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Norwegen im 13. Jahrhundert. Krone und Kirche wetteifern um Macht und Reichtum. Der Waisenjunge Olav Audunssohn und Ingunn Steinfinnstochter sind einander seit Kindheit versprochen, doch ihre mächtigen Verwandten haben andere Pläne mit der schönen Gutstochter – und so nimmt die Tragödie ihren Lauf. Tief gespalten zwischen dem alten, heidnischen Recht auf Vergeltung und seiner tiefen Frömmigkeit begeht Olav einen fatalen Fehler. Zerstört er damit eben das, was er so dringend schützen wollte? – In der neuen Übersetzung durch Gabriele Haefs noch einmal so schön! Sigrid Undset macht süchtig, denn sie taucht meilentief ein in das Leben, die Menschen des Mittelalters, ihre Nöte und Sorgen, Ängste und Freuden. Dass Undsets Naturbeschreibungen zum Heulen schön sind, bedarf kaum der Erwähnung. Dass sie dafür als einzige Autorin Norwegens mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, ist nur konsequent.
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Seitenzahl: 1074
Veröffentlichungsjahr: 2026
Sigrid Undset (1882–1949) gilt als eine der größten und einflussreichsten Schriftstellerinnen Norwegens. Ihre zeitgenössischen Romane Frau Marta Oulie und Jenny wurden wegen ihrer allzu selbständigen jungen Heldinnen zum Skandal. Als engagierte Antifaschistin stand Undset ganz oben auf der Roten Liste der Nazis, und nach der Besetzung Norwegens konnte sie sich nur durch eine abenteuerliche Flucht auf Skiern durchs Gebirge retten. Sigrid Undset erhielt 1928 »vornehmlich für ihre kraftvollen Schilderungen des nordischen Lebens im Mittelalter« den Literaturnobelpreis. Bei Kröner erschienen: Kristin Lavranstochter (2021/22) und Rückkehr in die Zukunft (2023).
Gabriele Haefs ist eine der bekanntesten Übersetzerinnen Deutschlands (u. a. von Jostein Gaarder, Camilla Grebe, Anne Holt, Máirtín Ó Cadhain). Auszeichnungen u. a.: Gustav-Heinemann-Friedenspreis, Sonderpreis des Dt. Jugendliteraturpreises für ihr übersetzerisches Gesamtwerk, Königlich-Norwegischer Verdienstorden.
SIGRID UNDSET
OLAV AUDUNSSOHN
ROMAN
Aus dem Norwegischen übersetzt von Gabriele Haefs
Mit Anmerkungen
ALFRED KRÖNER VERLAG
Sigrid Undest
Olav Audunssohn I
Roman
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs mit Anmerkungen
1. Auflage
Stuttgart, Kröner 2026
ISBN DRUCK: 978-3-520-62905-0
ISBN E-BOOK: 978-3-520-62995-1
Originaltitel: Olav Audunssøn i Hestviken, erschienen 1925 im J. W. Aschehougs Forlag in Oslo
Diese Übersetzung wurde publiziert mithilfe der finanziellen Unterstützung durch
Umschlaggestaltung: Denis Krnjaić unter Verwendung von:
Thorolf Holmboe: Mitternachtssonne Lofoten, 1907
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.
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© 2026 Alfred Kröner Verlag Stuttgart, Lenzhalde 20, 70192 Stuttgart
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Zu der Zeit, da Harald Gilles Söhne in Norwegen herrschten, lebte in den Dörfern um den See Mjøsa eine Sippe, die von allen die »Steinfiinnssöhne« genannt wurde. Ihnen gehörten achtzehn große Höfe, verteilt über die Kirchengemeinden der Gegend.
In den Jahren des Unfriedens, die danach über das Land hereinbrachen, ging es den Steinfinnssöhnen vor allem darum, ihren Besitz unvermindert und ihre Höfe unverbrannt zu retten, und so stark waren sie, dass ihnen das oft gelang, ob sie es nun mit den Birkebeinern zu tun bekamen oder mit einer der vielen gegnerischen Gruppierungen, die in Oppland ihr Unwesen trieben. Die Steinfiinnssöhne kümmerten sich offenbar nicht weiter darum, welche Partei gerade den König stellte, doch einige von ihnen hatten König Magnus Erlingssohn und danach Sigurd Markuspflegesohn treu und tatkräftig gedient, und von Sverre und seinen Verwandten hatte keiner von ihnen mehr zu erwarten als das Nötigste. Tore der Alte Steinfinnssohn auf Hov und seine Söhne schlossen sich König Skule an, aber als im Land dann wieder Friede herrschte, gelangten sie zu einem Vergleich mit König Haakon.
Von dieser Zeit an jedoch begann die Sippe ein wenig im Ansehen zu sinken. Es wurde ruhiger in den Dörfern und unter den Menschen wurde mehr Wert auf Recht und Gesetz gelegt; die meiste Macht hatten nun die Männer, die im königlichen Rat saßen oder in der Leibgarde des Königs gekämpft und sein Vertrauen gewonnen hatten. Die Steinfinnssöhne indes blieben zu Hause auf ihren Höfen und begnügten sich damit, ihren eigenen Besitz zu verwalten.
Trotzdem waren sie eine reiche Sippe. Die Steinfinnssöhne hatten als Letzte in Oppland Leibeigene besessen und sie nahmen die Nachkommen ihrer Freigelassenen als Gesinde und Pächter auf ihrem Grundbesitz in Dienste. In den Dörfern hieß es, die Steinfinnssöhne seien ein herrschsüchtiger Menschenschlag, doch sie waren klug genug, sich ihre Untergebenen so auszusuchen, dass die leicht zu beherrschen waren. Die Männer der Sippe galten nicht als die Klügsten, aber dumm konnten sie auch nicht genannt werden, wo sie doch ihren Besitz mit so großem Geschick durch alle Gefahren hindurch erhalten hatten. Und sie waren keine harten Herren für ihre Untergebenen, wenn ihnen nur niemand widersprach.
Zwei Jahre vor dem Tod König Haakons des Alten schickte Tore der Junge Toressohn seinen jüngsten Sohn, Steinfinn, zur Leibgarde. Steinfinn war achtzehn Jahre alt, ein gutgewachsener, schöner Mann, aber mit ihm war es so wie mit all seinen Verwandten: Sie alle waren zu erkennen an ihren Pferden und ihren Kleidern, Waffen und Schmuckstücken. Wäre der junge Steinfinn in einem groben Bauernkittel erschienen, wäre es vielen, die ihn am Abend zuvor über den Bierhumpen ihren Kumpan und lieben Freund genannt hatten, schwergefallen, ihn zu erkennen. Viele der Steinfinnssöhne waren schöne Männer, aber sie sahen aus wie die gesamte Kirchgemeinde, hieß es, und über diesen Steinfinn sagten seine Gefährten, dass an seinem Verstand wenig auszusetzen sei, jedoch sei der sehr viel kleiner als sein Übermut.
Nun hielt sich Steinfinn in Bjørgvin auf und lernte dort eine junge Dame kennen, Ingebjørg Jonstochter, die am Königshof bei Königin Ingebjørg in Diensten war. Sie und Steinfinn fassten Zuneigung zueinander und er ließ bei ihrem Vater um sie werben, doch der erwiderte, seine Tochter sei bereits Mattias Haraldssohn versprochen, dem lieben Freund und Leibgardisten des jungen Königs Magnus. Steinfinn wollte jedoch nicht begreifen, dass seine Werbung allen Ernstes zurückgewiesen worden war; er machte noch mehrere Versuche und bat einflussreiche Männer und schließlich sogar Königin Ingebjørg selbst um ihre Fürsprache. Aber das half alles nichts, denn Jon Paalssohn wollte Mattias gegenüber nicht wortbrüchig werden.
Steinfinn begleitete König Haakon auf dessen letzter Heerfahrt über das westliche Meer und gelangte in der Schlacht von Largs wegen seiner Kühnheit zu großem Ruhm. Während der König in Kirkevaag krank darniederlag, übernahm Steinfinn oft die Nachtwache bei ihm, und er meinte jedenfalls selbst, dass König Haakon ihm dabei große Gunst bezeugt habe.
Den folgenden Sommer verbrachte Steinfinn wieder in Bjørgvin, und als einige der Damen der Königin eines schönen Morgens, gleich nach Johannis, von Nonneseter aus zum Königshof unterwegs waren, trafen sie auf ihn und seinen Knappen, die ihnen durch die Gasse entgegenkamen. Die Männer hatten ein prachtvolles Pferd bei sich, das Steinfinn am selben Morgen gekauft haben wollte, mit Damensattel und Zaumzeug. Er begrüßte die Jungfrauen auf höfische Art und mit munteren Scherzen und bot ihnen an, das Pferd probezureiten. Sie begaben sich darauf alle auf eine Wiese und hatten dort eine Zeitlang ihren Spaß. Doch als dann Ingebjørg Jonstochter im Sattel saß, sagte Steinfinn, sie könne das Pferd von ihm ausleihen und damit zum Königshof reiten; er werde ihr folgen. – Als Nächstes hieß es über diese beiden, sie seien durch Vors und von dort aus in die Berge geritten. Schließlich erreichten sie Hov.
