Westwell - Bright & Dark - Lena Kiefer - E-Book

Westwell - Bright & Dark E-Book

Lena Kiefer

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Beschreibung

"Ich musste Helena vergessen, das wusste ich. Nur wusste ich eine Sache noch besser: dass es vollkommen unmöglich war."

Helena vermisst Jess mit jeder Faser ihres Seins. Vor zwei Monaten musste sie die schwerste Entscheidung ihres Lebens treffen und sich von ihm trennen, und noch immer zerreißt ihr allein der Gedanke an ihn das Herz. Einzig ihre Nachforschungen zum Tod ihrer Schwester schaffen es, sie über Wasser zu halten. Doch als sie dabei auf eine Information stößt, die Jess’ gesamte Welt auf den Kopf stellen könnte, bleibt ihr nichts anderes übrig, als erneut Kontakt mit ihm aufzunehmen. Jess ist außer sich, als er erfährt, dass Helena im Todesfall ihrer Geschwister ermittelt, ist er doch überzeugt, dass sie sich dadurch in große Gefahr begibt. Daher beschließt er, ihr zu helfen - und obwohl beide wissen, dass sie nicht zusammen sein dürfen, ist es bald unmöglich, ihre Gefühle zu ignorieren ...

"Fesselnd, emotional und voller Sehnsucht - die Geschichte von Helena und Jess zeigt, wie schmerzhaft und wunderschön zugleich eine verbotene Liebe sein kann." CHARLIE_BOOKS

Band 2 der WESTWELL-Reihe von SPIEGEL-Bestseller-Autorin Lena Kiefer


Band 1: Westwell - Heavy & Light

Band 2: Westwell - Bright & Dark

Band 3: Westwell - Hot & Cold (22.02.2023)

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Seitenzahl: 598

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Leser:innenhinweis

Widmung

Playlist

Motto

Prolog

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Danksagung

Die Autorin

Die Romane von Lena Kiefer bei LYX

Impressum

LENA KIEFER

WESTWELL

BRIGHT & DARK

Roman

Zu diesem Buch

Helena weiß, dass sie und Jess nicht zusammen sein können. Nicht jetzt, nicht in einem Jahr, nicht in zehn. Denn um die Zukunft ihrer Familie zu retten, musste sie einen Deal mit Jess’ Mutter eingehen und sich von ihm trennen. Auch zwei Monate später leidet Helena noch genauso sehr unter dem Verlust wie am ersten Tag. Sie vermisst Jess mit jeder Faser ihres Seins und wünscht sich nichts sehnlicher, als wieder in seiner Nähe sein zu können. Stattdessen spielt sie für ihre Eltern die Rolle der perfekten Vorzeigetochter und hält sich von jeglichen Skandalen fern – zumindest nach außen hin. In Wirklichkeit ist sie noch immer auf der Suche nach der Wahrheit über den Tod ihrer Schwester Valerie und fest davon überzeugt, dass sie in den Reihen der New Yorker High Society auf Antworten stoßen wird. Doch als sie bei ihren Recherchen etwas Unglaubliches über Jess’ Bruder herausfindet, kann sie nicht anders, als Jess zu kontaktieren. Womit sie nicht gerechnet hat: Jess ist überhaupt nicht begeistert, als er erfährt, dass Helena nach wie vor im Todesfall ihrer Geschwister ermittelt, befürchtet er doch, dass sie sich in große Gefahr begibt. Allen Risiken zum Trotz beschließt er, ihr zu helfen – nicht ahnend, dass für sie beide viel mehr auf dem Spiel steht als nur das Schicksal von Helenas Familie …

Liebe Leser:innen,

dieses Buch enthält Elemente, die triggern können. Deshalb findet ihr hier eine Triggerwarnung.

Wir wünschen uns für euch alle das bestmögliche Leseerlebnis.

Euer LYX-Verlag

Für Paddy,

du bist die stärkste Frau, die ich kenne.

Playlist

Westwell Theme – technokrates

Is It Just Me? – Emily Burns

Stop Crying Your Heart Out – Leona Lewis

Coping – Rosie Darling

I Need You To Hate Me – JC Stewart

You Mean The World To Me – Freya Ridings

Helpless When She Smiles (Radio Version) – Backstreet Boys

Eye of the Tiger – Jenn Grant

When You’re Gone – Acoustic – Shawn Mendes

I Know Places – Taylor Swift

When I Look At You – Miley Cyrus

This is how you fall in love – Jeremy Zucker, Chelsea Cutler

Jealous – Labrinth

Better Days – Dermot Kennedy

Still in Love with You – No Angels

Show Me the Meaning of Being Lonely – Backstreet Boys

Love You Goodbye – One Direction

Rebel – ROYAL

More – Sam Ryder

Rescue My Heart – Liz Longley

»My only love sprung from my only hate!

Too early seen unknown, and known too late!

Prodigious birth of love it is to me,

That I must love a loathed enemy.«

William Shakespeare, »Romeo & Juliet«

Prolog

Valerie

Drei Jahre zuvor

Ich bin glücklich. Das war der Satz, der mir immer und immer wieder durch den Kopf ging, während ich an meinen Gästen in der Suite des Vanity-Hotels vorbeilief und mich von ihnen feiern ließ. Es war die perfekte Party für den perfekten Anlass. Auch wenn ich mich hundertmal am Tag kneifen wollte, weil dieser umwerfende Mann tatsächlich vorhatte, den Rest seines Lebens mit mir zu verbringen. Ich weiß, dass wir uns noch nicht lange kennen.Und ich weiß, wir sind verdammt jung. Aber ich will dich, Val. Ich will dich für immer und ewig.

