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Ein kleiner Hund. Ein verlorener Stern. Und eine Reise, die alles verändert. Als Ophelia, der kleine Hund, erwacht, ist nichts mehr wie zuvor: Kein Duft, kein Laut, keine Spur von ihren geliebten Menschen - nur ein Stern am Himmel. Also macht sie sich auf den Weg: durch Wasser, Wüste, dunkle Wälder und schroffe Gebirge. Begleitet wird sie von einer schimmernden Qualle in einer Flasche, einem klugen Skorpion, einer schwungvollen Raupe - und einem zerzausten Küken, das wohl lieber seine Ruhe gehabt hätte. Gemeinsam suchen sie den Weg zu dem fernen Licht - und finden dabei etwas viel Größeres: Freundschaft, Mut und die Kraft, weiterzugehen. Ein poetisches Abenteuer für Kinder und Erwachsene - über das Loslassen, das Festhalten und das, was uns wirklich verbindet. Für alle, die jemanden vermissen. Und für alle, die sich erinnern möchten, was zählt.
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Seitenzahl: 88
Veröffentlichungsjahr: 2025
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AD ASTRA PER ASPERA
Der Weg zu den Sternen ist steinig und schwer
- Lateinisches Sprichwort, frei übersetzt -
- Verfasser unbekannt -
Für alle Fellnasen, Federkleider, Schuppenträger und Lieblingsmenschen:
Uns gehört der Augenblick.
Prolog - Zwischen den Welten
Kapitel 1 - Der verlorene Stern
Kapitel 2 - Durch das Wasser
Kapitel 3 - Durch das Feuer
Kapitel 4 - Durch die Kälte
Kapitel 5 - Durch die Nacht
Kapitel 6 - Über den Regenbogen hinaus
Epilog - Das geheilte Herz
Anhang
Zwischen den Welten
… wenn mich die Leute das erste Mal bemerken, tut es jeder auf seine eigene Art und Weise. Für die einen bin ich ein blitzendes blaues Licht, für die anderen Angst und Schrecken. Und dann gibt es die, für die ich lautlos und leise durch die Tür trete, ihnen zunicke und abwarte, bis sie ihre Dinge geordnet haben. Gerade sie haben mich meist schon eine Weile dabei beobachtet, wie ich sie begleite. Bis zu jenem Tag, an dem ich schweigend im Türrahmen lehne und darauf warte, dass sie sich bereit machen. Dann setze ich mich zu ihnen, berühre sie sanft und hauche ihnen einen Kuss auf die Stirn. Sie wissen, dass es kein Verhandeln gibt. Keinen Aufschub. Und erst recht keinen Anlass, mich zu fürchten. Sie begegnen mir als Freund, nehmen meine Hand und folgen mir in ein neues Abenteuer.
Ich habe viele Namen und Gesichter. Für die einen bin ich ein fahler Greis in schwarzem Mantel oder ein dunkler Schemen. Für die anderen erscheine ich als herzloses Ungeheuer oder als geflügeltes Wesen in hellem Licht. Aber wenn ihr mich fragt, wie ich mich selbst sehe, dann bin ich ein Mädchen mit dunklem Haar in einem nachtblauen Kleid mit goldenen Sternen darauf. Mein Gesicht ist blass, meine Lippen schmal und meine Augen kastanienbraun. Ja, ich bin romantisch. Aber wer wollte mir das verübeln? Ich habe schon so viel gesehen, so viel erlebt, so viel erfahren: Freude, Leid, Verzweiflung, Liebe. Ich urteile nicht darüber. Und so erlaube ich mir auch selbst auszusuchen, welches Gesicht ich tragen will und welche Geschichten ich in meinem Herzen aufbewahre.
Oh ja, es gibt viele Geschichten. Unendlich viele sogar. Und ich kann mich an jede einzelne erinnern. Aber ab und zu gibt es welche, die wie ein Licht im Dunkeln heller leuchten als die anderen. Die einen Abdruck hinterlassen. Die einen festhalten und nicht mehr loslassen. Eine davon ist die von Ophelia, dem kleinen Hund.
Ich weiß es noch genau: Ophelias Fell hatte die Farbe von Schnee, in den man einen Klecks Honig verrührt hatte. Als ich sie besuchte, klang die Musik von Paolo Conte durch den Raum. Ich nahm ihr allen Schmerz. Und als es Zeit war zu gehen, bettete ich sie auf ein großes Kissen, deckte sie zu und streute duftende Blüten auf ihren Weg. Dankbar sah sie mich an, ehe sie die Lider schloss und in die Nacht davonglitt.
