Odyssee Korsika - Matthias Arndt - E-Book

Odyssee Korsika E-Book

Matthias Arndt

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Beschreibung

Nach einem dramatischen Ereignis in der Stadt Frankfurt am Main, gerät Frau Eva-Charlotte-Kramer unwiderruflich in das Fadenkreuz deutscher Staatsorgane. Auf ihrer spektakulären Flucht nach Frankreich und weiter auf die Mittelmeerinsel Korsika nimmt Charlotte auf mannigfaltige Weise am Lebensalltag der dort lebenden Inselbewohner teil, die ihr Zuflucht gewähren. Eine spannende deutsch - französische Kriminalgeschichte. Sowohl erhellende Eindrücke, als auch die atemberaubende Naturlandschaft begleiten den Leser auf die Insel Korsika.

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Seitenzahl: 205

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Matthias Arndt

Odyssee Korsika

Odyssée en Corse

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Impressum neobooks

Kapitel 1

Der Morgen brach schon an und Charlotte war immer noch damit beschäftigt, die passende Garderobe für den vielversprechenden Arbeitstag aus dem Kleiderschrank herauszusuchen. Sie war eine von den Auserwählten, die für ihr soziales Engagement gewürdigt werden sollte. Denn eigentlich war sie längst dazu auserkoren, weil sie den Bürojob schon jahrelang innehatte. Niemand sonst aus ihrem Kollegenkreis konnte ihr auch nur annähernd das Wasser reichen, denn sie war von Anfang an dabei. Nicht einmal die kompromisslose Arbeitskollegin Ulrike, die immerzu nur vegetarische Nahrung zu sich nahm, wegen den Kalorien.

Die Arbeit machte ihr Spaß, auch wenn sie hin und wieder diesen lästigen Papierkram für das Amt erledigen musste. Alles musste korrekt sein, denn Chaos konnte sie selbst nicht ertragen. Auch glaubte sie fest daran, dass sich im gesellschaftlichen Zusammenleben grundsätzlich etwas ändern müsste. Man schätzte sie im Kollegenkreis, weil sie sich mit ihrer Art und Weise zur Problemlösung einen gewissen Vorsprung verschaffte. Das gefiel auch Christian, der Vorsitzende dieser karitativen Einrichtung war. Christian hatte immer ein offenes Ohr, wenn es darum ging Menschen die in Not geraten sind Hilfe anzubieten. Außerdem war er Mitglied im Kirchenrat, was von Vorteil war.

Charlotte hatte sich mittlerweile gut eingelebt in dem Appartement im Frankfurter Stadtteil Kelsterbach, in welchem sie mit ihrem Mann Kersten wohnte, denn die Mietpreise waren in den letzten Jahren nur so in die Höhe geschossen. Ein Nachbar im Haus hatte sie oftmals darum gebeten, den Mietpreisspiegel zu vergleichen, weil er sich darin bestätigt fühlte, dass der Hausverwalter ständig die Mieten erhöht. Aber eigentlich ging es dem Hausverwalter vorwiegend darum, die Wohnungen möglichst profitabel zu veräußern.

Es war Frühling im Mai, dem Wonnemonat wonach sich Charlotte schon lange gesehnt hatte. Lichtstrahlen durchfluteten das helle Badezimmer und gaben dem Raum einen hellen Schein. Nein, nur nicht so viel Schminke auftragen dachte sie, denn das mochte ihr Mann Kersten nicht. Auch wenn es draußen nicht nach einem Regenschauer aussah, so klappte sie ihren Tuschkasten wieder zu und lief stattdessen in die Küche, um die Kaffeemaschine einzuschalten. Den selbstgebackenen Kuchen holte sie aus der Backröhre und probierte ein Stück davon. Wie lecker dachte sie, denn backen war sozusagen ihre Leidenschaft. Noch blieb ihr genügend Zeit um sich anzukleiden, was für ein unbeschwertes Gefühl an diesem noch recht kühlen Morgen. Von der Küche bis in das Schlafzimmer waren es nur ein paar Schritte, als sie merkte, dass sie nicht das fand, wonach sie suchte. Ein helles Kleid sollte es schon sein, aber bitte nicht so eintönig. Etwas Originelles mit mehr Farbe musste her. So legte sie einige passenden Kleider auf das Bett, um nicht den Überblick zu verlieren. Wenn doch nur Kersten da wäre und ihr die Suche abnehmen würde. Aber ausgerechnet in dieser Woche ist er geschäftlich nach London gereist und hat sie wie so oft im Stich gelassen. Die Ungewissheit bezüglich der Abwesenheit von Kersten ließ sie ein wenig zaudern, hatte er sich doch schon seit zwei Tagen nicht mehr auf dem Handy gemeldet.

