Oblomow - Iwan Alexandrowitsch Gontscharow - E-Book
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Beschreibung

Iwan Alexandrowitsch Gontscharows "Oblomow" ist ein meisterhaftes Werk der russischen Literatur, das sich mit der Thematik der Passivität und der sozialen Ineffektivität des Individuums auseinandersetzt. Der Roman erzählt die Geschichte von Ilya Ilyich Oblomov, einem wohlhabenden Adligen der mittleren Schicht, der in einer Lebensweise gefangen ist, die von Untätigkeit und Träumerei geprägt ist. Gontscharow nutzt einen eindringlichen, manchmal melancholischen Schreibstil, der die innere Zerrissenheit und die gesellschaftlichen Spannungen des 19. Jahrhunderts widerspiegelt. Diese Periode, die von der Aufklärung und dem Aufstieg der Bourgeoisie gezeichnet ist, bietet einen reichen literarischen Kontext, in dem Oblomows Kampf gegen seine eigene Trägheit als Metapher für die Entfremdung des Menschen in der modernen Welt interpretiert werden kann. Iwan Gontscharow (1812-1891) war ein bedeutender russischer Schriftsteller und zeitgenössischer Beobachter der gesellschaftlichen Veränderungen seiner Zeit. Aufgewachsen in einer wohlhabenden Adelsfamilie, vermittelte ihm sein Hintergrund ein tiefes Verständnis für die soziale Hierarchie und die Herausforderungen des Lebens im zaristischen Russland. Gontscharow selbst lebte einen Großteil seines Lebens in einer Schnittstelle zwischen Aktivität und innerer Leere, was ihm möglicherweise als Inspiration für den Charakter Oblomov diente, dessen gesellschaftliche Isolation und existenzielle Erosion eindringlich dargestellt werden. "Oblomow" ist nicht nur eine fesselnde Erzählung über das Dasein und die Herausforderungen des Lebens, sondern regt auch zur Reflexion über eigene Lebensentwürfe an. Gontscharows brillante Charakterstudie lädt den Leser ein, die Waagschale zwischen gesellschaftlichem Druck und persönlicher Freiheit abzuwägen. Für alle, die sich für die Dynamik der menschlichen Erfahrung und die gesellschaftlichen Strömungen des 19. Jahrhunderts interessieren, bietet dieses Buch eine unverzichtbare Lektüre. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Iwan Alexandrowitsch Gontscharow

Oblomow

Bereicherte Ausgabe. Deutsche Ausgabe - Eine alltägliche Geschichte: Langeweile und Schwermut russischer Adligen
Einführung, Studien und Kommentare von Christoph Wilhelm
EAN 8596547737896
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Oblomow
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Ein Leben im Wartestand. Iwan Alexandrowitsch Gontscharow zeigt in Oblomow, wie die sanfte Macht der Bequemlichkeit und die zähe Trägheit des Geistes zu einem Schicksal werden können. Das Drama entsteht nicht aus großen Ereignissen, sondern aus ihrem Ausbleiben: aus verschobenen Entscheidungen, vertagten Plänen, wohliger Selbstberuhigung und der stillen Angst vor der Welt da draußen. Dieses Buch richtet den Blick auf Momente, in denen Handlung möglich wäre und dennoch verpasst wird. So entsteht ein faszinierendes Paradox: Ein stilles Leben, dessen innere Spannungen lauter sprechen als jede Tat, jede Reise, jeder Triumph.

Oblomow erschien 1859 und begründete Gontscharows Rang als einer der großen Realisten des 19. Jahrhunderts. Der russische Autor (1812–1891) verband in diesem Werk psychologische Genauigkeit, gesellschaftliche Beobachtung und feine Ironie. Der Roman zählt zu den Klassikern, weil er eine Figur schuf, die zugleich individuell unverwechselbar und exemplarisch ist. Er macht erfahrbar, wie Temperament, Erziehung und Umfeld eine Haltung der Untätigkeit stabilisieren. Dabei bleibt die Darstellung menschlich und respektvoll: Gontscharow verurteilt nicht schroff, er versteht. Diese doppelte Perspektive – Kritik und Mitgefühl – verleiht dem Text eine dauerhafte, moralisch und ästhetisch überzeugende Autorität.

Die Handlung setzt im Sankt Petersburg der Mitte des 19. Jahrhunderts ein. Ilja Iljitsch Oblomow, ein adeliger Gutsbesitzer, lebt zurückgezogen in seiner Wohnung. Der Alltag zerrinnt in Routinen, Einladungen werden vertagt, Briefe bleiben liegen, Pläne verharren im Konjunktiv. Gäste, Bekannte und vor allem ein zielstrebiger Freund bringen Bewegung von außen, doch in Oblomow selbst regt sich kaum Tatendrang. Statt dramatischer Wendungen entfaltet sich ein feines Panorama der Gewohnheit: Gespräche, Überlegungen, Erinnerungen. Gontscharow zeigt, wie die Welt anklopft – die Stadt, die Gesellschaft, die Pflichten – und wie ein einzelner Mensch entscheidet, dieses Klopfen zu hören oder zu überhören.

Als Klassiker gilt Oblomow, weil der Roman über seinen konkreten Schauplatz hinaus eine allgemeine Erfahrung beschreibt: den Kampf zwischen Komfort und Verantwortung. Das Buch entwirft keine zeitgebundene Satire, sondern eine anthropologische Studie über Willensschwäche, Angst vor Veränderung und die Verlockung des Aufschubs. Wer handelt, riskiert; wer zögert, verliert anderes – Gontscharow erkundet diese Spannungen ohne moralische Pose. Die Gegenkraft zur Untätigkeit verkörpert Tatkraft als Lebensform, doch nicht als einfache Lösung. So entsteht eine dialektische Dramaturgie, die Leserinnen und Leser dazu einlädt, eigene Gewohnheiten und Ausreden mit stiller, beharrlicher Klarheit zu prüfen.

Literarisch beeindruckt der Roman durch geduldige Beobachtung, genaue Milieuschilderung und eine kunstvolle Balance von Humor und Traurigkeit. Der Ton ist mild, doch nie nachsichtig; er ist kritisch, doch nie kalt. Gontscharow beherrscht die Kunst, über kleine Gesten große Wahrheiten zu sagen: die Art, wie ein Mensch aufsteht oder liegenbleibt, wie er ein Gespräch beginnt oder abwiegelt, verrät Weltanschauung. Die Zeit dehnt sich, bis man die Struktur von Gewohnheiten erkennt. Die Prosa bleibt durchsichtig, der Rhythmus ruhig, die Bilder einprägsam. So setzt der Realismus seine stärkste Waffe ein: genaue, geduldige Wirklichkeitstreue.

Der Einfluss des Buches reicht weit über die Literaturgeschichte hinaus. Aus dem Roman ging ein Begriff in die Alltagssprache über: „Oblomowismus“ wurde zum Namen für eine Haltung der apathischen Verschleppung. Dass eine Figur zur Trägerin eines kulturellen Diagnosetypus wird, ist ein seltenes Zeichen von Kanonizität. Der Roman wurde ungezählt gelesen, gedeutet, adaptiert, diskutiert – in Feuilletons, Hörsälen und privaten Lektürekreisen. Er prägt, wie wir über Trägheit, soziale Rollen und individuelle Verantwortlichkeit sprechen. Nicht spektakulärer Stoff, sondern unbestechliche Genauigkeit im Kleinen erwies sich als dauerhaft wirksam.

Zugleich knüpft Oblomow an eine große russische Tradition an: die Figur des „überflüssigen Menschen“, des Begabten, der an der Welt oder an sich selbst vorbeilebt. Gontscharow verleiht diesem Typus eine neue, tief humane Farbe. Sein Held ist kein Zyniker, kein Intrigant, kein Zerstörer; er ist im Kern freundlich, konfliktscheu, sehnsüchtig. Eben darin liegt die Verstörung: Das Unheil kommt nicht als Bösewicht, sondern als Kissen. Indem der Roman ein inneres Defizit ohne spektakuläre Sünde zeigt, macht er sichtbar, wie gesellschaftliche Erwartungen, Erziehungsstile und Gewohnheiten sich unmerklich zu einer Lebensverfehlung addieren können.

Historisch spiegelt der Roman eine Epoche, in der Russland zwischen traditionellen Strukturen und beschleunigter Modernisierung stand. In den Städten entstanden neue Anforderungen an Effizienz, Planung und Selbstdisziplin; die alte Gutsordnung lieferte andere Maßstäbe für Zeit, Arbeit und Verantwortung. Oblomows Wohnung wird zum Brennpunkt dieser Reibung. Von draußen drängen Geschäftigkeit, Termine, Projekte; drinnen herrschen Langsamkeit und die Logik der Aufschiebung. Gontscharow zeigt, wie soziale Verhältnisse in die Psyche einsickern und dort zu Gewohnheiten werden. So wird sein Protagonist zugleich Einzelperson und Symptom, Individuum und gesellschaftlicher Spiegel.

Die narrative Architektur begünstigt diese doppelte Lesart. Statt auf äußere Verwicklungen zu setzen, baut Gontscharow Situationen, die wie Experimente wirken: Was geschieht, wenn die Welt anklopft, und was, wenn das Subjekt nicht öffnet? Aus Begegnungen, Besuchen und Briefen entsteht eine Messreihe des Zögerns. Der Roman lädt damit zu einer anderen Lektürehaltung ein: Man liest nicht, um Überraschungen zu sammeln, sondern um Nuancen zu erkennen. Wer aufmerksame Prosa schätzt, entdeckt darin Kunstfertigkeit ohne Manier. Wer psychologische Wahrhaftigkeit sucht, findet eine Studie über Selbstwahrnehmung, Willensschwäche und die dünnen Fäden der Entschlüsse.

Bemerkenswert ist, wie fair der Text gegenüber seinem Helden bleibt. Gontscharow zeichnet Oblomow nicht als Karikatur, sondern als Menschen, dessen Schwäche aus begreiflichen Quellen stammt. Das verhindert Häme und lädt zur Empathie ein. Gerade diese Haltung macht das Werk langlebig: Sie erlaubt Leserinnen und Lesern unterschiedlichster Zeiten, sich ohne Distanzierungsreflexe angesprochen zu fühlen. Man erkennt sich wieder – in kleinen Fluchten, im Wunsch nach Schonung, im schönfärbenden Aufschub. Der Roman bezieht seine moralische Kraft nicht aus Anklage, sondern aus Erkenntnis: Wenn man versteht, was lähmt, wächst die Freiheit, anders zu handeln.