Mein Verlobter stand an der Tür zum Flur, unterhielt sich mit jemandem und ich lächelte, als ich ihn sah. Es dauerte keine fünf Sekunden, bis er mich ebenfalls bemerkte und wir einen dieser Blicke wechselten, von denen mir hoffentlich auch in fünfzig Jahren noch warm im Bauch werden würde.

Adam Coldwell war ernst und zurückhaltend, fast schon übermäßig erwachsen – und damit so was von nicht mein Typ, dass ich mich eigentlich nie in ihn hätte verlieben dürfen. Aber bereits bei unserer ersten Begegnung war da etwas in seinem Blick gewesen, das mich neugierig gemacht hatte. Ich hatte wissen wollen, was hinter diesen klugen blaugrauen Augen für ein Mensch steckte. Ob er auch eine andere Seite hatte, ein verstecktes, wildes Alter Ego.

Wie sich herausgestellt hatte, gab es diese andere Seite nicht. Doch als ich es gemerkt hatte, war ich längst in das verliebt gewesen, was ich im ersten Moment bei ihm gespürt hatte: dass er ein Zuhause für mich sein konnte. Adam war vielleicht ernster als die meisten anderen Männer in meinem Umfeld, vor allem war er jedoch warmherzig, liebevoll und loyal. Und ich liebte ihn von ganzem Herzen.

Meine Eltern waren amtlich ausgerastet, als ich ihnen von der Verlobung erzählt hatte. Kein Wunder, schließlich gab es da so eine Art Familienfehde, als wären wir die Neuauflage von Romeo und Julia. Warum die Westons und die Coldwells einander hassten, war mir im Grunde klar, ich verstand nur nicht, wieso Adam und ich da mitmachen sollten. Ich arbeitete nicht für meine Eltern und würde es auch nie tun – und er redete mit mir nicht über die Projekte seiner Mutter. Das hatte alles nichts mit uns zu tun. Und dennoch hatte es das Gespräch gegeben, vor ein paar Tagen. Wir hatten am Esstisch gesessen, ich auf der einen, Mom und Dad mit Lincoln auf der anderen Seite, und sie hatten mir mit versteinerten Mienen gesagt, dass diese Verlobung auf keinen Fall mein Ernst sein konnte. Dass ich mit meinen Eskapaden das Ansehen der Familie schon oft genug gefährdet hätte und nun nicht auch noch einen Mann heiraten könne, der ihr erklärter Feind war.

Ich hatte ihnen gesagt, dass Adam niemandes Feind war und es mich einen Scheiß kümmerte, ob sie mir ihren Segen gaben oder nicht. Klar, Trish Coldwell war eine echte Hexe und die erbitterte Konkurrentin meiner Eltern, aber ich sah nicht ein, warum das meine Partnerwahl beeinflussen sollte. Wir waren glücklich miteinander – wen interessierte es da, ob Trish Mom und Dad ab und zu ein Bauprojekt weggeschnappt hatte? Normale Eltern hätten sich für mich gefreut, ein normaler Bruder auch. Aber an uns war nichts normal.

Die Einzige mit dem Namen Weston, die sich ehrlich und aufrichtig mit mir freute, war Helena. Meine kleine Schwester, die mit ihren siebzehn Jahren noch keine Ahnung hatte, wie großartig sie eigentlich war. Sie hatte Adam bei ihrem ersten Kennenlernen nicht kritisch beäugt, sondern war ohne jeden Vorbehalt auf ihn zugegangen und hatte ihn direkt ins Herz geschlossen. Es war eine Leistung, wenn man bedachte, dass der Name Coldwell in unserer Familie bereits vor Jahren dem Antichristen den Rang abgelaufen hatte. Aber so war sie eben. Helena war nahezu vorurteilsfrei, und wenn sie jemanden mochte, dann war es schwierig, sie wieder davon abzubringen. Das war nur ein Grund, warum ich sie so lieb hatte.

Ich schaute mich in der Suite um und vermisste sie sehr. Es war unendlich schade, dass sie heute nicht hier war, sondern mit einer Erkältung im Bett lag. Aber wir würden die Feier zu zweit nachholen, so viel stand fest.

Maddy Rich, eine Bekannte von mir, wollte unbedingt mit mir anstoßen, und als ich wieder zur Tür sah, war Adam verschwunden. Ich entschuldigte mich bei Maddy und ging los, um ihn zu suchen. Als ich in den Flur trat, der die Suite vom Hotelkorridor trennte und zu einem der beiden Badezimmer führte, kam Adam mir entgegen. Er sah nicht glücklich aus.

»Gibt es ein Problem?«, fragte ich ihn. Diese Falte zwischen seinen Augenbrauen war zwar sexy, aber in diesem Moment beunruhigte sie mich eher.

»Nein, alles in Ordnung. Wir hatten nur einen ungebetenen Gast.«

»Einen ungebetenen Gast? Wen?« Ich hatte nicht mitbekommen, dass jemand an der Tür gewesen war.

»Colton Pratt.« Adam gab mir nicht mehr Informationen, aber das musste er auch nicht. Pratt war ein Dealer, dem er vor Kurzem Geld geliehen hatte, damit dieser sich eine legale Existenz aufbauen konnte. Adams Gesicht nach zu urteilen, hatte das nicht funktioniert.

Ich sah ihn erstaunt an. »War er hier, um was zu verkaufen? Ist das sein verdammter Ernst, auf unsere Verlobungsparty zu kommen und Stoff dabeizuhaben? Nach allem, was du für ihn getan hast?«

Adam wirkte noch unzufriedener als vorher und ich wusste, wieso – er fühlte sich, als hätte er versagt. Das war sein größtes Problem: sein verfluchter Drang, jedem helfen zu wollen, ob diese Person es verdiente oder nicht. Ich betrachtete es als meine Aufgabe, ihm diese Eigenschaft auszutreiben.

