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Tom Andersum führt ein ganz normales Leben, bis seine erste Ehe scheitert und er sich in einen Kollegen verliebt. Aber richtig turbulent wird es erst, als Tom sich in Jamie umbenennt und einen radikalen Neustart als Frau versucht: Lukas Schrader, ein junger Student, der von einer Karriere als Erfolgsautor träumt, protokolliert Jamies wendungsreichen Werdegang, beginnend mit ihren ersten Verlegenheitsjobs als Taxifahrerin, Bardame und Showgirl im Frankfurter Rotlicht-Milieu. Dann der steile Aufstieg zur persönlichen Assistentin eines führenden Wirtschaftsbosses bis hin zum finalen Höhepunkt als glücklich verheiratete Geschäftsfrau. Zum guten Schluss macht auch Lukas selbst die berauschende Erfahrung, dass sich nicht jeder Mensch von vornherein auf ein bestimmtes Geschlecht festlegen lässt.
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Seitenzahl: 576
Veröffentlichungsjahr: 2022
Anka Wils
Transfrau Jamie Andersum
Ich lebe mein Leben im Körper einer Frau
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Inhaltsverzeichnis
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Nachwort
Impressum neobooks
„Wenn wir montags den weiblichen Körper in Jeans und Holzfällerhemd präsentierten [...] Wenn wir dienstags im kurzen Rock breitbeinig an der Bar säßen, den Männern in den Schritt griffen, während wir eine Freundin küssten? Und wenn wir mittwochs vor versammelter Mannschaft betonten, wir seien der Sohn unseres Vaters? Das, ja das entspräche ganz den Möglichkeiten weiblicher Fantasie [...]“
Marita Fangerau: INTIMZONE (Das Frauenkörper-Nutzungs-Handbuch, Lübbe Paperback)
Im Club Rosa – nach der ersten OP
[Jamie A.] Lola musste wieder hinter ihre Bar, und ich saß noch ein Weilchen gedankenverloren mit meinem leeren Cocktailglas allein am Tisch. Ich fragte mich, wie ich das eigentlich fand, dass hier Männer mit Männern tanzten. Und kam zu keinem Ergebnis. Ich hatte mir selbst ja auch schon vorgestellt, mit Bernd zu tanzen. Aber als Frau in großer Garderobe, nicht als Mann in Sakko und Hose. Das wäre mir damals zumindest irgendwie komisch vorgekommen.
Lola kam nicht zurück, und ich stellte fest, dass sie hinter dem Tresen alle Hände voll zu tun hatte. Bis auf ein oder zwei waren nun alle Barhocker mit Neuankömmlingen, meist Singles, besetzt. Mit einem Mal kam ich mir – so allein am Tisch als Frau unter lauter Männern – fehl am Platze vor. Ich beschloss, mich langsam auf den Heimweg zu machen.
Ich winkte Lola einen kurzen Abschiedsgruß zu, Lola winkte zurück und rief:
„Kommst du wieder?“
Ich nickte ihr zu und ging zur Garderobe. Dort nahm ich meinen Mantel, zog ihn über und traf vor der Tür auf Bob. Der achtete erst auf mich, als er merkte, dass ich neben ihm stehen geblieben war und ihn interessiert anschaute. Er überlegte kurz, was er sagen sollte, und entschied sich dann für etwas versöhnlichere Töne:
„Schon nachhause?“, fragte er.
„Ja!“, antwortete ich: „Aber vorher habe ich noch eine persönliche Frage.“
„Eine persönliche Frage? Ich weiß nicht, ob ich die beantworten kann.“
„Ich denke schon.“ Ich lächelte ihn freundlich an: „Ich würde zu gern von dir wissen, warum dich alle Leute hier nur ‚Bob, der Bär’ nennen. Ist das, weil du immer so brummig bist, so wie vorhin zu mir?“
„Nein, ich heiße ‚Bär’.“
„Wie, du heißt wirklich ‚Bob, der Bär’?“
„Nein, natürlich nicht! Ich meinte damit, dass ich ‚Bär’ mit Nachnamen heiße.“
„Ach so. Und mit Vornamen?“
„Robert.“
„‚Robert Bär’ also.“
„Ja.“
„Dann nervt es dich wahrscheinlich total, dass dich alle hier nur ‚Bob, der Bär’ nennen?“
„Ja. Na ja … vielleicht!“
Ich merkte, dass mein Robert immer einsilbiger wurde, und dachte: „Nur nicht den Bogen überspannen – ich geh’ jetzt besser nachhause. Bevor mir dieser Bär nochmal an die Eier geht.“
Doch als ich: „Ciao, dann also bis irgendwann mal wieder!“, sagte und Anstalten machte, die drei Treppenstufen hinabzusteigen, die vom Klub zum Gehweg führten, hatte Bob doch noch eine Frage an mich:
„Entschuldigung, wie heißt du eigentlich?“
„Jamie. Jamie Andersum. Das weißt du doch.“
„Nein, ich wollte fragen, wie du mit richtigem Namen heißt? Mit Geburtsnamen sozusagen.“
„Ach so.“
Ich merkte, wie ich plötzlich rot wurde. Vor diesem Bob. Was war los? War ich mit ihm etwa schon voll auf ein- und derselben Wellenlänge angekommen? Bevor die Sache noch peinlicher wurde, beeilte ich mich, schnell zu erwidern:
„Ich heiße Tom. Tom Andersum, das ist der Name in meinem Pass.“
„Okay Tom. Und willst du wirklich eine Frau werden? So wie Lola?“
„Na ja, vielleicht nicht gleich so wie Lola. Aber eine Frau will ich werden. Das ist richtig!“
Robert schien genau diese Antwort erwartet zu haben und gab sich für den Moment damit zufrieden:
„Okay Tom, wenn du mal wiederkommst, ich meine, falls du mal wieder in den Klub kommen solltest, dann würde ich mich gern mal mit dir unterhalten, wie das so ist. Als Mann, als Frau, du weißt schon, wie ich das meine.“
„Nanu!“ Ich war ehrlich verblüfft: „Wenn du das unbedingt wissen willst, warum hast du das nicht gleich mit Lola besprochen? Die ist doch sicher schon länger hier im Klub.“
„Ach weißt du ...“
Robert blickte für einen kurzen Moment verlegen nach unten auf seine Schuhe:
„Lola ist mit allem schon lange durch. Sie war schon mit allem fertig, als sie zu uns kam. Damals habe ich mich nicht getraut, sie darauf anzusprechen. Und ich weiß auch nicht, ob ihr das recht gewesen wäre. Aber vielleicht hast du ja kein Problem damit, mir ein bisschen was von dir zu erzählen ...“
Einen Moment lang war ich sprachlos: Da stand dieser Mann vor mir, nach dem sich vom Aussehen her alle Frauen meines Alters die Finger abgeleckt hätten, und wollte mit mir über das aller-privateste Thema „Geschlechtsumwandlung“ sprechen. Ich wusste wirklich nicht, ob ich das gut finden sollte. Also fiel meine Antwort eher vage aus:
„Okay, mal sehen, ob ich Lust habe, nochmal wiederzukommen. Ciao, Robert!“
Doch dann hatte ich eine plötzliche Eingebung: Ich kramte in meiner Handtasche, noch halb Robert zugewandt, und zog eine von den rot-weiß gemusterten Visitenkarten heraus, die ich mir vor kurzem auf den Namen „Jamie Andersum“ hatte drucken lassen. Ich drückte sie Robert in die Hand und sagte:
„Dieser Klub ist vielleicht nicht der allerbeste Platz, um über so intime Dinge zu reden. Vielleicht ist dir das auch unangenehm, wenn uns all deine Kollegen dabei zuschauen. Weißt du was, lad’ mich doch einfach mal zum Essen ein – muss ja nichts Großes sein –, dann kann ich dir von mir berichten.“
Er zögerte erst und fing an, nach einer Ausrede zu suchen: „Ja weißt du, ich will dich ja nicht ...“, doch dann besann er sich eines Besseren und sagte:
„Okay, Jamie, ich ruf’ dich an. Ciao Jamie, bis bald!“
Er lächelte mich dabei sogar kurz noch an, doch dann erstarb sein flüchtiges Lächeln gleich wieder. Mein Robert trat zwei Schritte zurück zur Tür, richtete sich kerzengrade auf, verschränkte seine Hände hinter dem Rücken und wurde wieder zu Bob, dem Bären, „Empfangschef“ der weithin bekannten Frankfurter Schwulenbar „Club Rosa“.
[Lukas S.] Wollte ich diesen Roman wirklich schreiben? Hätten Sie mich das schon vor einem Jahr gefragt, hätte ich wohl mit „Nein“ geantwortet. Denn bevor ich vom ereignisreichen Leben und Werden jener Transfrau Jamie Andersum erfuhr, von der dieses Buch handelt, war es mein Plan, keine Biografien oder Tatsachenromane, sondern rein fiktive Kriminalromane zu verfassen. Wenn es geht, möglichst verzwickt und blutrünstig – und nicht unbedingt mit einem Happy-End.
Bevor ich auf Frau Andersum traf, oder sagen wir besser mal: Bevor ich die Jamie kennenlernte, denn wir duzen uns ja nun, wollte ich eine zweite Agatha Christie werden. Die Grande Dame des Kriminalromans. Oder, falls mir das auf Anhieb nicht so recht gelingen sollte, dann doch wenigstens eine zweite Patricia Highsmith.
