Opfertier - Lisa Jackson - E-Book
Beschreibung

Nach dem Spiegel-Bestseller »Dunkle Bestie« folgt mit dem Thriller »Opfertier« der nächste Fall für die Detectives Alvarez und Pescoli von der amerikanischen Bestseller-Autorin Lisa Jackson. Dieser achte Fall trifft Detective Regan Pescoli besonders hart, denn es ist ihr bisher persönlichster Fall ... Zunächst sieht alles nach Raubmord aus, als Brindel Latham, die Schwester von Detective Regan Pescoli, mit einer Schusswunde im Kopf in ihrem Haus in San Francisco gefunden wird. Doch Brindels 17-jährige Tochter Ivy wird vermisst – und taucht wenig später mit einer haarsträubenden Geschichte bei Pescoli in Grizzly Falls in Montana auf. Obwohl Pescoli sich offiziell noch in Elternzeit befindet, nimmt sie mit ihrer Partnerin Selena Alvarez die Ermittlungen auf. Denn mittlerweile gibt es auch in Grizzly Falls zwei Tote. Spätestens als Pescolis sechs Monate alter Sohn spurlos verschwindet, ist klar: Jemand, der buchstäblich über Leichen geht, will sie und ihre Familie leiden sehen ... Die amerikanische Bestseller-Autorin Lisa Jackson sorgt auch im achten Band der Thriller-Reihe rund um die Dectectives Alvarez und Pescoli für Hochspannung und rasante Action. Die Thriller mit den weiblichen Detectives aus Grizzly Falls, Montana sind in folgender Reihenfolge erschienen: • »Der Skorpion« • »Der Zorn des Skorpions« • »Zwillingsbrut« • »Vipernbrut« • »Schneewolf« • »Raubtiere« • »Dunkle Bestie« • »Opfertier«

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:597


Lisa Jackson

Opfertier

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Kristina Lake-Zapp

Knaur e-books

Über dieses Buch

Zunächst sieht alles nach Raubmord aus, als Brindel Latham, die Schwester von Detective Regan Pescoli, mit einer Schusswunde im Kopf in ihrem Haus in San Francisco gefunden wird. Doch Brindels 17-jährige Tochter Ivy wird vermisst – und taucht wenig später mit einer haarsträubenden Geschichte bei Pescoli in Grizzly Falls in Montana auf. Obwohl Pescoli sich offiziell noch in Elternzeit befindet, nimmt sie mit ihrer Partnerin Selena Alvarez die Ermittlungen auf. Denn mittlerweile gibt es auch in Grizzly Falls zwei Tote. Spätestens als Pescolis sechs Monate alter Sohn spurlos verschwindet, ist klar: Jemand, der buchstäblich über Leichen geht, will sie und ihre Familie leiden sehen …

Inhaltsübersicht

PrologIn der Nähe von San Francisco, KalifornienKapitel einsSan Francisco, KalifornienKapitel zweiKapitel dreiKapitel vierKapitel fünfKapitel sechsKapitel siebenKapitel achtKapitel neunKapitel zehnKapitel elfKapitel zwölfKapitel dreizehnKapitel vierzehnKapitel fünfzehnKapitel sechzehnKapitel siebzehnKapitel achtzehnKapitel neunzehnKapitel zwanzigKapitel einundzwanzigKapitel zweiundzwanzigKapitel dreiundzwanzigKapitel vierundzwanzigKapitel fünfundzwanzigKapitel sechsundzwanzigKapitel siebenundzwanzigKapitel achtundzwanzigKapitel neunundzwanzigKapitel dreißigKapitel einunddreißigKapitel zweiunddreißigEpilogLisa Jackson bei Knaur
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Prolog

In der Nähe von San Francisco, Kalifornien

4. Juli

Tot.

Ihr Sohn war tot!

Trotz der Sommerhitze war ihr kalt bis auf die Knochen. Sie konnte nicht atmen, schnappte angestrengt nach Luft.

Ihre Kehle schnürte sich zusammen vor Trauer, Schmerz und tief sitzendem, weißglühendem Zorn.

Sie war ganz allein auf diesem Friedhof, wo die Grabsteine in Reih und Glied standen wie Schildwachen, ballte die Fäuste und verfluchte den Himmel, vor dessen nächtlicher Schwärze sich ein prächtiges Feuerwerk, begleitet von lauten Explosionen, entfaltete.

Die Dämonen, die ihre Seele quälten, hatten nicht gelogen.

Die Verzweiflung schnitt ihr ins Herz, so hart wie der kälteste Winter in Montana. Gegen die Tränen anblinzelnd, riss sie ihren Blick von der Inschrift auf dem kleinen Marmorstein zu ihren Füßen los.

Dichter Nebel waberte unmittelbar über dem Boden von der Bucht herein und verschluckte die Lichter der Stadt. Das berühmte Wahrzeichen von San Francisco, die Golden Gate Bridge, war teilweise von Schwaden umhüllt, nur die hohen Türme der Brücke ragten daraus in den dunklen Nachthimmel mit seinen funkelnden Sternen empor – eine angemessene Kulisse für das Feuerwerk zur Feier des amerikanischen Unabhängigkeitstags. Sie sah eine weitere Rakete in den Himmel aufsteigen, farbenfrohe Glitzersterne erhellten die Schwärze. Für ein paar Sekunden betrachtete sie ehrfürchtig die aufwendige Pyrotechnik, dann verblasste das Funkeln. Alles war schon vorüber, noch ehe es richtig begonnen hatte.

Genau wie das kurze Leben ihres Sohnes.

Ihr Herz zog sich so schmerzhaft zusammen, dass sie auf die Knie sank. Sie hatte gewusst, dass es möglich war, vielleicht sogar wahrscheinlich, hatte gewusst, dass er vielleicht tot war, doch während der vergangenen einsamen Jahre hatte sie stets einen kleinen Funken Hoffnung genährt, dass er überlebt haben mochte, dass sie einander wiedersehen würden, dass sie seine warmen Arme an ihrem Hals spüren würde, wenn sie ihn an sich drückte. »Oh, mein Liebling«, flüsterte sie.

Sie blickte wieder auf den kleinen Grabstein am Boden, eine winzige Markierung in einem Meer größerer, kunstvoller gearbeiteter Steine in den unterschiedlichsten Formen, manche riesig, andere aufwendig gemeißelt, wieder andere eher schlicht. Ihre Augen folgten den langen Reihen, die sich hügelabwärts Richtung City und zu den dunklen, unergründlichen Tiefen der Bucht erstreckten.

Warum?

O Gott, warum?

Sie schloss die Augen und atmete mehrere Male tief durch.

Stell keine Fragen. Es ist, wie es ist.

Weitaus wichtiger ist doch: Wie wirst du damit umgehen? Was wirst du tun?

Sie presste die Kiefer zusammen und dachte an die, die sie betrogen hatten.

Die sie benutzt hatten.

Die sie missbraucht hatten.

Die die Feindseligkeit ihr gegenüber auf ihr unschuldiges Kind übertragen hatten.

Noch immer kniend, streckte sie die Hand aus und fuhr mit den Fingerspitzen die Inschrift auf dem kühlen Grabstein nach. Zwischen dem Geburts- und dem Todesdatum lagen keine vier Jahre.

Der Schmerz zerriss ihr das Herz. »Oh, Süßer«, murmelte sie und räusperte gegen den Kloß in ihrer Kehle an. Ihre Gedanken schweiften zurück zur Geburt ihres Sohnes, zu den Höllenqualen, die ihr die Wehen bereitet hatten, begleitet von der Furcht vor dem Ungewissen. Dem Glück, das sie empfunden hatte, als sie das Neugeborene schreien hörte, der Leere, als sie ihr ihren Sohn wegnahmen, ihn klammheimlich aus dem Kreißsaal brachten. Sie hatte das Geflüster in der Klinik gehört.

»… zutiefst gestört.«

»… psychisch labil.«

»… ernste Psychose.«

Alles mit gesenkten Stimmen, und doch hatte sie jede einzelne Bemerkung mitbekommen. Sie war ja nicht schwerhörig.

Und jetzt das.

Sie schloss fest die Augen und stellte sich die Manipulanten vor, die ihre Entscheidungen getroffen hatten, die sie für »untauglich«, »unwillig« oder gar »unfähig« erklärt hatten. Es waren noch weitere Worte gefallen, die sie nicht hatte hören sollen, das schlimmste war »ungeeignet« gewesen. Als Mutter ungeeignet. Sie knirschte mit den Zähnen, als sie daran dachte, mit welcher Gleichgültigkeit, welcher Gefühllosigkeit dieses Wort ausgesprochen worden war. Was wussten die schon über sie? Ja, sie war ein labiler Mensch, so viel stand fest, wenngleich ihr die Bezeichnung »unzurechnungsfähig«, die sie schon fast ihr ganzes Leben lang immer wieder zu hören bekam, doch ein wenig übertrieben erschien. Extrem. Sie war nicht extrem, und sie war auch nicht unzurechnungsfähig oder gar verrückt, war es nie gewesen.

Heute Abend war sie sogar alles andere als verrückt.

Im Gegenteil – sie hatte sich nie für zurechnungsfähiger gehalten als jetzt, da die Raketen zischend und heulend gen Himmel stiegen und in wilden Farbexplosionen ihre Schönheit entfalteten. Sie hatte so lange nach ihrem Sohn gesucht, nur um ihn hier begraben zu finden – das Fünkchen Hoffnung, das sie bei dem Gedanken an ein mögliches Wiedersehen empfunden hatte, bei der Vorstellung, ihn an sich zu drücken, ihm alles zu erklären … das Fünkchen Hoffnung war nun erloschen. An seiner Stelle gedieh ein neues Gefühl, roh, zügellos. Bitter.

Rache.

