Opfer ohne Gewissen - Lasse Blom - E-Book
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Opfer ohne Gewissen E-Book

Lasse Blom

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Beschreibung

Ein legendärer Fußballtorwart wird ermordet. Ein neuer Fall für Kommissar Casper Munk Ganz Schweden wird von der Nachricht erschüttert, dass Rune Katt, der ehemalige Star-Fußballtorwart der Nationalmannschaft, in seiner Hütte nahe Grisslehamn erschossen wurde. Warum ist die tödliche Kugel farblich bemalt? Kommissar Casper Munk übernimmt den Fall. Als großer Fan des Torwarts muss er bald feststellen, dass Katt nicht der war, für den er ihn gehalten hat. Ihm war es offenbar ein großes Vergnügen, seine Nächsten gewissenlos zu quälen und zu demütigen. Seinen ehemaligen Trainer hat Katt ohne Grund als homosexuell geoutet und seine Ex-Freundin, die als Sámi in Lappland lebt, wurde immer wieder von ihm tyrannisiert. Deutet die bemalte Kugel auf die Regenbogenfahne der Schwulen- und Lesbenbewegung hin oder auf die Farben der Sámi, die Ureinwohner Europas? Als beide Spuren kalt bleiben, denkt sich Munk, der gerade zum Hauptkommissar ernannt wurde, einen Plan aus, um den Mörder endlich aus der Deckung zu locken. Einen Plan, durch den er nicht nur seinen Job, sondern auch sein Leben riskiert… "Opfer ohne Gewissen" ist der neue Krimi um Kommissar Casper Munk, der mit seinem Team Halldor Selander, Leila Andersson, Jari Huskonen, Per Henrik Grip zu seinen begeisterten Leserinnen und Lesern zurückkehrt. Hinzu stößt die ebenso kluge wie hübsche Kajsa Tapper, die auch den Kommissar überrascht und dessen bisherige Beziehung auf die Probe stellt.

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Lasse Blom

Opfer ohne Gewissen

Ein Schweden-Krimi

Zum Buch

Ein neuer Fall für Kommissar Casper Munk

 

Ganz Schweden wird von der Nachricht erschüttert, dass Rune Katt, der ehemalige Star-Fußballtorwart der National­mannschaft, in seiner Hütte nahe Grisslehamn erschossen wurde. Warum ist die tödliche Kugel farblich bemalt?

Kommissar Casper Munk übernimmt den Fall. Als großer Fan des Torwarts muss er bald feststellen, dass Katt nicht der war, für den er ihn gehalten hat. Ihm war es offenbar ein großes Vergnügen, seine Nächsten gewissenlos zu quälen und zu demütigen.

Seinen ehemaligen Trainer hat Katt ohne Grund als homosexuell geoutet und seine Ex-Freundin, die als Sámi in Lappland lebt, wurde immer wieder von ihm tyrannisiert.

Deutet die bemalte Kugel auf die Regenbogen­fahne der Schwulen- und Lesbenbewegung hin oder auf die Farben der Sámi, die Ureinwohner Europas?

Als beide Spuren kalt bleiben, denkt sich Munk, der gerade zum Hauptkommissar ernannt wurde, einen Plan aus, um den Mörder endlich aus der Deckung zu locken. Einen Plan, durch den er nicht nur seinen Job, sondern auch sein Leben riskiert …

 

„Opfer ohne Gewissen“ ist der neue Krimi um Kommissar Casper Munk, der mit seinem Team Halldor Selander, Leila Andersson, Jari Huskonen, Per Henrik Grip zu seinen begeisterten Leserinnen und Lesern zurückkehrt. Hinzu stößt die ebenso kluge wie hübsche Kajsa Tapper, die auch den Kommissar überrascht und dessen bisherige Beziehung auf die Probe stellt.

Impressum

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen oder fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitschriften oder Zeitungen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung oder Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen oder Video, auch einzelner Text- oder Bildteile.

Alle Akteure des Romans sind fiktiv, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und sind vom Autor nicht beabsichtigt.

 

Copyright © 2020 by Maximum Verlags GmbH

Hauptstraße 33

27299 Langwedel

www.maximum-verlag.de

 

1. Auflage 2020

 

Lektorat: Bernadette Lindebacher

Korrektorat: Angelika Wiedmaier

Satz/Layout: Alin Mattfeldt

Covergestaltung: Alin Mattfeldt

E-Book: Mirjam Hecht

 

Druck: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Made in Germany

ISBN 978-3-948346-24-9

Inhalt

Zum Buch

Impressum

Widmung

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Über den Autor Lasse Blom

Mehr vom Autor

Widmung

Für Pippi Langstrumpf, die in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag feiert

Zitat

„Ach, wie dumm du bist, Annika … Pippi lügt nicht richtig, sie tut nur so, als ob das, was sie sich ausgedacht hat, gelogen ist. Verstehst du das nicht, du Dummerjan?“

1

Er trat auf einen Zweig. Ein Elch schreckte auf. Das Tier war etwa 50 Meter entfernt. Es sah ihn an und rannte davon. Er hob seine Pistole und senkte sie wieder. Nein, er war nicht hier, um auf einen Elch zu schießen; schon gar nicht mit einer Pistole.