Natürlich nur rein bildlich gesprochen. Ich selbst bin nämlich ein hoffnungsvoller, durch zielgerichtetes Erweitern meines eigenen Bildungshorizontes die gesellschaftliche Rangordnung gerade mit Riesenschritten emporstrebender Student namens Lukas Schrader, fühle mich in meiner jugendlich-männlichen Haut sehr wohl und habe deshalb auch – zumindest für den Moment – nicht die geringste Absicht, darüber nachzudenken, was es für mich als Mann wohl bedeuten würde, auf die feminine Seite hinüber zu wechseln. Obwohl genau das den öffentlichen Medien zufolge in gewissen Kreisen momentan große Mode zu sein scheint.
Aber ich selbst, der geliebte Sohn meiner Mutter? Und natürlich auch der meines Vaters? Mit einem Mal zu einer Tochter, zu einem weiblichen Wesen mutiert? Nein, auf keinen Fall! Wieso ich mir dann doch die beiden zuvor genannten Meisterinnen der Spannung und des Thrills zum Vorbild gemacht habe? Muss das unbedingt ein Widerspruch sein? Meine Meinung dazu: Qualität hat keinen Sex!
Egal ob Männlein oder Weiblein, wie viele andere träume auch ich von der einen genialen Romanidee, die mich über Nacht reich, berühmt und zum viel gepriesenen Shooting-Star der internationalen Literaturszene macht. J. K. Rowling wäre da für viele bestimmt ein noch besseres, weil aktuelleres Beispiel. Aber ich stehe nun mal nicht so sehr auf Fantasy und moderne Kindermärchen. Sondern vielmehr auf knisternde Spannung, explosive Aktion sowie knifflige und gern auch ein wenig mysteriöse, sich dabei aber stets im stinknormalen irdischen Handlungsrahmen bewegende Geschichten.
Die Grundzüge meiner ersten selbst erdachten Kriminal-Story schwirrten mir daher schon länger im Kopf umher: Brexit hin, Brexit her, meinen Vorstellungen nach würde der Ort der Handlung irgendwo am beschaulichen Oberlauf des Themse-Flusses liegen. Mitten im Herzen der englischen Provinz. Sogar einen ausgesprochen schmissigen Buchtitel hatte ich mir schon zurechtgelegt: „Mörderische Zeiten auf Haus Horthorpe“, so und nicht anders sollte mein erster großer Bucherfolg heißen.
In meinem jugendlichen Elan fantasierte ich von dramatisch dräuenden, vom Alter und Kaminrauch geschwärzten Backsteinmauern, von furchterregend knarzenden Holzdielen, quietschenden Zimmertüren, endlos langen Fluren und Fluchten mit geheimnisumwitterten, im dunklen Abseits gelegenen Zimmern und verborgenen Kammern. Mit anderen Worten: Den Titel hatte ich wohl, aber darüber hinaus eigentlich so gut wie gar nichts weiter vorzuweisen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn außer dieser einen, noch nicht einmal ansatzweise Realität gewordenen Romanidee waren von mir bis dato nur ein paar kleinere Büchlein mit Erzählungen veröffentlicht worden. Die – da nur als eBook und im unbeworbenen Selbstverlag erschienen – in Wahrheit so gut wie kein Schwein gelesen hatte.
Doch dann, Anfang des vergangenen Sommers, geschah wie durch eine glückliche Fügung das zuvor vollkommen Unerwartete: Während ich nach einem arbeitsreichen Vormittag an der Uni im Fitnessstudio rudernder Weise meinem alltäglichen Workout nachging, kam sie plötzlich auf mich zu, die ultimative Romanidee. In Form einer – verglichen mit mir – ein ganzes paar Jahre älteren, aber durchaus nicht unattraktiven Frau, nach meinem Geschmack aber mit einer einfarbig schwarzen, am Halsausschnitt leicht gerafften Halbarmbluse und einem gerade geschnittenen, die Knie leicht bedeckenden, schlicht-grauen Wollrock ein wenig zu retro gekleidet. Sie sparte sich jede lange Vorrede und fragte mich mit einer fast männlich tiefen, leicht heiser und rauchig klingenden Stimme:
„Entschuldigung, Lukas – ich darf dich doch Lukas nennen –, stimmt es, dass du Bücher schreibst?“
Überrascht blickte ich auf:
„Woher wissen Sie das?“
„Robert, mein Mann, hat’s mir verraten. Er meinte, du hättest mit ihm gesprochen und ganz nebenbei erwähnt, dass du schon mal ein paar eigene Bücher veröffentlicht hast ...“
„Ein paar eigene Bücher!“ Da ich, um der Frau in die Augen schauen zu können, meinen Kopf ziemlich weit nach hinten drehen musste und mein Nacken überdies schweißnass vom intensiven Rudern war, fürchtete ich, in kürzester Zeit einen steifen Hals zu bekommen. Darüber hinaus war es mir unangenehm, mich mit jemandem unterhalten zu müssen, der quasi von oben herab auf mich heruntersah. Zumal ich aus dieser tiefen Sitzposition heraus meiner neuen Gesprächspartnerin schon fast unter den Rock schauen konnte.
Wer sie war, das wusste ich vom Hörensagen: Sie war die Geschäftsführerin „meines“ Fitnessstudios, und mir allein schon deshalb häufiger ins Auge gefallen, weil sie aus dem ganzen Wirrwarr plastikbunter Sportbekleidung immer durch ihre ausgesprochen geschäftsmäßig-formelle Bekleidung hervorstach: In Rock und Bluse – so wie heute –, im gerade geschnittenen, fast immer einfarbigen Kleid, oft aber auch in einem grauen, weißen oder hellgelben Business-Kostüm, anders hatte ich sie noch nie hinter dem Empfangstresen stehen oder eilig zwischen schwitzenden und pustenden Männerkörpern herumlaufen sehen.
Doch dann waren da natürlich auch noch ihre vollen, über beide Schultern gehenden, rotbraunen Haare. Dummerweise stehe ich nun einmal auf alles, was rot ist! Insbesondere wenn auch die Augen so verführerisch funkeln wie das tiefste Himmelsblau an einem perfekt sonnigen Sommertag. Schon vom ersten Augenblick an war mir klar, dass ich diesen mich erwartungsfroh anlächelnden Augen so gut wie nichts würde abschlagen können!
Also beugte ich mich erneut nach vorn in meine normale Sitzposition, ließ die beiden Ruder fahren, griff nach meinem Handtuch und erhob mich etwas umständlich von dem flachen Trainingsgerät. Um mir genügend Platz zum Aufstehen zu verschaffen, trat die dunkelrot gelockte Frau Geschäftsführerin einen ganzen Schritt zurück und fuhr fort:
„Entschuldigung, Lukas: Ich wollte dich nicht bei deinem Training stören! Falls es dir jetzt nicht passt, komm doch nachher auf eine Tasse Kaffee zu mir ins Büro. Geh einfach dahinten durch die weiße Tür ...“ – sie zeigte auf die hintere Seitenwand des Sportstudios: „Und dann den Flur entlang bis ganz ans Ende. Mich findest du im letzten Zimmer auf der rechten Seite.“
„Gut, okay: Kann ich machen!“, sagte ich eher zu mir selbst als zu ihr, um dann deutlich lauter und mit mehr Nachdruck hinzuzufügen: „Ich muss vorher nur kurz duschen und mir etwas anderes anziehen. Danach komme ich bei Ihnen vorbei!“
„Als Stripperin hat sie gearbeitet, bevor sie das Studio übernommen hat!? Do you really wonna do that?“
Caren, „Fisher“ mit Nachnamen und „Mary“ mit zweitem Vornamen, meine neue, aus Amerika stammende Freundin, bremste meine Euphorie ein wenig.
„Warum nicht?“
„Who’ll read it in the end?“
Ich schaute sie nachdenklich an. Amerikaner haben oft ein Problem mit allzu freizügiger Sexualität, das wusste ich. Aber Caren? So hatte ich sie eigentlich nicht eingeschätzt. Außerdem war sie schon so lange als Studentin in Deutschland, dass ich hoffte, sie würde für immer hierbleiben. Mir zuliebe.
„Erst Mann, dann Frau, erst Rotlicht, dann Geschäftsfrau, klingt das für dich nicht nach einer spannenden Story?“
„Kann sein, aber what about your ‚Krimis’?“
Damit hatte meine liebe Caren, zurzeit die – mal wieder – heißeste Anwärterin auf die eine große Liebe meines Lebens, natürlich den Nagel auf den Kopf getroffen. Nur dass zwischen Können und Wollen ein großer Unterschied ist. Das sagte ich ihr natürlich nicht, sondern nur, dass „aufgeschoben“ ja bekanntermaßen nicht gleich „aufgehoben“ wäre. Doch Caren war nicht wirklich überzeugt:
„Du musst es ja wissen ... I say, how much money does she pay? Zahlt sie dir überhaupt irgendetwas dafür, for your time, for your work, deine absolutely fabulous Geschäftsführerin?“
Jetzt hatte sie mich erwischt. Tatsächlich hatten wir noch gar nicht über Geld gesprochen, die Fitness-Frau und ich! Erst die Interviews, dann das ganze Texten und schließlich auch noch das zeitraubende Veröffentlichen: Falls am Ende niemand das fertige Buch lesen wollte, würde ich total mit leeren Händen dastehen. Und könnte wie bisher auch weiterhin auf meinen großen Erfolgsroman warten. Am Ende vielleicht sogar bis ich schwarz werden würde. (Natürlich auch wieder nur bildlich gesprochen!)
