Oma, Ouzo und andere Katastrophen - Thorsten Steffens - E-Book

Oma, Ouzo und andere Katastrophen E-Book

Thorsten Steffens

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Beschreibung

Von wegen Kaffeekränzchen … Ein witzig–warmherziger Familienroman für Fans von David Safier und David Nicholls  »Wie lange kann sich so eine griechische Großmutter überhaupt bei einem einnisten? Gibt es da Vorgaben? Vielleicht sollte ich einfach mal in unseren Mietvertrag schauen, irgendwo muss da doch stehen, wie viele Omas pro Quadratmeter erlaubt sind.«  Philipp hat alles, was sich der Mann von Welt nur wünschen kann: eine schicke Wohnung, ein unbeschwertes Single-Leben und eine aufsteigende Internet-Agentur. Bis eines Tages eine alte Dame vor der Tür steht und behauptet, seine tot geglaubte Großmutter zu sein. Zudem ist er angeblich Halbgrieche. Schneller als Philipp gucken kann, ist die redselige Toula bei ihm eingezogen und stellt sein perfektes Leben auf den Kopf – fest entschlossen, ihren Enkel mit 32 Jahren unter die Haube zu bringen! 

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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© Piper Verlag GmbH, München 2025

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literaturagentur Kai Gathemann.

Redaktion: Birgit Förster

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

1 – Plötzlich haarlos !

2 – Plötzlich Gewinner !

3 – Plötzlich Enkel !

4 – Plötzlich Grieche !

5 – Plötzlich Frühstück !

6 – Plötzlich pflegeleicht !

7 – Plötzlich Computerladen !

8 – Plötzlich Hallodri !

9 – Plötzlich pappsatt !

10 – Plötzlich verschwunden !

11 – Plötzlich Milchaufschäumer !

12 – Plötzlich bezaubernd ?

13 – Plötzlich Oregano !

14 – Plötzlich Traditionen !

15 – Plötzlich Kourabiedes !

16 – Plötzlich Zweifel !

17 – Plötzlich Party !

18 – Plötzlich Firmenmeeting !

19 – Plötzlich Licht !

20 – Plötzlich Boxkampf !

21 – Plötzlich still !

22 – Plötzlich 1993 !

23 – Plötzlich Treppenhaus !

24 – Plötzlich Pläne !

25 – Plötzlich zuhören !

26 – Plötzlich PowerPoint !

27 – Plötzlich Seniorenheim !

28 – Plötzlich Candle-Light-Dinner !

29 – Plötzlich Epilog !

Danke

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

1 –Plötzlich haarlos !

Ich bin natürlich der einzige Mann im Wartebereich von Wax on the Beach. Um mich herum nur Frauen – rechts, links, gegenüber. Zudem ist es recht voll. Wer hätte gedacht, dass an einem Dienstagmorgen in Köln so viele Körperteile enthaart werden müssen?

Da ich zum ersten Mal hier bin, weiß ich nicht, ob das Männer-Frauen-Verhältnis immer so unausgeglichen ist, aber wenigstens werde ich von den anderen Kundinnen nicht direkt angestarrt, sondern höchstens neugierig aus den Augenwinkeln gemustert.

»Jacooobi? Jacooobi? Philipp Jacooobi?«, schreit eine Mitarbeiterin quer durch den gesamten Salon, dass selbst die Zimmerpflanzen erschaudern.

Nun starren mich doch alle an, vermutlich um sicherzugehen, dass ich meinen Aufruf auch mitbekommen habe. Den haben aber sicherlich nicht nur die Passanten draußen auf der Breite Straße mitbekommen, sondern vermutlich selbst die Menschen in Brüssel.

»Ist ja gut«, rufe ich, hebe die Hand und stehe auf. »Ich bin hier!«

Wieso schreit die Gute denn so, als hätte sie früher mal auf dem Wochenmarkt gearbeitet?

»Hallo, ich bin die Trudi!«, stellt sich die Marktschreierin vor und gibt mir die Hand. Ich mustere sie kurz skeptisch, denn zwischen ihrem Namen und ihrem Alter gibt es doch eine gehörige Dissonanz. Trudi? Ist das nicht die Kurzform von Gertrud? Darunter stellt man sich eher eine Urgroßmutter vor, nicht aber eine schätzungsweise Endzwanzigerin, die in ihrem weißen Kittel wie eine sexy Ärztin … ähm, ich meine natürlich, wie eine kompetente Ärztin aussieht.

»Ich führe heute dein Waxing durch. Einmal die gesamte Brust?«, fragt sie gut vernehmbar in den Wartebereich hinein. Vor allen anderen. Ich frage mich unweigerlich, wie es gewesen wäre, wenn es sich um eine diskretere Körperstelle gehandelt hätte. Einmal die komplette Kimme, inklusive Weintrauben und Busch? Ja? Super! Dann komm doch schon mal mit, höre ich sie förmlich durch den Salon rufen.