Er war hier, um einen Menschen zu töten.

Er blickte nach vorne und versuchte, sich im Wald zu orientieren. Wie weit war es noch bis zur Hütte? Einen Kilo­meter? Zwei Kilometer? Ohne Eile ging er weiter. Bald stand er vor seinem Ziel. Ruhig hob er die Pistole – er spürte keine Nervosität. Dann trat er die Tür ein und stand kurz darauf vor dem berühmten Rune Katt, der an einem Tisch vor dem Fenster saß und seelenruhig seine Pfeife stopfte.

„Du?“, sagte Katt, als er seinen Besucher sah, und blickte auf die Pistole.

„Ich wusste, dass irgendwann irgendjemand kommen würde, aber dass gerade du es bist …“

„Einer muss es tun“, sagte er und überlegte, ob der Satz klischeehaft klang. Oder ob es der einzig richtige war.

„Einer muss es tun“, wiederholte Katt und kniff die Augen zusammen, was ihn für einen Moment irritierte. Er hob die Pistole ein Stück höher, sodass sie direkt auf den Kopf des alten Mannes gerichtet war.

„Und jetzt?“, fragte Katt.

„Jetzt sagst du noch einmal die Aufstellung des AIK Stockholm von 1977 und dann drücke ich ab.“

Rune Katt lachte.

„Ich mochte deinen Humor schon immer“, sagte Katt. „Ich befürchte, dass nur der erste Teil des Satzes ein Witz ist und der zweite nicht – du wirst abdrücken.“

„Der erste Teil ist auch kein Witz“, sagte er. „Du wirst jetzt die Aufstellung sagen.“

„Warum?“

„Weil ich wissen will, ob du dich erinnerst. Ob du die Namen noch kennst. Oder ob du immer nur an dich gedacht hast.“

Der alte Mann überlegte einen Moment.

„Einverstanden“, sagte Katt schließlich. „Aber nur, wenn du mir danach eine Chance gibst, das hier zu über­leben. In einem fairen Wettkampf unter Männern.“

Er senkte die Pistole.

„Was für ein Wettkampf?“, fragte er. Er schien eher belustigt als neugierig zu sein.

„Du bist über 20 Jahre älter als ich – welchen Wettkampf unter Männern willst du gegen mich gewinnen? Ich nehme an, es soll ein körperlicher sein.“

„Ein Elfmeterschießen“, sagte Katt, „draußen zwischen zwei Bäumen.“

Der Jüngere überlegte. Was für ein Schwachsinn, dachte er, ein Elfmeterschießen sollte über Leben und Tod entscheiden? Andererseits: Nirgendwo passte das besser als hier – und außerdem war er in seinem Leben immer für Verrücktes offen gewesen.

„Gut, aber eines musst du mir noch verraten“, sagte er zu dem Alten hinüber. „Warum sollte ich mich darauf einlassen, wo ich doch nur verlieren kann? Ich könnte dich jetzt umstandslos über den Haufen schießen – aber wenn ich das Elfmeterschießen verliere, muss ich dich laufen lassen. Also: warum?“

„Weil du kein Feigling bist“, sagte Katt, „und vor allem: weil du ein Spieler bist.“

Der Jüngere nickte.

„Du kriegst die Chance“, sagte er, „aber nur, wenn du die elf Stammspieler von AIK aus der Saison 1977 nennen kannst.“

Der alte Mann sah aus dem Fenster, dann begann er: „Gentemot Gunnarsson, Carl Nilsson, Sten Tyresson, Olof Hösten …“

Nachdem er zehn Spieler genannt hatte, sagte er: „… und im Tor: Rune Katt.“

„Wo hast du den Ball?“, fragte der Jüngere.

„Im Schuppen hinter der Hütte“, antwortete Katt. „Nicht weit entfernt davon gibt es zwei Bäume, die etwa sechs Meter auseinanderstehen – das sind die Torpfosten.“

„Und die Querlatte? Wie hoch dürfen wir schießen?“

„Komm mit, dann zeige ich es dir.“

Die beiden Männer verließen die Hütte. Der Jüngere ging hinter ihm und hatte seine Pistole auf Katt gerichtet. Katt ging zum Schuppen, öffnete die Tür, die nicht verschlossen war, und kam mit einem alten Lederball wieder heraus. Er warf ihn in die Höhe und fing ihn wieder auf.

„Vorsicht!“, rief der Jüngere und richtete die Pistole auf Katt. „Keine Bewegungen, die mich nervös machen könnten.“

Rune Katt grinste.

„Hast du Angst, du könntest verlieren?“, fragte Katt.

Er hatte tatsächlich Angst, er könnte verlieren.

Katt war zwar 73 Jahre alt und würde einen platzierten Schuss nie und nimmer erreichen können, obwohl er einmal der beste Torwart Schwedens gewesen war. Aber was war, wenn er es verpatzte? Wenn der Ball an den Pfosten ginge, also an den Baum? Oder vorbei. Er musste dieses Risiko reduzieren.

„Ich habe drei Schüsse, und zwei davon müssen drin sein“, sagte er.

„Der Herr hat also doch Angst“, sagte Katt und lächelte.

