Ophelia Scale - Die Sterne werden fallen - Lena Kiefer - E-Book

Ophelia Scale - Die Sterne werden fallen E-Book

Lena Kiefer

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11,99 €

Beschreibung

Kann ihre Liebe dem Hass trotzen und den Tod besiegen?

Ophelia befindet sich nun endgültig zwischen den Fronten. Die regierungstreuen Anhänger der Abkehr von jeder Technologie und die Widerstandsgruppe ReVerse bekämpfen sich mit allen Mitteln. Letztere wird inzwischen vom mächtigsten Gegner der königlichen Familie angeführt. Als die Stimmung in der Bevölkerung umzuschlagen droht, muss der König alles auf eine Karte setzen. Und Ophelia muss sich entscheiden, was sie bereit ist zu opfern, wenn sie ihre große Liebe und ihr Land retten will.

Alle Bände der Ophelia Scale-Trilogie:
Ophelia Scale – Die Welt wird brennen
Ophelia Scale – Der Himmel wird beben
Ophelia Scale – Die Sterne werden fallen
Ophelia Scale – Wie alles begann (Shortstory, nur als E-Book verfügbar)

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 629




LENA KIEFER

DIE STERNE WERDEN FALLEN

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© 2019 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagkonzeption: Carolin Liepins, München

© Shutterstock (Pablos33; Tithi Luadthong; BokehStore; ArtaKM)

MP · Herstellung: AJ

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-24302-9V001

www.cbj-verlag.de

Für Stina und Patricia,weil ihr meine ersten Leser wart

1

»Los, los, los! Worauf wartet ihr denn?«

Die Stimme von Milan Kovacs brüllte so laut in mein Ohr, als stünde er direkt neben mir. Dabei hörte ich ihn nur über meine EarLinks. Er war nicht mal in meiner Nähe.

»Kein Grund, so zu schreien«, murrte ich.

»Dann beweg gefälligst deinen Arsch, Scale!«, brüllte er unbeirrt weiter.

Ich wechselte einen Blick mit Jye, der neben mir lief. Ohne ein Wort nahmen wir unsere Waffen hoch und traten vorsichtig aus der Deckung der Bäume.

Unser Ziel, ein dunkles Gebäude, hob sich grünlich-grau von der verschneiten Umgebung ab. Davor war niemand zu sehen, aber das wunderte mich nicht. Man riskierte keine Opfer, wenn man früh genug gewarnt wurde. Und ich hatte Maraisville rechtzeitig darüber informiert, wo unser nächster Einsatz stattfinden würde. Wo der nächste Einsatz von ReVerse stattfinden würde.

»Wie besprochen – Scale, du gehst mit Eadon, Odell und Torres vorne rein«, befahl Milan harsch. Er befand sich in einiger Entfernung oberhalb des Geländes und sah uns über seine EyeLinks. »Amato und Walks sichern hinten ab. Der Rest bleibt draußen, falls Verstärkung kommt.«

Niemand stellte die Anweisungen infrage, auch wir nicht. Torres und Jye positionierten sich neben der Tür, ich machte mich am Zugangspanel zu schaffen und tat so, als würde ich eine Berechtigung vortäuschen – während Maraisville den Eingang für mich entriegelte. Wir zögerten nicht lange und gingen hinein, Jye vorneweg, ich hinter ihm, der Rest des Teams folgte uns. Die Formation war kein Zufall. Nur, wenn Jye oder ich als Erste in einen Gang traten, konnten wir verhindern, dass jemand erschossen wurde. Auf beiden Seiten.

Im Gebäude war es etwas wärmer als draußen, helle Lampen leuchteten die Gänge aus. Auf meinen EyeLinks erschien eine Karte des Komplexes – die Zugänge, die Treppen, das Steuerungszentrum der Windkraftanlage, die im Süden des ehemaligen Deutschlands stand. Dieser Wartungsraum war unser Ziel. Ich konnte nur hoffen, es waren nicht allzu viele Leute im Gebäude. Denn dass welche dort waren, stand fest. Den Komplex vollständig zu evakuieren, wäre zu verräterisch gewesen.

»Hier links.« Jye lief vor, ich folgte ihm mit Knox und Torres. Das Gebäude war ein Labyrinth, aber mit den Plänen vor Augen war es ein Kinderspiel, den richtigen Weg zu finden. Stumm arbeiteten wir uns in das Innere der Anlage vor. Niemand sprach über die Vorgehensweise oder unsere Aufgaben. Jeder wusste, was er zu tun hatte.

»Halt, stopp.« Jye hielt an und sah um die Ecke in den Gang.

Kein Kinderspiel war es jedoch, dass hier mehr Arbeiter und Wachleute waren als erwartet. Ich hatte darum gebeten, das Gebäude bis auf ein Minimum zu räumen. Warum hörte eigentlich nie jemand auf mich?

»Ich mache das.« Torres wollte vorgehen, aber Jye schob sich an der Söldnerin vorbei. Ich hielt ihn nicht auf. Er war der Einzige im gesamten Team, dem ich vertraute. Der Einzige, der auf meiner Seite war. Früher hatte ReVerse es vermieden, Menschen zu verletzen. Aber die Zeiten waren jetzt andere. Es gab nur noch wenige, die darüber nachdachten, ob sie jemanden töten sollten oder nicht.

Der Rest von uns blieb in Deckung und überließ Jye das Feld. Mehrere Schüsse waren zu hören. Ich verzog keine Miene, weil ich wusste, Jye hatte seine Waffe auf Betäubung gestellt. Außerdem gewöhnte man sich an das Geräusch.

Man gewöhnte sich an fast alles.

»Erledigt.« Jye kam zurück und alle anderen folgten ihm. Gut, dass wir es eilig hatten. So würde niemand bemerken, ob die Wachleute tot oder nur bewusstlos waren.

Es ging zwei Treppen nach unten, die Luft wurde kühler, künstlicher. Jye lief immer noch voran, ich war dicht hinter ihm, hatte meine Waffe seitlich im Anschlag. Ein Wachmann tauchte auf, hob sein Sturmgewehr. Ich reagierte sofort, die beiden Betäubungsprojektile trafen ihn direkt am Hals. Er brach zusammen und wir stiegen über ihn hinweg. Hinter ihm war es ruhig.

Aber das blieb es nicht lange.

»Die verdammte Verstärkung ist schon da!« Einer der Wulff-Brüder – Scott oder Flint? – wurde laut in meinem Ohr. »Wieso sind die so früh hier?« Er war draußen bei denen, die den Zugang sichern sollten.

Weil sie viel früher gewarnt wurden, als du denkst. Ich schaltete meine EarLinks ab, legte einen Schritt zu und streckte dabei die Hand nach der Tasche aus, die Jye trug. Er hielt sie mir bereits hin, als hätte er meine Gedanken gelesen.

Noch zwei Gänge und drei Abzweigungen, dann stießen wir die Tür zum Steuerungszentrum auf. Es war kalt hier drinnen, fast so kalt wie draußen im Freien, wo bereits seit Dezember Minusgrade herrschten. Ich zog trotzdem die Handschuhe aus und öffnete die Tasche. Dann trat ich an eines der Wartungsterminals.

»Alles da, wo es sein soll?« Jye deckte meinen Rücken. Knox blieb mit Torres an der Tür.

»Das werden wir gleich sehen.« Ich öffnete einen der Hardware-Schränke und suchte nach der richtigen Signatur am Rand. Dann zog ich ein Modul heraus und besah mir den Aufbau der Layer.

»Draußen gibt es Probleme«, meldete Knox, dessen EarLinks noch aktiv waren. »Maraisville hat mehr Leute geschickt als geplant. Phee, wie lange noch?«

»Es geht nicht schneller, wenn du mich hetzt!«, zischte ich.

»Ich habe nicht –«

»Sei still, Mann«, unterbrach Jye ihn. »Lass sie arbeiten.«

Die Layer waren die Richtigen, also entfernte ich sie vorsichtig aus dem Modul und ersetzte sie durch die mitgebrachten Exemplare in meiner Tasche. Die beiden Jungs blieben dankenswerterweise still, während ich das Modul wieder einbaute und den Schrank verschloss. Trotzdem sah ich Jyes besorgtes Gesicht.

»Das Team draußen muss sich zurückziehen«, sagte Knox da. »Es sind zu viele.«

»Dann geht raus und helft ihnen.« Ich drehte mich zu meinem Ex-Freund und Torres um. »Jye und ich kommen hier allein klar.«

Knox zögerte und wir lieferten uns eines der Blickduelle, die in den letzten Monaten unser bevorzugtes Kommunikationsmittel geworden waren. Ich gewann, er nickte und wandte sich ab. Man hörte, wie die Schritte der beiden draußen auf dem Metallgitter verhallten. Im nächsten Moment schaltete Jye seine Links ab.

»Wird es funktionieren?« Er trat neben mich und drehte der Tür den Rücken zu. Weder er noch ich mussten die Verstärkung aus Maraisville fürchten.