Sie schluckte den Kloß in ihrer Kehle herunter, betrachtete noch einmal den kleinen Grabstein, diesmal mit trockenen Augen, und dachte an das, was vor ihr lag. »Sie werden dafür bezahlen«, versprach sie ihrem Sohn in der Hoffnung, dass er das irgendwie mitbekommen würde. Ihre Finger krallten sich in das verdorrte, von Löwenzahn durchsetzte Gras; die langen Halme dicht am Grabstein, die dem Rasenmäher des Friedhofsgärtners entgangen waren, schnitten in ihre Finger. »Jeder Einzelne von ihnen. Ich werde Jagd auf sie machen, und sie werden bezahlen, das schwöre ich dir.« Sie sah sie alle vor ihrem inneren Auge vorbeiziehen. Als sie sich wieder aufrichtete, explodierte eine Reihe kleinerer Feuerwerkskörper über der Bucht, bunte Farben flammten auf, um in langen Schweifen zu verblassen, bis der Himmel über der Bucht so schwarz war wie zuvor.

Sie wusste, wo sie waren, die, die sie betrogen hatten.

Sie wusste, wo sie lebten.

Sie wusste auch, dass sie das Überraschungsmoment auf ihrer Seite hatte.

Und sie würde sie alle vernichten.

Sie warf die trockenen Gräser, die sie ausgerissen hatte, zu Boden und klopfte sich die Hände ab.

Sie hatte eine Mission.

Als sie den Hügel hinunterging, sorgfältig zwischen den Marmor- und Granitgrabsteinen der Toten hindurchtretend, sann sie darüber nach, wie ihr Rachefeldzug aussehen könnte.

Ein Gefühl eiskalter Befriedigung verdrängte ihre Verzweiflung.

Sie erreichte das verschlossene Friedhofstor, kletterte über den schmiedeeisernen Zaun und warf einen letzten Blick in Richtung des kleinen Grabsteins.

»Ich liebe dich«, flüsterte sie und wartete auf eine Antwort, die doch nicht kommen würde.

Gerüstet mit neuer Entschlossenheit, schob sie die Hände in die Jackentaschen und spürte das kühle Metall der Beretta Pico an ihrer Haut. Eine kleine, handliche 9-mm-Selbstladepistole. Das Kinn entschlossen vorgereckt, marschierte sie mit großen Schritten durch die Dunkelheit, die Lichtpfützen der Straßenlaternen meidend.

Niemand konnte sie jetzt noch aufhalten.

Niemand.

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Kapitel eins

San Francisco, Kalifornien

Sechs Monate später

Brindel wollte die Scheidung.

Korrektur: Sie brauchte die Scheidung. Unbedingt.

Von Paul Latham … Doktor Paul Latham. Darauf bestand er.

Aufgeblasener Bastard.

Sie schaute aus dem Badezimmerfenster in die dahinterliegende Nacht. Die Lichter der Stadt sahen aus wie winzige Nadelspitzen, die Aussicht war selbst aus diesem Raum atemberaubend, und trotzdem war sie bereit, all das aufzugeben. Aber natürlich würde Paul sie nicht kampflos ziehen lassen. Nicht dass es ihm um sie oder um Liebe ging. Bei dieser absurden Vorstellung hätte sie beinahe laut gelacht, doch stattdessen nahm sie lieber einen Schluck Wein. War es ihr zweites oder drittes Glas? Egal. Sie trank den letzten Tropfen, überlegte, sich noch einmal nachzuschenken, dann verwarf sie den Gedanken und stellte das Glas auf die Marmorablage. Die Liebe, die sie und Paul vor fast zwei Jahrzehnten verbunden hatte, war schon vor langer Zeit stetig geschrumpft und schließlich gestorben, wie ein Wurm auf einem heißen Gehsteig. Alles, was geblieben war, war die schmucklose, herzlose Hülle ihrer Ehe. Nein, der Grund, warum er kämpfen würde, war der, dass er zu den Männern zählte, die nicht verlieren konnten. Weder in seinem Leben noch in seiner Ehe noch bei seiner Arbeit und schon gar nicht, was sie betraf.

Sie schüttelte den Kopf. Sie war ein solcher Dummkopf gewesen! Schon bald nach der Hochzeit hatte sie den Verdacht geschöpft, dass es ihm in erster Linie darum ging, dass sie seine beiden Söhne, Macon und Seth, großzog – beide genauso abstoßend wie ihr Vater. Nun, sie hatte ihre Pflicht getan.

Ärgerlich wischte sie das Make-up von ihrem Gesicht, entfernte sorgfältig die Reste und bemerkte ein paar nervende, störrische Fältchen, die dringend eine ordentliche Portion Botox benötigten. Mit festem Druck massierte sie eine pflegende Creme in ihre Haut, dann bürstete sie ihr Haar, bis es glänzte. Es war jetzt heller als ihr natürlicher Ton, um die grauen Strähnchen abzudecken, die sich in ihr Blond schlichen, und hatte einen teuren, modischen Schnitt. Perfekte Stufen umrahmten ihr Gesicht und fielen locker auf ihre Schultern.

Ihr Blick schweifte zu dem großen, begehbaren Kleiderschrank mit den beleuchteten Regalen voller Schuhe: High Heels, Pumps, Sandalen, Sneakers – Schuhe für jede nur erdenkliche Gelegenheit. In ordentlichen Reihen. Jedes Paar ein kleines Vermögen wert.

Wieso hatte sie bloß gedacht, Schuhe für Tausende von Dollars könnten die Leere in dieser Ehe wettmachen? Hinter den Schuhen befanden sich weitere Regale und Stangen voller Kleider, Hosen, Anzüge, Kostüme, Pullover – ausschließlich Designerware, ausschließlich hochpreisig –, die Roben sorgfältig mit Plastikhüllen geschützt, genau wie die teuren Handtaschen. Aus dem Augenwinkel sah sie das weiße Kleid, das sie bei ihrer Hochzeit getragen hatte – bei ihrer zweiten Hochzeit, um genau zu sein –, sah die Perlen funkeln, bewunderte die feine französische Spitze und krümmte sich innerlich, als sie daran dachte, wie sie in diesem Kleid durchs Mittelschiff der Kirche zu ihrem gut aussehenden, erfolgreichen Bräutigam geschritten war, voller Überzeugung, dass nun in Erfüllung gehen würde, wovon sie immer geträumt hatte. Trotz seiner Wutausbrüche während ihrer Verlobungszeit, trotz seines Dominanzgehabes, trotz der warnenden Worte ihrer Schwestern war sie fest entschlossen gewesen, sich und ihrer kleinen Tochter ein neues, »perfektes« Leben zu schenken.

Sie konnte ja nicht ahnen, wie sehr sie sich in Doktor Paul Latham getäuscht hatte.

Und jetzt … jetzt musste sie etwas tun. Bevor es zu spät war. Wenn es das nicht ohnehin schon war. Sie hatte die vierzig überschritten, und ihr Kind war fast erwachsen. Brindel öffnete den Bademantel und ließ ihn zu Boden fallen, dann nahm sie die Schultern zurück, drehte sich seitlich zu dem großen Ganzkörperspiegel und begutachtete ihren Bauch. Er war flach und fest. Ihr Blick wanderte hoch zu ihren Brüsten, die dank chirurgischer Unterstützung perfekt in Form waren, nach oben gerichtet, die Spitzen dunkle, vorwitzige Knospen. Ihre Beine waren lang und schlank, sogar leicht muskulös. Sie war noch immer attraktiv, konnte locker mit Frauen konkurrieren, die zehn, vielleicht sogar zwölf Jahre jünger waren als sie … Wenn es denn sein musste. Nicht dass sie nach einem neuen Mann Ausschau hielt. Auf keinen Fall. Zumindest nicht, bevor sie Single war. Sie wollte Latham nicht die kleinste Angriffsfläche bieten, zumal sie bereits mit einem der besten Anwälte der Stadt gesprochen hatte – es fehlte nur noch, dass sie tatsächlich Ernst machte und die Scheidung einreichte.

»Morgen«, hauchte Brindel so leise, als könne ihr Mann, der sich nebenan in seinem eigenen Schlafzimmer aufhielt, sie hören.

Leicht nervös nahm sie ihre Kontaktlinsen heraus und schlüpfte splitterfasernackt ins Bett – eine Angewohnheit, die ihr Mann erst aufregend, dann abstoßend gefunden hatte, bis er sie irgendwann komplett ignorierte. Und bald darauf hatten sie das große Schlafzimmer im ersten Stock so umgebaut, dass zwei Räume mit separaten Bädern und begehbaren Kleiderschränken entstanden. Ein Zimmer für ihn und eins für sie. Damals war ihr das als eine perfekte Lösung erschienen, jetzt aber wirkte der kleinere Raum mit seiner Seidentapete, dem Kristalllüster und dem wuchtigen Himmelbett eher klaustrophobisch. Wie eine Gefängniszelle.

Brindel brauchte Freiheit.

Mehr als alles andere.

Sie war nur wegen ihrer Tochter so lange in diesem Haus geblieben, und jetzt … nun …

Sie rekelte sich unter dem dicken Oberbett, fühlte, wie sich die merzerisierte Baumwolle weich an ihren Körper schmiegte, und knipste die Nachttischlampe aus. Ihr Termin beim Anwalt war morgen früh um neun. Um diese Zeit drehte ihr Mann seine morgendliche Runde in der Klinik, die an die medizinische Fakultät angrenzte, nur einen kurzen Spaziergang durch den Park von zu Hause entfernt. Sie würde ihren Anwalt bitten, die Papiere auszufüllen, und anschließend den Dingen ihren Lauf lassen.

Bei dem Gedanken, dass sie endlich etwas tat, etwas, was er verabscheuen würde, trat ein Lächeln auf ihr Gesicht. Sie kuschelte sich tiefer unter die Decke und dämmerte ein, ließ sich von ihren Träumen davontragen, bis sie abrupt aufgeschreckt wurde von … Ja, wovon eigentlich? Schritten? O Gott, Paul würde doch nicht versuchen, in ihr Zimmer und zu ihr ins Bett zu schlüpfen … Allein die Vorstellung ließ sie erschaudern. Sie öffnete die Augen und spähte in die Dunkelheit. Die einzige Lichtquelle im Zimmer stammte von dem grünen Schein ihres Weckers auf dem Nachttisch.