Endlich fand sie das Kleid wonach sie suchte und auch die passenden Schuhe dazu. Jetzt musste alles ziemlich schnell gehen, denn um halb acht Uhr fuhr ihre S-Bahn, die sie zu Fuß halbwegs noch erreichte. Vor lauter Aufregung verfing sie sich nach dem Aussteigen aus der Bahn mit der Einkaufstasche an einer Vereinzelungsanlage eines Drehkreuzes, denn von der Bahnstation waren es nur noch wenige Schritte bis zu ihrem Arbeitsplatz.

Christian war ihr von der Straße aus als Erster gefolgt, um mit Blumen und Glückwünschen auf sich aufmerksam zu machen. Es war Teil ihres Erfolges, für mehr soziale Gerechtigkeit und Selbstbestimmung von benachteiligten Familien eingetreten und geworben zu haben. Das soziale Umfeld lag ihr schon immer am Herzen. Sie öffnete ein Fenster in ihrem Büro, stellte die Blumen in eine Vase, schaltete den Computer ein und nahm die Glückwünsche der Kolleginnen entgegen. Sarah hatte sich etwas Besonderes einfallen lassen und schenkte ihr ein Maskottchen in Form eines selbstgebastelten Seepferdchens aus Muschelkalk. Natürlich durften auch Kaffee und Kuchen nicht fehlen, für eine kleine Feier, die in der Pause stattfinden sollte.

Die vermehrten Marktwirtschaftlichen Veränderungen in der Frankfurter Innenstadt beunruhigten sie, wenngleich sie daran dachte, dass dadurch auch neue Arbeitsplätze entstehen konnten. In kaum einer anderen Großstadt Deutschlands fiel das Lohngefüge dermaßen unterschiedlich aus, was vermehrt mit dem Bankenwesen zusammenhing. Dabei dachte sie jetzt auch an ihren Mann Kersten. Eigentlich war sie ja froh mit ihm verheiratet zu sein, aber allein der Tatsache geschuldet konnte sie sich das Appartement in Kelsterbach selbst nicht leisten. Die Abhängigkeit die sie darin sah, beunruhigte sie dennoch.