»Was Pratt tut, hat nichts mit dir zu tun«, sagte ich mit fester Stimme. »Du kannst nicht alle retten, Adam. Auch wenn du es versuchst – Menschen treffen ihre eigenen Entscheidungen und viele davon sind dumm.«

Er nickte. »Ich weiß. Aber ich glaube nicht, dass es seine Idee war, herzukommen. Jemand muss ihn geschickt haben, ohne ihm zu verraten, wer auf ihn wartet. Er war total erschrocken, als er mich gesehen hat.«

Jetzt war es an mir, die Stirn zu runzeln. »Hat er angedeutet, wer ihn geschickt hat?«

»Nein.« Adam atmete aus. »Könnte es Carter Fields gewesen sein?«

»Carter?« Ich schüttelte den Kopf. »Wieso sollte er so etwas tun?«

»Weil er total verknallt in dich ist und vielleicht denkt, es wäre eine nette Geste?«

»Quatsch. Da hat sich jemand einen Spaß erlaubt, das ist alles. Upper-East-Side-Humor.« Ich griff nach seiner Hand. »Und jetzt lass uns tanzen, Mister. Sonst mache ich mir noch Sorgen, dass du das bei der Hochzeit nicht hinbekommst.«

»Ich bin ein hervorragender Tänzer«, sagte Adam und seine Brust wurde breiter.

Ich hob eine Augenbraue, konnte mein schrecklich verliebtes Lächeln jedoch nicht verbergen, als ich ihn mit mir zog. »Dann beweis es.«

Es war schon weit nach Mitternacht, als die letzten Gäste verschwanden und wir endlich allein waren. Ich zog meine High Heels aus und ging zu Adam, der an dem großen Panoramafenster stand und auf die Stadt hinaussah.

»Hey«, sagte ich leise und schlang einen Arm um seine Mitte.

Adam drehte sich zu mir und küsste mich sanft auf den Mund. »Hey. Bist du glücklich?«

»Mehr als glücklich«, seufzte ich. »Allerdings sollten wir diese Verlobung dringend noch einmal feiern – auf deiner Couch und in bequemen Klamotten, die man sehr viel leichter ausziehen kann als das hier.« Ich zupfte an dem Kragen seines Hemdes.

Er grinste. »Alles, was du willst, zukünftige Mrs Coldwell.«

»Gut, dass du das erwähnst. Denn ich werde nie Coldwell heißen.«

»Ja, das dachte ich mir schon. Und da mich meine Mutter enterbt, wenn ich ein Weston werde, müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen. Dass wir beide unsere Namen behalten, ist eine Möglichkeit. Eine andere wäre, dass wir einen Antrag auf einen neuen Familiennamen stellen.«

Ich sah ihn groß an, als mir klar wurde, was er meinte. »Du denkst …?«

Er nickte.

»Adam und Valerie Westwell«, sagte ich, als wollte ich den Klang prüfen. »Perfekt. Aber erlauben das die Behörden denn so einfach?«

»Keine Ahnung. Einen Versuch ist es wert. Die Formulare liegen schon bei mir zu Hause, ich muss sie nur abgeben.«

Ich lehnte mich an ihn und spürte diesem großartigen Gefühl von Geborgenheit und Wärme nach, das ich immer in seiner Nähe empfand. Da fiel mir etwas ein.

»Hast du deinen Bruder eigentlich schon gefragt, ob er dein Trauzeuge sein wird?«

»Nein, noch nicht.«

»Wieso nicht?« Ich sah auf. »Hat er in seiner Hütte in Australien etwa keinen Handyempfang?«

»Es ist eine Surf Lodge«, korrigierte Adam mich automatisch. »Und um ehrlich zu sein … ich habe ihn noch gar nicht angerufen.«

»Dann hast du es dir anders überlegt?«

»Eigentlich nicht.« Adam sah zu Boden und ich küsste ihn, damit er mich wieder anschaute. Er lächelte schief. »Aber als ich Jess von der Hochzeit erzählt habe, hat er es gar nicht richtig ernst genommen. Im Gegenteil, er hat so gewirkt, als würde er das alles für einen großen Witz halten. Ich weiß nicht, ob er sogar ablehnen würde, wenn ich ihn bitte, Trauzeuge zu sein.«

Sanft strich ich ihm über die Wange. »Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich kenne ihn ja nicht, aber nach allem, was ich von ihm weiß, scheint Jess doch wirklich in Ordnung zu sein. Und ich bin sicher, er liebt dich. Er würde nicht ablehnen. Frag ihn morgen, okay? Sollte er Nein sagen, rede ich mal ein paar Takte mit ihm.«

»Oh ja, dafür würde ich Eintritt zahlen«, lachte Adam. »Jess und du werdet euch bestimmt super verstehen. Ihr sorgt beide immer für Aufregung.«

»Du sagst das, als wäre es etwas Schlechtes.« Ich sah ihn unschuldig an.

»Ganz und gar nicht. Ich nehme an, du hast Helena bereits gefragt, ob sie deine Brautjungfer wird?«

»Natürlich, sie war die Erste, die ich angerufen habe, nachdem du mir den Antrag gemacht hast.« Wie hätte es auch anders sein können? Meine Schwester und ich waren seit unserer Kindheit unzertrennlich. »Allerdings denke ich seitdem darüber nach, wer der passende Begleiter für sie sein könnte.«

»Ich dachte, sie ist mit diesem Juwelen-Erben zusammen?« Adam wirkte verwirrt.