Tore war zuerst außer sich vor Wut über die Schandtaten seines Sohnes, doch schließlich übergab er ihm einen Hof, Frettastein, der abgelegen in einem Walddorf lag. Dort lebte Steinfinn mit Ingebjørg Jonstochter, als wären sie Eheleute vor dem Gesetz, und er feierte mit einem großen Gelage, als sie ihm im folgenden Frühling eine Tochter gebar. Niemand unternahm etwas gegen ihn, weder wegen dieses Brautraubes noch weil er aus dem Dienst weggelaufen war. Es hieß, das habe er Königin Ingebjørg zu verdanken. Und am Ende brachte die Königin für die beiden jungen Leute einen Vergleich mit Jon Paalssohn zustande, Jon übergab Steinfinn seine Tochter zur Ehe und hielt die Hochzeit auf dem Königshof in Oslo ab, wo er damals Statthalter war.
Ingebjørg erwartete zu dieser Zeit ihr drittes Kind, doch weder sie noch Steinfinn zeigten sich Jon gegenüber besonders demütig oder dankten ihm für seine väterliche Gnade. Steinfinn machte seinem Schwiegervater und seinen neuen Verwandten kostbare Geschenke, ansonsten gebärdeten er und seine Frau sich sehr hochmütig und taten so, als hätten sie die ganze Zeit über anständig und in allen Ehren gelebt und hätten es nicht nötig, sich zu beugen, um Ordnung in ihre Verhältnisse zu bringen. Sie brachten ihre älteste Tochter, Ingunn, mit zur Hochzeit, und Steinfinn tanzte mit ihr auf dem Arm und zeigte sie allen Menschen, sie war drei Jahre alt und ihre Eltern waren unbeschreiblich stolz auf dieses schöne Kind.
Doch ihr erster Sohn, den Ingebjørg sehr bald nach der Hochzeit geboren hatte, starb, und danach kamen Zwillingssöhne tot auf die Welt. Nun beugten die beiden vor Jon Paalssohn die Knie und baten ihn von Herzen um Vergebung. Danach bekam Ingebjørg zwei Söhne, die am Leben blieben. Sie wurde mit jedem Jahr nur noch schöner, und sie und Steinfinn lebten liebevoll zusammen, führten ein großartiges Haus und waren glücklich und rundum zufrieden.
Es gab jedoch einen Mann, an den niemand zu denken schien: Mattias Haraldssohn, Ingebjørgs rechtmäßigen Bräutigam, den sie um sein Recht gebracht hatte. Zur Zeit von Steinfinns Hochzeit war er im Ausland unterwegs und blieb dort mehrere Jahre. Mattias war ein kleiner, hässlicher Mann, aber mutig, unversöhnlich und unermesslich reich.
Steinfinn und Ingebjørg waren inzwischen seit sieben Jahren verheiratet und ihre Töchter, Ingunn und Tora, zählten zehn und acht Winter, die Söhne waren noch sehr klein – da tauchte eines Nachts Mattias Haraldssohn zusammen mit vielen Begleitern auf Frettastein auf. Es war zur Zeit der Heumahd und der größte Teil des Gesindes befand sich auf den entfernt gelegenen Wiesen; die auf dem Hof Verbliebenen wurden im Schlaf überwältigt. Steinfinn erwachte erst, als er aus dem Bett gerissen wurde, wo er neben seiner Gattin geschlafen hatte. In diesem Jahr war der Sommer heiß, deshalb schliefen alle nackt; so bloß, wie seine Mutter ihn zur Welt gebracht hatte, stand Steinfinn, gefesselt und von drei Männern festgehalten, an seinem eigenen Tischende.
Ingebjørg, die Hausherrin, wehrte sich wie ein wildes Tier, mit Krallen und Zähnen, als Mattias sie in eine Decke wickelte, sie aus dem Bett hob und sich auf die Knie setzte. Dann sprach Mattias zu Steinfinn:
»Jetzt könnte ich an euch beiden die Rache nehmen, die ihr verdient habt – und du, Steinfinn, würdest dastehen, ein gefesselter Mann, der seine Frau nicht beschützen kann, wenn ich die nehmen wollte, die für mich bestimmt war und nicht für dich. Aber ich habe größere Ehrfurcht davor, Gottes Gesetz zu brechen, und ich achte Sitte und Ordnung höher als du. Deshalb will ich dich damit bestrafen, Steinfinn, dass du deine Gattin durch meine Gnade unbesudelt zurückerhältst – und du, meine Ingebjørg, lebe du mit deinem Gatten, und ich wünsche euch beiden alles Gute. – Nach dieser Nacht«, schloss er unter lautem Gelächter, »werdet ihr wohl immer an mich denken, wenn ihr einander in Freude und Lust umarmt.«
Er küsste die Frau und legte sie ins Bett, dann erklärte er seinen Männern, die Zeit zum Aufbruch sei gekommen. Schließlich drehte er sich zu Steinfinn um.
Steinfinn hatte kein einziges Wort herausgebracht und nachdem er begriffen hatte, dass er sich nicht losreißen konnte, war er still stehen geblieben, aber sein Gesicht war dunkelrot angelaufen und er ließ Mattias nicht aus den Augen. Dieser trat nun dicht an ihn heran:
»Besitzt du nicht einmal so viel Anstand, Mann, mir zu danken, weil ich mich heute Nacht gnädig gezeigt habe?«, fragte er und lachte wiehernd.
»Du kannst dich darauf verlassen, dass ich dir danken werde«, sprach Steinfinn, »wenn Gott mir das Leben schenkt.«
Mattias trug einen Kittel mit geschlitzten langen Ärmeln und Troddeln an den Ärmelzipfeln. Er hob den Arm und ließ die Troddeln gegen Steinfinns Gesicht baumeln und lachte dabei noch lauter. Plötzlich aber rammte er dem gefesselten Mann die Faust ins Gesicht, so dass Blut aus Steinfinns Mund und Nase quoll. Dann ging er mit seinen Mannen hinaus.
Olav Audunssohn, Steinfinns Pflegesohn, ein Junge von elf Jahren, kam angerannt und zerschnitt Steinfinns Fesseln. Einige der Männer hatten den Jungen sowie Steinfinns Kinder und deren Pflegemütter in die Vorstube geschleppt und dort festgehalten, während Mattias in der Stube mit seiner untreuen Verlobten und deren Mann gesprochen hatte.
Steinfinn griff sich einen Speer und rannte, nackt, wie er war, Mattias und dessen Mannen hinterher, während diese unter Spott und Gelächter die steilen Wiesen hinunter und dann quer über den Acker ritten. Steinfinn warf den Speer, traf aber nicht. Olav lief derweil zu Gesindehaus und Stall hinüber und befreite das Gesinde, das dort eingesperrt gewesen war, während Steinfinn zurück in die Stube ging, sich anzog und seine Waffen nahm.
Doch es hätte keinen Sinn gehabt, Mattias zu verfolgen, denn hier auf Frettastein gab es nur drei Pferde, die im Garten grasten. Dennoch machte sich Steinfinn unverzüglich auf, um seinen Vater und seine Brüder aufzusuchen. Während er sich ankleidete, hatte er unter vier Augen mit seiner Frau gesprochen. Sie begleitete ihn nach draußen, als er aufbrach. Und da teilte Steinfinn seinem Gesinde mit, dass er erst wieder bei seiner Gattin schlafen wolle, wenn er die Schande ausgewetzt habe, damit niemand behaupten könne, er sei nur durch Mattias Haraldssohns Gnade mit ihr zusammen. Darauf ritt er los, seine Gattin aber begab sich in eine alte Hütte auf dem Hof und schloss sich dort ein.
Das Gesinde, Männer wie Frauen, lief in die Halle und stellte viele Fragen. Sie wandten sich an Olav, der halb angezogen auf dem Bett saß, in dem Steinfinns weinende Töchter sich verkrochen hatten, und versuchten die beiden kleinen Mädchen und die Pflegemutter von Steinfinns jüngstem Sohn auszufragen. Aber niemand von diesen Vieren konnte ihnen Auskunft geben und schließlich hatte das Gesinde die Fragerei satt und ging wieder hinaus.
Der Junge saß in der dunklen Stube und lauschte auf Ingunns lautes Weinen. Schließlich kroch auch er ins Bett und legte sich neben sie:
»Du kannst sicher sein, dass dein Vater sich rächen wird. Da kannst du wirklich sicher sein. Und ich werde dabei sein, denke ich, und beweisen, dass Steinfinn einen Schwiegersohn hat, auch wenn seine Söhne noch keine Waffen führen können.«
Damit hatte Olav zum ersten Mal gewagt, das Verlöbnis zu erwähnen, das vor vielen Jahren, als sie noch klein gewesen waren, zwischen ihm und Ingunn geschlossen worden war. In seiner ersten Zeit auf Frettastein hatte das Gesinde manchmal darüber geredet und die Kinder mit ihrer Verlobung geneckt, aber da war Ingunn immer schrecklich wütend geworden. Einmal war sie zu ihrem Vater gelaufen und hatte sich beschwert, und er war ebenfalls böse geworden und hatte seinen Leuten den Mund verboten – so heftig, dass manche schon gedacht hatten, Steinfinn bereue seinen Handel mit Olavs Vater vielleicht.