Auf ihrem Schreibtisch stapelten sich die Vorgänge der letzten Wochen. Allein in der vergangenen Woche waren an die zwanzig neuen Anträge eingegangen. Alle Vorgänge mussten genau geprüft und nach Dringlichkeit sortiert werden. Jeden Dienstag und Donnerstag in der Woche herrschte besonders viel Andrang im Büro, denn dann hatte sie neben ihrer eigentlichen Aufgabe auch noch den Kundendienst zu bewerkstelligen, so wie auch an diesem Donnerstag. An manchen Tagen kamen bis zu vierzig Kunden, die mit den unterschiedlichsten Anliegen zu ihren Problemen und Sorgen nach Antworten suchten. Zu einem dieser Problemfälle gehörte auch eine junge Mutter mit einem behinderten Kind, welches tagtägliche Pflege bedurfte. Die ohnehin schon schwierige Lage ergab nun im Gespräch, dass ihr Mann seit einem Verkehrsunfall im Koma lag. Das ortsansässige Krankenhaus berichtete zudem, dass der Mann, sofern er wieder genesen würde, bleibende Schäden davontragen könnte. Aus Sicht der Aktenlage wurde deutlich, dass Hilfe hier notwendig sei, doch seitens des Versorgungsamtes fehlten diesbezüglich die Nachweise durch die Krankenkasse. Eine alleinige Prüfung des Sachverhalts durch einen Sachverständigen des Krankenhauses reiche schließlich nicht aus. Welche bürokratischen Hürden manche Kunden über sich ergehen lassen mussten, brachte oftmals Resignation und Kopfschütteln hervor. Auch Charlotte war es mitunter anzusehen, dass der Werdegang in den einzelnen Fällen, die sie bearbeiten musste, oft steinig war. Manchmal zermürbte die Arbeit sie so sehr, dass sie auf andere Gedanken einschwenken musste, auch wenn ihr vieles nach Feierabend noch durch den Kopf ging. Es gab einige Fälle, die sich über Jahre hinweg zogen, weil einerseits das erforderliche Gutachten keine eindeutige Klärung hervorbrachte oder andererseits eine richterliche Anordnung die Bearbeitung des Falls verhinderte. Um all diese Fragen klären zu können, wandte sie sich an Christian, der in Einzelfallentscheidungen das letzte Wort hatte. Zwischen der Entscheidung von Christian und der Entscheidung anderer staatlicher Träger entstand so etwas wie ein Vakuum, weil auf der einen Seite die Transparenz gewahrt werden sollte und anderenfalls die nötige Hilfe nicht verwehrt werden konnte. All das waren signifikante Eckpunkte, die zu den Einzelfallentscheidungen gehörten. Über die Bedeutung der einzelnen Fälle waren sich alle einig, weil die nötige Hilfe für die Betroffenen oftmals zu spät kam. Inzwischen gab es zwar eine Reihe von verschiedenen Überlegungen seitens der staatlichen Stellen, die aber bisher zu keiner Abkehr vom althergebrachten Ablauf führten.

Der Tag war lang und zermürbend gewesen, als es auf den Feierabend zuging. Christians Büro lag am anderen Ende des Ganges in einem geteilten Raum, der zur Flurseite durch ein Fenster und zu den gemeinschaftlichen Büros durch ein weiteres Fenster unterbrochen ist. Seine Tür zum Büro stand während der Geschäftszeiten immer offen, so dass man zumindest erahnen konnte, ob er noch da war, wenn er mitunter lautstark telefonierte. Obgleich es schon nach achtzehn Uhr war, hörte man immer noch Christians Stimme, wie er aus seinem Büro heraus telefonierte. Charlotte fuhr ihren Computer herunter, schloss das Fenster, nahm die Blumen aus der Vase und warf noch einen letzten Blick in Richtung des Büros von Christian.

>>Ich mach jetzt Feierabend!<<, rief sie in Richtung von Christians Büro.

>>Charlotte, warten Sie einen Augenblick, ich bin gleich fertig<<, entgegnete Christian, der mit einem Hand-wink signalisierte, dass sie noch ein wenig ausharren sollte.

Noch einmal schaute sie aus dem Fenster nach draußen und sah ihre Kolleginnen vom Parkplatz fahren. Dann ging alles sehr schnell und Christian stand plötzlich neben ihr.

>>Soweit ich mich erinnern kann haben sie doch heute auch Geburtstag, weshalb ich mir dachte, dass ich sie zum Essen einladen könnte<<, entgegnete Christian.

Sie hielt für einen Augenblick inne, weil sie geschafft und müde aussah. Dann dachte sie an das bevorstehende Wochenende und an Kersten, der sich immer noch nicht gemeldet hatte.

>>Wissen sie Charlotte, ich kenne hier ein gutes thailändisches Lokal und gutes Essen ist auch gut für die Seele<<.

Schließlich willigte sie ein, denn was sollte sie auch allein zu Hause herumsitzen.

Sie stiegen beide in den VW Passat, der neben dem Haupteingang auf dem Parkplatz stand.

Währenddessen zogen über die Großstadt einige Wolkenfelder am Horizont vorbei.

>>Mögen sie Musik von Elvis Presley?<<, fragte Christian als er während der Fahrt eine CD in das Audiofach schob.

>>Elvis, was für eine schöne Zeit<<.

>>Wie meinen sie das Charlotte?<<.

>>War das nicht die Zeit des Umbruchs, ein Hauch von Revolution<<.

>>Es war vor allem ein Anflug von Veränderungen im gesellschaftlichen Zusammenleben<<.

>>Glauben sie, dass diese Veränderungen auch heute noch stattfinden?<<.