Also nahm ich mir vor, mit meiner geheimnisvollen Auftraggeberin bei nächster Gelegenheit unbedingt mal über die Möglichkeit einer fairen Entlohnung der zu erwartenden Arbeit zu sprechen. Denn wie textete Woody Allen einmal so schön:
„Geld ist besser als Armut, wenn auch nur aus finanziellen Gründen!“
„Über einen befristeten Nachlass bei den Trainingsgebühren können wir natürlich sprechen“, meinte mein heute in ein schlicht dunkelbraunes Hemdkleid gewandetes Gegenüber, während sie – die Zigarette im dezent rot geschminkten Mund – einen tiefen Lungenzug nahm:
„Aber ich müsste natürlich zunächst einmal etwas Selbstgeschriebenes von dir in die Hand bekommen. Damit ich sehe, dass du der Richtige für diesen nicht ganz einfachen Job bist, der mir darüber hinaus auch noch wirklich viel bedeutet!“
Danach blies sie vollkommen unbekümmert blaue Rauchwolken in meine Richtung und lächelte mich überaus freundlich an, jeder Zoll die coole Geschäftsfrau. Glücklicherweise stand zwischen Frau Andersum und mir ein großer Schreibtisch, so dass mich ihr Zigarettenqualm nicht wirklich stören konnte. Ich überlegte kurz, verbesserte ein wenig meine legere Sitzhaltung und antwortete dann, ebenfalls um betonte Unbekümmertheit bemüht:
„Natürlich muss auch ich zunächst einmal schauen, ob sich die ganze Arbeit für mich überhaupt lohnen wird! Das Studium schafft mich schon ein wenig, dann ist da noch Caren, meine Freundin, und das tägliche Training hier ...“
„Was studierst du eigentlich?“
„Mathe und Physik. Für’s Lehramt.“
„Und wieso schreibst du dann überhaupt Bücher? Was hat das eigentlich mit deinem Studium zu tun?“
„Nicht wirklich viel, ehrlich gesagt eher nix: Es ist halt so eine Art Hobby von mir. ‘s macht halt Spaß, sich vorzustellen, wie andere dein Buch in die Hand nehmen, um das zu lesen, was dir selbst im stillen Kämmerlein so alles eingefallen ist. Fremde Leute, die dadurch aber doch auf irgendeine geheimnisvolle Art und Weise mit dir verbunden sind. Deine ganz persönlichen Geistesverwandten sozusagen ...“
„Warum hast du mir nicht einfach mal eines deiner eigenen Bücher mitgebracht? Dann hätte ich schon heute einen ersten Blick auf dein Geschriebenes werfen können!“
Sie rückte ein wenig mit ihrem Stuhl und schaute mich erwartungsfroh an. Bei mir brach plötzlich das pure Fieber aus und ich fühlte mich, als ob ich jeden Moment rot werden würde:
„Äh, also, das ist so ... Ich schreibe eBooks!“
„eBooks? Nur eBooks? Schade eigentlich ...“
Die Andersum drehte sich von mir weg, schaute zum Fenster und dachte nach. Ich schwieg. Plötzlich wandte sie sich wieder zu mir hin, beugte sich nach vorn, um ihre Zigarette mit Nachdruck im Aschenbecher auszudrücken, und sagte:
„Wobei – ich hätte da vielleicht eine Idee: Du schreibst das Buch, und ich sorge dafür, dass es gedruckt wird. Alle Honorareinnahmen aus der Erstauflage sind dabei voll bei dir, mein lieber Lukas. Ist das ein Deal, mit dem du dich vielleicht anfreunden könntest?
„Sie wollen, dass mein Buch gedruckt wird? Von einem richtigen Buchverlag?“
„Ich habe da so meine Kontakte ...“
Sie lachte und zwinkerte mir zu. Ich schaute meine neue Gönnerin einen Moment nachdenklich an. Ihr Gesicht war nicht im eigentlichen Sinne schön zu nennen, eher männlich länglich, als rundlich feminin. Vielleicht war es aber auch ihre Nase, die für eine Frau möglicherweise ein wenig zu dominant geraten war, die mich irritierte. Ihr dezentes Make-up jedoch, ihre schlanke, sportlich durchtrainierte Figur, ihr elegant-schlichtes Outfit sowie ihr selbstsicheres Auftreten, alles das machte jedoch zusammengenommen vieles wieder wett. Und ihre roten, leicht ins Bräunliche changierenden Haare natürlich auch!
Ja, wäre ich fünf oder doch vielleicht noch besser zehn Jahre älter und hätte nicht gerade das Herz meiner süßen Caren gewonnen – wer weiß? Nicht dass ich ihren in ihrem Studio als Kampfsport-Trainer arbeitenden Mann mit dem ebenso wohlklingenden, wie geheimnisvollen Spitznamen „Bob, der Bär“ nun direkt beneidete, aber ich konnte inzwischen doch verstehen, warum er seiner Jamie das Ja-Wort gegeben hatte.
Mit diesen Gedanken im Kopf überwand ich meine Zurückhaltung und sagte „Ja“, ohne wirklich im Detail zu wissen, auf was ich mich damit eingelassen hatte:
„Ist gut, Frau Andersum ... Äh, Entschuldigung: Wie war das doch gleich noch mit den Trainingsgebühren?“
An einem sommerlich warmen Dienstagnachmittag Ende Juni saßen wir das erste Mal zusammen, um gemeinsam an der Andersumschen Lebensgeschichte zu arbeiten: Sie hinter ihrem Schreibtisch, darauf mein Phone im Aufnahmemodus. Zur sportlichen weißen Bluse trug sie ein beiges Kostüm. Elegant gekleidet, wie eine Romanfigur – ganz nach dem Geschmack meiner hochgeschätzten Agatha Christie!
„Hast du noch irgendwelche Fragen an mich, bevor wir mit dem Interview anfangen?“, fragte mich die Hauptperson meiner neuen Geschichte.
Fragen hatte ich jede Menge. Ganz besonders beschäftige mich natürlich die Frage aller Fragen, was das denn wohl für ein Gefühl wäre, so als Mann komplett gefangen in einem Frauenkörper? Diese Frage schien mir dann aber doch etwas zu gewagt und zu intim zu sein, also sagte ich stattdessen:
„Eigentlich schon, aber ...“
„Aber?“
„Also gut: Sie tragen nie Hosen, nur Röcke. Warum?“
Statt einer schnellen Antwort bekam ich erst einmal ein fröhliches Lachen zu hören und gleich darauf das „Du“ angeboten:
„Hör zu, Lukas, hier im Studio duzen wir uns alle: Du musst mir nicht immer das Gefühl geben, steinalt zu sein. Bitte nur ‚Du’ und ‚Jamie’, wir wollen hier doch gut und vertrauensvoll zusammenarbeiten!“
„Okay, Jamie, du hast recht ... Wobei: ‚Jamie’, ist das eigentlich Ihr, Entschuldigung, dein richtiger Vorname?“
„Na ja, geboren wurde ich als Tom Andersum, aber heute heiße ich in der Tat Jamie Andersum. Ganz offiziell!“
Das war eigentlich recht merkwürdig. Denn inzwischen war die gute Jamie ja verheiratet. Also hakte ich nach:
„Also hat dein Mann deinen Namen angenommen? Heißt er nun Robert Andersum oder wie?“
Als Reaktion kam gleich ein Kopfschütteln:
„Robert? Meinen Nachnamen? Nein, nein: Er heißt auch heute noch Robert Bär – wie schon vor unserer Hochzeit ...“
Tatsächlich, ich erinnerte mich: Robert war nämlich schon seit längerem mein Krav-Maga-Trainer. Und hatte sich meiner Sportgruppe damals auch als „Robert Bär“ vorgestellt. Dumm nur, dass ich diesen ungewöhnlichen Nachnamen damals irrtümlicherweise für einen albernen Scherz gehalten hatte. Doch nun endlich fiel bei mir der Groschen:
„Ach so: Daher nennen ihn alle ‚Bob, den Bären’“, rief ich erstaunt aus: „Nicht weil er so bärenstark ist, sondern weil er wirklich ‚Bär’ heißt!“
Frau Tom beziehungsweise Jamie Andersum lachte dermaßen laut auf, dass ich zuerst erschrak und dann ganz langsam wieder die Gesichtsröte den Hals hochkriechen fühlte – so überaus dumm fühlte ich mich mit einem Mal in meiner eigenen Haut:
„Genau! Mein lieber Lukas, du scheinst mir ja in Wahrheit ein reiner Schnellmerker zu sein!“
Ihr fiel vor Lachen eine ganze Menge Asche von der Zigarette direkt auf ihren Rock, so dass sie für einen Moment genug damit zu tun hatte, größeren Schaden zu verhindern, indem sie die Asche weg zu wischen und zu pusten versuchte. Das gab mir einen Moment Zeit, um über meinen Fauxpas nachzudenken und meine Fassung wiederzugewinnen.
Ihr Mann, der Robert war in unser aller Augen ein absolut cooler Typ, der darüber hinaus überhaupt nichts auf seine Jamie kommen ließ. Obwohl wiederum alle, die längere Zeit mit dem Fitnessstudio zu tun hatten, egal ob angestellt oder als Kunden, auch über die biologische Vorgeschichte seiner Frau vollkommen im Bilde waren. Doch ihr Bär, der im intimen Dunkel des häuslichen Schlafzimmers wohl auch schon mal „mein Bärchen“ gerufen wurde, schien sie dafür nur noch umso mehr zu lieben.