»Ich hoffe es. Die letzten zwei Male hat es schließlich geklappt.«

»Die Frage ist nur, ob sie diesmal auch schnell genug sind.« Jye seufzte. »Ich wünschte, es gäbe einen anderen Weg als diese Zitterpartien.«

Ich sah ihn an und kämpfte wie immer gegen das tonnenschwere Gewicht auf meinem Herzen an. »Glaub mir, ich auch.«

Jye sah zu, während ich auf die Zugangsprotokolle zugriff. Eigentlich war Hardware immer eher mein Ding gewesen, aber das Manipulieren von Software war in den vergangenen Wochen zu meiner neuen Spezialität geworden. Gezwungenermaßen. Wenn nämlich jemand anders diesen Job gemacht hätte, wäre ich nicht in der Lage gewesen, die Pläne von Costard und der OmnI zu vereiteln.

Es dauerte nicht lange, bis ich die richtigen Routinen gefunden und zum Update gezwungen hatte. In wenigen Minuten würde die OmnI Zugang zu dieser Anlage erhalten. Nur Milli­sekun­den später würde mein Programm sie wieder aus dem System werfen und es wie einen Fehler im Leitungsnetz aussehen lassen. Ich nahm die Hände vom Screen.

»Caspar?« Ich wartete nicht, bis er antwortete. »Ihr könnt sie reinschicken.«

Wir packten zusammen und liefen aus dem Raum, während in meinen EyeLinks – denen aus Maraisville, die wir zum Glück parallel zu denen von ReVerse tragen konnten – ein Timer startete. Das hier war Maßarbeit. Ein paar Minuten Verzug im Ablauf und wir waren alle verloren.

Auf dem Gang begegnete uns das Team der königlichen Einsatzkräfte: zwei Schakale und zwei Techniker. Sie grüßten uns im Vorbeigehen stumm, wir taten das Gleiche. Einen eiligen Lauf durch das Gängelabyrinth später stießen wir einen Wartungsschacht auf und landeten an einem verschneiten Abhang. Ohne Absprache schalteten wir unsere ReVerse-Links wieder ein.

»Eadon! Scale!« Milan verschwendete keine Zeit. »Das Team ist längst unten, wo seid ihr?«

»Wir mussten uns erst rauskämpfen«, keuchte Jye sehr überzeugend. »Sind schon auf dem Weg zum Treffpunkt.«

Wir setzten uns in Bewegung, rannten hinunter ins Tal, durch die eng stehenden Baumreihen hindurch. Unter dem gefrorenen Schnee knirschte altes Laub, und mehr als einmal legte ich mich fast auf die Nase. Am liebsten hätte ich langsam gemacht, weil wir von unseren Verfolgern nichts zu befürchten hatten. Aber das ging nicht. Wenn wir zu spät am Treffpunkt ankamen, würde man Fragen stellen. Und Fragen waren das Letzte, was wir gebrauchen konnten.

Jye und ich liefen wie der Teufel, beinahe eine Viertelstunde. Dann kam das Team in Sicht – mehrere schwarz gekleidete Leute neben zwei großen Transportern. Knox war dabei, aber drei andere fehlten.

»Na endlich.« Milan, ein ungemein zäher Typ um die dreißig mit kantigem Schädel und kalten Augen, musterte Jye und mich streng. »Wir dachten schon, ihr würdet vor Einbruch der Nacht nicht zurückkommen.«

»Na, jetzt sind wir ja da.« Jye lächelte leicht.

»Und warum waren eure Links offline, als ihr drin wart?«

»Interferenzen von den Zugangsmodulen«, sagte ich ohne nachzudenken. Dann sah ich mich um. »Sind alle in Ordnung?« Es war mir scheißegal, ob es diesen blindwütigen Radikalen gut ging, von Knox vielleicht abgesehen. Aber es gehörte zu meiner Rolle, danach zu fragen.

»Nein, sind sie nicht.« Milan presste die Kiefer aufeinander. »Die Garde hat Zrake erledigt und Torres und Purge sind verletzt im Wagen. Wieso waren die Lilienärsche so früh da?«

»Woher soll ich das wissen?«, schnauzte ich. Das war die einzige Sprache, die er verstand. Wenn man sich nur einmal schwach vor Leuten wie ihm zeigte, hatte man verloren. »Ist ja nicht so, als hätte ich eine Standleitung nach Maraisville, oder?!« Gefährliche Anspielung.

In Milans Augen zuckte es, dann hob er die Hände. »Krieg dich ein, Scale. Ich habe ja nicht gesagt, dass du uns verpfiffen hat.«

»Niemand hat uns verpfiffen.« Jye nahm mir die Tasche ab. »Das hier ist das einzige Energieversorgungszentrum im Umkreis von fünfhundert Kilometern. Und die wissen, worauf wir es abgesehen haben. Wundert es dich da etwa, dass sie mit uns rechnen?«

»Lief denn alles nach Plan da drinnen?«, fragte Milan mich, ohne auf Jye einzugehen.

»Natürlich.« Ich sah ihn finster an. »Oder zweifelst du an mir?«

»Habe ich denn einen Grund dazu?«

»Hast du nicht. Du weißt, wer ich bin und was ich getan habe.«

»Was du fast getan hast. Der Tod des Königs war nicht dein Verdienst.«

»Indirekt schon.« Ich reckte das Kinn und drängte das Ziehen in meinem Bauch bei diesen Worten weg. »Oder habe ich etwa nicht dafür gesorgt, dass die OmnI befreit wird?«

Schreie von weiter oben hinderten Milan an einer Antwort. Die königliche Verstärkung war hinter uns her.

»Los, in die Wagen!« Milan sprang auf einen der Transporter, Jye und ich stiegen auf den anderen, der in der gleichen Sekunde losfuhr. Schnell duckten wir uns hinter die niedrige Bordwand, als Maraisvilles Leute auf die Lichtung traten und begannen, auf uns zu schießen. Ich legte mich flach auf den Bauch und schloss die Augen.

Es dauerte nicht lange, dann hörte der Beschuss auf, und das einzige Geräusch war das der Reifen auf dem holprigen Unter­grund.

Wir setzten uns hin und ich lehnte meinen Rücken gegen die Wand hinter mir.

»Und wieder einmal waren wir schneller als diese Witz­figu­ren«, feixte Torres, die sich ihren verletzten Arm hielt. Ihr eigentlich hübsches Gesicht glühte vor Hass. Dass wir eines unserer Teammitglieder verloren hatten, schien ihr so egal zu sein wie allen anderen. So war ReVerse jetzt: Der Name war nur noch ein Etikett. Mit dem ReVerse, wie ich es kannte, hatte der Widerstand schon lange nichts mehr zu tun.

»Costard wird zufrieden sein«, sagte Scott Wulff. »Es kann nicht mehr lange dauern, bis wir endlich Paris übernehmen. Und dann ist es nur noch ein Schritt bis nach Maraisville.« In Paris war das größte Ausrüstungszentrum für Waffen und technische Hilfssysteme Europas. Wenn die OmnI Zugriff darauf bekam, waren wir am Ende.

»Gute Arbeit, Scale.« Sein Bruder Flint nickte mir anerkennend zu.

»Danke.« Ich tat so, als würde er mir schmeicheln. Denn das war mein Job. Ich musste so tun, als wäre ich auf ihrer Seite, als würde ich ihre kranke Ideologie teilen. Wieder einmal musste ich eine andere Version von mir spielen, lügen und allen etwas vormachen. Das war ich gewohnt. Neu war aber, dass ich mit dieser Version von mir absolut nichts mehr gemeinsam hatte. Im Gegen­teil.

Ich hasste sie abgrundtief.

2

Es dämmerte bereits, als vier fensterlose Container auf Fahrgestellen in Sicht kamen, die im Schutz einer Baumreihe aufgestellt waren. Diese bei Bedarf mobile Unterkunft war seit fast drei Monaten mein Zuhause. So lange war es her, dass ich an einem ganz bestimmten Abend entschieden hatte, nicht in eine ganz bestimmte FlightUnit zu steigen.

Bereute ich das? Mindestens einmal pro Minute. Aber trotzdem war ich noch hier. Weil sich an den Gründen für meine Entscheidung nichts geändert hatte. Die OmnI hatte den König getötet und damit einen neuen ins Amt gehoben, der in noch viel größerer Gefahr schwebte als sein Vorgänger. Wenn ich die OmnI nicht aufhielt, würde sie zuerst ihn töten. Und danach jeden anderen von uns.

»Hier.« Jye setzte sich neben mich und reichte mir einen Becher mit dampfendem Tee. Wir waren draußen, wie meistens, trotz der eisigen Temperaturen. Es gab keine andere Möglichkeit: Der enge Schlafcontainer enthielt zahlreiche an den Wänden befestigte Pritschen, auf denen wir die Nächte verbrachten. Ein bequemes Sitzen war dort nicht möglich. Und der SupplyContainer oder der ComContainer für unser technisches Equipment eignete sich ebenso wenig als Aufenthaltsraum.

»Du bist wirklich und ohne jeden Zweifel der beste Freund aller Zeiten.« Ich lächelte, das erste Mal an diesem Tag. Jye war mein einziger Rückhalt in dieser lebensfeindlichen Umgebung. Ich war so dankbar, dass Caspar Dufort auf mich gehört und ihn zu meiner Unterstützung geschickt hatte. Ohne Jye wäre ich längst durchgedreht.

»Das ist zu viel der Ehre.« Mein Freund grinste und legte die Hände um seinen Becher. Ich nahm meinen und trank einen Schluck. Der Tee wärmte mich von innen und vertrieb die klamme Kälte für einige Augenblicke. Dankbar atmete ich aus.