»Gott, ja, Ian.« Ich stöhnte genervt auf. »Er ist so langweilig, dass ich immer schläfrig werde, wenn ich nur in seiner Nähe bin. Für den ersten Kuss, den ersten Sex, da war er sicher der Richtige, aber ich will nicht, dass Lenny so jemanden den Rest ihres Lebens ertragen muss.«

Adam schüttelte lächelnd den Kopf und legte seine Arme um mich. »Was hältst du davon, wenn du deine Schwester erst einmal fragst, ob sie mit irgendeinem Fremden verkuppelt werden möchte?«

»Davon halte ich gar nichts.« Ich strahlte ihn an. »Aber ich glaube, ich kann noch bis morgen damit warten. Jetzt möchte ich erst einmal feiern, dass wir beide heiraten.« Mein Blick wurde eindeutiger und Adam neigte seinen Kopf, um mich zu küssen.

»Nichts dagegen«, murmelte er leise an meinen Lippen. »Dafür haben wir aber viel zu viel an.«

»Dann tu doch was dagegen.« Ich löste mich von ihm und drehte mich um, strich meine langen Haare aus dem Nacken und schloss die Augen, als Adam die empfindliche Haut dort küsste und dann die Hände an den Reißverschluss meines Valentino-Kleides legte.

Er hatte ihn gerade geöffnet und strich mit den Fingern meine Wirbelsäule hinunter, als es an der Tür klopfte. Wir hielten inne und ich wandte mich Adam zu.

»Erwartest du noch jemanden?«, fragte er.

»Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Aber vielleicht ist es irgendeine Überraschung für uns, von der wir nichts wissen. Machst du das Kleid wieder zu?«

Mit einem bedauernden Laut zog Adam den Verschluss nach oben und ich ging zur Tür, um sie zu öffnen. Als ich sah, wer davorstand, wurden meine Augen groß.

»Du?«, fragte ich. »Was machst du denn hier?«

1

Helena

»Und so freuen wir uns, heute offiziell den Beginn der Baumaßnahmen für das Winchester-Areal verkünden zu dürfen!«

Applaus brandete auf, als mein Vater vom Rednerpult wegtrat und zu einem abgeteilten Stückchen Erde ging. Rote Seidenbänder waren in Knöchelhöhe angebracht worden, über die Dad nun gemeinsam mit meiner Mutter, dem Bürgermeister und Clive Irvine hinwegstieg. Jeder von ihnen hatte einen nagelneuen glänzenden Spaten in der Hand, den sie auf Kommando in die Erde stachen, um dann fotowirksam einen Fuß daraufzustellen. Die Kameras klickten, die Presseleute riefen ihre Namen, um ein Bild zu bekommen, auf dem sie genau in ihr Objektiv schauten. Ich sah Mom lächeln, als mein Vater den Arm um sie legte, und spürte einen leisen Stich. Vermutlich waren sie glücklicher als bei ihrer Hochzeit, schließlich war das hier der Tag, an dem die Westons über Trish Coldwell triumphierten. Der Tag, an dem meine Familie ihren Platz in der Stadt für alle sichtbar zurückerobert hatte.

Und sie hatten keine Ahnung, wer den Preis dafür gezahlt hatte.

Ich stand zusammen mit meinem Bruder ein Stück hinter dem Podium, in einem schlichten blau-grün gemusterten Kleid, das meine Mutter mir gekauft hatte und das mit seinem dicht gewebten Stoff für diesen sommerlichen Augusttag viel zu warm war. Aber natürlich ließ ich mir das nicht anmerken, genauso wenig wie meine Gefühle. Ich ließ mir nie irgendetwas anmerken. Nicht mehr seit diesem Morgen im Mai, als ich die schwerste Entscheidung meines Lebens getroffen hatte, um meine Familie zu retten.

Als mein Vater nach den gescheiterten Verhandlungen über das Areal, auf dem wir gerade standen, betrunken vor ein Auto gelaufen war, hatte das nach Valeries Tod einen weiteren Tiefpunkt der Westons markiert. Dad hatte innere Blutungen sowie Frakturen gehabt und zwei Wochen im Krankenhaus bleiben müssen, bevor er seine Reha angefangen hatte. Ich war mir sicher, dass die Nachricht, Trish Coldwell hätte ihr Interesse an dem Winchester-Deal zurückgezogen, das Einzige war, das ihn wieder auf die Beine gebracht hatte. Egal, wie ich mich damit fühlte – das war es wert gewesen.

Schließlich wusste niemand, ob das mit Jess und mir überhaupt gehalten hätte.

Der heftige Schmerz in meinem Magen nannte mich eine Lügnerin. Früher hatte ich nicht verstanden, was die Leute meinten, wenn sie sagten, sie hätten den Richtigen gefunden. Nicht einmal bei Valerie, obwohl ich gesehen hatte, wie verliebt sie in Adam gewesen war. Jetzt wusste ich jedoch, was es bedeutete. Was es bedeutete, zu spüren, dass jemand richtig war. Weil er einen vervollständigte, ohne dass man vorher gewusst hatte, was fehlte. Weil man sich in seiner Nähe so sicher, so angekommen fühlte, dass man es kaum ertragen konnte, von ihm getrennt zu sein. Weil man jede Minute, jede Sekunde an ihn denken wollte und allein das einen bereits glücklich machte.

Bei Jess hatte ich all das gefühlt. Fühlte es noch.

Schon der Gedanke an ihn machte meine Knie weich, aber nicht auf angenehme Art. Es war mehr die Art, bei der man Angst hatte, in einen tiefen Abgrund zu stürzen und irgendwo in der endlosen Schwärze zu sterben. Ich atmete ein, versuchte, es wegzuschieben und zu funktionieren. Das hier war ein offizieller Anlass, ich konnte mir keinen Funken Schwäche leisten. Also straffte ich meine Schultern und setzte ein Lächeln auf. Genau im richtigen Moment.