>>Oh ja, wir leben im Zeitalter der Globalisierung. Deshalb müssen wir uns ständig anpassen und neu erfinden. Unsere Gesellschaft braucht Veränderung<<.

>>Haben sie eigentlich Kinder?<<, fragte Charlotte.

>>Ja eins aus erster Ehe. Aber ich sehe meine Tochter nur noch selten. Sie studiert Medizin in Berlin. Und haben Sie Kinder?<<.

>>Nein, mein Mann Kersten hatte sich schon vor Jahren sterilisieren lassen. Außerdem ist er der Meinung, dass Kinder zu viel Zeit in Anspruch nehmen<<.

Der VW Passat hielt vor dem thailändischen Restaurant und beide stiegen aus. Vor dem Eingang standen zur rechten und zur linken Seite je ein Pflanzkübel mit Buchsbaum.

>>Vergessen sie ihre Blumen nicht<<, entgegnete Christian.

>>Darf ich die überhaupt mit ins Lokal nehmen?<<.

>>Aber natürlich! Machen sie sich deswegen keine Sorgen. Ich kenne den Restaurantleiter, der hatte mal meine Tochter im Judoka trainiert<<.

>>Ihre Tochter macht Kampfsport?<<.

>>Jetzt nicht mehr, nur damals wo sie noch in Frankfurt am Main gewohnt hat<<.

Mit einem Schubs öffnete Charlotte die Eingangstür zu dem Restaurant, während ihr Christian kurz darauffolgte. Sie nahmen an einem Tisch Platz, wo im selben Augenblick eine Kerze entzündet wurde. Während dem Abendessen erzählte ihr Christian, dass die Fördermittel für die karitative Einrichtung auf absehbarer Zeit begrenzt werden. Man hätte zwar einen neuen Antrag auf Bewilligung von Fördermitteln gestellt, aber eine Entscheidung von staatlicher Seite stehe noch aus. Sollte der Antrag abgelehnt werden, müsse man auf Spendengelder der Kirche zurückgreifen. Charlotte bekam keinen Bissen mehr herunter, als ihr Christian das erzählte. Ständig griff sie zu dem Glas Bier auf dem Tisch, um den Ärger herunter zu spülen. Sie dachte an den Beginn ihrer Tätigkeit, wo alles so reibungslos funktionierte und daran, wie vielen Menschen sie mit ihrer Arbeit bisher geholfen hatte. Bislang glaubte sie, dass das auf ewig so weiter geht, aber dass ihre Arbeit nun an einem Scheidepunkt stand, daran hatte sie niemals gedacht. Sie war der Meinung, dass die Menschen, die zu ihr kommen, die nötige Hilfe brauchen. Christian bemerkte Charlottes Gemütszustand und die Anwandlung von Hilflosigkeit.

>>Seien sie unbesorgt Charlotte, wir werden schon eine Lösung finden. Vielleicht kann uns eine Hilfsorganisation mit Spendengeldern helfen<<.

Darüber hatte sie noch nicht nachgedacht. Sie wusste aber, dass Christian alles daransetzen würde, um die soziale Einrichtung am Leben zu erhalten.

Der Abend neigte sich dem Ende entgegen, während am Nachthimmel dunkle Wolken vorüberzogen, aus denen es etwas nieselte. Christian verabschiedete sich mit einer netten Geste, gleichwohl er Charlotte noch nach Hause brachte.

Ein Anflug von Müdigkeit überkam sie, als sie sich auf das Bett legte. Der Tag war anstrengend und Christians Bemerkungen haben ihr klar gemacht, wie es um die soziale Einrichtung stand. Dann dachte sie darüber nach, ob er diese Nachricht auch Ulrike und Sarah mitgeteilt hatte. Der Gedanke daran beeinflusste ihre Gemütslage, in der sie sich selbst befand. Sie lief ins Wohnzimmer, stellte die Blumen in eine Vase und nahm die Anrufe des Tages von ihrem Anrufbeantworter entgegen. Kersten hatte sich endlich gemeldet. Er freue sich auf das Wochenende und die gemeinsame Zeit mit ihr. Es war das erste Mal, dass sie diese Nachricht gleich zweimal hintereinander abspielte, denn lange hatte sie seine Stimme nicht mehr gehört. Im Anschluss daran suchte sie das Badezimmer auf, um zu duschen. Danach trocknete sie sich mit dem Handtuch ab und legte sich schlafen.