„Ich habe keine Angst, aber ein Schuss kann immer mal daneben gehen“, sagte er.

„So ist das Leben“, antwortete der alte Mann. „Ich dachte, du bist ein Spieler? Hopp oder top. Leben oder Tod. Ein Schuss. Ist er drin, darfst du noch mal schießen – mit der Pistole. Halte ich den Ball, haust du ab und wir sehen uns nie mehr wieder.“

Der Jüngere überlegte. Er wusste, dass dieser Rune Katt sein Leben lang Menschen manipuliert hatte. Aber er musste einräumen, dass er es überzeugend tat.

„Komm, das ist die ehrlichste, beste, spannendste Variante“, schob Katt nach. „Ein Schuss entscheidet über Leben und Tod.“

„Gut“, sagte der Jüngere, „wo ist das Tor?“

„Hier ums Eck“, sagte Katt und lief mit dem Ball in der Hand um die halbe Hütte herum. Der Jüngere sah, wie eine Stange in etwa zweieinhalb Metern Höhe die beiden Bäume verband. Die Querlatte. Katt hatte hier schon öfter Fußball gespielt.

„Es sind genau 2,44 Meter – wie bei einem richtigen Tor“, sagte Katt. Sogar ein weißer Kalkstreifen war zwischen den beiden Bäumen zu sehen: die Torlinie.

„Mit wem hast du hier schon gespielt?“, fragte der Jüngere.

„Och, es waren einige zu Besuch“, sagte Katt. „Aber bisher haben wir nur darum geschossen, wer den nächsten Schnaps bezahlt.“

Katt lachte. Er schien überhaupt nicht nervös zu sein. Was machte ihn so sicher, dass er den Ball halten würde? Oder hatte er schlicht keine Angst vor dem Tod? Den Jüngeren machte diese Selbstsicherheit nervös. Er überlegte, ob er nicht gleich mit der Pistole statt mit dem Ball schießen sollte. Er verwarf den Gedanken wieder.

„Leg den Ball hier ab und geh ins Tor“, sagte der Jüngere, eine Spur aggressiver als gewollt.

„Nervös, Junge?“, fragte Katt und sah seinen Gegner mit zusammengekniffenen Augen an.

„Geh ins Tor!“, sagte der Jüngere noch schärfer. Er erinnerte sich daran, woher er diesen Blick kannte. Und genau dieser Raubtierblick erinnerte ihn daran, warum er diesen Mann töten wollte.

„Geh ins Tor!“, rief er noch einmal.

Der alte Mann legte den Ball etwa elf Meter vor dem Tor ab und stellte sich zwischen die Bäume. Rune Katt sah nicht mehr so imposant aus wie in seiner aktiven Zeit. Damals war er 1,87 Meter groß und muskulös gewesen. Jetzt stand er mit gebeugtem Rücken und grauen Haaren zwischen den Bäumen; er trug kein blaues Trikot, keine weiße Sport­hose – wie hatte der Jüngere dieses Outfit früher geliebt – und keine Handschuhe wie damals, sondern eine Jeans, ein kariertes Hemd und eine Strickjacke. Er war schlank, aber Muskeln waren nicht mehr zu erkennen. Rune Katt sah aus wie ein gut erholter Großvater. Nie und nimmer würde er den Ball erreichen können, wenn der Jüngere ihn nur halbwegs in eine Ecke schießen würde.

Er fühlte sich jetzt wieder überlegen.

„Na, willst du nicht wenigstens die Strickjacke ablegen?“, rief er Rune Katt zu.

„Gute Idee“, sagte Katt, zog die Jacke aus und warf sie in den Wald hinter sich. Dann stellte er sich mitten in sein Tor.

„Ich bin bereit“, sagte er.

Der Jüngere hatte den Ball in der linken und die Pistole in der rechten Hand. Er legte die Waffe neben sich, ganz nah, damit er jederzeit zugreifen konnte, sollte Katt sich auf ihn stürzen. Rune Katt behielt er dabei stets im Auge.

Dann legte er sich den Ball zurecht. Seine Nervosität war verflogen; er war selbst ein guter Fußballer gewesen. Jetzt konzentrierte er sich nur auf den Elfmeter. Er würde den Ball in die rechte untere Ecke schießen – so wie früher.

„Es geht los“, rief er Katt zu, der etwas in die Hocke gegangen war und mit zusammengekniffenen Augen auf den Ball schaute.

„Schade, dass du nicht im Tor stehst“, sagte Katt mit seinem Raubtierblick. „Mit deinen verkrüppelten Händen würdest du keinen Ball halten.“

Das saß.

Der Jüngere sah Katt in die Augen. Er wusste, dass der alte Mann ihn provozieren wollte. Und wer sich provo­zieren ließ, war nicht mehr ruhig. Der Jüngere aber zwang sich zur Ruhe. Er reagierte nicht auf Katts Worte, nahm zwei Meter Anlauf und trat wuchtig gegen den Ball, der flach in Richtung rechtes unteres Toreck rauschte.