Zwischenzeitlich hatte auch meine Zigaretten rauchende Interview-Partnerin ihre geistige Mitte wiedergefunden:
„Also ja, Lukas: Wir heißen Jamie Andersum und Robert Bär. Und sind trotzdem voll verheiratet! Alles klar?“
Dem konnte ich nur zustimmen. Nachdem mein Irrtum aufgeklärt worden war. Daraufhin knüpfte sie an unser vorangegangenes Gespräch an:
„Aber das war ja gar nicht deine eigentliche Frage, Lukas! Was wolltest du denn in Wahrheit von mir wissen?“
Irgendwie fand ich meine ursprüngliche Frage nun gar nicht mehr so toll:
„Ist ‘ne vollkommen doofe Frage, ich weiß, liebe Jamie, aber warum immer nur Röcke, nie Hosen?“
Wieder musste Jamie, die wohl einmal Tom hieß, laut loslachen. Als sie sich ein wenig beruhigt hatte, antwortete sie:
„Ich trage schon Hosen! Zuhause, in der Freizeit. So richtig schlabbrig-bequeme ... Ich frage mal zurück: Hast du denn schon mal einen Rock anprobiert? Oder ein Kleid?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Oder vielleicht einmal sexy Nachtwäsche getragen?“
„O nee, warum denn bloß?“
Je länger die Diskussion andauerte, desto unangenehmer wurde mir meine eigene Frage: Ein „echter Kerl“ machte so etwas nicht – sich „Weiber-Fummel“ anzuziehen und sich daran dann womöglich auch noch aufzugeilen! Und falls doch, so würde er das jedenfalls niemals öffentlich zugeben ...
„Solltest du aber unbedingt mal ausprobieren, Lukas! Das erste Mal ist so ein weiter Rock ein unglaublich befreiendes Gefühl für deine Beine: Sie reiben aneinander, so dass du beim Gehen das erste Mal die eigene, nackte Haut an den Innenseiten deiner Schenkel spürst. Und du spürst außerdem, wie der Rocksaum sanft deine Knie umspielt. Ich sage dir, das ist ein Gefühl, dass dich süchtig machen kann – auch als Mann, vielleicht sogar gerade als Mann!“
Ungläubig fragte ich zurück:
„Du bist, äh, ich meine: Bist du wirklich süchtig danach, einen Rock zu tragen?“
„Ich sag’s mal so: Auf der Arbeit möchte ich nicht in eine enge Hose eingezwängt sein. Das war ich in meinem früheren Leben als Mann viel zu oft. Außerdem habe ich schon als Junge davon geträumt, Röcke und Kleider zu tragen!“
„Als Junge hast du schon davon geträumt, ein Mädchen zu sein? Schon damals kein ‚Tom’, sondern lieber eine ‚Jamie’?“
„Ja und nein: Ein Mädchen wollte ich deshalb nicht gleich sein, aber ich hatte Träume! Nachts im Bett. Träume, die mich beunruhigten. Träume, von denen ich wach wurde.“
„Was waren das für Träume?“
„Träume, die mir als ‚echter‘ Junge – und das war ich damals – in gewisser Weise Angst machten. Weil ich glaubte, mit mir wäre deswegen irgendetwas nicht in Ordnung.“
„Nicht in Ordnung?“
Gedankenverloren nahm Frau Andersum, nahm sich Jamie eine neue Zigarette aus der Packung und zündete sie an. Dann fuhr sie fort:
„Ich denke, es wird wohl das Beste sein, ich erzähle dir nun endlich mal ein bisschen was von früher. Wie alles anfing, meine ich. Und wunder’ dich bitte nicht, wenn ich dabei von mir selbst erst einmal nur in der dritten Person spreche! Aber mein Leben und meine Gefühle als Mann sind mir heute so fremd geworden, dass ich manchmal denke, das bin gar nicht mehr ich selbst. Ganz so, als ob alles das, was nun kommt, nicht mir, sondern einer ganz anderen, mir heute vollkommen fremden Person passiert wäre.“
Gott sei Dank, nun ging es endlich los! Zur Sicherheit schaute ich noch einmal auf mein Smartphone, startete den Aufnahmemodus und sagte: „Kann losgehen!“
„Also gut“, antwortete sie: „Hier folgt nun erst einmal die Geschichte von dem jungen Schüler Tom Andersum, der sich zu seiner eigenen Überraschung in einen feuchten Traum wiederfindet!“
[Jamie A.] In der ersten Klasse seines Frankfurter Wirtschaftsgymnasiums gab es ein blond gelocktes Mädchen, das mein Tom besonders gern mochte. Er traute sich aber nicht, sie anzusprechen, und sie wiederum schien ihn gar nicht zu bemerken. Eines Nachts hatte Tom dann diesen Traum, der seinem ganzen weiteren Leben eine neue Richtung geben sollte:
Es war ein traumhaft schöner Sommertag, und eine große, goldene Morgensonne schien durch die Fenster direkt in das Klassenzimmer. Sie hatten gerade Englischunterricht bei Fräulein Wuttke, ihrer im Dienst ergrauten Klassenlehrerin. „Die Wuttke“ trug eine weiße Bluse und einen grob gemusterten wollenen Rock. Ihr Haar war streng nach hinten gekämmt und zu einem kleinen Dutt geformt. Auf ihrer Nase saß eine gelbbraun gerahmte, mit zwei kleinen Glitzersteinchen verzierte, ziemlich antiquiert aussehende Hornbrille.
Tom saß auf der im Schatten liegenden, dunkleren Seite der Klasse in einer der hinteren Reihen neben Ulf, seinem besten Freund an dieser Schule, und beobachtete, wie die Lehrerin mit einem Mädchen sprach, das von ihm aus gesehen unmittelbar vor einem der hell erleuchteten Hoffenster saß.
Plötzlich und unvermittelt fand in Toms Traum ein Körpertausch statt: Eben noch hatte er interessiert nach dem Mädchen geschaut, das wie die Lehrerin artig eine hochgeschlossene weiße Bluse trug. Dazu aber – der Kontrast zum strengen Fräulein Wuttke hätte nicht größer sein können – einen weiten, mit großen, ins Auge fallenden gelben Blumen bedruckten, leuchtend roten Sommerrock. Mitten zwischen den anderen Mädchen saß sie, der Sonnenschein ließ ihre blonden Locken und die gelben Blumen auf ihrem Rock hell erstrahlen. Voller Aufmerksamkeit schaute sie die Lehrerin an, so als wolle sie kein Wort ihrer Rede verpassen. Und dann – von einem zum anderen Augenblick – war es Tom, mit dem das strenge Fräulein Wuttke sprach. Mit einem Mal saß Tom selbst mitten zwischen den anderen Schülerinnen und wurde von der Morgensonne angestrahlt: Genau auf ein- und demselben Stuhl saß er nun, auf dem eben noch das von ihm angebetete, schöne Mädchen gesessen hatte!
Und wie durch ein Wunder trug Tom mit einem Mal die hochgeschlossene weiße Bluse des Mädchens und den weiten, mit großen, ins Auge stechenden gelben Blumen bedruckten roten Sommerrock.
Das Bild verschwamm, ein merkwürdig flaues Gefühl wanderte von Toms Bauch in seinen Brustkorb und ließ ihn schwerer und tiefer ein- und ausatmen als normal. Im Wachwerden wurde ihm klar: Er selbst, Tom Andersum, hatte sich in seiner Vorstellung in genau dieses Mädchen verwandelt, mit dem die strenge Klassenlehrerin gerade sprach. Und das intensive, schmerzhaft schöne Gefühl, das er sich nicht wirklich erklären konnte, war in dem Moment über ihn gekommen, als er sich vorgestellt hatte, wie ihn die anderen Jungs ansahen. Ihn, ihren Mitschüler Tom Andersum, angezogen wie ein kleines Schulmädchen mit einer weißen Bluse und einem weit ausgestellten, roten Sommerrock.
Dieser Traum war eigentlich sehr schön gewesen, mit der hellen, warmen Sonne, die ihn beschien, mit dem strengen, ihn von vorne bis hinten durchdringenden Blick der Lehrerin und dem schönen roten Rock, dessen weich fließender Baumwollstoff seinen nackten Beinen schmeichelte. Doch das Erwachen in der pechschwarzen Dunkelheit seines Kinderzimmers war eine weniger schöne Erfahrung: Ungewohnt nass, kalt und klebrig war es zwischen seinen Beinen. Der ganze Schritt seiner Schlafanzughose war mit einem Mal beschmutzt. Überdies stank es unter der Bettdecke und an seinen Fingern, mit denen er seine Hose abgetastet hatte, ziemlich penetrant nach altem, kaltem Fisch.
Es dauerte einige Zeit, bis die ganze schleimige Feuchtigkeit im Schritt seiner Hose und an seinen Genitalien soweit abgetrocknet war, dass Tom wieder tief und fest schlafen konnte. Doch bis Tom endlich begriff, was da in dieser Nacht wirklich mit ihm geschehen war, sollte es noch viel, viel länger dauern:
Selbst als „feuchte Träume“ über die folgenden Jahre hinweg fast so etwas wie eine lästige, den Schlaf störende, am Ende aber nicht mehr als ganz so unangenehm und beunruhigend empfundene Gewohnheit geworden waren, verstand Tom immer noch nicht, was ihn daran so geil gemacht hatte, sich vorzustellen, ein kleines Mädchen mit lockigem Haar, weißer Bluse und einem großen weiten Sommerrock zu sein, dass er durch diese Vorstellung allein zu seinem ersten Samenerguss gekommen war.