Kapitel 2

Kersten Kramer arbeitete als Banker in einem der renommiertesten Geldhäuser in der Frankfurter Innenstadt. Er war sehr zielstrebig, eifrig und voller Elan, was seinen Beruf in der Branche anbelangt. Finanzen spielten schon immer bei ihm eine große Rolle, war es doch eines seiner Tagesgeschäfte, in einem Geldinstitut mit annähernd zweitausend Mitarbeitern global und zugleich flexibel zu agieren. Sein Aufgabengebiet umfasste nicht nur das Investment Banking, wie die Börsianer sagen, sondern auch die Marktanalyse zu globalen Handelsbilanzen auf dem Rohstoffmarkt.

Wegen seinem freundlichen und zuvorkommenden Auftreten gegenüber dem Vorgesetzten, traute ihm so mancher einen höheren Posten zu, wenngleich das Machtgefüge unter den Bankangestellten in der Branche zeitweise für Zündstoff sorgte. Oftmals entflammten in der Finanzwelt des Bankhauses Machtkämpfe, wer denn nun den lukrativsten Deal für sich vereinnahmen konnte. Aber auch hier gab es klare Regeln, die notwendigerweise den Frieden im Geldhaus bewahrten. Gelegentlich kam es vor, dass das Bankhaus auch negative Tagesbilanzen auswies, dies war aber nur sporadisch der Fall, wenn der sogenannte Hexensabbat eine übergeordnete Rolle spielte.

Natürlich gehörte es auch zum jeweiligen Tagesgeschäft, vor Ort auf dem Finanzplatz der Hausbank in London präsent zu sein. Gerade das war von Vorteil, weil der Finanzplatz in London einen hohen internationalen Stellenwert hat. In vielerlei Hinsicht jedoch konnte man dem Finanzplatz in London durchaus etwas Markantes abgewinnen, was mit der Popularität am Wirtschaftsstandort zusammenhing.

Nahezu jede Woche gab es mitunter nervenaufreibenden Sitzungen, die in dem Bankhaus in Frankfurt bis spätabends oftmals für Furore sorgten. Ein jeder verabscheute diese Sitzungen, weil er nicht wusste, ob er beim Namen genannt wird. Neben Englisch und Deutsch sprach Kersten vor allem die Sprache der Finanzwelt und die hatte es in sich. Derivate, Futures und Zertifikate standen da an erster Stelle. Auch wenn es nicht immer ums einzelne Tagesgeschäft ging, so musste aber grundsätzlich die Ausrichtung stimmen. Neben einem Grundsalär erhielt Kersten eine monatliche Provision, sowie branchenübliche Bonuszahlungen, die vom Geschäftsfeld seiner Tätigkeit abhängig waren.

Einmal im Monat flog Kersten von Frankfurt am Main nach London, um die Finanzgeschicke des Bankhauses bei der Muttergesellschaft dort zu thematisieren. Keine leichte Aufgabe für einen Mann Ende dreißig, der zudem verheiratet ist und noch ziemlich am Anfang seiner Karriere stand. Im Laufe seines Berufslebens hatte er sich erst spät dazu entschlossen Banker zu werden. Das Bankgewerbe war sein ein und alles.