In dieser Nacht aber reagierte Ingunn auf Olavs Andeutung auf das, was für sie beide beschlossen worden war, indem sie sich an den Jungen schmiegte und seinen Arm nassweinte, bis Olavs Kittelärmel vollkommen durchweicht war.
Von dieser Nacht an war das Leben auf Frettastein ein ganz anderes. Steinfinns Vater und Brüder rieten ihm, Mattias Haraldssohn vor Gericht zu bringen, aber Steinfinn meinte, er wolle selbst beurteilen, was seine Ehre wert sei.
Mattias jedoch war geradewegs nach Hause, auf seinen Hof in Borgesyssel, geritten, und im folgenden Frühling ging er auf Wallfahrt ins Ausland. Als das bekannt wurde und als es sich herumsprach, dass Steinfinn Toressohn sich so sehr grämte, dass er geradezu menschenscheu geworden war und nicht mehr mit seiner Frau zusammenleben wollte – da wurde so einiges über die Rache geredet, die Mattias an seiner untreuen Verlobten genommen hatte. Und obwohl Mattias und seine Leute nichts anderes darüber erzählten, als auch auf Frettastein erzählt wurde, wurden die Gerüchte darüber, wie Mattias mit Steinfinn umgesprungen sei, immer wilder, je mehr Zeit verstrich. Es wurde sogar ein Lied über die Geschehnisse gedichtet, so, wie die Leute glaubten, dass sie sich zugetragen hätten.
Als Steinfinn eines Abends mit seinen Männern beim Trunk saß – inzwischen waren drei Jahre vergangen –, fragte er, ob jemand dort das Lied über ihn singen könne. Zuerst taten alle so, als hätten sie es nie gehört. Doch als Steinfinn dem, der es vortragen könnte, eine hohe Belohnung versprach, stellte sich heraus, dass das gesamte Gesinde es kannte. Steinfinn hörte bis zum Ende zu, ab und zu bleckte er die Zähne zu einer Art Lächeln. Gleich darauf ging er zu Bett, zusammen mit seinem Halbbruder Kolbein Toressohn, und die anderen hörten, dass die beiden fast bis Mitternacht leise miteinander redeten.
Dieser Kolbein war ein Sohn Tores auf Hov mit einer Kebse aus der Zeit vor seiner Heirat, und Tore hatte seine Kinder mit dieser Frau immer mehr geliebt als die ehelich geborenen. Für Kolbein hatte er eine gute Heirat und einen weiter im Norden, bei Mjøs, gelegenen Hof beschafft. Aber mit diesem Kolbein war nicht gut auszukommen; er war hochmütig, jähzornig und ungerecht und immer wieder geriet er in Streit, mit seinesgleichen ebenso wie mit seinem Gesinde. Er war also nicht sonderlich beliebt, und mit seinen ehelich geborenen Halbbrüdern hatte er nur wenig zu tun gehabt, bis Steinfinn nach seinem Unglück Kontakt zu ihm gesucht hatte. Seither war dieses Brüderpaar ständig zusammen und Kolbein kümmerte sich um Steinfinn und um dessen Angelegenheiten. Doch er verfuhr hier ebenso wie mit seinen eigenen Belangen und säte Zwietracht, auch wenn er sich für seinen Bruder einsetzen sollte.
Es war wirklich nicht so, dass Kolbein seinem jüngeren Bruder hätte schaden wollen; er hatte Steinfinn auf seine Weise liebgewonnen, als der sich in seiner Ratlosigkeit in die Hände seines Bruders begeben hatte. Zu seinen Glanzzeiten war Steinfinn achtlos und träge gewesen, er hatte mehr daran gedacht, auf großem Fuße zu leben, als daran, seinen Wohlstand zu erhalten. Nach dem Überfall in jener Nacht war er für lange Zeit richtiggehend menschenscheu geworden. Aber dann hatte er – auf Kolbeins Rat hin – eine ganze Schar von neuen Knechten in Lohn und Brot genommen – junge, waffentaugliche Männer, vor allem solche, die schon anderswo bei hochstehenden Leuten gedient hatten. Seine Männer schliefen zusammen mit Steinfinn in der großen Halle und begleiteten ihren Herrn auf all seinen Wegen, aber an der Hofarbeit beteiligen wollten und konnten sie sich nicht, und deshalb hatte er hohe Kosten und wenig Nutzen von diesen Bediensteten.
Auf Frettastein wurde der Hofbetrieb trotzdem so gut es ging in Gang gehalten, denn Grim, der alte Großknecht, und Dalla, seine Schwester, waren Kinder von Leibeigenen von Steinfinns Großvater und hatten nur das Wohlergehen ihres jungen Hofherrn im Sinn. Jetzt hätte Steinfinn Einkünfte von einem anderen Hof, den er in einem anderen Dorf besaß, gut gebrauchen können, aber er mochte mit seinen Pächtern und Verwaltern nicht sprechen oder sie aufsuchen – und als Kolbein sich der Sache annahm, kam es nur zu endlosen Streitigkeiten.
Ingebjørg Jonstochter war eine tüchtige Hofherrin gewesen und hatte in früheren Zeiten Trägheit und Großmannswesen ihres Gatten bis zu einem gewissen Grad ausgeglichen. Jetzt aber versteckte sie sich mit ihren Mägden in der Hütte und das übrige Hausgesinde bekam sie fast nie zu sehen. Sie grübelte und grämte sich, fragte nie, wie es um Haus und Hof stand, schien eher zornig zu werden, wenn jemand sie in ihren Grübeleien störte. Sogar ihren Kindern gegenüber, die mit ihrer Mutter in der Hütte hausten, war sie wortkarg und zeigte kaum Interesse daran, wie es ihnen ging und was sie machten. Und dabei war sie, in den guten Tagen, eine zärtliche Mutter gewesen und Steinfinn Toressohn ein munterer und liebevoller Vater, stolz auf seine schönen, kräftigen Kinder.
Solange ihre Söhne, Hallvard und Jon, noch klein waren, nahm Ingebjørg sie oft auf den Schoß, wiegte sie hin und her, stützte das Kinn auf ihre blonden Schädel und starrte dabei sorgenvoll und in Gedanken versunken vor sich hin. Aber die Jungen waren noch nicht sehr alt, als sie es auch schon satt hatten, mit der freudlosen Mutter und deren Mägden in der Hütte zu sitzen.
Tora, die jüngere Tochter, war ein braves, schönes Kind. Sie hatte sehr gut begriffen, dass ihre Eltern großes Unrecht erlitten hatten und nun Kummer hatten und sich grämten. Deshalb gab sie sich alle Mühe, den beiden Freude zu machen, sie war brav und liebevoll. Sie wurde zum Liebling ihrer Eltern. Steinfinns Gesicht konnte aufleuchten, wenn sein Blick auf diese Tochter fiel. Tora Steinfinnstochter war rundlich und hübsch und sie fing früh an, zu reifen und weiblich zu werden. Sie hatte ein längliches, fülliges Gesicht, helle Haut und blaue Augen; dichte Zöpfe aus glatten, korngelben Haaren hingen ihr über die Schultern. Der Vater streichelte ihr über die Wange: »Du bist ein gutes Kind, meine Tora. – Gott segne dich. Und jetzt geh zu deiner Mutter, setz dich zu ihr und tröste sie.«
Tora ging und setzte sich mit ihrer Spindel oder ihrer Näharbeit zu ihrer kummervollen Mutter. Und sie fühlte sich überreich belohnt, wenn Ingebjørg am Ende sagte: »Du bist lieb, meine Tora – Gott schütze dich vor allem Übel, mein Kind.« Dann strömten Tora die Tränen aus den Augen – sie dachte an das harte Schicksal ihrer Eltern und voller gerechtem Zorn sah sie ihre Schwester an, die nie genug Geduld hatte, um bei der Mutter zu sitzen, und die es in der Hütte nicht aushielt, sondern die Mutter mit ihrer ewigen Unruhe reizte – bis Ingebjørg sie wieder hinausschickte. Und reuelos und sorglos lief Ingunn davon und verschwand mit den anderen Kindern auf dem Hof – Olav und einigen anderen Jungen, die zum Gesinde auf Frettastein gehörten.
Ingunn war Steinfinns und Ingebjørgs ältestes Kind. Als kleines Kind war sie so schön gewesen, dass es einem Wunder gleichgekommen war. Aber nun war sie nicht einmal mehr halb so schön wie ihre Schwester, hieß es allgemein. Sie war auch nicht so klug, und besonders gut ausdrücken konnte sie sich auch nicht, sie war nicht besser und nicht schlechter als andere Kinder auch. Aber aus irgendeinem Grund war sie überall genauso beliebt wie ihre jüngere, stille und schöne Schwester. Steinfinns Männer brachten Tora eine Art Ehrfurcht entgegen, aber es war ihnen lieber, wenn sich Ingunn bei ihnen in der Halle aufhielt.
