Oberammergau - Robert Löhr - E-Book

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Robert Löhr

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Beschreibung

»Oberammergau« | Historischer Roman nach wahren Begebenheiten – spannend wie ein Krimi, atmosphärisch und mitreißend Ein Dorf ringt um Erlösung Mitten im Dreißigjährigen Krieg wird Oberammergau von der Pest heimgesucht – bis das Dorf gelobt, von jetzt bis in alle Ewigkeit die Passion Christi zu spielen, wenn Gott sie verschont. Dem unerfahrenen Pfarrer Johannes fällt es zu, das Bühnenstück auf die Beine zu stellen. In kürzester Zeit muss er Bauern und Hirten in Apostel und Römer verwandeln – ohne Kostüme, ohne Bühne, ohne einen Text. Und zudem mit einer mächtigen Gegenspielerin: Ortsvorsteherin Agnes hat beide Kinder an die Pest verloren, hasst Gott und tut alles, um das Vorhaben zu vereiteln. Bald spaltet sich das Dorf in Freunde und Feinde der Passion. Und Johannes muss Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um Agnes, die Pest und seine eigenen Zweifel zu besiegen … Krieg und Pest, Mord und Totschlag – und ein göttliches Wunder: Robert Löhrs bildgewaltiger Roman über die Geburt der Oberammergauer Passionsspiele »Robert Löhr beweist, dass das in Deutschland vermeintlich Unmögliche doch möglich ist: der Tradition lustvoll auf die Sprünge zu helfen mit Humor, Spannung und Phantasie.« FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG »Robert Löhr ist ein wahrer Meister des Erzählens. Er beherrscht sowohl das mühsame Handwerk der detailverliebten Recherche als auch die Kunst, fließend, witzig und intelligent zu fabulieren.« THÜRINGER ALLGEMEINE Es begann als Gelübde vor Gott und wurde zur Theater-Sensation. Die faszinierendsten Fakten zu den Oberammergauer Passionsspielen: Vom Pestfluch zur Weltsensation: Zu dem spektakulären Laienspiel in den Alpen strömen in den Jahren der Passionsspiele mehr als eine halbe Million Menschen aus aller Herren Länder nach Oberammergau. Seit der Premiere 1634 sind die Spiele nur in Ausnahmesituationen ausgefallen oder verschoben worden: wegen Weltkriegen oder Seuchen, zuletzt 2020 aufgrund der Covid-Pandemie. Die Aufführungen dauern fünf Stunden. Über 2.000 Mitwirkende braucht man, und das Dorf hat nur 5.000 Einwohner. Die männlichen Darsteller lassen sich ein Jahr vorher schon Haare und Bart wachsen. Der Autor Robert Löhr verfasst Drehbücher, Theaterstücke, Musicals und Hörspiele – und Romane, die in 25 Sprachen übersetzt wurden. Seine historischen Erzählungen kombinieren akkurate Recherche mit packender Dramaturgie. 

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Zitat

Hinweis

PASSIONIS PERSONAE

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Personenverzeichnis

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Literaturverzeichnis

Zitat

Für den, der Jesus verloren hat, gibt es zwei Wege zu ihm zurück.

Der eine führt über Jerusalem, der andere über Oberammergau.

Kardinal Francis Bourne, Erzbischof von Westminster

Hinweis

Ein Figurenverzeichnis befindet sich am Ende des Romans.

PASSIONIS PERSONAE

Christus

Maria

Apostel des Herrn

Petrus

Johannes

Judas

Philippus

Thaddäus

Simon

Jakobus der Ältere

Jakobus der Jüngere

Thomas

Andreas

Matthäus

Bartholomäus

Freunde des Herrn

Simon von Bethanien

Josef von Arimathäa

Simon von Cyrene

Maria Kleophae

Maria Magdalena

Veronika mit dem Schweißtuch

Pontius Pilatus, Präfekt von Judäa

Claudia Procula, seine Frau

Longinus, römischer Hauptmann

Herodes, König von Galiläa

Kaiphas, Hohepriester

Hannas, Hohepriester

Verbrecher

Barabbas

Gestas

Dismas

Händler, Soldaten, Knechte, Volk von Jerusalem

1

Die Passion musste auf Gräbern gespielt werden. Wegen der leichten Neigung des Geländes, das wie ein natürliches Amphitheater war, wegen der Nähe zur Kirche und vielleicht auch, weil der alte Pfarrer an der Pest gestorben war und keinen Einspruch hatte erheben können, hatte man beschlossen, die Bühne auf dem Friedhof zu errichten: an der Mauer ein Podium von etwa zehn auf fünf Schritt Größe. Nach dem großen Sterben war der Platz allerdings so knapp geworden, dass die Bühne einige der jüngeren Grabstätten überdecken würde: die von Veit und Anna Streitl, von Karl Madlener und sämtlichen Gintharts, die der Geschwister Lang und Pfarrer Christeiners. In der schlimmen Zeit hatte einzig Pfarrer Christeiner ein Kreuz erhalten; ein schmuckloses Holzkreuz, das man vor Baubeginn aus der Erde gezogen und flach aufs Grab gelegt hatte.

Der Bühnenbau, unmittelbar nach dem Gelübde mit großem Elan begonnen, war über den Winter gezwungenermaßen zum Erliegen gekommen und wurde jetzt, in den ersten Tagen des Frühlings, nur mit halber Kraft wieder aufgenommen. Auf der rückwärtigen Seite der Mauer lagen noch zahlreiche der Bäume, die man im Graswangtal geschlagen und unbemerkt nach Oberammergau gebracht hatte, und harrten, von Altschnee bedeckt, ihrer Verwendung. Und obwohl es Sonntag war und der Dienst an der Passion doch Dienst an Gott, waren zur Arbeit am Podium lediglich vier Mann und der Schwede erschienen und zum Vorsprechen nur ein knappes Dutzend.

Im Schatten der Kirche fror Johannes neben Rosalie und Gregor dem Schmied und ließ den Blick verdrossen über die potenziellen Darsteller gleiten. Ein knappes Dutzend, das genügte nicht einmal für die Apostel. Immerhin hatte die Frau des Gastwirts zum Auftakt eine glaubwürdige Maria Muttergottes dargeboten; mit dem Mut zum Gebärdenspiel und der kräftigen Stimme einer, die gewohnt ist, sich in einer vollen Wirtsstube Gehör zu verschaffen.

Jetzt folgte ihr ein Mann auf das unvollendete Podium: kräftig, aber auf eine gedrungene Art, mit niedriger Stirn und Blatternarben im Gesicht. Er nahm den Filzhut vom rothaarigen Haupt und begann augenblicklich, ihn in den Händen zu kneten.

»Grüß dich Gott und willkommen«, sagte Johannes. »Magst du dich kurz vorstellen? Ich bin ja neu in der Gemeinde und kenne bei Weitem noch nicht alle Mitglieder.«

»Ich bin der Faistenmantl Franz, Hochwürden. Ich zähle 33 Jahre. Ich bin Schnitzer.«

»Grobschnitzer«, raunte Gregor so leise, dass es Franz auf der Bühne nicht hören konnte.

»Was ist der Unterschied?«, fragte Johannes leise zurück.

»Es gibt die Grobschnitzer und die Herrgottsschnitzer. Vom Herrgottsschnitzer ist das Kruzifix in meiner Stube, das mich jeden Tag daran erinnert, wie der Heiland für unsere Sünden gelitten hat. Vom Grobschnitzer ist das Kruzifix im Stall, das meine Schweine schützt.«

»Franz: Hast du dir vielleicht schon eine Rolle überlegt, die du in der Passion gerne spielen würdest?«

»Ja.«

»Und welche wäre das?«

»Der Jesus.«

Johannes war so verblüfft, dass er die unsinnige Nachfrage »Jesus Christus?« stellte.

»Ja.«

»Einen Augenblick, bitte.«

Johannes, Gregor und Rosalie steckten die Köpfe zusammen. »Ich spiele den Christus«, sagte Gregor. »So hatten wir es vereinbart.«

»Ich weiß das«, erwiderte Johannes, »aber Franz weiß es nicht. Und wir hatten gesagt, ein jeder darf sich um jede Rolle bemühen.«

»Er soll ein paar Sätze sprechen, dann danken wir ihm und bieten ihm einen der Händler im Tempel an«, schlug Rosalie vor. »Oder diesen einen da, der Jesus beim Tragen hilft.«

Lächelnd wandte Johannes sich wieder der Bühne zu. »Kannst du uns denn einmal zeigen, wie du dir den Jesus vorstellst, lieber Franz?«

»Gibt es einen Text?«

»Nein, es gibt noch immer keinen Text«, meinte Gregor mit einem hörbaren Unterton.

»Ich bin beinahe mit dem Text fertig«, sagte Johannes. »Aber bis dahin, Franz, sag einfach irgendetwas.«

»Was denn?«

»Was du möchtest. Vielleicht etwas, das auch Jesus sagen würde.« Und auf Franz’ stupiden Blick: »Ein Paternoster zum Beispiel.«

»Unser Vater im Himmel …«

»Schau mal, Franz, warte, wir stellen die Loni gleich an deine Seite« – Johannes winkte die Frau des Gastwirts zurück auf die Bühne – »sie wird die Maria spielen« –, und auf Gregors Räuspern: – »sie wird möglicherweise die Maria spielen, wäre dann also deine Mutter. Vielleicht hilft dir das mit ihr an deiner Seite. Und noch einmal von vorn. Laut und deutlich!«

Ganz augenscheinlich half es Franz nicht, das mit Loni an seiner Seite. Gefühllos und viel zu schnell sagte er das Gebet auf.

