Zeitreise auf Abwegen - Matthias Arndt - E-Book

Zeitreise auf Abwegen E-Book

Matthias Arndt

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Beschreibung

Clemens Wagner, führt ein geordnetes und einfaches Familienleben mit allen Höhen und Tiefen, bis eines Tages ein allzu verlockendes Inserat von einer vermeintlichen Schweizer Pharma Firma sein Schicksal auf eine harte Probe stellt. Auf der Suche nach den Hintermännern jener fiktiven Schweizer Pharma Firma, verdichten sich die Hinweise darauf, dass es sich um ein organisiertes, weltumspannendes Netzwerk handeln könnte, welches Geschäfte mit dubiosen Arzneimitteln und Medikamenten betreibt. Dabei stößt er zunehmend auf Widersprüche und eine mangelnde Transparenz in der Gesellschaft..

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Seitenzahl: 329

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Matthias Arndt

Zeitreise auf Abwegen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

Impressum neobooks

1. Kapitel

An diesem sonnigen und milden Herbstnachmittag lief ich wie schon so oft die Straße entlang, die mich zur Schule meines Sohnes führte.

Julian war gerade acht Jahre jung und besuchte die Gesamtschule in unserer Stadt Erfurt.

Je näher ich dem Schulgelände kam, so konnte man ein Gewirr von Kinderstimmen wahrnehmen. Alle Kinder quietschten vergnügt und sahen aus, wie bunte kleine Zwerge, die in ihrem Spieltrieb wie wild auf dem Gelände des Schulhofes herumtollten.

>>Julian dein Papa ist gekommen<<, rief eine Stimme aus dem Hintergrund.

Julian sprang hoch und rannte auf mich zu.

>>Hallo Papa!<<.

>>Du hast ja wieder tolle Spielchen gemacht<<, entgegnete ich, als ich die schmutzigen Schuhe sah.

>>Ich habe mit Marcel Fußball gespielt<<, entgegnete mir Julian.

>>Und dabei ist wohl auch deine Hose schmutzig geworden…, da wird sich aber die Mama bestimmt freuen<<.

Augenblicklich zog ich Julian eine neue Hose an und sortierte nebenbei noch die Anziehsachen zum Wechseln, die vorrätig in einem Schließfach dort lagerten.

Anschließend liefen wir gemeinsam gemächlich nach Hause.

>>Papa, darf ich draußen noch spielen?<<, fragte Julian plötzlich.

Letztendlich konnte ich den wiederkehrenden Bitten meines Sohnes nicht widerstehen.

Und so zogen wir noch eine kleine Runde, entlang des Weges zu einem Spielplatz, der sich in der Nähe unseres Wohnviertels befand.

Auf dem Spielplatz kletterten schon einige Kinder auf den Spielgerüsten herum, während andere wiederum im Sandkasten spielten.

Aus einem Unterholz neben einer Hecke kroch plötzlich ein kleiner Igel hervor. Seine Nasenspitze wippte auf und ab, als wolle er uns grüßen. Als ich näher herantrat, machte der Igel plötzlich eine Kehrtwendung und suchte dann aber unverhofft das Weite.

Das bunte Herbstlaub schillerte im kontrastreichen Farbspiel und zeichnete eine Silhouette der Fantasie.

Wir wohnten in einem Mietshaus im vierten Stock. Der Klinkerbau aus den sechziger Jahren war renovierungsbedürftig. Nahezu alle Wohnungen hatten einen Balkon und waren mit einer Ofenheizung ausgestattet.

Nach einer anberaumten Zeit, wollte Julian endlich nach Hause und so machten wir uns alsbald darauf auf den Heimweg, denn jeden Moment erwartete ich meine Frau Elke.

Plötzlich klingelte es an unserer Wohnungstür. Ich öffnete die Wohnungstür und vor mir stand die Nachbarin mit ihrem Sohn Felix. Julian spielte oft mit Felix, wobei es auch Tage gab, an denen Julian in unserer Abwesenheit bei der Nachbarin seine Freizeit verbrachte.

>>Entschuldigen Sie die Störung Herr Wagner, aber mein Sohn Felix möchte Julian am Samstag zum Geburtstag einladen<<.

>>Samstag?, ja das wäre vielleicht möglich, aber darüber möchte ich vorher noch mit meiner Frau sprechen<<.

>>Natürlich Herr Wagner, ist denn Ihre Frau noch nicht zu Hause?<<.

>>Ich erwarte sie jeden Moment<<.

>>Felix würde sich freuen, wenn Julian am Samstag kommen könnte<<.

Ich steckte die Einladung in die Tasche, schloss die Wohnungstür und nahm mir anschließend eine Lektüre aus unserem Wandschrank, die ich auf dem Balkon lesen wollte.

Auf unserem Balkon standen verschiedene exotischer Pflanzen und Ziersträucher, die Elke zweimal die Woche über akribisch pflegte. Vom Balkon aus, hatte man eine schöne Aussicht auf unsere Stadt Erfurt, in der wir wohnten. Selbst die Spitze des Doms konnte man von dem Dachgeschoß aus sehen.

Ich nahm auf einem Campingstuhl draußen auf dem Balkon Platz, trank meinen Kaffee und vertiefte mich in die Lektüre, während Julian im Wohnzimmer spielte.

Kurze Zeit später vernahm ich ein Geräusch, auf der Schwelle zum Balkon, als plötzlich Elke vor mir stand.

>>Schatz, ich habe dich gar nicht kommen hören<<, entgegnete ich verblüfft.

>>Clemens, es wäre besser, du würdest dich um Julian kümmern, als ständig in dieser Lektüre zu lesen<<, pflichtete mir Elke bei.

>>Heute Nachmittag stand die Nachbarin mit ihrem Sohn Felix vor der Tür<<.

>>So, was wollte Sie denn von dir?<<, fragte Elke.

>>Julian ist eingeladen, zum Geburtstag von Felix<<.

>>Wann denn?<<.

>>Am Samstag<<.

>>Samstag?, ach du meine Güte !<<, erwiderte Elke.

Ich zeigte Elke die Einladung, die sie misstrauisch beäugte und hatte zu ihren Bemerkungen eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

Elke hatte sich im Laufe unseres Zusammenlebens etwas verändert, wenn ihr was nicht in Kram passte, konnte sie einem ganz schön damit nerven.