Den Kollegen aus London war die Übermacht “Made in Germany” schon immer ein Dorn im Auge, aber sie wussten auch, dass es im globalen Wettbewerb dazu keine Alternative gab. Kersten hatte es sich zu eigen gemacht, dass operative Geschäft von dem übrigen zu trennen, was ihm mehr Handlungsspielraum ermöglichte. Das Auf und Ab an den Aktienmärkten machte Ihn aber sichtlich nervös, waren doch die Zinsen schon seit ewiger Zeit im Keller. Für gewöhnlich musste Kersten zahlreiche Überstunden schrubben, die er dann und wann abbummeln konnte, wenn seine Vorgesetzten dafür grünes Licht gaben. Daher gönnte er sich hin und wieder eine Auszeit in der Metropole London, die er gelegentlich zum Shopping nutzte. Seine adretten Maßanzüge besorgte er sich fast ausschließlich in einem Fachgeschäft in der Londoner Innenstadt, weil er der Auffassung war, dass die Preise in Frankfurt teils über dem Niveau lagen. Die Stofffarbe, die Gütequalität und das Markenzeichen des Smokings spielte dabei eine ausschlaggebende Rolle. Zu dem jeweiligen Anzug musste auch die Farbe der Krawatte passen, denn die war sozusagen die Visitenkarte eines jeden Bankers. Charlotte half hier schon mal bei jeder Gelegenheit und bei der passenden Auswahl. Lediglich knallrote Krawatten mochte Kersten überhaupt nicht, waren sie doch von der Farbe her zu demonstrativ.

Am Trafalgar Square unweit vom Westminster sah Kersten plötzlich eine Gruppe von Demonstranten auf sich zukommen, die lautstark Ihren Unmut über die britische Regierung äußerten. Es waren Forderungen über den Verbleib in der Europäischen Union, den das Vereinigte Königreich schon seit geraumer Zeit in zwei Lager spaltete. Vor allem junge Leute mischten sich unter die etwa hundert Demonstranten, die ohne Ausschreitungen verlief. Kersten machte sich Sorgen um seinen Job in London, der maßgeblich davon abhing, dass Großbritannien in der Europäischen Union verbleibt. Würde der Finanzplatz in London wegfallen, wäre auch seine Karriere ernsthaft in Gefahr. Vom Westminster bis zum Southbank Centre waren es ungefähr zehn Fahrtminuten, die er von dort mit der Underground Bahn zurücklegte. Kersten wurde von einem Interessenten aus Shanghai zu einem Geschäftsessen in ein nahes gelegenes Hotel eingeladen. Bis zur Verabredung um zwölf Uhr Ortszeit mittags hatte er noch genügend Zeit um in aller Ruhe seine Mails zu checken.

Die Bankenaufsicht hatte Unregelmäßigkeiten beim Kauf und Verkauf von Aktientitel durch Großaktionäre in seiner Bank festgestellt. Diesen Grundsatz galt es vehement auszuräumen. Schließlich glaubte er innerlich daran, dass die Bankenaufsicht im Irrtum ist. Denn Unregelmäßigkeiten waren ihm noch nicht aufgefallen. Gleichzeitig ging es ihm aktuell darum, auf dem Handelsmarkt der Rohstofffonds Neukunden zu gewinnen. Gerade in diesem Segment hatte es bis vor kurzem einige Leerverkäufe gegeben. Der Gold- und Silberpreis war zuletzt stark gestiegen, aber andere Metalle wie Kupfer oder Palladium unterlagen teils heftigen Kursschwankungen. Hinzu kam noch der rückläufige Bedarf nach Aluminium und Stahl. Sowohl der Markt, als auch die Nachfrage nach den Rohstoffen für die unterschiedlichsten Industriezweige bestimmten den Preis, wenngleich die Weltkonjunktur etwas lahmte, so sah sich Kersten ständig getrieben, im Wettlauf mit der Zeit.

Sein Geschäftspartner wartete schon in der Hotellobby, als er die gläserne Drehtür zum Eingang des Hotels durchschritt. Der Gast aus Shanghai grüßte freundlich und lud ihn zum Essen ein. Der Gastgeber aus der VR China war Teil eines Konsortiums, die sich für den Kauf rentabler Stahlkonzerne in Deutschland interessierten. Die Volksrepublik China und auch Indien beherrschten schon seit langem, mit Hilfe von staatseigenen Subventionen den globalen Markt im Stahlsektor. Besonders die Europäischen Stahlerzeuger litten unter der teils schwachen Nachfrage und den staatseigenen Subventionen aus China. Der Überschuss an Stahlerzeugnissen erschütterte zeitweise die Weltmarktpreise, die sich von den Turbulenzen der letzten Jahre noch nicht wieder erholt hatten. Angesichts enormer Überkapazitäten in der