Rune Katt legte alle Energie, die noch in seinem 73-­jährigen Körper steckte, in den Sprung, er kippte wie ein Tipp-Kick-Torwart nach links unten und reckte die linke Hand nach dem scharf geschossenen Ball. Die Finger berührten den Ball und lenkten ihn an den Baum, von dort sprang er über den am Boden liegenden Katt hinüber zum anderen Pfosten, fiel nach unten – und kullerte deutlich hinter die Torlinie.

2

Kommissar Casper Munk aß ein Schokocroissant und b­lätterte in der Zeitung. Er blieb am Text einer Anzeige hängen: „Sachbearbeiter für Grabangelegenheiten gesucht.“ Munk grinste. Während einer sehr stressigen Lebensphase hatte er Leuchtturmwärter in Neufundland oder Bahn­wärter in der hinteren Slowakei werden wollen. Hauptsache ruhig. Aber das hier war auch nicht schlecht: Sachbearbeiter für Grabangelegenheiten – und er würde, falls er den Job bekäme, darauf bestehen, nur für das zuständig zu sein, was tatsächlich im Grab passierte. Das wäre nicht viel.

„Warum lächelst du?“, fragte Tove, seine Freundin, die vor einem Kaffee saß und ein Buch in der Hand hielt.

„Falls ich mal bei der Polizei aufhören möchte, könnte ich Sachbearbeiter für Grabangelegenheiten werden“, sagte Munk und deutete auf die Anzeige.

„Bist du dafür qualifiziert?“, fragte Tove.

„Ich habe in meinem Berufsleben viel mit Toten zu tun“, erwiderte Munk.

„Wir machen einen Test“, sagte sie und legte ihr Buch weg. „Ich frage dich jetzt, wie verschiedene Berufsgruppen standesgemäß sterben.“

„Keine Ahnung, was du meinst.“

„Der Gärtner?“

„Hä?“

„Er beißt ins Gras“, sagte sie.

„Ausgesprochen komisch.“

„Weiter“, sagte sie ungeduldig. „Wie stirbt der Pfarrer?“

Munk überlegte. Dann schüttelte er den Kopf.

„Er muss dran glauben“, sagte Tove. „Und ein Pornostar?“

Munk schwieg.

„Nibbelt ab“, sagte sie. Tove hatte einen leicht über­legenen Ton an sich.

„Der Gemüsehändler?“, fragte sie.

„Schaut sich die Radieschen von unten an“, antwortete Munk.

„Na bitte“, sagte Tove gönnerhaft. „Und was sagt der sterbende Mathematiker?“

Bevor Munk nachdenken konnte, sagte Tove: „Der sterbende Mathematiker sagt: ‚Damit war zu rechnen.‘“

Munk schaute Tove etwas genervt an. Seit sie mit ihm zusammen war, versuchte sie immer wieder, ihn in puncto Humor zu toppen. Und für Munks Geschmack triumphierte sie zu sehr, wenn ihr das gelang. Sollte er mit ihr darüber reden?

Das Klingeln des Handys unterbrach seine Gedanken.

„Munk.“

Halldor Selander war dran, sein Chef. Er entschuldigte sich, dass er ihn an seinem letzten Urlaubstag störte. Aber er solle doch bitte am nächsten Tag auf eine Beerdigung gehen.

„Auf eine Beerdigung?!“, rief Munk ins Handy und war versucht, Selander zu fragen, wie ein Polizist standesgemäß stirbt. Dann riss er sich zusammen.

„Wer ist denn gestorben?“, fragte er etwas ruhiger.

Munk hörte die Antwort und murmelte: „Dann hat der Torwart seine Handschuhe wohl endgültig an den Nagel gehängt.“

3

Folke Rydmark saß in seinem Auto und fluchte vor sich hin. Er hasste sich dafür, dass er diese Frau geheiratet hatte. Nein, er hasste sich dafür, dass er sie nicht verließ.

„Miss Uddevalla“, sagte er leise vor sich hin und lächelte bitter. Er hatte sich mit ihr eingelassen, weil sie schön war, und weil ihre Schönheit zu mehr gereicht hätte, als bloß Miss Uddevalla zu werden, benannt nach einer Stadt in der Region Bohuslän im Westen von Schweden. Vielleicht Miss Schweden? Locker. Aber sie hatte sich nie darum beworben. Sie hatte ihn geheiratet, Folke Rydmark, einen sehr guten Torwart, der lange beim IFK Göteborg gespielt hatte und noch mit 42 Jahren bei Nottingham Forest in der zweiten englischen Liga. Nationaltorwart in Schweden war er nie geworden, das ärgerte ihn. Rydmark war jetzt 52, er war mit einer Frau verheiratet, die er für dumm hielt und mit der er nur noch zusammen war, weil sie einen gemeinsamen Sohn hatten: Kenneth. Wieder lächelte Rydmark bitter. Seine Frau wollte es, dass der Sohn Kenneth hieß. Weil es so viele Kenneths gab, sogar einen Kenneth-Club in fast jedem Ort in Schweden.

„Da hat er dann gleich Anschluss“, hatte seine Frau gesagt.

Rydmark mochte das nicht. Sein Sohn sollte etwas Besonderes sein, kein Nullachtfünfzehn-Kenneth. Er sollte ein Individuum sein, nicht ein kleines Teil in einem Kollektiv. Kollektive gab es genug in diesem Gleichmacher-Schweden.

