas von dieser neumodischen Erfindung gehört, die ganz allgemein als ‚Navigationssystem’ bekannt ist? Sogar dein Smartphone kann das: Tipp ganz einfach meine Adresse bei Google ein, und der Router weist dir den Weg!“
Wir einigten uns schließlich auf ein Treffen bei mir für den kommenden Dienstag, nachmittags zur Tea-Time. Ich hatte also noch eine ganze Woche lang Zeit, mir Ausreden dafür auszudenken, warum es mit meinem aktuellen Buch im Augenblick nicht so recht vorangehen wollte.
Wobei – hatte ich nicht gerade den roten Faden für eine neue Geschichte gefunden? Zwei junge Frauen allein in einem riesigen alten Herrenhaus? Mit zahlreichen, in der Dunkelheit unheimliche Geräusche erzeugenden Türen, geheimnisvoll wehenden Vorhängen und leise knarzenden Dielen? Das außerdem noch ein dunkles Geheimnis in sich trug? Und in dem bestimmt schon von alters her ein mörderisches Schlossgespenst herumspukte?
Vor meinem geistigen Auge entstand schon der Titel meines neuen Thrillers:
MORD IM HERRENHAUS
Sofern dieser Titel nicht bereits vergeben war, würde ich einen Hit daraus machen: Gänsehaut und Gespenster gehen immer. Notfalls auch Vampire, vielleicht sogar ein paar schwuleVampire noch dazu und eine kleine Prise Aliens. Ich sah mein Werk schon wieder als die Nummer 1 auf der Bücher-Hitliste. Dumm nur, dass Vampire und Aliens überhaupt nicht mein Metier waren!
In Wahrheit lautete mein ganz persönliches und überaus harmloses Motto als Erfolgsautor schlicht und einfach:
„Blut kann (in Maßen), Happy-End muss sein!“
Alles andere würden meine Leserinnen mir, genauer gesagt, meiner „Yolanda Benkowsky“ nicht abkaufen. Und dann wäre ich bei meinen beiden Goldeseln, nämlich Sizzi und ihrem Buchverlag, unten durch. Und zwar sowas von! Wäre das nicht schade?
[Jennifer]
„Upps!“
Jennifer bremste so stark, dass es sie und die Frau, die links neben ihr saß, in die Sicherheitsgurte warf und ihr Auto, ein roter Triumph Spitfire, dem Aussehen nach ein sehr gepflegter Oldtimer, in einer Staubwolke verschwand.
„Vorsicht, Jen“, sagte ihre Beifahrerin, nachdem das Fahrzeug zum Stehen gekommen war und sie sich von ihrem Schreck ein wenig erholt hatte: „Fast wärst du auf den LKW aufgefahren!“
Das ist richtig, ich hätte vorsichtiger bremsen müssen, dachte Jennifer. Ich habe nicht bedacht, dass die Auffahrt zu unserem neuen Heim nicht geteert ist, sondern nur aus einem plattgewalzten Schotterweg besteht! Laut sagte sie:
„Entschuldigung, Paul, das nächste Mal bin ich vorsichtiger!“
„Hoffentlich!“, brummte die Frau verärgert.
Diese in einen dunkelblauen Sommermantel gekleidete Frau, die neben Jennifer saß – war in Wahrheit Paul Donaghue, ihr Ex-Mann. Jennifers geschiedener Mann, der sie, eine Ewigkeit war das schon her, mit roten Rosen in der Hand auf Knien um ihr Jawort gebeten hatte. Zu der Zeit war Paul noch ein stattlicher junger Mann Anfang Dreißig, nur fünf Jahre älter als sie, und scheinbar eine gute Partie.
Hätte sie damals Ja gesagt, wenn sie gewusst hätte, wie das alles enden sollte? Jennifer schüttelte den Kopf. Sie wusste es nicht. Sie war sich ihrer Gefühle für diese „Frau“, die neben ihr auf dem Beifahrersitz saß, nicht wirklich sicher.
[Paul]
„Endlich!“
Jennifer hörte Paul alias „Claire“ Donaghue einen Seufzer der Erleichterung von sich geben, als sich die Staubwolke langsam lichtete und hinter den beiden großen Möbelwagen, die vor ihnen standen, die eindrucksvolle Fassade des alten Herrenhauses erschien, im Ort nur als „Haus Horthorpe“ bekannt und nun Jennifers alleiniges Eigentum.
Hier waren sie beide am Ziel. Hier würde alles anders werden, glaubte und hoffte vor allen Dingen Paul. Ab sofort würde alle Heimlichkeit überflüssig sein: Vor den Freunden, aber auch – und vor allen Dingen – vor den Bediensteten, falls sie in diesem Haus überhaupt welche benötigen würden. Hier könnten Jennifer und er ungestört ihrer Liebe frönen und zusammen glücklich werden. Sein Leidensweg würde ein Ende haben. Endlich!