Manchmal bedarf es keiner großen Worte, aber Ophelia hatte sich auch so sofort in mein Herz geschlichen. Und so soll es nicht weiter verwundern, wenn es heute ihre Geschichte ist, die ich euch erzählen will.
Der verlorene Stern
Ophelias Augenlider zuckten. Der Duft frischer Rosen kroch ihr in die Nase. Er vermischte sich mit dem Geruch süßer Mandelblüten, Jasmin und Kamille. Sogar einen Hauch von Lavendel und Zitronenblättern konnte sie riechen, je mehr sie aus den Tiefen ihres schweren Traumes auftauchte. Als wäre es eben erst gewesen, spürte sie noch die Umarmung ihrer beiden Herrchen, fühlte die Stelle auf ihrer Nase, wo sie sie geküsst hatten, und hörte die Worte, die sie flüsterten, bevor sie eingeschlafen war: „Wir sagen nicht ‘mach‘s gut’, wir sagen ‘hab dich lieb’.“
Sie kuschelte sich noch einmal an den Klang der Worte. Dann kroch sie unter ihrer hellblauen Lieblingsdecke mit den gelben Dinosauriern hervor, streckte sich, gähnte herzhaft und schüttelte den letzten Rest Müdigkeit aus ihrem Fell. Der silberne Herbstmorgen lockte sie hinaus in den Garten. Ophelia folgte seinem Ruf durch die offene Tür auf die kleine Terrasse aus porösem Stein, sprang die zwei Stufen hinunter, betrat das feuchte Gras und sog die kühle Luft ein. Wo das Zwielicht den Boden unter dem großen Kirschbaum berührte, stiegen fahle Nebelschwaden auf. In dem knorrigen Apfelbaum daneben klirrten zahllose Seeglasscheiben leise im Wind. Pling machte es, wenn sie sich berührten. Ophelia musste lächeln, so fröhlich waren ihre Gedanken bei dem Klingeln. Sonst war alles still. Kein Laut war zu hören. Kein Vögelchen zu sehen. Kein Lüftchen zu spüren.
„Mmh“, dachte sie, „so ruhig war es hier schon lange nicht mehr.“
Normalerweise war sie die Letzte ihrer kleinen Familie, die aufwachte und das warme Bett verließ. Ihre beiden Herrchen trugen sie dann Stockwerk für Stockwerk die steile Treppe hinunter, setzten sie in den Garten und ließen sie nach dem Rechten sehen. Manchmal traf sie am Zaun den kleinen schwarzen Nachbarshund. Dann tauschten sie Neuigkeiten aus oder bellten die frechen Raben an, die ihrerseits wiederum von den Bäumen herabschimpften. Oder sie schnüffelten gemeinsam nach den Spuren der Tiere, die nachts heimlich durch den Garten geschlichen waren. War das erledigt, lief Ophelia in das große Haus zurück, wo meist schon ein leckeres Frühstück auf sie wartete. Aber heute schien alles anders zu sein: Keine Herrchen. Kein Nachbarshund. Keine Raben und Nachttiere. Und schon gar kein Frühstück. Aber das Merkwürdigste daran war, dass sie weder ihre Herrchen noch den Nachbarshund, die Raben oder Nachttiere riechen konnte. Es war, als wären sie nie hier gewesen. Als hätte jemand die ganze Welt geputzt und von ihrem Geruch befreit, während sie tief und fest auf ihrem gemütlichen Kissen in der Küche geschlafen hatte. Selbst das kam ihr jetzt seltsam vor. Denn solange sie denken konnte, hatte sie jede Nacht im Bett ihrer Herrchen verbracht. Stirnrunzelnd blickte sie durch die Terrassentür zurück ins Haus. Alles sah aus wie immer: Da hing ein Bild, dort stand ein Stuhl, hier lag ein Ball. Aber auch von drinnen war kein Geräusch zu hören oder ein Geruch wahrzunehmen. Niemand war in dem Haus. Niemand im Garten oder hinter dem Zaun. Ophelia war ganz allein.
Ihr wurde flau zumute. Das hatte es ja noch nie gegeben. Jetzt hieß es, einen klaren Kopf zu behalten.
Sie setzte sich ins Gras, leckte sich über die Lippen und sah sich um. Das Haus stand, wo es immer stand.
Die Terrasse war von Löwenzahn überwuchert, wie sie es immer war. Auch die Obstbäume hatten sich keinen Zentimeter von der Stelle bewegt.