Hörte sie jemanden atmen? Ihr Herz raste.

Sie drängte die Furcht zurück und suchte mit zusammengekniffenen Augen den Raum ab, die Finger um die Bettdecke gekrallt.

Für den Bruchteil einer Sekunde meinte sie, eine Bewegung zu bemerken, einen Schatten, der vor der Tür zu ihrem begehbaren Kleiderschrank vorbeihuschte, doch dann stellte sie fest, dass das nur der Spiegel über der antiken Kommode war, der die in der sanften Brise wogenden Zweige der Birke vor dem Fenster reflektierte.

Sei nicht so neurotisch. Noch eine letzte Nacht, dann fängst du an, um deine Freiheit zu kämpfen … und um die Hälfte von Pauls Besitz. Er schuldet dir etwas, weil du ihm die besten zwanzig Jahre deines Lebens geschenkt hast. In Gedanken überschlug sie, was nach Abzug der Anwaltskosten für sie übrig bleiben mochte. Drei Millionen? Vielleicht vier? Sie hätte jeden einzelnen Penny hart verdient, weil sie es so lange mit diesem Arschloch von Ehemann ausgehalten hatte.

Das Geld würde bis an ihr Lebensende reichen.

Ein wenig ruhiger nun, lauschte sie, ob Paul vielleicht doch verstohlen durch den Flur zu ihrer Schlafzimmertür schlich, aber sie hörte nichts mehr. Nein, sie musste sich das Geräusch nur eingebildet haben. Ihre Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt, daran lag es. Wegen des bevorstehenden Anwaltstermins.

Du bist in Sicherheit, Brindel.

Du bist allein.

In deinem eigenen Schlafzimmer.

Sie schloss die Augen, ihr Atem ging langsamer.

Da war es wieder.

Das kaum hörbare Scharren eines Schritts auf dem Hartholzfußboden. Gefolgt von einem weiteren Schritt.

Ein fremder Geruch stieg ihr in die Nase. Männlich, moschusartig und …

Brindel riss die Augen auf und schnappte nach Luft, als sie in die Mündung der Waffe schaute, die ihr gleich darauf an die Stirn gedrückt wurde.

Wie bitte? NEIN!

Sie öffnete den Mund, um zu schreien.

Der Angreifer drückte ab.

Ein ohrenbetäubender Schuss zerriss die Stille.

Dann war da nichts mehr.

 

»Nein, nein, nein!« Ivy schlug die Hand vor den Mund, um ihre Schreie zurückzuhalten.

Der Anblick, der sich ihren Augen bot, war grauenhaft. Ein wahres Blutbad.

Das Bild des Todes für immer ins Gehirn gebrannt, trat Ivy den Rückzug an und fragte sich, was um alles auf der Welt so schrecklich hatte schiefgehen können.

Sie stieß einen kleinen Tisch neben der Tür um, eine Vase mit einer einzigen Rose darin fiel zu Boden. Im Bett … ach du lieber Himmel … in Moms Bett lag deren blutverschmierte Leiche.

Ihre Mutter war tot.

Sie hatte ein kleines, dunkles Loch in der glatten Stirn, Blut gerann rund um die Eintrittswunde, rote Spritzer verunzierten die sahnigweiße Haut. Und ihre Augen … Gott, die Augen ihrer Mutter, blicklos, weit aufgerissen, anklagend.

Auch auf der gerüschten Tagesdecke und dem Schirm der Nachttischlampe befanden sich Blutspritzer, genau wie auf dem dicken, weißen Bettvorleger. »O Gott, o Gott, o Gott …« Ivy drehte sich der Magen um. Voller Angst, sich übergeben zu müssen, machte sie auf dem Absatz kehrt und flüchtete aus dem Zimmer, lief über den Flur zum Nachbarzimmer. Vor der einen Spaltbreit geöffneten Schlafzimmertür ihres Stiefvaters blieb sie stehen und warf einen vorsichtigen Blick hinein. Auf dem Bett, das Gesicht nach unten, lag sein Leichnam, der Hinterkopf eine blutige Masse, in der klaffenden Wunde waren graue Haare, Knochen und Gehirnmasse zu erkennen. Die Haare waren einst sein ganzer Stolz gewesen, dunkel und voll. Ivy sprang zurück und stieß sich an der Wand hinter ihr schmerzhaft die Schulter, bevor sie die Treppe hinunter- und durch die vertrauten Räume raste. Der metallische Geruch von Blut verfolgte sie, die grauenvollen Bilder spulten in Endlosschleife vor ihrem inneren Auge ab.

In der Bibliothek ihres Stiefvaters blieb sie stehen, beugte sich keuchend vornüber und wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht. Sie schmeckte Blut. Salz. Oder waren das Tränen?

Hau ab! Sieh zu, dass du hier rauskommst! Lauf, wie du noch nie zuvor in deinem Leben gelaufen bist!

Der alte Globus verschwamm vor ihren Augen, die Bücher, die vom Boden bis zur Decke reichten und die doch niemand gelesen hatte, die Stabwerksfenster, die auf die Stadt hinausgingen, die blinkenden Lichter hinter der Scheibe. Halt. Sie brauchte Geld. Mit zitternden Fingern öffnete sie den Tresor – eine Kombination aus den Geburtsdaten von Pauls Söhnen, die er für ganz besonders clever hielt –, nahm ein Bündel Geldscheine heraus und stopfte es sich in den BH.

Für den Bruchteil einer Sekunde lauschte sie angestrengt, dann holte sie tief Luft und rannte weiter ins marmorverkleidete Foyer.

Nein! Geh nicht durch die Haustür! Es könnten Leute draußen sein, die dich sehen. Der alte Cranston, der seinen klapprigen Dackel Gassi führt, oder die Tochter von den Müllers, die um diese Zeit immer joggen geht, oder irgendwelche Fremden …

Nein, reiß dich zusammen! Dreh um, lauf zur Hintertür und durch den Garten in die kleine Gasse. Wenn niemand zu sehen ist, nimm den Weg durch den Park. Schnell! Lauf, verdammt noch mal!

Sie stürmte zur Rückseite der Villa, dann blieb sie wie angewurzelt stehen. Hatten da etwa die Bodendielen über ihrem Kopf geknarzt?

War jemand im ersten Stock?

Jemand, der das Massaker überlebt hatte?

Ihre Stiefbrüder?

Der Mörder? Wenn es denn nur einer war …

Sie runzelte die Stirn. Was hast du getan, Ivy?

Wer? Wer?

Mit angehaltenem Atem spitzte sie die Ohren, doch sie hörte nur das panische Hämmern ihres eigenen Herzens.

Waren das Schritte?

Geräusche auf der Treppe?

Ach du lieber Himmel!

Sie wollte lieber nicht herausfinden, ob sie recht hatte mit ihrer Vermutung oder ob sie sich täuschte, deshalb raste sie durch die dunkle Küche und stieß sich das Knie an einem Barhocker vor der Kücheninsel. Sie unterdrückte einen Aufschrei, rieb die schmerzende Stelle und entdeckte den Messerblock auf der Granitarbeitsplatte. Ohne nachzudenken zog sie ein Fleischmesser heraus und rannte damit zur Hintertür.

Die Treppe knarzte.

Mist!

Voller Furcht drehte sie den Knauf und riss die Tür auf. In der kleinen Glasscheibe der oberen Türhälfte spiegelte sich ihr angstverzerrtes Gesicht. Ein Schwall kalter Winterluft schlug ihr entgegen. Sie meinte, hinter sich eine Bewegung wahrzunehmen – der Killer!

O nein, lieber Gott, bitte nicht!

Ivy rannte über die Veranda und sprang die kurze Treppe zum Garten hinunter, wobei sie auf der untersten Stufe ausrutschte und sich den Fuß verknickte.

Sie konnte sich gerade noch fangen, doch das Messer fiel ihr aus der Hand und schlug klappernd auf den Steinplatten auf. Eilig bückte sie sich, hob es auf und rannte durch den Garten zum Tor und hinaus in eine schmale Gasse. Vor dem Grundstück nebenan trat sie in eine Pfütze und scheuchte eine Katze auf, die sich hinter den Mülltonnen versteckte. Laut fauchend verschwand der kleine Tiger im Garten, während gleichzeitig die Außenbeleuchtung am Nachbarhaus aufflammte. Plötzlich geblendet, ließ Ivy vor Schreck erneut das Messer fallen, das über den nassen Asphalt in einen Strauch direkt am Gartenzaun schlitterte.

Ein Stück hinter ihr war ein Quietschen zu vernehmen.

Die rostigen Angeln des Gartentors?

Oder wieder die verdammte Katze?

Der Mörder, der Jagd auf sie machte?

Ivy verschwendete keine Zeit. Ohne über die Schulter zu blicken, stürmte sie weiter und bog in die Straße zum Park ein.

Ein vorbeifahrendes Auto hupte und wich gerade noch aus, als sie ohne nach rechts oder links zu schauen die Fahrbahn überquerte. Reifen quietschten.

Sie stolperte. Fing sich wieder. Rannte weiter.

»Idiotin!«, brüllte ein Mann aus dem heruntergelassenen Fenster eines weißen Volvos.

Ivy hörte ihn kaum.

Adrenalinbefeuert stürmte sie weiter, zwischen parkenden Autos hindurch auf den Gehweg. Auch am Eingang zum Park drosselte sie ihr Tempo nicht, flog förmlich dahin, während ihr das Herz bis zum Hals schlug. In einer Kurve sprang sie ins Unterholz, weg von den Lichtkegeln der Laternen, die die Wege erhellten, krabbelte keuchend auf allen vieren in die regennassen Sträucher.

Das ist deine Rettung!

Ihre Haut kribbelte. Regen lief ihr über den Kopf und in den Kragen ihrer Jacke, doch sie merkte es kaum, so groß, so alles beherrschend war ihre Angst. Wieder sah sie die beiden Toten vor Augen.

Keine Panik. Du darfst nicht in Panik ausbrechen, Ivy!