Folke Rydmark brach seine Gedanken ab. Er würde jetzt seine Frau von der Kosmetikerin abholen (Rydmark musste lachen, was für ein Klischee: Die Dame war natürlich bei der Kosmetikerin; ganz neu wäre es gewesen, würde er sie von einer „Fridays for Future“-Demo abholen) und dann würden sie beide zur Beerdigung fahren.

Rune Katt war tot, sein Idol von früher. Er war ermordet worden.

Rydmark kam am Kosmetikstudio an und stieg aus dem Wagen. Er kaute auf seinem Kaugummi und lächelte. Diesmal lächelte er nicht bitter, sondern freundlich. Er konnte das: sich über seine Frau ärgern und dann sofort umschalten, wenn er sie sah, denn er sah sie immer noch gerne, die Miss Uddevalla. Er tänzelte auf das Studio zu. Ein Boulevardblatt hatte einmal über ihn geschrieben, Folke Rydmark bewege sich, als hätte er zwei Väter: Bob Marley und Ingemar Stenmark. Für jüngere Leser erläuterte die Zeitung, Stenmark sei ein eleganter Slalomläufer gewesen, Marley ein lässiger Musiker.

4

Janne Kink trat aufs Gaspedal. Es waren noch zehn Kilometer bis zum Skogskyrkogården, auf dem Rune Katt beerdigt werden sollte. Und er hatte noch 13 Minuten, ehe die Zeremonie beginnen sollte. Das sollte eigentlich reichen für zehn Kilometer. Aber nicht im Stadtverkehr. Kink zog nervös an seiner Zigarette. Dann sah er aufs Armaturenbrett: Er fuhr 80. Mitten in der Stadt. Aber es war ihm egal. Er dachte an Rune Katt.

Janne Kink. Rune Katt.

Er warso stolz auf diesen ähnlichen Klang gewesen, damals, als Junge.

Er war neun gewesen, als Katt mit AIK Stockholm Meister geworden war; er hatte auf dem Sofa gesessen und am Radio zugehört, wie die letzten Minuten im letzten Spiel verronnen waren. AIK hatte bis dato ein 1:1 bei Malmö FF gehalten, das hätte zum Meistertitel gereicht.

„Noch vier Minuten“, hatte der Reporter gesagt und der kleine Janne hatte die Luft angehalten. Seine Daumen waren feuerrot gewesen, so fest hatte er sie gedrückt. Malmö war noch einmal vor das AIK-Tor gekommen, der Ball, so hatte es der Reporter geschildert, war in den Strafraum geflogen, Malmös großer Stürmer Niklas Berg war hochgestiegen – aber Katt hatte den Ball aus der Luft heruntergeholt. Janne war in seinem Zimmer herumge­sprungen vor Freude.

„Nachspielzeit“, hatte er den Reporter sagen hören.

„Idiot!“, hatte Janne gerufen; er hatte nicht den Reporter gemeint, sondern den Schiedsrichter, wegen der Nachspielzeit.

Janne hatte sich aufs Bett geworfen, den Kopf im Kissen verborgen und sich die Ohren zugehalten. Er hatte nicht hören wollen, falls Malmö noch ein Tor schießen und AIK den Meistertitel verlieren würde. So war er drei, vier Minuten gelegen, dann hatte er es gewagt, die Hände von den Ohren zu nehmen. Aus dem Radio war in diesem Moment lauter Jubel zu hören gewesen. Jubel von AIK? Oder Jubel über das Siegtor von Malmö FF? Janne hatte sich über sich selbst geärgert, dass er sich die Ohren zugehalten hatte. Dann waren weitere Sekunden ver­ronnen, der Reporter hatte davon gesprochen, dass man die Spieler des neuen schwedischen Meisters vors Mikrofon bekommen wollte. Janne hatte gehofft, dass es seine Spieler sein würden, die Spieler von AIK.

„Wir haben Rune Katt!“, hatte der Reporter gebrüllt.

„Jaaaaaaaa!“, hatte Janne gerufen. „Wir sind Meister!“

Noch acht Minuten, dachte Janne Kink. Er war mittlerweile auf dem Nynäsvägen, der im Süden Stockholms stadt­auswärts führte. Der Skogskyrkogården lag in Enskede. Kink konnte nun richtig Gas geben. Ich schaffe es pünktlich, dachte er und drückte die Zigarette im Aschenbecher seines Autos aus. Als die Redaktion sagte, er solle zur Beerdigung Rune Katts fahren, um einen Artikel über „­Schwedens größten Torwart aller Zeiten“ zu schreiben, hatte er nur halbherzig eingewandt, dass er gerade nicht könne, weil seine Recherche über die osteuropäische Welpenmafia in einer sehr entscheidenden Phase sei. Sein Chef hatte bloß gesagt: „Kümmer dich lieber um die Katze von AIK.“ Das war Katts Spitzname gewesen. Jetzt war die Katze tot.