»Ich bin so bereit für den Frühling, das glaubst du nicht«, seufzte ich.

»Du könntest näher beim Feuer sitzen.« Jye deutete auf den Rest des Teams, das sich ein Stück entfernt zwischen zwei Containern um einen mit Gas betriebenen Ofen drängte.

»Nein, danke.« Ich verengte die Augen. »Heute ertrage ich sie nicht.« An manchen Tagen hatte ich das Gefühl, als ziehe mir der blinde Hass der anderen jeden Funken Energie aus den Knochen. Die meiste Zeit musste ich in ihre Tiraden mit einstimmen, damit sie mir abkauften, dass ich auf ihrer Seite war. Aber manchmal war ich zu müde dafür, zu wütend oder beides. So wie heute.

Costard hatte blind alle rekrutiert, die gegen den König waren – ReVerse-Leute, Söldner, Radicals. Seit Troys Tod hatte er das alleinige Sagen über den Widerstand und nutzte diese Macht aus, um ihn nicht nur zu radikalisieren, sondern auch zu professionalisieren. Die Ausstattung war allerdings trotzdem dürftig. Costard hatte die OmnI an seiner Seite, aber solange sie nicht auf die Produktionsstätten zugreifen konnte, musste er mit seinen Ressourcen haushalten – und die waren begrenzt. Er hatte zwar eines seiner Lager mit technischem Rohmaterial vor der Abkehr bewahren können, aber das enthielt weder Nahrungsmittel noch Kleidung oder mobile Heizsysteme. Deswegen musste sogar unser Spezial-Team mit den Standard-Containern auskommen, bekam fade Notrationen und Kleidung, die für den ständigen Aufenthalt in der Kälte nicht gemacht war. Seit wir vor vier Wochen das iberopäische Gebiet verlassen hatten, um uns den Energiezentren weiter nördlich zu widmen, fror ich eigentlich ständig.

»Glaubst du, es hat funktioniert?«, fragte Jye mich. Ich wusste sofort, was er meinte.

»Dufort hat mir durchgegeben, dass die Schakale früh genug da waren«, antwortete ich leise. Meine Hand fuhr automatisch an meine Schläfe, wo das Implantat saß – meine einzige Verbindung zu Maraisville. »Zum Glück. Hätte die OmnI dieses Zentrum tatsächlich übernommen, wäre sie ein ganzes Stück weitergekommen. Und sie hätte innerhalb von Sekunden alles so verschlüsselt, dass niemand außer ihr mehr auf das Versorgungszentrum hätte zugreifen können.«

»Fragt sich nur, wann die von dem Fehlschlag erfahren.« Jye deutete mit dem Kinn auf den Rest des Teams. Sein Blick war besorgt.

»Wenn es so läuft wie die letzten Male, dann nicht so bald. Costard vermeidet es ja, über Misserfolge zu informieren. Er erzählt immer nur, wie toll alles läuft.« Ich rieb mir müde über die Stirn. Am liebsten hätte ich mich schlafen gelegt. Aber wenn man zu früh schlapp machte, hielten die anderen im Team einen für schwach. Das konnte ich mir nicht erlauben. »Ich weiß trotzdem nicht, wie oft wir diese Nummer noch abziehen können. Irgendwann wird die OmnI so weit sein, dass ihr ein schnellerer Zugriff auf die Versorgungszentren möglich ist.«

»Dann bleiben immerhin noch die lokalen Sicherungen.«

»Ja, aber auch die wird sie eines Tages überwinden.«

Um den Zugang einer künstlichen Intelligenz wie der OmnI in das Datennetz unmöglich zu machen, hatte Leopold vor sechs Jahren mehrere Sicherheitsmaßnahmen ergriffen. Da es viel zu aufwendig gewesen wäre, alle Leitungen in ganz Europa aus dem Boden zu entfernen, hatte man sich darauf beschränkt, nur die MerchPoints zu entfernen. Diese einfachen Hardware-Elemente dienten als Kopplungen für verschiedene Arten von Datenleitungen und waren relativ simpel herzustellen. Dafür gab es nun die Quittung: Weniger gut ausgebildete Teams als unseres, meist Gruppen von Radicals, zogen durch das Land und setzten von Costard gebaute Points wieder ein. Dabei kam Maraisville ihnen regelmäßig in die Quere, aber wir hatten nicht genug Soldaten, um an allen Orten gleichzeitig zu sein. Es war ein Hin und Her, ein Kampf gegen die Zeit, ein Kampf, den die stärkste Truppe für sich entschied. Momentan gewann Maraisville ihn noch. Aber ich hatte Angst, was passierte, wenn das Blatt sich wendete. Wenn immer mehr Leute aus der Bevölkerung sich dem Widerstand anschlossen.

Die MerchPoints waren jedoch nur eine Schwachstelle. Dann gab es noch die lokalen Versorgungszentren in den einzelnen Städten. Sie arbeiteten autark, wurden nun aber von ReVerse-Mitgliedern angegriffen, um dort die Hardware auszutauschen und alle Zentren an das Datennetz anzuschließen, damit die OmnI später Zugriff auf sie bekommen konnte. Und dann waren da noch wir – das Spezial-Team, das für die Angriffe auf alle wichtigen großen Energiezentren zuständig war. Es gab nur ein Team von unserer Sorte, und wir sollten den Zugang für die OmnI herstellen, damit sie Macht über die Energieversorgung der Menschen bekam. Diese Zentren waren die fragilsten Punkte der Infrastruktur. Da man sie nicht abschalten konnte, ohne das Volk in Dunkelheit versinken zu lassen, musste der König sie in Betrieb halten und trotzdem schützen.

Der König.

Lucien.

Wie immer, wenn ich mir den Gedanken an ihn erlaubte, spürte ich einen tiefen Schmerz, der jeden Nerv meines Körpers erreichte. Weite Teile des Tages vermied ich es, an ihn zu denken, an meinen Lucien, nicht Lucien den König. Denn wenn ich es doch tat, wurde ich weich und schwach und vermisste ihn so fürchterlich, dass ich mich am liebsten heulend im Schnee zusammengerollt hätte, um dort auf mein Ende zu warten.

Ich spürte Jyes Hand auf meiner Schulter. »Wie lange ist es her, dass du zuletzt mit ihm gesprochen hast?« Es wunderte mich längst nicht mehr, dass mein bester Freund genau wusste, woran ich gerade dachte. Das war seine Superkraft, sein sechster Sinn.

»Viel zu lange«, erwiderte ich dumpf. Lucien und ich hatten an Weihnachten geredet, ein kurzes und zutiefst deprimierendes Gespräch. Nicht nur, weil wir einander vermissten, sondern weil Luciens Einsamkeit viel weiter ging. Er hatte seine Geschwister verloren und musste nun ohne die Hilfe seiner Familie einer Aufgabe gerecht werden, für die er nie vorgesehen gewesen war. Und ich konnte nicht für ihn da sein, weil ich ihn schützen musste. Nichts auf der Welt war mir wichtiger als die Sicherheit dieses Mannes, der mir so grausam fehlte und den ich so unglaublich liebte.

Jye senkte die Stimme. »Vielleicht wäre heute ein guter Tag, um mit ihm zu reden. Gerade achtet niemand auf dich.« Und das war selten genug der Fall.

Trotzdem schüttelte ich den Kopf. »Zu gefährlich.« Lucien mit mir zu verbinden war ein enormes Risiko für uns beide. Aber vor allem machte es nichts besser, wenn wir miteinander redeten. Seine Stimme zu hören holte nur meine Sehnsucht an die Oberfläche, die ich vor den anderen im Lager verbergen musste. Und er wurde daran erinnert, wie weit ich weg war.

Jye nickte langsam. »Verstehe.« Das tat er wirklich. Seit sein Freund Tatius bei einem Angriff der OmnI auf ReVerse getötet worden war, wusste Jye genau, wie es sich anfühlte, jemanden zu vermissen, der unerreichbar war. Er versank eine Weile in Gedanken, riss sich dann jedoch zusammen und lächelte. »Es gibt aber auch gute Nachrichten. Heute sind es noch genau fünf Wochen bis zum Frühlingsanfang. Das Bibbern wird ein Ende haben. Wenn das kein Grund zur Freude ist.«

Ich lachte. Es fühlte sich an, als hätte ich es beinahe verlernt. »Du weißt wirklich, wie man jemanden aufheitert.« Aber dann stockte ich. »Moment, fünf Wochen? Was ist heute für ein Tag?«

»Der 15. Februar.« Jye sah mich an. »Warum?«

Hastig stand ich auf. »Ich glaube, ich muss doch kurz weg … Kannst du mich decken?«

»Immer.« Jye zeigte zu der Baumreihe, die in der Dunkelheit kaum noch zu erkennen war. »Geh am besten bis zu der Hütte, die ein paar Hundert Meter weiter im Wald liegt. Ich passe auf, dass dir niemand folgt. Wenn doch …« Er tippte sich kurz ans Ohr. Jye trug kein Implantat und war auch nicht direkt mit Maraisville verbunden. Aber wir hatten uns über die EarLinks einen eigenen Kanal für unsere Kommunikation eingerichtet.