»Wollen wir?«, reißt Trudi mich aus meinen Gedanken und schreitet davon.

Ich folge ihr ins Hintere des Ladens zu einer kleinen Kabine, die nur durch Trennwände und einen Vorhang von den anderen abgegrenzt ist. Darin befindet sich eine riesige Liege, die fast den ganzen Platz einnimmt.

»Dann zieh dich schon mal aus, und mach es dir bequem«, weist sie mich an, »ich hole in der Zwischenzeit die Utensilien.«

Mannomann! Auf was habe ich mich hier eingelassen? Und das nur, weil Naima mir vor drei Wochen im Bett über die Brust gestrichen und gemeint hat: »Du könntest dir ruhig mal die Brust waxen lassen, anstatt nur zu rasieren! Das ist ja alles voll stachelig!«

Voll stachelig! Das waren ihre Worte. Um dem Ganzen einen gewissen Nachdruck zu verleihen, hat sie mich in den kommenden Wochen nur noch (»liebevoll«, wie sie meinte) ihr Stachelschwein genannt. Na ja, die ewige Rasiererei ist zugegebenermaßen ein wenig nervig. Was soll es also? Einen Versuch ist es wert.

»Die Hose bitte auch!«, instruiert mich Trudi, als sie die Kabine wieder betritt. »Die Gürtelschnalle stört sonst beim Waxen des Bauchs!«

Während ich mich also meiner Jeans entledige, versuche ich ein wenig Small Talk zu betreiben. »Kommen eigentlich viele Männer hierher?« Der Wartebereich hat nicht unbedingt danach ausgesehen.

»Ja, durchaus. Wir haben zwar immer noch mehr weibliche Kundschaft, aber das Thema Beauty ist heutzutage wirklich geschlechterübergreifend. Wir leben schließlich im 21. Jahrhundert.«

Tja, ich finde es trotzdem merkwürdig, hier zu liegen. Aber wie heißt es so schön? Man soll alles im Leben einmal ausprobieren.

Trudi beginnt, einen Bereich meiner Brust mit warmem Wachs zu bestreichen. So in etwa muss sich Toastbrot fühlen!

»Wird es denn wehtun?«, frage ich und merke, wie ich langsam nervös werde.

»Yep! Wie bescheuert!« Trudi legt einen weißen Stoffstreifen auf die gewaxte Stelle und streicht diesen glatt.

»Wie bitte?« Instinktiv schnelle ich hoch.

»Na, du hast doch gefragt, ob es wehtun wird, und ja, es tut weh!«

Unwillkürlich rücke ich, immer noch sitzend, ein paar Zentimeter auf der Liege nach hinten. »Ist das denn heute dein erster Tag hier, oder was?«

»Nö, ich mache das seit sieben Jahren.«

»Ja, aber wie kannst du dann sagen, dass es wie bescheuert wehtut? Solltest du die Kunden nicht lieber beruhigen?«

»Du meinst lügen?« Trudi schüttelt den Kopf. »Nee, das ist nicht mein Ding! Also, können wir?«

Ich nicke stumm, lege mich wieder hin und beiße die Zähne zusammen. Jetzt kann ich schließlich keinen Rückzieher mehr machen, der erste Stofffetzen klebt ja schon auf meiner Brust wie ein Klimaaktivist auf der Rollbahn des Frankfurter Flughafens.

»Also«, sagt sie mit einem süffisanten Lächeln und offensichtlich ironischem Ton, »dann wird es jetzt ein bisschen ziepen.«

Ratsch!

Im selben Moment wird mir kurz schwarz vor Augen, bevor das Licht zurückkehrt und ich glaube, vorübergehend Engelsstimmen zu hören.

Ein bisschen ziepen? Wer hat diese Frau eigentlich trainiert? Marquis de Sade?

»Geht’s?«, ertönt ihre Stimme unschuldig.

Ich schaffe es, mit zusammengebissenen Zähnen ein hoffentlich beiläufig klingendes »Ja, ja« herauszupressen. Ob eigentlich schon viele Männer in dieser Kabine bitterlich in Tränen ausgebrochen sind? Wie halten Frauen diese Strapazen nur ständig aus? Wie oft habe ich Naima schon mit ihrem Epilierer im Badezimmer gesehen. Das sieht immer aus, als würde sie ein Bügeleisen über ein Seidenhemd gleiten lassen.

Trudi spachtelt wieder Wax auf meine Haut – dieses Mal direkt auf die Brustwarze! »Ich nehme an, das ist dein erstes Mal?«

Wieder bringe ich nur ein panisches Nicken zustande, während ich mich an der Liege festkralle.

Stoffstreifen. Glatt streichen. Ratsch!

Himmel, Arsch und Zwirn! Augenblicklich treibt es mir die Tränen in die Augen, während ich reflexartig nachschaue, ob sie nicht versehentlich meine Brustwarze mit abgerissen hat.