Gregor wartete nicht, bis der Grobschnitzer fertig war. Er zog Johannes am schwarzen Priesterrock einige Schritte in die Reihen der Gräber hinein, fort von Rosalie und dem Gerüst der Bühne.

»Wohin soll das führen?« Er wies hinter sich auf Franz und Loni. »Warum geben wir diesem blatternarbigen Trampel die Illusion, er könne Jesus spielen? Und erwägen wir allen Ernstes, eine Frau, die im Dorf vor allem für ihre Schamlosigkeit bekannt ist, zur Jungfrau Maria zu machen?«

»Es haben sich bislang keine anderen Frauen gemeldet und Loni hat hervorragend gespielt. Und der Herr spricht: Ich bin gekommen, die Sünder –«

»Aber warum haben sich denn bislang keine anderen Frauen gemeldet? Warum haben wir keine Auswahl? Warum steht da nur diese traurige Handvoll Freiwilliger und nicht das ganze Dorf? Prügeln müssten sie sich um das Heil, auf dieser Bühne stehen zu dürfen! Und warum gibt nicht jeder Mann Oberammergaus jede freie Stunde hin, diesen Tempel der Passion mit aufzurichten? Was haben die Menschen denn Wichtigeres zu tun an einem Sonntag?«

Johannes hatte viele Erklärungen, warum dem so war: weil die Pest ein halbes Jahr zurücklag und man inzwischen geringere, aber dringendere Sorgen hatte. Weil manche Oberammergauer, die nicht beim Gelübde zugegen gewesen waren, sich diesem auch nicht verpflichtet fühlten, während manche, die den Schwur geleistet hatten, sich jetzt dafür genierten: Was war in jener Nacht nur in sie gefahren, Gott ein Passionsspiel zu versprechen, und zwar nicht nur eines davon, sondern unendlich viele, von jetzt bis ans Ende der Zeit? Einige Oberammergauer mochten bühnenscheu sein, andere hielten das Theater möglicherweise für verderbt, und wieder andere trauten es dem Dorf vielleicht gar nicht zu, diese Herkulesaufgabe zu stemmen. Oder sie trauten es nur ihm nicht zu – Johannes, dem neuen, unerfahrenen Pfarrer aus dem Tiefland.

»In drei Monaten ist Pfingsten«, fuhr Gregor fort, »und wir haben kaum Darsteller. Wir haben keinen Text, keine Bühne, keine Kostüme – wir haben noch nicht einmal ein Kreuz!«

»Ich weiß.«

»Du bist der Pfarrer der Gemeinde! Sei du der Schäfer, treib sie von der Kanzel aus zusammen! Erinnere sie an ihre Pflicht, an den Schwur, den sie hier auf diesem heiligen Boden vor Gott getan haben! Wer ist das Haupt der Passion?«

»Ich?«

»Du bist das Haupt der Passion, genau! Sag ihnen jetzt, dass ich Christus bin. Sag Franz, er soll beim Bühnenbau helfen, anstatt sich lächerlich zu machen.«

»Gut.«

»Und bei der Gelegenheit: Schick Rosalie fort. Ich ertrage diesen eisigen Blick nicht, und noch weniger ihre Bemerkungen. Das Weib schweige in der Gemeinde.«

»Rosalie brennt für die Passion. Sie ist eine große Hilfe.«

»Mag sein, aber sie ist wunderlich. Das letzte Jahr hat ihren Geist zerrüttet.« Gregor fügte eine entsprechende Geste an. »Menschen senken den Blick, wenn sie an ihnen vorbeigeht.«

Ein Schrei unterbrach die Unterredung der beiden. Loni sprang von der halb fertigen Bühne und zeigte mit dem Finger auf Franz. »Eine Beule, er hat eine Beule am Hals!«

Sofort brach Panik aus auf dem Kirchhof. Die Wartenden schlugen Tücher und Hände vors Gesicht, und die Zimmerleute entfernten sich vom Podium. Selbst Franz schien fliehen zu wollen, gewissermaßen vor sich selbst. Johannes rückte unwillkürlich hinter Gregor und hielt sich an diesem fest, als wäre die Pest ein wildes Tier, vor dem der Schmied ihn schützen könnte. Mund und Nase barg er in seiner Armbeuge.

Nur drei Menschen blieben unbeeindruckt: Gregor, Rosalie und der Schwede. »Das Gelübde!«, donnerte Gregor über den Friedhof. »Das Gelübde schützt uns, ihr Kleinmütigen!«

»Es ist nicht die Pest!«, rief Franz. »Ich schwöre, es ist nicht die Pest! Ich habe kein Fieber, es geht mir gut! Ich war doch damals selbst krank und weiß, wie es sich anfühlt! Die Beule schmerzt nicht, seht her.« Er zog den Kragen herunter und drückte mit dem Zeigefinger auf der Beule herum, die tatsächlich klein und farblos war und unter dem Druck nicht aufplatzte. Zum Unbehagen der Umstehenden trat Rosalie an die Bühnenkante, dem Kranken entgegen, um die Beule von Nahem zu betrachten.

»Er soll sich ausziehen«, rief jemand aus der Menge.

Franz sah Hilfe suchend zu Gregor, der doch ein Mitglied des Sechserrates war und folglich im Dorf etwas zu sagen hatte. Aber der Schmied war derselben Meinung. Also blieb Franz nichts, als sich an Ort und Stelle zu entkleiden. »Ganz ausziehen!«, rief es zwischendrin – denn wenn es Pestbeulen gäbe, wären sie nicht nur am Hals und unter den Achseln, sondern auch in der Leiste zu finden.

Franz zog alles aus bis auf die Strümpfe. Nackt stand er vor ihnen, fror in der Märzeskälte, bedeckte halbherzig seine Scham und ließ sich von den Blicken der Anwesenden untersuchen. Als er die Beine spreizen und den Blick auf sein Geschlecht freigeben musste, lachte irgendwo ein Kind.

Man sah die Narben und schwarzen Flecken, die die Pest auf Franz’ Haut zurückgelassen hatte, aber keine weiteren Geschwüre. Franz durfte sich wieder anziehen. Jetzt wagte sich auch einer der Zimmerleute aufs Podium, um die Schwellung an Franz’ Hals zu prüfen.

»Vielleicht ein Furunkel oder ein eingewachsenes Haar«, sagte der Mann und zog ein kleines Schnitzmesser aus dem Gürtel. »Darf ich?«

Franz, der bislang nur die Hosen wieder angezogen hatte, seufzte und streckte den Kopf so, dass der andere ihm in den Hals schneiden konnte.

»Wer ist das?«, flüsterte Johannes zu Gregor.

»Das ist ein Herrgottsschnitzer. Das ist der Faistenmantl Anton, Franz’ Bruder.«

»Sein Bruder?«

»Sein Halbbruder.«

Denn unterschiedlicher hätten die beiden Männer nicht sein können. Der Bruder hatte helles langwelliges Haar, einen dichten Bart, makellose Haut, eine edle Körperlinie und überhaupt ein freundliches, einnehmendes Wesen. Mit ruhiger Hand tat er den Schnitt. Franz verzog das Gesicht. Anton stocherte mit der Messerspitze in der Öffnung herum und hielt bald einen weißen Knoten zwischen blutigen Fingern: einen harmlosen Grützbeutel. Das Publikum applaudierte. Franz presste zwei Finger auf die Wunde, aus der überraschend viel Blut floss. Offensichtlich war eine Ader durchtrennt worden.

In diesem Augenblick rissen die Wolken über dem Kofel auf, und Sonnenstrahlen fielen auf den Kirchhof von Sankt Peter und Paul. Wie Anton so im warmen Licht stand und seinem Bruder lächelnd die Hand auf die Schulter legte, da musste Johannes kurz nach Atem ringen. Anderen erging es ebenso.

»Anton«, sagte Johannes, »möchtest du nicht auch einmal vorsprechen?«

»Ich, Hochwürden?«

»Ja bitte.«

»Ich fürchte, mir fehlt das Talent. Ich will niemanden langweilen. Ich bin doch bloß hier, um beim Zimmern der Bühne zu helfen.«

»Versuch es doch einmal, nur kurz. Sprich ein paar Sätze. Was immer dir gerade in den Sinn kommt.«

Anton blies die Backen auf, zuckte mit den Schultern, schaute fragend zu Franz. Dann schnipste er den Grützbeutel weg und deklamierte – »Selig sind die Armen im Geiste« – die gesamte Bergpredigt.

Niemand regte sich. Aller Augen waren auf Anton gerichtet. Zu seinen Worten kam unwillkürlich auch die Gestik, und das Blut an seinen Händen verstärkte die Wirkung. Mangels anderer Mitspieler richtete Anton seine Worte an Franz, der wie versteinert danebenstand mit seinem freien Oberkörper, dem haarigen Rücken und dem offenen Mund – als hätte Jesus einen Bruder; einen älteren, begriffsstutzigen, von der Geschichte vergessenen Halbbruder. Josefs Sohn aus erster Ehe.