Doch es war zu spät. Sie konnte nicht mehr klar denken, wurde beherrscht von nackter Angst. War das ihre Schuld? Als sie sich bereit erklärt hatte …? Wie zum Teufel hatte es dazu kommen können?

Fürchterliches Schuldbewusstsein stieg in ihr auf, als sie versuchte, sich ihre Situation bewusst zu machen.

Sie hatte als Kind in diesem Park gespielt, kannte all seine geheimen Verstecke, und obwohl sie sich hier in Sicherheit wähnen mochte, würde diese Sicherheit doch nur ein paar Minuten währen, gerade lange genug, um wieder zu Atem zu kommen und sich zu sammeln.

Was nun?

Wohin konnte sie gehen?

Wo konnte sie sich verstecken?

Mit klappernden Zähnen, am ganzen Körper bebend, versuchte sie, die blutigen Bilder aus ihrem Gehirn zu verbannen – vergeblich. Ihre Eltern. Abgeschlachtet in ihren Betten. Nichts ahnend. Die Brutalität, die Ungerechtigkeit des Ganzen war zu viel für sie, und sie fing an zu weinen, spürte, wie ihr die Tränen über die eiskalten Wangen liefen. Das hatte nicht geschehen sollen, dachte sie, während die Gedanken in ihrem Kopf wild durcheinanderwirbelten. Nicht so. Nicht jetzt. Niemals.

Beruhige dich. Himmelherrgott, beruhige dich!

Sie schaffte es nicht. Galle stieg in ihrer Kehle auf. Ihr Magen rebellierte. Sie fing an zu würgen und erbrach sich mehrfach auf die glänzenden Blätter eines Rhododendronstrauchs, bis schließlich nur noch Galle kam. Ivy wischte sich mit dem Jackenärmel über Mund und Nase und gab sich alle Mühe, den anhaltenden Würgereiz zu unterdrücken. Sie krabbelte rückwärts, tiefer ins Gesträuch hinein, weg von dem säuerlich stinkenden Erbrochenen. Der Boden wurde steinig.

Sich hier zu verstecken war keine gute Idee.

Bestimmt würde man sie bald entdecken.

Der oder die, die ihre Eltern ermordet hatten, wären bestimmt auch auf der Suche nach ihr.

Es war sogar gut möglich, dass sie das ultimative Ziel war.

Mit diesem erschreckenden Gedanken kroch sie aus ihrem Versteck und huschte geduckt durch den Park, an der Backsteinmauer entlang, bis sie das gegenüberliegende Ende erreicht hatte. Von hier aus hatte sie freie Sicht auf den großen Springbrunnen in der Mitte der Anlage. Scheinwerfer beleuchteten das in die Höhe sprudelnde Wasser, bevor es zurück auf zerklüftete Felsbrocken klatschte. Niemand stand vor den nassen Steinen, niemand tauchte am Rand des Scheinwerferlichts auf.

Und trotzdem hatte sie das Gefühl, sie würde beobachtet. Von jemandem, der sich genauso versteckte wie sie, jemandem, der nicht zögern würde, ihr das Leben zu nehmen.

Reiß dich zusammen. Hier ist keiner.

Denk nach.

Mach um Himmels willen einen Plan!

Ivy zitterte vor Angst und wäre fast aus der Haut gefahren, als plötzlich dicht neben ihr die Blätter raschelten. Sie unterdrückte einen Schrei und presste sich mit dem Rücken gegen die Backsteinmauer. Ein dicker Waschbär tappte aus dem Schutz der Büsche und trat in den Lichtkegel einer der Parklaternen. Erleichtert stieß sie die angehaltete Luft aus und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Bislang, so schien es, war ihr niemand gefolgt. Die Geräusche der Stadt umgaben sie, das gleichmäßige Dröhnen der Motoren auf der anderen Seite der Mauer, das Surren der Reifen auf dem Asphalt. Zigarettenrauch wehte in ihre Nase, vom Gehweg außerhalb des Parks drangen die gedämpften Stimmen der Passanten zu ihr herüber. Ein leises Hüsteln. Ein fernes Bellen. In der Bucht tutete dumpf ein Nebelhorn. Keine hastigen Schritte, die den Park durchquerten.

Bitte, lieber Gott …

Panisch ging Ivy ihre Optionen durch.

Ins Haus zurückzukehren stand außer Frage.

Die Polizei zu rufen wäre ein Riesenfehler.

Sich an jemanden zu wenden, den sie kannte, würde sie nur noch mehr in Gefahr bringen.

Sie konnte niemandem trauen. Keiner Menschenseele.

Das hätte niemals passieren dürfen. War so nicht ausgemacht gewesen. Als sie zugestimmt hatte … O Gott. Ihre Mutter war tot. Ermordet.

Mit zitternden Händen tastete sie in der Jackentasche nach ihrem Handy, dann griff sie in ihren BH und zählte das Bündel Geldscheine. Viertausend Dollar. Genug, um für eine ganze Weile unterzutauchen.

So hatte das nicht laufen sollen, auf gar keinen Fall …

Auf einmal hörte sie Schritte. Jemand durchquerte eilig den Park.

Ihr Herz setzte einen Schlag aus.

Sie biss sich auf die Lippe und starrte konzentriert in die Richtung, aus der die Schritte kamen. Ihre Nerven drohten zu zerreißen, als sie endlich einen Jogger entdeckte, einen hochgewachsenen, schlanken Mann in reflektierender Laufbekleidung, Ohrstöpsel in den Ohren. Sein Atem bildete kleine weiße Wölkchen vor seinem Gesicht.

Sie durfte nicht länger hierbleiben.

Der Park war nicht sicher.

Hier drinnen saß sie wie auf dem Präsentierteller, bot ein leichtes Ziel.

Ivy schlüpfte durch die dichten, nassen Sträucher, huschte zum Ausgang des Parks und zog sich die durchweichte Kapuze über das nasse Haar. Schnellen Schritts ging sie zwischen den Wohngebäuden hindurch, die in den dunklen Himmel ragten. Aus den Fenstern der Apartments fiel warmes Licht, was Ivy ihre elende Lage nur noch deutlicher vor Augen führte.

Instinktiv ging sie hügelabwärts Richtung Wasser, wo sie, wie sie hoffte, eine Möglichkeit finden würde, diese Stadt und ihre schmerzvolle Vergangenheit hinter sich zu lassen. Sie würde mit einem Zug der Bay-Area-Rapid-Transit-Gesellschaft – kurz BART –, deren Verkehrssystem die größeren Orte der San Francisco Bay Area miteinander verband, zur Ostseite der Bucht fahren und sich dort in einen Bus stadtauswärts setzen. Genau das würde sie tun. Einen Fahrschein ohne Rückfahrt lösen.

Ganz gleich, wohin.

Einfach nur weit, weit weg.

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Kapitel zwei

Ein hoher, ungeduldiger Schrei hallte durchs Haus.

Nein. Bitte schlaf einfach wieder ein. Regan Pescoli hob den Kopf vom Kissen und schaute auf den Wecker auf ihrem Nachttisch. Zwei Uhr dreiundvierzig. Mitten in der Nacht.

Was erwartest du von einem Säugling?

Verschlafen blickte sie auf den leicht unscharfen Babymonitor und stellte fest, dass Klein Tucker in der Tat hellwach war, mit den Ärmchen ruderte und schmatzende Geräusche von sich gab. Großartig. Für einen kurzen Moment wurde der Bildschirm dunkel, dann war wieder etwas zu erkennen. Der Babymonitor, der nicht nur ein lückenloses Bild liefern sollte, sondern sogar über eine Aufnahmetaste verfügte, funktionierte nicht richtig. Vielleicht sollte sie lieber einen neuen kaufen.

Irgendwann.

Nur nicht heute.

Ihr Ehemann schnarchte sanft, als Pescoli aus dem Bett schlüpfte, ihren Morgenmantel vom Stuhl nahm und die Arme in die Ärmel steckte, bevor sie barfuß durch den Flur ins Kinderzimmer tappte, wo ihr Baby anfing, energisch zu brüllen.

»Ich komme ja schon, ich komme ja schon«, flüsterte sie, nahm Tucker im gedämpften Licht der Nachtlampe hoch, wechselte eilig seine Windel und trug ihn zu dem bequemen Schaukelstuhl neben seinem Bettchen, wo sie versuchte, ihn zu stillen. Natürlich klappte es nicht. Genauso wenig wie in den vergangenen Monaten. Tucker gab sich Mühe, zu saugen – vergeblich –, und stimmte ein Zorngeheul an, das laut genug war, um die Toten in den nächsten fünf Bundesstaaten zu wecken.

»Schon gut, schon gut«, beruhigte Pescoli den Kleinen, ging mit ihm vorsichtig die Treppe hinunter und wärmte eilig ein Fläschchen auf. Anschließend setzte sie sich in Santanas Fernsehsessel und gab Tucker die Milch, die er hungrig trank. »Na siehst du«, sagte sie lächelnd, obwohl sie unglücklich war, weil es mit dem Stillen bei ihm nicht klappte. Ihre beiden anderen Kinder hatten die Brust bekommen, bis sie ein Jahr alt waren, aber das lag auch schon eine ganze Zeit zurück, bei ihrem Ältesten über zwanzig Jahre. »Tut mir leid, mein Kleiner«, wisperte sie und drückte ihm einen Kuss auf das flaumige Köpfchen. »Das ist nun mal so, wenn man eine alte … ähm, sagen wir ältere Mutter hat.« Als er eingeschlafen war, brachte sie ihn zurück in sein Gitterbettchen, dann kehrte sie ins Schlafzimmer zurück, wo Santana noch immer tief und fest schlief.

Sehr gut.

Bevor sie zurück unter die Bettdecke schlüpfte, zog sie ihre Hausschuhe an und trat hinaus auf den Balkon. Auf den Holzplanken türmte sich der Schnee, die Nacht war klar, eine Million von Sternen funkelten am endlosen Nachthimmel von Montana. Ihr Blick schweifte zum See, der nicht weit von ihrem Haus entfernt lag. Um diese Jahreszeit war er zugefroren, schneebedeckte Tannen und Fichten standen an seinem Ufer.