Erst als Tom vom Kind zum Jugendlichen herangewachsen war, erst als er in die Pubertät kam, begriff er:
Ich bin nicht normal!
Andere Jungs schwärmten für Boris Becker und den taffen Kaiser Franz, wollten sportlich sein und schnelle Autos fahren. Tom liebte Fußball, das wilde, improvisierte Bolzen auf einem asphaltierten Hinterhofplatz oder auf der holprigen Wiese hinterm Stadtpark, aber ein Sportler wollte er deswegen noch lange nicht werden. Seine Idole holte er sich weder aus der Sportschau im Fernsehen, noch aus den Clips des Musiksenders MTV oder aus den reichlich bebilderten Berichten der Tageszeitung. Für einen Jungen seines Alters ziemlich ungewöhnlich, war das große Vorbild in allem, was er tat und werden wollte, seine ihn allein erziehende Mutter Carola Andersum, eine geborene Sager, die mit ihren langen blonden Haaren und großen hellgrünen Augen von Natur aus eine selbst aus einer großen Menschenmenge hervorstechende Schönheit war.
Bevor sie heiratete und dadurch Hausfrau und Mutter wurde, hatte die junge Carola, wie später ja auch Tom, ein Gymnasium absolviert. Vor dem Einschlafen konnte sie ihm deshalb spannende Geschichten erzählen, die sie entweder in der Schule erlebt, gehört oder später – nach der Schulzeit – in verschiedenen bunten Illustrierten gelesen hatte. Sie war zwar niemals wirklich durch die große weite Welt gereist, außerhalb Deutschlands war sie nur einmal für zwei kurze Wochen auf Mallorca gewesen, aber sie hatte eine überbordende Fantasie und konnte die angelesenen Geschichten so mit Leben füllen, dass sie für Tom, als er noch ganz klein war, zu wahren Abenteuer-Geschichten wurden.
Er bewunderte und liebte seine Mutter rückhaltlos. Zu ihrem Unglück und Toms Freude war sie in teure, elegante Kleider vernarrt, die sie sich von dem Wenigen, das ihr ihr Ex-Mann Harald Andersum, Toms Vater, als Unterhalt zahlte, niemals würde leisten können. Vor ihrer Heirat hatte sie Modedesign studieren und eigene Kleider entwerfen wollen. Gern zeigte sie Tom ihre während der Schulzeit gezeichneten Kostüme und Ballkleider, die sie gertenschlanken, mit wenigen Strichen perfekt skizzierten Fotomodellen auf den Leib geschneidert hatte.
Besonders die bodenlangen, oben eng anliegenden und unten weit ausgestellten Ballkleider hatten es Tom angetan. Er konnte sich gar nicht daran sattsehen. Danach gefielen ihm auch noch die eleganten, von seiner Mutter entworfenen Kostüme mit engen, kurzen Röcken, stark taillierten Jacken und breiten Schultern. Wie langweilig und manchmal sogar abstoßend hässlich war dagegen das, was man als Kind und Jugendlicher in den neunziger Jahren tragen musste, wenn man nicht von den Klassenkameraden verlacht werden wollte, nämlich die obligatorische Baseball-Kappe, dazu ein schwarzes, vorn mit sinnlosen Motiven bedrucktes T-Shirt und verwaschene, unförmige Jeans, deren Hosenboden oft bis in die Kniekehlen hing.
Auch das, was man als erwachsener Mann zu tragen hatte, im Beruf meist Anzug und Krawatte, schien Tom im Vergleich zur wesentlich bunteren Frauenmode einfach fantasielos und uninteressant zu sein. Die wilden Neunziger, das Jahrzehnt der Supermodels – Männer wurden da vielfach zu Statisten degradiert. Tom freute sich nicht wirklich darauf, erwachsen zu werden.
Stattdessen ertappte er sich immer öfter bei dem Gedanken, wie schön es doch sein müsste, in einer dieser von seiner Mutter erträumten Roben einen langsamen Walzer zu tanzen. Allein vor großem Publikum oder zu zweit in den Armen eines großen, starken und elegant gekleideten Mannes.
Doch diese Gedanken waren für Tom nicht unbedingt angenehm: „Schwule Sau“ war DAS Schimpfwort überhaupt unter seinen Klassenkameraden. Darunter gab es nichts. In den Augen seiner Mitschüler war nicht einmal eine Frau, die ihr Geld mit käuflicher Liebe verdiente, schlimmer. Schlimmer als Männer, die auf Männer standen, Männer liebten oder mit Männern zusammenlebten. So etwas machte ein „richtiger Mann“ einfach nicht. Abschaum waren die Schwulen, eben einfach der letzte Dreck in den Augen und Erzählungen seiner Mitschüler.
Tom wurde älter, das neue Millennium kam und mit ihm die Pubertät. Tom lernte schnell, dass es für ihn schicklicher war, sich in Mädchen zu verlieben als in Jungs. Er fand sogar Mädchen, die mit ihm „gingen“ und ihn – auch noch viel später, als er schon Student war – nicht nur als Freund, sondern auch als Mann ganz toll fanden. Doch er hatte Schwierigkeiten, sie zu befriedigen – mit harmlosen Zärtlichkeiten wie Schmusen und Petting und erst recht mit hartem Sex.
Das Problem: Nicht nackte Frauen machten ihn an, sondern Frauen in schönen Kleidern. Beim Beischlaf musste er sich deshalb auf seine Fantasie verlassen, sich wilde Dinge vorstellen, wie zum Beispiel selbst die Frau zu sein oder zumindest doch wie eine angezogen zu sein, um zum Höhepunkt zu kommen. Der Nachteil: Was seine Partnerin dabei fühlte, nahm er nicht wahr. Ihre emotionalen Wellen kamen bei ihm nicht an. Der für ein wirklich befriedigendes Sexualerlebnis notwendige Gleichklang der Gefühle blieb aus. Und da es mit ihm im Bett nicht so recht klappen wollte, galt er bei seinen wechselnden Partnerinnen bald als kalter, egoistischer „Fisch“.
Tom war das egal. Seine die Geschlechterrollen verwechselnden Fantasien befriedigten ihn, und auch sonst lief es gut in seinem Leben: Nach der Schule hatte er sich auf Anraten seines Vaters, der jetzt mit einer anderen, jüngeren Frau zusammenlebte, für ein Betriebswirtschaftsstudium entschieden. Er war ein fleißiger Student und machte einen schnellen und guten Abschluss. Daher hatte er nach dem Studium keinerlei Schwierigkeiten, eine attraktive Arbeitsstelle in seiner Heimatstadt Frankfurt zu finden. Während seine ehemaligen Kommilitonen immer noch nach geeigneten Jobs suchten, hatte er bereits eine feste Anstellung als Controller in einem großen, europaweit aktiven Handelsunternehmen.
Das Einzige, was Tom wirklich bedrückte, war, dass es seiner Mutter, die gerade ihren fünfzigsten Geburtstag gefeiert hatte, gesundheitlich immer schlechter ging. Er zögerte deshalb, aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen, obwohl er inzwischen schon sein eigenes Geld verdiente.
In der Buchhaltung arbeitete eine Frau, die ihm schöne Augen machte. Tom traf sich mit ihr auch nach der Arbeit, und die beiden freundeten sich an. Miriam Großkötter, so hieß seine neue Freundin, hatte mehr im Sinn, als auf Dauer hinter einem mit Arbeit überladenen Schreibtisch in einem lauten und hektischen Großraumbüro zu versauern. Daher war sie froh, ihren Kolleginnen mit Tom den interessantesten und begehrtesten Neuzugang unter den männlichen Kollegen vor der Nase weggeschnappt zu haben.
Und Miriam wollte nicht nur einen Mann, um finanziell unabhängiger zu sein, um sich schöner kleiden oder Reisen in fernere Länder machen zu können, nein, sie wollte ganz raus aus dem Büro, nach Möglichkeit gar nicht mehr arbeiten, und sie wollte – ihren gehassten Nachnamen loswerden! Ein für alle Mal: Nie mehr „Miriam Großkötter“, ihr Ziel war „Miriam Andersum“ genannt zu werden. So und nicht anders!
Weil Tom damals, am Anfang seiner beruflichen Karriere stehend, hoffte, sein weiteres Leben trotz seiner neben der Spur liegenden sexuellen Fantasien als halbwegs erfolgreicher „Normalo“ verbringen zu können, war er ganz froh, als Miriam ihm nach und nach immer deutlicher zu verstehen gab, dass sie an mehr als an einer nur unverbindlichen Freundschaft interessiert war.
Also hielten sich die beiden frisch Verliebten nicht lange mit einer formlosen Verlobung auf: An einem schönen, sonnigen Frühlingstag gingen sie für die (damals noch) gesetzlich erforderliche „persönliche Anmeldung“ gemeinsam zu dem in einem direkt am Römer gelegenen historischen Gebäude untergebrachten Standesamt „Mitte“ der Stadt Frankfurt.