Weder auf Frettastein selbst noch auf einem der Höfe in der Umgebung gab es Mädchen in ihrem Alter und deshalb war Ingunn immer mit den Jungen zusammen. Sie machte bei all ihren Spielen und allen Unternehmungen mit, übte sich in den Sportarten, die die Jungen bevorzugten – sie warf Speer und Stein, schoss mit dem Bogen auf Ziele, schlug den Ball, legte im Wald Schlingen und angelte im Waldsee. Aber bei allem war sie ungeschickt, weder unternehmungslustig noch mutig, sie war schwach, ließ sich rasch entmutigen und fing schnell an zu weinen, wenn die Unternehmungen zu anstrengend waren oder sie bei den Spielen grob behandelt wurde. Dennoch waren die Jungen bereit, sie immer und überall dabei zu haben. Zum einen war sie Steinfinns Tochter und zum anderen bestand Olav Audunssohn darauf, dass sie mitmachte. Und bei allen Spielen dieser Kinder war Olav der Anführer.
Alle, wirklich alle auf dem Hof, mochten Olav Audunssohn, doch hätte ihn niemand als offenes, freundliches Kind bezeichnet. Niemand schien ihm wirklich nahezukommen, obwohl er keinem Menschen gegenüber abweisend war – vielmehr hätte man ihn – auf seine eigene wortkarge und geistesabwesende Art – als gutmütig und dienstwillig beschreiben können.
Ein schöner Junge war er allerdings, obwohl seine Haut und seine Haare so hell waren wie bei einem Weißling, aber er besaß weder den lichtscheuen Blick der Weißgeborenen noch deren gebeugten Nacken. Olavs blaugrüne Augen waren zwar blass, doch er schaute damit geradewegs in die Welt hinaus, und er trug den Kopf hoch erhoben auf seinem starken, milchweißen Hals. Sonne und Wind schienen seiner Haut nicht viel anhaben zu können – sie wirkte sonderbar fest und ebenmäßig und weiß –, nur im Sommer zeigten sich über seiner breiten, flachen Nasenwurzel einige Sommersprossen. Diese gesunde Blässe ließ Olavs Gesicht schon in seinen Kinderjahren etwas kalt und unbeweglich wirken. Seine Züge waren ebenfalls ein bisschen kurz und breit geraten, er sah jedoch trotzdem gut aus. Die Augen lagen ziemlich weit auseinander, aber sie waren groß und schön, Brauen und Wimpern waren so hell, dass sie bei Sonnenschein nur als goldener Schatten zu erkennen waren. Er hatte eine breite, gerade, aber ein wenig zu kurze Nase; sein Mund war eher groß, doch seine Lippen waren schön geschwungen und fest, und man hätte diesen Mund schön nennen müssen, wenn er in diesem farblosen Gesicht nicht so bleich gewesen wäre. Olavs Haare jedoch waren von makelloser Schönheit – so hell, dicht und weich und fein gelockt, dass sie eher silbern schimmerten als golden. Er trug sie rundgeschnitten, so dass sie seine breite, weiße Stirn bedeckten, während im Nacken die Grube zwischen den beiden starken Sehnen zu sehen war.
Olav war niemals groß gewesen für sein Alter, aber er wirkte doch größer, als er war, so gut gebaut, kräftig und muskulös, mit sehr kleinen Händen und Füßen, die außerordentlich stark aussahen, weil Handgelenke und Fußknöchel so rund und kräftig waren. Er war auch sehr stark und geschmeidig; jede Art von Sport oder Waffenübung ging ihm leicht von der Hand – doch es war nie jemand da, der ihn diese Fertigkeiten auf die richtige Weise hätte lehren können. So, wie die Situation auf Frettastein damals war, blieb Olav sich selbst überlassen. Steinfinn, der, als er den Jungen zu sich nahm, versprochen hatte, ihm ein Vater zu sein, rührte keinen Finger, um Olav die Ausbildung zukommen zu lassen, die sich für einen jungen Mann von hoher Geburt gehörte, den Erben eines kleinen Vermögens und den für Ingunn Steinfinnstochter ausersehenen Gatten.
Dass Steinfinn Toressohn Olavs Pflegevater wurde, hatte sich so ergeben:
Eines Sommers, als Steinfinn das Glück noch hold gewesen war, hatte er beim Eidsivathing etwas zu erledigen gehabt. Er war zusammen mit Freunden und Verwandten hingeritten und hatte auch seine Frau und seine Tochter Ingunn mitgenommen, die damals sechs Jahre alt gewesen war. Die Eltern liebten ihr schönes Kind so sehr, dass sie es überall vorzeigen wollten.
Beim Thing begegnete Steinfinn einem gewissen Audun Ingolfssohn auf Hestviken. Audun und Steinfinn waren damals bei der Garde Bettgenossen gewesen, und sie waren gute Freunde geworden, obwohl Audun älter war und die beiden ein sehr unterschiedliches Temperament besaßen, denn damals war Steinfinn immer guter Laune und sehr redselig gewesen und hatte am liebsten über sich selbst gesprochen, während Audun schweigsam war und nie über seine eigenen Angelegenheiten sprach.
Im Frühling des Jahres, in dem König Haakon zur Heerfahrt nach Schottland aufgebrochen war, hatte Audun geheiratet, und zwar eine Dänin, Cecilia Bjørnstochter, König Ingebjørgs Spielgefährtin, die mit ihr zusammen im Kloster Rind erzogen worden war. Als der Bischof von Oslo die Braut des jungen Königs Magnus mit Gewalt entführt hatte, weil der dänische König Vereinbarungen gebrochen und sich geweigert hatte, seine Verwandte nach Norwegen reisen zu lassen, war Cecilia mitgekommen. Zuerst hatte die junge Königin ihre Freundin immer bei sich haben wollen, aber nach einem Jahr schien Frau Ingebjørg sich die Sache anders überlegt zu haben und versuchte eifrig, Cecilia zu verheiraten. Die einen sagten, König Magnus habe sich gar zu gern mit der Dänin unterhalten und das habe seiner Gemahlin gar nicht zugesagt, andere wollten wissen, dass der junge Alf Erlingssohn auf Tornberg ihre Liebe gewonnen hatte. Dessen Vater jedoch, der königliche Statthalter Erling Alfssohn, wollte seinen Sohn keine Ausländerin heiraten lassen, die in Norwegen weder Land noch mächtige Verwandte besaß. Da der junge Alf reichlich jähzornig war und immer seinen Willen durchsetzen wollte und Cecilia leidenschaftlich liebte, habe die Königin beschlossen, die Jungfrau eilig zu verheiraten, damit Alf nicht in sein Unglück rannte.
Was immer geschehen sein mochte – die junge Frau war unbescholten und anmutig, und als Audun, der zuerst nicht gerade willig gewesen war, zwei- oder dreimal mit Cecilia gesprochen hatte, wollte er sie nun unbedingt heiraten. Die Hochzeit fand auf dem Königshof zu Bjørgvin statt, der alte König Haakon schenkte der Braut die Aussteuer. Nach der Hochzeit brachte Audun seine Frau nach Hestviken, wo sie vor König Magnus und Alf Erlingssohn gleichermaßen geschützt war.
Später im Sommer stieß Audun mit seinem Schiff in Herdluvaag zu König Magnus und schloss sich der Heerfahrt an. Und als der König kurz vor Weihnachten auf Orkney starb – das war im Winter 1263 –, befehligte Audun das Schiff, das die Todesbotschaft nach Norwegen brachte. Danach begab er sich in den Osten des Landes auf seinen Hof, bevor er im Sommer zur Garde von König Magnus zurückkehrte. Inzwischen war seine Frau im Kindbett gestorben, ihr Sohn jedoch hatte überlebt. Audun war nun noch stiller als zuvor, aber er vertraute Steinfinn doch bisweilen seine Gedanken an: Auf Hestviken saß sein Großvater; der war alt und ziemlich eigensinnig und es hatte ihm nicht zugesagt, dass sein Enkel eine Fremde ohne Sippe heiratete. Außerdem lebte auf dem Hof noch ein alter Onkel von Audun, der den Verstand verloren hatte. In ihrer Zeit auf Hestviken hatte Cecilia vor allem mit diesen beiden alten Männern zu tun gehabt: »Ich fürchte, sie hat sich dort im Osten nicht wohlgefühlt«, meinte Audun. Um den Urgroßvater zu ehren, hatte Cecilia ihr Kind nach ihm benannt – das war so Sitte in Dänemark –, aber Olav Olavssohn war darüber in gewaltigen Zorn geraten: In Norwegen nennt man kein Kind nach einem lebenden Mann, es sei denn, man wünscht diesem den Tod, sagte er. Audun war der einzige Erbe dieser beiden Alten, doch er erklärte, heim nach Hestviken wolle er nicht so bald, nun wolle er hier in Bjørgvin bei König Magnus bleiben.
Bald darauf hatte Steinfinn dann Ingebjørg entführt und seither hatte er weder von Audun Ingolfssohn gehört noch nach ihm gefragt, bis er ihm nun beim Thing gegenüberstand. Audun hatte einen sieben Jahre alten Jungen an der Hand und erkundigte sich nach irgendwelchen Männern aus Soleyar, mit denen er hier verabredet war. Er sah sehr krank aus – Audun war ein hochgewachsener Mann und war immer sehr schlank gewesen, mit hagerem Gesicht, einer schmalen, scharfen Hakennase, blass und hell, was Haut und Haare betraf. Jetzt ging er gebeugt und war mager wie ein Gerippe, fahl im Gesicht und bläulich um den Mund herum. Der Junge dagegen war ein schönes, kräftiges Kind, breitschultrig und gut gebaut; er war ebenso hell von Angesicht wie der Vater, hatte sonst aber keine große Ähnlichkeit mit diesem.