Stahlindustrie rechnete Kersten damit, dass diese Entwicklung eine weitere Konsolidierung durchlaufen wird. Flexibilität war hier also gefragt, in einer Branche, die sich durchaus im Zickzack Kurs befand. Neben dem Stahlsektor interessierten sich die Chinesen vor allem für Hochtechnologie “Made in Germany”, um im globalen Wettbewerb mithalten zu können. Auch hierfür gab es anteilseigene Kaufoptionen verschiedener Interessenten aus dem Reich der Mitte. Die im Raum stehenden Kaufoptionen des Chinesen überzeugten Kersten vorerst noch nicht. Er wollte Sicherheiten für eine Anlage in Form von Aktien. Auch das Kartellamt müsste im Falle eines Kaufes, der Übernahme vollends zustimmen, schließlich ging es ja um einen dreistelligen Millionen Deal. Um seinen Gastgeber zu ermutigen, brachte er aus seinem Portfolio gleich drei Rohstofffonds mit ins Gespräch, die er sicherheitshalber von einer Datei aus seinem Londoner Büro kopiert hatte. Denn Rohstofffonds waren sein Markenzeichen, mit denen er sich bestens auskannte. Immer wieder kam es vor, dass man ihn um Rat fragte, oder aber auch nur Anfragen zum aktuellen Börsengeschehen stellte. Der Chinese stellte ihm Fragen zu den Renditen der einzelnen Fonds, auf die Kersten stets eine passende Antwort fand. Langfristige Anlagen seien eben lukrativer, weil dadurch auch vorübergehende negative Bilanzen ausgeglichen würden. Es ermangelte ihm auch nicht die Risiken zu erwähnen, die mit einem solchem Kauf verbunden waren. Der Gast aus Shanghai versicherte ihm, dass er über die Angebote erst nach Rücksprache mit den Kollegen vom Investment Trust in China Entscheidungen treffen kann. Aber vorrangig ging es dem Chinesen um den Kauf eines Stahlkonzerns im Rhein-Neckar-Raum. Der Wertpapierhandel ist ein nahezu unüberschaubarer und mitunter komplizierter Markt mit hohem Risiko. Aber wer träumt nicht davon, das große Geschäft seines Lebens zu machen. Der Chinese stellte vorerst keine weiteren Fragen zur Bonität bei einem fragwürdigen Kauf von Aktienanteilen, ließ aber wissen, dass er sich von dem Angebot inspiriert fühle und dem Wunsch nach einer feindlichen Übernahme des Stahlkonzerns Nachdruck verleihen möchte. Einig war man sich hinsichtlich der Börsennotierten Werte am Aktienmarkt, da einige dieser Titel völlig unterbewertet schienen. Mit einem durchaus gemischten Gefühl voller Hoffnung und Zuversicht verabschiedete sich Kersten von seinem Gastgeber aus Shanghai. Der Weg danach führte ihn anschließend zur nächstgelegenen Underground Station, von wo aus er die Zentrale des Londoner Bankhauses nach nur wenigen Schritten erreichte. Die Geschäftstätigkeit innerhalb des Bankhauses war allgegenwärtig zu vernehmen. An manchen Tagen herrschte ein regelrechtes Chaos, weil die Aktienmärkte durch das ständige Auf und Ab für Nervosität sorgten. Brian leitete als Mitglied des Vorstandes jenes Bankhaus, für das Kersten auch in London arbeitete. Des Öfteren musste sich Kersten von einigen Vorstandsmitgliedern aus London anhören, dass seine Bemühungen in den zuständigen Geschäftsfeldern moderat ausfielen. Das war auch eines der Gründe, weshalb sich untereinander ein Kräftemessen entwickelte, was an dem kollegialen Verhalten ums Miteinander zerrte. Auch gab es in der Bank sogenannte Überflieger, die sich zwar an den Marktwerten orientierten, aber oft genug für Furore sorgten, angesichts mangelnder Erfahrungen und dann wie Heuschrecken über einzelne Aktientitel herfielen. Andere wiederum versuchten mit ambitionierter Gelassenheit auf Kursschwankungen zu reagieren, indem sie auf langfristige Erfolge setzten. Ihre Aufgaben erledigten sie oft verschwiegen und routiniert.