»Also, was machst du beruflich, Philipp?«, fragt sie, während sie mit dem Holzspatel wieder im Wachsgefäß rührt. Vermutlich soll mich der Small Talk vom Schmerz ablenken.

Tut er nicht!

»Ich leite eine Internetagentur«, sage ich mit zusammengebissenen Zähnen. »Und du?«

Trudi schaut mich kurz mit einem Stirnrunzeln an und muss dann lachen.

»Ach so, ja, sorry!«, sage ich, als ich begreife.

»Also, eine Internetagentur? Was macht man denn da so?« Sie trägt wieder eine Waxschicht auf, gefolgt von einem Stoffstreifen … und einem weiteren Streifen.

»Ähm«, es fällt mir schwer, mich auf die Unterhaltung zu konzentrieren, »wir sind so eine Mischung aus Designstudio und Werbeagentur, allerdings nur auf den Onlinebereich konzentriert.«

Ratsch! Ratsch!

Heiliges Gummibärchen! Der Schmerz ist geradezu episch. Warum arbeitet sie denn jetzt im Doppel?

»Interessant. Wie bist du dazu gekommen?«

Mehr Heißwax.

»Die Firma habe ich vor fünf Jahren gegründet, zusammen mit zwei Kommilitonen von der Uni …« Ein weiterer Stoffstreifen. »Amelie und Moritz …« Glatt streichen. »Und, na ja, inzwischen sind wir auch beste Freunde und wohnen sogar zusammen in einer WG.« Ratsch!

Heilige Himmelslaterne! Daran gewöhnt man sich aber wirklich nicht so schnell.

»Ach, wie cool. Und läuft die Firma gut?«

»Joa, die Firma läuft ganz passabel«, gebe ich zurück. Würde ich die Wahrheit sagen, klänge es vermutlich wie Prahlerei. Tatsächlich läuft unsere Firma nämlich ausgezeichnet, fährt gute Gewinne ein und ist für den diesjährigen INTER-Award nominiert, der heute verliehen wird.

Waxschicht. Stoffstreifen. Glatt streichen. Ratsch!

Mein Schmerzsystem ist inzwischen nur noch genervt und hat nicht einmal mehr die Kraft, sich über die Schmerzen zu echauffieren.

»Cool. Kenne ich zufälligerweise ein paar eurer Kunden?«

»Ja, die Website von Wax on the Beach stammt beispielsweise von uns.« So bin ich überhaupt nur auf die Idee gekommen, dieses Studio aufzusuchen.

»Ach, geh weg!«

Ja, würde ich gern!, denke ich mir. Wenn meine Brust nicht noch wie ein halb gerodeter Wald aussähe.

»Cool«, wiederholt Trudi. »Und wie hat es dich hierher verschlagen?«

»Naima, meine Freundin, hat mich dazu überredet. Sie meinte, das sei ästhetischer.«

»Na, dann danke ihr schon mal für den Vorschlag von mir«, scherzt Trudi. »Wie lange seid ihr denn zusammen?«

»Seit drei Monaten.«

»Verstehe, die Zeit, in der man sich noch Mühe gibt.« Trudi zwinkert mir zu. »Ist es denn was Ernstes?«

»Joa«, sage ich, merke aber selbst, dass es nicht besonders überzeugend klingt. »Na ja, ehrlich gesagt, konzentriere ich mich momentan mehr auf die Firma als auf andere Sachen.«

»Andere Sachen?«

»Ja, Familie zum Beispiel, das meintest du doch bestimmt, oder?«

»Nicht unbedingt«, entgegnet Trudi. »Dachtest du denn, dass ich das gemeint habe?«

Meine Güte, wer hätte gedacht, dass ich neben meinem Waxing auch noch eine Gratis-Psychoanalyse dazubekomme?

»Weißt du, Philipp«, beginnt Trudi und hört kurz auf weiterzuspachteln, »das Leben ist wie ein Waxing: Du kannst dich noch so sehr auf die kleinen Details konzentrieren, darauf, dass alles perfekt aussieht, dass jede Haarstoppel entfernt wird, letzten Endes kommt es aber vor allem darauf an, wer da ist, um die beruhigende Aloe-vera-Creme aufzutragen.«

2 –Plötzlich Gewinner !

Der große Büroraum unserer Agentur ist geradezu ein Paradies für kreative Köpfe. Alle Arbeitsplätze sind mit höhenverstellbaren Schreibtischen und modernen iMacs ausgestattet. Zusätzlich gibt es Arbeitsstationen für Skizzen und Moodboards. Der Raum selbst ist weitläufig, mit sichtbaren Rohrleitungen an hohen Decken sowie bodentiefen Fenstern, die nicht nur viel Licht hineinlassen und einen Blick auf den Mediapark bieten. Von hier aus sieht man links den Cinedom mit seiner markanten Glasfassade, rechts den Kölnturm sowie weiter hinten den wunderschönen Mediapark-See mit seiner Fontäne.