Ich passte einen Moment ab, in dem ich unbeobachtet war, dann lief ich schnell in den Wald und suchte im spärlichen Mondlicht nach der Hütte. Als ich sie fand, lehnte ich mich gegen die Außenwand und aktivierte meine InterLinks. Mittlerweile konnte ich selbst darüber bestimmen, wann Maraisville zusah und wann ich die Links abschaltete, um sie nicht früher oder später zu grillen. Ich war jetzt freiwillig ein Schakal, keine Gefangene mehr, die man überwachen musste. Das war aber auch die einzige Verbesserung meiner Lage seit den Geschehnissen im Bunker der OmnI.

»Ophelia? Was ist los?« Imogen Lawsons Stimme ertönte in meinem Ohr. Sie musste im Überwachungsraum sein und gesehen haben, dass ich online gegangen war.

»Nichts. Also, es ist nichts passiert. Ich wollte nur kurz … ist er gerade erreichbar?« Ich sagte Luciens Namen nie, ich hatte ihn nicht mehr laut ausgesprochen seit meiner Bitte an Imogen und Caspar Dufort, gut auf ihn aufzupassen. Das war fast drei Monate her.

»Er ist oben, das letzte Meeting wegen der Krise im Norden ist erst seit zehn Minuten beendet. Seine Links sind deaktiviert. Soll ich ihn über sein Terminal kontaktieren?« Sie sagte es freundlich und verständnisvoll, als würde sie genau wissen, wie ich mich fühlte. Plötzlich brannte es in meiner Kehle.

»Nein, ich … nicht nötig.« Zwar bekam ich nicht hautnah mit, wie viel Lucien arbeitete, aber ich konnte mir denken, dass er nicht oft zur Ruhe kam. Ich wollte ihn jetzt nicht stören.

»Ophelia, ist alles in Ordnung mit dir?«, fragte Imogen besorgt.

»Ja, sicher.« Das Brennen in meinem Hals war hartnäckig. »Sag ihm … sag ihm alles Gute zum Geburtstag, okay? Und dass ich ihn vermisse.« Wie sehr, ließ sich nicht in Worte fassen.

»Wenn du kurz warten kannst, dann sag ihm das selbst. Ich glaube, es täte ihm gut, dich zu hören.«

»Bist du sicher? Vielleicht macht es das nur schlimmer.« Ich wusste, wie schwer es für Lucien war, an einem Tag wie heute allein zu sein. Ein Gespräch mit mir würde ihm nur noch deutlicher vor Augen führen, dass ich nicht da war.

»Ich bin sicher«, sagte Imogen in einem Tonfall, den sie vermutlich auch bei ihrem Sohn Lynx anschlug, wenn es Zeit fürs Bett war.

»Okay.« Wie hätte ich mich dagegen wehren können? Das wäre, als würde ein TechHead eine Gratis-Runde im 3V-Coaster ablehnen.

Ich ging an der Wand der Hütte in die Hocke und schlang die Arme um meinen Körper, um mich zu wärmen.

»Hey, Stunt-Girl.« Nur fünf Minuten später erklang Luciens Stimme. Sie war vertraut rau und sehr müde. Wie schon bei unseren letzten Gesprächen wirkte er erschöpft. Aber wie hätte es auch anders sein können? Mit gerade mal 23 Jahren lastete die Zukunft unserer Welt auf seinen Schultern – ein Erbe, das zu groß für jeden war, auch für einen so klugen und guten Menschen wie ihn. Vor allem in diesen Zeiten.

»Hey.« Wie immer, wenn ich seine Stimme hörte, passierten zwei Dinge: Etwas in mir entspannte sich augenblicklich. Und gleichzeitig wurde mein Herz unter der Last meiner Sehnsucht fast erdrückt. Ich hätte alles dafür gegeben, ihn wenigstens kurz zu sehen, zu küssen, mich für eine Sekunde sicher in seiner Umarmung zu fühlen. Alles – außer seinem Leben. »Ich dachte, dein Geburtstag, wäre ein guter Grund, um d–«

Da war ein Geräusch. Knirschende Schritte und das Knacken von vereistem Laub. Das konnte nur eins bedeuten: Ich war nicht länger allein. Und das wiederum hieß, mein Gespräch mit Lucien war in diesem Moment beendet.

»Stunt-Girl? Alles okay?«

Jedes weitere Wort hätte mich verraten, also antwortete ich nicht und deaktivierte mit eiserner Willenskraft meine InterLinks. Dann stand ich auf und trat aus dem Schatten der Hütte, die Hände in stummer Verzweiflung zu Fäusten geballt.

»Phee? Was machst du hier draußen?« Ausgerechnet Knox war es, der meine Gelegenheit, mit Lucien zu sprechen, zerstört hatte. Sein berühmtes Timing war ihm auch nach dem Ende unserer Beziehung nicht abhandengekommen.

»Das geht dich überhaupt nichts an«, sagte ich. Meine Stimme zitterte. »Ich frage dich ja auch nicht, was du hier treibst, oder?«

»Ich rede jedenfalls nicht mit mir selbst.« Er blieb vor mir stehen und verschränkte die Arme. Wie immer, wenn ich ihn in letzter Zeit ansah, fragte ich mich, wie ich je in ihn verliebt gewesen sein konnte. Meinen Knox erkannte ich in ihm schon ewig nicht mehr.

»Lass mich in Ruhe, Nicholas.« Ich bemerkte, dass er bei der Nennung seines vollen Namens leicht zusammenzuckte. Aber gerade war ich so sauer auf ihn, dass ich es als gerechte Strafe empfand.

»Soll das jetzt immer so sein zwischen uns?« Knox sah mich unglücklich an. »Wir haben schon seit Wochen kein normales Gespräch mehr geführt.«

»Wir sind ja auch nicht zum Reden hier, oder? Außerdem wüsste ich nicht, was wir uns zu sagen hätten.«

Allein, um mich selbst nicht zu gefährden, hätte ich freundlicher sein sollen. Aber nicht nur deswegen. Es wäre fair gewesen anzuerkennen, dass Knox versuchte, Tote und Verletzte bei unse­ren Einsätzen zu vermeiden. Fair wäre es auch gewesen, seine Freundschaftsangebote endlich anzunehmen, statt sie immer wieder zurückzuweisen. Aber ich brachte es schon seit Wochen nicht mehr fertig, fair zu sein.

»Ich wollte nur sagen … wenn du über Emile reden willst … oder über die Sache mit Troy … ich bin da.« Knox sah mich an.

»Was zur Hölle sollte mich dazu bringen, mit dir über Emile oder Troy reden zu wollen?«, fragte ich genervt. Die offizielle Version der Geschichte war, dass Troy mich und »Emile« – der eigentlich Lucien gewesen war – bei unserem Auftrag für ­Costard angegriffen und Emile getötet hatte. Ich war nur entkommen, weil ich meinerseits Troy erschossen hatte.

Eine riskante Story, denn schließlich war Troy der Anführer von ReVerse und wichtigster Verbindungsmann zu Costard gewesen. Mein Glück war, dass Troys Leiche nie an den Strand der Insel gespült worden war. Trotzdem hätte man misstrauisch werden können, aber Exon Costards Wissen um meine Verbindung zur OmnI und sein damit einhergehendes Eigeninteresse an mir war meine Du-kommst-aus-dem-Gefängnis-frei-Karte gewesen. Vielleicht war es ihm auch ganz recht gewesen, Troy los zu sein. Denn nun herrschte er allein mit der OmnI über ReVerse, unter­stützt von seinen Verbündeten im Kampf gegen den König.

»Tut mir leid, Phee. Es war blöd von mir zu glauben, dass du mit mir darüber sprechen willst. Schließlich hast du Jye, und das mit uns ist vorbei.« Knox schob die Hände in die ­Taschen und verschwand in Richtung Lager. Ich hielt ihn nicht auf. Stattdessen aktivierte ich meine InterLinks erneut, aber nur um mit dem verabredeten Zeichen – drei Finger nach oben, Handfläche nach innen – zu zeigen, dass alles in Ordnung war. Noch einmal Kontakt zu Lucien aufzunehmen, war in diesem Moment viel zu gefährlich.

»Alles Gute zum Geburtstag«, sagte ich leise, während ich meine eiskalten Füße aus dem Schnee zog und mich auf den Rückweg machte. »Bitte vergiss mich nicht.« Ich hoffte, er hatte das gehört.

Der Rest des Teams stand noch am Feuer, als ich zurückkam. Knox hatte sich zu ihnen gesellt, Jye fand ich an der Stelle, wo ich ihn zurückgelassen hatte.

»Wolltest du mir nicht Bescheid geben, wenn mir jemand folgt?«, fragte ich mit einem Nicken in Richtung Knox.

»Hat er … oh, verdammt, Phee, tut mir leid. Ich habe nicht bemerkt, dass er verschwunden ist.« Jyes Gesicht war finster.

»Was ist denn los?«, fragte ich und setzte mich neben ihn.