Heute, im Zeitalter permanenter Optionen, digitaler Ablenkungen und subtiler Selbstausbeutung, wirkt Oblomow überraschend zeitgenössisch. Die Mischung aus Überforderung und Bequemlichkeit, aus idealisierten Plänen und realer Erschöpfung, ist keine historische Kuriosität. Das Buch gibt Sprache für ein verbreitetes Gefühl: immer bereit zu wirken, selten bereit zu beginnen. Es lehrt, wie Verhältnisse das Persönliche formen – und wie Verantwortung trotzdem beim Einzelnen bleibt. Gerade weil der Roman keine einfachen Rezepte bietet, eignet er sich als Prüfstein: Er macht spürbar, was auf dem Spiel steht, wenn man das Leben auf später verschiebt.

Wer dieses Buch aufschlägt, sollte keine Sensation erwarten, sondern Präzision. Gontscharows Kunst liegt im scheinbar Nebensächlichen, in Geduld, im leisen Humor. Die Figuren sprechen, schweigen, weichen aus, hoffen – und im Raum zwischen ihren Worten entsteht Bedeutung. Der Roman belohnt eine langsame, aufmerksame Lektüre, die Nuancen sammelt wie andere Effekte. Er zeigt, dass ein „kleines“ Leben erzählerisch groß sein kann, wenn man es mit Ernst und Wohlwollen betrachtet. So wird Oblomow zu mehr als einer Geschichte: zu einer Erfahrung der Zeit, der Gewohnheit und der Entscheidung, die dennoch möglich bleibt.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Oblomow von Iwan Alexandrowitsch Gontscharow eröffnet mit einem Bild ruhiger Untätigkeit: Ilya Iljitsch Oblomow liegt in seiner Petersburger Wohnung im Morgenrock, verschiebt Briefe, Aufträge und Besuche, während sein Diener Sachar den Stillstand spiegelt. Schon hier wird die Grundidee sichtbar, später als „Oblomowtum“ bekannt: die Gewohnheit, jede Forderung des Lebens mit träger Abwehr zu beantworten. Ironie und Mitgefühl halten sich die Waage, sodass die Passivität zugleich komisch und bedrückend wirkt. Ohne die Handlung zu überstürzen, setzt der Roman die Ausgangslage: Ein gutherziger Adliger wird von Verpflichtungen bedrängt, von Finanzen bis zu Verwaltungsfragen, denen er sich jedoch reflexhaft entzieht.

Die Abfolge von Besuchern skizziert das gesellschaftliche Umfeld der Hauptstadt. Bekannte aus unterschiedlichen Milieus geben sich die Klinke in die Hand: karrierebewusste Aufsteiger, literarisch Tätige, Lebemänner und Geschäftsleute. Jeder bringt Erwartungen, Vorschläge oder Bitten mit, die Oblomow mit Ausflüchten beantwortet. Auch Schreiben von seinem Landgut treffen ein und deuten auf Missstände in der Verwaltung hin, die Aufmerksamkeit verlangten. Sachar kommentiert mürrisch und bewahrt zugleich den bequemen Status quo. In dieser Konstellation wird der Grundkonflikt scharf: zwischen äußerer Bewegung einer pulsierenden Gesellschaft und innerer Starre eines Menschen, dessen gutes Urteil keineswegs fehlt, dessen Wille jedoch selten den Weg in Taten findet.

Die erste große Gegenkraft verkörpert Andrej Stolz, Oblomows Jugendfreund. Tatkräftig, rational und von gemischter kultureller Prägung geprägt, erscheint er als Anwalt der Initiative. Sein Besuch markiert eine Zäsur: Er ordnet Termine, entwirft Pläne, lockt den Freund ins Freie und spricht unbequeme Wahrheiten aus. Unter seiner Anregung zeigt Oblomow erste Regungen von Bereitschaft, Briefe zu beantworten, das Gut zu ordnen und Verbindlichkeiten zu klären. Die Spannung verschärft sich, weil der Impuls zunächst trägt, dann aber von eingeübter Trägheit bedroht wird. Damit setzt der Roman ein wiederkehrendes Muster: Auf kurze Phasen der Aufwallung folgen Rückzüge in die verführerische Ruhe.

Ein ausgedehnter Rückblick vertieft das Verständnis für Oblomows Haltung. Die Erinnerung an die Kindheit auf dem ländlichen Gut zeichnet ein Paradies der Schonung: Sorgende Eltern und Dienerschaft nahmen ihm Entscheidungen ab; Pflicht, Schule und Reisen erschienen als Fremdkörper. Das Leben war reich an Wärme und arm an Notwendigkeit. Aus dieser Idylle erwächst ein Ideal der Geborgenheit, das im Erwachsenenalter mit den Anforderungen einer komplexen, bürokratischen Wirklichkeit kollidiert. Der Kontrast zwischen Oblomowka und Petersburg erklärt, ohne zu entschuldigen: Die Passivität hat biografische Wurzeln. Zugleich schwingt eine sanfte Kritik an einer ganzen Schicht mit, die bequeme Beharrung zur Tugend erhebt.

Im urbanen Gesellschaftsleben setzt ein neuer Impuls ein: Stolz führt Oblomow in einen Kreis ein, in dem auch Olga Ilinskaja erscheint. Sie verbindet Bildung, Sensibilität und einen Anspruch an persönliche Entwicklung. Zwischen ihr und Oblomow wächst eine stille Annäherung, genährt von Gesprächen, Spaziergängen und gemeinsamen Lektüren. Die Begegnung wirkt wie ein Weckruf. Oblomow entdeckt in sich die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, seine Zeit zu ordnen und Ziele zu formulieren. Die zarte Hoffnung, durch eine Bindung einen anderen Lebensrhythmus zu finden, tritt hervor. Dabei bleibt unsicher, ob das starke Gefühl auch die erforderliche Beständigkeit im Alltag stützen kann.

Die beginnende Werbung führt den inneren Konflikt ans Tageslicht. Olga hält an einem Ideal des Wachstums fest und ermutigt zu Disziplin und Klarheit. Oblomow bemüht sich sichtbar, doch alte Gewohnheiten und äußere Umstände bremsen. Verwaltungsfragen, Abhängigkeiten und unklare Finanzen entziehen ihm Energie; zugleich verunsichern ihn Gerüchte und kleinliche Intrigen der Stadt. Die Beziehung wird zum Prüfstein, ob zarte Vorsätze tragfähig sind, wenn sie auf Verzögerung, Angst vor Fehlentscheidungen und die Bequemlichkeit des Gewohnten treffen. Ein mögliches Versprechen einer gemeinsamen Zukunft steht im Raum, gewinnt Farbe, verliert Kontur und verlangt Entscheidungen, die nicht auf unbestimmte Zeit vertagt werden können.

Stolz bleibt Motor der Veränderung, reist, arbeitet und hält den Kontakt durch Berichte und Mahnungen. Er fordert Oblomow auf, das Landgut neu zu ordnen, Verbindlichkeiten zu regeln und in Herzensfragen Klarheit zu schaffen. Der Freund spürt den Druck des Augenblicks, entwirft Pläne und verschiebt sie wieder. Kleine Hindernisse wachsen zu Vorwänden: gesundheitliche Skrupel, bürokratische Hürden, fragwürdige Ratgeber, die Bequemlichkeit schmeichelnd stabilisieren. Der Roman bündelt hier die Fäden zu einem Wendepunkt, an dem sich eine Lebenslinie entscheiden könnte. Ohne die Auflösung vorwegzunehmen, wird erkennbar, dass Gefühl allein nicht genügt, wenn nicht Wille, Ordnungssinn und Handlungskraft dauerhaft hinzukommen.

Parallel gewinnt eine alternative Verlockung an Kontur: die vertraute Wärme eines bescheidenen Haushalts, in dem Alltagsrhythmus, Gastfreundschaft und Kulinarisches eine stille Geborgenheit stiften. Hier scheint das Ideal der Ruhe, das Oblomow aus der Kindheit trägt, ohne gesellschaftlichen Druck neu auf. Der Kontrast zu Olgas Vorstellung von Selbstveredelung wird schärfer. Zwischen aktivem Fortschritt und behaglicher Sesshaftigkeit öffnet sich ein Raum trügerischer Bequemlichkeit, der dennoch echtes menschliches Wohlwollen bietet. Diese Umgebung stellt die Frage, ob Glück als Dynamik oder als Stillstand zu denken ist, und verführt den Protagonisten mit der Aussicht auf ein Leben frei von Reibung und Zielkonflikten.

Gontscharows Roman entwickelt aus dieser Konstellation eine leise, beharrliche Diagnose einer im Wandel begriffenen Gesellschaft. Das „Oblomowtum“ wird zur Chiffre für eine Haltung, die zwischen Wärme und Verantwortung unterscheidet, aber zweitere verdrängt. Freundschaft, Liebe und Herkunft erweisen sich als Kräfte, die zur Emanzipation drängen oder zum Verharren einladen. Ohne das Ende vorwegzunehmen, bleibt die zentrale Frage: Reicht Innigkeit, wenn Taten fehlen, oder braucht Glück den Mut zur Entscheidung? Die nachhaltige Bedeutung des Buches liegt darin, Leserinnen und Leser die eigenen Gewohnheiten prüfen zu lassen und die Bedingungen zu erkennen, unter denen Menschen handeln oder in bequemer Lähmung verharren.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Gontscharows Roman spielt im Russland der Mitte des 19. Jahrhunderts, mit einem Schwerpunkt auf St. Petersburg und den ländlichen Gütern des Adels. Dominant sind die Institutionen der Romanow-Autokratie, die Orthodoxe Kirche und das überkommene System der Leibeigenschaft. Verwaltung und Karrierechancen werden durch die Petersburger Bürokratie und die seit dem 18. Jahrhundert gültige Rangtabelle strukturiert. Zensur und Polizeistaat formen den geistigen Rahmen. Vor diesem Hintergrund entfaltet Oblomow ein Bild der Lebenswelt der Gutsbesitzerklasse, deren Lebensrhythmen, Abhängigkeiten und Beharrungskräfte in Stadt und Land das soziale Gefüge und die Erwartungen an Individuen nachhaltig prägen.