Als Anton geendet hatte, schob sich wieder eine Wolke vor die Sonne wie der Vorhang am Ende eines Akts. Alle blieben still, bis Rosalie irgendwann sagte: »Du musst unseren Jesus spielen.« Und Loni pflichtete Rosalie bei, indem sie ihren Ärmel hochzog und den Unterarm präsentierte: »Seht euch das an, Gänsehaut.«

Anton schüttelte lachend den Kopf. »Ich gebe gerne einen der geringeren Apostel, wenn kein anderer vortritt – aber bitte, nicht den Jesus. Das ist über mir. Und ich werde meinem Bruder gewiss nicht die Rolle wegnehmen.«

Gregor trat nun vor. »Dein Bruder ist nicht Christus, ich bin Christus. Das haben Pfarrer Gabler und ich bereits besprochen.«

Unmut machte sich daraufhin breit, wie vereinbart, was vereinbart, und da Gregor auf Johannes wies, den Verantwortlichen, richtete sich der Unmut gegen ihn. Johannes hob beschwichtigend die Hände: »Das entscheide aber nicht ich! Ich bin schließlich neu in der Gemeinde. Ihr kennt einander besser – warum stimmt ihr nicht einfach ab? Ja, genau, wir wollen das Urteil des Volkes hören.«

Gregor schaute argwöhnisch, erhob aber keinen Einspruch. Also stieg Johannes zu den Brüdern aufs Podium und sprach zu den versammelten Ammergauern: »Hört mich an: Wir entscheiden jetzt, wer euer Messias werden soll: Gregor – oder Anton.«

»Oder Franz«, sagte Franz, der noch immer blutete.

»Natürlich, ja, verzeih: Oder Franz. Wollen wir vielleicht mit den Stimmen für Anton beginnen?« Johannes legte eine Hand auf Antons Schulter. »Ich enthalte mich der Stimme, damit nicht der Eindruck entsteht, ich würde das Ergebnis beeinflussen wollen. – Hebt eure Hände, wenn ihr der Meinung seid, dass Anton hier, der uns gerade eine so makellose Probe seines Könnens dargeboten hat, den Christus von Oberammergau geben soll.«

Da Johannes wünschte, das Passionsspiel mit Musik zu untermalen, kam er am Nachmittag mit dem Schulmeister zusammen, Valentin Pauhofer, der zugleich der Kantor des Dorfes war. Man stieg gemeinsam auf die Orgelempore der Kirche. Valentin war etwas älter als Johannes und trug so einen adretten Schnurrbart wie der Eichel-Bube im Kartenspiel. Sein braunes Wams mit dem Spitzenkragen und dem blauen Mantel darüber hob sich ab von der dörflichen Tracht der Ammergauer. Im Vorbeigehen hätte man Valentin daher für einen Kaufmann aus Innsbruck oder München halten können, hätte bei näherem Hinsehen aber doch erkannt, wie einfach und fadenscheinig diese Kleider waren. Und auch sein von französischen Einsprengseln durchsetztes Jesuitendeutsch konnte den heimischen Zungenschlag nicht verschleiern. Seine Finger waren schwarz von Tinte.

Valentin teilte Johannes’ Meinung, dass Musik die Herzen öffnet, wollte ihm aber bezüglich einer musikalischen Passion keine großen Hoffnungen machen: Zum einen sei er Organist nur im Nebenerwerb, und zum anderen sei die hiesige Orgel »ungefähr tausend Jahre alt«, und wie um seinen Punkt zu unterstreichen, griff er in ein Spinnennetz an der Seite des Instruments. »Auf Nimmerwiedersehen, du!«, schimpfte er – barg die Spinne aber in der hohlen Faust und ging mit ihr zur Brüstung der Empore, um sie dort von der Handfläche zu pusten.

Die Orgel von Sankt Peter und Paul hatte lediglich ein Manual mit vier Oktaven und nur vier Register, die man mit eisernen Hebeln an der Seite einschalten konnte. Der Prospekt der Orgel war so schmucklos wie der Deckel eines Eichensargs und, unüblich für Oberammergau, nicht mit einer Reliefschnitzerei verziert, sondern lediglich lackiert – und verdorben durch den Wechsel der Temperaturen, durch Nässe, Würmer und Ruß. Die Tasten aus Holz und Knochen lagen uneben im Manual, mit einer Zahnlücke dort, wo sich einmal das zweigestrichene h befunden hatte.

»Manche Noten klammere ich aus, weil sie nicht mehr tönen oder, noch schlimmer, weil sie falsch tönen. Je größer der Akkord, desto schräger der Klang. Diese Orgel ist nach der Sägemühle das komplexeste Gerät im Tal, und sie klingt leider auch nicht viel besser.«

Zum Beweis hob Valentin einen der beiden Blasebalge an, und während sich dieser herabsenkte, spielte er einen tiefen Ton. Es klang wie der Seufzer eines sterbenden Ochsen. Valentin verdrehte die Augen und schlug mit der flachen Hand gegen das Gehäuse der Orgel – eine Geste, die Geringschätzung ausdrücken sollte, aber das Gegenteil erreichte: Denn Johannes war nicht entgangen, wie Valentin seine Hand im letzten Augenblick gebremst hatte, sodass aus einem unfreundlichen Hieb ein liebevoller Klaps wurde. Und diese maskierte Zärtlichkeit, die Valentin ja schon bei der Spinne hatte erkennen lassen, nahm Johannes ungemein für den Schulmeister ein.

In derselben Mischung aus Geringschätzung und Zärtlichkeit sprach Valentin übrigens auch von seinem Orgelbuben, auf den sie warteten, damit er ihnen die Blasebälge zog. »Noch so eine maculatura, unser Nikolaus Fink«, sagte Valentin, »mit einer Hasenscharte mitten im Gesicht, weißt du? Das kommt davon, wenn deine Eltern im Stammbaum auf demselben Ast sitzen – bei uns in den Bergen keine Seltenheit. Und Fink kann noch von Glück reden, dass er überhaupt lebt, denn sämtliche seiner Geschwister wurden tot geboren. Aber geliebt haben sich die Eltern – inniger als der Tristan seine Isolde. Als sich der Vater, der als Holzknecht für Lang arbeitete, beim Einschlag verletzte und sich die Wunde entzündete und er am Teufelsgrinsen starb« – Valentin unterbrach sich kurz mit der nachgeahmten Grimasse des spastischen Vaters – »da war die Mutter so verzweifelt, dass sie das Wolfskraut directement von der Wiese fraß, um ihrem Geliebten ins Grab zu folgen. Der arme Fink wurde dann herumgereicht von einem Haushalt zum anderen, denn kaum hatte er sich irgendwo eingerichtet, da raffte die Pest seine Gastgeber dahin. Niemand hat sich je darum gerissen, die arme Waise unter die Fittiche zu nehmen. Denn obwohl Fink der rechtschaffenste Kerl im Dorf ist, ist er nicht der hellste, und in seinem Antlitz haben sich ja nun offensichtlich die Dämonen ausgetobt. – Da kommt er, überzeug dich selbst.«

Der Junge kam die Treppen zur Orgel emporgestiegen und nuschelte eine Entschuldigung dafür, dass er sie hatte warten lassen. Nach Valentins Vorrede war es noch schwieriger geworden, Fink nicht auf die Hasenscharte zu starren. Ein Bartflaum bedeckte die Hänge seiner beiden Oberlippen, und die Lücke dazwischen gab den Blick auf die Schneidezähne frei wie ein halb geöffneter Vorhang.

Valentin legte den Arm um den Burschen und zog ihn zu sich. »Seit der Pest wohnt er bei mir. Zur Gegenleistung muss er meine Blasebälge melken, obwohl er es hasst.« Fink wollte protestieren, aber Valentin ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Wir teilen uns also einen Haushalt. Du stehst vor den beiden letzten Junggesellen von Oberammergau.« Und lachend fügte er hinzu: »Und das wird auch so bleiben, denn die einzig blinde Frau im Dorf ist an der Pest krepiert.«

Während Fink begann, die Blasebälge an der Seite des Instruments zu bedienen, nahm Valentin Platz und legte ein Notenblatt aufs Pult. »Ich habe mich spaßeshalber an einem kleinen pièce versucht, damit du einmal hörst, wie begrenzt unsere musikalischen Mittel sind. Das wäre Christi Einzug in Jerusalem.«

Valentin griff in die Tasten, und es war himmlisch. Die Melodie war einfach und von strahlender Klarheit; sie drängte das Ächzen der Bälger, das Schnarren der Leder und das Klappern der Tasten in den Hintergrund; sie bewirkte, dass man den Kopf hob und dass sich einem die Brust über den vollen Lungen wölbte. Johannes sah Christus auf einem Esel in die Heilige Stadt einreiten, er sah den Staub im Licht der Abendsonne, sah die Palmzweige vor den goldgelben Kalksteinmauern, die beseelten Gesichter in der Menge und die ausgestreckten Arme: Hosianna, Hosianna dem Sohn Davids, der da kommt im Namen des Herrn.

Und dass Johannes so hingerissen war von dieser Musik, lag nicht allein daran, dass Valentin zuvor alles dafür getan hatte, die Erwartungen gering zu halten. Der Schulmeister von Oberammergau konnte noch so gequält über seine Schulter schauen und stöhnen und seine Augen verdrehen, um sich mit Johannes gegen das eigene Stück zu verbünden: Diese Scharade konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier ein Meister am Werk war; ein begnadeter Komponist und Organist, der die Unzulänglichkeiten seines Instruments mehr als auszugleichen wusste.