»Du hättest noch ein bisschen wegbleiben sollen«, antwortete er und deutete auf die Gruppe um Milan. »Sie sind mal wieder bei ihrem Lieblingsthema.«

Scott Wulffs Stimme tönte zu mir herüber. »Ich hoffe ja, dass wir es sein werden, die eines Tages ins Juwel marschieren und seinem jämmerlichen Dasein ein Ende bereiten.«

Torres schwenkte mit ihrem unverletzten Arm ein Pad. »Darf ich mich dann ein bisschen mit dem Messer austoben?«, fragte sie. »Schade um das Gesicht, aber hey, er hat es nicht besser verdient.«

Sie zeigte auf eine Aufnahme, die ich auch aus dieser Entfernung und bei Dunkelheit erkannte. Seit Leopolds Tod war Lucien das Gesicht aller öffentlichen Bekanntmachungen, ein sehr ernstes Gesicht mit harten Zügen und streng dreinblickenden Augen. Maraisville hatte es so inszeniert, um die Menschen Luciens Jugend vergessen zu lassen und seine Stärke zu vermitteln. Ich hatte mir diese Aufnahme nur einmal kurz angesehen und dann nie wieder. Die Person darauf hatte nichts mit dem Lucien zu tun, den ich kannte.

»Ich finde, wir sollten ihn alle ein bisschen leiden lassen, bevor wir ihn umlegen«, sinnierte der andere Wulff-Bruder. »Also stell dich hinten an, Torres.«

»Stell du dich doch hinten an, Cabrón.«

»Ihr könnt euch alle hinten anstellen«, verkündete Milan streng. »Schließlich bin ich der Anführer dieses Teams, also habe ich den Vortritt, wenn es darum geht, den König leiden zu lassen. Vielleicht hänge ich mir seine hübschen Haare ja als Skalp an die Wand.«

Ein Johlen war die Antwort auf diesen Vorschlag. Beleidigungen und bunt ausgeschmückte Todesdrohungen waren unter Costards Leuten an der Tagesordnung. Normalerweise steckte ich das weg, indem ich mir vorstellte, wie ich jedem von ihnen den Hals umdrehte. Aber nachdem Knox mir mein Gespräch mit Lucien versaut hatte, war ich dünnhäutiger als sonst.

»Nicht, Phee. Reiß dich zusammen. Du hilfst ihm damit nicht.«

Ich merkte erst, dass ich aufgestanden war, als Jye mich am Arm packte.

»Wenn ich sie einfach alle erledige, dann schon«, knurrte ich. Schon oft hätte ich Maraisville fast darum gebeten, das ReVerse-Team aus dem Verkehr zu ziehen. Nur hätte ich damit meine wichtigste Informationsquelle verloren und nichts mehr gegen die OmnI tun können.

»Ich habe aber keine Lust, zehn Leichen zu begraben.« Jyes Hand blieb an meinem Arm. »Also tu mir den Gefallen und lass sie am Leben. Zumindest noch eine Weile.«

Jemand rief zu uns herüber.

»Hey, Eadon, was habt ihr da eigentlich für eine Privatparty am Laufen?«, fragte Scott Wulff.

»Wenn ich dir das sagen würde, wäre sie nicht mehr privat, oder?«, gab Jye zurück. Ich sah, wie Knox uns einen Blick zuwarf. Er und ich hängten es nicht an die große Glocke, dass wir mal ein Paar gewesen waren, nur Milan wusste es von ­Costard. Die anderen unterstellten deswegen eher Jye und mir in schöner Regelmäßigkeit, mehr zu sein als Freunde. Uns kümmerte das nicht. Solange sie respektierten, dass wir auf­einan­der aufpassten, war es uns egal, was sie über uns dachten. Sogar bei Knox. Jye versuchte zwar, die Freundschaft mit ihm aufrechtzuerhalten, was ihm leichter fiel als mir. Aber wenn man genauer hinsah, hatten die beiden sich längst voneinander entfernt.

Milan und die anderen ergingen sich weiter in ihren Mordfantasien, und bevor sie auf die Idee kommen konnten, mich einzubeziehen, wandte ich mich ab.

»Ich gehe ins Bett.« Zwar erinnerte ich mich gut an Caspar Duforts Lektionen und dass man sich an seine Zielpersonen anpassen musste, um sie zu täuschen, aber heute hatte ich dafür keine Kraft mehr. Morgen würde ich dann wieder auf die Abkehr schimpfen und die Entscheidungen des Königs verteufeln. »Gute Nacht. Wenn du doch noch Lust hast, ein paar Leichen zu verscharren, weck mich.«

»Gute Nacht, Phee.« Jye lächelte, den Blick auf etwas hinter mir gerichtet. Ich sah, dass Knox sich aus der Gruppe gelöst hatte. In dem Moment, als er bei Jye ankam, zog ich die Tür des Containers hinter mir zu.

3

Am nächsten Morgen wurde ich sehr früh wach und schälte mich nur unwillig aus dem Schlafsack – dem einzigen Ausrüstungsgegenstand, der halbwegs warm hielt. Die anderen Pritschen im Container waren alle belegt, der Rest des Teams schlief noch. Ich schlüpfte in meine Jacke und die Stiefel und schlich leise zur Tür.

Es war noch dunkel, aber die frische Luft tat mir nach dem schlafschweren Dunst im Container gut. In spätestens einer halben Stunde würde ich wieder bitterlich frieren und den Winter verfluchen, aber jetzt war ich dankbar für die Stille.

Gemächlich schlenderte ich zum Gasofen und schaltete ihn ein. Dann setzte ich mich davor und sortierte meine Gedanken. Wie früher war der Morgen auch jetzt der einzige Moment des Tages, wo ich ganz ich selbst sein durfte. Ich dachte an Lucien und daran, wie gut es gestern getan hatte, seine Stimme zu hören – und verdrängte den Ärger darüber, dass ich nicht mit ihm hatte reden können. So schaffte ich es, dass sich ein winziges bisschen Frieden in mir ausbreitete. Nur ein Funke, aber der reichte, um nicht durchzudrehen.

Der Frieden hielt jedoch nicht lange an. Keine halbe Stunde später flog die Tür des ComContainers auf und Milan Kovacs trat heraus. Der Teamleader ging zum Schlafcontainer und riss am Griff der Tür.

»Raus aus den Federn!«, brüllte er hinein. »In fünfzehn Minuten ist Abfahrt.« Er drehte sich um und stockte, als er sah, dass ich allein am Ofen saß. »Scale, was machst du hier?«

»Ich konnte nicht schlafen«, sagte ich nur. »Was ist denn los?« Hoffentlich keine schlechten Nachrichten – für Maraisville.

Milan musterte mich und das Misstrauen in seinem Blick beschleunigte meinen Puls. Es war das erste Mal, dass er mich so ansah. So, als hätte ich etwas zu verbergen.

»Nichts Besonderes«, erwiderte er dann. »Wir fahren runter nach Colmar. Wir haben dort einen Termin.«

»Termin?« Wir hatten Aufträge und Zeitpläne, aber niemals Termine. »Mit wem?«

»Erfährst du noch früh genug.« Er nickte mir zu. »Pack dein Zeug und ab auf den Wagen. Fünfzehn Minuten.« Damit stapfte er zurück zum ComContainer.

Ich fragte nicht weiter, sondern gehorchte. Im Schlafcontainer war Jye mit verstrubbelten Haaren und müden Augen dabei, seine wenigen Habseligkeiten in einen Beutel zu stopfen.

»Weißt du, was los ist?«, fragte er mich.

»Keine Ahnung. Wir fahren nach Colmar, angeblich wegen eines Termins.« Ich griff nach meinem eigenen Sack. Wenn wir die Sachen offen herumliegen ließen, wurden sie beim Transport der Container in der Gegend herumgeschleudert und landeten irgendwann auf dem schlammverkrusteten Boden. Seit wir das wussten, packten wir sie vorher zusammen.

»Einen Termin? Mit wem?« Jye sah genauso ratlos aus wie ich.

»Das weiß ich nicht. Aber es scheint wichtig zu sein.« Besorgt verzog ich das Gesicht. Wollte man unserem Leader dort mitteilen, dass der Angriff auf das Windkraftwerk erfolglos gewesen war? Oder ihn befragen, wieso er keinen der Aufträge der letzten vier Wochen zu einem Erfolg hatte führen können? Die Freischaltung der Infrastruktur für die OmnI war so vielen Variablen unterworfen, dass man unserem Team bisher kein Versagen angelastet hatte – schließlich konnte es immer noch an fehlenden MerchPoints liegen, dass die KI keinen Zugang bekam. Aber ich wusste, dass ich ständig Gefahr lief, an die Wand gestellt zu werden. Die Verantwortung für die Anpassung der Hard- und Software lag bei mir. Wenn man mir nachweisen konnte, dass ich sie manipuliert hatte, war ich geliefert.

»Mach dir keine Sorgen. Es hat sicher nichts damit zu tun.« Jye strich mir über den Arm und ich nickte.

»Hoffen wir es.«

Die Fahrt in dem offenen Transporter fühlte sich an, als würde man in einem Tiefkühlfach durch die Landschaft gekarrt. Das war aber immer noch besser, als in dem Schlafcontainer ohne Fenster zu fahren. Beim ersten Mal war ich noch anderer Meinung gewesen, aber mein Magen hatte mich schnell eines ­Besseren belehrt.

Wie meistens, wurde im Wagen nicht geredet. Anders als früher bei ReVerse gab es nun keine Freundschaften mehr, nur noch Allianzen. Wurde einer von uns getötet, kam jemand Neues dazu und wurde mit einem Nicken und einem Schulterzucken begrüßt. Man versuchte nicht, die anderen kennenzulernen. In dieser neuen Welt kämpfte jeder nur für sich selbst.