Unsere Beziehung war zudem recht schwierig, weil unsere Interessen und Auffassungen vom Leben zu unterschiedlich waren.

Den gemeinsamen Abend über verbrachten wir dann bei einem Glas Wein zum Fernsehprogramm.

- : -

Am nächsten Morgen fuhr ich zu meiner Arbeitsstätte, die sich außerhalb der Stadt befand. Ich war dort als Elektriker bei einem Maschinenbauunternehmen tätig.

Der Job war abwechslungsreich in jeder Hinsicht, um den allgemeinen Anforderungen des Arbeitsalltags gerecht zu werden. Den Tag über war ich dafür verantwortlich, dass die Maschinen an den produktiven Anlagen ihre volle Funktion erfüllten und somit die Auslastung in der Produktion optimal läuft. Ein Ausfall im Maschinenpark würde das Unternehmen und die Belegschaft vor eine Katastrophe stellen, was mitunter auch zu finanziellen Problemen führt. Man benötigte schon einige handwerkliche Fähigkeiten und Know-how um diese knifflige Arbeit zu beherrschen. Die Arbeiter in der Produktion kamen aus den unterschiedlichsten Branchen und wir hatten alle Hände voll zu tun, um das Ziel, die Erfüllung der Normen für das Unternehmen voranzutreiben. Als Traumjob konnte man diese Arbeit aber nicht so recht bezeichnen, weil auch in Schichten gearbeitet wurde.

Der Herbstwind fegte das Laub die Straße entlang und bot so ein einzigartiges Naturschauspiel.

Nachdem Feierabend lief ich spontan in die Richtung des Zentrums unserer Stadt Erfurt.

An der nächsten Ecke bog ich in eine Seitenstraße ab, von wo aus ich dann eine Brücke überquerte und ins Zentrum gelangte. Mein Ziel, die Buchhandlung, erreichte ich dann nach nur wenigen Schritten. Eine ganze Palette von Büchern über Pflanzen und Bäume ließ ich Revue passieren. Mein Interesse galt vor allem historischen Romanen aus dem Mittelalter.

Ich suchte nach einem Roman “Die Bartholomäusnacht” von Alexandre Dumas, als mich plötzlich eine fremde Stimme von hinten grüßt.

>>Hallo Clemens!<<.

Ich drehte mich um und bemerkte eine junge Frau mit dunkelblondem seidigem Haar, die mich mit überschwänglichem Enthusiasmus begrüßte.

>>Das ist ja eine Überraschung Clemens, wie lange haben wir uns schon nicht mehr gesehen?<<.

Zuerst war ich vollkommen verblüfft, hatte ich doch Marina schon seit ewiger Zeit nicht mehr gesehen. Es musste wohl schon sehr lange her sein.

>>Marina, ich kann mich nicht mehr so recht erinnern, wann wir uns das letzte Mal begegnet sind. Sag wie geht es dir?<<.

>>Prima!, ich kann nicht klagen<<.

Eine Verkäuferin der Buchhandlung lief an uns vorbei.

>>Ach bitte, seien Sie doch so liebenswürdig und packen mir dieses Buch hier ein<<, rief ich verständnisvoll der Verkäuferin zu.

>>Clemens, du liest Alexandre Dumas?<<.

>>Warum nicht und was liest du so?<<.

>>Naja eben Kunstgeschichte und jetzt suche ich was über die Architektur der Renaissance im neunzehnten Jahrhundert<<.>>Marina, wollen wir einen Kaffee trinken und ein wenig plaudern?<<

Sie lächelte nur, was ich als ein „Ja“ deutete.

Wir bogen an der nächsten Straßenecke in Richtung Domplatz ab.

Die Cafe`s der Stadt waren gut besucht und verströmten einen wohlriechenden Kaffeegeruch, der einem beim vorbeilaufen zum Verweilen einlud. Marina bestellte sich eine heiße Schokolade und ich nahm einen Cappuccino.

Ich erzählte Marina von meiner Frau Elke und von meinem Sohn Julian, während sie aufmerksam zuhörte und an ihrem heißen Kakao schlürfte.

Vorsichtig berührte ich ihre Hand und sah ihr in die Augen, wobei Sie leicht vor Scham errötete. Dabei schossen mir unendlich viele Gedanken im Kopf herum.

Mir kam es so vor, als wenn die Zeit plötzlich stehen geblieben ist und das Erlebte aus der Vergangenheit mit Marina wieder objektiv in Erscheinung trat.

Von da an spürte ich, dass meine Empfindungen für Marina immer noch substantiell existierten.

>>Clemens ich möchte eigentlich nur, dass du glücklich bist…<<.

Ohne darauf zu antworten, hypnotisierte mich ihr magischer Blick und ich dachte an unsere schöne gemeinsame Zeit zurück.

Ich erinnerte mich an eine Zeit, in der ich gerade meine Ausbildung beim DLRG beendet hatte und an einem dieser Baggerseen in den Ferien dort arbeitete. Es war mein erster Job in den Sommermonaten des Jahres, wo Marina gerade ihre Semesterferien verbrachte.

Die gute Wasserqualität war ausschlaggebend, dass ich ausgerechnet dort eine Tätigkeit aufnahm. Neben zwei anderen Sportkameraden hatte ich die ehrenvolle Aufgabe, für Ordnung und Sicherheit der Badegäste zu sorgen.

Und so kam es eines Tages, dass ich Marina dort kennenlernte.

Meine Gedanken kreisten um jene Tage, in denen ich mich so unbeschwert fühlte.

>>Du siehst noch genauso bezaubernd aus wie früher<<, entgegnete ich.

>>Clemens mach keine Witze, auch ich habe mich mittlerweile völlig verändert…, oder glaubst du etwa, dass all die Jahre spurlos an mir vorbeigegangen sind<<.

Ich schmunzelte und musste meine Äußerungen relativieren.

Marina holte ein altes Foto aus ihrer Handtasche und ich fragte sie, wo es entstanden sei. Sie wendete das Foto und zeigte auf jenes Datum, welches mir irgendwie bekannt vorkam.

Das war genau der Tag, an dem der Abschlussball am Gymnasium stattgefunden hat.

>>Was ist eigentlich aus deiner ehemaligen Beziehung geworden?<<, fragte ich neugierig.

>>Als ich an die Universität ging, haben wir uns aus den Augen verloren<<.

>>Das heißt, du bist jetzt wieder Single?<<.