5

Nora Törn war mit der U-Bahn zum Skogskyrkogården gekommen. Sie hatte lange mit sich gerungen, ob sie zur Beerdigung gehen sollte. Zu groß waren die Wunden. Riesen­groß waren sie. Wegen des Vaters und wegen … Jetzt stand sie am Grab. Und ihr kamen die Tränen. Die Trauergäste neben ihr dachten, sie weine um den Vater. Aber sie würde nie um diesen Vater weinen. Nora nahm ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und wischte sich die Tränen ab. Sie wollte stark sein. Der Priester hatte mit seiner Rede bereits begonnen.

„Es fühlt sich heute so eigenartig leer an“, sagte er.

Nora wusste sofort, woran sie dieser Satz erinnerte: Der frühere Regierungschef Göran Persson hatte ihn gesagt – bei der Beerdigung von Astrid Lindgren. Nora kannte die ganze Rede auswendig, genauso wie die anderen Reden bei Lindgrens Beerdigung. Persson hatte damals gesagt: „­Danke, Astrid. Danke für alles, was du uns gegeben hast! Du hast uns Bilder gegeben; Bilder, die uns zusammen­führen.“ Und über Kinder hatte Persson gesagt: „Astrid hat wie wenige Kinder gesehen – ihr Ausgeliefertsein und ihre Stärke, ihren ganzen und vollen Wert.“

Jetzt rannen Nora die Tränen wieder über die Wangen, sie konnte nicht anders. Ihr Vater, der berühmte Rune Katt, hatte ihren Wert als Kind brutal mit Füßen getreten. Und sie war ihm ausgeliefert gewesen.

„Rune Katt ist von uns gegangen“, sagte der Priester. „Nein, man hat ihn uns genommen.“

6

Als Kommissar Casper Munk den Skogskyrkogården erreichte, war die Zeremonie bereits im Gange. Der Priester sprach zu den Trauergästen. Munk sah sich um – es mussten wohl Tausende sein, die Abschied nehmen wollten von Rune Katt, der nur wenige Meter neben Lennart Skoglund begraben werden sollte. War das Absicht? Skoglund war einer der besten Stürmer der Welt gewesen. Aber er hatte sich sozusagen in dieses Grab gesoffen. Hatte Katt mit Skoglund zusammengespielt? Wohl kaum. Katt war jünger. Auch Greta Garbo lag auf diesem Friedhof. Munk war sicher, dass Rune Katt niemals mit Greta Garbo zusammen­gespielt hatte.

Munk hörte nicht länger darauf, was der Priester sagte, es waren ohnehin nur die üblichen Floskeln. Der Priester gab sich keine Mühe. Vermutlich interessierte er sich nicht für Fußball. Und die Menschenmenge schien ihn auch nicht zu beeindrucken. Er machte seinen Stiefel.

Munk hing seinen Gedanken nach. Katt war das Idol seiner Kindheit gewesen. Munk war Fan von AIK Stockholm gewesen, und im Tor von AIK hatte dieser große, breite Mann gestanden, der fast immer einen dunkelblauen Pullover und eine weiße Sporthose trug. Weiße Hosen hatten damals vor allem die Keeper in England getragen. In Schweden und auf dem Kontinent hatten die Tor­leute schwarze Hosen an. Katt war also extravagant gewesen. Munk hatte ihn dafür bewundert. Viele Jungs in seinem Alter hatten Katt bewundert. Er hätte einen anderen Tod verdient gehabt, dachte Munk. Er blickte nach vorne. Dort betete der Priester die Stationen von Katts Karriere lieblos herunter. Der Mann hat die Herzen von vielen Menschen berührt, dachte Munk, und jetzt wird er von einem Priester ohne Leidenschaft von dieser Erde verabschiedet.

„Danke, Rune“, murmelte Munk, als der Priester seine Rede beendet hatte und der Sarg in die Grube hinab­gelassen wurde.

Munk sah sich um. Er versuchte sich die Gesichter der Gäste einzuprägen, die dem Grab am nächsten standen. Er wusste, dass Katt in den letzten Jahren mit einer viel jüngeren Frau zusammengewesen war; Munk hatte das in den bunten Blättern gelesen. Und er wusste, dass Katt eine Tochter aus einer früheren Beziehung hatte. Munk hatte vor mehr als 40 Jahren ein Interview mit Katt gelesen, in dem dieser gefragt wurde, was sein „größtes außer­sportliches Erlebnis“ gewesen sei. Der Torwart hatte geantwortet: „Die Geburt meiner Tochter Nora machte mich über­glücklich.“ Munk erinnerte sich daran, sogar an den Wortlaut der Antwort.

In der Nähe des Grabes stand eine dunkelhaarige Frau um die 50. Sie weinte. Das musste entweder die Tochter sein oder die Lebensgefährtin. Sie stand dort ziemlich alleine, niemand tröstete sie. Als der Sarg in der Grube verschwunden war, drehte sich die Dunkelhaarige ruckartig um und ging davon. Munk und einige Trauergäste sahen ihr hinterher.

„Das ist Katts Tochter Nora“, sagte eine Stimme von hinten.

Munk drehte sich um.

„Leila!“, sagte er eine Spur zu laut. „Schön, dich zu sehen.“

„Kannst du mich ins Präsidium mitnehmen?“, fragte Leila Andersson, seine Kollegin. „Ich bin mit der U-Bahn hergekommen.“

„Klar, wir gehen – wir lassen sie erst mal in Ruhe“, sagte Munk und schaute der Dunkelhaarigen hinterher, die gerade das Friedhofstor passierte.