Steinfinn umarmte seinen Freund in stürmischer Freude, machte jedoch ein sehr besorgtes Gesicht, als er sah, wie krank Audun war. Er bestand darauf, dass Audun ihn zu dem Hof begleitete, wo er selbst während des Things mit seinen Begleitern wohnte.
Unterwegs erzählte Audun, er sei mit den Söhnen des Neffen seines Großvaters verabredet gewesen, »und nähere Verwandte habe ich nicht, sie müssen die Vormundschaft für Olav übernehmen, wenn ich nicht mehr lebe.« Die beiden alten Männer auf Hestviken waren inzwischen sehr gebrechlich; Audun selbst hatte ein unheilbares Übel im Magen, so dass er kaum noch etwas essen oder trinken konnte, er würde wohl nicht mehr viele Wochen überleben. Bis kurz vor Weihnachten war er bei König Magnus gewesen, wo er viele Jahre verbracht hatte, dann war er nach Hestviken geritten, weil er so krank war. Seit dem Tod seiner Gattin hatte er dort nur ein einziges Mal nach dem Rechten gesehen, so dass er seinen Sohn erst in diesem Winter kennengelernt hatte. Doch jetzt machte er sich große Sorgen um die Zukunft des Kindes – und nun waren diese Verwandten aus Soleyar nicht gekommen und er hatte wohl kaum die Kraft, zu ihnen hinauf zu reiten – er bekam beim Reiten so furchtbare Schmerzen –, und es war schon der vorletzte Thing-Tag. »Die Patres auf Hovedø würden ihn sicher zu sich nehmen – aber sollte der Junge dann Lust auf das Klosterleben bekommen und Mönch werden, würde unsere Sippe mit ihm erlöschen.«
Als Ingebjørg das schöne Kind sah, das bald vater- und mutterlos sein würde, wollte sie den Jungen küssen, aber Olav riss sich von ihr los, floh zu seinem Vater und starrte die vornehme Frau mit seinen großen blauen Augen abweisend und erstaunt an.
»Willst du meine Frau nicht küssen, Olav?«, fragte Steinfinn und begann schallend zu lachen.
»Nein«, erwiderte der Knabe. »Weil Aslaug Koll küsst.«
Audun lächelte leicht verlegen – Aslaug und Koll seien zwei alte Dienstboten auf Hestviken, sagte er, und nun lachten alle Erwachsenen so sehr, dass Olav rot wurde und auf den Boden starrte. Sein Vater wies ihn zurecht und befahl ihm, Ingebjørg auf höfische, gebührende Art zu begrüßen. Er musste also vortreten und sich von ihr küssen lassen, und als nun die kleine Ingunn dazukam und sagte, sie wolle den Jungen ebenfalls küssen, ging Olav brav zu ihr hin und senkte sein Gesicht, damit die Kleine seinen Mund erreichen konnte. Aber sein Gesicht war feuerrot und seine Augen standen voller Tränen, so dass die Männer lachten und Witze darüber machten, dass Olav die Freundlichkeit schöner Frauen so wenig zu schätzen wisse.
Später an diesem Abend, als alle gegessen hatten und nun beim Trunke saßen, schien Olav dann doch ein bisschen aufzutauen. Ingunn lief an den Bänken entlang und wo es einen freien Platz gab, setzte sie sich hin, blieb ein wenig sitzen und baumelte mit den Beinen, dann ließ sie sich wieder von der Bank gleiten, lief weiter zu einem anderen Platz und kletterte auf diesen. Die Erwachsenen lachten darüber, riefen ihren Namen und hoben sie hoch, einige wurden dabei immer ausgelassener und ungestümer. Nun aber schien Olav einen großen Entschluss zu fassen – er sprang von seinem Platz neben seinem Vater auf, zog seinen neuen Waffengürtel gerade, ging durch die Halle und setzte sich neben Ingunn. Und als sie von der Bank glitt und zu einem anderen Platz lief, folgte ihr der Junge nach kurzem Zögern und setzte sich abermals neben das Mädchen. So spielten die Kinder bei den Bänken, Ingunn lachend und kreischend, Olav unverdrossen und ernst. Nur hin und wieder schaute er zu seinem Vater hinüber und dann huschte ein unsicheres Lächeln über das schöne, verschlossene Knabengesicht.
Die Kinder waren in einer Ecke eingenickt, als Steinfinn und Audun zu ihnen kamen und sie zur Feuerstätte in der Mitte des Raumes führten. Die Gäste bildeten einen Kreis um sie; alle waren ziemlich betrunken; Steinfinn konnte sich nicht sicher auf den Beinen halten, als er die Hand seiner Tochter nahm und in Olavs legte. Dann besiegelten Steinfinn und Audun die Verlobung ihrer Kinder mit Handschlag und Audun gab Olav einen Goldring und half ihm, den an Ingunns Fingerchen zu stecken, damit alle den riesigen Ring dort schlackern sehen könnten. Ingebjørg Jonstochter und die anderen Frauen lachten und weinten, denn etwas Hübscheres als dieses kleine Brautpaar hatten sie alle noch nicht gesehen.
Schließlich reichte Ingebjørg ihrer Tochter ein Horn und trug ihr auf, ihrem Verlobten daraus zuzutrinken, und die Kinder tranken und bekleckerten sich dabei. Steinfinn legte seinem Freund die Arme um den Hals und gelobte hoch und heilig, mit tränenerstickter Stimme, dass Audun sich keine Sorgen um das Kind zu machen brauche, das er zurücklassen würde, denn Steinfinn werde den Jungen großziehen und ihm ein Vater sein, bis der Junge zum Mann geworden wäre und seine Braut heimführen könnte. Das sagte Steinfinn und küsste Audun auf beide Wangen, während Ingebjørg die Kinder auf den Schoß nahm und versprach, für Olav wie eine Mutter zu sein, zur Erinnerung an Cecilia Bjørnstochter, die sie geliebt habe wie eine Schwester.
Darauf forderten sie Olav auf, seine Verlobte jetzt zu küssen. Und da trat der Junge vor, legte Ingunn ziemlich kühn die Arme um den Hals und küsste sie so leidenschaftlich, wie er nur konnte, während die Zeugen lachten und auf das Wohl der Verlobten tranken.
Aber Olav schien nun Gefallen an diesem Spiel gefunden zu haben – plötzlich sprang er zu seiner kleinen Braut hinüber, legte ihr abermals die Arme um den Hals und verpasste ihr drei oder vier schallende Küsse. Die Umstehenden brüllten vor Lachen und riefen ihm zu, er solle ja so weitermachen.
Ob es nun das Lachen war, das sie in Verlegenheit stürzte, oder ob es eine Laune der Kleinen war – Ingunn wollte sich aus den Armen des Jungen befreien, und als er sie nur fester an sich drückte, biss sie ihn mit aller Kraft in die Wange.
Olav sah zuerst vollkommen verdutzt drein. Dann rieb er sich die Wange, aus der jetzt Blutstropfen hervorquollen. Einen Moment lang betrachtete er seine blutigen Finger – darauf wollte er sich auf Ingunn stürzen und sie schlagen. Doch sein Vater hob ihn hoch und trug ihn zu dem Bett, das ihnen zugewiesen worden war. Und dann wurden Bräutigam und Braut ausgezogen und ins Bett gelegt und verschliefen das ganze restliche Gastmahl.
Als Steinfinn am nächsten Tag ausgenüchtert war, hätte er die Sache am liebsten rückgängig gemacht. Er deutete an, es sei doch nur ein Witz gewesen – wenn sie für ihre Kinder eine Vereinbarung träfen, müssten sie das vorher genauer besprechen. Aber Audun, der wegen seiner Krankheit nichts hatte trinken können, erhob Einspruch und bat den anderen, nicht zu vergessen, dass er einem Sterbenden ein Versprechen gegeben hatte. Gott würde es zweifellos rächen, wenn Steinfinn nun einem vaterlosen, verlassenen Kind gegenüber sein Wort bräche.
Steinfinn überlegte. Audun Ingolfssohn war aus guter, alter Sippe, auch wenn die inzwischen nicht mehr zahlreich war und wenig Macht hatte. Aber Olav war sein einziges Kind und auch, wenn er neben dem Familiensitz in Hestviken nicht viel zu erwarten hatte, war das immerhin ein großer Hof. Steinfinn selbst könnte mit Ingebjørg noch viele Kinder bekommen – und Olav könnte für Ingunn, die ohnehin nur den Schwesternerbteil zu erwarten hatte, durchaus als ebenbürtige Heirat gelten. Also wiederholte Steinfinn im nüchternen Zustand, was er betrunken versprochen hatte, nämlich Olav wie seinen eigenen Sohn aufzuziehen und ihn mit seiner Tochter zu verheiraten, wenn die beiden Kinder alt genug wären. Und als er vom Thing heimwärts reiste, nahm er Olav mit sich in den Norden.