Die Herrschaft Nikolaus’ I. (1825–1855) war von konservativer Stabilität, misstrauischer Überwachung und strenger Zensur gekennzeichnet. Nach der niedergeschlagenen Dekabristenbewegung wurden oppositionelle Bestrebungen unterdrückt, die Geheimpolizei (Dritte Abteilung) überwachte die Öffentlichkeit. Für Schriftsteller bedeutete dies vorsichtige Andeutungen statt offener Anklagen. Literatur musste psychologisch und moralisch argumentieren, um soziale Kritik zu transportieren. Oblomow spiegelt diese Bedingungen, indem der Roman gesellschaftliche Trägheit nicht programmatisch, sondern über Figurenzeichnungen, Lebensformen und Milieus zeigt. Die Vorsicht der Form ist Teil des historischen Kontexts: Kritik konnte sich nur im Mantel realistischer Beobachtung und Alltagsdetails artikulieren.

Mit dem Regierungsantritt Alexanders II. (1855) und dem Schock der Niederlage im Krimkrieg (1853–1856) setzte eine Reformstimmung ein. Militärische und administrative Schwächen machten Russlands Rückständigkeit sichtbar. Der Diskurs über notwendige Modernisierung intensivierte sich, besonders in den späten 1850er Jahren. Als Oblomow 1859 erschien, stand die Bauernbefreiung (1861) unmittelbar bevor. Die Zeit war von Erwartungen, Befürchtungen und hitzigen Debatten über die Zukunft des Adels und der bäuerlichen Gemeinden geprägt. Der Roman positioniert sich genau an dieser Schwelle: Er beobachtet die alte Ordnung, noch nicht aufgehoben, aber bereits sichtbar in Frage gestellt, und zeigt ihre inneren Widersprüche.

Zentrales Fundament jener Ordnung war die Leibeigenschaft, die Arbeitskraft und Mobilität der Bauern band und die Güterwirtschaft des Adels trug. Ökonomisch standen viele Güter unter Druck: Ineffizienz, Verschuldung, Misswirtschaft durch Verwalter und das Fehlen marktorientierter Anreize unterminierten den Wohlstand. Diese strukturelle Trägheit durchzieht die Lebensweise vieler Gutsbesitzer und prägt ihre Selbstbilder, Verantwortungen und Ausreden. Oblomow hält diese Ökonomie der Abhängigkeiten fest: ein Alltag, in dem Bequemlichkeit und Sorglosigkeit aus der Arbeit Anderer erwachsen und jede produktive Veränderung an trägen Routinen, fehlender Kontrolle und sentimentaler Verklärung der „guten alten Ordnung“ abprallt.

St. Petersburg, Verwaltungszentrum und Bühne für Karriere und gesellschaftliche „Sichtbarkeit“, bildete die urbane Hälfte dieser Welt. Hier strukturierten die Rangtabelle, Kanzleien und Aktenlauf das Leben der Beamten. Die Bürokratie war zugleich Aufstiegsweg und Sinnfalle. Das literarische Motiv des „überflüssigen Menschen“, bereits in den 1840er Jahren etabliert, verband persönliche Lähmung mit sozialen Strukturen, die Energie absorbierten. Oblomows Distanz zum Amt und sein Unvermögen, in der Stadt eine „zweckmäßige“ Existenz zu führen, knüpfen an diese Typenbildung an. Der Roman zeigt, wie das administrative Gefüge Produktivität verheißt und doch eine Kultur der Ausweichung und des Stillstands hervorbringt.

Ideengeschichtlich prägte die Auseinandersetzung zwischen Westlern und Slawophilen die öffentlichen Debatten. Westler befürworteten Reformen nach europäischem Vorbild, industrielle Entwicklung und bürgerliche Institutionen; Slawophile betonten orthodoxe Werte, Dorfgemeinschaft und eine „eigene“ russische Entwicklung. Oblomow stellt diese Spannungen nicht als Traktat dar, sondern macht sie in Lebensentwürfen sichtbar. Der Gegensatz von introvertierter Gutsidylle und rationaler, an Leistung orientierter Modernität – etwa verkörpert durch tatkräftige, teils deutsch geprägte Figuren – verweist auf diese Debatte. Der Roman positioniert sich als Beobachter der Argumente, die die russische Gesellschaft spalteten.

Literarisch steht Oblomow im Zeichen des russischen Realismus, der Alltagsmilieus, soziale Konflikte und psychologische Motivation in den Mittelpunkt stellte. Die Tradition Gogols satirisch-realistischer Gesellschaftsbilder und Turgenevs Beobachtungen des Landadels bereiteten den Boden. Das russische „dicke Journal“ fungierte als Forum für Romane mit gesellschaftlichem Gehalt. Ein Schlüsselkapitel, oft als „Oblomows Traum“ bezeichnet, kursierte bereits Ende der 1840er Jahre in einer Zeitschrift und gab dem Publikum einen Vorgeschmack auf den Ton des Werks. Die Etablierung realistischen Erzählens als moralisch-gesellschaftliches Forum ist entscheidend für Gontscharows Projekt.

Die Zensur wirkte weiterhin restriktiv, doch die 1850er Jahre boten Freiräume für indirekte Kritik. Oblomow wurde rasch zu einem Gegenstand des öffentlichen Gesprächs. Radikale Kritiker aus dem Umfeld der großen Journale erkannten im Roman eine Diagnose der Feudalgesellschaft. Nikolai Dobroljubow prägte in einem vielbeachteten Essay um 1859/60 den Begriff der „Oblomowerei“ als gesellschaftliche Krankheit der Trägheit und Verantwortungsscheu der Gutsbesitzerklasse. Diese Rezeption zeigt, wie Literatur politische Bedeutungen auflud, ohne programmatisch zu agitieren. Der Roman wurde so zur Chiffre für eine Reformkritik, die weit über seine Handlung hinauswies.

Ökonomisch wandelte sich Russland schrittweise. Der Eisenbahnbau, mit der wichtigen Verbindung zwischen den Hauptstädten in den frühen 1850er Jahren, verkürzte Entfernungen und veränderte Märkte. Neue Unternehmungen, Handel und städtische Berufe gewannen an Bedeutung. Deutsche und deutschbaltische Einflüsse – in Verwaltung, Ingenieurwesen und Handel – galten vielen als Modell von Effizienz und Disziplin. Im Roman kontrastieren solche Impulse mit der Passivität des traditionellen Gutslebens. Figuren, die internationale Erfahrungen, kaufmännisches Denken und Selbstdisziplin verkörpern, stehen symptomatisch für den Druck, den die Modernisierung auf die alte soziale Hierarchie ausübt.

Das Alltagsleben des Landadels folgte Ritualen der Geselligkeit, gepflegter Häuslichkeit und Dienstbotenabhängigkeit. Späte Morgen, ausgedehnte Mahlzeiten, Besuche und eine sprachlich-kulturelle Orientierung an Frankreich prägten den Ton. In der Stadt spiegeln Wohnungen, Interieurs und Dienerschaft die Stufenleiter sozialer Ansprüche. Gontscharow nutzt solche Details, um die selbstverständliche Verfügbarkeit fremder Arbeit, die Isolation vom produktiven Tun und die Verweichlichung der Gewohnheiten darzustellen. Die Behaglichkeit der Salons, das langsame Tempo, die Etikette der Besuche: Sie sind nicht bloß Dekor, sondern Infrastruktur eines Lebensstils, der sich Reformen eher entzieht als sie befördert.

Das Bildungswesen des Adels war von Hauslehrern, sprachlicher Politur und klassischer Lektüre geprägt, doch es fehlte oft an praktischer Ausbildung und naturwissenschaftlich-technischem Schwerpunkt. Universitäten unterlagen strenger Kontrolle; kritische Intellektuelle standen im Fokus. Diese Bedingungen begünstigten eine Bildung, die weniger auf produktive Erwerbsarbeit als auf standesgemäße Konversation vorbereitete. Der Roman legt offen, wie solche Sozialisation Selbstbeherrschung durch Selbstentlastung ersetzt und wie das Ideal der „Bildung“ als Distinktionsmittel dient. Aus ihr erwächst eine Haltung, die das Tun delegiert, das Denken kultiviert – und dennoch das Entscheiden aufschiebt.

Die Geschlechterordnung war hierarchisch, doch die weibliche Bildung und moralische Autorität in Salons und Familien gewann an Bedeutung. In den 1850er Jahren artikulierten sich verhaltene Vorstellungen weiblicher Selbstbestimmung in der Literatur und im Journaldiskurs. Weibliche Figuren im Roman spiegeln das Spannungsfeld zwischen sentimentaler Idealität, gesellschaftlicher Pflicht und der Hoffnung, moralische Erneuerung bewirken zu können. Ihre Rolle bleibt oft vermittlerisch: Sie erwarten Verantwortungsfähigkeit, fordern Entwicklung ein, stoßen jedoch an die Strukturen eines Systems, das männliche Untätigkeit duldet und weibliche Wirksamkeit auf das Private beschränkt.

Die bäuerliche Dorfgemeinde (Mir/Obschtschina) bildete eine soziale Basis, auf die Slawophile Hoffnungen projizierten. Zugleich verpflichtete das Gutsherrensystem die Bauern zu Frondiensten oder Abgaben, während Verwalter und Zwischeninstanzen vielfach Willkür ausübten. Die paternalistische Ideologie des „fürsorglichen Herrn“ überdeckte Interessengegensätze. Der im Roman beschriebene, idealisierte Kindheitsraum des Gutes führt die Attraktivität solcher Harmonievorstellungen vor – und zeigt zugleich, wie sie Verantwortung verschieben und Unmündigkeit konservieren. Die ländliche Ruhe erscheint als menschlich anrührend, aber sozial dysfunktional, sobald Modernisierungszwänge an die Tür klopfen.

Die Öffentlichkeit formierte sich in den großen Zeitschriften, die Literatur, Kritik, Geschichte und Politik verbanden. Namen und Lager standen im Streit, doch der Effekt war ein wachsendes Publikum für Ideen. Aus dem Exil sendete Alexander Herzen seit 1857 mit dem „Kolokol“ Anstöße in die russische Debatte, die Reformdruck und Gewissensfragen schärften. In diesem Klima liest man Oblomow nicht nur als Romanfigur, sondern als gesellschaftlichen Typus. Leser gewöhnten sich daran, Charaktere als Argumente zu interpretieren. Die Zeitschriftenskultur machte aus Literatur eine Bühne, auf der soziale Diagnosen öffentlich verhandelt wurden.