Es dauerte nicht lange bis Brian sich bei Kersten am Arbeitsplatz meldete.

>>Kennen sie schon die aktuellen Meldungen aus der Stadt Frankfurt am Main?<<, fragte Brian.

>>Nein<<, entgegnete Kersten.

>>In dem Bankhaus in Frankfurt gab es offenbar Unregelmäßigkeiten im Backoffice….<<.

Geschockt saß Kersten auf seinem gepolsterten Lehnstuhl und brachte kein Wort über die Lippen. Wie konnte das sein, hatte er doch nie etwas von Unregelmäßigkeiten aus dem Umfeld seines Kollegenkreises gehört. Er mutmaßte ganz und gar, dass es sich hierbei lediglich um eine Falschmeldung handeln könnte, denn die Finanzierung im Bankhaus war stets konsolidiert. Anders verlautende Meldungen waren ihm fremd. Einen Augenblick später zeigte Brian ihm einen Auszug aus der aktuellen Ausgabe einer Abendzeitung. Eifrig studierte Kersten die Meldung, die zu einem ungünstigen Zeitpunkt kam. Es war die Rede davon, dass das Bankhaus in Frankfurt am Main auf faulen Krediten saß, die das Eigenkapital der Bank um einiges übersteige. Noch nie habe er derartige negative Schlagzeilen zur Kenntnis nehmen müssen. Brian zeigte sich unentschlossen, dachte aber zugleich über eine Kapitalerhöhung oder Finanzspritzen ausländischer Geldgeber nach. Notfalls müsse eben der deutsche Staat eine Bürgschaft leisten, um die Bank vor einem exzessiven Untergang zu bewahren. Auch eine Akkreditierung des börsennotierten Wertpapierhandels schloss Brian nicht mehr aus, um letztendlich das Bankhaus vor allzu großen Kursschwankungen zu bewahren. Eine interne Revision hatte den Fall öffentlich gemacht, was Kersten dazu veranlasste, noch sorgsamer als sonst mit dem Geld seiner exponierten Kunden umzugehen. Nur zu gut wusste er, dass er sich keine Fehler erlauben durfte. Auch dachte er darüber nach, dass eine Fehlentscheidung im gehobenen Management für die Misere mitverantwortlich sei, was ihn dazu bewog, Erkundigungen in Frankfurt einzuholen. Jedoch niemand vermochte es ihm derartige Erklärungen mitzuteilen, denn das Bankhaus vermittelte immer ein Gefühl von Beständigkeit und Stabilität. Konnte er jetzt einfach so zum Tagesgeschäft übergehen und fleißig Neukunden für sein Portfolio akquirieren oder sollte er Distanz gegenüber den chinesischen Investoren bewahren. Das alles bereitete ihm Kopfzerbrechen, mehr als er sich das jemals vorstellen konnte.

Es war schon kurz vor Feierabend, als Brian ihn zu einer außerordentlichen Konferenz in sein Arbeitszimmer lud. Obwohl er doch keine persönliche Rechenschaft ablegen musste, so sorgte allein die Anwesenheit eines eigens angereisten Publikums aus der globalen Finanzwelt für ein eher unscheinbares und mulmiges Gefühl. Die Konferenz in Brians Arbeitszimmer begann mit einer Krisensitzung. Mit angespannter Miene verfolgten alle Anwesenden den Verlauf der Sitzung, um am Gesprächsstoff teilzuhaben. Eine junge Dame im gedeckten Kostüm machte sich auf Ihrem Laptop Notizen zum Meeting, wobei sie zuweilen aus ihrer Deckung aufschaute und das Publikum ihrerseits musterte. Die Lage war äußerst angespannt und kompliziert. Nicht einer aus den eigenen Reihen wollte etwas beschönigen und dennoch blieb nicht viel Zeit für den Freigeist, weil alle wussten was auf dem Spiel stand. Der Abend zog sich geradezu in die Länge, als plötzlich jemand mit der Faust auf den Tisch schlug. Es war Brian, der eine offene Konfrontation suchte.

>>Wir können doch nicht so tun, als wenn nichts gewesen wäre, denn schließlich handele es sich hierbei um Bilanzmanipulationen und nicht um unautorisierte Transfers<<.