»Jetzt bitte die ganze Familie!«, rief einer der Reporter und winkte uns heran.

Meine Eltern hatten die Spaten inzwischen weggelegt und warteten auf Lincoln und mich. Mein Bruder legte eine Hand auf meinen Rücken, als wollte er mich stützen, und ich war dankbar dafür. Auch wenn ich ihm nie sagte, was in mir vorging, weil ich zu große Angst davor hatte, was es mit mir machen würde, war ich doch froh, dass immerhin er die Wahrheit kannte.

»Bitte hierher. Ja, so ist es perfekt.« Wir stellten uns vor eines der Bestandsgebäude, die unsere Firma in den nächsten zwei Jahren renovieren würde. Das Winchester-Areal war ein ehemaliger Industriekomplex im Herzen von Brooklyn, früher waren hier einmal Schuhe und Kleidung produziert worden, aber nun stand alles seit zehn Jahren leer. Die Stadt hatte lange darüber beraten, was sie mit den langsam verfallenden Gebäuden anfangen sollte, bis entschieden worden war, dass man sie entweder restaurieren oder abreißen würde. Trish Coldwell hatte mit einem Plan für Letzteres das Rennen gemacht, denn die Wohnungen, die sie hier hätte bauen wollen, wären wahnsinnig teuer gewesen und hätten noch mehr reiche Leute nach Brooklyn gelockt. Nun würde jedoch in den alten Gebäuden unter der Federführung meiner Familie ein Komplex für alle entstehen – zwar auch mit Wohnungen, die sicherlich für einige Bewohner des Viertels unerschwinglich waren, aber vor allem mit Geschäften, Spielplätzen und Arztpraxen. Wenn ich manchmal mit meiner Entscheidung haderte, rief ich mir das in Erinnerung. Sie hatte nicht nur meinen Vater gerettet, sondern würde auch vielen Leuten eine Perspektive geben.

Ob Jess das gefallen würde? Wusste er überhaupt davon? Ich vermutete es, aber sicher konnte ich nicht sein. Wir hatten seit jenem Morgen im Mai nicht mehr miteinander geredet.

Ich ließ den Blick schweifen und suchte nach ihm, wie ich es seit etwas mehr als zwei Monaten immer unbewusst tat, wenn ich mich in der Stadt aufhielt – jedoch ohne ihn jemals zu entdecken. Wie auch, schließlich war er gar nicht in New York. Nicht lange nachdem ich bei ihm gewesen war, musste er seine Sachen gepackt haben und zusammen mit seinem Bruder Eli nach Europa geflogen sein. Eigentlich hatte ich nicht nachsehen wollen, dann war ich jedoch zu neugierig gewesen. Jess selbst hatte keine Social-Media-Accounts, aber Eli war bei TikTok und Instagram, wo er ab und zu ein Bild oder Video von der Reise teilte. Meist von Stränden, manchmal auch von Bergen oder seltener einer Stadt wie Prag, die sie besuchten. Keiner der Brüder war auf den Bildern zu sehen, aber es gab ein Video, das Jess dabei zeigte, wie er etwas zu essen vorbereitete und sich dabei eine Chili in den Mund schob, die so scharf zu sein schien, dass er das Gesicht verzog. Es war kaum dreißig Sekunden lang, aber ich hatte es abgespeichert. Und manchmal, mitten in der Nacht, wenn einfach alles zu viel wurde, sah ich es mir an. Sah mir ihn an und versuchte zu erkennen, wie es ihm ging. Ob er mich genauso vermisste wie ich ihn. Ob er genauso litt wie ich. Jess verloren zu haben riss mir jeden Tag aufs Neue das Herz raus. Denn ich wusste, er war irgendwo da draußen, aber ich musste so tun, als würde er nicht existieren.

»Helena, bitte etwas näher an Ihre Eltern!« Der Ruf eines Fotografen holte mich zurück in die Realität und ich atmete tief ein, bevor ich mein Lächeln wiederfand und es für die Kameras noch strahlender werden ließ.

Ich habe das Richtige getan. Das sagte ich mir, immer und immer wieder. Und ich würde es mir auch in Zukunft immer und immer wieder sagen.

So lange, bis es auch der Teil von mir kapierte, der manchmal kaum atmen konnte, weil Jess mir so fehlte.

»Auf die Familie.«

»Auf die Westons!«

Alle am Tisch hoben ihre Gläser und prosteten einander zu, noch immer war die euphorische Stimmung nicht verebbt. Nach dem Termin in Brooklyn hatte es einen Empfang gegeben und nun ließen unsere Familie und die Irvines diesen erfolgreichen Tag bei einem Abendessen ausklingen. Das Restaurant, in dem wir saßen, war das Emperor – genau der Ort, an dem ich vor einigen Monaten das schlimmste Geburtstagsdate aller Zeiten gehabt hatte. Und das Jess gehörte, auch wenn meine Eltern das entweder nicht wussten oder es ihnen egal war.

Hier zu sein strapazierte meine ohnehin gereizten Nerven extrem und ich fragte mich, warum ich nicht Kopfschmerzen vorgetäuscht hatte und nach dem Empfang nach Hause gegangen war. Wobei, wenn ich es mir recht überlegte, hätte ich gar nichts erfinden müssen. Tatsächlich drückte seit dem späten Nachmittag mein Hirn pochend gegen meinen Schädel, als wollte es sagen, dass es langsam reichte.