Dort angekommen, diskutierte man noch ein wenig über die Namenswahl, aber für Miriam war absolut klar, dass sie weder – wie bisher – Miriam Großkötter noch Miriam Großkötter-Andersum, sondern einfach nur Miriam Andersum heißen wollte. Und da weder Tom noch die sie beratende Standesbeamtin irgendwelche ernsthaften Einwände dagegen vorbringen konnten und wollten, ging Miriams Wunsch in Erfüllung. Folglich verließen die beiden nur wenige Wochen später dasselbe Standesamt zusammen mit ihren Trauzeugen Bernd van Akeren, einem Kollegen aus Toms Firma, und Carina Claussen, einer ehemaligen Schulfreundin von Miriam, als das Ehepaar Miriam und Tom Andersum.
Draußen auf dem Römerplatz wurden sie von einigen Freunden und Kollegen und von Miriams äußerst zahlreich erschienener Verwandtschaft überschwänglich gefeiert. Allein meine Mutter (Toms Mutter) stand etwas einsam und verloren neben der lustigen Runde und war von ihrer Krankheit so geschwächt, dass man ihr ansehen konnte, dass ihr das lange Stehen und Warten vor dem Standesamt große Mühe bereitet hatte.
Obwohl Tom sich in diesem Moment ehrlich auf das Zusammenleben mit Miriam freute, waren es drei Dinge, die ihn traurig stimmten: Erstens der schlechte Gesundheitszustand seiner Mutter. Standhaft hatte sie sich geweigert, zum Arzt zu gehen. Ihr hatte geholfen, dass Tom ihr täglich beigestanden und für sie fast alles im Haushalt erledigt hatte. Den Rest hatte – trotz der unmittelbar bevorstehenden Heirat – Miriam übernommen. Jetzt aber, wo Tom und Miriam einen neuen Lebensabschnitt beginnen wollten, konnte das nicht mehr auf ewig so weitergehen.
Zum zweiten war Tom ein bisschen unglücklich, dass Miriam an einer kirchlichen Trauung kein großes Interesse gezeigt hatte. Eine Braut in Weiß an seiner Seite, das wäre fast so schön gewesen, als wenn er selbst die Braut gewesen wäre, natürlich mit einem weißen Schleier vor dem Gesicht!
Schließlich war er wütend, dass sein Vater es nicht für nötig gehalten hatte, zur Hochzeit seines einzigen Sohnes aus erster Ehe zu kommen. Allerdings war er, Tom, daran nicht ganz unschuldig: Er wollte es seiner Mutter nicht zumuten, von Krankheit gezeichnet neben ihrem ehemaligen Mann sitzen zu müssen und an seiner anderen Seite seine neue Frau Iris zu wissen, eine Sportlehrerin, die vor Jugend und Gesundheit nur so strotzte. Diese Schmach wollte er seiner Mutter nicht antun und hatte daher seinen Vater gebeten, doch bitte ohne Iris zur Hochzeit zu kommen. Sein Vater hatte ihm daraufhin ihr Hochzeitsgeschenk, eine hochwertige Kaffeemaschine, per Post zusenden lassen und war der Feier ferngeblieben. „Mich hast du in diesem Leben das letzte Mal gesehen!“, dachte Tom und hielt auch später, als aus ihm eine Frau geworden war, Wort.
In einem Haus aus der Gründerzeit, mitten im schönen Frankfurter Westend, fanden sie eine über die gesamte erste Etage gehende Wohnung, groß genug für ihr junges Glück und für mögliche weitere Familienmitglieder. Hier waren sie, Miriam und Tom, zusammen wirklich glücklich. Zumindest anfangs, wenn sie zu zweit mit sich allein und Carolas gesundheitliche Probleme außer Sichtweite waren.
Es gab so viel zu bereden: Wie die Zimmer nutzen, wie sie einrichten, was mit der gemeinsamen Zeit anfangen? Man schrieb sich für einen Tanzkurs ein und ging zusammen ins Kino, ins Theater und zum Tanzen. Für Tom wurde das Zusammenleben mit Miriam sehr schnell zur Normalität.
Weil sie von Natur aus mit einer milden Form von Nymphomanie gesegnet war, bemerkte Miriam die sexuelle Disparität von Tom nicht sofort: Wenn er sie beim ersten Beischlaf nicht befriedigen konnte, forderte sie ihn einfach nacheinander so oft heraus, bis sie am Ende auch zum Höhepunkt kam. Was sie mit der Zeit aber mehr und mehr beunruhigte, war, dass ihre Regel nicht ausblieb. In der Hoffnung, schnell schwanger zu werden, hatte sie schon vor der Hochzeit die Pille abgesetzt, um möglichst schnell ein Kind bekommen und damit endlich ihrer ungeliebten Arbeit im Büro Adieu sagen zu können. Doch das Regelblut kam weiterhin mit schönster Regelmäßigkeit.
Tom beunruhigte das wenig, obwohl auch er irgendwann gern einmal Kinder haben wollte. Aber im Gegensatz zu Miriam liebt er seinen Beruf, war bei seinem Chef und den Kollegen hoch angesehen und konnte sich deshalb damals nicht wirklich vorstellen, dem Privaten, das heißt, einer richtigen Familie mit Kindern, mehr Aufmerksamkeit, soll heißen: noch mehr Aufmerksamkeit und Zeit als zu Beginn ihrer jungen Ehe widmen zu können. Im Gegenteil, er freute sich, dass er Miriam auch tagsüber in der Firma treffen konnte, und sah ihre Berufstätigkeit eher als Vorteil, denn als Mangel an.
Dann starb Toms Mutter – die Diagnose lautete auf Lungenkrebs, obwohl sie niemals in ihrem viel zu kurzen Leben geraucht hatte –, und Miriam merkte mit der Zeit, dass der erwünschte Nachwuchs immer überfälliger wurde. Sie suchte nach der Ursache und, falls möglich, nach einer Lösung. Vor allen Dingen deshalb, weil sie wirklich nicht wusste, wie lange sie ihre Kinderlosigkeit und ihren ungeliebten Beruf noch weiter würde ertragen können. Als erstes ließ sie ihre eigene Zeugungsfähigkeit von einer Frauenärztin untersuchen – mit positivem, für sie befriedigendem Ergebnis –, dann überredete sie Tom, selbst zum Urologen zu gehen. Seine Blutwerte waren normal, aber die Spermien deutlich zu träge und auch nicht in einer Zahl vorhanden, die eigentlich nötig gewesen wäre, um Miriam schwanger zu machen. Also stimmte, was sie schon vorher vermutet hatte: Nicht sie, Miriam, sondern Tom, ihr Ehemann, war das Problem.
Da Miriams Kinderwunsch weiterhin übermächtig war, machte Tom ihr zuliebe eine Tablettenkur, um seine Spermienzahl und Zeugungsqualität zu steigern, die aber nicht anschlug. Miriam fing daraufhin an, mit Tom über die Möglichkeit einer künstlichen Befruchtung zu diskutieren. Diese letzte Möglichkeit, schnell eigene Kinder zu bekommen, war Tom aber eigentlich zuwider: Der Glaube an die eigene Männlichkeit hatte schon durch den Nachweis seiner Zeugungsschwäche einen erheblichen Knacks erlitten. Jetzt auch noch Tisch und Wohnung mit einem „Kuckuckskind“ teilen zu müssen – das auszuhalten, überstieg seine Vorstellungskraft. Und so versuchte er, mit Miriam über die Möglichkeit zu diskutieren, auch ohne Kinder eine glückliche Ehe zu zweit führen zu können.
Für Miriam brach daraufhin eine Welt zusammen. Für sie vollkommen unerwartet kam die Erkenntnis, dass Tom nicht der richtige Partner war, mit dem sie ihre ganz persönlichen Zukunftsträume würde verwirklichen können. Tom merkte sofort, dass ihre natürliche, spontane Fröhlichkeit mit einem Mal wie weggeblasen war. Miriams Bedrücktheit übertrug sich auf ihn, aber er wusste nicht, wie er ihr helfen sollte, zumal er von seinem Chef nach und nach immer häufiger auf Dienstreisen zur Fortbildung und für Tätigkeiten an anderen Standorten ihres Handelsunternehmens im In- und Ausland geschickt wurde. Tom brachte das mehr Abwechslung in sein Leben, und Miriam die willkommene Gelegenheit, neue Kontakte zu knüpfen.
„Na sowas: Du hier, Miriam?“
Im Fitnesscenter sprach sie ein ehemaliger Klassenkamerad mit dem schönen Namen Markus Steinbrecher und einem noch schöneren äußeren Erscheinungsbild an.
„Ja, wieso denn? Du bist doch auch hier!“, antwortete Miriam etwas vorlaut und lächelte Markus, für den sie schon an der Schule heimlich geschwärmt hatte und der damals auch der Schwarm aller anderen Mädchen in ihrer Klasse gewesen war, herausfordernd an.
„Gut gegeben!“, brummte Markus daraufhin leicht verwirrt und wusste erstmal nicht zu wechseln.