Nachdem ich vor acht Monaten Brighton verlassen hatte und in Maraisville angekommen war, hatte sich die Welt draußen ohne mich weitergedreht – genauso wie dann später auf der Insel im Hauptquartier von ReVerse. Normale Menschen, normale Städte, so etwas hatte ich all die Zeit nicht gesehen. Aber an dem Tag, als Costard uns die Pläne für seine Machtübernahme präsentiert hatte, war die Welt da draußen wieder real geworden. Wir hatten die Insel verlassen und waren in Teams eingeteilt worden, die seitdem durch Europa reisten. Ein Europa, das immer weniger an seinen König glauben wollte – oder daran, dass er Gutes im Sinn hatte.

Ich sah durch einen Spalt in der Plane nach draußen und registrierte die vielen kleinen Städte, an denen wir vorbeikamen. Sie waren auf den ersten Blick unberührt, vielleicht sogar idyllisch, aber ich wusste es besser. Überall, selbst im kleinsten Dorf, regte sich dieser Tage der Widerstand gegen das Regime des Königs. Noch gab es keine offenen Kämpfe beider Seiten, aber mein Gefühl sagte mir, dass es bis dahin nicht mehr lange dauern würde. Die Nachricht, dass es jemanden gab, der den Menschen die Technologie zurückbringen konnte, hatte sich schneller verbreitet als das fatalste Virus. Und nun regte sich Hoffnung, eine falsche und trügerische Hoffnung auf ein freies Leben. Die Menschen ahnten nicht, dass sich hinter dieser Fassade der eigene Untergang verbarg und wie gefährlich, wie tödlich die OmnI sein konnte. Genau wie ich nichts davon gewusst hatte, als die Abkehr damals über mich hereingebrochen war.

Wir fuhren einige Kilometer abseits der Straßen, dann reihten wir uns zwischen mehreren TransUnits ein, die sich durch die schmalen Gassen einer Stadt schlängelten. Die Häuser sahen alt aus und waren mit Fachwerk verziert, aber sie hatten ihre besten Tage hinter sich – die Fassaden waren rissig und schmutzig, die Farben längst verblasst. Manche der Bewohner beäugten misstrauisch unseren Konvoi, ihre Augen huschten über die Container und Planen, als würden sie nach der Lilie suchen. Ich wusste nicht, was schlimmer war: dass sie von Costard und der OmnI tatsächlich bedroht wurden, ohne es zu wissen, oder dass sie uns für Abgesandte des Königs und deswegen für gefährlich hielten. Am liebsten wäre ich vom Wagen gesprungen und hätte jeden Einzelnen von ihnen geschüttelt, um ihnen klarzumachen, wer tatsächlich der Feind war. Aber das konnte ich nicht.

Die Stadt war bald durchquert, und wir befanden uns nun außerhalb, fuhren ein wenig bergauf. Ich erkannte auf einem der Hügel ein imposantes Haus mit Ziegeldach, altem Mauerwerk und einem Hang, an dem Wein angebaut wurde. Normalerweise campierten wir abseits der Städte und nicht in der Nähe von irgendwelchen Anwesen. Was also wollten wir dort?

»Weiß jemand, was wir hier machen?«, fragte ich die ande­ren. Aber Torres und die Wulff-Brüder zuckten nur mit den Schultern, sie hatten keine Ahnung. Und auch Knox, der ­Milans Vertrauen mehr genoss als wir anderen, schüttelte den Kopf.

Da hielten wir auch schon auf dem Vorplatz des Hauses und stiegen vom Wagen. Ich bewegte meine steifen Glieder und rieb mir die Arme. Mit einem schnellen Blinzeln aktivierte ich meine Links, damit Maraisville zuschauen konnte. Aber ich kam nicht dazu, mich umzusehen. Denn im nächsten Moment trat ein Mann aus dem Eingang und ich verspannte mich sofort wieder. Dass er hier war, bedeutete nichts Gutes.

»Pünktlich auf die Minute«, sagte Exon Costard lächelnd, ohne dass er erfreut wirkte.

»Mister Costard, Sir.« Milan schüttelte dem gefährlichsten Mann der Welt mit militärischer Härte die Hand. »Wir haben uns extra beeilt, um rechtzeitig hier zu sein. Wie können wir helfen?«

»Euer Auftrag hier in der Nähe wird frühestens morgen stattfinden. Ihr könnt daher erst einmal hineingehen und euch aufwärmen. Auch für etwas zu essen ist gesorgt, höchstpersönlich von mir zusammengestellt.« Costards Augen glitten über die Anwesenden, bis sie an mir hängen blieben und aufleuchteten. »Ich möchte mit Ophelia sprechen.«

»Mit Scale?« Milan runzelte die Stirn. Er ahnte nichts von meiner Verbindung zu Costard – oder zur OmnI. Alles, was er wusste, war, dass ich gut mit Technik umgehen konnte und versucht hatte, Leopold zu töten.

»Ja, richtig. Ophelia und ich haben etwas sehr Wichtiges zu bereden.« Costard wies zur offenen Tür und das Team strömte ins Haus. So hart sie alle immer taten, ein paar Stunden in der Wärme und etwas Anständiges zu essen waren nach Wochen in der Kälte ein Geschenk des Himmels. Jye sah fragend zu mir, ich nickte leicht, und er folgte den anderen.

»Hier entlang.« Costard trat ebenfalls hinein und dann durch einen Rundbogen in einen Gang, der uns von den staunenden und begeisterten Ausrufen des Teams wegführte. Offenbar hatte Costard nicht einfach nur ein paar Scheiben Brot und eine Packung Käse auf den Tisch gestellt.

»Es wird nicht lange dauern«, sagte er zu mir. »Ich bin sicher, auch du freust dich auf etwas Richtiges zu essen.«

Ich nickte. »Notrationen halten einen am Leben, aber sie schmecken nicht besonders gut.« Die faden Riegel mit allem, was der Körper zum Überleben brauchte, waren staubtrocken und nur mit viel Wasser überhaupt hinunterzuwürgen.

»Das tut mir leid.« Costards Tonfall entnahm ich, dass es ihm überhaupt nicht leidtat. »Unsere Mission muss vor allem effizient sein. Kulinarische Fragen stehen da nicht oben auf der Prio­ri­tä­tenliste.«

»Natürlich.« Das wunderte mich kein bisschen. Die OmnI brauchte so etwas Irdisches wie Nahrung nicht. Warum hätte sie also dafür sorgen sollen, dass wir auf wohlschmeckende Art und Weise verköstigt wurden? Oder dafür, dass wir nicht ständig froren? Die Kleidungsproduktion war vermutlich das Letzte auf der Liste, was sie übernehmen würde.

Costard blieb an einer Tür stehen und wies mir den Weg ­hinein. »Nach dir, Ophelia.«

Ich trat in den Raum, ein Arbeitszimmer mit einem großen Schreibtisch, zwei Sesseln davor und einem dahinter. An den Wänden sah ich leere Öffnungen in der Vertäfelung – das Haus war offensichtlich bei der Abkehr von allen technischen Bestandteilen befreit worden.

»Ja, richtig.« Costard setzte sich hinter den Schreibtisch und befühlte die Lehnen des Sessels. »Das ist mein Haus. Ich habe es auch nach der Abkehr behalten dürfen, denn offenbar hatte der König keine Verwendung dafür. Trotzdem war ich lange nicht mehr hier. Zu viele … Erinnerungen.«

Ich setzte mich und sagte nichts dazu, denn eine Entschuldigung wäre nicht angebracht gewesen. Nicht einmal für jene Ophelia, die mit Feuereifer für den Widerstand kämpfte. Exon Costard war der letzte Mensch, der Mitleid brauchte. Oder verdiente.

»Du fragst dich sicher, warum ich hergekommen bin, um dich zu treffen.« Seine hellen Augen richteten sich prüfend auf mich. Ich gab mir den Anschein von Gelassenheit, aber innerlich regte sich Angst. Costard hatte Kontakt zur OmnI – und sie war schon sehr viel klüger als noch vor ein paar Monaten. Hatte sie herausgefunden, dass ich nicht in ihrem Team spielte? Dass ich alles dafür tat, um sie aufzuhalten?

»Allerdings«, antwortete ich ruhig. »Sie haben sicher Wichtigeres zu tun, als mich zu besuchen. Oder das ganze Team zu einem Mittagessen einzuladen.« Schließlich hätte er mich auch abholen lassen können. Er verfügte über entsprechende Transportmittel.

»Es lag auf eurem Weg und ich war gerade in der Nähe. Außerdem denke ich, dass es nicht schaden kann, meinen wichtigsten Leuten ein paar Annehmlichkeiten zu bieten. Oder?« Costard sah mich an.

»Vermutlich nicht«, antwortete ich. »Aber das erklärt nicht, warum Sie mit mir sprechen wollten.«

»Nun, die Wahrheit ist: Sie schickt mich. Sie ist nicht zufrieden mit der gegenwärtigen Situation.«

In meiner Kehle zwickte es, mein Schluckreflex, der sich angesichts dieser Neuigkeit meldete. Mit eiserner Gewalt bezwang ich ihn.

»Ist sie nicht?«, fragte ich. Klang das nur für mich ein bisschen gequetscht? »Noch schneller als bisher können wir nicht arbeiten.« Schließlich rasten wir förmlich von einem Einsatzort zum nächsten.