>>Ach Clemens, ich bin jetzt mit Mark zusammen…, wir haben uns schon vor zwei Jahren auf einem Seminar für Kunst und Germanistik kennengelernt<<.

>>Aber du wohnst doch sicher noch in dem Dorf?<<.

>>Meine Eltern mussten das Haus verkaufen, weil mein Vater zum Pflegefall wurde. Jetzt wohne ich bei Mark und bin nur ab und an zu Besuch bei einer Freundin hier in der Stadt<<.

>>Ich würde dich gern noch einmal wiedersehen<<, sagte ich ihr.

Sie lächelte nur, dabei war sie so bezaubernd.

Es war schon spät, als wir gemeinsam das Kaffee am Domplatz verließen.

>>Marina, soll ich dich nach Hause begleiten?<<.

>>Nein Clemens, das wird nicht nötig sein. Ich habe nur noch wenige Schritte bis zu meiner Freundin. Sie wohnt gleich hier um die Ecke<<.

>>Na gut, aber ich möchte dich auf jeden Fall wiedersehen<<, bemerkte ich beiläufig, wobei sie mir einen Zettel mit einer Adresse zusteckte.

Auf dem Nachhauseweg hörten wir noch eine Soiree, die nahe einer Brücke am offenen Fenster eines Lokals lautstarke Trinksprüche von sich gab.

Letztendlich verabschiedete ich mich von Marina und eilte nach Hause.

2. Kapitel

Als ich am Abend nach Hause kam, lag Julian bereits im Bett, während Elke die Wäsche im Wohnzimmer bügelte. Ich lief in die Küche und machte mir Abendbrot. Einen Augenblick später betrat auch Elke die Küche und fragte, wo ich den ganzen Nachmittag über verbracht hätte. Ohne Umschweife schilderte ich Elke, weswegen ich später als sonst heimkehrte und erzählte ihr von meiner Begegnung mit Marina. Ein misstrauischer Blick von Elke, sagte mir in dem Moment vieles. Ich hatte das Gefühl, dass mir Elke vielleicht gerade deswegen Vorwürfe machte, auch wenn sie das offiziell nicht zugab. Abgesehen von einigen Differenzen und kleineren Auseinandersetzungen, die wir mitunter vehement führten, gestaltete sich unsere Beziehung ansonsten eher harmonisch, auch wenn unsere Vorstellungen und Standpunkte vom Leben unterschiedlicher Natur waren. Während Elke ein Häuschen im Grünen bevorzugte, besann ich mich auf alltägliche Dinge, die meinem Leben einen natürlichen Sinn gaben. Besonders die Erziehung unseres gemeinsamen Sohnes, lag Elke besonders am Herzen. So sollte es doch der Junge einmal besser haben. Noch am selben Abend packte ich meine Arbeitsutensilien zusammen, um mich auf den nächsten Werktag vorzubereiten. Einige Sachen davon verstaute ich in meine Aktentasche, als es schon ziemlich spät wurde. Es war eine sternenklare Vollmondnacht, die mich dann lange nicht einschlafen ließ. Am darauffolgenden Nachmittag war mir klar, es ist Freitag und wie immer an diesem Tag, brachte ich unseren Sohn Julian zum Schwimmunterricht. Das Schwimmtraining hatte bereits begonnen, als wir etwas verspätet an der Schwimmhalle eintrafen. Gemeinsam betraten wir den Haupteingang des Schwimmbades, wo uns bereits eine Schar Kinder entgegenlief, die alle am Schwimmunterricht teilnahmen. Der Bademeister stand neben dem Bassin und gab den Kindern lautstark die Anweisungen. Auf einem Startblock stand ein Mädchen, welches aufgeregt mit den Füßen stammelte und nicht wusste, ob es nun springen sollte. Von draußen durch ein Fenster, beobachtete ich das Geschehen im Schwimmbad. Auch andere Eltern schauten dem Treiben ihrer Sprösslinge zu.

>>Ihr Sohn, dass wird ja ein richtiger Schwimmer…<<, entgegnete mir plötzlich eine Frau die neben mir stand.

Ich drehte mich zur Seite und sah eine Frau, deren Tochter Sandra mit Julian die Schule besuchte.

>>Kinder müssen gefördert werden, damit sie sich weiterentwickeln<<.

>>In der Tat meine Tochter ist jetzt viel ausgeglichener, seit sie am Schwimmunterricht teilnimmt<<.

Immer wieder sprangen die Kinder vom Startblock in das Wasser und schwammen nach den turnusmäßigen Übungen, die der Bademeister vorgab. Nach anderthalb Stunden neigte sich der Schwimmunterricht dem Ende zu. Alle Kinder rannten jetzt dem Ausgang der Schwimmhalle entgegen, als es plötzlich anfing zu regnen. Wir beeilten uns, dass wir schnell nach Hause kamen. Elke erwartete uns bereits, als ich die Tür ins Schloss fallen ließ.

Ein offener Brief von der Wohnungsverwaltung lag im Wohnzimmer auf dem Tisch.

>>Sehr geehrte Familie Wagner, aufgrund von dringend notwendigen Maßnahmen zur Erhaltung der Bausubstanz an dem Wohnblock, führen wir ab der 38. Kalenderwoche folgende Sanierungsmaßnahmen durch…<<.

Mir war klar, dass diese Sanierungen in zwei Wochen beginnen würden. Auch Elke war anzusehen, dass die Ankündigungen der Wohnungsbaugesellschaft ihre Laune auf ein entsprechendes Level reduziert hatte. Wir überlegten gemeinsam, wie der Alltag während der Sanierungsmaßnahmen zu bewältigen sei, kamen aber zu keinem nennenswerten Ergebnis.

Ich dachte eine Zeit lang darüber nach, wie ich Elke an diesem Tag auf andere Gedanken bringen könnte, als ich endlich eine Idee hatte.

>>Heute ist Freitag und ich geh uns ein Eis holen<<, entgegnete ich spontan.

Ich ging in den Keller, holte meinen alten Drahtesel heraus, trat kräftig in das Pedal und radelte zur nächsten Eisdiele. Ein großer korpulenter Mann mit einem Rauschebart bediente hinter dem Tresen der Eisdiele. Als er mich sah, schaute er mich missmutig an.

>>Sie wünschen junger Mann!<<

>>Zwei kugeln Erdbeere, vier kugeln Schoko und dann noch zwei kugeln Stracciatella<<.