Noch während Valentin spielte, wurde die Tür der Kirche geöffnet. Rosalie hatte zwei der Zimmerleute gedungen, das Tor einer aufgegebenen Scheune aus den Angeln zu heben und in die Kirche zu bringen. Unter Rosalies Anweisungen und Johannes’ Blicken stellten die Männer das große rechteckige Türblatt an einer freien Seitenwand ab. Ganz oben waren mit Kreide zwei Namenspaare aufs Holz geschrieben: Jesus – Anton und Maria – Apollonia.

Man stand am Anfang von etwas Großem. Die beiden wichtigsten Rollen der Passion waren besetzt, und Valentins musikalische Kostprobe klang verheißungsvoll – und das ließ Johannes für ein paar Takte vergessen, dass es noch immer an zahllosen Darstellern mangelte und vor allem an einem vernünftigen Textbuch, und dass Gregor nach der Christus-Wahl auf eine Weise vom Friedhof gestürmt war, die befürchten ließ, dass er für die Passion gänzlich verloren war.

2

Die Entscheidungen traf im Dorf der Rat der Sechs, und vor diesen trug Gregor Plaikner am darauffolgenden Tag seine Klage. Der Sechserrat kam wie stets bei Adam Lang zusammen, dem Holzhändler und Eigentümer der Sägemühle, der einerseits Wortführer der Runde war und dem andererseits das größte Haus im Dorf gehörte. Für den Rat, dem er seit vielen Jahren angehörte, hatte Adam eigens ein Zimmer seines Hauses bestimmt; mit hohen Fenstern aus Tellerscheiben, die so klar waren, dass man hindurchsehen konnte, mit einem Teppich auf dem Boden und Geweihen an den Wänden. Dunkles Holz war überall – nicht nur heimische Tanne und Lärche, sondern auch Kirsche und Nuss: die Täfelung, die Decke, kunstvoll geschnitzt wie die Stühle und die Tafel, an der sie saßen.

Zwei der sechs Ratsherrn saßen nicht mit an der Tafel: Der eine war Sylvester Nai, den die Pest getötet hatte. Der andere war der Hausherr selbst. Adam Lang war im Herbst, wenige Tage nach dem Gelübde, so überraschend zusammengebrochen, als hätte ihn der Schlag getroffen – aber es war nicht der Schlag, und die Pest war es natürlich auch nicht. Es war ein Rätsel. Im Lauf eines einzigen Tages hatten Adam die Lebensgeister verlassen: Morgens war er tatkräftig aufgestanden, mittags hatte er über Mattheit geklagt und abends die Besinnung verloren. Seitdem war er nicht mehr ansprechbar. Wie schlafend lag er in seinem Bett und musste gewindelt werden und mit Brei und Brühe gefüttert. Keine Medizin half, kein Aderlass und kein Gebet. Ab und an schlug er die Augen auf, schielte durch den Raum, hob den Kopf oder einen Arm und stöhnte etwas Unverständliches – und sank dann wieder zurück in die Kissen.

Auf seinem Stuhl am Kopf der Tafel – leicht erhöht und mit dem Rücken zum Kamin – saß nun Agnes Lang, seine Ehefrau, ganz in Schwarz gekleidet wie eh und je seit dem Tod ihrer Kinder. Diesen Platz hatte sie in der ersten Sitzung nach Adams Zusammenbruch eingenommen und angeboten, ihn zu vertreten – denn sie habe sich sein Sinnen und Handeln in langjähriger Ehe dermaßen zu eigen gemacht, dass sie mit seiner Stimme sprechen könne. Die vier übrigen Männer im Rat hatten Agnes’ befremdlichen Vorschlag nicht abgelehnt, da sie dachten, Adams Krankheit müsse bald vorübergehen – denn niemand konnte sich erinnern, ihn je bettlägerig erlebt zu haben, und selbst die Pest, an der seine beiden ausgewachsenen Kinder gestorben waren, hatte ihn nicht berührt. Auch bei der zweiten und dritten Sitzung hatten sie Agnes im Rat geduldet. Und als sich abzeichnete, dass Adams Ohnmacht von Dauer sein würde, war der Zeitpunkt verstrichen, gegen die Langin aufzubegehren. Es war zu spät, ihr die Tür zu weisen, zumal in ihrem eigenen Haus. Außerdem musste man eingestehen, dass ihre Gedanken bemerkenswert unweibisch waren: nüchtern, selbstbewusst und förderlich für die Zukunft des Dorfes. Ihr Auftreten nicht nur im Sechserrat, sondern auch gegenüber den Oberammergauern, war vielleicht weniger energisch als das ihres Mannes, aber nicht weniger ergiebig. Kurzum, alle Ratsherren hatten sich mit Adams Statthalterin arrangiert. Oder vielmehr: Ludwig, Martin und Urban hatten sich mit Adams Statthalterin arrangiert. Gregor würde den Teufel tun. Für wen hielt sich das Weib, dass sie wie selbstverständlich einer Versammlung von Männern vorsaß?

Umso irritierender für Gregor, dass seine Klage bezüglich der Passion nur bei Agnes Widerhall fand. Denn die drei anderen Männer in der Runde wollten seinem Vorschlag, das Gelübdespiel um ein oder zwei Jahre aufzuschieben, nicht zustimmen. Gewiss wogen Gregors Argumente schwer – dass gerade jetzt, im Frühling nach dem großen Sterben, die Überlebenden mehr als genug damit zu tun hatten, die Felder zu bestellen, das Vieh zu versorgen und die Häuser auszubessern. Dass man nicht ausreichend erwirtschaften würde, um den Zehnt an die Benediktiner von Kloster Ettal zu zahlen. Dass man riskierte, von den Oberauern oder den Saukerlen aus Unterammergau, die glimpflicher durch das Seuchenjahr gekommen waren, überflügelt zu werden. Dass es dem neuen Pfarrer schließlich an Jahren, an Erfahrung und an Durchsetzungskraft mangele, ein derartiges Projekt zu dirigieren, dass er das versprochene Textbuch noch immer nicht geschrieben habe und dass er die Heilige Jungfrau ausgerechnet mit der Sternwirtin zu besetzen gedenke, über deren Lebenswandel – ein wissendes Schmunzeln in der Runde – man wohl kein Wort verlieren müsse.

»Der Herr kann nicht wollen, dass wir Ihm eine unvollkommene Passion darbieten, hungernd und in Lumpen gekleidet«, sagte Gregor. »Der Herr ist ewig, was ist Ihm ein Jahr? Sammeln wir lieber unsere Kräfte und präsentieren Ihm dann das prächtigste Passionsspiel, das sich nur denken lässt!«

Die anderen im Rat hielten dagegen, dass sie Gott nicht wie die Winkeladvokaten und Schacherjuden begegnen wollten, die ihren Teil des Handels erst dann einlösen, wenn es ihnen gerade passt. Nach dem Gelübde habe der Herr umgehend die Pest von ihnen genommen, gleichermaßen seien sie nun also zur Eile verpflichtet. Es wäre fahrlässig, die Geduld des Allmächtigen zu prüfen, indem man mit der Passion so lange warte, bis alle anderen Aufgaben erledigt seien. Pfingstsonntag war die Aufführung versprochen, Pfingstsonntag sollte es sein. Ja, möglicherweise laufe man Gefahr, die Passion hungernd und in Lumpen zu spielen – aber war eine Passion hungernd und in Lumpen am Ende nicht das größere Opfer? Im Übrigen wundere man sich über Gregors plötzlichen Sinneswandel. War er nicht bis gestern noch der stärkste Fürsprecher und Antreiber der Passion gewesen? Hatte er nicht hervorragend mit Pfarrer Gabler und der jungen Witwe zusammengearbeitet? Weswegen kehrte er dieser Gemeinschaft jetzt den Rücken? War denn in der Zwischenzeit etwas vorgefallen?

Ausgerechnet Agnes, die zuvor geschwiegen hatte, sprang ihm nun bei. »Ich kann Gregors Sorge nachvollziehen. Ich schlage vor, wir lassen die Proben zur Passion vorerst weiterlaufen, behalten aber die Arbeit von Pfarrer Gabler im Auge. Er ist zwar der Stellvertreter der Kirche, aber als Mensch sicherlich nicht frei von Schwächen. Wenn wir das Gefühl haben, dass er der Aufgabe nicht gewachsen ist oder sich verrennt, schreiten wir ein.«

Dieser Schiedsspruch wurde von allen mit Kopfnicken oder Pochen auf der Tischplatte angenommen – von allen mit Ausnahme von Gregor, der innerlich tobte. Für wen hielt sich das Weib, dass sie neuerdings meinte, Urteile fällen zu dürfen?

Gregor verließ den Rat als Erster und kehrte zurück in sein Haus am Mühlbach. Seine Mutter, seine Frau und seine drei Kinder hatten mit dem Essen auf ihn gewartet. Es gab Rüben und Forellen aus der Ammer. Gregor sprach ein knappes Tischgebet, danach wurde schweigend gegessen. Einmal wollte Elias, der Jüngste, wissen, was es Neues von der Ratssitzung zu erzählen gab, aber Anna legte den Finger erst auf die Lippen und wies dann damit auf Elias’ Teller, und es war wieder ruhig.

Die Prunksucht eines Adam Lang, die stets eine Tendenz zum Gotteslästerlichen hatte, war Gregor fremd. Dementsprechend gab es in seiner Stube kein Silber, keine fein gedrechselten Stühle, keine Teppiche und an den Wänden keine Bilder, die von dem großen Kruzifix hätten ablenken können, das Anton Faistenmantl so meisterlich geschnitzt hatte. Jener Anton, der den Christus jetzt auch auf der Bühne darstellen sollte.