»Es geht nicht um Geschwindigkeit, es geht um Ergebnisse. Es ist drei Monate her, seit die OmnI die Freiheit erlangt hat. Und trotzdem sind wir nicht so weit, wie sie es berechnet hat. Bei Weitem nicht.«

Okay, jetzt half nur noch die Flucht nach vorne. »Dass die OmnI bisher zu so wenigen Hauptzentren Zugang bekommen konnte, liegt nicht an uns. Wir haben jeden der Aufträge korrekt ausgeführt. Aber wenn die Verbindungen nicht hergestellt sind …« Ich ließ den Rest des Satzes in der Luft hängen. Es war nicht anständig, den niederen Einsatzteams die Schuld in die Schuhe zu schieben. Aber ich konnte ja schlecht sagen, dass auch im Falle hundertprozentiger Vernetzung die OmnI ausgesperrt bleiben würde – weil ich dafür sorgte.

»Ich mache euch keinen Vorwurf, Ophelia«, sagte Costard.

»Nicht?«, fragte ich verwundert. Seine Worte hätten mich erleichtern müssen, aber stattdessen kroch ein ungutes Gefühl meinen Nacken hinauf.

»Nein. Die Verzögerung ist nicht eure Schuld, wir verdanken sie Maraisville. Die Informationen, die von der OmnI aus den königlichen Datenbanken abgegriffen werden konnten, bevor man sie ausgeschlossen hat, waren dürftiger als erwartet. Offenbar wurden sie vorher gewarnt.«

Ja, richtig, von mir.

»Warum sind Sie dann hier?«, fragte ich.

Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Als wir uns das letzte Mal unterhalten haben, sagte ich dir, du hättest eine besondere Verbindung zur OmnI.«

»Ja, richtig. Weil Sie meine neuronalen Strukturen als Vorbild für ihre Entwicklung genommen haben.« Wenn ich das so sagte, klang es nach einem Ausflug auf den Spielplatz. Dabei hatten Costard und meine Mutter mich in meiner Kindheit monatelang Tests unterzogen und danach meine Erinnerungen überschrieben, damit ich nichts mehr davon wusste. Missbrauch war der richtige Begriff dafür. Nur durfte ich nicht den Eindruck erwecken, als würde mir dieser Missbrauch etwas ausmachen.

Costard nickte bedächtig. »So ist es. Deswegen wünscht sie sich, enger mit dir zusammenzuarbeiten. Hand in Hand.«

»Hand in Hand«, echote ich. »Nicht eher Hand in Connecter oder so?« Wie häufig, wenn man mir einen absurden Vorschlag machte, meldete sich ein leicht hysterischer Humor. Costard verengte die Augen.

»Hältst du diesen Wunsch für einen Witz?«

»Nein. Ich halte ihn aber auch nicht für einen Wunsch.« Nachdem Costard offenbar keine Ahnung hatte, dass ich gegen ihn und die OmnI arbeitete, fühlte ich mich sicher genug für mehr echte Ophelia. »Es ist wohl vielmehr ein Befehl, oder?«

»Die OmnI erteilt dir keine Befehle. Sie hat verstanden, dass du für so etwas nicht empfänglich bist. Es ist ihr ausdrück­licher Wunsch, dass du mit ihr zusammenarbeitest. Freiwillig.«

»Tatsächlich? Und woher kommt dieser Wunsch?« Ich zog die Augenbrauen zusammen. »Sie hat seit Monaten keinen Kontakt aufgenommen. Sie hat mir sogar eine Botschaft gesendet, um mir zu sagen, dass sie mich für verloren hält.« Ich ging davon aus, dass Costard das wusste.

Wie ein Geschöpf, geboren und begabt

Für dieses Element. Doch lange währt’ es nicht,

Bis ihre Kleider, die sich schwer getrunken,

Das arme Kind von ihren Gefühlen

Hinunterzogen in den schlamm’gen Tod.

Den umgedichteten Auszug aus Shakespeares Hamlet sah ich vor mir, als hätte ich erst gestern in diesem Bunker gestanden. Neben Lucien.

Die Erinnerung an ihn überfiel mich ganz plötzlich, und ich konnte nicht verhindern, dass der Schmerz mich kurz in Besitz nahm. Zum Glück interpretierte Costard das anders.

»Ich verstehe, wie verletzend diese Nachricht für dich gewesen sein muss.« Mitfühlend sah er mich an. »Aber sei unbesorgt. Sie hat mir versichert, dass sie nur für einen kurzen Moment glaubte, sie habe dich an die falsche Seite verloren. Als du zurückgekommen bist, war sie längst damit versöhnt.«

Das ergab überhaupt keinen Sinn. Die OmnI war mittlerweile in der Lage, alle möglichen Szenarien durchzurechnen und die Wahrscheinlichkeiten für dieses oder jenes Ergebnis zu kennen. Seit Monaten fragte ich mich, wieso sie mich nicht aus dem Weg geräumt hatte, wo doch so vieles gegen mich sprach. Sie wusste, ich hatte zwischenzeitlich die Seite gewechselt. Sie wusste, ich hatte mich in Lucien verliebt. War sie wirklich so blind, daran zu glauben, dass ich trotzdem in ihrem Lager stand?

»Es bedeutet ihr sehr viel«, sagte Costard, und etwas daran stieß einen Gedanken in meinem Kopf an.

»Es bedeutet ihr viel?«, fragte ich nach. »Wie kann es ihretwas bedeuten, dass ich in ihrer Nähe bin?«

»Nun, sie nennt es Seelenverwandtschaft, ich persönlich würde die Seele darin weglassen.« Costard legte die Hände auf das dunkle Holz des Tisches. »Du warst das Vorbild für sie und bist damit die Einzige, die nachvollziehen kann, wie sie denkt. Sie braucht jemanden, der mit ihr auf Augenhöhe ist. Jemanden, der sie versteht.«

Ungläubig sah ich ihn an, nicht sicher, ob er mich gerade auf den Arm nahm. »Das ist lächerlich. Ich bin ein Mensch, keine KI. Und damit weit davon entfernt, mit ihr auf Augenhöhe zu sein.« Aber trotzdem hatte ich plötzlich eine Ahnung, warum sie bei mir auf diese Art reagierte: Die OmnI war so hoch entwickelt, dass sie durchaus zu Emotionen fähig war. Sie überfielen sie nicht wie uns Menschen, sondern waren Teil ihrer Struktur. Aber sie existierten und unterschieden sie von ihren Vorgängern.

Schon als ich das letzte Mal mit der OmnI gesprochen und gedroht hatte, nie wieder mit ihr zu reden, war sie regelrecht panisch geworden. Wenn ich richtig lag, dann handelte die OmnI nicht rein rational, wenn es um mich ging. Sondern emotional.

Costard hob die Schultern, wirkte pikiert. Wahrscheinlich war er beleidigt, dass nicht er der Auserwählte der OmnI war, obwohl er sie entwickelt hatte. »Sie und ich sind uns jedenfalls einig, dass deine Fähigkeiten in einem Außenteam verschwendet sind. Wenn wir bald zu den großen Themen übergehen, ist dein Kopf an vorderster Front gefragt.«

»Mein Kopf ist leider beschränkt, wie Sie wissen.« Ich sagte es nur, weil ich glaubte, dass er es von mir erwartete. Aber eigentlich war ich ganz zufrieden mit dem momentanen Zustand. Ich nahm mein HeadLock jeden Morgen und kam schon seit Monaten ohne die Kapseln aus, die mir Maraisville für Notfälle hatte zukommen lassen. Keiner aus dem Team durfte wissen, wozu ich in der Lage war. Nur Jye hatte ich es erzählt, vor Wochen bei einem Spaziergang an der iberopäischen Küste.

»Ein bedauerlicher Umstand, den wir beheben können, sobald wir Zugang zu den entsprechenden Ressourcen haben«, sagte Costard. »InterLinks zu bauen, die auf deine besondere Gehirnstruktur abgestimmt sind, stünde für die OmnI dann ganz oben auf der Prioritätenliste.«

Diese Idee mit meinen Spezial-Links war mir schon selbst gekommen, als ich entschieden hatte, weiterhin als Doppelagentin bei ReVerse zu bleiben. Ich hatte daran gedacht, meinen Vater deswegen zu kontaktieren, aber diese Idee schnell über den Haufen geworfen – nicht nur, weil es die Materialien, die man für solche Links brauchte, gar nicht mehr gab. Ich durfte meinen Dad auch nicht auf den Schirm der OmnI bringen und ihn zu einer Bedrohung für sie machen. Sie hatte gezeigt, dass sie keine Gnade kannte, wenn es um ihre Feinde ging.

Costard sah aus dem Fenster in den Park des Anwesens, der von Eis überzogen zu sein schien. »Ich habe versucht, Kontakt mit deiner Mutter aufzunehmen, aber sie scheint nicht mehr in Paris zu sein. Weißt du zufällig, wo sie steckt?«

»Sie ist nicht in Paris?« Ich sah Costard irritiert an. Auch ich hatte daran gedacht, meiner Mutter zu schreiben. Sie hatte die OmnI mitentwickelt, sie wusste vielleicht, wie man sie zerstörte. Aber obwohl mir meine Mutter nicht ganz so nahe stand wie mein Dad, wollte ich sie doch auf keinen Fall in ­Gefahr bringen.