An den Wänden unseres Büros hängt gerahmte Typografiekunst, deren Bedeutung sich vermutlich nur Designstudenten erschließt. Eine Lounge-Ecke neben dem Eingang lädt zu spontanen Auszeiten ein, und ein stets gefüllter Snackautomat sorgt für Nervennahrung.

Wie immer herrscht geschäftiges Treiben, als Amelie, Moritz und ich über unser aktuelles Projekt sprechen.

»Wie gefällt euch dieses Layout?«, fragt Amelie und zeigt auf ihren Bildschirm. »Die Farbpalette ist leicht entsättigt, wodurch alles ein wenig eleganter und harmonischer aussieht. Was meint ihr?«

Ich schaue mir ihren Entwurf an und bin sofort geflasht – wie immer. Amelie hat diese seltene Fähigkeit, einem bereits guten Layout den letzten Schliff zu geben, bis es aussieht, als hätte es von Anfang an so sein müssen.

Wir haben zusammen an der Kunsthochschule studiert, und ich war schon bei unserer ersten Begegnung von ihrem Talent begeistert. Schnell habe ich gemerkt, dass ich mich allerdings mehr für den wirtschaftlichen Aspekt von Werbung interessiere. Als ich mich schließlich selbstständig machte, war es keine Frage, wen ich für den Bereich Grafikdesign haben wollte.

»Das sieht super aus!«, sage ich begeistert. »Noch besser als erwartet. Da räumen wir womöglich nicht nur heute bei den INTER-Awards ab, sondern heimsen den Preis im nächsten Jahr direkt wieder ein!«

»Jetzt lass uns den Tag mal nicht vor dem Abend loben«, sagt Moritz und zerstört damit mein gerade aufgebautes Luftschloss. »Noch haben wir nichts gewonnen, und wer weiß, vielleicht schnappt WEBster uns heute wieder den Preis vor der Nase weg.«

Moritz ist unser hauseigener Pessimist. Würde man ihn fragen, ob das Glas halb voll oder halb leer ist, würde er vermutlich antworten, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis es jemand vom Tisch schmeißt. In Wirklichkeit programmiert er fast alle Projekte für uns, denn er ist auf Webentwicklung spezialisiert, beherrscht HTML, CSS und JavaScript im Schlaf und kennt sich hervorragend mit Content-Management-Systemen aus. Abgesehen davon holt er Amelie und mich regelmäßig auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn die Pferde wieder einmal mit uns durchgehen – mit Amelie in kreativer und mit mir in finanzieller Hinsicht.

»Du weißt doch, was man sagt, Moritz. Optimisten sehen den Sonnenaufgang, Pessimisten den Sonnenbrand«, kontere ich lachend. »Aber hey, heute brauchen wir bestimmt keine Sonnencreme, denn ich bin mir absolut sicher, dass wir den Preis schon in der Tasche haben!«

***

Nach einem weiteren erfolgreichen Arbeitstag mache ich mich auf den Weg nach Hause. Ich fahre meinen Ford Mustang aus der Tiefgarage des Mediaparks und fädele mich in den zäh fließenden Nachmittagsverkehr ein, um auf den Hansaring zu gelangen.

Die Fahrt durch Köln ist immer etwas Besonderes – zu jeder Jahreszeit, auch wenn man jetzt hier nur noch 30 fahren darf. Jetzt im Sommer allerdings genieße ich es besonders, mit offenem Verdeck fahren zu können. Die warme Luft weht mir um die Ohren, als ich das braune Backsteingebäude hinter mir lasse, in dem sich früher der Saturn befunden hat. Die Platanen in der Mitte der Fahrbahn ziehen gemächlich an mir vorbei, während ich mich durch den Feierabendverkehr schlängele. Mir macht es nichts aus, wenn die Straßen etwas voller sind, denn ich kann das Treiben der Stadt genießen und gleichzeitig den bisherigen Tag Revue passieren lassen. Eines steht jetzt bereits fest: In solch ein Waxing-Studio kriegen mich keine zehn Pferde mehr!

Über die Krefelder Straße geht es nach Köln-Nippes, wo sich unser Loft in einer umgebauten Fabrikhalle befindet. Von außen sieht das Gebäude recht überholt aus, und auch der Lastenaufzug sowie das Treppenhaus sind kaum saniert worden, dafür aber sind die Apartments und Wohneinheiten im Inneren ein Traum. Auf dem Weg nach oben bemerke ich, dass die winzige Wohnung gegenüber unserem Loft gerade neu bezogen wird. Zumindest stehen vor der Tür mehrere Kartons und ein paar Möbelstücke, die darauf warten, hineingetragen zu werden.