Sie liebte den Blick auf den See und die dahinterliegenden Bitterroot Mountains. Liebte ihr neues Zuhause, das sie sich mit ihrem dritten Mann und ihren Kindern teilte. Die Luft war unbewegt, alles blieb still, und sie hätte eigentlich nichts als tiefen Frieden empfinden dürfen.

Aber das tat sie nicht.

Denn da war …

Die Augen zu Schlitzen verengt, starrte sie in die Dunkelheit, zum Ufer des Sees, und verspürte eine seltsame Beklommenheit. Ihre Nackenhärchen stellten sich auf, als wollten sie sie warnen, dass da draußen etwas Böses lauerte, unsichtbar und deshalb umso heimtückischer. Etwas Böses, das sie beobachtete.

Du hast zu viele Jahre als Detective gearbeitet, hast zu viele schreckliche Dinge gesehen, warst zu oft Zeugin grauenvoller Blutbäder, und gib es zu: Obwohl Tucker schon sechs Monate alt ist, fahren deine Hormone vermutlich noch Achterbahn, außerdem leidest du unter akutem Schlafmangel. Da draußen ist nichts Unheimliches; nichts lauert in der Dunkelheit; niemand versteckt sich in den Wäldern und will dir etwas Böses. Geh ins Bett. Versuch um Himmels willen ein bisschen zu schlafen.

Sie drehte sich um und griff nach dem Türknauf. Im selben Augenblick fegte eine eisige Böe über den gefrorenen See, die ihr zuzuflüstern schien:

Ich sehe dich.

Das war verrückt.

Eine weitere Böe wehte auf den Balkon.

Ich sehe alles.

»Wer bist du?«, wisperte sie und spürte, wie ihr ein Schauder den Rücken hinablief. Sie hörte ihre eigenen Worte und schüttelte den Kopf. Niemand hatte etwas gesagt. Ihre Fantasie ging mit ihr durch; anscheinend war sie so erschöpft, dass sie anfing zu halluzinieren. Noch dazu war sie völlig schlaftrunken … Es war nichts. Pescoli glaubte nicht an Geister, genauso wenig wie an Tarotkarten, Hexenbretter oder Bigfoots – an Bigfoots schon gar nicht –, genau genommen an nichts, was auch nur im Mindesten als paranormal gelten konnte. Alles Übersinnliche überließ sie Grace Perchant, der hiesigen Geisterseherin, die zusammen mit ihren beiden Wolfshundmischlingen zurückgezogen in den Wäldern lebte. Grace behauptete, mit den Toten reden und in die Zukunft blicken zu können.

Das konnte Pescoli definitiv nicht.

Sie kehrte ins Haus zurück, hörte das gleichmäßige Atmen ihres Ehemanns und schalt sich stillschweigend dafür, dass sie im Augenblick so stressanfällig war. Und misstrauisch – aber das war nichts Neues. Nein, beruhigte sie sich selbst, alles ist okay.

Trotzdem vergewisserte sie sich, dass ihre Dienstwaffe sicher verwahrt im Safe im Kleiderschrank lag. Anschließend ging sie endlich wieder ins Bett und kuschelte sich an Santana. Er murmelte etwas im Schlaf und schlang einen Arm um ihre Taille, die Wärme seines Körpers übertrug sich auf ihren. Regan schloss die Augen, bereit, sich zu entspannen, aber sie wusste, dass sie erst nach Stunden wieder einschlafen würde.

 

Pescoli war sich sicher, kaum ein Auge zugetan zu haben, als plötzlich ihr Handy piepste und anschließend laut brummend auf dem Nachttisch vibrierte.

»O nein«, flüsterte sie seufzend und zog sich die Bettdecke über den Kopf. Es war ihr völlig gleich, wer dran war – sie konnte den verfluchten Anruf nicht entgegennehmen, nicht wenn sie so müde war wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Sie kniff die Augen zusammen und hörte, wie ihr Telefon vom Nachttisch auf den Fußboden fiel, wo es weiter vor sich hin brummte.

Genervt schlug sie das warme Oberbett zurück und starrte für einen kurzen Moment an die Zimmerdecke, dann fand sie sich mit der Tatsache ab, dass sie wohl nie mehr genügend Schlaf bekommen würde. Nicht solange ein Möchtegernerwachsener, ein Teenager und ein Baby unter ihrem und Santanas Dach lebten. Sie warf einen Blick auf die andere Betthälfte, doch die war leer.

Was keine Überraschung war – Santana war immer sehr früh auf den Beinen, um die Rinder und Pferde zu füttern, die Ställe auszumisten und alles für die Arbeit mit den Stuten, Wallachen und Hengsten vorzubereiten, die man in seine Obhut gegeben hatte.

»Na schön«, murmelte sie und lehnte sich über die Bettkante, um das Handy aufzuheben.

Alvarez’ Name blinkte auf dem kleinen Display auf.

Großartig.

Warum zum Teufel rief ihre Ex-Partnerin so früh an? Es war doch erst halb sieben. Allerdings war Alvarez vermutlich schon seit Stunden auf, hatte bereits ihr Spinning-Training im Fitnesscenter absolviert oder ihren Yogakurs, mehrere Tassen Kräutertee getrunken und saß längst im Büro, vertieft in ihre Arbeit.

»Ja?«, knurrte Pescoli, richtete sich auf und stopfte sich ein paar Kissen in den Rücken, bevor sie ihre ungebändigten rotblonden Locken aus der Stirn strich. »Weißt du eigentlich, wie spät es ist?«

»Ja, doch, das weiß ich«, versicherte ihre Ex-Partnerin munter, »ich wollte bloß sichergehen, dass du schon wach bist.«

»Hahaha.«

Alvarez, eine ausgeglichene, nüchtern-sachliche Paragrafenreiterin, hielt sich stets an ihre selbst auferlegte Routine und war ein absoluter Morgenmensch. Manchmal ging sie Pescoli damit tierisch auf die Nerven, genau wie im Augenblick. »Ich dachte, das Baby hätte dich längst aus dem Bett geholt.«

»Noch nicht.«

»Aber ist das denn nicht seine übliche Zeit?«

»Er hat wohl nicht in seinen Terminkalender geblickt«, grummelte Pescoli, doch dann räumte sie widerstrebend ein: »Ich wollte sowieso gleich aufstehen. Im Haus rührt sich noch nichts, und Bianca muss zur Schule.« Gähnend schwang sie die Beine aus dem Bett und hörte, wie in dem Moment in dem Bad, das an das Zimmer ihrer Tochter angrenzte, das Wasser angestellt wurde. Bianca ging unter die Dusche. Gut.

»Blackwater ist auf dem Kriegspfad.«

»Ist das etwas Neues?« Sheriff Hooper Blackwater, der jüngere, überambitionierte Nachfolger von Sheriff Dan Grayson, der vor einiger Zeit einem heimtückischen Anschlag zum Opfer gefallen war, versuchte ständig, das Department zu »optimieren«, was Pescolis Meinung nach sein gutes Recht war. Trotzdem gingen ihr sein Übereifer und seine Beharrlichkeit gewaltig gegen den Strich. Allerdings taten das viele Dinge, und der Schlafmangel trug nicht gerade dazu bei, ihr eher ungezügeltes Temperament zu bändigen und ihre oftmals schlechte Laune zu verbessern.

»Er will wissen, ob du zurückkommst.«

»Ich weiß.« Blackwater hatte sie bereits mehrere Male angerufen.

»Und?«

»Ich hab mich noch nicht entschieden. Mir bleibt doch noch Zeit.«

Was nicht ganz stimmte.

Blackwater wollte eine Entscheidung, und ihr war durchaus klar, dass sie sich zu einer würde durchringen müssen, und zwar so bald wie möglich.

Alvarez senkte die Stimme. »Überleg’s dir, okay? Und gib mir Bescheid. Er hat mich mit Ramsby zusammengespannt, und das bringt mich um.«

Carson Ramsby, siebenundzwanzig, Junggeselle und unverbesserlicher Klugscheißer, der nicht wusste, wann er besser die Klappe halten sollte, hielt sich selbst für ein wandelndes Lexikon. Sogar Wikipedia war in seinen Augen keine Konkurrenz für ihn. »Ich dachte, du würdest jemanden aus Helena bekommen. Eine Amy Irgendwas, die sich versetzen lassen wollte.«

»Amy Glass. Das hat leider nicht geklappt – sie hat eine Stelle in Butte angenommen.« Es entstand eine Pause, dann: »Blackwater hat durchblicken lassen, dass er nicht damit rechnet, dass du zurückkommst. Er glaubt, ich könnte einen guten Einfluss auf Ramsby haben – als wäre das möglich.« Sie gab ein zischendes Geräusch von sich, stieß offenbar die Luft durch die Zähne aus. »Der Kerl glaubt doch, er habe die Weisheit mit Löffeln gefressen.« Eine weitere Pause, bevor sie zögernd hinzufügte: »Hör mal, Regan, ich weiß, dass du mit Dylan gesprochen hast.«

Das stimmte. Pescoli hatte sogar mehrere Gespräche mit Dylan O’Keefe, Alvarez’ Verlobtem, geführt. Sie hatten überlegt, ob sie als Privatermittlerin in seine Detektei einsteigen sollte, vielleicht sogar als seine Partnerin.

»Ich kann dir keinen Rat geben, wie du dich entscheiden sollst …«, drang Alvarez’ Stimme aus dem Hörer.

»Aber?« Pescoli griff nach dem Morgenmantel, den sie zuvor ans Fußende geworfen hatte, und schlüpfte in die Ärmel.

»Gib mir einfach vorher Bescheid, okay?«

»Okay. Versprochen.«

Sie legten auf, und Pescoli ging in das Badezimmer, das sie sich mit Santana teilte. Stirnrunzelnd betrachtete sie ihr Spiegelbild. Die grauen Haare, die sich zunehmend in ihren rotblonden Schopf schlichen, störten sie mächtig, doch nicht nur das: Auch die dunklen Ringe unter ihren Augen, die vom ständigen Schlafmangel herrührten, und die nervenden fünf Kilo, die nach der Geburt einfach nicht weggehen wollten, trugen nicht gerade zu einer Verbesserung ihrer schlechten Laune bei. »Du bist zu alt für das hier«, teilte sie ihrem Konterfei mit, dann zog sie sich aus und ging unter die Dusche, ließ den warmen Wasserstrahl über Haare und Körper laufen und die hartnäckigen Spinnweben aus ihrem Kopf vertreiben.