Technisch und städtebaulich wandelten sich die Metropolen. In den 1850er Jahren entstanden Telegrafennetze, die Verwaltung und Nachrichtenverkehr beschleunigten; bessere Verkehrswege, Brücken und städtische Beleuchtung veränderten den Alltag. Doch Infrastruktur garantiert keine innere Bewegung. Der Kontrast zwischen technischer Beschleunigung und persönlicher Lähmung ist ein leiser Subtext des Romans. Die Jahreszeiten, die Petersburger Dunkelheit, die Feuchtigkeit der Wohnungen, die Distanz zu den Provinzen – all das unterstützt die Atmosphäre der Verzögerung. Modernität liegt vor der Tür, aber die Gewohnheiten der Bewohner, ihre Möbel und Routinen, wirken schwerer als neue Drähte und Schienen.

Russlands Imperium dehnte sich über enorme Räume; Militärdienst und Verwaltung banden Ressourcen. Die Adelsidentität hatte sich lange über Dienst am Staat definiert, doch im 19. Jahrhundert zog sich ein Teil des Adels auf Besitz und Lebensstil zurück. Diese Verschiebung förderte eine Kultur des Anspruchs ohne ausreichende Leistung. Bauern litten unter Rekrutierungen, Abgaben und lokaler Willkür, während in den Städten neue Schichten entstanden, die sich über Bildung und Arbeit definierten. Oblomow zeigt die Übergangszone, in der alte Titel und neue Kompetenzen miteinander konkurrieren – und die Frage, wer in der kommenden Ordnung „tragen“ wird.

Die Rezeption des Romans erzeugte ein Schlüsselwort: „Oblomowerei“ wurde zur Bezeichnung eines gesellschaftlichen Syndroms aus Bequemlichkeit, Furcht vor Veränderung und moralischer Entlastung. Zeitgenössische Kritik deutete es als Symptom der Leibeigenschaftskultur. Zugleich erkannten Leser die Ambivalenz: Die dargestellte Güte, Warmherzigkeit und Sanftheit sind menschlich, aber sie ersetzen Verantwortung nicht. Gerade diese Humanität schärfte die Wirkung als Zeitkritik. Der Roman wirkte wie ein Spiegel, der die Leser zwang, Gewohnheiten als politisches Problem zu sehen – nicht nur als individuelle Marotte oder psychologische Schwäche, sondern als Systemfolge.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Iwan Alexandrowitsch Gontscharow (1812–1891) gehört zu den prägenden Erzählern des russischen Realismus des 19. Jahrhunderts. Bekannt wurde er vor allem durch die Romane Eine gewöhnliche Geschichte (1847), Oblomow (1859) und Die Schlucht (1869) sowie durch den Reisebericht Fregatte Pallada (1858). Sein Werk verband genaue Gesellschaftsbeobachtung, psychologische Charakterzeichnung und eine nüchterne, elegante Prosa. Mit der Figur Oblomow und dem daraus abgeleiteten Begriff „Oblomowtum“ rückte er eine spezifische Trägheits- und Rückzugshaltung ins Zentrum der kulturellen Debatte. Gontscharow spiegelte die Umbrüche des späten Zarenreichs und schuf Texte, die über Russland hinaus nachhaltig rezipiert wurden.

Geboren in Simbirsk, erhielt Gontscharow eine solide Ausbildung und studierte in den frühen 1830er-Jahren an der Moskauer Universität, wo er sich intensiv mit klassischer, russischer und europäischer Literatur beschäftigte. Die Diskussionen um den entstehenden Realismus und die sogenannte „natürliche Schule“, wie sie Kritiker wie Wissarion Belinski förderten, prägten sein ästhetisches Selbstverständnis. Früh übte er sich in Prosaformen, suchte Klarheit des Satzes und beobachtete soziale Milieus mit nüchternem Blick. Anders als radikale Zeitgenossen hielt er Abstand zu programmatischen Manifesten; seine Poetik zielte auf anschauliche Wirklichkeitstreue, psychologische Genauigkeit und eine Balance zwischen Ironie, Empathie und kritischer Distanz.

Nach dem Universitätsabschluss trat Gontscharow in den Staatsdienst ein und arbeitete über Jahre in St. Petersburg, was ihm Einblick in Verwaltungsroutinen und bürgerliche Lebensformen gab. Parallel publizierte er Erzählprosa in Zeitschriften. Sein Debütroman Eine gewöhnliche Geschichte (1847) schildert den Zusammenstoß romantischer Erwartungen mit dem pragmatischen Alltag der Hauptstadtgesellschaft und markierte seinen Eintritt in den literarischen Kanon. Zeitgenössische Kritiker, darunter Belinski, würdigten die Genauigkeit der Charakterzeichnung und die klare Komposition. Der Erfolg des Romans ermutigte Gontscharow, stärker an länger angelegten Projekten zu arbeiten, ohne die tägliche Amtstätigkeit sofort aufzugeben, was sein Produktionsrhythmus weiterhin bestimmte.

Mit Oblomow (1859) erreichte Gontscharow seine größte Bekanntheit. Der Roman entwarf eine Figur, deren lethargische Weltvermeidung rasch zum kulturgeschichtlichen Schlüsselbild wurde. Der Kritiker Nikolai Dobroljubow prägte in seiner Analyse den Begriff „Oblomowismus/Oblomowtum“, mit dem er eine soziale und psychologische Disposition beschrieb, die über die Literatur hinaus diskutiert wurde. Gontscharow verband Komik und Ernst, individuelle Psychologie und gesellschaftliche Diagnose, ohne einfache Thesenliteratur zu schreiben. Die breit rezipierte Darstellung von Passivität, Gewohnheit und Selbstrechtfertigung zeigte die Spannungen einer Gesellschaft im Wandel und setzte Maßstäbe für psychologischen Realismus in der russischen Prosa. Das Echo reichte in Kritik und Öffentlichkeit weit.

In den 1850er-Jahren nahm Gontscharow an einer mehrjährigen Seereise auf der Fregatte Pallada teil, die mit diplomatischen Missionen nach Ostasien verbunden war. Die Erfahrungen dieser Weltumrundung verdichtete er im Reisebericht Fregatte Pallada (1858), der Beobachtungen über Landschaften, Städte, Bräuche, Handel und Machtbeziehungen vereinte. Das Buch erweiterte sein Spektrum über den russischen Binnenhorizont hinaus und zeigte ihn als aufmerksamen Chronisten globaler Kontakte. Zugleich schärfte die Reise sein Sensorium für Detail und Atmosphäre, was in seine spätere erzählerische Technik zurückwirkte. Die sachliche, gleichwohl anschauliche Darstellung fand beim Lesepublikum anhaltende Beachtung. Reisetagebücher und Notizen unterstützten die Komposition.

Nach der Rückkehr setzte Gontscharow seine Tätigkeit im Staatsdienst fort und arbeitete zeitweise in der Zensurverwaltung, bevor er sich stärker auf literarische Aufgaben konzentrierte. Sein dritter großer Roman Die Schlucht (1869) entstand über einen längeren Zeitraum und verbindet private Konflikte mit Fragen von Moral, Bildung und gesellschaftlicher Verantwortung. Neben der epischen Prosa verfasste er Essays und Rezensionen, in denen er poetologische Probleme und zeitgenössische Tendenzen reflektierte. Stilistisch blieb er der Beobachtung des Alltags, der präzisen Dialogführung und einer ruhigen, analytischen Erzählhaltung verpflichtet, die seine Figuren in ihren jeweiligen Milieus ohne plakative Typisierung verständlich macht.

In seinen späten Jahren lebte Gontscharow vorwiegend in St. Petersburg und blieb als anerkannter Autor präsent. Er starb 1891. Sein Vermächtnis reicht über die Romangeschichte hinaus: Mit dem Begriff „Oblomowtum“ trat ein literarischer Typus in die gesellschaftliche Selbstbeschreibung Russlands ein und prägte Diskussionen über Trägheit, Bürokratie und Modernisierung. Gontscharows Werke werden bis heute vielfach neu ediert, übersetzt und für Bühne und Film adaptiert. In Schulen und Universitäten dienen sie als Anschauungsmaterial für den russischen Realismus, für psychologische Erzählkunst und für die Darstellung sozialer Übergangszonen im 19. Jahrhundert. Zahlreiche Interpretationen betonen seine genaue Milieuschilderung und Balance zwischen Humor und Kritik.

Oblomow

Hauptinhaltsverzeichnis
Erster Teil
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
Zweiter Teil
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
Dritter Teil
I.
II.
III.
IV
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
Vierter Teil
I.
II.
III.
IV.
V.
VI
VII.
VIII.
IX.
X
XI.

Erster Teil

Inhaltsverzeichnis

I.

Inhaltsverzeichnis

In der Gorochowaja-Straße[1] , in einem der großen Häuser, dessen Bewohnerschaft für eine ganze Kreisstadt ausgereicht hätte, lag Ilja Iljitsch Oblomow eines Morgens in seiner Wohnung im Bette.

Er war ein Mann von zwei- oder dreiunddreißig Jahren, von mittlerer Statur und angenehmem Äußern, mit dunkelgrauen Augen; aber seine Gesichtszüge zeigten einen Mangel an jeder bestimmten Idee und an jedem regen Interesse. Ein Gedanke flog wie ein freier Vogel über sein Gesicht, flatterte in den Augen umher, setzte sich auf die halbgeöffneten Lippen, versteckte sich in den Falten der Stirn, ging darauf ganz verloren, und dann verbreitete sich über sein ganzes Gesicht die warme, gleichmäßige Helle der Sorglosigkeit. Von dem Gesichte ging diese Sorglosigkeit auf die Haltung des ganzen Körpers über, sogar auf die Falten des Schlafrocks.

Manchmal verdunkelte sich sein Blick durch einen Ausdruck von Müdigkeit oder Langerweile; aber weder die Müdigkeit noch die Langeweile vermochten auch nur für einen Augenblick von seinem Gesichte die Weichheit zu verscheuchen, die der herrschende Zug, der Grundzug nicht nur seines Gesichtes, sondern auch seiner ganzen Seele war; seine Seele aber leuchtete hell und offen in seinen Augen, in seinem Lächeln, in jeder Bewegung des Kopfes und der Hände. Auch ein kühler, flüchtiger Beobachter würde, wenn er Oblomow im Vorbeigehen angeblickt hätte, gesagt haben: »Das muß ein guter Kerl, eine treue Seele sein[1q]!« Ein Mensch mit tieferem Blicke und wärmerem Herzen würde ihm lange ins Gesicht geschaut haben und, in angenehmes Sinnen versunken, mit einem Lächeln auf den Lippen weitergegangen sein.