Ich schließe die Tür zu unserem Penthouse auf, das wir voll und ganz nach unseren Wünschen eingerichtet haben: Überall hängen moderne Louis-Poulsen-Lampen, darauf hat Moritz bestanden; durch die riesigen Glaswände kann man den Dachgarten bewundern, in dem Amelie Amerikanisches Pampasgras und Bonsais kultiviert; aber das Highlight ist meiner Meinung nach eine ausladende Sofagruppe mit dem Preis eines Mittelklassewagens, die ich ausgesucht habe. Die Wände sind voll mit Bücherregalen, denn wir alle sind lesebegeistert, und die High-Tech-Küche lässt keine Wünsche offen, auch wenn niemand von uns besonders oft oder besonders gut kocht.

Hier leben wir nun schon seit fünf Jahren zu dritt: Amelie, Moritz und ich. Nach dem Studium hatten wir es zunächst als eine Art Kombination aus Wohn- und Büroräumen angemietet, sind dann aber schnell nach den ersten Erfolgen mit der Firma in den Mediapark umgezogen. Das Loft haben wir als Zuhause behalten – eine Entscheidung, die wir bis heute nicht bereut haben.

Da jeder von uns sein eigenes Zimmer besitzt, haben wir die perfekte Balance aus Privat-, Freundes- und Berufsleben gefunden. Außerdem gibt es noch ein Gästezimmer für Besuch.

»Hey!«, begrüßt Amelie mich aus dem Badezimmer. Sie hat etwas früher als ich im Büro Schluss gemacht. »Musst du ins Bad? Bin gleich fertig.«

»Keine Eile!«, rufe ich zurück. »Ich wollte noch kurz meine Mutter anrufen.«

Diese meldet sich nach dem vierten Klingeln.

»Hallo, Philipp.«

»Hallo«, grüße ich zurück. So etwas wie Mutter, Mum, Mama oder gar Mutti sage ich nie. »Hast du das Kleid bekommen?«

Ich habe ihr für die heutige Veranstaltung ein elegantes und nicht gerade günstiges Abendkleid von Prada zuschicken lassen.

»O ja, danke. Das Kleid sieht toll aus.«

»Super. Soll ich dich später bei dir zu Hause abholen, oder kommst du mit dem Zug nach Köln-Süd?«

Meine Mutter wohnt in Bonn, mit dem ICE oder bei freier Autobahn gerade mal zwanzig Minuten entfernt.

Am anderen Ende der Leitung wird es still. »Abholen? Wofür?«, fragt sie schließlich.

»Na, zu den INTER-Awards. Die Verleihung ist doch heute. Dafür war das Kleid bestimmt.«

»Ach so.«

»Du hattest gesagt, dass du mich begleiten möchtest.« Eigentlich habe ich sie vor einiger Zeit gefragt, ob sie mitkommen wollte, da sowohl Moritz als auch Amelie in den letzten Jahren immer in Begleitung ihrer Eltern erschienen sind.

»Ach so. Ja.«

»Hast du das vergessen?«, frage ich, kenne die Antwort aber bereits.

»Ja. Nein. Also, heute kann ich leider nicht.«

»Wie? Du kannst nicht?«

»Ich treffe mich gleich mit Carlos. Wir haben uns vorletzte Woche kennengelernt«, schwärmt sie, »und momentan knistert es noch so richtig zwischen uns.«

Tja, bei meiner Mutter knistert es häufiger als bei einem Kaminfeuer – und meistens löst sich das Ganze auch genauso schnell wieder in Rauch auf, denn ihre Bekanntschaften halten nie lange. Alle drei bis sechs Monate lernt sie einen neuen Mann kennen – anfangs ist immer alles »so toll«, »so schön«, »so romantisch«, bis sie irgendwann gelangweilt ist und anfängt, Fehler bei ihrem Auserwählten zu suchen. Das Ganze endet dann jedes Mal in Streit und großem Drama – ein Verhaltensmuster, das man von einem Teenager erwartet, eventuell auch noch bei jemandem in den frühen Zwanzigern akzeptiert, aber sicherlich nicht bei einer erwachsenen Frau von Anfang fünfzig.

»Okay«, sage ich nüchtern.

»Also, tut mir leid, aber Carlos hat schon Pläne für uns gemacht. Ist doch nicht schlimm, oder?«, säuselt sie.

Keine Ahnung, ist es schlimm? Inzwischen müsste ich ihr Verhalten wirklich gewohnt sein. Es ist sicherlich nicht das erste Mal, dass sie ihre Bedürfnisse über meine stellt. Ich bereue es fast schon, sie überhaupt gefragt zu haben.

»Ist nicht schlimm«, sage ich daher. »Dann viel Spaß mit deinem Carlos.«

»Ja, danke, und euch auch viel Spaß bei den Intra-Awards.«

»INTER-Awards«, korrigiere ich sie, aber da hat sie schon aufgelegt.

»Alles klar?«, fragt Amelie, die perfekt geschminkt aus dem Badezimmer kommt. »War das deine Mutter am Telefon?«

»Ja«, antworte ich. »Sie kommt nicht.«

»Wirklich? Hast du ihr nicht extra ein Kleid für heute geschickt?«

»Doch, aber ist nicht schlimm.«

Amelie sieht mich an und versteht.