„Geht ihr vermutlich sehr nahe“, sagte Leila.

Munk dachte anders – er hatte Wut in den Bewegungen der Frau gesehen. Aber er sagte nichts. Er speicherte es erst mal ab.

Sie gingen zu Munks altem Saab, den er in einer Seitenstraße nahe des Friedhofs abgestellt hatte.

„Wer ist älter – Rune Katt oder dein Auto?“, fragte Leila, als Munk die Tür des Saab 900 öffnete.

„Wie alt ist Katt geworden?“, fragte Munk.

„73.“

„Sie könnten Brüder sein – Katt und mein Auto“, sagte Munk und lächelte.

„Stiefbrüder“, sagt Leila. „Sie wurden erst verwandt, als dein Auto einen Kattalysator bekam.“

Sie lachte laut über ihren Witz. Katt und Kattalysator.

Munk lachte auch, aber mehr darüber, wie laut Leila über einen Witz lachte, den sie erstens selbst gemacht hatte und der zweitens höchst albern war. Wie viele Schweden würden über Katt und Kattalysator lachen? Drei Prozent? Der Rest würde Leila raten, sich mal untersuchen zu lassen.

Munk sah sie an und lächelte. Er hatte nun drei Frauen mit Humor um sich herum: Leila, Luna und Tove. Eine Kollegin, seine beste Freundin und seine Lebensgefährtin. Gerade jetzt ist das Leben schön, dachte er. Aber er sagte es nicht.

„Erzähl mir, was im Präsidium passiert ist, während ich im Urlaub war“, sagte er stattdessen. „Haben wir einen Neuen?“

Hauptkommissar Halldor Selander hatte angekündigt, dass ein neuer Mitarbeiter kommen würde, nachdem der Kollege Achatz Larsson beim Versuch, einen durchgedrehten Mörder festzunehmen, schwer verletzt worden war. Der Mörder hatte eine Stalinorgel gebaut, die er auf Larsson abgefeuert hatte. Munk hatte im Urlaub oft an Larsson denken müssen, und einmal hatte er ihn auch im Krankenhaus besucht. Larsson war noch nicht lange bei der Mordkommission gewesen, aber er war Munk bereits ans Herz gewachsen. Larsson fehlte ihm.

„Wir haben eine Neue bekommen“, sagte Leila.

„Eine Frau?“, entfuhr es Munk.

„Nein, eine Bergziege – die Uniform steht ihr ausgezeichnet.“

Munk lachte.

„Sorry“, sagte er. „Wie ist sie? Wie heißt sie?“

„Sie heißt Kajsa. Sie ist groß, jung, blond, durch­trainiert und selbstbewusst.“

„Sympathisch?“

„Sie fängt erst heute an. Ich habe sie einmal auf dem Flur getroffen und mit ihr gesprochen – ich finde, sie ist ein bisschen zu ehrgeizig“, sagte Leila. „Aber Halldor meint, wir bräuchten frischen Wind, denn Grip hätte nur seine Witze im Kopf, ich sei manchmal zu verträumt und du seist nach all deinen Erfolgen träge, fett und selbstzufrieden geworden.“

„So sehe ich das auch“, sagte Munk, grinste und drückte aufs Gaspedal.

7

Als Leila Andersson und Casper Munk im Polizeipräsidium im Stockholmer Stadtteil Kungsholmen ankamen, saßen die alten Kollegen und die neue Mitarbeiterin bereits im Besprechungsraum: der bodenständige Hauptkommissar Halldor Selander, der ausgeglichene Kriminaltechniker Jari Huskonen, der lässige Per Henrik Grip – und Kajsa Tapper. Munk nickte ihr freundlich zu und setzte sich auf seinen Platz neben Selander, den Leiter der Mordkommission.

„Schön, dass du wieder da bist, Casper“, sagte Selander. „Ich hoffe, du hattest einen erholsamen Urlaub und kannst uns jetzt wieder deine volle Arbeitskraft widmen.“

Selander redete so. Förmlich. Ironiefrei. Munk hatte sich damit abgefunden. Er mochte ihn trotzdem, vielleicht gerade wegen seiner Ernsthaftigkeit.

„Das ist Kajsa Tapper“, sagte Selander in Munks Gedanken hinein. „Sie war bisher beim mobilen Einsatzkommando, ich muss euch ja nicht erklären, was sie dort gemacht hat.“

Die Polizisten schüttelten den Kopf. Beim mobilen Einsatzkommando ging es um verdeckte Observierungen und Zugriffe „in besonderen Bedrohungslagen“, wie es so schön hieß.

Kajsa Tapper stand auf, um ein paar Worte an die neuen Kollegen zu richten. Munk musterte sie. Kajsa war etwa 1,85 Meter groß, also unwesentlich kleiner als er selbst. Sie war sehr gut trainiert. Munk bemerkte, wie Grip Kajsa musterte. Grip, der seit längerer Zeit Single war, hatte Munk kürzlich gesagt, er sei mittlerweile schon erregt, wenn er von Weitem das Klappern von Stöckelschuhen höre.