Ilja Iljitschs Gesichtsfarbe war weder frisch und rot, noch auch gebräunt, noch auch geradezu blaß, sondern von unbestimmtem Charakter, oder wenigstens machte sie diesen Eindruck, vielleicht weil Oblomow in einer seinen Jahren gar nicht entsprechenden Weise aufgedunsen war: sei es infolge des Mangels an Bewegung, sei es infolge des Mangels an frischer Luft, vielleicht auch aus beiden Gründen. Überhaupt schien sein Körper, nach der matten, übermäßig weißen Farbe des Halses, den kleinen fleischigen Händen und den weichen Schultern zu urteilen, für eine Mannsperson gar zu sehr verzärtelt zu sein.

Seine Bewegungen wurden, selbst wenn er erregt war, durch eine gewisse Weichheit und durch eine einer eigenartigen Anmut nicht entbehrende Lässigkeit gemäßigt. Wenn eine Sorgenwolke aus seiner Seele über sein Gesicht dahinlief, so umflorte sich sein Blick; auf der Stirn erschienen Falten; Zweifel, Trauer und Besorgnis spielten auf seinem Gesichte; aber nur selten verdichtete sich diese Unruhe in Form einer bestimmten Idee, noch seltener verwandelte sie sich in einen Vorsatz. Die ganze Unruhe endete mit einem Seufzer und erstarb in Apathie oder in einem Zustande des Halbschlafs.

Oblomows häusliche Tracht stimmte vollkommen zu seinen ruhigen Gesichtszügen und zu seinem verzärtelten Körper. Er trug einen Schlafrock von persischem Stoffe, einen echt orientalischen Schlafrock, ohne die geringste Anlehnung an die europäische Mode, ohne Troddeln, ohne Samt, ohne Taille, von gewaltiger Weite, so daß Oblomow sich zweimal in ihn einwickeln konnte. Die Ärmel wurden nach der unveränderlichen asiatischen Mode von den Fingern bis zu den Schultern immer weiter. Obgleich dieser Schlafrock seine ursprüngliche Frische eingebüßt und stellenweise seinen anfänglichen natürlichen Glanz mit einem andern, ehrlich erworbenen vertauscht hatte, so bewahrte er doch noch die Lebhaftigkeit der orientalischen Farbe, und das dauerhafte Gewebe war noch unversehrt.

Dieser Schlafrock besaß in Oblomows Augen eine Unmenge unschätzbarer Vorzüge: er war weich und schmiegsam; der Körper fühlte ihn nicht an sich; er fügte sich wie ein gehorsamer Sklave der geringsten Bewegung des Körpers.

Oblomow ging zu Hause immer ohne Krawatte und ohne Weste; denn er liebte Bequemlichkeit und Behaglichkeit. Seine Pantoffeln waren lang, weich und weit; wenn er, ohne hinzusehen, die Beine vom Bette herunternahm und auf den Fußboden setzte, so fuhr er mit Sicherheit in beide Pantoffeln gleichzeitig hinein.

Das Liegen war bei Ilja Iljitsch weder etwas Notwendiges wie bei einem Kranken oder bei jemand, der schlafen will, noch auch etwas Zufälliges wie bei jemand, der müde geworden ist, noch auch etwas Genußreiches wie bei einem Faulpelz; sondern es war dies sein normaler Zustand. Wenn er zu Hause war (und er war fast immer zu Hause), so lag er stets; und zwar lag er beständig in ein und demselben Zimmer, in dem wir ihn gefunden haben, und das ihm als Schlafzimmer, Wohnzimmer und Salon diente. Er hatte noch drei andre Zimmer; aber in diese warf er nur selten einen Blick, höchstens des Morgens, und auch das nicht alle Tage, sondern nur, wenn sein Diener das Wohnzimmer ausfegte, was nicht täglich geschah. In jenen Zimmern steckten die Möbel in Überzügen, und die Rouleaus waren herabgelassen.

Das Zimmer, in dem Ilja Iljitsch lag, konnte auf den ersten Blick schön eingerichtet scheinen. Es standen dort ein Mahagoni-Schreibtisch, zwei mit Seidenstoff bezogene Sofas und ein hübscher Bettschirm mit gestickten, in der Natur nicht vorkommenden Vögeln und Früchten. Es waren dort seidene Vorhänge, Teppiche, einige Bilder, Bronzen, Porzellanfiguren und eine Menge netter Nippsachen.

Aber das erfahrene Auge eines Menschen mit reinem Geschmack hätte schon bei einem einzigen flüchtigen Blicke auf alles, was da war, erkannt, daß lediglich der Wunsch zugrunde lag, einigermaßen das Dekorum des unvermeidlichen Anstandes zu bewahren, sich irgendwie mit ihm abzufinden. Nur darauf war sicherlich Oblomows Tätigkeit gerichtet gewesen, als er sein Wohnzimmer einrichtete. Ein verfeinerter Geschmack hätte sich nicht mit diesen schweren, plumpen Mahagonistühlen und mit diesen wackeligen Etageren begnügt. An dem einen Sofa hatte sich die Rückenlehne gesenkt und das aufgeleimte Holz hatte sich stellenweise losgelöst. Ganz denselben Charakter trugen auch die Bilder und die Vasen und die Nippsachen.

Der Eigentümer selbst jedoch blickte auf die Einrichtung seines Wohnzimmers so kühl und zerstreut, als ob er mit den Augen fragen wollte: »Wer hat denn das alles hierher geschleppt und aufgestellt?« Infolge dieses kühlen Verhaltens Oblomows zu seinem Eigentume und vielleicht auch infolge des noch kühleren Verhaltens seines Dieners Sachar zu diesen selben Gegenständen befremdete denn auch der Anblick des Wohnzimmers einen jeden, der es genauer betrachtete, durch die darin herrschende Unordnung und Verwahrlosung.

An den Wänden und um die Bilder hingen, nach Art von Festons, ganz mit Staub bedeckte Spinnweben; statt die Gegenstände zu reflektieren, hätten die Spiegel eher als Tafeln dienen können, um auf ihnen im Staube Notizen zur Unterstützung des Gedächtnisses niederzuschreiben. Die Teppiche wiesen zahlreiche Flecke auf. Auf dem einen Sofa lag ein vergessenes Handtuch; es war eine Seltenheit, wenn morgens das Abendessen des vorhergehenden Tages vom Tische ordentlich abgeräumt war und nicht noch ein Teller mit einem Salzfäßchen und einem abgenagten Knochen darauf stand und Brotkrumen umherlagen.

Wäre nicht dieser Teller dagewesen und die am Bette lehnende soeben ausgerauchte Pfeife und der im Bette liegende Hausherr selbst, so hätte man denken können, daß hier niemand wohne – so verstaubt, verblichen und überhaupt so ohne jede Spur der Anwesenheit eines menschlichen Wesens sah alles aus. Auf den Etageren lagen allerdings zwei oder drei aufgeschlagene Bücher, auch trieb sich da eine Zeitung umher, und auf dem Schreibtisch stand ein Tintenfaß mit Federn; aber die Seiten, bei denen die Bücher aufgeschlagen waren, waren mit Staub bedeckt und vergilbt; die betreffende Zeitungsnummer stammte aus dem vorigen Jahre, und aus dem Tintenfaß wäre, wenn man eine Feder hineingesteckt hätte, höchstens eine erschrockene Fliege herausgesummt.

Ilja Iljitsch war gegen seine Gewohnheit sehr früh aufgewacht, um acht Uhr. Es war da etwas, was ihn stark beunruhigte. Auf seinem Gesichte prägte sich abwechselnd bald Furcht, bald Verdruß und Ärger aus. Es war deutlich, daß in seinem Innern ein Kampf stattfand, und daß der Verstand dabei noch nicht zu Hilfe gekommen war.

Die Sache war die, daß Oblomow am vorhergehenden Tage von seinem Gute einen Brief seines Dorfschulze[3]n erhalten hatte, einen Brief mit recht unangenehmem Inhalt. Man weiß ja, was das für Unannehmlichkeiten sind, von denen so ein Dorfschulze schreiben kann: Mißernte, rückständige Zahlungen, Verringerung der Einnahme und so weiter. Obgleich der Dorfschulze auch im vorigen und im vorvorigen Jahre seinem Herrn genau ebensolche Briefe geschrieben hatte, wirkte doch auch dieser letzte Brief so stark, wie eben jede unangenehme Überraschung wirkt.

Und es war ja auch eine schwere Aufgabe: er mußte über die Mittel zur Ergreifung irgendwelcher Maßregeln nachdenken. Übrigens muß man der Sorgfalt, die Ilja Iljitsch seinen geschäftlichen Angelegenheiten widmete, Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er hatte schon aus Anlaß des ersten unangenehmen Briefes, den er von dem Dorfschulzen vor einigen Jahren erhalten hatte, angefangen, im Geiste einen Plan zu verschiedenen Veränderungen und Verbesserungen in der Verwaltung seines Gutes zu entwerfen.

Bei diesem Plane hatte er die Einführung verschiedener neuer wirtschaftlicher, polizeilicher und anderer Maßregeln ins Auge gefaßt. Aber der Plan war noch lange nicht ganz durchdacht; die unangenehmen Briefe des Dorfschulzen aber wiederholten sich alljährlich, trieben ihn zur Tätigkeit an und störten folglich seine Ruhe. Oblomow war sich der Notwendigkeit bewußt, noch vor der abschließenden Ausarbeitung seines Planes etwas Entscheidendes ins Werk zu setzen.

Er hatte sich gleich nach dem Aufwachen vorgenommen aufzustehen, sich zu waschen und nach dem Teetrinken ordentlich nachzudenken, dies und das zu erwägen, sich Notizen zu machen und sich überhaupt mit dieser Angelegenheit so zu beschäftigen, wie es sich gehörte.

Etwa eine halbe Stunde lang lag er da und quälte sich mit diesem Vorsatze ab; dann aber sagte er sich, daß er auch noch nach dem Tee Zeit haben werde, dies zu tun, und daß er den Tee seiner Gewohnheit nach im Bette trinken könne, um so mehr, da die Denktätigkeit durch das Liegen nicht behindert werde.

So machte er es denn auch. Nach dem Tee hatte er sich schon halb von seinem Lager erhoben und war schon im Begriffe aufzustehen; er hatte sogar, mit einem Blicke nach seinen Pantoffeln, bereits angefangen, das eine Bein vom Bette zu ihnen herabsinken zu lassen; aber er zog es sofort wieder zurück.

Es schlug halb zehn; Ilja Iljitsch fuhr zusammen.