>>Na wie denn nun, alles zusammen oder getrennt?<<.

>>Alles extra!<<, signalisierte ich ihm.

Der Mann tat was man ihm aufgab und wünschte einen guten Appetit.

Bei meiner Rückkehr begrüßte mich Julian zuerst.

>>Papa hast du etwa Eis geholt?<<.

Ich blinzelte Julian zu, worauf dieser eiligst in die Küche rannte.

>>Mama, Mama weißt du was, Papa hat Eis geholt!<<.

>>Na so was!<<, entgegnete Elke, als kurz darauf das Telefon klingelte.

Während Julian im Wohnzimmer Eis schleckte, telefonierte Elke mit ihrer Schwester Silka, wobei sie mit der einen Hand den Hörer hielt und mit der anderen aufgeregt gestikulierte.

Nachdem Telefonat teilte mir Elke mit, dass Julian während der Sanierungsarbeiten, bei Silka wohnen könnte. Anfangs war ich skeptisch über den Vorschlag, aber dann hatte mich ihr Plan doch noch überzeugt.

- : -

Am nächsten Morgen war Elke schon aufgestanden. Sie stand in der Küche und kochte Kaffee. Ein großes Paket in Form eines Pappkartons schmückte den Küchentisch.

>>Ist das etwa das Geschenk für Felix?<<, fragte ich, worauf Sie nur nickte.

Neugierig schaute ich immer wieder auf das Paket.

>>Was ist denn da eigentlich alles drin?<<.

>>Ein Spielzeugbagger aus Plastik<<, erklärte mir Elke, die gerade im Begriff war, ein Geschenkband um dieses Paket zu wickeln. Anschließend lief Elke auf den Balkon und brachte noch einen Strauß Blumen mit, den sie in eine Vase auf den Tisch stellte.

>>Sind die Blumen etwa auch für Felix?<<, wollte ich wissen.

>>Quatsch!, die sind von meiner Schwester Silka<<.

Die Blumen verströmten einen herrlichen Duft und ich überlegte, wann ich Elke das letzte Mal Blumen schenkte. Bei dem Gedanken, konnte ich mich nicht mehr so recht erinnern. Die Wettervorhersage im Radio kündigte ein Hoch für den Nachmittag an. Daraufhin machte ich Elke einen geeigneten Vorschlag.

>>Wir könnten heute Nachmittag in den Steigerwald fahren, wenn Julian beim Geburtstag eingeladen ist<<.

Elke seufzte und signalisierte mir mit einem müden lächeln, dass sie darüber nachdenke, aber schließlich willigte sie dann doch noch ein.

Am frühen Nachmittag brachten wir Julian dann zur Nachbarin, wo die Geburtstagsfeier schon im vollen Gang war. Als uns die Nachbarin an der Wohnungstür begrüßte, war Julian hell auf begeistert, endlich mit Felix spielen zu dürfen. Das Licht der Sonne schimmerte durch das Laub der Bäume. Es war ein sonniger Altweibertag im Herbst. Immer wieder fielen Blätter von den Bäumen, die eine Ansammlung von Laub bildeten. Wir schlugen einen Weg in Richtung des Waldhauses ein. Mich beschlich ein frivoles Gefühl in der herrlichen Natur, aber ich sah kein Anlass, um ein Gespräch zu beginnen. Nach einer Weile erreichten wir auf einer Lichtung das Waldhaus. Ein Haus im bürgerlichen Stil mit kolossalen Fragmenten. Wir betraten den Eingang zu einem Wintergarten und setzten uns an einem Tisch. Die großen durchdringenden Fenster ließen das Sonnenlicht reflektieren. An einem der Nachbartische sprach jemand einen Toast aus, dabei bemerkte ich eine Geburtstagsfete, die lautstark feierte. Elkes Anspannung machte sich in einem nervösen Fingerspiel bemerkbar. Als der Kellner dann endlich den Kaffee und Kuchen brachte, platzte es plötzlich aus Elke heraus.

>>Clemens, ich möchte so gern ein Haus im Grünen und mit dir darüber reden<<.

Wie vom Blitz getroffen, widerhallten mir ihre Worte in den Ohren.

>>Schatz, ich kann deine Wünsche verstehen, aber von was wollen wir das Haus finanzieren?<<.

>>Clemens, ich habe alles noch einmal durchgerechnet und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass das gar nicht so schwer ist<<.

>>Ich habe da so meine Bedenken…<<, entgegnete ich.

Die Miene von Elke verzog sich zu einer Grimasse, dabei musste ich plötzlich lachen.

>>Clemens, du machst dich über mich lustig und hörst mir überhaupt nicht richtig zu!<<.

>>Natürlich höre ich dir zu<<, konterte ich zurück.

>>Dann lass uns noch einmal gemeinsam darüber nachdenken<<.

Seufzend hörte ich mir die Erzählung von Elke an. Ab und zu nickte ich mit dem Kopf und signalisierte so mein Interesse an dem Geschehen. Elke führte den ganzen Nachmittag über endlose Diskussionen, die ihrer Überzeugung nach, den Bau eines Eigenheims rechtfertigen sollten. Offensichtlich hatte sie in Gedanken schon öfter darüber nachgedacht. Dabei fragte ich mich immer wieder, ob das jetzt wirklich ein geeigneter Zeitpunkt sei, für ein Eigenheim.

Nachdem wir das Waldhaus verlassen hatten, liefen wir wieder in Richtung der Stadt, von wo aus wir unseren Ausflug an diesem Tag beendeten. Die meisten Kinder waren bereits gegangen, als wir Julian bei unserer Nachbarin abholten. Wir freuten uns über den freien Nachmittag und nahmen Julian wieder in Empfang. Julian hatte sichtlich rote Bäckchen bekommen. Aufgeregt erklärte er uns, was alles am Geburtstag von Felix stattgefunden hatte.

>>Hat Felix sich wenigstens über den Bagger gefreut?<<, wollte ich von Julian hören.

>>Ja weißt du Papa, der Bagger ist ferngesteuert und fährt sogar mit Licht<<.