Im selben Herbst gelangte die Nachricht nach Frettastein, dass Olavs Vater gestorben war, kurz nach dem Großvater und dem verrückten Onkel. Die Boten brachten allerlei Hinterlassenschaften seiner Eltern für den Jungen mit – Kleider, Waffen und eine Schatulle mit Schmuckstücken. Den Hof in Hestviken sollte ein alter Verwandter des Jungen betreiben, der allgemein Olav Halbpriester genannt wurde.
Steinfinn verwahrte die Habseligkeiten seines Pflegesohnes sorgfältig, und zweimal ließ er Leute, die in Oslo zu tun hatten, ausrichten, er bitte um eine Begegnung mit Olav Halbpriester. Doch daraus wurde nichts und weitere Versuche unternahm Steinfinn dann nicht mehr. Steinfinn war allerdings auch nicht umtriebiger, wenn es um seine eigenen Angelegenheiten ging. Er und Ingebjørg behandelten Olav gut und wie ihr eigenes Kind, bis das Unglück über sie hereinbrach. Und danach vernachlässigten sie ihren Pflegesohn auch nicht mehr als ihre eigenen Kinder.
Im Grunde hatte Olav sich auf Frettastein sehr schnell eingelebt. Er mochte Steinfinn und Ingebjørg gern, aber er war ein stilles und etwas verschlossenes Kind, weshalb er doch immer ein wenig für sich blieb. Das Gefühl, wirklich zu ihnen zu gehören, hatte er nie, auch wenn er sich hier wohler fühlte als dort, wo er hergekommen war. Sein erstes Zuhause, Hestviken, verbannte er so weit wie möglich aus seinen Gedanken, aber hin und wieder tauchten Erinnerungen auf. Dabei überkam ihn immer ein bedrückender Missmut, wenn er an die vielen alten Leute denken musste – die Dienstboten waren uralt und der Urgroßvater misshandelte seinen verrückten alten Sohn, den die Leute Drecksbart nannten. Er musste gefüttert werden wie ein Kind und von Feuer und Wasser und scharfen Klingen ferngehalten werden. Olav war dort meistens sich selbst überlassen gewesen. Aber er hatte nichts anderes gekannt und Schmutz und Gestank, die Drecksbart umgaben, waren ein Teil des Hoflebens gewesen, so weit sich der Junge zurückerinnern konnte, und auch an die Tobsuchtsanfälle des Verrückten hatte er sich gewöhnt und sich deshalb nicht weiter gefürchtet, wenn einer kam. Doch er versuchte diese Erinnerungen zu verdrängen. – In den letzten Jahren hatte der Urgroßvater ihn manchmal mit in die Kirche genommen und dort hatte er fremde Menschen gesehen, auch Frauen und Kinder, aber er hatte nie darüber nachgedacht, ob er mit ihnen zusammenkommen oder mit ihnen sprechen könnte; sie waren sozusagen Teil der Messe gewesen. Und auch, als er schon viele Jahre auf Frettastein lebte, konnte es passieren, dass Olav sich auf einmal schrecklich einsam fühlte – als ob das Leben hier zwischen diesen Menschen unwirklich oder nicht alltäglich wäre, wie ein Kirchsonntag, und er wartete nur darauf, von dort wegzumüssen, zurück in das Leben, aus dem er gekommen war. Es war immer nur ein kurzer Moment, der sofort wieder verflog – aber richtig verwurzelt fühlte er sich nie auf Frettastein, auch wenn er kein anderes Zuhause hatte, nach dem er sich sehnte.
Doch bisweilen tauchten auch Erinnerungen anderer Art auf und ganz plötzlich verspürte er einen Stich der Sehnsucht in seinem Herzen. Wie an etwas, das er vor langer Zeit geträumt hatte, erinnerte er sich an einen Felsbrocken, der mitten auf dem Hofplatz von Hestviken aufragte; der heiße Stein hatte Risse geworfen und Olav hatte mit einem Knochensplitter Moos herausgekratzt. Bilder tauchten vor seinem inneren Auge auf von Orten, wo er allein herumgelaufen war und sich um sich selbst gekümmert hatte – und diese Erinnerungen hinterließen einen unbeschreiblich süßen Nachgeschmack. Hinter den Ställen auf dem Hof hatte eine hohe Felswand aus blankem dunklen Stein aufgeragt, an der Wasser herabgelaufen war, die Senke zwischen Felswand und Ställen war immer schattig und dunkel und dort wuchs hohes, grünes Gestrüpp. – Es gab dort auch einen Ebbestrand, wo er zwischen Tang und klirrenden kleinen Steinen herumstapfte, wo er Schneckenhäuser und schleimgrüne, rundgeschliffene Treibholzstücke fand. Draußen lag das Wasser und glitzerte bis weit in die Ferne und der alte Knecht Koll öffnete Muscheln und reichte sie ihm – Olav lief das Wasser im Mund zusammen, wenn er sich an den feinen Geschmack von Seewasser und rotgelbem Muschelfleisch erinnerte, das er aus den blauweißen, offenen Muschelschalen geschlürft hatte.
Wenn solche Erinnerungsfunken in ihm aufleuchteten, verstummte er und gab zerstreute Antworten, wenn Ingunn ihn ansprach. Aber nie kam er auf die Idee, sie aufzugeben. Niemals dachte er an die Möglichkeit, sich von ihr zu trennen. Für Olav Audunssohn war es zum Schicksal geworden, dass er mit Ingunn zusammensein sollte. Es war die einzige Gewissheit in seinem Leben, dass er und Ingunn unauflöslich aneinandergebunden waren. Er dachte selten an den Abend, an dem er mit ihr verlobt worden war – und inzwischen hatte schon seit Jahren niemand mehr diese Verlobung erwähnt. Bei allem, was er tat und dachte, war es jedoch der feste Boden unter seinen Füßen – dass er immer mit Ingunn zusammenleben würde. Der Junge hatte keine Verwandten, auf die er sich verlassen konnte; er wusste zwar, dass Hestviken sein Eigentum war, aber mit jedem Jahr, das verging, wurden die Bilder von diesem Hof undeutlicher – sie waren nur noch wie Bruchstücke eines Traumes, an den er sich erinnerte. Wenn er daran dachte, dass er irgendwann einmal dort wohnen würde, war für ihn daran sicher und wirklich, dass er dann Ingunn mitnehmen würde – der ungewissen Zukunft würden sie beide zusammen gegenübertreten.
Er dachte nicht darüber nach, ob Ingunn schön sei oder nicht. Tora war schön, das fand er, vielleicht, weil er es so oft gehört hatte. Ingunn war einfach Ingunn, nah und alltäglich und immer an seiner Seite; er dachte nie daran, wie sie war, ein bisschen, wie man an das Wetter denkt, das man nehmen muss, wie es ist. Er wurde böse und schimpfte sie aus, wenn sie bockig war oder es ihm zu viel wurde, sie immer mitzuschleppen; als sie kleiner gewesen waren, hatte er sie auch geschlagen. Wenn sie lieb und freundlich zu ihm und den anderen Jungen war, mit denen sie spielten, fühlte er sich wie bei schönem Wetter. Und meistens waren sie gute Freunde, wie Geschwister, die sich gut verstehen – auch wenn sie zwischendurch böse aufeinander sind und sich streiten –, aber ihnen kam beiden nicht in den Sinn, dass das Gegenüber auch anders sein könnte, als es nun einmal war.
In der Kinderschar auf Frettastein, um die sich niemand kümmerte, schlossen sich diese beiden, die Ältesten, eng aneinander an, weil sie wussten, das jedenfalls stand fest, dass sie immer zusammen sein würden. Es war das einzig Gewisse, und es war gut, etwas Gewisses zu haben. Der Junge, der allein auf dem Hof einer fremden Sippe lebte, schlug, ohne es zu wissen, Wurzeln in Ingunn, die für ihn bestimmt war, und seine Liebe zu dem Einzigen, was er von seinem Eigentum und seinem Schicksal kannte, wuchs, so wie er selbst wuchs – ohne dass er von diesem Wachstum viel bemerkt hätte. Er liebte sie wie eine Gewohnheit, ehe seine Liebe Glanz und Farbe bekam und er selbst bemerkte, dass er ganz davon erfüllt war.
So ging es bis zu dem Jahr, in dem Olav Audunssohn im Frühling sechzehn wurde. Ingunn zählte inzwischen fünfzehn Winter.
Olav hatte von seinem Vater eine große Bartaxt geerbt, eine Streitaxt mit verlängertem Bart, mit Stahl in der Klinge und eingelegten Goldverzierungen an den Axtwangen, dazu mit Bändern aus vergoldetem Kupfer um den Schaft. Diese Axt hatte einen Namen und der lautete Sippenschutz.
Es war eine hervorragende Waffe und ihr junger Besitzer glaubte, begreiflicherweise, dass diese Kostbarkeit in Norwegen nicht ihresgleichen habe. Aber das hatte er nur Ingunn erzählt und sie hatte es geglaubt und war ebenso stolz auf die Axt wie er. Olav hatte sie immer über seinem Schlafplatz in der Halle hängen.