»Wahrhaftig, wie benehme ich mich denn?« sagte er laut und ärgerlich. »Ich muß mich ja schämen: es ist Zeit, daß ich mich an die Arbeit mache! Wenn man sich nur ein bißchen die Zügel läßt, so . . .«

»Sachar!« rief er.

In einem Zimmer, das von Ilja Iljitschs Zimmer nur durch einen kleinen Flur getrennt war, ließ sich zuerst etwas wie das Knurren eines Kettenhundes vernehmen und dann das Gepolter von Beinen, die von irgend etwas hinabsprangen. Das war Sachar, der von der Ofenbank hinabsprang, auf der er gewöhnlich seine Zeit verbrachte, indem er in Halbschlummer versunken dasaß.

In das Zimmer trat ein bejahrter Mann in einem grauen Rocke mit einem Loche unter der Achsel, aus dem ein Stück Hemd heraushing, in einer ebenfalls grauen Weste mit kupfernen Knöpfen; sein Schädel war kahl wie ein Knie, und sein blonder, graumelierter Backenbart so außerordentlich breit und dicht, daß jede Hälfte desselben für drei Bärte ausgereicht hätte.

Sachar gab sich keine Mühe, an der ihm von Gott gegebenen Gestalt oder an seinem Kostüm, das er auf dem Lande getragen hatte, irgendwelche Veränderungen vorzunehmen. Seine Kleider ließ er sich nach dem Muster anfertigen, das er vom Lande mitgebracht hatte. Der graue Rock und die graue Weste gefielen ihm auch deshalb, weil er in diesem halb uniformartigen Anzuge eine schwache Erinnerung an die Livree[2] sah, die er ehemals getragen hatte, wenn er seine verstorbene Herrschaft zur Kirche oder zu Visiten begleitete; die Livree aber war in seinen Erinnerungen das einzige, wodurch die Würde der Familie Oblomow repräsentiert wurde.

Weiter erinnerte den alten Mann nichts an das behagliche, ruhige Leben auf dem Herrensitze in dem abgelegenen Dorfe. Die alte Herrschaft war gestorben; die Familienporträts waren zu Hause geblieben und lagen wohl irgendwo auf dem Dachboden umher; die Überlieferungen von der alten Lebensweise und Vornehmheit der Familie waren ganz erstorben oder lebten nur noch im Gedächtnisse weniger auf dem Lande gebliebener alter Leute. Darum war der graue Rock dem alten Sachar so teuer: in ihm und dann noch in einigen Merkmalen, die sich in dem Gesichte und in dem Benehmen seines Herrn erhalten hatten und ihn an dessen Eltern erinnerten, sowie in den Launen seines Herrn, über die er zwar im stillen und auch laut brummte, die er aber innerlich als eine Bekundung des Herrenwillens und des Herrenrechtes respektierte, sah er schwache Überreste der dahingeschwundenen Größe.

Wären diese Launen nicht gewesen, so hätte er keinen Herrn über sich gefühlt; wären diese Launen nicht gewesen, so hätte nichts seine Jugend und das Dorf, das sie schon lange verlassen hatten, und die Traditionen von dieser alten Familie vor seinem geistigen Blicke wieder erstehen lassen; diese Traditionen aber waren die einzige Chronik, die von alten Dienern, Kinderfrauen und Ammen geführt und von Geschlecht zu Geschlecht überliefert wurde.

Die Familie Oblomow war ehemals reich und in ihrer Gegend angesehen gewesen; später aber war sie, Gott weiß woher, ganz verarmt und verkümmert und hatte sich zuletzt unmerklich unter den jüngeren adligen Familien verloren. Nur die ergrauten Diener bewahrten und überlieferten einer dem andern eine treue Erinnerung an das Vergangene und hielten diese Erinnerung wie ein Heiligtum in Ehren.

Dies war der Grund, weshalb Sachar seinen grauen Rock so sehr liebte. Vielleicht schätzte er auch seinen Backenbartdeswegen, weil er in seiner Kindheit viele alte Diener mit dieser altertümlichen aristokratischen Zierde gesehen hatte.

In Nachdenken versunken, bemerkte Ilja Iljitsch seinen Diener längere Zeit nicht. Sachar stand schweigend vor ihm. Endlich hustete er.

»Was willst du?« fragte Ilja Iljitsch.

»Sie haben mich doch gerufen.«

»Habe ich dich gerufen? Warum habe ich dich denn gerufen? Ich erinnere mich nicht!« antwortete er, sich reckend. »Geh vorläufig wieder auf dein Zimmer; ich werde mich besinnen.« Sachar ging hinaus; Ilja Iljitsch aber blieb weiter liegen und dachte weiter an den verdammten Brief.

So verging ungefähr eine Viertelstunde.

»Na, aber nun will ich nicht mehr liegen!« sagte er. »Ich muß aufstehen . . . Übrigens möchte ich doch den Brief des Dorfschulzen noch einmal aufmerksam durchlesen, und dann will ich aufstehen. – Sachar!«

Es erfolgte wieder dasselbe Springen und ein stärkeres Knurren. Sachar kam herein; Oblomow aber war wieder in seine Gedanken versunken. Sachar stand ein paar Minuten lang da und blickte seinen Herrn mißvergnügt etwas von der Seite her an; endlich ging er wieder zur Tür.

»Wo willst du hin?« fragte Oblomow auf einmal.

»Sie sagen nichts; also warum soll ich hier unnütze stehen?« erwiderte Sachar mit heiserer Stimme; eine andere Stimme hatte er nämlich nicht. Nach seiner Angabe hatte er seine Stimme verloren, als er mit seinem alten Herrn zu Pferde eine Hetzjagd mitgemacht und ihm ein starker Wind in die Kehle geblasen hatte.

Er stand halb abgewendet mitten im Zimmer und blickte immer seitwärts auf Oblomow hin.

»Sind dir etwa die Beine verdorrt, daß du nicht stehen kannst? Du siehst, ich habe meine Kopf voll Sorgen; also warte ein Weilchen! Hast du denn bei dir noch nicht genug gelegen? Suche mal den Brief, den ich gestern von dem Dorfschulzen bekommen habe. Wo hast du ihn gelassen?«

»Was für einen Brief? Ich habe keinen Brief gesehen«, antwortete Sachar.

»Du hast ihn doch selbst von dem Briefträger in Empfang genommen: es war so ein schmutziger Brief!«

»Wie soll ich wissen, wo Sie ihn hingelegt haben?« sagte Sachar und klopfte mit der Hand auf die Papiere und auf die mancherlei anderen Sachen, die auf dem Tische lagen.

»Du weißt aber auch nie etwas. Sieh mal da in dem Korbe nach! Oder ist er vielleicht hinter das Sofa gefallen? Die Rücklehne am Sofa ist immer noch nicht repariert; du solltest doch den Tischler rufen und sie ganzmachen lassen. Du hast sie ja selbst zerbrochen. Du denkst aber an nichts!«

»Ich habe sie nicht zerbrochen«, antwortete Sachar. »Sie ist von selbst zerbrochen; ewig kann sie ja doch nicht halten; einmal muß sie doch entzweigehen.«

Ilja Iljitsch hielt nicht für nötig, das Gegenteil zu beweisen.

»Hast du ihn gefunden, ja?« fragte er nur.

»Hier sind ein paar Briefe.«

»Das sind andere.«

»Na, mehr sind nicht da«, sagte Sachar.

»Nun gut, geh nur!« sagte Ilja Iljitsch ungeduldig; »ich werde aufstehen und ihn selbst suchen.«

Sachar ging in sein Zimmer; aber kaum hatte er sich mit den Armen auf die Ofenbank gestemmt, um hinaufzuspringen, als sich wieder der eilige Ruf: »Sachar, Sachar!« vernehmen ließ.

»Ach, du mein Gott!« brummte Sachar, während er sich wieder in das Wohnzimmer begab. »Ist das eine Quälerei! Wenn ich nur erst tot wäre!«

»Was wünschen Sie?« fragte er, indem er mit der einen Hand die Tür des Wohnzimmers angefaßt hielt und seinen Herrn zum Zeichen seines Mißvergnügens dermaßen von der Seite anblickte, daß er ihn nur mit einem halben Auge sehen konnte, diesem aber nur die eine Hälfte des Backenbartes sichtbar war, die einen so großen, dichten Busch bildete, daß man erwarten konnte, es würden zwei oder drei Vögel herausfliegen.

»Das Taschentuch, schnell! Das könntest du auch selbst wissen; siehst du denn nichts?« bemerkte Ilja Iljitsch in strengem Tone.

Sachar äußerte bei diesem Befehle und Vorwurfe seines Herrn keine besondere Unzufriedenheit oder Verwunderung, da er wahrscheinlich seinerseits sowohl den Befehl als auch den Vorwurf sehr natürlich fand.

»Wer weiß, wo das Taschentuch ist?« brummte er, während er im Zimmer umherging und jeden Stuhl betastete, obgleich auch so schon zu sehen war, daß auf den Stühlen nichts lag.

»Alles verlieren Sie!« bemerkte er und öffnete die Tür zum Salon, um nachzusehen, ob das Tuch nicht dort sei.

»Wo willst du hin? Suche hier! Da bin ich seit vorgestern nicht gewesen. Aber schnell!« sagte Ilja Iljitsch.

»Ja, wo ist das Tuch? Das Tuch ist nicht da!« sagte Sachar, ratlos die Arme ausbreitend und in alle Ecken blickend. »Aber da ist es ja!« rief er plötzlich ärgerlich mit seiner heiseren Stimme; »unter Ihnen! Da schaut ein Zipfel davon hervor. Sie liegen selbst auf dem Tuche und suchen es!«

Und ohne eine Antwort abzuwarten, wollte Sachar hinausgehen. Oblomow war infolge seines eigenen Versehens etwas verlegen geworden, fand aber schnell einen anderen Grund, um seinem Diener einen Vorwurf zu machen.

»Wie du überall für Reinlichkeit sorgst! Ist das hier ein Staub und Schmutz, mein Gott! Da, da, sieh mal in die Ecken – nichts tust du!«

»Na, wenn ich nichts tue . . .« begann Sachar in gekränktem Tone. »Ich gebe mir die größte Mühe und schone mein Leben nicht! Fast alle Tage fege ich aus und wische Staub . . .« Er wies auf die Mitte des Fußbodens und auf den Tisch, an dem Oblomow immer zu Mittag aß.