***

Die Preisverleihung findet wie jedes Jahr im Maritim Hotel in der Kölner City statt, direkt neben dem Rhein. Im Foyer gibt es sogar einen roten Teppich, vor dem sich die Lokalmedien versammelt haben.

Naima und ich lassen uns von einem Fahrdienst direkt vor den Eingang bringen, um stilvoll und pünktlich zur Preisverleihung zu erscheinen, die um 18 Uhr beginnt. Sie sieht fantastisch aus: Ihr goldblond gefärbtes Haar fällt ihr in leichten Wellen über die Schultern, ideal abgestimmt auf ihre gleicherweise goldbraun schimmernde Haut. Das figurbetonte schwarze Kleid sieht elegant und edel aus, ebenso ihr Make-up, das makellos und vor allem nicht zu viel ist. Sie strahlt Selbstbewusstsein und Professionalität aus.

Das finden auch die Fotografen, die sich direkt auf sie stürzen, was aber daran liegt, dass sie vor zwei Jahren Finalistin einer berühmten Model-Castingshow war. Ihre fünfzehn Minuten Ruhm sind zwar fast abgelaufen, doch Naima setzt alles daran, die letzten Sekunden so gut es geht auszukosten.

Amelie und Moritz stoßen im Foyer zu uns. Sie sind getrennt gefahren, um ihre Eltern abzuholen.

»Ah, da ist ja auch wieder die Frau mit Glamour-Faktor«, begrüßt Amelie mich scherzhaft und schielt dabei zu Naima hinüber. »Weißt du, irgendwann musst du dir mal eine Frau suchen, die nicht nur perfekt in deinen Instagram-Feed passt, sondern auch perfekt in deinen Alltag.«

»Ach, du weißt doch, bisher habe ich noch nicht die Richtige gefunden, aber keine Sorge, ich werde weiterhin suchen, suchen, suchen«, sage ich grinsend. Dann begrüße ich ihre Eltern und auch Amelies Freund Tom, mit dem sie seit einem guten Jahr fest zusammen ist. Ich mag ihn, habe jedoch Sorge, dass Amelie unsere WG auf kurz oder lang verlassen wird. Aber das ist in unserem Alter wahrscheinlich nicht zu verhindern.

Etwas später gesellt sich auch Moritz mit seinen Eltern zu unserem Stehtisch. Die beiden begeistern mich immer wieder, und es ist lustig, die Dynamik zwischen ihnen und ihrem Sohn zu beobachten. Während Moritz ein wandelnder Reality-Check ist, sind seine Eltern hingegen die absoluten Optimisten.

»Ich ben ja su stolz op dich!«, bekundet sein Vater in breitestem Kölsch, nimmt einen Schluck von seinem Bier und klopft Moritz dabei auf die Schulter, sodass dieser fast vornüberkippt.

»Noch haben wir nicht gewonnen«, unkt Moritz.

»Dat is doch ejal«, erwidert sein Vater. »Dobei sin is alles!« Schluck! Schluck!

»Ich bin mal kurz weg«, wispert mir Naima ins Ohr. »Da drüben ist ein Fotograf von German Press Pictures. Ich will mal schauen, ob ich ihn dazu bringe, ein paar Aufnahmen für seine Agentur von mir zu machen.«

Weg ist sie, schneller als ich »Duckface« sagen kann.

Während ich Naima in Richtung Blitzlicht-Überdosis gehen sehe, verfolge ich, wie Amelie und ihre Eltern über eine gemeinsame Familiengeschichte lachen, während Moritz’ Vater zum zwölften Mal betont, wie stolz er auf seinen »Sohnemann« ist. Das muss man ihnen lassen: Sie scheinen etwas zu haben, das gut läuft. Ich freue mich für Amelie und Moritz.

Und dann sehe ich ihn! Am anderen Ende des Saales: Dieter Weber, Inhaber von WEBster, gegen den wir im letzten Jahr den Preis des Jahres verloren haben. Und im Jahr davor. Und davor.

Dieter Weber ist gute zwanzig Jahre älter als ich, zwanzigmal reicher und zum Glück (damit ich mich wenigstens in einer Kategorie überlegen fühlen kann) zwanzig Kilogramm schwerer als ich.

Da ich offensichtlich ein großer Freund der Selbstpeinigung bin, nehme ich mein Sektglas und gehe zu Weber und seiner Entourage.

»Hallo zusammen!«, grüße ich in die Runde. Die meisten kenne ich von diversen Meetings, bei denen wir uns um dieselben Aufträge beworben haben. Auch hier hat WEBster uns die meisten Deals vor der Nase weggeschnappt.

»Philipp!«, grüßt er mit einem Fake-Lächeln zurück. »Wie schön, versucht ihr es auch mal wieder? Seid ihr nominiert?«

Als ob er das nicht genau wüsste. Dieter gehört mit Sicherheit zu den Menschen, die die Nominierungslisten schon vor Wochen auswendig gelernt haben.