Weil er so ratlos aussah und die Gefahr bestand, dass er sich wortlos umdrehen und ebenso schnell wieder im Nebel des Vergessens verschwinden würde, wie er gekommen war, trat Miriam einen Schritt näher an Markus heran und fragte:
„Nein, nein, nicht dass du denkst, ich freue mich nicht, dich wiederzusehen, mein lieber Markus! Was denkst du: Wollen wir unser überraschendes Zusammentreffen nach so langer Zeit nicht irgendwo mit einem kleinen Gläschen feiern? Ich lade dich auch ein, falls du gerade etwas knapp bei Kasse sein solltest.“
Durch diesen Vorschlag fand Markus seine normale Fassung wieder. Er setzte sein schönstes Grinsen auf, bei dem auf beiden Wangen süße Grübchen erschienen, und sagte:
„Ach weißt du, Miriam: Ich glaube, für ein oder zwei Gläschen zu zweit wird mein Geld gerade noch so reichen ...“
Miriam fühlte die Hitze in ihr Gesicht steigen – zum einen, weil sie auf Markus freundliche Begrüßung vollkommen unpassend reagiert hatte, zum anderen, weil sie mit einem Mal ein starkes Verlangen verspürte, ihm um den Hals fallen und einen heißen Kuss auf seinen süßen Schmollmund drücken zu wollen. Dieser Mann war einfach eine Wucht: Mindestens einen Kopf größer als sie selbst und mit einer so breiten Brust ausgestattet, dass es eine Wonne sein müsste, sich daran anzuschmiegen und sich von dem ruhigen Puls seines Fitness-trainierten Herzens in den Schlaf wiegen zu lassen.
Tausend Gedanken rasten ihr durch den Kopf. Einer davon: Die Sache mit Tom war der größte Fehler, den ich je in meinem Leben begangen habe ...
Markus fragender Gesichtsausdruck riss sie aus ihren Träumen:
„Was ist nun? Du stehst so sprachlos da, als ob du plötzlich kalte Füße bekommen hast?“
Schnell fasste Miriam sich wieder:
„Nein, nein. Für ein kleines Schwätzchen nach dem Sport habe ich immer Zeit! Lass uns doch einfach nach nebenan ins ‚Jenseits’ gehen.“
„Du bist verheiratet?“, fragte Markus Miriam, als beide zusammen an einem gemütlichen Ecktisch in der kleinen Kneipe neben dem Fitnesscenter saßen.
„Ja, leider!“, antwortete Miriam und schaute leicht verschämt in ihr Rotweinglas. Sie ärgerte sich immer noch, dass sie vor Markus die Fassung verloren hatte und rot geworden war.
„Wieso leider?“
„Es läuft im Moment nicht so gut zwischen uns beiden.“
„Warum denn? Was ist der Grund?“
„Ich möchte gern Kinder, Tom will aber nicht.“
„Aha. Dein Mann heißt also Tom. Will er nicht oder kann nicht?“
Miriam stutzte einen Moment. Jetzt war es Markus, der etwas zu weit ging. Sollte sie wirklich so viel Vertrauen zu ihm haben, dass sie ihre privatesten Geheimnisse vor ihm ausbreitete? Nur kurz zögerte sie, dann entschloss sie sich für totale Offenheit:
„Ich glaube, es ist von beidem etwas!“
„Das tut mir echt Leid für euch.“
Markus überlegte kurz, was er weiter sagen sollte. Miriam machte auf ihn einen ziemlich gefrusteten und vom Leben enttäuschten Eindruck. Jetzt, wo die erste Wiedersehensfreude vorbei war. Er griff nach ihrer Hand und beschloss, sie emotional wieder aufzubauen, indem er ihre Sicht der Dinge übernahm:
„Kinder sind doch wirklich etwas Schönes!“
Miriam zog erschrocken ihre Hand zurück und blickte überrascht von ihrem Rotweinglas auf. Fragend sah sie in Markus’ abgrundtief braune Augen:
„Ist das deine ehrliche Meinung, Markus?“
Markus hielt ihrem Blick stand und antwortete im Brustton der Überzeugung:
„Ja, sicher: Eine Ehe ohne Kinder ist für mich nichts Halbes und nichts Ganzes! Kinder bringen doch erst Freude in dein Leben!“
„Meinst du das wirklich ernst?“
Miriam war mit Markus und mit sich noch nicht ganz im Reinen: „Nicht schon wieder so ein Mistkerl wie Tom, der mir erst den Himmel auf Erden verspricht und mich danach mit seinem Job betrügt“, dachte sie und wünschte sich dennoch insgeheim, mit Markus ganz plötzlich die unverhoffte Lösung all ihrer Probleme gefunden zu haben. Also lächelte sie Markus an und legte spontan ihre Hand auf seine.
Der Abend in der Kneipe wurde noch recht lang, und Miriam war ob ihres schweren Schicksals und des unverhofften Glücks, durch puren Zufall auf einen so feinsinnigen und einfühlsamen Mann wie Markus gestoßen zu sein, am Ende so wein- und rührselig, dass sie hemmungslos zu weinen anfing und ihren Tränen freien Lauf ließ. Dem verdutzten Markus blieb nichts anderes übrig, als sie in den Arm zu nehmen und zu trösten. Die zwanglos begonnene Kneipensitzung endete daraufhin in einer wilden Schmuserei, und Miriam war am Ende froh, dass daraus nicht noch mehr geworden war. Aber Markus machte ganz auf Kavalier der alten Schule und fuhr sie in seinem offenen, roten AUDI A4 brav nach Hause und verabschiedete sich anschließend scherzhaft mit einem formvollendeten Handkuss von Miriam. Die beiden tauschten noch ihre Telefonnummern aus, dann fiel Miriam erschöpft, aber vom Glück und Alkohol berauscht ins weiche Ehebett.
Am anderen Morgen war sie nicht mehr so glücklich. Sie sah den handgeschriebenen Zettel mit Markus’ Telefonnummer auf dem Küchentisch liegen und fragte sich, ob er sich wohl jemals wieder melden würde. Vielleicht stand er nicht auf verheiratete Frauen, vielleicht stand er auch nicht auf sie, vielleicht hatte sie ihm gestern Abend nur leidgetan.
Sollte sie ihn anrufen? Besser nicht. Nichts platzt schneller als eine Seifenblase, die man unter Druck setzt. Und überhaupt: Wollte sie das wirklich? Wollte sie wirklich ein neues Abenteuer? Nach der Pleite mit Tom? Die überdies auch ansatzweise noch nicht beendet war? Der schöne Markus war einfach zu schön, um wirklich Interesse an einer festen Bindung haben zu können. An einer festen Bindung mit Kindern und ihr, Miriam Andersum. An einer richtigen Ehe also. So wie zwischen Tom und ihr. Nur eben nicht ohne Kinder.
Die ganze Zeit, während sie ihr Frühstück zubereitete, versuchte sie, nicht an Markus, sondern an Tom zu denken. Tom, mit dem sie verheiratet war. Tom, ihren Kollegen bei der Arbeit und im Leben.
Es gelang ihr nicht. Als sie sich dabei ertappte, dass sie – die Kaffeetasse mit beiden Händen haltend und mit den Augen über den Tassenrand verträumt ins Weite blickend – sich vorstellte, wie Markus sie immer noch in den Armen hielt, ihr tief und fest in die Augen blickte und mit seiner rechten Hand zärtlich ihre linke Wange streichelte, da dachte sie mit einem Mal: Ach egal, was habe ich zu verlieren?
Sie nahm ihr Phone, das wie immer griffbereit neben ihr auf dem Küchentisch lag, und schrieb folgende Nachricht:
„Ich fand den gestrigen Abend mit dir sehr schön. Über eine Wiederholung würde ich mich freuen. LG Miriam :-)“
Bange Minuten verstrichen. War es richtig, so schnell den Kontakt wieder aufzunehmen? Wie würde Markus reagieren? Hätte sie vielleicht „sehr freuen“ schreiben sollen? Nein, lieber nicht, dachte sie, das wäre sicherlich zu dick aufgetragen gewesen.
Kurze Zeit später vibrierte ihr Handy, und aufgeregt las Miriam Markus’ Antwort:
„Hallo Miriam! Mir geht es genauso. Hast du am Wochenende schon was vor?“
Yep! Miriam ballte die rechte Hand zur Faust und katapultierte den Ellbogen schnell nach hinten. Das war genau die Antwort, die sie sich erhofft hatte! Sie überlegte kurz und schrieb dann:
„Am Wochenende geht es leider nicht. Aber Dienstagabend hätte ich noch frei. Wenn du willst, treffen wir uns um 7 bei der Fitness.“
„Ich freue mich! Bis Dienstag im Center. LG Markus :-) :-)“
„Kenne ich deinen Tom eigentlich? War der bei uns auf der Schule?“
Markus und Miriam liefen nebeneinander auf Laufbändern. Markus war mit einem leichten Trainingsanzug bekleidet und hatte ein Handtuch über seine Schultern gehängt. Miriam trug Laufschuhe, Leggings und ein weites T-Shirt:
„Er war auf dem Sankt-Annen-Gymnasium. Danach hat er studiert.“
„Und wo habt ihr euch kennengelernt?“
„Auf der Arbeit. Wir arbeiten beide bei Schwartz & Söhne, dem Großhandelsunternehmen. Du kennst es bestimmt.“
„Ja, kenn’ ich. Das ist doch ganz praktisch: Ihr könnt zusammen zur Arbeit fahren, zusammen in die Kantine gehen, zusammen nach Hause gehen. Kurz und gut – ihr könnt den ganzen Tag zusammen sein. Viele würden euch dafür beneiden.“
Markus griente dabei, denn er wusste, dass Miriam genau diesen „Vorteil“ überhaupt nicht so toll fand.
„Mag sein.“
Durch das schnelle Laufen kam Miriam langsam außer Puste:
„Aber mir stinkt die Arbeit, und Tom ist neuerdings viel unterwegs.“
„Aha, verstehe. Und wo ist er jetzt gerade?“
„In Meppen, bei unserer dortigen Filiale.“
„Momentan bist du also grüne Witwe?“
Markus trabte unbekümmert weiter vor sich hin.