»Da, da«, sagte er: »alles ist reingefegt und aufgeräumt, wie zu einer Hochzeit . . . Was wollen Sie noch mehr?«

»Aber was ist das da?« unterbrach ihn Ilja Iljitsch, indem er auf die Wände und die Zimmerdecke wies. »Und das? Und das?« Er wies auf das seit dem vorhergehenden Tage herumliegende Handtuch und auf den auf dem Tische vergessenen Teller mit einem Stücke Brot.

»Na, das will ich gern wegräumen«, versetzte Sachar herablassend und nahm den Teller.

»Nur das! Und der Staub an den Wänden, und die Spinnweben?« sagte Oblomow, auf die Wände weisend.

»Das beseitige ich zur Osterwoche; dann säubere ich den Heiligenschrein und nehme die Spinnweben ab . . .«

»Und wann fegst du die Bücher und die Bilder ab?«

»Die Bücher und die Bilder vor Weihnachten; dann nehme ich mit Anisja alle Schränke vor. Jetzt aber, wann soll ich da aufräumen? Sie sitzen ja immer zu Hause!«

»Ich gehe doch manchmal ins Theater und auf Besuch; da könntest du . . .«

»Wie kann ich bei Nacht reinmachen!«

Oblomow sah ihn vorwurfsvoll an, schüttelte den Kopf und seufzte; Sachar aber blickte gleichmütig durch das Fenster und seufzte ebenfalls. Der Herr schien zu denken: »Na, Bruder, du bist noch ein ärgerer Oblomow als ich selbst«; Sachar aber dachte ungefähr: »Du lügst! Du verstehst dich nur darauf, geschickte, klägliche Worte zu sagen; aber im Grunde sind dir der Staub und die Spinnweben ganz gleichgültig.«

»Weißt du wohl«, sagte Ilja Iljitsch, »daß infolge des Staubes sich Motten einnisten? Ich sehe manchmal sogar eine Wanze an der Wand!«

»Bei mir sind auch Flöhe!« erwiderte Sachar gleichmütig.

»Ist das etwa schön? Das ist doch eine Schmutzerei!« bemerkte Oblomow.

Sachar lächelte über das ganze Gesicht, so daß das Lächeln sogar die Augenbrauen und den Backenbart erfaßte und dieser sich nach den Seiten auseinanderteilte und das ganze Gesicht bis an die Stirn hinauf wie ein roter Fleck aussah.

»Was kann ich dafür, daß es auf der Welt Wanzen gibt?« sagte er mit naiver Verwunderung. »Habe ich sie etwa erfunden?«

»Das kommt von der Unreinlichkeit her«, unterbrach ihn Oblomow. »Was redest du immer für Unsinn!«

»Auch die Reinlichkeit habe ich nicht erfunden.«

»In deinem Zimmer laufen nachts Mäuse umher; ich höre es manchmal.«

»Auch die Mäuse habe ich nicht erfunden. Diese Geschöpfe, wie Mäuse, Katzen, Wanzen, gibt es überall die Menge.«

»Warum gibt es denn bei anderen Leuten weder Motten noch Wanzen?«

Auf Sachars Gesicht malte sich ein mißtrauischer Zweifel, oder, richtiger gesagt, eine ruhige Überzeugung, daß dem nicht so sei.

»Bei mir gibt es von alledem viel«, erwiderte er hartnäckig. »Auf jede Wanze kann man nicht aufpassen; in die Ritzen kann man ihnen nicht nachkriechen.«

Aber im stillen schien er zu denken: »Und was wäre das auch für ein Schlafen ohne Wanzen?«

»Fege aus, räume den Schmutz aus den Winkeln heraus; dann wird nichts mehr da sein«, belehrte ihn Oblomow.

»Heute räumt man ihn heraus, und morgen liegt wieder alles voll«, antwortete Sachar.

»Es wird nicht vollliegen«, unterbrach ihn der Herr; »das ist nicht nötig.«

»Es wird vollliegen, das weiß ich«, entgegnete der Diener beharrlich.

»Nun, und wenn es vollliegt, dann fege wieder aus.«

»Was? Alle Tage soll ich in allen Winkeln herumarbeiten?« fragte Sachar. »Was ist das für ein Leben? Da möchte ja Gott lieber meine Seele zu sich nehmen!«

»Warum ist es denn bei anderen Leuten rein?« erwiderte Oblomow. »Wirf mal einen Blick in die Wohnung des Klavierstimmers uns gegenüber: es ist eine wahre Freude, das zu sehen; und dabei haben sie nur ein einziges Dienstmädchen . . .«

»Aber wo soll auch bei diesen Deutschen Schmutz herkommen?« entgegnete Sachar schnell. »Sehen Sie nur, wie die Leute leben! Die ganze Familie nagt die ganze Woche über an einem Knochen. Wenn der Vater einen Rock abgetragen hat, so bekommt ihn der Sohn, und vom Sohne übernimmt ihn wieder der Vater. Die Frau und die Töchter tragen kurze Kleider und ziehen immer die Füße an den Leib wie die Gänse . . . Wo soll bei denen Schmutz herkommen? Bei denen ist es nicht so wie bei uns, daß ein Haufen alter abgetragener Kleider jahrelang in den Schränken liegt und sich im Winter eine ganze Ecke voll Brotrinden ansammelt . . . Bei denen liegt nicht einmal eine Brotrinde unnütz herum: sie machen sich Zwieback daraus und trinken ihn im Bier!« Sachar spuckte bei seiner Kritik einer so knauserigen Lebensweise sogar durch die Zähne aus.

»Es hat keinen Zweck, darüber hin und her zu reden!« versetzte Ilja Iljitsch. »Räume lieber auf!«

»Ich würde manchmal gern aufräumen; aber Sie selbst machen es mir ja unmöglich«, sagte Sachar.

»Die alte Leier! Naja, immer bin ich das Hindernis.«

»Gewiß sind Sie das! Immer sitzen Sie zu Hause; wie soll ich da in Ihrer Anwesenheit aufräumen? Gehen Sie mal auf einen ganzen Tag weg, dann werde ich aufräumen.«

»Na, da hast du dir wieder mal etwas Schönes ausgedacht: ich soll ausgehen! Mach lieber, daß du auf dein Zimmer kommst.«

»Nein, wirklich!« versetzte Sachar beharrlich. »Wenn Sie zum Beispiel heute ausgingen, würden Anisja und ich alles aufräumen. Aber zu zweien würden wir es nicht schaffen: wir müßten noch ein paar Frauen annehmen, um alles zu scheuern.«

»Was sind das für Einfälle: Frauen annehmen! Scher' dich auf dein Zimmer!« sagte Ilja Iljitsch.

Es tat ihm schon leid, daß er Sachar zu diesem Gespräche herausgefordert hatte. Er vergaß immer, daß er sich durch jede Berührung dieses heiklen Gegenstandes mit Notwendigkeit Verdrießlichkeiten zuzog.

Oblomow hätte es gern gesehen, daß alles sauber wäre; aber er hätte gewünscht, daß das unmerklich, von selbst zustande käme; Sachar aber fing immer eine große Rederei an, sobald von ihm verlangt wurde, er solle den Staub ausfegen, den Fußboden scheuern und so weiter. Er begann in solchem Falle die Notwendigkeit eines gewaltigen Getreibes im Hause zu beweisen, da er sehr gut wußte, daß der bloße Gedanke daran seinen Herrn in Schrecken versetzte.

Sachar ging hinaus; Oblomow aber versank wieder in seine Überlegungen. Nach einigen Minuten schlug es wieder halb. »Was ist das?« sagte Ilja Iljitsch ordentlich erschrocken. »Es ist bald elf, und ich bin noch nicht aufgestanden und habe mich noch nicht gewaschen? Sachar, Sachar!«

»Ach, du mein Gott! Schon wieder!« erscholl es aus Sachars Stube, und dann kam das bekannte Geräusch des Sprunges.

»Ist alles zum Waschen bereit?« fragte Oblomow.

»Schon längst!« antwortete Sachar. »Warum stehen Sie nicht auf?«

»Warum sagst du es mir denn nicht, daß alles bereit ist? Dann wäre ich schon längst aufgestanden. Geh nur; ich komme gleich nach. Ich habe zu tun; ich werde mich hinsetzen und schreiben.«

Sachar ging hinaus, kehrte aber eine Minute darauf mit einem vollgeschriebenen fettigen Hefte und einigen Papierblättern zurück.

»Da! Wenn Sie schreiben wollen, so seien Sie doch so gut, bei der Gelegenheit auch die Rechnungen durchzusehen; wir müssen sie bezahlen.«

»Was sind das für Rechnungen? Was müssen wir bezahlen?« fragte Ilja Iljitsch unzufrieden.

»Vom Fleischer, vom Gemüsehändler, von der Waschfrau, vom Bäcker: alle verlangen sie Geld.«

»Immer nur Geldsorgen!« brummte Ilja Iljitsch. »Warum gibst du mir denn die Rechnungen nicht nach und nach, sondern alle mit einem Mal?«

»Sie haben mich ja immer hinausgejagt. ›Morgen‹, sagten Sie, ›morgen!‹«

»Na, kann man es denn also nicht auch jetzt bis morgen lassen?«

»Nein. Die Leute sind schon sehr dringlich; sie wollen nichts mehr auf Kredit geben. Heute ist der Erste.«

»Ach!« sagte Oblomow verdrießlich. »Eine neue Sorge! Na, was stehst du noch? Lege die Rechnungen auf den Tisch. Ich werde gleich aufstehen, mich waschen und sie durchsehen«, sagte Ilja Iljitsch. »Also zum Waschen ist alles bereit?«

»Jawohl!« antwortete Sachar.

»Na, jetzt . . .«

Er begann stöhnend, sich im Bette aufzurichten, um aufzustehen.

»Ich habe vergessen, Ihnen zu sagen«, begann Sachar: »vorhin, als Sie noch schliefen, hat der Hausverwalter den Hausknecht hergeschickt; er läßt sagen, wir müßten unbedingt ausziehen . . . er brauche die Wohnung anderweitig.«

»Na, was ist denn? Wenn er die Wohnung anderweitig braucht, so ziehen wir selbstverständlich aus. Warum quälst du mich damit? Es ist schon das dritte Mal, daß du davon mit mir zu reden anfängst.«

»Er quält mich auch damit.«

»Sage ihm, wir würden ausziehen.«

»Er sagt: ›Ihr habt schon vor einem Monat versprochen auszuziehen, zieht aber immer noch nicht aus; ich werde es der Polizei anzeigen‹, sagt er.«

»Mag er es anzeigen!« sagte Oblomow in entschiedenem Tone. »Wir werden von selbst ausziehen, sobald es ein bißchen wärmer sein wird, so in drei Wochen.«

»Was heißt: in drei Wochen! Der Verwalter sagt, in zwei Wochen würden die Arbeiter kommen und alles einreißen. ›Zieht morgen oder übermorgen aus‹, sagt er . . .«

»Oh, oh, oh! Das ist doch gar zu eilig! Nun sehe einer so was an! Am Ende wird er uns noch befehlen, sofort auszuziehen! Daß du dich aber nicht unterstehst, mich noch einmal an die Wohnung zu erinnern! Ich habe es dir schon einmal verboten; und nun hast du es doch wieder getan. Nimm dich in acht!«

»Was soll ich denn aber tun?« fragte Sachar.