„Mmh“, grübelte Ophelia, „wenn alles an seinem Platz ist, wo sollen dann meine Herrchen sein?“
Aber so sehr sie sich auch mühte, es wollte ihr keine Antwort einfallen. Sie legte den Kopf in den Nacken und sah zum Himmel hinauf. Ein heller Stern blinkte verloren am Firmament. Da erinnerte sie sich an den letzten Moment, bevor sie eingeschlafen war: die Umarmung, der Kuss, die Worte. Dann waren ihre Augen zugefallen – und die Gesichter ihrer beiden Herrchen verschwanden in der Dunkelheit und verschmolzen zu einem Stern in der Nacht. Je länger sie den Stern nun betrachtete, umso mehr war sie davon überzeugt, in seinem Blinken das Blinzeln ihrer Herrchen zu erkennen.
„Mmh“, stellte Ophelia fest, „da oben habt ihr euch also versteckt.“
So war es auch kein Wunder, dass sie sie weder hören noch riechen konnte. Der Stern war ja viel zu weit weg dafür. Wie weit, das sollte sie gleich am eigenen Leib erfahren. Denn so sehr sie sich auch streckte, auf die Hinterbeine stellte und in die Höhe sprang: Der Stern blieb unerreichbar für sie.
„Mmh“, fragte sich Ophelia, „wie soll ich denn zu euch gelangen?“
Da fiel ihr Blick auf das kleine rostige Gartentor. Es stand offen. Was für ein Glück! Vielleicht fand sie draußen etwas, auf das sie sich stellen, den Stern erreichen und so zu ihren Herrchen kommen konnte. Sie sprang auf, schlüpfte durch das Tor, lief über die große Wiese dahinter und kam am Rand des grauen Asphaltflusses zum Stehen. Aber weit und breit konnte sie keine Erhebung sehen, die sie näher an den Stern brachte. Nicht einmal einen großen Stein, auf den sie klettern konnte. Sie sah nach oben. Erschrocken stellte sie fest, dass der Himmel immer heller und der Stern immer blasser geworden war. Sie wusste, wenn die Sonne aufging, würde der Stern verschwinden. Dann würde sie ihre Herrchen niemals wiedersehen. Ein seltsames Gefühl stieg in ihr auf. Kalt und kribbelnd kroch es ihre Beine hoch, grabschte mit seinen dürren Fingern nach ihrem Herzen und drückte es zusammen. Ophelia merkte, wie etwas in ihr in tausend Stücke zerbrach und eine gähnende Leere hinterließ. Instinktiv rannte sie los. Sie musste dieses Gefühl abschütteln, ihm entkommen. Hinter ihr versanken das Haus, der Garten und das Gartentor im aufsteigenden Dunst. Je weiter sie sich davon entfernte, umso mehr verblasste ihre Erinnerung daran. So sehr konzentrierte sie sich auf das, was vor ihr lag: zu dem Stern kommen, ihre Herrchen finden. Nur ein kleiner grauer Fetzen löste sich aus dem Nebel und folgte ihr. Unbemerkt.
So lief Ophelia Stunde um Stunde und Meile um Meile. Auf dem gewundenen Band des grauen Asphaltflusses eilte sie dem Flackern des Sterns hinterher. Ging durch das Gras der flachen Lande und stapfte durch den Schnee der hohen Berge, kam durch das Tal der tausend Blüten und überquerte den Strom der großen Ebene. Aber wo sie auch war, ob nah oder weit entfernt von den vorbeiziehenden Dörfern und Städten: Niemand begegnete ihr. Kein Laut war zu hören. Kein Vögelchen zu sehen. Kein Lüftchen zu spüren. Aber das schien ihr gar nicht aufzufallen, so sehr war ihr Blick auf den immer schwächer werdenden Stern gerichtet.
Da sah sie in der Ferne einen steilen Hügel. Seine Spitze führte geradewegs auf den Stern zu. Noch einmal nahm sie alle Kraft zusammen und rannte los. Denn schon berührte der erste Sonnenstrahl den Fuß des Hügels. Ophelia sprang darüber hinweg und lief im Wettlauf mit dem Licht den Hang hinauf. Gleich hatte sie es geschafft. Gleich konnte sie den Stern berühren. Wie ein Pfeil schoss sie dahin. Sie setzte zum Sprung an. Da wurde sie von dem Licht überholt. Hilflos musste sie mit ansehen, wie der Stern ein letztes Mal aufblinkte. Dann war er verschwunden. Erstarrt stand Ophelia auf dem Hügel, ein Pfötchen in den Himmel gestreckt. Sie wollte nicht glauben, dass sie es nicht rechtzeitig geschafft hatte. Der Stern war fort. Der Weg zu ihren Herrchen verloren.
„Mmh“, suchte sie den leeren Himmel ab, „wie soll ich sie denn jetzt wiederfinden?“