Bei näherer Betrachtung des Kruzifixes fiel Gregor auf, dass Christus am Kreuz mit seinen zarten Zügen und seinem welligen Haar in der Tat eine starke Ähnlichkeit zu Anton hatte. Aber das lag doch nicht etwa daran, dass Christus seinerzeit wie Anton ausgesehen hatte, sondern vielmehr daran, dass Anton offenbar – diese Anmaßung! – sich selbst zum Modell des Erlösers genommen hatte. In jedem dritten Oberammergauer Haus hing ein Kruzifix aus Antons Werkstatt – was Wunder also, dass das Dorf ihn gewählt hatte! Sie waren einfach dem hölzernen Vorbild in ihren Stuben gefolgt, dessen Vorbild wiederum Anton war. Angesichts dieser Erkenntnis blieb Gregor der Fisch im Hals stecken.

Die Ungerechtigkeit war nicht in Worte zu fassen. Er, Gregor, war vor einem halben Jahr die treibende Kraft hinter dem Gelübde gewesen. Er hatte – irr vor Angst um sein Seelenheil – den Schwur gesprochen, und das Dorf hatte jedes seiner Worte wiederholt. Er hatte den Bau der Bühne veranlasst und den neuen Pfarrer auf seine Aufgabe eingeschworen. Die Hauptrolle des Passionsspiels stand daher ihm zu und niemandem sonst; sie war die Möglichkeit für ihn, Buße zu leisten für seine Verfehlung. Eine Schuld wie die seine konnte er doch nicht abtragen, indem er irgendeinen dahergelaufenen Apostel spielte, der dann auch noch vor Anton-Christus buckelte!

Dass Gregor trotz seiner Verdienste der Missgunst des Dorfes ausgesetzt war, lag sicherlich daran, dass seine gesamte Familie, ja selbst die hochbetagte Mutter das Massensterben überstanden hatte. Damals hätte er alles getan für das Leben seiner Kinder. Heute bedauerte er fast, dass alle überlebt hatten. Eines hätte er doch entbehren können – einen der Buben vielleicht, den Daniel oder besser noch den Elias. Dann könnte er sich jetzt wie alle anderen mit seinem Kummer schmücken; dann wäre er Teil jener großen Gemeinschaft der Betroffenen. Stattdessen ständig diese neidischen Blicke in seinem Rücken. Man fühlte sich wie der Soldat, der als Einziger aus einer Schlacht zurückkehrt, in der sämtliche seiner Kameraden gefallen waren.

Aber jetzt hatte die Bagage ja eine Möglichkeit gefunden, es ihm heimzuzahlen: indem sie ihm den Jesus versagte. Und die anderen Ratsherren, gleichfalls allesamt missgünstige Hinterbliebene, legten derweil die Hände in den Schoß. Plötzlich sah sich Gregor am anderen Ende der Hierarchie, wie ein Ausgestoßener. Und er hatte niemanden, mit dem er seine Verbitterung teilen konnte. Adam war nicht ansprechbar. Mit Valentin zu sprechen, verbot sich aus einer ganzen Reihe von Gründen. Und seine Frau? Die hätte schön geschaut, wenn er ihr plötzlich sein Herz ausgeschüttet hätte. Man wechselte ja selten mehr als drei Mundvoll Worte am Tag. Er sah zu Anna, die seiner Mutter die Rüben schnitt.

Seine Mutter allerdings spürte wieder einmal, dass er etwas mit sich herumtrug. Nach dem Essen, als er schon in der Tür stand, um in die Schmiede aufzubrechen, da kam sie noch einmal zu ihm. »Wer Ärger schluckt, der Ärger spuckt«, sagte sie und kniff ihm in die Wange. »Und wer dir ein Unrecht getan hat, Spatzl, den wird Gott dafür bestrafen.«

Er rang sich ein Lächeln ab. Sie streckte ihre altersschwachen Arme nach ihm aus. Gregor beugte sich herunter in ihre Umarmung und schloss die Augen.

Er hatte sich bereits schweißnass gehämmert, als Agnes Lang im Eingang stand. Über ihrem schwarzen Kleid mit Spitzenkragen trug sie nun einen schwarzen Lodenumhang und über dem aschblonden Haar eine Haube. Einen Schritt hinter ihr stand Wendel, Adams Faktotum, den sie den Pfälzer nannten. Er war der Einzige im Tal, der Gregor noch überragte. Seitdem Adam in Ohnmacht gefallen war, war der Pfälzer Agnes’ Schatten – und im Übrigen auch genauso schweigsam wie ein solcher. Sein Gesicht war narbig wie das Werk eines betrunkenen Schnitzers. Aufgrund der vielen Furchen konnte man seine Miene nie deuten. Das Dorf mied ihn.

»Du warst so schnell fort«, sagte Agnes mit einem Lächeln, »dabei wollte ich doch noch unter vier Augen mit dir reden.«

Gregor ließ den Hammer sinken, tat ihr aber nicht den Gefallen einer Erwiderung.

»Ich bin deiner Meinung, was das Gelübdespiel betrifft«, sagte sie. »Es ist bis Pfingsten nicht zu schaffen. Wir werden uns vor Gott und dem ganzen Ammergau blamieren.«

»Wenn du so denkst, warum hast du es vor dem Rat nicht ausgesprochen?«

»Weil man ihnen solche Dinge nicht mit dem Hammer beibringt. Einige dieser Männer haben einen Schwur vor Gott geleistet. Mit Argumenten – und mögen sie auch noch so einleuchtend sein – wirst du sie davon nicht abbringen.«

Mit der Zange nahm Gregor die Beilschneide, an der er arbeitete, vom Amboss und gab sie zurück in die Esse. »Dann willst du diese Passion auch verhindern?«, fragte er. »Weshalb?«

»Weshalb willst du sie denn verhindern?«

»Du hast meine Gründe gehört, vorhin.«

»Das mit den Feldern und dem Vieh und den undichten Dächern? Das sind gewiss gute Gründe, Gregor. Aber könnte deine plötzliche Gegenwehr nicht auch damit zu tun haben, dass bei der Wahl zum Christus fast sämtliche Stimmen an Anton gingen, während für dich nur ein einziger Mensch gestimmt hat – nämlich du selbst? Selbst der Unglücksrabe Franz kam auf zwei Stimmen, habe ich gehört: eine von ihm und eine von seinem Bruder. Doppelt so viele Stimmen wie du.« Und hier zwinkerte sie dem Pfälzer zu, der hinter ihr stand, der aber entweder nicht zugehört hatte oder die Pointe nicht verstanden.

»Weshalb bist du hier? Ich habe zu tun.«

»Ich biete dir an, dass wir uns zusammentun, Gregor. Dass wir gemeinsam die Passion verhindern, nein: dass wir diese Passion verhindern, die zum Fiasko zu werden droht.«

»Wie willst du das anstellen?«

»Ich bin mir sicher, uns wird etwas einfallen. Man könnte, um nur ein Beispiel zu nennen, den Abt von Kloster Ettal darauf hinweisen, dass das Holz, aus dem derzeit die Bühne fürs Spiel gezimmert wird, unrechtmäßig in seinem Forst geschlagen und im Schutz mehrerer Nächte nach Oberammergau gebracht wurde.«

Gregor schüttelte langsam den Kopf, angewidert von der Niedertracht der Frauen. »Das mussten wir damals tun, weil du uns kein Holz geben wolltest.«

»Wie hätte ich? Es ist nicht mein Holz, sondern das meines Mannes. Ich kann mich dessen nicht einfach bemächtigen, nur weil er schläft.«

»Warum nicht? Du bemächtigst dich doch auch seines Platzes im Rat.«

Sie antwortete mit einem Lächeln. Er drehte ihr den Rücken zu, um die Schneide wieder aus der Glut zu nehmen.

»Was sagst du zu meinem Angebot der Zusammenarbeit?«, fragte sie.

»Ich sage, ich brauche deine Hilfe nicht.« Gregor begab sich zurück an den Amboss. »Es steht dir im Übrigen gar nicht zu, mir ein derartiges Angebot zu machen. Geh heim, ans Bett deines kranken Gemahls, wo dein Platz ist, und halt dich raus aus den Geschäften der Männer.«

3

Zu Mariä Verkündigung, vor der Aussaat und dem Auftrieb, sollte der jährliche Flurumgang abgehalten werden, bei dem man die Monstranz in alle vier Ecken der Gemeinde trug, um Schutz vor Hagel und Trockenheit, vor Schädlingen und Ungeziefer zu erbitten. Rosalie hatte Johannes angeboten, vorher den Weg um das Dorf und die Felder mit ihm abzugehen, damit er später die Prozession anzuführen wisse.