»Ja, für den Preis des Jahres!«, gebe ich mit einem hoffentlich ebenso aufgesetzten Lächeln siegessicher zurück. Unsere Kampagne für SprudelZauber hat das junge Start-up-Unternehmen im letzten Jahr quasi über Nacht bekannt gemacht. Sowohl die Website als auch die begleitende Werbekampagne im Netz sind absolut überzeugend gewesen. Wir haben es sogar geschafft, dass eine von uns kreierte SpudelZauber-TikTok-Challenge viral gegangen ist. Da kann WEBster mit seinen altbackenen Ideen definitiv nicht mithalten!

»Wie schön«, wiederholt Dieter gönnerhaft, »dass auch kleinere Agenturen dabei sind. Das erinnert mich immer an meine Anfänge.«

»Ach, Dieter, über deine Anfänge würde ich unbedingt gern mehr hören. War das in der Woche vor oder nach der Hindenburg-Katastrophe?«

»Oh, wie lustig!« Dieter gibt ein bewusst künstliches Lachen von sich. »Wie groß ist eure Agentur denn inzwischen? Seid ihr immer noch zu dritt?«

Unsere Firma hat inzwischen zehn Festangestellte, dennoch entgegne ich: »Genau, wir sind zu dritt. Stell dir vor, was wir alles anrichten könnten, wenn wir zu viert wären.«

Mit diesen Worten verabschiede ich mich und ziehe mit meinem Sektglas – wieso habe ich das überhaupt mitgenommen? – von dannen. Es ist Wahnsinn, wie oft ich mich in dieser Branche schon beweisen musste, um ernst genommen zu werden!

Der Festsaal des Maritim Hotels ist in lilafarbenes Licht getaucht, sodass auch die weißen Decken auf den runden Tischen und die Stoffüberzüge auf den Stühlen mit den hohen Rückenlehnen im selben Farbton erscheinen. Es sieht wie immer sehr einladend aus.

Uns ist ein Tisch in Bühnennähe zugewiesen, an dem wir Platz nehmen – außer Naima, die gerade den Saal betritt. Mit ihren absurd hohen High Heels wirkt sie richtig grazil … zumindest bis sie damit auf den lilafarbenen Teppichboden tritt, den sie für die Veranstaltung verlegt haben. Ein Teil ihres Absatzes bleibt hängen, und für einen Augenblick sieht es so aus, als würde Naima umfallen und ein Pärchen, das vor ihr geht, direkt mit zu Boden reißen. Sie schafft es allerdings, die Balance zu halten und ihren Absatz zu befreien. Was das angeht, versteht sie wirklich ihr Handwerk … oder muss man in diesem Fall sagen: ihr Fußwerk?

»Alle Achtung«, kommentiert Amelie, die den Vorfall ebenfalls beobachtet hat, »wenn deine Absätze nur noch ein paar Zentimeter höher wären, könntest du damit als Showact beim Cirque du Soleil mitmachen.«

Naima wirft Amelie ein Lächeln zurück, nimmt ihr Handy und startet einen Instagram-Livestream.

»Hallo, meine Lieben«, grüßt sie ihre Follower. »Ich bin hier bei den diesjährigen INTER-Awards im Maritim Hotel, und neben mir sitzt mein Freund Philipp.« Ohne mich zu fragen, schwenkt sie das Handy in meine Richtung. Normalerweise mag ich so etwas nicht, aber vorhin habe ich bei den Lokalmedien auch brav in die Kameras gelächelt. Das gehört wohl leider alles dazu, und immerhin bin ich präsentabel zurechtgemacht: Ich trage einen dunkelblauen Smoking von Armani mit weißem Einstecktuch und klassischer Fliege, die Haare sind brav zurückgegelt, als wolle ich mich für eine Rolle in Mad Men bewerben, und die Brust ist frisch gewachst. Nicht, dass Letzteres irgendwer sehen könnte, aber dadurch fühle ich mich wie ein frisch gewienerter Parkettboden, bereit für den nächsten Tango. Also winke ich mit einem professionellen Lächeln in die Kameralinse ihres Handys. »Er ist der Inhaber der Pixel Pioniere und ist heute für den Preis des Jahres nominiert. Also, meine Lieben, drückt uns schön die Daumen. Ich melde mich. Tschussi Bussi.«

Sie beendet den Livestream und schiebt noch ein paar Selfies mit obligatorischem Kussmund und Finger-Peace-Zeichen hinterher. Na, immerhin hat sie Werbung für unsere Agentur gemacht.