Sie trocknete sich ab, zog Jeans und ein Sweatshirt an und bürstete die Haare zu einem lockeren Pferdeschwanz zurück. Für Make-up hatte sie momentan keinen Sinn – nicht dass sie sich je sonderlich viel daraus gemacht hätte.

Als sie fertig war, ging sie den Flur hinunter und warf einen Blick ins Kinderzimmer. Klein Tucker schlief friedlich und gab leise schmatzende Geräusche von sich. Seine Augen waren fest geschlossen, sein dunkler, flaumiger Haarschopf zerzaust. Lautlos zog sie sich zurück und eilte die Treppe hinunter in die Küche, wo Santana Gott sei Dank bereits Kaffee gemacht hatte. Bianca saß am Tisch und packte Bücher und ihr iPad in den Schulrucksack. Ihre nassen Haare waren zu einem unordentlichen Knoten geschlungen; sie trug eine abgewetzte Jeans mit Löchern und dazu einen schwarzen Pulli mit großem Ausschnitt. Jahrelang hatte sich Bianca jeden Morgen ausgiebig mit Make-up, Frisur und ihren Fingernägeln beschäftigt, ehe sie einen Fuß vor die Haustür setzte – jetzt schien sie sich kaum noch für ihr Äußeres zu interessieren.

Was Pescoli Sorgen bereitete.

Eine neue Baustelle in der ohnehin langen Reihe anderer Baustellen.

»Hast du gefrühstückt?« Pescoli schenkte sich eine Tasse Kaffee ein, dann schweiften ihre Augen zu der Packung, die neben der Kanne stand. Koffeinfrei. Nicht gerade ihre erste Wahl, aber nötig, solange sie versuchte, ihr Baby zu stillen.

»Einen Joghurt.«

»Mehr nicht?«

»Das genügt mir.« Bianca warf ihrer Mutter einen Blick zu – eine stumme Warnung, ja keinen Einwand zu erheben.

Pescoli hob beschwichtigend die Hand.

»Tuck ist noch nicht wach?«

»Nein. Und wenn es nach mir ginge, könnte er ruhig noch eine Weile schlafen. Hast du heute Morgen schon deinen Bruder gesehen? Deinen anderen Bruder, meine ich?«

»Nö.« Bianca schaute aus dem Fenster auf die schneeverkrustete Auffahrt, wo mehrere Fahrzeuge parkten, darunter auch Jeremys Pick-up. »Sein Wagen steht noch da.« Jeremy wohnte in einem Zimmer – eigentlich eher ein Ein-Zimmer-Apartment – über der Garage. Er sprach ständig davon, auszuziehen, aber bislang hatte er keinerlei Anstalten gemacht, sich etwas Eigenes zu suchen. Er ging noch aufs Community College und arbeitete nebenbei Teilzeit bei Corky’s Gas & Go, der örtlichen Tankstelle mit Minimarkt, wo er die Zapfsäulen bediente. So weit, so gut. Die Tatsache, dass er nach wie vor davon sprach, ein Cop zu werden wie seine Eltern, war dagegen weniger gut.

Jeremys Vater Joe Strand war im Dienst erschossen worden, ein Schicksal, das, so betete Pescoli, ihrem Sohn erspart bleiben mochte. Dass auch sie als Detective arbeitete, rieb Jeremy ihr immer wieder unter die Nase, wenn sie versuchte, ihn von seinem Berufswunsch abzubringen.

»Ich sehe mal nach.«

»Du musst nicht nach ihm sehen, Mom. Er ist erwachsen, und … du weißt schon … er könnte Gesellschaft haben«, erinnerte Bianca ihre Mutter. Im selben Augenblick klingelte ihr Handy und kündigte eine eingehende Textnachricht an. Bianca warf einen Blick aufs Display. »Ach du Sch…ande!« Ihre Mundwinkel sackten nach unten, als sie die Nachricht las.

»Ärger?«

»Nein. Bloß Dad. Er hört einfach nicht auf, mir zu schreiben.« Sie schob das Handy zurück in ihre Tasche, dann schnappte sie sich den Rucksack und nahm ihre Jacke von einem Haken neben der Hintertür.

»Er wird wahrscheinlich erst aufhören, wenn du antwortest.«

»Kannst du nichts dagegen tun?«

»Darüber haben wir doch schon gesprochen.« Aber Pescoli machte ihrer Tochter keinen Vorwurf. Um die Wahrheit zu sagen, hätte sie Lucky am liebsten bei den Eiern gepackt und ihm ordentlich die Leviten gelesen. Noch besser wäre gewesen, wenn er einfach vom Erdboden verschwände. Ja, definitiv besser. Aber sie hielt den Mund. Über ihren Ex-Mann und das, was er vor Monaten getan hatte, hatte sie gesagt, was gesagt werden musste, und anschließend hatte sie gegen sämtliche Mutterinstinkte angekämpft und es ihrer fast erwachsenen Tochter überlassen, sich mit ihrem Vater, diesem Mistkerl, auseinanderzusetzen. Was sie beinahe umbrachte.

»Ich rede nicht mit ihm. Nie wieder.« Erneut der trotzig-herausfordernde Ausdruck in Biancas Blick, aber Pescoli wollte sich nicht auf dieses Scharmützel einlassen. Biancas Vater – Luke »Lucky« Pescoli – hatte sowohl in Regans als auch in Biancas Augen eine Grenze überschritten, als er im vergangenen Sommer die Entführung seiner Tochter inszenierte. Bianca wäre dabei um ein Haar ums Leben gekommen und hatte bei der Flucht ihren Entführer getötet; weil es sich um Notwehr handelte, war zum Glück keine Anklage gegen sie erhoben worden. Nichtsdestotrotz hatte sie nun mit den quälenden Nachwirkungen dieses traumatischen Erlebnisses zu kämpfen – Schuldgefühle, Zorn, Angst und natürlich Vorwürfe gegenüber Lucky mit eingeschlossen.

Regan verstand das.

Lucky Pescoli sah verdammt gut aus – zumindest hatte er verdammt gut ausgesehen, als er jünger war –, doch er war ein absolutes Schlitzohr, um nicht zu sagen ein absoluter Mistkerl. Regan trank ihren koffeinfreien Kaffee und beschloss, ihre Gedanken für sich zu behalten, denn ob es ihr gefiel oder nicht, hatte sie ihn zum Ehemann Nummer zwei auserkoren, und er war Biancas Vater.

»Ich werde meinen Namen ändern – meinen Nachnamen«, sagte Bianca in ihre Gedanken hinein.

»Wenn du das möchtest …«

»Ich will Santana heißen«, beharrte sie und reckte trotzig das Kinn. »Du solltest dir übrigens auch mal überlegen, ob du wirklich als Einzige von uns Pescoli heißen möchtest, immerhin bist du jetzt mit Santana verheiratet!«

Damit fegte sie zur Hintertür hinaus.

Pescoli schaute ihr nachdenklich hinterher. In einem Punkt hatte ihre Tochter recht: Sie sollte sich tatsächlich überlegen, ob sie sich nicht für einen gemeinsamen Familiennamen entscheiden wollte.

Durchs Fenster sah sie, wie Bianca durch den Schnee zu ihrem zehn Jahre alten Jeep stapfte. Sie setzte sich hinters Lenkrad, ließ den Motor an und gab Gas. Schnee spritzte unter den großen Reifen auf.

Der Geländewagen war gerade zwischen den Bäumen verschwunden, als sich die Hintertür erneut öffnete. Santana kam herein, zusammen mit einem Schwall eisiger Luft und den drei Hunden. Cisco, der älteste der Meute, ein kleiner, drahtiger Terriermix, entdeckte Pescoli und fing an, sein kleines Freudentänzchen aufzuführen, bei dem er sich kläffend auf die Hinterläufe stellte und die Beine seines Frauchens umkreiste, während Sturgis, der schwarze Labrador, den sie nach Dan Graysons Tod bei sich aufgenommen hatten, bedächtig mit dem Schwanz wedelte. Nikita, Santanas Husky, schnüffelte auf der Suche nach herabgefallenen Krümeln die Sockelleiste ab.

»Hey, Schönheit«, begrüßte ihr Ehemann sie.

Pescoli schüttelte den Kopf. »Ich fühle mich heute gar nicht schön«, gab sie zu und stellte ihre Tasse auf der Anrichte ab.

»Für mich bist du immer schön.«

Sie beäugte ihn misstrauisch. »Was soll die Schmeichelei?«

»Ich nenne hier lediglich die Tatsachen, Ma’am«, erwiderte er gedehnt.

»Na klar.« Gegen ihren Willen musste sie schmunzeln.

Santana ließ sich auf einen Küchenstuhl fallen und tippte auf sein iPad. Wo früher Zeitungen gelegen hatten, lag jetzt nur noch Elektronik.

»Alvarez hat angerufen.«

»Ach?«

»Sie möchte, dass ich wieder anfange zu arbeiten. Lieber früher als später.«

Er blickte auf, und sie sah die Vorbehalte in seinen dunklen Augen. »Das hast du doch schon versucht«, gab er zu bedenken und erinnerte sie an ihren kurzen Abstecher ins Präsidium gleich nach Ende ihres Mutterschutzes.

»Ich weiß.« Sie hatte sich sehr darauf gefreut, wieder arbeiten zu gehen, doch sie hatte es ohne ihren Sohn nicht ausgehalten. Und dann war da noch der Punkt, dass ihre Gefühle überzukochen drohten. Wegen Tucker. Wegen Bianca, wegen all der schrecklichen Dinge, die diese durchgemacht hatte. Wegen einfach allem.