Ich streichelte Julian mit der Hand über den Kopf, wobei er auf der Stelle eine Drehung machte und auf Elke zulief. Am darauffolgenden Sonntag hatte sich Elke für einen Spaziergang zur Gartenbauausstellung entschieden, sehr zur Verdrossenheit unseres Sohnes Julian, der sich lieber einen Besuch im Zoo Park gewünscht hätte. Elke konnte sich aber durchsetzen, obwohl Julian protestierte. Bei unserer Ankunft auf der Gartenbauausstellung liefen wir geradewegs auf einen dieser Pavillons auf der gegenüberliegenden Seite des Weges zu. Dort war eine Ausstellung über Freizeit, Hobby und Heim zu sehen. Vor dem Eingang des Pavillons auf den Elke zusteuerte, standen rechts wie links zwei große Blumenschalen aus Beton, die mit Astern bepflanzt waren. Als wir unmittelbar darauf die Eingangstüre zum Pavillon passierten, stand ein weiteres schalenähnliches Gebilde, in dem ein Palmengewächs steckte. Die Pavillons auf dem Messegelände wurden überwiegend zu Ausstellungszwecken genutzt. Einige der Pavillons hielten die Pforten dauerhaft geschlossen, daher konnte man nur erahnen, zu welchem Zweck diese dienten. Ich bemerkte sofort, dass Elke sich für den Bereich Hausbau interessierte und einer dieser Stände dort anvisierte. Während Elke inzwischen ernsthafte Gespräche an einem Infostand suchte, spielte Julian unterdes mit einem Riesenwürfel aus Plastik, der mitten im Raum des Pavillons stand. Die Informationen, die der Hausverkäufer zum Besten gab, waren wohl für Elke plausibel, denn es dauerte noch eine ganze Ewigkeit, bis Elke endlich das gefunden hatte, wonach sie suchte. Der Hausverkäufer vom Infostand machte sich ein paar Notizen und schüttelte ihr zum Dank die Hand. Anschließend packte er einen ganzen Stapel an Prospekten und Informationsmaterial in eine Plastiktüte und überreichte diese Elke. An ihrem Gesichtsausdruck konnte ich eine gewisse Erleichterung bemerken. Im Anschluss daran, suchten wir noch ein gemütliches Kaffee in einem angrenzenden Park auf. Julian machte sich derweil an einem dieser Klettergerüste auf dem dort befindlichen Spielplatz zu schaffen, während Elke mit ihrer Plastiktüte umherfuchtelte und einen dieser Hausprospekte hervorzog.

>>Ist das dein Traumhaus?<<, fragte ich neugierig.

Ohne darauf eine Antwort zu bekommen, verschanzte sich Elke hinter dem Katalog. Verärgert darüber wollte ich gerade aufstehen, als Elke plötzlich eine Frage stellte.

>>Was meinst du Clemens, sollte unser Haus einen Erker haben?<<.

>>Schatz ich weiß noch nicht einmal, wo du bauen möchtest…<<.

>>Aber das habe ich dir doch schon einmal erzählt, bei meiner Schwester Silka auf dem Dorf<<.

>>Was denn, direkt neben dem Haus von Silka?<<

>>Quatsch!, da ist doch überhaupt gar kein Platz für ein Haus. Clemens wir bauen auf einem neuerschlossenen Grundstück am Dorfrand<<.

>>Und was soll aus Julian werden?<<.

>>Das lass mal meine Sorge sein. Außerdem kann Julian mit dem Schulbus in die nächstgelegene Stadt fahren. Das ist doch kein Problem<<.

Irgendwie war mir noch nicht richtig bewusst, was da alles auf mich zukommen würde, aber in dem Moment dachte ich nicht weiter darüber nach. Mit einem Stirnrunzeln schaute ich mir jenen Katalog an, den Elke mir nun übergab. Die Gartenanlage des angrenzenden Parks erstrahlte in einem faszinierenden Blütenmeer. Trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit wurde Wert daraufgelegt, die Blütenpracht so lange wie möglich zu erhalten. Wir genossen die letzten Sonnenstrahlen des Tages, bevor wir noch einen Abstecher zu einer nahegelegenen Sternwarte auf der Gartenbauausstellung machten. Schon von weitem sah man den runden Turm der Sternwarte, der auf einer Seite fast vollständig mit Efeu zugewachsen war. Durch eine zweiflügelige Türe aus rundem Eichenholz gelangten wir schließlich in den Innenraum des Turms, von wo aus wir auf einer Wendeltreppe die Astronomen Kuppel erreichten. Julian wollte unbedingt den Mond im fokussierenden Antlitz durch das Fernrohr beobachten. Aber irgendwie machte das Objektiv immer wieder Probleme, so dass eine exakte Einstellung schwierig war.

>>Papa, weißt du eigentlich wie groß das Weltall ist?<<, fragte Julian interessiert.

Das war wieder eine dieser Fragen, worauf ich keine passende Antwort fand.

>>Das Weltall ist unendlich<<, entgegnete ich, worauf Julian mich ungläubig ansah.

Wir experimentierten noch eine Weile mit dem Fernrohr, bevor wir uns dann noch einige Auslagen über Kopernikus in den Vitrinen anschauten. Auf dem Heimweg zeigte Julian immer wieder mit der Hand zum Mond und signalisierte so sein Interesse an der Astronomie.

3. Kapitel

Die Ereignisse der vergangenen Tage überschlugen sich geradezu, als folglich die Sanierungsmaßnahmen der Wohnungsbaugesellschaft einsetzten. Notdürftig deckten wir alles Mobiliar in unsere Wohnung mit durchsichtigen Planen aus Cellophan ab. Der Baustaub kroch in sämtliche Poren und hinterließ einen bitteren Beigeschmack. Jetzt zweifelte ich keinen Moment mehr daran, dass die Entscheidung von Elke substantiell richtig war, Julian in die Obhut von Silka zu geben. Und überhaupt war ich der Meinung, dass man uns zumindest vorübergehend ein anderes Quartier zur Verfügung hätte stellen sollen. Die örtliche Wohnungsbaugesellschaft ließ uns so ziemlich im Unklaren, was den Ablauf und den Umfang der Sanierungsmaßnahmen betraf. So begnügten wir uns mit einem zentralen Wasseranschluss im Hausflur, der allen Mietern im Haus zur Verfügung stand. Zeitweise wurde auch der Strom abgestellt, bis wir eines Abends völlig im Dunkeln saßen. Wir zündeten einige Kerzen an, machten es uns auf dem Sofa gemütlich und hörten mit einem batteriebetriebenen Radio die Nachrichten. Noch am gleichen Abend überreichte mir Elke eine Einladung für ein Gespräch beim Katasteramt. Ich las das Schreiben aufmerksam durch und war dabei völlig verblüfft.