Trotzdem war ich hier. Denn so absurd das auch erschien – eines der zwei Dinge, die mich zurzeit aufrecht hielten, war meine Rolle, die mir das Schicksal in diesem Stück zugedacht hatte. Die der perfekten Tochter, die sich auf Fotos gut machte und niemals einen Skandal provozieren würde. Die immer die richtigen Antworten für die Presse hatte, nicht aus der Reihe tanzte und sich ihrer Stellung bewusst war. Solange ich sie sein durfte, musste ich nicht darüber nachdenken, wer ich sein wollte. Oder wie ich diese Person werden konnte.

»Helena, wann geht das Semester wieder los?« Es war eine klassische Höflichkeitsfrage von Clive, um mich in das Gespräch einzubinden. Offenbar hatte ich etwas zu lange auf meinen Teller gestarrt.

»Im September. Es ist noch ein bisschen Zeit bis dahin.«

»Dann fährst du zurück in die Hamptons?« Paige sah mich über den Tisch hinweg an. Ich fand immer noch, dass sie die Falsche für meinen Bruder war, aber sie hatte sich in letzter Zeit mir gegenüber sehr freundlich verhalten und irgendwie hatte ich mich an sie gewöhnt. Daher schaffte ich es sogar, zu lächeln, als ich antwortete.

»Nein. Ich war lange genug dort, schätze ich. Und es gibt noch einiges zu tun, bevor ich wieder zur Uni muss.«

Die Wahrheit war, dass ich den größten Teil des Sommers nicht deswegen in den Hamptons verbracht hatte, weil mir New York zu heiß war oder ich Gartenpartys liebte. Ich hatte es getan, weil die meisten von Valeries ehemaligen Freunden sich dort aufgehalten hatten. In mühevoller Kleinarbeit hatte ich mit jedem von ihnen gesprochen, unauffällige Fragen gestellt und so herausfinden wollen, wer vor drei Jahren finanzielle Probleme gehabt hatte. Denn das war die andere Sache, die mich davon abhielt, zu verzweifeln: die Suche nach der Wahrheit über Valeries Tod. Aus diesem Grund war ich nach New York zurückgekehrt, und auch wenn ich einige Rückschläge und Zweifel zu verbuchen hatte, war mein Wille ungebrochen. Ich würde den Ruf meiner Schwester wiederherstellen. Um jeden Preis.

»Es war traumhaft in diesem Sommer«, schwärmte Eleanor, Paiges Mutter. »So schade, dass ihr kaum da wart, Blake.«

»Ja, wir hatten einfach sehr viel zu tun, nachdem wir doch den Zuschlag für das Winchester-Areal bekommen haben.« Meine Mutter legte ihre Hand auf den Arm meines Vaters und drückte ihn liebevoll. »Vielleicht klappt es nächstes Jahr. Aber Helena hat uns ja hervorragend vertreten.« Ihr stolzer Blick traf mich und ich überlegte, was wohl passieren würde, wenn ich ihr sagte, dass ich die Black-and-White-Party, den griechischen Abend und sämtliche Picknicks nur deswegen besucht hatte, um etwas über den Tod meiner Schwester herauszufinden.

»Ich hätte auch gerne den Sommer in den Hamptons verbracht«, seufzte Paige. »Aber die Vorbereitung der Hochzeit nimmt einfach sehr viel Zeit in Anspruch. Ich hoffe nur, ihr könnt Lincoln im Herbst ab und zu entbehren. Die Location will ich nicht ohne ihn aussuchen.«

»Keine Sorge«, lächelte mein Bruder. »Wir kriegen das schon hin.«

»Geht es nur mir so oder kann man viel freier atmen, seit Trish Coldwell entschieden hat, im Sommer irgendein Bauprojekt in Dubai anzuleiern?« Eleanor sah hochmütig über den Tisch. »Sicherlich hat sie das nur getan, um sich nicht dem Spott der ganzen Stadt auszusetzen, weil sie Winchester an euch verloren hat.«

Lincoln warf mir einen Blick zu, bevor er Luft holte. »Sie hat es nicht an uns verloren«, stellte er richtig. »Sie hat ihr Interesse daran zurückgezogen.«

»Ja, das ist es, was sie sagt.« Eleanor schüttelte den Kopf. »Ich bin sicher, dass die Tücher in dieser Sache lange nicht so trocken waren, wie sie behauptet. Die Frau lügt doch, wenn sie den Mund aufmacht.«

»Die Sache war in trockenen Tüchern«, hörte ich mich sagen. Es klang, als würde ich Trish verteidigen, dabei gab es wohl keinen Menschen auf der Welt, den ich mehr hasste als sie. Was sie getan hatte, war so perfide und kaltblütig, dass mir die Erinnerung daran immer noch die Luft abschnürte. Daher hatte es nichts mit ihr zu tun, dass ich Eleanor korrigierte. Sondern mit meinem Vater, der mich in diesem Moment ansah, als ahnte er, dass ich hier für ihn eintrat. Er schämte sich immer noch, dass er betrunken auf eine Kreuzung gelaufen war, nachdem all seine Bemühungen um das Projekt umsonst gewesen waren. Er wusste nicht, dass ich es gewesen war, die mit Trish Coldwell eine Vereinbarung getroffen hatte, um den Deal doch möglich zu machen. Aber er wusste, dass es ein Wunder war, das sich niemand erklären konnte. Niemand außer mir.

»Was weißt du denn darüber?« Eleanor sah mich fragend an. »Du hast doch den ganzen Sommer nur am Pool gelegen und gefeiert.«

Ich starrte sie an, unfähig, auch nur ein Wort zu sagen. Ich habe diese Scheiße geradegebogen, du dämliche Kuh, dachte ich. Ich habe mir selbst das Herz gebrochen, nur damit wir heute hier sitzen, Chateaubriand für hundert Dollar essen und den Beginn der Baumaßnahmen feiern können.