»Was du tun sollst? Also auf diese Art möchtest du von der Sache loskommen!« antwortete Ilja Iljitsch. »Mich fragst du! Ist das etwa meine Sache? Belästige mich nicht damit, sondern richte alles ein, wie du willst, nur daß wir nicht auszuziehen brauchen. Kannst du dir denn für deinen Herrn nicht ein bißchen Mühe geben?«

»Aber wie soll ich es denn einrichten, Väterchen Ilja Iljitsch?« begann Sachar, indem er seiner heiseren, zischenden Stimme einen milden Klang zu geben suchte. »Das Haus gehört doch nicht mir; wie soll man es denn anfangen, daß man aus einem fremden Hause nicht auszuziehen braucht, wenn man hinausgejagt wird? Wenn das Haus mir gehörte, dann würde ich mit dem größten Vergnügen . . .«

»Kann man ihn denn nicht irgendwie überreden? Sage ihm doch: ›Wir wohnen hier schon so lange und haben die Miete immer pünktlich bezahlt.‹«

»Das habe ich ihm schon gesagt«, antwortete Sachar.

»Nun, und was hat er darauf erwidert?«

»Was er erwidert hat? Immer dasselbe: ›Zieht aus‹, sagte er; ›wir müssen die Wohnung umbauen.‹ Sie wollen aus der Wohnung des Arztes und dieser hier eine einzige große Wohnung machen, weil der Sohn des Wirtes sich verheiratet.«

»Ach, du mein Gott!« sagte Oblomow ärgerlich. »Es gibt wirklich solche Esel, die sich verheiraten!«

Er drehte sich auf den Rücken.

»Sie sollten an den Hauswirt schreiben, gnädiger Herr«, sagte Sachar. »Vielleicht würde er Sie dann in Ruhe lassen und anordnen, daß zuerst jene Wohnung umgebaut wird.« Sachar zeigte dabei mit der Hand irgendwohin nach rechts.

»Na gut; wenn ich werde aufgestanden sein, werde ich schreiben . . . Geh auf dein Zimmer; ich werde darüber nachdenken. Du verstehst doch aber auch nichts zu machen«, fügte er hinzu; »auch um diesen Quark muß ich mich selbst kümmern!«

Sachar ging hinaus, und Oblomow begann nachzudenken. Aber er war in Verlegenheit, worüber er nachdenken sollte: ob über den Brief des Dorfschulzen oder über den Umzug in eine neue Wohnung, oder sollte er sich an die Durchsicht der Rechnungen machen? Dieser Andrang materieller Sorgen machte ihn ganz fassungslos, und er lag noch immer daund wälzte sich von einer Seite auf die andre. Nur von Zeit zu Zeit wurden abgebrochene Ausrufe vernehmbar: »Ach, mein Gott! Das Leben läßt einem doch gar keine Ruhe; überall faßt es einen an.«

Es läßt sich nicht sagen, ob er noch lange in dieser Unentschlossenheit verharrt wäre; aber im Vorzimmer ertönte die Klingel.

»Da kommt schon jemand«, sagte Oblomow und wickelte sich in seinen Schlafrock. »Und ich bin noch nicht aufgestanden; es ist geradezu eine Schande! Wer mag das so früh sein?« Und daliegend blickte er neugierig nach der Tür.

II.

Inhaltsverzeichnis

Der Eintretende war ein junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren; sein Gesicht strahlte nur so von Gesundheit; seine Backen, seine Lippen und seine Augen lachten. Man wurde neidisch, wenn man ihn ansah.

Er war tadellos frisiert und gekleidet und blendete den Beschauer durch die Frische seines Gesichtes und durch die Schönheit seiner Wäsche, seiner Handschuhe und seines Fracks. Auf der Weste hing eine geschmackvolle Uhrkette mit einer Menge kleiner Anhänger. Er holte ein sehr feines batistenes Taschentuch hervor, zog das orientalische Parfüm ein, fuhr dann damit lässig über sein Gesicht und über den glänzenden Hut und schlug sich damit den Staub von den Lackstiefeln.

»Ah, guten Tag, Wolkow!« sagte Ilja Iljitsch.

»Guten Tag, Oblomow«, sagte der schmucke Herr, indem er näher an ihn herantrat.

»Kommen Sie nicht so nah heran, kommen Sie nicht so nah heran: Sie kommen aus der Kälte!« sagte dieser.

»O Sie Zärtling, Sie Sybarit!« erwiderte Wolkow und sah sich um, wo er seinen Hut hinstellen könnte; aber da er überall Staub sah, so stellte er ihn nirgends hin. Dann machte er seine beiden Frackschöße auseinander, um sich hinzusetzen; nachdem er aber den Lehnstuhl aufmerksam betrachtet hatte, blieb er stehen.

»Sie sind noch nicht aufgestanden! Und was haben Sie denn da für einen Schlafrock an? Solche trägt man ja schon längst nicht mehr«, schalt er Oblomow.

»Das ist ein orientalischer Schlafrock«, erwiderte Oblomow und wickelte sich liebevoll in die weiten Schöße dieses Kleidungsstückes.

»Wie steht's mit Ihrer Gesundheit?« fragte Wolkow.

»Gesundheit ist das gar nicht zu nennen!« antwortete Oblomow gähnend. »Es geht mir schlecht: meine Kongestionen haben mir arg zugesetzt. Und Sie, wie befinden Sie sich?«

»Ich? Oh, es macht sich: ich bin gesund und munter – sehr munter!« fügte der junge Mann offenbar aufrichtig hinzu.

»Von wo kommen Sie denn so früh?« fragte Oblomow.

»Vom Schneider. Sehen Sie mal, ist mein Frack nicht schön?« sagte er und drehte sich vor Oblomow hin und her.

»Vorzüglich! Er ist mit vielem Geschmack angefertigt«, versetzte Ilja Iljitsch; »aber warum ist er hinten so weit?«

»Es ist ein Reitfrack[4]: zum Ausreiten.«

»Ah! Sehen Sie mal an! Reiten Sie denn?«

»Gewiß! Ich habe mir den Frack gerade für heute machen lassen. Heute ist ja der erste Mai; da reite ich mit Gorjunow nach Jekateringof[5] . Ach, Sie wissen von nichts? Mischa Gorjunow ist befördert worden – da wollen wir heute auf dem Korso[6] paradieren«, fügte Wolkow entzückt hinzu.

»Na, so etwas!« sagte Oblomow.

»Er reitet einen Fuchs«, fuhr Wolkow fort. »In seinem Regimente haben sie sämtlich Füchse; ich aber habe einen Rappen. Wie werden Sie denn hinkommen: zu Fuß oder im Wagen?«

»Gar nicht«, erwiderte Oblomow.

»Wie kann jemand am ersten Mai nicht in Jekateringof sein! Was reden Sie, Ilja Iljitsch!« rief Wolkow erstaunt. »Es sind alle da!«

»Na, wie werden denn alle da sein! Nein, alle denn doch nicht!« bemerkte Oblomow träge.

»Kommen Sie mit, teuerster Ilja Iljitsch! Sofia Nikolajewna und Lidija werden im Wagen nur zu zweien sein; gegenüber ist im Wagen noch ein Bänkchen; da könnten Sie mitfahren . . .«

»Nein, auf dem Bänkchen habe ich nicht Platz. Und was sollte ich da auch machen?«

»Nun, dann wird Ihnen Mischa, wenn Sie wollen, ein anderes Pferd geben.«

»Gott weiß, was der für Einfälle hat!« sagte Oblomow, beinahe nur so für sich. »Warum sind Sie denn so hinter den Gorjunows her?«

»Ach!« seufzte Wolkow errötend. »Soll ich es sagen?«

»Sagen Sie es!«

»Werden Sie es auch niemandem wiedersagen – Ehrenwort?« fuhr Wolkow fort und setzte sich zu ihm auf das Bett.

»Schön, meinetwegen.«

»Ich . . . bin in Lidija verliebt«, flüsterte er.

»Bravo! Schon lange? Ich glaube, sie ist ein allerliebstes Wesen.«

»Schon drei Wochen lang!« sagte Wolkow mit einem tiefen Seufzer. »Und Mischa ist in Daschenka verliebt.«

»In was für eine Daschenka?«

»Wo sind Sie denn her, Oblomow? Kennt der Mensch Daschenka nicht! Die ganze Stadt ist davon enthusiasmiert, wie sie tanzt! Heute will ich mit ihm ins Ballett gehen, und er wird ihr ein Bukett werfen. Ich muß ihm ein bißchen Anweisung geben: er ist noch so schüchtern, ein Neuling . . . Ach, ich muß ja noch hinfahren und Kamelien besorgen . . .«

»Wohin wollen Sie denn noch? Lassen Sie das nur, und kommen Sie zu mir zum Mittagessen; dabei könnten wir miteinander reden. Ich habe in zwiefacher Hinsicht Unglück . . .«

»Ich kann nicht; ich speise beim Fürsten Tjumenew; alle Gorjunows werden da sein, auch sie, sie . . . meine süße Lidija«, fügte er flüsternd hinzu. »Warum haben Sie sich denn von dem Fürsten zurückgezogen? Was ist das für ein lustiges Haus! Wie fein und vornehm geht es da zu! Und das Landhaus! Es versinkt ordentlich in Blumen! Jetzt ist noch eine Galerie in gotischem Stil angebaut. Im Sommer sollen da, wie man hört, Tanzvergnügungen stattfinden und lebende Bilder gestellt werden. Sie werden doch hinkommen?«

»Nein, ich glaube, ich werde nicht hinkommen.«

»Ach, was ist das für ein Haus! In diesem Winter waren Mittwochs immer mindestens fünfzig Personen da, und manchmal fanden sich gegen hundert zusammen . . .«

»Mein Gott, das muß ja höllisch langweilig gewesen sein!«