>>Hast du bereits ein Grundstück gekauft?<<, fragte ich.

>>Was sollte ich denn machen, wenn mir Silka sagt, dass auf dem Dorf nur noch fünf Grundstücke zu haben sind. Außerdem Clemens, du hast dich ja nie dazu geäußert<<.

Jetzt war es also amtlich, dass es Elke ernst meinte mit dem Hausbau. Elkes Ankündigungen lösten bei mir zuerst tiefe Resignation aus, aber dann dachte ich darüber nach, wie verlockend es doch sein mag, in einem Häuschen im Grünen zu wohnen. Nach zweiundzwanzig Uhr kam endlich der Strom wieder und alle Lampen, die wir zuvor eingeschaltet hatten, leuchteten nun im hellen Schein. Während Elke sich im Laufe des Abends mit den Unterlagen vom Katasteramt auseinandersetzte, zog ich es vor, Wasser von dem zentralen Anschluss im Treppenhaus zu holen. Zuerst kam eine rotbraune Rostbrühe aus dem Wasserhahn, die ich gleich danach in einen Ausguss schüttete, dann stellte ich erneut meinen Eimer darunter, um ihn mit frischem Wasser aufzufüllen, als plötzlich jemand aus der Nachbarschaft die Wohnungstüre öffnete.

>>Herr Wagner, der Wasseranschluss ist nur für die Handwerker im Haus bestimmt<<.

>>Entschuldigen sie, aber wo kann man denn sonst noch Wasser holen, wenn nicht hier?<<.

>>Wissen sie denn nicht, dass es uns lediglich gestattet ist, unten am Container Wasser zu holen<<.

>>Darüber bin ich nicht informiert<<, entgegnete ich zurückhaltend.

Ungeachtet dessen, konnte ich es mir nicht verkneifen, an jenem Anschluss im Haus Wasser zu holen. Es war mir auch völlig egal, von welchem Wasseranschluss die Wasserentnahme erlaubt war und von welchem nicht, solange wir auf den Anschluss in der Wohnung verzichten mussten. Elke war endlich froh, als ich mit dem Eimer Wasser zurückkam, hatte sie sich doch schon auf eine Erfrischung im Bad gefreut. Nachdem Elke ins Bad ging, wagte ich einen Blick auf unseren Balkon. Einige Pflanzen und Sträucher waren bereits verschwunden, die inzwischen ein neues zu Hause fanden. Die restlichen Pflanzen, hatte Elke bereits im Schlafzimmer am Fenster platziert, wo sie ihr Dasein fristeten. Und überhaupt war der Balkon jetzt so gut wie leergeräumt, bis auf einiges Krimskrams, das in einer Ecke stand. Draußen vor der Balkonbrüstung stand jetzt ein Baugerüst, auf dem man tagsüber hin und wieder Bauarbeiter herumspringen sah, die an der Gestaltung der Fassade beteiligt waren. Es dauerte nicht lange, bis Elke aus dem Bad kam und mir einen erleichterten Blick zuwarf. Ich fragte mich jedoch, ob das an dem Wasser lag, welches ich zuvor im Treppenhaus holte oder an der Tatsache, dass ein Vertragsabschluss beim Katasteramt jetzt kurz bevorstand.

- : -

Zwei Tage später war es dann endlich soweit, als wir unseren Termin beim zuständigen Katasteramt wahrnahmen. Ein älterer Herr von Amts wegen mit graumelierten Haaren und einem Schnauzer unterstrich im Wesentlichen die Fakten in dem Vertrag, der uns dazu ermächtigen sollte, ein Haus auf unserem Grundstück zu errichten. Die Eintragung in das Grundbuchamt besiegelte dann offiziell, dass wir jetzt stolze Besitzer jenes Grundstücks waren, welches Elke ausgesucht hatte. Vom Glück berauscht, fuhren wir mit dem Auto zu einer Besichtigung, des von Elke in Augenschein genommenen Grundeigentums.

Als wir endlich jenes Grundstück auf dem Dorf erreichten, war mir von Anfang an klar, dass hier jede Menge Arbeit nötig ist. Es war nicht ersichtlich wie lange es dauern würde, bevor die ersten Veränderungen greifen. In der Tat war es so, wie es Elke schon immer erzählt hatte, dass auf den anderen Grundstücken bereits Einfamilienhäuser standen, so dass insgesamt nur noch vier Grundstücke freiblieben. Mutigen Schrittes liefen wir auf unser neuerworbenes Grundstück zu und warteten eine Weile an der Straßenecke. Von der gegenüberliegenden Straßenseite grüßte uns jemand mit einem freundlichen Hallo. Wir erwiderten den Gruß und deuteten eine Geste mit der Hand an. Elke betrat das Grundstück zuerst und überlegte, an welcher Stelle das Fundament seine Verankerung finden sollte. Dabei markierten wir mit selbstgebastelten Holzstöckchen das Grundstücksgelände, wo später einmal das Haus stehen sollte.

>>Was meinst du Clemens, sollte das Haus von der Straßenecke leicht versetzt positioniert sein oder parallel zur Straßenkante verlaufen?<<, fragte Elke unschlüssig.

Ich schaute mir die Markierungen des Grundstücks eingehend an, kam aber zu keinem nennenswerten Resultat. Vielleicht lag es einfach nur daran, weil die Nachbarsgrundstücke noch nicht bebaut waren. Es dauerte nicht lang und ich sah aus der Ferne Julian und Elkes Schwester Silka auf uns zukommen. Als Julian uns von weitem erblickte, rannte er unaufhörlich auf Elke und mich zu.

>>Mama, was machst du denn da?<<, fragte Julian neugierig.

>>Dein Papa und ich sehen uns gerade das Grundstück an, auf dem wir ein Haus bauen wollen<<.

Julian feixte herum als ich ihm eine Frage stellte.

>>Na Sportsfreund, wie gefällt es dir jetzt bei Silka?<<.

>>Super gut!, wir waren heute am Teich spazieren und morgen gehe ich mit Silka ins Kino<<.

Silka war sichtlich gerührt, von den imposanten Erzählungen, die Julian hervorbrachte.

>>Ist das jetzt Euer neues Grundstück?<<, wollte Silka jetzt wissen.

>>Sozusagen<<, erwiderte Elke.

>>Da wächst ja nur Unkraut!<<, entgegnete Silka.