Eines Tages im Frühjahr jedoch bemerkte Olav eine Scharte in der Klinge, und als er die Axt von der Wand nahm, sah er, dass sich die Stahlklinge aus ihrer Umfassung gelöst hatte und nicht mehr festsaß. Olav wusste, dass er nicht herausfinden würde, wer seine Axt benutzt und ruiniert hatte, also erwähnte er es nur Ingunn gegenüber. Sie überlegten, was sie tun sollten, und kamen zu dem Schluss, dass Olav, wenn Steinfinn das nächste Mal den Hof verließ, nach Hamar reiten sollte, wo ein bekannter Waffenschmied seine Werkstatt hatte; wenn der die Waffe nicht reparieren könnte, könnte es keiner. Und eines Morgens in der Woche vor Johannis kam Ingunn zu Olav und berichtete, dass ihr Vater an diesem Tag nach Norden zu Kolbein reiten wolle, und das wäre doch eine Gelegenheit für sie beide, morgen die Stadt zu besuchen.
Olav war nicht auf die Idee gekommen, dass Ingunn ihn begleiten könnte. Die Kinder waren schon seit vielen Jahren nicht mehr in der Stadt gewesen und Olav wusste nicht genau, wie weit es bis Hamar war, aber er hatte gedacht, er könnte abends wieder zu Hause sein, wenn er am frühen Morgen losritte. Ingunn aber hatte kein eigenes Pferd und auf dem Hof gab es auch keines, das er für sie nehmen könnte. Wenn sie aber abwechselnd auf seinem »Elch« ritten, würden sie erst spät in der Nacht wieder zu Hause sein – außerdem würde am Ende sie die ganze Zeit reiten und er zu Fuß gehen, das wusste er von ihren Besuchen der Messe unten im Dorf. Und Steinfinn und Ingebjørg würden sicher vor Zorn außer sich sein, wenn sie erführen, dass er Ingunn mit nach Hamar genommen hatte. Doch Olav sagte der Kleinen einfach nur, dann müssten sie sich zum Strand begeben und in die Stadt rudern – und sehr früh aufbrechen.
Es war einige Zeit vor Sonnenaufgang, als er sich am nächsten Morgen aus der Halle schlich, aber draußen war es schon hell, still und kühl. Die Luft war kalt vom Tau – das war so gut wie ein Bad nach dem strengen Geruch nach Männern und Hunden im Haus. Der Junge sog die Luft in sich ein, während er auf der Türschwelle stand und sich ein Bild vom Wetter machte.
Die Traubenkirschen zwischen den Feldern standen schon in grünweißer Blüte – hier oben war noch immer Frühling. Tief unten glitzerte der See mattgrün, durchzogen von dunklen Strömungsstreifen, was Regengüsse später am Tag ankündigte. Der Himmel war noch ein bisschen fahl und dunkle Wolkenfetzen wurden vorüber getrieben – nachts hatte es Schauer gegeben. Als Olav einen Fuß in das Gras auf dem Hofplatz setzte, wurden seine hohen Stiefel aus ungefärbtem Leder dunkel vor Feuchtigkeit und rotbraune Spritzer trafen den Schaft. Er setzte sich auf die Türschwelle und zog die Stiefel aus, band die Riemen zusammen und warf sie sich über die Schulter, um sie zusammen mit seinem zusammengefalteten Umhang und der Axt zu tragen.
Er ging barfuß über den nassen Hofplatz auf das Vorratshaus zu, wo Ingunn bei zwei Mägden schlief, damit sie sich unbemerkt vom Hof stehlen könnte. Für den Ausflug in die Stadt hatte Olav seine schönsten Kleider angelegt – einen langen Kittel aus hellblauem englischen Tuch und Beinlinge aus dem gleichen Stoff. Aber er war aus diesen Sachen inzwischen ziemlich herausgewachsen – der Kittel war eng über der Brust und an den Handgelenken zu kurz, und dann reichte er ihm kaum an die halbe Wade. Auch die Beinlinge saßen arg straff und die Fußteile hatte Ingebjørg schon im Herbst abgeschnitten; jetzt endeten die Beinlinge in der Mitte der Knöchel. Immerhin war der Kittel am Halsausschnitt mit einer schönen goldenen Spange befestigt und um die Taille trug Olav einen mit Silberrosen besetzten und auf der Schnalle mit einem Bildnis des Heiligen Olav verzierten Gürtel. Der Dolch wies an Schaft und Scheide goldene Beschläge auf.
Olav stieg im Vorratshaus die Treppe hoch und klopfte dreimal leise an die Tür. Dann wartete er.
Ein Vogel fing an zu singen, er trillerte und flötete – sein Gesang ergoss sich wie Quellwasser über das zaghafte, verschlafene Piepsen im Unterholz. Olav sah den Vogel wie einen Punkt in der Luft – er saß hoch oben auf einer Kiefer vor dem sich gelb färbenden Nordhimmel. Er konnte sehen, dass sich der Vogel zusammenzog und aufplusterte wie ein pochendes kleines Herz. Die Wolken hoch oben färbten sich jetzt rot und jenseits der Berggipfel rötete sich der Himmel, spiegelte sich rot im Wasser – Olav klopfte wieder an, viel härter diesmal – es hallte durch die Morgenstille und der Junge hielt den Atem an und horchte, ob sich in einem der Häuser etwas regte.
Bald darauf wurde die Tür einen Spalt breit geöffnet – und dahinter war jemand zu sehen. Die gelbbraunen, üppigen Haare hingen glanzlos und verfilzt herab, sie trug nur ein Hemd, das Oberteil aus weißem Leinen war mit grünen und blauen Blumen bestickt, unten jedoch war es aus einem grauen, groben Stoff und es war viel zu groß für sie und hing ihr über die schmalen, rotweißen Füße. Ihre Kleider trug sie über dem Arm und hatte eine Tasche mit Wegzehrung in der Hand. Die reichte sie Olav, warf ihr Kleiderbündel die Treppe hinunter, schüttelte sich die Haare aus dem noch immer schlafroten Gesicht – die eine Wange war röter als die andere –, griff zu einem Gürtel und band ihr Hemd damit hoch.
Sie war groß und dünn, mit schmächtigen Gliedern und einem kleinen Kopf auf dem langen, schlanken Hals. Ihr Gesicht war dreieckig, mit breiter, niedriger Stirn, aber die schimmerte schneeweiß und an den Schläfen unter den üppigen Schatten der Haare schön geschwungen; die hageren Wangen wurden nach unten hin zu schmal, so dass das Gesicht ein zu langes und spitzes Kinn bekam; die gerade kleine Nase war flach und kurz. Doch hatte ihr kleines Gesicht eine unruhige Anmut: Die Augen waren sehr groß und dunkelblau, aber das Weiße darin war noch immer so unruhig wie bei einem kleinen Kind, und sie lagen im dunklen Schatten unter den geraden, schwarzen Brauen und den weichen weißen Augenlidern; der Mund war schmal, aber die Lippen rot wie Beeren – und mit ihrer leuchtendweißen und rosenroten Haut war Ingunn Steinfinnstochter jetzt in ihrer reinen Jugend eine Schönheit.
»Beeil dich«, sagte Olav, denn sie saß auf der Treppe und war damit beschäftigt, sich die leinenen Beinlinge eng um die Beine zu wickeln und ließ sich dabei wirklich Zeit. »Besser, du nimmst Beinlinge und Schuhe in die Hand, bis das Gras getrocknet ist.«
»Ich will aber nicht bei dieser Kälte barfuß den nassen Hang hinuntergehen«, die Kleine fröstelte.
»Dir wird schon noch wärmer, wenn du dich erst angezogen hast – du darfst dir nicht so viel Zeit dabei lassen, es ist schon roter Morgen, das siehst du ja wohl.«
Ingunn gab keine Antwort, sie löste das Strumpfband und fing abermals an, sich die Beinlinge um ihr Bein zu wickeln. Olav hängte ihre Kleider über das Treppengeländer.
»Du musst deinen Umhang mitnehmen – du siehst doch, dass es heute noch Regen gibt.«
»Mein Umhang ist unten bei Mutter – ich hab gestern Abend vergessen, ihn mitzunehmen. Und es sieht nach gutem Wetter aus – und wenn es doch regnet, finden wir bestimmt irgendwo eine Stelle, wo wir uns unterstellen können.«
»Wenn es Regen gibt, während wir noch im Boot sind, dann … und in der Stadt kannst du auch nicht ohne Umhang herumlaufen. Aber dann willst du sicher meinen leihen, wie sonst auch immer.«
Ingunn schaute sich über die Schulter zu ihm um.
»Wieso bist du denn jetzt so schlecht gelaunt, Olav?« Und dann widmete sie sich wieder ihrer Fußbekleidung.