»Helena hat weit mehr getan als das.« Natürlich war es mein Bruder, der für mich einsprang, schließlich wusste er als Einziger, was passiert war. Aber mir wäre es lieber gewesen, er hätte nichts gesagt, denn nun waren die Blicke der anderen am Tisch auf mich gerichtet.

»Was meinst du damit?«, fragte mein Vater.

»Gar nichts«, kam ich Lincoln zuvor. »Ich wollte nur …«

Mein Atem stockte und mein Herz tat es ihm gleich, als ich aus dem Augenwinkel jemanden registrierte – einen großen Mann mit blonden Haaren, der in der Nähe der Bar stand. Ich konnte nicht verhindern, dass mein Blick dorthin gezogen wurde, aber ich brauchte keine zwei Sekunden, um festzustellen, dass ich den Kerl noch nie gesehen hatte.

Er ist es nicht, sagte meine innere Stimme. Es ist nur jemand, der ihm entfernt ähnlich sieht, entspann dich. Allerdings interessierte das meinen Körper nicht, den es kaum noch auf seinem Platz hielt. Ich musste raus aus dieser Situation und irgendwo durchatmen, sofort.

»Bitte entschuldigt mich kurz.« Ich stand auf und ging mit so festem Schritt wie möglich in Richtung Bar, wandte mich dann nach rechts und der Tür zu, die das Restaurant von den Sanitärräumen trennte. Im Flur dahinter war niemand, zum Glück. Ich lehnte mich gegen die Wand und holte tief Luft, versuchte, klarzukommen. Noch eine Stunde, dann konnte ich nach Hause und mich im Bett verkriechen. So lange musste ich durchhalten. Vielleicht würde ich das sogar schaffen, ohne Eleanor ihr Maul mit der Serviette zu stopfen.

Gegenüber war eine Tür, und als ich sie erkannte, fragte ich mich, wie dämlich man eigentlich sein konnte. Ich war hier rausgegangen, um mich wieder auf die Reihe zu kriegen – und landete an einem Ort, der mich nur noch mehr an Jess erinnerte. Hinter dieser Tür war uns bewusst geworden, dass wir unseren Gefühlen nicht nachgeben durften, ganz egal, wie sehr wir es uns wünschten. Ich erinnerte mich genau an seinen Blick, an die Worte, die wir uns an den Kopf geworfen hatten. Und an das, was er gesagt hatte, bevor er mich auf die Stirn geküsst hatte und gegangen war.

Alles Gute zum Geburtstag, Tausendschön. Vielleicht stehen die Sterne im nächsten Leben besser für uns.

Ich drückte meine Hand auf den Mund, um den Laut zurückzuhalten, der mir aus der Kehle drang. Wenn wir es doch nur dabei belassen hätten! Wenn ich doch nur an Valeries und Adams Todestag nicht vor Jess’ Tür aufgetaucht wäre, weil ich keine Ahnung gehabt hatte, wo ich sonst hinsollte. Wenn ich doch nur nicht mit ihm geschlafen hätte, um morgens voller Hoffnung neben ihm aufzuwachen. Auch davor war ich schon in ihn verliebt gewesen, aber unsere gemeinsame Nacht hatte mir gezeigt, wie es war, wirklich mit ihm zusammen zu sein. Das war alles, was ich wollte. Er war alles, was ich wollte. Aber mein Deal mit Trish hatte jede Chance darauf zerstört.

Für immer.

Die Tür zum Restaurant öffnete sich und ich richtete mich auf, damit keiner der Gäste mich so sah, schwach und kurz davor, loszuheulen.

Es war jedoch keiner der anderen Gäste.

»Hier bist du. Was ist denn los?« Es war Lincoln, der gekommen war, um nach mir zu sehen. Mir wäre es lieber gewesen, er hätte es nicht getan. Ihn immer wieder zu belügen, während er genau wusste, womit ich kämpfte, war anstrengend. Ihm die Wahrheit zu sagen war jedoch auch keine Option. Ich musste in einem Stück bleiben, um weitermachen zu können – und auszusprechen, wie ich mich fühlte, würde mich in meine Einzelteile zerlegen.

»Mir ist nur ein bisschen schwindlig«, sagte ich also. »War wohl etwas zu viel Sonne heute.«

Er lehnte sich neben mir an die Wand. »Len, im Ernst – seit Monaten speist du mich mit diesen Ausreden ab. Ich will wissen, wie es dir geht. Wie es dir wirklich geht.« Sein Tonfall war weich und ich presste die Lippen aufeinander, um nicht doch weinen zu müssen.

»Es bringt nichts, darüber zu reden. Das macht es nicht besser, eher im Gegenteil.« Manchmal kam ich mir sogar verrückt vor, weil ich jemanden so sehr vermisste, mit dem ich nie wirklich zusammen gewesen war. Objektiv betrachtet hatte ich keinen allzu hohen Preis für die Rettung meiner Familie bezahlt: die Chance auf eine Beziehung mit Jess gegen die Zukunft meiner Eltern und meines Bruders. Aber subjektiv hatte ich mein Herz verloren und nun fühlte ich mich seltsam leer. Morgens wachte ich mit dem Gedanken auf, dass der neue Tag keine Besserung bringen würde, und abends schlief ich mit der Gewissheit ein, recht gehabt zu haben. Es war ein bisschen wie nach Valeries Tod. Denn im Grunde war auch der Verlust von Jess endgültig.