Von der Kirche gingen sie zunächst am Lainebach entlang Richtung Osten. Hier hatte die Pest am stärksten gewütet, hier waren die meisten Häuser verlassen. An manchen Türen sah man noch Spuren der Pestkreuze, die man mit Kreide oder Rötel auf unreine Häuser gekritzelt hatte. Aus einem Fenster hing ein weißes Tuch von einer Stange, zerfressen von Zeit und Witterung – die Kapitulation vor der Pest, ein vergessenes Leichentuch im Wind. Drei Häuser waren niedergebrannt: Das Haus der Schüsslerin hatte man ganz zu Beginn der Seuche angesteckt in der Hoffnung, die Krankheit mit diesem Fanal vertreiben zu können, ehe sie im Tal Fuß fasste. Das Haus der Ederles war mitsamt dem Backhaus durch eine schlecht bewachte Räucherpfanne in Flammen aufgegangen. Das Haus der Prambergers schließlich hatte man auf dem Höhepunkt der Pestilenz abgefackelt, als das Dorf rasend war vor Furcht; als man Kühe in Schluchten getrieben hatte, nur weil es hieß, ein Kranker habe ihre Euter umfasst, als man Truhen voll Mehl in die Ammer entleert hatte, nur weil einem daraus eine Ratte entgegengesprungen war, als man sogar den Beichtstuhl mied und den Abendmahlskelch zurückwies und keinen Fuß mehr auf den Friedhof setzte aus Angst, die Toten könnten einen durch die Erde hindurch anhauchen und vergiften. Prambergers waren zusammen mit ihrem Haus verbrannt, denn als die Prambergerin seinerzeit mit fiebererstickter Stimme angekündigt hatte, ihren Arrest zu verlassen, um ihre fünf Kinder zu begraben, da hatte man ihr Tür und Fenster zugenagelt und an den vier Ecken des Hauses Feuer gelegt.

Einige Familien hatten das Viertel an der Laine, dessen Ruinen einen auch nach dem Ende der Pest fortwährend an die Pest erinnerten, zum Winter hin verlassen und waren umgezogen in bessere Häuser in der Dorfmitte, die die Seuche entvölkert hatte. Mitunter hatte die Not auch neue Familien gegründet: Pestwitwen hatten sich Pestwitwer gesucht, und verwaiste Kinder waren zu verwaisten Eltern gekommen, und alle waren einander fremd, weil sich jeder in der neu gefundenen Konstellation halb als Betrüger fühlte und halb als Betrogener.

Rosalie gehörte zu den wenigen, die sich an der Nachbarschaft mit den Toten nicht zu stören schienen. Ihr Haus lag bergan, etwas abseits der anderen Häuser, mit dem murmelnden Bach im Rücken und einem schönen Blick über das Tal; eine niedrige Hütte mit steinbeschwertem Schindeldach, die nackte Holunderbüsche wie ein grauer Schatten umgaben. Keineswegs groß, aber doch zu groß für einen Menschen allein. Auch an ihrer Tür prangte noch das Rötelkreuz.

Am Hang entlang führte der Weg die beiden zur alten Reichsstraße. Auf den Bergen, die den Ammergau rund umschlossen, lag noch Schnee. Die Landschaft darunter war schwarzgrüne Tannenwälder und braunblasse Wiesen, gesprenkelt mit Huflattich, Schlüsselblumen und Krokussen. Hier am Fuße des Aufackers lagen die Äcker der Gemeinde, die Johannes zur Verkündigung des Herrn segnen würde. Und Segen hatten sie nötig, denn der Boden war arm. Manche der Felder waren bereits verwildert. Zäune waren umgestoßen und nicht wieder aufgestellt worden. Einmal sahen sie auf einer Weide das Skelett eines Rinds und einmal am Wegesrand einen Leiterwagen mit gebrochenem Rad, den man sich selbst überlassen hatte und der nach einem Winter unter freiem Himmel nicht mehr zu retten war. Zwei Bauern waren mit Gaul und Pflug auf einem der Felder beschäftigt. Rosalie schüttelte vorwurfsvoll den Kopf und meinte, es sollten ihrer mindestens zwei Dutzend sein. Man grüßte sich mit erhobener Hand.

Kurz vor dem Pulvermoos, dem Niemandsland zwischen Oberammergau und Unterammergau, stand unter einer nackten Eiche ein Marien-Heiligenhäuschen. Dies war die nördlichste Station und der Scheitelpunkt der Oberammergauer Bittprozession; hier würde man Ende März die heilige Messe feiern. Johannes sprach ein Gebet vor der Maria mit dem ausgebreiteten Mantel.

Die Pfarrhaushälterin hatte ihnen Brot, Käse und einen Wasserbeutel mitgegeben, und unter der Frühlingssonne hielten sie Jause. Im Sonnenlicht erwärmte sich Johannes’ schwarze Soutane aufs Angenehmste. Rosalie gleißte regelrecht mit ihrer hellen Haut und ihrem strohblonden Haar. Johannes fühlte sich an die Abbildungen von Engeln erinnert. War Rosalie nicht auch wie die Engel; furchtlos und körperlos, gleichsam ohne Geschlecht? Zugegeben, barmherzig war sie nicht – aber es waren ja auch nicht alle Engel barmherzig: Ein strenger Engel etwa hatte Adam und Eva mit flammendem Schwert aus dem Paradies vertrieben.

Rosalies Blick ging ins Leere. Es war eine dieser Oberammergauer Absencen, die Johannes seit seiner Ankunft schon öfter wahrgenommen hatte: Männer wie Frauen hielten mit einem Mal inne – in der Gasse, bei der Arbeit, in einem Gespräch – und ihr Geist ging in die Vergangenheit, zum Albtraum der Pest und zu den Angehörigen und Freunden, die sie verbrannt und vergraben hatten. Meist ging es lautlos vorüber, aber manchmal war die Erinnerung so schmerzhaft, dass diese Menschen zu schluchzen oder zu weinen begannen oder auf alle viere niedergingen, und dann war nichts zu wollen. In seiner ersten Woche hatte Johannes einen Greis trösten wollen, der an einer Häuserwand zusammengebrochen war und heulte, wie ein Säugling in sich gekrümmt, aber kein Wort drang zu dem Mann durch. Ein anderer Dörfler riet Johannes, von dem Mann abzulassen. Bei diesen Anfällen sei kein Trost möglich.

Rosalie seufzte und kam wieder zu sich. Sie wies auf die linke Mauer des Heiligenhäuschens, wo auf dem schneeweißen Kalk ein Schatten von Ruß lag. »Hier brannte das Wachfeuer, Ende September, als die Seuche ins Land kam«, erklärte sie. »Als wir die schlimmen Nachrichten hörten aus Partenkirchen, aus Böbing, aus Eschenlohe – aus Kohlgrub, Gott erbarm!, wo die Pest nichts am Leben ließ außer einem Rind und vier Weibern. Hier und an den anderen Enden der Gemeinde, Richtung Ettal und Eschenlohe, hatte der Sechserrat Tag und Nacht bewaffnete Männer postiert, um die Zugänge zum Ort zu versperren. Kein Schwein herein, keine Maus hinaus. Was haben wir uns alle sicher geglaubt, was haben wir Oberammergau gerühmt für seine reine Luft und die Schutzwälle seiner Berge, Wälder und Moore – eine Insel im Meer der Pestilenz, eine Arche während der Sintflut. Aber jemand muss sich mit der Krankheit im Gepäck durch die Kontrollen geschlichen haben – im Schutz der Dunkelheit, über einen Pass oder hier durchs Moor – und hat ein Loch in unsere Arche geschlagen. Vielleicht waren die Wachen auch zu betrunken, um den Eindringling zu bemerken: Es war ja Kirchweih. Was haben sie da noch gefeiert, die Narren. Getrunken und musiziert und den Reigen getanzt, und nicht geahnt, dass der Tod längst mit ihnen tanzt.«

»Weiß man, wer dieser Jemand ist, der die Pest nach Ammergau gebracht hat?«

Rosalie schüttelte finster den Kopf. »Aber ich hoffe, er ist elend daran verreckt und geradewegs in die neunte Hölle gefahren. Der Gedanke, er könnte sich noch unter uns befinden, ist mir unerträglich.«

Sie ließ den Blick übers Moor schweifen, dessen Wasserlachen in der Sonne dampften. »Nach dem Ausbruch der Pest sind sie mit einem Mal drüben Patrouille gelaufen, auf der Unterammergauer Seite, dass keiner von uns zu denen kommt. Unterammergau blieb verschont, was schwer zu begreifen ist. Da lebt ein übler Menschenschlag: stumpf, kleingeistig und ungepflegt. Aber vielleicht ist das gerade das Wesen der Pest – dass sie die Aufrechten, die Wohltätigen und die Kinder niederstreckt statt der Lumpen, der Schinder, der Unterammergauner. Gott hat die Guten zu sich genommen in die Gärten der Glückseligkeit. Die Schlechten sind zurückgeblieben und müssen weiter an sich arbeiten, bis sie Platz nehmen dürfen an der Tafel des Herrn. Ich eingeschlossen.«

»Sei nicht so streng zu dir.«

»Ich bin nicht streng genug. Ich muss reiner werden. Ich muss härter arbeiten. Aber mit der Passion wird alles gut. Ich könnte mir kein größeres Glück vorstellen, als nach vollendetem Spiel zu sterben, denn dann weiß ich, dass ich Seinen Willen getan habe und Er mir vergeben hat.«

»Vergeben, Rosalie – was denn?«

»Alles.«

Damit war die gelöste, frühlingshafte Stimmung wieder vertrieben. Schweigend befreiten sie die Muttergottes in ihrem Häuschen von Laub, Spinnweben und toten Kerbtieren. Dann wanderten sie auf der Reichsstraße zurück, auf der Ammerseite am Dorf vorbei bis hin zu jener Pforte in den Bergen zwischen dem Ammertal und dem Graswangtal; dort, wo bei dem Meilenstein und dem mehr als mannshohen Flurkreuz eine weitere Pestwacht gestanden hatte. Der Durchlass zwischen dem Schaffelberg auf der linken und dem Rappenkopf auf der rechten Seite war dicht von Wald bedeckt; in diesem verschwand die Straße. Laut Meilenstein betrug der Weg zum Ettaler Kloster eine knappe Stunde.