»Und?«, fragte Santana.

»Ich weiß es nicht.«

»Ach, um Himmels willen, Regan –«

»Ich kenne deinen Standpunkt«, fiel sie ihm ins Wort. »Aber es ist meine Entscheidung, richtig?«

Ein Muskel zuckte an seinem Kiefer. »Richtig.«

»Freut mich, dass du so fortschrittlich bist«, sagte sie barsch, dann bereute sie ihren Ton. »Egal. Ich weiß, dass es dir lieber wäre, ich würde zu Hause bleiben. Allerdings bin ich ganz und gar nicht der Typ Frau, der gern daheim hockt und sich im Elternbeirat engagiert oder Playdates mit Müttern arrangiert, die – keine Ahnung – ungefähr halb so alt sind wie ich, wenn nicht noch jünger?«

»Du hast davon gesprochen, als Privatdetektiv zu arbeiten«, erinnerte er sie. »Zusammen mit O’Keefe.«

Regan ging zur Anrichte, nahm einen Laib Vollkornbrot, schnitt zwei Scheiben ab und steckte sie in den Toaster. »Das wäre nicht dasselbe.«

»Aber es wäre weniger risikoreich.«

Sie warf ihm einen skeptischen Blick zu. »Glaubst du wirklich?« Er hatte recht, das konnte sie nicht bestreiten. Schon mehr als einmal war ihre Familie ins Visier eines wahnsinnigen Killers geraten, und zwar hauptsächlich deshalb, weil sie für das Büro des Sheriffs von Pinewood County arbeitete. Und hatte sie nicht ein-, zweimal eine Grenze überschritten und sich selbst ernsthaft in Gefahr gebracht?

Sie gab es nur ungern zu, aber sie vermisste es, mit der überkorrekten Selena Alvarez zusammenzuarbeiten, Teil des Departments zu sein, den Adrenalinschub zu verspüren, den die Jagd auf einen Mörder mit sich brachte. Vermisste es, Mitglied eines Teams zu sein, selbst wenn es dem neuen Sheriff niemals gelingen würde, Dan Graysons Fußstapfen Größe siebenundvierzig auszufüllen. Es gab ein paar Nervensägen im Department – Pete Watershed kam ihr in den Sinn und ein paar von den Deputies, allen voran Rick Hanson und Dale Connors –, dennoch … Die beiden Brotscheiben ploppten aus dem Toaster. Sie nahm sie eilig heraus und warf sie auf einen Teller. Gerade als sie sie bestreichen wollten, hörte sie von oben ein energisches Brüllen. »Oh. Klingt so, als sei der Prinz aufgewacht.«

»Du sollst ihn doch nicht so nennen«, protestierte Santana. »›Sportsfreund‹ oder ›Kumpel‹ ist okay, aber doch nicht ›Prinz‹!«

Pescoli nahm ihren lauwarmen Kaffee, trank einen großen Schluck, dann schüttete sie den Rest ins Spülbecken und stellte auch die Tasse hinein. »Na schön, dann nenne ich ihn eben ›Süßer‹ oder ›Spätzchen‹ oder ›mein Zuckerschnütchen‹.«

»Genau.«

Als sie die Treppe hinaufeilte, hörte sie Santana lachen.

Im Kinderzimmer trat sie an das Gitterbettchen ihres kleinen Sohnes. Tucker lag auf dem Rücken, die dunklen Augen weit aufgerissen. Als er sie sah, verstummte sein Weinen, und er fing an, wild mit den Ärmchen zu rudern. Ein Lächeln trat auf seine Lippen, das Pescolis Herz schmelzen ließ. »Du bist ein Prinz, nicht wahr?«, flüsterte sie, nahm ihn hoch und atmete seinen reinen Babyduft ein. »Hm, Tucker? Brauchst du eine frische Windel, mein Süßer?« Er gab leise gurrende Laute von sich, und sie gurrte zurück, wobei sie sich fragte, was wohl die Kollegen im Department von ihr denken mochten, wenn sie wüssten, dass sie sich mit ihrem kleinen Sohn in Babysprache unterhielt. »Die sind uns doch schnurzpiepegal, nicht wahr, Kleiner?«, sagte sie zärtlich, bevor sie ihn wickelte und in einen frischen Strampler steckte. Anschließend machte sie es sich auf dem Schaukelstuhl bequem, um ihn zu stillen. Er fing an zu saugen, doch nach ein paar Sekunden verzog sich sein Gesichtchen. »Tut mir leid«, flüsterte sie. »Ich nehme an, das ist für uns beide nicht das Wahre. Komm, gehen wir zu Daddy.«

Sie stand auf und trug Tucker die Treppe hinunter in die Küche.

»Du bist dran, Dad«, sagte sie, als sie Santana an dem Tresen entdeckte, der die Küche vom Wohnzimmer trennte. Beim Anblick seines Vaters fing Tucker an zu strahlen. Regan reichte ihrem Mann das Baby und drehte sich zur Anrichte um. »Ich mache ihm ein Fläschchen warm, du kannst ihn füttern.«

»He, Kumpel.« Santana lächelte seinen Sohn an und ließ sich von ihm die Haare zerzausen. Tucker gluckste und strampelte aufgeregt mit den kurzen Beinchen.

Im Kamin brannte ein knisterndes Feuer, auf dem Sofa lagen kuschelige Decken, Cisco, Sturgis und Nikita dösten in ihren Hundebetten. Gemütlich. Warm. Heimelig. Ja, sie liebte ihr Zuhause, dachte Pescoli, als sie das Fläschchen fertig hatte und ihrem Mann reichte.

Ihr Telefon brummte erneut.

»Was ist denn heute Morgen los? Es ist doch noch nicht mal halb acht«, knurrte sie und warf einen Blick aufs Display, doch die darauf angezeigte Nummer kam ihr nicht bekannt vor. »Pescoli«, meldete sie sich kurz angebunden.

»Regan!«, drang eine weinerliche Frauenstimme an ihr Ohr. »O Gott, ich bin so froh, dass du noch deine alte Nummer hast.« Die Stimme der Anruferin zitterte vor Aufregung. »Du musst nach San Francisco kommen. Sofort!«

»Wer spricht …«, setzte sie an, doch dann erkannte sie die schrille Stimme ihrer Schwester Sarina. Ihr schwante nichts Gutes. Keine ihrer Schwestern rief je bei ihr an – es sei denn, es war etwas passiert. Etwas Schlimmes.

»O Gott«, jammerte Sarina auch sofort. »Es ist schrecklich.« Sie klang, als würde sie schluchzen. »Einfach nur schrecklich.«

»Was denn?«, fragte Pescoli ungeduldig.

»Brindel! Sie ist tot.«

»Wie bitte?« Pescoli wäre beinahe das Herz stehen geblieben. »Tot?« Brindel, die Zweitälteste der vier Connors-Geschwister, war groß und blond, hatte einen bissigen, leicht abschätzigen Sinn für Humor und war eisern darauf bedacht, alles zu bekommen, was sie im Leben vorwärtsbringen konnte.

»Ja! Tot! Ermordet! Ist denn das zu fassen? In ihrem eigenen Bett. Ich meine, wer würde denn –«

»Warte. Nun mal langsam.« Regan lehnte sich haltsuchend gegen die Anrichte und sah aus dem Augenwinkel, dass Santana, das Baby auf dem Arm, fragend zu ihr herüberschaute. Sarina hörte nicht auf zu weinen. »Beruhige dich erst einmal«, sagte Regan zu ihrer Schwester. »Und dann erzähl von Anfang an.« Erschüttert versuchte sie, das Gehörte zu verdauen. Das konnte doch gar nicht sein. Vielleicht hatte Sarina etwas missverstanden – es wäre nicht das erste Mal.

»Nicht nur Brindel«, schluchzte die. »Paul ist ebenfalls tot.«

Paul war Brindels Ehemann. Ein Arzt. Chefarzt. Irgendein Spezialist, Pescoli erinnerte sich nicht genau, wofür. Außerdem war er ein Riesenarschloch, zumindest in ihren Augen, aber tot? Das konnte sie sich nur schwerlich vorstellen.

»Es ist einfach grauenhaft. Grau-en-haft.« Sarina war nun so außer sich, dass Pescoli ihre Worte kaum verstehen konnte. »Du … du … o Gott … du musst etwas tun!«

»Ich?«

»Du bist doch ein Cop, oder etwa nicht? Ein Detective?«

»Ja. Allerdings in Montana. Und außerdem im Mutterschaftsurlaub.«

»Perfekt. Dann hast du Zeit, nach San Francisco zu fliegen.«

»Ich kann doch nicht einfach …«

»Selbstverständlich kannst du! Regan, du musst. Du kannst bei mir unterkommen. Oder in Colettes Einliegerwohnung. Das Haus ist vermietet, seit die Familie ihren Hauptwohnsitz nach L.A. verlegt hat, damit Simon nicht immer pendeln muss, aber die Wohnung ist frei, wenngleich es allerdings eine ganz schöne Fahrt ist bis ans andere Ende der Stadt … Deshalb wohnt Colette im Augenblick auch bei mir.«

»Nein.« Die Vorstellung, einige Tage bei einer ihrer Schwestern zu verbringen, war mehr, als Pescoli ertragen konnte.

»Unsere Schwester ist tot. Tot! Jemand ist in ihr Schlafzimmer eingedrungen und hat ihr in den Kopf geschossen. Während sie schlief! Hörst du, Regan?« Sarina schrie jetzt fast. »Brindel wurde auch umgebracht. Ermordet! Ach du meine Güte, ich kann nicht glauben, dass du nicht helfen willst.«

»Sarina!«, blaffte Regan. »Ich habe nicht gesagt, dass ich nicht helfen werde. Jetzt beruhige dich doch erst mal. Hörst du? Ganz ruhig. Noch mal: Ich habe nicht gesagt, dass ich nicht helfen werde, aber ich will weder bei dir noch bei Colette wohnen. Wenn ich komme, nehme ich mir ein Hotelzimmer … oder sonst was.«

»Wenn? Komm bitte her! Das alles ist so entsetzlich!« Sie begann wieder zu weinen.