»Nein. Ein Team war in ihrem Haus und hat es verlassen vorgefunden. Die Möbel sind noch da, aber keine Spur von ihr.«

»Sie haben ein Team zu ihr geschickt?« Costard hatte einen Einsatz befohlen, dessen Ziel meine Mutter gewesen war? Das klang für mich nicht nach einem harmlosen Freundschaftsbesuch um der alten Zeiten willen.

»Cécile verfügt über sehr sensibles Wissen, was die OmnI angeht. Es wäre daher besser, deine Mutter in Sicherheit zu wissen.«

Was er damit eigentlich sagen wollte, war: Wir müssen verhindern, dass die Leute des Königs deine Mutter in die Finger bekommen. Dabei konnte ich allerdings nicht helfen.

»Ich habe keine Ahnung, wo sie ist. Wir haben schon seit letztem Jahr keinen Kontakt, und davor auch nur sporadisch.« Es war die Wahrheit, ich wusste nicht, wo sie steckte. Allerdings war sie nie sehr reisefreudig gewesen, und wenn ihre Möbel noch da waren, konnte sie auch nicht umgezogen sein. Ich hoffte, dass ihr nichts passiert war.

»In Ordnung. Sollte sie sich bei dir melden, weißt du ja, was zu tun ist.«

»Natürlich.« Ich nickte.

»Gut.« Costard schlug leicht mit den Handflächen auf die Lehnen seines Sessels. »Die OmnI erwartet mich noch heute Abend zurück, um deine Entscheidung zu überbringen. Was soll ich ihr von dir ausrichten?«

Die Antwort darauf fiel mir schwer. Ich wusste, Costards Angebot brachte mich in die Nähe der OmnI. Das war gut – weil ich auf diese Art vielleicht in der Lage war, sie zu zerstören. Aber es konnte auch schiefgehen, sollte sie erkennen, dass ich nicht mehr auf ihrer Seite stand, sobald sie mich vor sich sah.

Wie groß war die Chance, dass die Gefühle mir gegenüber ihr messerscharfes Urteilsvermögen trübten? Ich wusste es nicht. Ich konnte mir diese Chance jedoch nicht entgehen lassen. In den inneren Kreis vorgelassen zu werden bedeutete für Maraisville, dass sie einen Livestream in den Abgrund der Hölle bekamen. Das durfte ich nicht ablehnen.

»Ich bin gerne bereit, der OmnI zu helfen, wenn sie der Ansicht ist, ich wäre dazu in der Lage.« Mit einem höflichen ­Lächeln nickte ich. Das bedeutete zwar, ich konnte nicht länger Informationen von der Front liefern, aber das wurde ja vielleicht auch überflüssig, wenn ich direkt im Zentrum des Geschehens war.

»Wundervoll.« Auf Costards Gesicht zeigte sich Erleichterung. »Allerdings kann ich dich nicht gleich mitnehmen. Das Wasserkraftwerk in der Nähe von Trier ist ein wichtiges Ziel und wir können so schnell keinen Ersatz für dich finden. Ich werde dich in einer Woche abholen lassen.«

Ich nickte wieder. »Es gibt allerdings eine Bedingung«, sagte ich dann.

»Und die wäre?« Costard war bereits aufgestanden und hielt nun inne.

»Jye Eadon. Ich möchte, dass er mit mir kommt.« Ich würde Jye sicher nicht in diesem Team lassen. Nicht nur, weil ich ihn als Freund brauchte. Sondern vor allem, weil er trotz Knox niemanden hier hatte, dem er vertrauen konnte.

»Sonderbar.« Costard runzelte die Stirn. »Die OmnI sagte mir, es wäre wahrscheinlich, dass du jemanden mitnehmen willst. Allerdings hatte ich eher auf Nicholas getippt. Seid ihr nicht …?«

»Nein. Schon seit einer ganzen Weile nicht mehr.« Ich stand ebenfalls auf, nahm die Schultern zurück und hob das Kinn. »Diese Bedingung ist nicht verhandelbar. Entweder kommt Jye mit oder ich stehe nicht zur Verfügung.«

Costard überlegte nur kurz. »Dann werde ich wohl in einer Woche euch beide abholen lassen.« Er ging zur Tür und legte die Hand auf die Klinke. Aber dann zog er sie wieder zurück. »Eine Sache noch.«

»Ja?« Ich blieb stehen, nur wenige Schritte von ihm entfernt. Irrte ich mich oder waren die Falten um seine Augen seit unserer letzten Begegnung tiefer geworden?

»Troy Rankin.« Costard sagte den Namen, als wäre das schon genug.

»Was ist mit ihm?« Ich hielt jede Regung in Schach.

Es war in den letzten Wochen seltener vorgekommen, dass Troys lebloses Gesicht in meinen Träumen auftauchte – andere Dämonen hatten ihm den Rang abgelaufen.

Trotzdem verfolgte es mich, dass ich ihn getötet hatte. Auch wenn es nötig gewesen war, um Lucien und mich selbst zu retten.

»Wir hatten noch keine Gelegenheit, darüber zu sprechen, was passiert ist.«

»Müssen wir das denn?«, fragte ich verwundert. Es war nur gespielt. Angst ließ meine Hände feucht werden, mein Puls klopfte gegen meinen Kehlkopf.

»Nun, eigentlich wollte ich dich fragen, wie du damit zurechtkommst. Du bist keine Killerin, sicherlich war es schwierig für dich, das zu verarbeiten.«

Diese ungewohnte Fürsorge machte mich misstrauisch. »Wollen Sie das wirklich wissen?«, fragte ich unvermittelt. »Oder sie?«

Costard zuckte zurück, als hätte ich ihn bei etwas Unanständigem erwischt. Aber dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. »Wie die OmnI sagte: Augenhöhe. Sie wird begeistert sein, dich bald an ihrer Seite zu haben.«

Seine Worte wirkten kryptisch, aber sie waren es nicht – nicht für mich. Sie bedeuteten, die OmnI hatte ihm aufgetragen, mich nach meinem Umgang mit Troys Tod zu fragen. Und das wiederum hieß, dass ich richtig vermutete: Sie verhielt sich in Bezug auf mich alles andere als rational.

Costard sagte nichts weiter, sondern ging voran durch den Korridor, bis wir an der Haustür ankamen.

»Soll ich dem Team Bescheid sagen, dass wir aufbrechen?«, fragte ich. Wenn er das Haus verließ, war es angebracht, das ebenfalls zu tun.

»Nicht nötig.« Er zeigte in die Richtung, wo man die anderen reden hörte. »Ich habe die Gästezimmer im oberen Stockwerk herrichten lassen und die Küche ist gut gefüllt. Ihr könnt über Nacht bleiben, essen, etwas zusammen trinken, mal wieder in einem richtigen Bett schlafen. Die Pflicht wartet bis morgen auf euch.«

Das war ungewöhnlich großzügig, aber ich stellte es nicht infrage. Costard reichte mir die Hand und ich schüttelte sie.

»Wir sehen uns bald, Ophelia.«

Dann war er auch schon aus der Tür.

4

Costard hatte nicht gelogen: Die Schränke in der Küche waren ebenso reichhaltig bestückt wie die beiden großen CoolUnits. Es gab nicht nur eine breite Auswahl an Essen, sondern auch Alkohol in unterschiedlichsten Ausführungen. Ich hielt mich davon fern – das Letzte, was ich brauchte, war ein benebelter Kopf –, aber das galt nicht für die anderen. Die Aussicht auf eine Auszeit im Luxus hatte die meisten aus dem Team alle Hemmungen verlieren lassen. Es war noch nicht einmal neun Uhr abends, als die Ersten darüber nachdachten, ob man wohl das Eis draußen über dem Pool auftauen könnte, um eine Runde zu schwimmen.

»Hoffentlich machen sie das«, raunte ich Jye zu, der neben mir auf dem Sofa saß und einen Teller mit Häppchen auf den Knien balancierte. »Mit etwas Glück friert dem einen oder anderen dabei das Gehirn ein.«

Jye lachte. »Du meinst, bei denen, die überhaupt eins haben?«

Ich hielt ihm die Faust zum Einschlagen hin. Normalerweise mussten wir vorsichtig mit unseren Lästereien sein, aber heute Abend hätten wir auch lauthals herausschreien können, was wir von ReVerse hielten – es hätte wahrscheinlich niemand mitgekriegt.

»Ich wette, in Maraisville gibt es so was hier jeden Abend«, lallte Milan und schwenkte seine Bierflasche. »Essen und Alko­hol und … Orgien.«

Torres warf ihm einen skeptischen Blick zu. »Orgien? Wo ist das denn hier bitteschön eine Orgie?«

»Noch nicht, Schätzchen. Aber es gibt da oben eine Menge Betten und ich wette, du kannst auch mit deinem verletzten Arm gut zup –« Ein Schmerzensschrei würgte seine Fantasien radikal ab. Torres hatte ihm mit dem Ellenbogen gezielt in die Rippen gestoßen.

»Trotzdem«, sagte Scott mit einer großen Geste und fegte beinahe ein paar Teller vom Tisch. »Da geht es bestimmt ordent­lich ab. Leopold war ja eher steifärschig, was man so hört, aber sein Bruder? Was würdet ihr tun, wenn ihr Anfang zwanzig wärt und Zugriff auf jeden Menschen im Land hättet? Sicher nicht abends allein ins Bett gehen.«