»Hier macht die Prozession für gewöhnlich kehrt«, sagte Rosalie, ohne die Augen von der Straße zu nehmen. Und auch danach starrte sie weiter in den Wald.

War dies eine weitere Absence? Wollte sie, dass er jetzt etwas sagte? Dort im Wald war ihr Mann ermordet worden, das hatte Rosalie einmal erwähnt. War dies der Zeitpunkt, sich nach den Umständen seines Todes zu erkundigen? Aber Johannes wollte nicht noch mehr von Tod und Unglück hören und von Schuld und Gottes hartem Gericht, also stellte er sich ahnungslos. Er gewährte ihr einen Augenblick, etwas von sich aus zu sagen, und betrachtete derweil das Flurkreuz aus Fichte, das sich leicht zu einer Seite neigte, und den Jesus daran, der über die Jahre zum Opfer von Sonne und Regen, Flechten und Wurmstich geworden war. Als eine Weile nichts von Rosalie gekommen war, klatschte Johannes in die Hände und meinte heiter, nun sei es sicherlich Zeit für den Heimweg.

Auf dem Rückweg führte ihn Rosalie an der Pramberger-Ruine vorbei. Von der Hütte waren nur einige geschwärzte Pfeiler und der gemauerte Kamin geblieben. Der Grund des Hauses war bedeckt von verkohlten Balken und Kalksteinen und bis zur Unkenntlichkeit verlodertem Hausrat. Vor der Ruine stand ein zweirädriger Handwagen, über dessen Ladefläche ein schmutziges Tuch gebreitet war.

Auf einem Felsbrocken etwas hangabwärts saß, mit dem Rücken zu ihnen, der Schwede, umringt von drei Kindern aus dem Dorf; ein Mädchen und zwei Knaben, alle mit Weidenzweigen in den Händen. Der Schwede sprach zu ihnen, und sie hörten mit offenen Mündern zu, während ihre Finger gedankenverloren über die Weidenkätzchen strichen.

Rosalie geriet augenblicklich in Rage. Im Laufschritt stapfte sie auf den Schweden zu und stieß ihn, bevor er ihrer gewahr wurde, mit beiden Händen vom Fels. Er fiel vornüber in die Wiese. Die Kinder sprangen erschrocken auf. Rosalie setzte dem Mann nach, trat ihm den Stiefel auf die Brust und hinderte ihn so daran, wieder aufzustehen. Er wehrte sich nicht.

»Hab ich dir nicht hundertmal verboten, du sakramentsverfluchter Höllenhund, den Kindern deine protestantischen Lügengeschichten zu erzählen?« Bevor er antworten konnte, fuhr sie die Kinder an: »Und ihr gottvergessenen Blagen, wisst ihr nichts Besseres zu tun mit eurer Zeit, als einem Ketzer und Schlagetot an den Lippen zu hängen? Schleicht euch, wascht euch die Ohren und bittet Gott um Vergebung! Da kommt der Herr Pfarrer, dem sag ich eure Namen.«

Die drei schauten so ängstlich und blass, dass Johannes, der nun zu ihnen aufgeschlossen hatte, die Drohung wieder entschärfen wollte. Aber bevor er dazu kam, machte Rosalie einen Schritt auf die Kinder zu, mit grimmiger Miene und erhobenen Armen, und da rannten sie über die Wiese davon.

»Es war nichts Protestantisches«, entgegnete der Schwede. Sein Deutsch war gut, aber die überzähligen Zischlaute und die eigentümliche Sprachmelodie hatte er in den zwei Jahren offenbar nicht ablegen können. Sein blonder Bart und sein Schopf waren vom Wetter gebeizt wie seine Haut, und über seinen taubenblauen Augen lagen eine Narbe und ein Zug von Traurigkeit. Er trug Lumpen, deren oberste Schmutzschicht aus Ruß und Asche bestand. Er roch nach erloschenem Lagerfeuer und Schweinestall. »Ich habe ihnen die Fabel erzählt, wie der Hahn zu seinem Kamm kam. Die habe ich als Kind in –«

»Halt’s Maul.«

Der Schwede seufzte und stand wieder auf.

»Wie kam denn der Hahn zu seinem Kamm?«, fragte Johannes.

»Vor langer, langer Zeit gab es einmal einen besonders stolzen Hahn, der hatte –«

»Dein Maul sollst du halten, Sauschwed!«, ging Rosalie dazwischen. »Gott schuf den Hahn und er schuf ihn mit Kamm, was gibt es da noch zu reden!« Und zu Johannes: »Frag ihn doch nicht auch noch!«

Der Schwede zwinkerte Johannes zu und ging zurück zu seinem Handwagen bei der Ruine. Rosalie heftete sich an seine Fersen. »Gestatten wir dir zu viel Muße? Zu viele Freiheiten? Willst du zurück an die Kette? Was treibst du dich überhaupt hier oben herum und bist über und über mit Asche bedeckt? Hast du in den Trümmern heimlich nach den Preziosen der Prambergerin gestochert?«

Sie griff nach einer Ecke des Tuchs, das die Ladefläche seines Wagens bedeckte. Er wollte sie noch daran hindern, war aber nicht schnell genug. Mit einem Ruck zog sie das Tuch herunter. Zum Vorschein kamen freilich nicht die Preziosen der Prambergerin, sondern vielmehr die Prambergerin selbst: zwei Beckenschaufeln und ein Unterkiefer mit Zähnen daran sowie zwei kindliche Schädel und eine Vielzahl größerer und kleinerer Knochen, allesamt mehr schwarz als weiß – jene unvollständigen Überreste, die das Feuer überstanden hatten.

Johannes schauderte. Er murmelte eine Fürbitte. Rosalie hatte es die Sprache verschlagen. Ihre Finger hielten das Tuch umklammert und die Knochen ihren Blick.

»Ich hatte etwas Zeit«, erklärte der Schwede, »und ich bin der Totengräber. Christina Pramberger wollte mit ihren Kindern auf dem Friedhof beerdigt sein, also habe ich nach ihnen gesucht.«

Rosalie hob einen Knochen auf, der bei ihrer heftigen Enthüllung zu Boden gefallen war, legte ihn zurück und breitete das Tuch dann wieder über die Gebeine. »Dann bring sie auch auf den Friedhof, anstatt Fabeln zu erzählen«, sagte sie etwas sanfter. »Sie warten seit einem halben Jahr, sie sollen nicht länger warten müssen. Wir gehen auch zur Kirche. Lauf du hinter uns, du stinkst nach Kot.«

Johannes und Rosalie sahen zu, wie der Schwede die Grube für Schädel und Knochen aushob. Aus der Kirche hallte Valentins Orgelspiel und hätte sich wie das dazugehörige Requiem angehört, hätte sich Valentin nicht immer wieder abrupt unterbrochen, um einen Takt zurückzugehen und eine Variante auszuprobieren, die noch schöner klang.

Bei einem Seitenblick bemerkte Johannes, dass Rosalie weinte und offenbar schon eine ganze Zeit lang geweint hatte. Die Tränen ließ sie ungehindert in den Kragen laufen, und es war auch kein Geräusch von ihr zu vernehmen, weder Schluchzen noch Schniefen. Ihr Gesicht blieb eine steinerne Maske – die dünnen Lippen ein Strich, die Augen unbewegt auf das Grab und den Schweden gerichtet.

Niemand im Dorf stand Johannes dermaßen hilfreich zur Seite wie Rosalie. Vom ersten Tag an hatte sie sich seiner angenommen. Ohne sie wäre seine Ankunft in Oberammergau deutlich schleppender verlaufen, hätte er deutlich länger gebraucht, das Dorf und seine Bewohner kennenzulernen. Sie war sich für keinen Dienst zu schade, ja ganz im Gegenteil: Je mühseliger, je erniedrigender die Aufgabe, desto bereitwilliger kam Rosalie ihr nach. Die junge Witwe war zweifellos Johannes’ größter Beistand. Er, der vorher kaum je mit Frauen zu tun gehabt hatte, war geneigt, sie seine Freundin zu nennen.

Aber Rosalie machte ihm auch Angst. Johannes begriff, warum Gregor und viele andere ihre Gesellschaft mieden. Niemals hatte sie in seiner Gegenwart je gelächelt, geschweige denn gelacht. Niemals hatte er jemanden derart beherrscht weinen gesehen. Ihre Grobheit gegenüber Andersdenkenden machte ihm Angst, ihre Furchtlosigkeit vor der Pest und diese Wolke von Verlust, die sie stets umgab. Und wenn er ganz ehrlich war, graute ihm sogar vor ihrem Glauben.

4

Die Woche drauf kehrte mit schweren Flocken der Winter zurück. Innerhalb einer Nacht waren Tal und Dorf wieder weiß bedeckt. Im Pfarrhaus empfing Johannes Rosalie und Valentin, denn die beiden hatten schon länger begehrt, einen Blick in sein Manuskript zu werfen, und er wusste sie nicht länger zu vertrösten. Und so saßen sie da in der Stube, die Dreieinigkeit der kommenden Ammergauer Passion: Johannes mit dem Rücken am Lehmofen, die beiden anderen ihm gegenüber, und auf dem Tisch zwischen ihnen Johannes’ dicht beschriebene Bögen – die ersten Szenen der Leidensgeschichte Christi: Jesu Einzug in Jerusalem und das Mahl in Bethanien. Elsbeth, die kleine graue Pfarrhaushälterin mit den Hexenhaaren am Kinn, kam von Zeit zu Zeit aus der benachbarten Küche und brachte ihnen gegen die Kälte erst warmen Gerstenbrei mit Honig und dann einen Kräutertee.