Ganz plötzlich musste Julian lachen und bekam dabei einen Schluckanfall, so dass ich ihm mit der Hand vorsichtig auf den Rücken klopfte.

Plötzlich stocherte Elke akribisch mit einem Holzstöckchen in der Erde herum.

>>Du suchst wohl nach wertvollen Bodenschätzen?<<.

>>Hahaha!, es wäre schön, wenn du mal das Maßband halten würdest<<, erklärte mir Elke.

Ich konzentrierte mich auf meine zugewiesene Aufgabe und blinzelte Julian zu, der neben Silka am Straßenrand stand und faxen machte, weshalb sich Silka das Lachen verkneifen musste.

>>Wenn ihr wollt, könnt ihr noch zu uns kommen und mit uns gemeinsam Kaffee trinken<<, entgegnete Silka spontan.

>>Das ist gar keine schlechte Idee<<, gab ich zur Antwort.

>>Clemens, du kannst mit Julian schon vorgehen, ich komme dann mit Silka nach<<, erklärte mir Elke, die mit ihrer Schwester tuschelte. Wir liefen die Hauptstraße im Dorf entlang und bogen dann in einer Seitenstraße ab. Das Haus in dem Silka mit ihrem Lebensgefährten Bernd wohnte, stammte noch aus dem vorigen Jahrhundert und hatte schon eine Teilsanierung erlebt. Bis vor einigen Jahren wurde hier noch Wasser aus einem Brunnen geholt, der Jahre später durch einen Wasseranschluss ersetzt wurde. Die Örtliche Kommune hatte diesen notwendigen Schritt ermöglicht. An der Eingangspforte des Hauses befand sich ein großes Holztor, welches mächtig knarrte. Julian zog mit aller Kraft daran, doch die Tür gab keinen Millimeter nach.

>>Da hält wohl jemand von innen die Tür zu<<, gab ich Julian zu verstehen.

>>Papa, du musst mir helfen…<<.

Jetzt zogen wir zu zweit an dem Holztor, bis endlich von innen jemand öffnete.

>>Das ist ja eine Überraschung. Seit ihr wegen dem Grundstück heute hier?<<, fragte Bernd, der sich mit der Hand an einem Türpfosten festhielt.

>>Ja, es ist alles so, wie Elke es beschrieben hat, aber ich denke mal, dass da noch eine Menge Arbeit auf uns zukommt<<.

>>Ist denn Eure Finanzierung schon geregelt?<<, wollte Bernd im selben Augenblick wissen.

>>Elke hat sich in den letzten Tagen intensiv darum gekümmert, sonst hätte sie wohl kein Grundstück gekauft<<, gab ich zu verstehen.

Gemeinsam liefen wir in das Wohnzimmer, während Julian sich gleich auf einen der freien Plätze an den Wohnzimmertisch setzte. Der Kaffeetisch war bereits liebevoll gedeckt und es roch nach frischen Rhabarberkuchen. Wir warteten noch einen Moment auf Elke und Silka, ehe wir gemeinsam in froher Runde am Kaffeetisch plauderten. Das neuerworbene Grundstück war das Gesprächsthema bei Kaffee und Kuchen. Es wurde ausgelassen diskutiert und herzlich gelacht. In einer Ecke im Wohnzimmer standen die Pflanzen und Ziersträucher, die bis vor wenigen Wochen unseren Balkon schmückten, aber irgendwie sahen sie jetzt mickrig aus. Hinter einer der Türen zum Wohnzimmer befanden sich auch Julians Spielsachen, die in einer Holzkiste lagen. Dabei dachte ich jetzt über ein Spiel mit Julian nach, der schon ungeduldig auf seinem Stuhl zappelte. Nach dem Kaffee ging ich mit Julian in den Garten, der sich gleich hinter dem Haus befand. Zuerst spielten wir Fußball, bevor wir uns dann in eine Hollywoodschaukel fläzten und die Füße baumeln ließen. Später kam dann noch Bernd in den Garten.

>>Möchtest du ein Bier?<<, fragte mich Bernd.

Ich nickte bedächtig und öffnete die gereichte Flasche, die ein zischen von sich gab.

Die Atmosphäre entspannte sich zusehends, nachdem auch Elke und Silka in den Garten kamen. Bernd erzählte mir von dem notwendigen Ausbau des Dachgeschosses in seinem Haus, welches viel Zeit und Mühe mit sich brachte. An Hand von diversen Modellzeichnungen, die mir Bernd im Anschluss darangab, wurde ersichtlich, welcher Aufwand nötig ist, bezüglich der Eigenleistungen, die zur Verwirklichung des Traumhauses unerlässlich sind. Während sich Elke Ratschläge von ihrer Schwester Silka holte, spielte Julian fortlaufend mit einem Ball im Garten. Nach geraumer Zeit holte Bernd einen Bratrost aus der Garage, den er mit Holzkohle befüllte. Das weckte jetzt auch die Neugierde von Julian, der akribisch genau die Arbeiten am Grill beobachtete. Noch immer saß Elke mit Silka auf einer Bank im Garten, die anscheinend endlose Diskussionen führte. Immerzu musste ich daran denken, wie wir gemeinsam den Hausbau vorantreiben und finanzieren wollten, wenn uns gleichzeitig noch andere Aufgaben des Alltags bevorstanden. Hinterher überreichte Bernd das Essen vom Grill und wir ließen uns die Steaks schmecken, dabei merkten wir kaum, wie die Zeit in Windeseile verstrich. Die Glocken der Dorfkirche läuteten jetzt neunmal und es war Zeit, uns voneinander zu verabschieden. Julian machte derweil einen Riesenaufstand, weil auch er unbedingt zurück in die Stadt wollte. Es kostete Elke und mir unendlich viele Nerven, um ein überzeugendes Argument zu finden, was Julian ohne Wenn und Aber akzeptieren musste. Letztendlich siegte die Vernunft, so dass Julian sich den Anweisungen von Elke beugen musste. Bei unserer Rückkehr in die Stadt stellte Elke fest, dass sie die Unterlagen vom Katasteramt vergessen hatte. Ein Anruf bei Silka stellte jedoch klar, dass diese bei ihr auf dem Küchentisch lagen.