„Ja, bis Freitag.“
Miriam hatte schon den Aus-Knopf gedrückt und war von ihrem Trainingsgerät abgestiegen.
„Sonst hätte ich mich heute ganz sicher nicht mit dir getroffen ...“
Sie nahm ihr frisches Handtuch, das sie über einen Stuhl gehängt hatte, und wischte sich damit den Schweiß aus dem Gesicht. Schweigend schaute sie Markus weiter beim Laufen zu. Er war größer als sie, was keine Kunst war, denn Miriam war nur einen Meter fünfundsechzig klein. Aber Markus war auch größer als Tom. Und er war ein ganz anderer Typ: selbstbewusst im Auftreten, weltgewandt und äußerst routiniert im Umgang mit anderen Menschen. Markus vermittelte Miriam den Eindruck, dass er immer bekam, was er wollte. Miriam stellte sich vor, dass sie nicht mit Tom, sondern mit Markus vor dem Standesbeamten gestanden hätte. Ein Gedanke, der ihr ausgesprochen gut gefiel.
„Ich habe eine Idee“, sagte Markus, als er ebenfalls vom Laufband herabstieg, und lächelte dabei: „Wenn du heute allein bist, und ich bin das auch, warum verbringen wir dann nicht den ganzen Abend gemeinsam?“
Miriam war überrascht: „Ich dachte, das wäre sowieso der Plan gewesen?“
„Das schon“, Markus Lächeln verstärkte sich zum breiten Grinsen, so dass seine beiden Grübchen wieder zum Vorschein kamen: „Aber ich meinte den ganzen Abend. Wirklich den ganzen Abend! Und nicht irgendwo, sondern vielleicht bei mir.“
„Wohnst du hier in der Nähe?“
„So ziemlich gleich um die Ecke. Mit dem Auto sind es nur ein paar Minuten. Duschen und Frischmachen können wir uns auch bei mir.“
„Du Tom, ich will mich scheiden lassen.“
Tom hätte nicht überraschter sein können, als Miriam ohne jede Vorwarnung beim gemeinsamen Frühstück am Tag nach seiner Heimkehr mit dieser schockierenden Neuigkeit herausplatzte.
„Was? Wie bitte? Was willst du?“
Tom schüttelte den Kopf so, als ob er sich verhört hatte, und schaute Miriam verstört an.
„Ja, du hast ganz richtig gehört: Ich will mich scheiden lassen.“
„Warum?“
Toms Gesicht war mit einem Mal weiß wie die Wand.
„Wir passen einfach nicht zusammen.“
„Wir passen nicht zusammen? Einfach so, mit einem Mal? Das fällt dir mit einem Mal einfach so ein, Miriam?“
„Nein, Tom, nicht mit einem Mal: Denk mal an die Arbeit, denk mal an die Kinder!“
„Die Arbeit, was soll damit sein?“
„Dir macht die Arbeit Spaß, du kannst reisen, bestimmt wirst du in unserer Firma früher oder später einmal Karriere machen. Aber was wird währenddessen aus mir? Ich bin einfach das Mädchen in der Buchhaltung. Meinst du, ich will in diesem lauten und ungemütlichen Büro Tag für Tag einfach nur so dasitzen und alt und grau werden? Und im Alter mit dir allein auf dem Sofa sitzen und Händchen halten?“
Toms Gesicht bekam langsam wieder etwas Farbe:
„Wieso, was soll daran so schlimm sein? Andere werden doch auch zusammen alt!“
„Ja, aber die haben wenigstens Kinder. Und Enkelkinder.“
Als Tom sie daraufhin mit großen Augen fragend ansah, aber nichts erwiderte, wurde Miriam ärgerlich. Sie sprang vom Tisch auf, knüllte voller Ärger ihre Papierserviette zusammen und warf sie auf den Teller:
„Ach, du, du verstehst mich einfach nicht! Mensch, Tom, hörst du mir überhaupt irgendwann mal zu? Wir haben doch oft genug darüber gesprochen: Ich will Kinder! Ich hasse die Arbeit, ich wäre viel lieber zuhause und hätte viel lieber eine richtige Familie – nicht nur dich und mich, und das war’s dann für alle Zeit!“
Miriam drehte sich wütend um, rannte aus dem Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Dann lief sie durch den Flur ins Schlafzimmer, warf sich auf ihr Bett und heulte.
Tom kamen ebenfalls die Tränen, als ihm langsam klar wurde, was Miriam gerade zu ihm gesagt hatte. Dennoch lief er nicht hinter ihr her, um sie zu trösten. Oder um mit ihr zu reden und ihr zu zeigen, wie wichtig sie für ihn war. Tom saß einfach nur da, starrte auf seinen noch halb vollen Frühstücksteller und ließ die Tränen in seinen Schoß kullern.
„Miriam, warum?“, sagte er leise zu sich selbst und suchte nach einem Taschentuch, um die Tränen abzutrocknen.
[Lukas S.] Ich gebe es unumwunden zu: Im vorangegangenen Abschnitt habe ich das, was mir Jamie in unserer ersten Sitzung über ihr früheres Leben als Mann berichtet hatte und was von meinem Smartphone-eigenen Voice-Recorder wortgetreu dokumentiert wurde, der eigenen Fantasie folgend doch ein wenig ausgeschmückt. Insbesondere diejenigen Passagen im Text, in denen Tom am Ort der Handlung nicht zugegen war. Und deren genauen Ablauf Jamie selbst nicht wirklich bezeugen konnte. Allerdings meinte sie, dass es wohl genau so gewesen sein könnte, wie von mir niedergeschrieben. Ein erstes Lob meines neuen Werkes, das mir viel bedeutete.
„Hast du selbst eventuell auch noch Fragen zu dem, was ich dir bisher erzählt habe, Lukas?“
Jamie trug ein einfarbig hellbraunes, ärmelloses Kleid mit einer hellbeigen Strickjacke, die über der Stuhllehne hing. Ihr Gesicht zierte – so jedenfalls mein subjektiver Eindruck – heute ein wenig mehr Make-up als die Tage zuvor. Etwa meinetwegen? Selbstverständlich traute ich mich nicht zu fragen, stattdessen antwortete ich:
„Ja, doch, eine Frage hätte ich schon: Hat dir deine Erfahrung mit Miriam das Gefühl gegeben, als Mann versagt zu haben? Wolltest du vielleicht deshalb als Frau leben?“
Jamies rot geschminkte Lippen verzogen sich spontan zu einem Lächeln – ganz so, als habe sie genau diese Frage von mir erwartet:
„Aber nein, Lukas: Das Gefühl, ich hätte bei Miriam als Mann versagt, hatte ich damals überhaupt nicht. Ich war nur enttäuscht und fühlte mich total einsam, nachdem sie mich für diesen Markus verlassen hatte. Ist doch nachvollziehbar, oder?“
Ich nickte zustimmend.
„Dieses äußerst schmerzhafte Gefühl totaler Einsamkeit und Verlassenheit hatte jedoch auch etwas Gutes!“
Überrascht fragte ich nach, denn ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, was daran gut sein konnte, urplötzlich für jemand anderen verlassen zu werden:
„Etwas Gutes!?“
„Doch: Die plötzliche Leere in meinem Leben machte mich total empfänglich für Neues, für neue Erfahrungen ...“
„Für neue Erfahrungen, für was Neues?“
„Für etwas ebenso Neues, wie vollkommen Unerwartetes!“
Das konnte nur eines heißen, dachte ich:
„Und hat dieses Unerwartete vielleicht auch einen Namen?“
„O ja, das hat es: Sein Name war Bernd! Und er war mein Kollege ...“
[Jamie A.] Es geschah einen Tag, nachdem Miriam Ernst gemacht und unsere gemeinsame Wohnung verlassen hatte. Gleich als ich morgens in die Firma kam, lief ich Bernd über den Weg, und er erschrak:
„Mensch Tom, du siehst ja wie ausgekotzt aus! Was ist mit dir los? Schlecht geschlafen?“
„Das auch ...“
„Und was noch?“
„Na ja, ich weiß nicht, ob ich dir das erzählen soll?“
„Immer raus damit, ich kann schweigen wie ein Grab!“ Dabei legte er lächelnd seinen Finger auf den Mund.
„Miriam hat mich verlassen!“
„Nicht wahr!“
„Doch!“
„Warum? Hat sie einen anderen?“
„Ja. Einen alten Schulfreund.“
„Weiber!“
„Na ja, so ist das auch wieder nicht. Ich glaube, ich war einfach nicht der Richtige für sie.“
„Soso, nicht der Richtige. Das sagen sie immer, wenn sie dich loswerden wollen. Ist deine Frau schon aus der Wohnung ausgezogen?“
„Ja, zu Markus, ihrem neuen Kerl.“
„Ich sag’s doch: Weiber!“
Nun legte Bernd seine rechte Hand auf meine Schulter, schaute mir tief in die Augen und sagte:
„Dir fällt doch abends nach der Arbeit bestimmt die Decke auf dem Kopf. Du sitzt allein zuhause ‘rum und denkst: ‚Miriam, Miriam, o Miriam!’ Weißt du was: Du musst mal wieder raus aus deiner Bude und das richtige Leben kennenlernen! Ich geh nach der Arbeit kurz nach Hause, ziehe mich um und hol’ dich dann ab. So etwa gegen halb acht.“
„Ja wirklich, meinst du?“