Nachdem der Brei gelöffelt war, lasen Rosalie und Valentin den Text. Ihnen stumm dabei zuzusehen, war für Johannes bereits Qual genug, aber noch unangenehmer wurde es, als Valentin nach einigen Seiten anbot, Rosalie, die – im Lesen ungeübt und von Johannes’ kleiner Schrift und den zahllosen Korrekturen und Anmerkungen überfordert – noch immer nicht über die zweite Seite hinausgekommen war, vorzulesen. Denn nun bekam Johannes seine ungelenken Dialoge erstmals laut zu hören. Er ging unnötig oft dazwischen, um lateinische Passagen zu übersetzen, um Wörter und Haltungen zu erklären, um zu kommentieren und zu relativieren – »oder etwas in der Art«, »erst mal nur ein Platzhalter«, »ließe sich aber auch streichen«. Mit verschränkten Armen und schlecht beherrschter Mimik durchstand er die Lesung. Valentin war dabei kein Vorwurf zu machen, denn er hatte sich redlich bemüht, flüssig und dramatisch vorzutragen, was sich aber schwierig gestaltete bei einem Text, der weder das eine noch das andere war.

»Was meint ihr?«, fragte Johannes, als Valentin das letzte Blatt sinken ließ.

»Dein Text ist wie das Vaterunser …«, hob Rosalie an.

»Gottlob, wirklich?«

»Lass mich ausreden«, sagte sie: »Dein Text ist wie das Vaterunser von Franz. Ohne Überraschung, ohne Spannung, ohne Leidenschaft. Ohne Passion. Man möchte fast sagen: ohne Glauben.«

Johannes blinzelte und schaute von Rosalie zu Valentin und zurück.

»Da bedanke ich mich, Rosalie, dass du mir das so schonend beibringst.«

»Habe ich es dir schonend beigebracht? Das wollte ich nicht.«

»Nein, hast du auch nicht.« Johannes wandte sich Valentin zu. »Und was meinst du?«

»Du hast mehr oder weniger das Markusevangelium abgeschrieben, und das mit großer Sorgfalt«, meinte Valentin und wies auf die Zeilen. »Aber deine Heiligen reden so seltsam. So biblisch, weißt du? Dein Deutsch werden unsere einfachen Ammergauer nicht verstehen, von deinem Latein ganz zu schweigen. Und ich denke, die Sätze sollten sich vielleicht reimen, weißt du? Wie bei den Fastnachtsspielen? Mir war in meinem Leib so übel/Es trieb mich zwölfmal auf den Kübel, etwas, verzeih, in dieser Art. Wenn es sich reimt, können sich die Darsteller ihren Text besser merken, weißt du, vor allem die, die nicht lesen können.«

»Dann schreib du es«, sagte Johannes und schob Valentin die Papiere zu. »Bitte, ich weiß nicht weiter.«

»Ich kann es kein bisschen besser. Töne sind mein Handwerk, nicht Worte.«

Und auch Rosalie schüttelte ablehnend den Kopf. »Ich kann kaum lesen.«

»Und wenn wir den Text eines anderen Spiels, einer anderen Stadt nehmen?«, fragte Valentin.

»Ein Pferd nehmen und quer durch den Krieg nach Augsburg reiten, nach München oder nach Passau, um Gott weiß wo um Erlaubnis zu bitten, eine Passion zu kopieren?« Johannes legte sein Gesicht in die Hände und begann zu kneten. »Als hätten wir nicht genügend andere Probleme.«

Es klopfte an der Haustür. Sie hörten, wie Elsbeth aus der Küche kam und öffnete. Dann hörte man sie nur »Oh, oh, oh« herausbringen; der Besuch war offenbar vollkommen unerwartet und unerwünscht. Johannes trat zu ihr in den Flur. Im schwarzen Rahmen der Tür stand, scharf wie ein Scherenschnitt vor dem Neuschnee dahinter, ein Benediktiner im schwarzen Mantel mit Pelzbesatz, hohe schwarze Stiefel mit Sporen, ein schwarzes Birett auf dem Kopf und vor der Brust ein goldenes Kreuz. Elsbeth drängte sich hinter die geöffnete Tür und machte sich noch kleiner, als sie ohnehin schon war.

»Seine Gnaden Abt Goppelsrieder, Hochwürden«, erklärte sie, »der Vorsteher von Kloster Ettal.«

»Grüß Gott«, sagte der Abt und trampelte sich ungezwungen den Schnee von den Stiefeln.

Johannes verbeugte sich. »Euer Gnaden, was für eine unerwartete Ehre. Dass wir zwei uns endlich einmal begegnen. Was, äh, was führt Euch nach Oberammergau?«

»Die Lärchen. Die fünf bis sechs Klafter Lärchen dort« – er deutete nach draußen, Richtung Friedhof – »die mir aus meinem Forst im Graswangtal gestohlen wurden und jetzt offenbar zu einer Art Theaterbühne verbaut werden sollen, und zwar, seltsam genug, mitten auf dem Kirchhof? Die Lärchen führen mich nach Oberammergau, Herr Pfarrer. Und, natürlich, dass wir zwei uns endlich einmal begegnen.«

Vor dem Pfarrhaus standen vier Pferde und die drei Begleiter des Abtes; ein Kanzlist und zwei bewaffnete Gardisten. Denn obwohl es schon seit fast zwei Jahren keine Schwedischen oder Kaiserlichen mehr in den Gau verschlagen hatte, konnte man vor Marodeuren auf den Straßen niemals sicher sein.

Valentin diente sich nach der Begrüßung des Abts an, dessen Pferde in eine Scheune zu bringen und die Begleiter zum Sternwirt, damit sie nicht in der Kälte warten mussten. Rosalie begab sich zu Elsbeth in die Küche, um aus dem Weg zu sein und dennoch lauschen zu können. Johannes fühlte sich von beiden im Stich gelassen.

Nachdem Abt Goppelsrieder auf der Ofenbank Platz genommen hatte, zog sich auch Johannes einen Stuhl heran. »Euer Gnaden, mit den Bäumen habe ich nichts zu schaffen«, sagte er, »denn als das Holz geschlagen wurde, im Herbst, da war ich noch gar nicht in Oberammergau. Es war die Zeit, in der die Gemeinde ganz ohne Geistlichkeit auskommen musste, weil ihnen der gewesene Pfarrherr an der Pest gestorben war. Ich habe mein Amt hier erst im letzten Monat angetreten, wie Euer Gnaden sicherlich wissen. Man wollte das Holz für die Passionsbühne zunächst von Adam Lang erhalten, der, wie Euer Gnaden sicherlich wissen, über den Holzhandel hier im Tal gebietet, doch dessen Frau Agnes unterband den Handel, weil sie eine solch große Menge nicht abgeben wollte ohne das Einverständnis ihres Mannes, der sich aber seit geraumer Zeit in einer Art Dämmerschlaf befindet und sein Einverständnis folglich nicht geben kann. Um eine Bühne zu zimmern, benötigt man nun aber Bäume, und deshalb muss irgendein Strolch den Vorschlag gemacht haben, diese im Nachbartal zu schlagen, wohl in der frechen Hoffnung, niemand würde deren Verschwinden bemerken. Wer das war, ich weiß es nicht, und ich hätte es, wäre ich seinerzeit schon Pfarrer gewesen, selbstverständlich unterbunden.«

Der Abt strich sich über den Knebelbart und betrachtete Johannes so lange, bis dieser den Blick abwandte. »Du weißt aber, dass das Holz dem Kloster gehört. Seit deiner Ankunft sind viele Tage verstrichen, in denen du dies dem Kloster hättest melden müssen.«

»Ich hätte es tun müssen, aber halten zu Gnaden, dies ist meine erste Pfarrei, und seit meiner Ankunft habe ich kaum eine freie Stunde.«

»Weil du, kaum eingetroffen, dieses Leiden-Christi-Spiel auf die Bühne bringen musst.«

»Weil sich das Dorf in den Kopf gesetzt hat, es zu tun. Und weil mir, als Geistlichkeit, dessen Leitung überantwortet wurde. Ich bin zu dieser Passion gekommen wie …«

»Wie die Jungfrau zum Kinde«, beendete der Abt den Satz, weil Johannes auf halber Strecke verstummt war.

»Absolve me.«

»Te absolvo, Bruder. Aber wie verfahren wir nun mit dem Holz?«

»Wenn Euer Gnaden das Holz zurückfordert – was notabene Euer Gnaden gutes Recht ist –, wird es schwer für uns, die Passion zu spielen.«

»Du scheinst davon auszugehen, ich wünsche, dass ihr die Passion spielt. Vielleicht habe ich ja Bedenken, was euer Vorhaben betrifft? Das Gelübde dieses Völkchens in allen Ehren, aber: einfache Bauersleute als Apostel und Römer? Irgendein ungehobelter, des Lesens unkundiger Ziegenhirt, der kaum seinen Petrus vom Paulus unterscheiden kann, sich aber anmaßt, den Sohn Gottes zu imitieren?«

»Unser Christus ist –«, wandte Johannes ein, kam aber nicht weiter.