4. Kapitel

Nur mit Mühe kam ich an diesem Morgen in die Gänge, als ich in mein Fahrzeug stieg und zu meiner Arbeitsstätte fuhr. Gleich zu Beginn der neuen Woche gab es Probleme mit den antriebstechnischen Anlagen in der Firma. Eine Maschinenrevision, die in der Vorwoche stattfinden sollte, wurde aus obligatorischen Gründen abgesagt. Es war nicht das erste Mal, dass so etwas vorkam. Hin und wieder gab es technische Probleme aller Art, die dann so fern sie nicht gleich geklärt wurden, zu Missverständnissen zwischen der Belegschaft und der Geschäftsleitung führten. Auch diesmal war guter Rat teuer, zumal ein Stillstand zweier Maschinen die Firma vor eine Katastrophe stellte. Ich konnte mir nicht so recht erklären, ob es einen Zusammenhang mit der von mir geleisteten Arbeit gab, die ich ansonsten stets Gewissenhaft und zur Zufriedenheit aller erfüllte. Nach einem klärenden Gespräch mit einem Vorgesetzten konnte ich meine Arbeit jedoch unverhofft fortsetzen. Insgesamt gestalteten sich die Revisionsarbeiten doch eher langwierig und zogen sich scheinbar in einem endlosen Spiel bis weit nach Feierabend hin. Ein Zug der Deutschen Bahn hastete an dem alten Bahnhof hinter der Firma entlang und stieß einen lauten Pfiff aus.

Elke hatte sich für den Abend nicht vor zwanzig Uhr angemeldet, weshalb ich spontan wieder in das Zentrum der Stadt fahren wollte. Mir war es dabei einerlei, ob ich ohne Wasser und Strom in unserer Wohnung herumsitze oder meinen individuellen Bedürfnissen nachgehe.

Die Wolken am Horizont verdichteten sich zunehmend und es setzte ein leichter Nieselregen ein, der sich zugleich in einen grauen Schleier am Firmament verwandelte. An einer Straßenecke bog ich mit meinem PKW rechts ab und gelangte auf einem der angrenzenden Parkplätze. Von da aus lief ich zu Fuß direkt auf eine Einkaufsgalerie zu. Die Rolltreppe im Einkaufscenter setzte sich in Bewegung, sobald ich die unterste Stufe erreicht hatte. Es dauerte nicht lange, bis ich das Restaurant gefunden hatte, welches ich anvisierte. Nachdem ich mich für eine Vorauswahl an Speisen entschied, bestellte ich mir ein kleines Menü mit gemischten Salat. An einer gegenüberliegenden Fassade befand sich ein Porträt der Sixtinischen Madonna, dabei bildete ich mir ein, dieses Motiv schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Ein paar Minuten später servierte der Kellner des Restaurants das Essen.

>>Kennen wir uns nicht?<<, fragte der Kellner.

Als ich aufschaute grinste mich der Kellner von der Seite an, der mir gleich auf die Schulter klopfte. Jetzt erkannte ich meinen Cousin Michael.

>>Sag bloß, du kellnerst hier?<<, wollte ich wissen.

>>Seit sechs Wochen bin ich hier im Restaurant, aber lass mich raten wann wir uns das letzte Mal begegnet sind<<.

>>Ich glaube vor etwa zwei Jahren in einer Klubgaststätte<<, gab ich zur Antwort.

>>Ja genau, da waren doch diese Chaoten, die die gesamte Einrichtung dort demoliert haben, bevor dann die Bullen angerückt sind und das Lokal auf den Kopf stellten. Haben dich damals die Bullen auch kontrolliert oder bist du vorher nach Hause gegangen?<<, fragte Michael.

>>Na klar haben die mich kontrolliert und wie. Ich dachte schon, dass die mich mit aufs Revier nehmen, dabei stand ich doch den ganzen Abend über nur an der Bar, bis Elke mich mit dem Auto abholte<<.

>>Clemens, warst du da schon verheiratet?<<.

>>Aber sicher, ich war doch noch zuvor mit Elke in eurem alten Musikschuppen…<<.

>>Dort spiele ich auch noch ab und zu, aber der Laden ist ziemlich heruntergekommen, weswegen der wohl bald dicht gemacht wird<<.

>>Übrigens, ich hoffe dein Essen schmeckt einigermaßen<<, ließ ich anmerken, während ich mit der Gabel in den Nudeln stocherte.

>>Clemens, das habe ich nicht zubereitet, da musst du in der Küche nachfragen<<.

>>Bist du eigentlich immer noch als Alleinunterhalter in der Stadt unterwegs?<<.

>>Vorige Woche habe ich ein Gastspiel in der Ring Bar gegeben und ich dachte du kommst vielleicht auch mal wieder vorbei. Der Laden war richtig voll und ich habe mein Programm bis Mitternacht durchgezogen<<.

>>Weißt du Michael, ich habe zurzeit viel Stress an der Arbeit und dann möchte Elke jetzt auch noch ein Häuschen auf dem Dorf<<.

>>Ich glaube es nicht, Clemens du ziehst aufs Dorf?<<, fragte Michael ungläubig.

>>Ja, gewissermaßen hat sich das jetzt bei mir so angekündigt und dann ist ja noch Julian, der sich schon mit der ländlichen Umgebung angefreundet hat<<.

>>Wann glaubst du, ziehst du weg?<<, fragte Michael.

>>Wir waren neulich auf dem Katasteramt und haben jetzt erst das Grundstück erworben, deshalb glaube ich nicht, dass wir noch vor dem Sommer umziehen, es sei denn, Elke verfällt in einer Art Torschlusspanik<<.

>>Clemens, es wäre schön, wenn du nächste Woche in die Rotplombe kommen könntest, dann gebe ich wieder ein Gastspiel, bei dem auch unser Barkeeper Holger mit dabei ist, der sich gelegentlich auch noch um das organisatorische kümmert<<.

>>Na gut, das lässt sich vielleicht irgendwie einrichten. Dann gib mir doch mal bitte deine Telefonnummer oder stehst du etwa im Telefonbuch?<<, wollte ich wissen.

Michael kramte in seiner Kellner Tasche und holte eine Visitenkarte heraus, die er mir spontan überreichte. Die Visitenkarte zeigte auch ein Bild von Michael und seinen Kontaktdaten als Alleinunterhalter.

>>Schönes Stück, so was werde ich mir in Zukunft auch mal anfertigen lassen<<, gab ich zu verstehen.

>>Also Clemens, dann muss ich mal wieder in die Küche zurück und melde dich mal wegen nächster Woche…<<.