»Reiß dich zusammen«, sagte Regan mit fester Stimme und spürte, wie ihr eigener Schock nachließ, als sie zu denken anfing wie ein Cop. »Atme ein paarmal tief durch, und dann erzählst du mir ganz langsam und der Reihe nach, was passiert ist.«

»Ich weiß es nicht. Nur das, was ich schon gesagt habe – die Cops, ähm, die Polizei gibt nur sehr spärliche Informationen heraus. Ich habe noch nicht mit dem zuständigen Detective gesprochen. Sein Name ist Anthony Paterno, aber bislang hab ich nur einen Uniformierten zu fassen bekommen, der echt zugeknöpft reagiert hat.«

Paterno? Warum klingelte bei diesem Namen etwas?

»Dieser Paterno hat sich noch nicht bei uns gemeldet. Ich hab den Eindruck, dass uns die Polizei nicht recht traut. Als wären wir alle verdächtig oder so.«

»Wen genau meinst du mit ›wir alle‹?«, wollte Pescoli wissen.

»Colette und mich. Sie ist auch hier. Am Boden zerstört.«

Regan sah Colette vor sich, die älteste der Connors-Schwestern. Hochgewachsen, hellblonde Haare und scharf geschnittene Gesichtszüge, die zu ihrer ebenfalls scharfen Zunge passten. Colette bahnte sich mit ausgefahrenen Ellbogen den Weg durchs Leben und bekam stets das, was sie wollte. Genau wie Brindel. Und jetzt war Brindel tot. Pescoli schob die in ihr aufkochenden Emotionen entschlossen beiseite. »Die Polizei wird unverzüglich Kontakt mit euch aufnehmen«, sagte sie und hoffte, dass sie damit richtiglag.

»O Gott. Ich weiß nicht mal, was eigentlich passiert ist. Nur dass Paul und Brindel zu Hause in ihren Schlafzimmern erschossen wurden.«

»Sie haben getrennte Schlafzimmer?«

»Ja, ja. Getrennte Schlafzimmer, getrennte Leben. Dona, ihre Haushälterin, hat sie heute Morgen entdeckt. Brindel in ihrem Bett, Paul in seinem – zumindest meine ich, sie hätte das gesagt, ich bin mir nicht ganz sicher. Ach du lieber Gott, ich weiß es nicht. Die arme Dona, dass sie die beiden so sehen musste …« Sie fing wieder an zu weinen.

»Was ist mit den anderen? Den Kindern? Pauls Jungs und Brindels Tochter?«

»Keine Ahnung.« Sarina schniefte. »Die Jungs – Macon und Seth – sind an der Uni. Glaube ich zumindest. Auch das weiß ich nicht mit Bestimmtheit. Brindel hat … hatte kein sonderlich gutes Verhältnis zu den beiden.«

»Und Ivy?«, hakte Regan nach.

»Ivy …« Sarina schluckte. »Herrjemine … Ich glaube, Ivy ist verschwunden!«

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Kapitel drei

Anthony Paterno, leitender Ermittler beim San Francisco Police Department, ließ ein letztes Mal den Blick durchs Schlafzimmer schweifen, während das Team von der Gerichtsmedizin einen Leichensack schloss und die tote Brindel Latham auf eine Bahre verfrachtete. Unglücklicherweise war ihre Schwester trotz der frühen Morgenstunde aufgetaucht und hatte prompt einen Nervenzusammenbruch erlitten – zumindest laut Officer Nowak, seinem mitunter nervtötend dienstbeflissenen uniformierten Kollegen, der nach Eingang des Notrufs als einer der Ersten vor Ort gewesen war. Er würde mit ihr reden müssen, doch zunächst wollte er noch einmal durchs Haus gehen. Es war wichtig, sich sofort einen Eindruck vom Tatort zu verschaffen, wichtig, dass einem alles frisch im Gedächtnis war, bevor man sich an die Auswertung dessen machte, was die Spurensicherung zusammengetragen hatte.

Die Kriminaltechniker waren überall im Haus verteilt – die alte, im viktorianischen Stil gehaltene Villa war riesig –, suchten nach Hinweisen, fotografierten die Räume, saugten die Teppiche ab in der Hoffnung, Haare oder sonstige Hinweise zu finden, staubten sämtliche Oberflächen mit Fingerabdruckpulver ein und durchkämmten sorgfältig Zentimeter um Zentimeter. Der Gerichtsmediziner war fertig mit den beiden Opfern, vorhin war bereits die Leiche von Paul Latham in die Gerichtsmedizin abtransportiert worden. Weitere Tote hatte man nicht gefunden. Keine Spur von den Kindern. Es sah ganz danach aus, als seien die Lathams allein im Haus gewesen.

Das Zimmer des Mädchens erweckte allerdings den Anschein, als habe es sich unlängst darin aufgehalten – das Bett war ungemacht, Handtasche und Handy fehlten. War Ivy Wilde – so hieß die Siebzehnjährige laut Officer Nowak – entführt worden? Oder hatte sie das Haus aus freien Stücken verlassen? Die Spurensicherung hatte Bettzeug und Computer bereits mitgenommen, stellte Paterno fest, als er sich in Ivys Zimmer umsah. Was zum Teufel war passiert? Hoffentlich war dem Mädchen nichts zugestoßen. Bilder von Mädchenhandel und sexuellem Missbrauch zogen vor seinem inneren Auge auf und vermischten sich mit der Befürchtung, dass sie ebenfalls tot sein könnte. Hoffentlich nicht.

Paterno ging weiter durchs Haus, sorgfältig darauf bedacht, den Tatort nicht zu kontaminieren, doch seinem konzentrierten Blick entging nichts. Das Haus selbst war prächtig, erbaut in einer Zeit der Giebeldächer, dicken Säulen und Stabwerksfenster. Über hundert Jahre alt, versehen mit zahlreichen modernen Annehmlichkeiten, die aussahen, als seien sie ebenfalls im vergangenen Jahrhundert gefertigt worden, den eleganten Fliesen, prächtigen Marmor- und Hartholzböden und eindrucksvollen Kristalllüstern, machte es wirklich etwas her. Doch das hatte die Bewohner nicht davor schützen können, einem Mordanschlag zum Opfer zu fallen. Beide waren tot, hatten erschossen in ihren Betten in getrennten Schlafzimmern gelegen, obwohl sie verheiratet waren. Dr. Paul Latham hatte man mit nichts außer Boxershorts am Leib gefunden, die Rückseite seines Schädels war komplett zerstört; Brindel, seine Ehefrau, hatte mit dem Gesicht nach oben im Bett gelegen, ein Einschussloch nach guter alter »Direkt-zwischen-die-Augen-Manier« auf der Stirn. Sie war komplett nackt gewesen. Schlief sie immer so? Vielleicht. Oder war der Tat eine sexuelle Handlung vorangegangen? Auch eine Möglichkeit. Es gab Hinweise auf einen Raub – ein Safe in der Bibliothek war offen und leer geräumt. Zu allem Überfluss besaß Latham auch noch ein Waffenlager, einen extra eingebauten Schrank mit einer abschließbaren Schiebetür, der aussah, als habe er jede Menge Schusswaffen beherbergt. Auch das Waffenlager war geräumt worden, die Tür stand auf, die Innenbeleuchtung erhellte leere Ständer und Waffenkoffer.

Waren die beiden Morde etwa das Resultat eines schiefgegangenen Einbruchs?, fragte er sich, als er nun aus der Terrassentür trat und den Garten hinter dem Haus ins Auge fasste. Raubmord – offenbar sollte die Polizei genau das denken, aber irgendetwas stimmte nicht. Die Opfer in ihren Betten hatten scheinbar geschlafen. War das Ehepaar Latham umgebracht worden, bevor man seine Wertsachen gestohlen hatte, damit die Täter sichergehen konnten, dass es ihnen bei ihrem Raubzug nicht in die Quere kam? Handelte es sich bei den beiden Toten womöglich gar nicht um die Opfer eines gezielten Mordes, sondern vielmehr um eine Art »Kollateralschaden«? Oder sollten der leer geräumte Tresor und die fehlenden Waffen lediglich von den Morden ablenken?

Er würde es herausfinden, dachte er, während er in den grauen Himmel hinaufblickte, wo die Wolken mit schweren, dunklen Bäuchen beständig landeinwärts zogen. Die frische, winterliche Brise schnitt durch seine Regenjacke. Die Außenanlagen waren sorgfältig gepflegt. Ein umzäunter, schräg abfallender Garten mit Buchsbäumen und anderen Grünpflanzen und einem Tor am hinteren Ende ging auf eine schmale Gasse hinaus, die an den Rückseiten der Grundstücke von etwa einem halben Dutzend ebenso prächtiger Häuser vorbei zu einer Seitenstraße führte.

Er würde den Fall lösen. Das hatte er immer getan. Zumal es sich um seinen letzten Fall handelte. Anschließend, so hatte er beschlossen, wollte er das San Francisco Police Department – kurz SFPD – verlassen und in den Ruhestand gehen, wollte all die Morde und schweren Körperverletzungen, die brutalen Blutbäder und hässlichen Dinge des Lebens vergessen. Das Kajütboot seines Schwagers kaufen und das feuchtkalte San Francisco gegen eine Region mit milderem Klima eintauschen. Er träumte davon, in dem Bayliner Richtung Süden zu segeln, vorbei an L.A. und San Diego bis zu irgendeiner kleinen Stadt an der Küste von Mexiko, wo er Tequila trinken, Spanische Makrelen, Schnapper, Barsche oder sogar Pangasius angeln und seine Nächte damit zubringen konnte, die Sterne zu betrachten.

»Detective?«, riss ihn plötzlich eine energische Männerstimme aus seinem Tagtraum.

Paterno drehte sich um und sah einen Polizisten in Uniform auf sich zukommen. Klein, durchtrainiert, in den Zwanzigern, durch und durch geschäftig. Officer Nowak. Nicht der schon wieder …

»Ich denke, Sie sollten mit Ms. Marsh reden. Sie ist –«