»Das ist so eine Art Influencerinnen-Pflichtprogramm, oder?«, bemerkt Amelie. »Ich bewundere, dass du das so durchziehst. Ich wüsste gar nicht, was ich den Leuten da draußen ständig zeigen sollte.«

Naima schaltet ihr Handy aus und legt es auf den Tisch. »Ach, so schwer ist das nicht. Im Grunde postest du immer nur irgendwelche Selfies mit Kussmund, Glitzer-Filter, Hashtag Feeling blessed und so einen Kram und tust so, als hättest du dein Leben total im Griff. Zack, fertig ist der Content! Klar, Tiefgang gleich null, ich weiß.« Sie zuckt mit den Schultern. »Aber das ist das, was die Menschen gerade sehen wollen, was Geld bringt und wodurch ich die richtigen Leute kennenlernen kann. Denn für immer will ich das bestimmt nicht machen. Irgendwann möchte ich gern mal hinter den Kulissen arbeiten, vielleicht als Fotografin oder so.«

Amelie mustert sie einen kurzen Moment überrascht von der Seite. »Vielleicht habe ich sie ja doch ganz schön unterschätzt«, flüstert sie mir zu.

Gefühlte sieben Stunden später kommt endlich der erlösende Augenblick. Der Preis des Jahres wird feierlich angesagt, und die Fotografen positionieren sich bereits vor der Bühne.

»Jetzt wäre der passende Augenblick für einen Livestream«, sage ich leise zu Naima, die auf ihrem Handy auch umgehend Instagram öffnet und live geht. »Meine Lieben, wir sind immer noch bei den INTER-Awards. Jetzt gleich ist es so weit. Daumen drücken, Leute. Philipp und ich sitzen hier direkt vor der Bühne.« Sie schwenkt das Handy zu mir. Ich winke wieder. Meine Güte, was bin ich aufgeregt. Ich hoffe, ich werde mich gleich bei meiner Dankesrede nicht zu sehr verhaspeln. »Also, jetzt geht es, glaube ich, los.«

Naima schwenkt in Richtung Bühne.

»Und der diesjährige INTER-Award des Jahres geht an«, der Moderator macht eine dramatische Pause. »Das erfahren Sie nach einer Werbepause.« Er lacht über seinen eigenen Witz. »Ihr versteht schon, weil das ja gar keine richtige Fernsehshow ist, es aber trotzdem um Werbung geht.«

Ja, ja, ein Riesenbrüller! Ich lache dann gleich mal ausführlich!

»Also, machen wir es nicht so spannend. Der Preis des Jahres geht an WEBster. Herzlichen Glückwunsch!«

Naima hat ihr Handy im entscheidenden Augenblick auf mich geschwenkt und überträgt nun meine vermutlich entsetzte Visage live ins Internet. Als sie realisiert, was sie da tut, dreht sie das Handy auf sich.

»Meine Lieben, ihr seht, das Leben ist wie eine Achterbahnfahrt, manchmal geht es rauf, manchmal geht es runter. Ich verabschiede mich mit dem Hashtag NächstesJahrWirdBesser. Tschussi Bussi!«

Genau, denke ich mir, und manchmal bleibt die Achterbahn direkt im Looping hängen, während einem das Kleingeld und das Handy aus der Tasche fallen.

»Schade!«, sagt Amelie.

»Schade!«, sagt Moritz.

»Mät doch nix!«, versucht Moritz’ Vater uns aufzumuntern. »Mer han ja noch dat Büfett.«

»Richtig!«, pflichtet Moritz ihm bei.

Im Hintergrund geht Dieter gerade die Treppen zur Bühne hinauf und nimmt den zugegebenermaßen wirklich schön gestalteten INTER-Award entgegen. Ich lächele derweil wie ein Pappaufsteller, um mir meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, während Moritz und sein Vater die Gunst der Stunde nutzen, um das Büfett vollends zu plündern.

3 – Plötzlich Enkel !

Die Preisverleihung war um 20 Uhr vorbei – und mit ihr jeder Funken Hoffnung, jemals ganz oben mitzuspielen. Da ich keine Lust auf die anschließende Party hatte, bin ich zurück ins Loft gefahren. Allein. Was hätte es auch zu feiern gegeben? Dass ich ein kolossaler Loser bin? Manchmal frage ich mich wirklich, ob es das Richtige war, diese Agentur zu gründen. Vielleicht wäre ich in einem anderen Job besser aufgehoben?

Moritz und Amelie sind zur After-Show-Party geblieben – Naima natürlich sowieso, um »eventuell Kontakte zu knüpfen«. Klar! Aber im Grunde war mir das auch recht, denn ich brauchte erst einmal einen Moment für mich. Eine VIP-After-Show-Party, bei der ich der einzige Gast bin, lässt sich auch hier problemlos schmeißen. Ich sitze auf dem Sofa, immer noch im Smoking, die Fliege gelockert, neben mir auf dem Beistelltisch eine bereits halb geleerte Flasche Rotwein, vor mir der Laptop, auf dem ich mich durch diverse Onlineshops scrolle, die ich parallel in verschiedenen Tabs meines Browsers geöffnet habe.