„Ich freue mich, hier zu sein“, sagte Kajsa, „und ich werde mein Bestes geben.“

Dann ging sie reihum, gab jedem die Hand und blickte den Kollegen dabei in die Augen. Anschließend setzte sie sich wieder auf ihren Platz. Eine sympathische Vorstellung, dachte Munk. Sie schwätzt nicht. Und sie ist offen.

„Zum Fall Rune Katt“, sagte Selander. „Ich fasse für Casper mal zusammen, was wir haben: Katt wurde vor drei Tagen tot vor seinem Ferienhaus bei Grisslehamn gefunden. Der Nachbar hat ihn dort entdeckt. Er rief sofort die Polizei. Wir sind nach Grisslehamn gefahren und fanden Katt auf dem Boden vor seiner Hütte – mit einem Loch in der Stirn. Jemand hat ihn einfach über den Haufen geschossen. Er wurde nicht gequält, jedenfalls nicht physisch, es war einfach ein Schuss in den Kopf. Fertig.“

Warum so … so einfallslos, dachte Munk. Mörder töten doch oft und hinterlassen Symbole. Weil sie den Polizisten oder der ganzen Welt etwas sagen wollen. Munk hatte wenigstens erwartet, dass man den ehemaligen Torwart mit zwei angespitzten Stollen an die Querlatte eines Tores nageln würde. Oder dass man ihm zwei Torwarthandschuhe in den Mund stopfen würde, bis er erstickte. Oder dass …

„Der Todeszeitpunkt war zwischen 15 und 17 Uhr“, fuhr Selander fort.

„Irgendwelche Spuren?“, fragte Munk.

Der Hauptkommissar schüttelte den Kopf.

„Keine Waffe, kein Fußabdruck, kein verdächtiger Finger­abdruck, nichts“, sagte er, „aber …“

Selander rieb sich die Nasenwurzel, als hätte er Kopfschmerzen.

„Aber was?“, fragte Munk.

„Die Kugel, die Rune Katt getötet hat, war angemalt“, sagte Selander.

„Ich rate mal“, sagte Munk. „Der Ex-Torwart wurde mit einer Kugel getötet, auf die der Täter weiße und schwarze Rautenmuster gemalt hatte – Muster, wie man sie von den alten Fußbällen kennt.“

„Ich würde gerne ernsthaft über den Fall reden“, sagte Selander trocken. „Nein, sie hatte kein Rautenmuster, sondern eher Streifen. Und sie wurde nicht schwarz und weiß angemalt, sondern sehr bunt. In den Regenbogenfarben.“

„Rot, orange, gelb, blau, grün, violett – die Farben der Homosexuellen“, sagte Grip. „Wir haben deshalb schon mal recherchiert, ob Katt vielleicht schwul war, sich aber nie geoutet hat. Seine Ex-Frau, die Tochter und seine Freunde haben dies verneint.“

„Und seine Freundin?“, fragte Munk.

„Sie lebt in Lappland, wir haben sie noch nicht erreicht“, sagte Selander. „Außerdem hatten sie sich vor einiger Zeit getrennt.“

„Zeig mal bitte die Kugel“, sagte Munk zum Kriminaltechniker Jari Huskonen.

Huskonen schob die Kugel, die in einer Klarsichthülle steckte, hinüber zu Munk.

Munk sah sich die Kugel kurz an. Ärger stieg in ihm hoch.

„Da sind zwar Regenbogenfarben drauf“, sagte er, „aber nicht so viele wie bei der Flagge der Homosexuellen, sondern nur rot, grün, gelb und blau.“ Dann äußerte er seine Vermutung: „Das sind die Farben der Sami!“

„Die Farben der Sami?“, riefen Leila, Kajsa, Grip und Huskonen. Sie schauten Selander an. Der schwieg betreten.

Die Sami waren die Ureinwohner im Norden Skandinaviens. Sie wohnten vorwiegend in Lappland und wurden deshalb auch manchmal Lappen genannt. Rot stand für das Feuer, grün für die Natur, gelb für die Sonne und blau für das Wasser.

„Habt ihr die Kugel nicht genau angeschaut oder kennt ihr die Farben der Sami nicht?“, fragte Munk streng.

Alle schwiegen.

„Es war meine Schuld“, sagte Selander schließlich. „Ich hatte mich auf die Homosexuellen festgelegt und das felsenfest vertreten – ich weiß gar nicht, ob sich die anderen die Kugel so genau angeschaut haben.“

„Du aber offenbar auch nicht“, sagte Munk. „Du kennst doch die Farben der Sami.“

Selander gehörte zu den Menschen, die sich als Bildungsbürger sahen und sich darauf etwas einbildeten. Er war belesen, er hatte zusammen mit seiner Frau ein Abonnement für die Oper und er las die Zeitung so intensiv, dass er zu jedem politischen Thema eine Meinung hatte. Natürlich kannte Selander die Farben der Sami. War er überarbeitet? Er blickte zu Boden.

„Was ist los mit dir, Halldor?“, fragte Munk. Diesmal war keine Schärfe in seiner Stimme, sondern Sorge.

„Entschuldigt mich bitte“, sagte der Hauptkommissar und verließ das Besprechungszimmer.

Die Polizisten sahen sich fragend an.