Olav wollte schon antworten, aber als sie sich über ihre Füße beugte, glitt ihr das Hemd über die Schulter und entblößte ihre Brust, ihre Achselhöhlen und ihre Oberarme. Und plötzlich schlug über dem Jungen eine Welle aus neuen Gefühlen zusammen – scheu und verwirrt stand er da und konnte seinen Blick nicht von diesem nackten Teil ihres Körpers losreißen. Er hatte das Gefühl, ihn noch nie gesehen zu haben; das Altbekannte erschien in neuem Licht – eine Lawine schien in seinem Gemüt niederzugehen und seine Gefühle für seine Pflegeschwester gerieten in eine neue Bahn. Besonders heftig empfand er eine Zärtlichkeit, eine Mischung aus Mitleid und ein wenig Herablassung; ihre Schultern senkten sich so schwach und schräg zur zarten Rundung des Brustansatzes, die dünnen weißen Oberarme sahen so weich aus, als ob sie unter der seidenglatten Haut nicht einen einzigen Muskel besäße – der Junge sah ein Bild vor sich: Korn, das nur Milch enthält, weil es noch nicht richtig ausgereift ist. Er sehnte sich danach, die Arme auszustrecken und sie zu streicheln und zu trösten – so stark empfand er den Unterschied zwischen ihrer zarten Weichheit und seinem festen, muskulösen Körper. Er hatte sie auch vorher schon gesehen – in der Badehütte – und er hatte sich selbst betrachtet, seine harte, trockene, hochgewölbte Brust, die Muskeln, die sich flach über den Bauch zogen, die anschwollen und sich bewegten, wenn er den Arm krümmte. Kindlich übermütig hatte er sich gefreut, weil er selbst ein Junge war.
Jetzt wurde dieses selbstzufriedene Gefühl, stark und gut gebaut zu sein, auf seltsame Weise durchstrahlt von Zärtlichkeit, weil sie so schwach war – er würde sie schon beschützen. Er hätte gern die Arme um diesen schmalen Rücken gelegt und ihre kleinen Mädchenbrüste unter seiner Hand versteckt. Er musste an den Tag im Frühling denken, als er selbst mit der Brust gegen einen Pfahl gefallen war – das war im Neubau drüben bei Gunleik gewesen –; er hatte sich dabei Kleider und Haut aufgerissen. Mit einem Schauer von Grausen und Süßigkeit dachte er, dass Ingunn von nun an nie wieder mit ihnen auf das Dach von Gunleiks Haus klettern dürfte.
Er wurde rot, als sie zu ihm aufschaute.
»Was glotzt du denn so? – Mutter wird doch nicht bemerken, dass ich mir dieses Hemd geborgt habe, sie trägt es niemals selbst.«
»Frierst du nicht?«, fragte er, und Ingunn staunte noch mehr, denn er sprach so leise und vorsichtig, wie sonst nur ein seltenes Mal, wenn sie beim Spielen wirklich geschunden worden war.
»Ach, die Nägel werden mir schon nicht vor Kälte platzen«, erwiderte sie lachend.
»Nein, aber kannst du dich nicht bald anziehen?«, fragte er fürsorglich. »Du hast ja schon Gänsehaut an den Armen.«
»Ich muss nur noch das Hemd schließen, dann …« Die Kanten am Ausschnitt waren steif vor Stickerei, sie gab sich alle Mühe, es gelang ihr jedoch nicht, den Stoff durch den winzigen Silberring zu schieben.
Olav legte alles hin, was er sich eben erst auf den Arm gepackt hatte:
»Du kannst meine Spange leihen – die hat einen größeren Ring.« Er zog den Goldschmuck aus seinem Kittel und reichte ihn ihr. Ingunn sah ihn mit großen Augen an. Sie hatte ihm oft zugesetzt, weil sie die Spange leihen wollte, aber dass er sie ihr von selbst anbot, war etwas Neues, denn es war ein kostbares Schmuckstück, aus purem Gold und ziemlich groß. Am äußeren Rand standen die ersten Wörter des Ave Maria, dazu Amor Vincit Omnia. Ingunns Verwandter Arnvid Finnssohn hatte gesagt, auf Norwegisch bedeute das, die Liebe siege über alles, weil Frau Sancta Maria durch ihre liebevollen Fürbitten die Bosheit aller Feinde bezwinge.
Ingunn hatte inzwischen ihr rotes Feiertagsgewand angezogen und legte sich nun den Seidengürtel um die Taille – dann fuhr sie sich mit den Fingern durch ihre verfilzten Haare.
»Du wirst mir wohl deinen Kamm leihen müssen, Olav.«
Obwohl er gerade erst seine Habseligkeiten aufgehoben hatte, legte er wieder alles ab, wühlte einen Kamm aus seinem Beutel und reichte ihn ihr, ohne ungeduldig zu werden.
Als sie jedoch unten im Dorf dem Weg zwischen den Zäunen folgten, verflog Olavs schwindelerregendes Hochgefühl nach und nach. Der Himmel war jetzt klar und die Sonne brannte – und auf die Dauer war es doch eine ziemliche Last: Rucksack, Axt, Umhang, Stiefel. Ingunn hatte abermals angeboten, auch etwas zu tragen – aber das war im Wald gewesen, wo es kühl war unter den Kiefern; es roch wunderbar frisch nach Beeren und Moos und jungem Laub, die Sonne lugte golden durch die Baumwipfel und die Vögel sangen aus voller Brust – und da war der Junge noch immer erfüllt gewesen von dieser frischerwachten Gemütsregung. Ingunn bat ihn, anzuhalten, sie musste sich die Haare noch einmal flechten, denn sie hatte das Haarband vergessen – ja, das sah ihr ähnlich. Aber ihre goldbraune Mähne wogte so schön über ihre Schläfen, als sie ihre Zöpfe aufband; die Schläfen, wo die Härchen sich am Haaransatz kräuselten, sahen aus wie kleine schattige Höhlen. Er wurde von Zärtlichkeit erfüllt, als er das sah. Als sie dann angeboten hatte, etwas zu tragen, hatte er nur den Kopf geschüttelt, und danach hatte sie ihr Angebot nicht wiederholt.
Hier unten am See war bereits Hochsommer. Die Kinder kletterten über einen Zaun und liefen dann durch einen Garten am Ufer – der Hang war wie eine Lawine aus Blumen, Wolken von Kümmel, goldgelben Trollblumen. Überall, wo es auch nur ein wenig Erde zwischen den Felsbrocken gab, blühten blaue Veilchen dicht wie eine Decke und im Schatten des Erlengestrüpps standen brandrote Vogelwicken im üppigen Grün. Immer wieder blieb Ingunn stehen, um eine Blume zu pflücken, und Olav wurde immer ungeduldiger, denn er wollte jetzt ins Boot kommen und seine Last ablegen. Hunger hatte er außerdem – noch hatten sie beide nichts gegessen. Doch als Ingunn meinte, sie könnten sich doch hier am Bach in den Schatten setzen und etwas zu sich nehmen, gab er kurz zurück, sie würden es so machen, wie er gesagt hatte. Wenn er ein Boot besorgt hätte, würden sie essen, ehe sie losruderten, aber wirklich erst dann.
»Immer willst du bestimmen«, erwiderte Ingunn leicht schmollend.
»Ja, wenn ich dich bestimmen ließe, wären wir erst morgen früh in der Stadt. Aber wenn du auf mich hörst, können wir bis dahin vielleicht wieder auf Frettastein sein.«
Da lachte sie, warf die Blumen weg und lief hinter ihm her.
Auf dem ganzen Weg hinab zum See waren die Kinder an dem Bach entlang gegangen, der im Norden an den Häusern auf Frettastein vorüber floss. Im Dorf wurde er dann zu einem kleinen Fluss – in der Ebene, ehe er sich zum See hinabstürzte, wurde er breiter und floss ausladend und seicht über große, rundgeschliffene Steine. Der See bildete hier eine große, halbrunde Bucht; deren ganzes Ufer bestand aus Strand, übersät mit scharfen grauen Steinen. Nur längs des Flusses säumten große alte Erlen das Seeufer.
Bei der Flussmündung, wo Strand und grüne Wiesen aufeinandertrafen, führte der Weg an einem Steinhaufen vorbei. Der Junge und das Mädchen blieben stehen, sprachen in aller Eile ein Paternoster und ein Ave Maria; dann warfen sie beide einen Stein auf die anderen, zum Zeichen, dass sie dem Toten gegenüber ihre Christenpflicht erfüllt hatten. Angeblich lag hier jemand, der sich das Leben genommen hatte, aber es war schon vor so langer Zeit geschehen, dass Olav und Ingunn jedenfalls nie gehört hatten, wer diese arme Seele gewesen sein mochte.
Sie mussten den Fluss überqueren, um die Odde zu erreichen, wo Olav vorhatte, ein Boot auszuleihen. Für ihn war das leicht, da er barfuß war; Ingunn dagegen hatte noch nicht viele Schritte gemacht, als sie auch schon zu jammern anfing – die runden Steine rutschten unter ihren Füßen weg und das Wasser war so kalt, dass sie ihre besten Schuhe darin verdarb.
»Dann bleib da stehen und ich komme dich holen«, sagte Olav und watete zu ihr zurück.
Doch als er sie auf den Arm genommen hatte, konnte er nicht sehen, wohin er die Füße setzte, und in der Mitte des Flusses stolperte er und stürzte zusammen mit ihr.
Das eiskalte Wasser verschlug ihm für einen Moment den Atem – die ganze Welt schien umzukippen. Sein Leben lang sollte dieses Bild in seine Erinnerung eingebrannt bleiben – alles, was er sah, als er dort mit Ingunn in den Armen im Fluss lag: Unter dem Erlenlaub sickerten Licht und Schatten in Flecken in das strömende Wasser, draußen im Sonnenlicht krümmte sich die lange, graue Strandlinie und der See leuchtete blau.