»Woher willst du das wissen?«, fragte mich Lincoln. »Du hast es doch noch nicht versucht, oder?«

Ich schenkte ihm ein müdes Lächeln. »Wann in der Geschichte der Menschheit hat es etwas gebracht, über Dinge zu reden, die man nicht ändern kann? Das hier ist ein großer Tag für uns. Wir sollten feiern.«

Lincolns Blick bekam etwas Besorgtes und ich wich ihm aus. »Ja, schon. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass das nicht leicht für dich ist.«

Ich schluckte. Mein Hals war viel zu eng. »Das spielt keine Rolle. Ich meine, sieh dir Mom und Dad an. Wann hast du sie zuletzt so glücklich gesehen?«

»Aber du hast dein Glück dafür aufgegeben«, erinnerte mich mein Bruder.

Der Kloß in meinem Hals drohte, mich zu ersticken, und ich spürte, wie meine Augen feucht wurden. Gott, bitte nicht. Ich hatte so gut durchgehalten, ich wollte nicht auf den letzten Metern scheitern.

»Es war das Richtige«, sprach ich laut mein Mantra für diese Momente aus. Denn es war eigentlich ein Glücksfall, dass es Trish Coldwell so wichtig war, mich von ihrem Sohn fernzuhalten, dass sie dafür sogar dieses lukrative Projekt geopfert hatte. Wäre es ihr egal gewesen, ob wir zusammen waren oder nicht, wäre ich nun die Einzige in der Familie mit der Chance auf eine glückliche Zukunft. Drei Personen gegen eine. Das war eine einfache Rechnung.

»Bestimmt war es richtig«, nickte Lincoln. »Aber deswegen ist es trotzdem zum Kotzen.«

Ich konnte nur zustimmen, auch wenn das nicht auf mich beschränkt war. Lincoln hatte ebenfalls entschieden, die Wahl seiner Partnerin von den Auswirkungen auf unsere Familie abhängig zu machen, nur in eine andere Richtung. Aber das war sicher nicht einfacher, obwohl er immer behauptete, es sei okay für ihn.

»Hast du denn noch mal etwas von Jess gehört?«, fragte er mich nun leise.

»Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Er weiß genau, dass es alles gefährden könnte, wenn er sich bei mir meldet. Oder ich mich bei ihm.« Dabei war ich in den letzten zwei Monaten oft kurz davor gewesen, ihn anzurufen – einfach nur, um seine Stimme zu hören. Um zu erfahren, was in ihm vorging, wie er sich fühlte. Um nicht so verflucht unwissend zu sein. Vielleicht hatte er mich ja längst vergessen und sah nach vorne. Aber vielleicht dachte er auch ständig an mich, so wie ich an ihn. Ich wusste nicht, was davon die Wahrheit war. Und es machte mich wahnsinnig, jeden Tag ein bisschen mehr.

Unser Schweigen dehnte sich aus, dann seufzte ich. »Was würde Valerie wohl sagen, wenn sie uns so sehen könnte?«

»Nicht viel, glaube ich.« Lincoln hob die Schultern. »Sie würde wahrscheinlich vorschlagen, dass wir uns irgendeine teure Flasche Scotch oder Gin holen und den ganzen Mist mal einen Abend vergessen.«

Ich lachte auf. »Ja, das wäre genau ihr Ding gewesen.« Ich atmete durch, dann stieß ich mich von der Wand ab. »Wir sollten besser wieder reingehen.«

»Bist du sicher?«

»Ja. Bin ich.« Das hier war weder der Ort noch die Zeit, um zusammenzubrechen. »Aber ich verspreche dir, wir werden irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft eine Flasche teuren Irgendwas öffnen und das alles vergessen. Deal?«

»Deal.« Er lächelte, ich lächelte, beides war schief. »Gehen wir.«

Wir kehrten ins Restaurant und zu unseren Eltern zurück, hocherhobenen Hauptes, mit aufrechter Haltung und undurchdringlichem Gesichtsausdruck, weil man das von uns erwartete. Wir waren schließlich die Westons. Wir zeigten keine Schwäche.

Niemals.

2

Jessiah

Die Wohnung war dunkel, als ich mein Gepäck hineintrug und die Tür hinter mir mit dem Fuß zuschob. Stickige, abgestandene Luft schlug mir entgegen, denn es war ziemlich warm in New York – und außer Thaz, der ab und zu nach dem Rechten gesehen hatte, war in den letzten zehn Wochen niemand hier drinnen gewesen. Dementsprechend war die Klimaanlage abgeschaltet, aber ich startete sie auch jetzt nicht, sondern ging auf direktem Wege zum Fenster und öffnete es. Laue Luft strömte ins Loft, immerhin besser als nichts.

Mein Flug von Maui hatte Verspätung gehabt, deswegen war ich erst nach zehn Uhr am Abend gelandet. Dass diese verdammte Stadt jedoch niemals schlief, war nicht nur ein Klischee und so hatte mein Taxi trotzdem fast eine Stunde vom JFK nach Manhattan gebraucht. Eine Stunde, die mir meine Abneigung gegen New York City wieder eindrucksvoll in Erinnerung gerufen hatte. Aber nichts toppte das beschissene Gefühl, das ich hatte, als ich jetzt zum Schalter neben der Tür griff und das Licht an der Decke aufflammte. Ich hielt die Luft an, während die vertraute Umgebung für mich sichtbar wurde.

Am Anfang hatte ich das Loft manchmal gehasst, weil es mich an Adam erinnert hatte. Jeder Quadratzentimeter war mit ihm verbunden gewesen, jedes Möbelstück, jedes verfluchte Buch im Regal. Jetzt hasste ich es, weil mich alles an sie erinnerte. Weil ich, wenn ich das Waffeleisen in der Küche ansah, an sie denken musste.

Was muss man tun, damit man von dir Waffeln zum Frühstück bekommt?

Weil ich, wenn ich nach oben zu der Plattform sah, auf der mein Bett stand, an sie denken musste.

Kannst du nicht schlafen? – Nein. Ich meine, ich kann schon, aber ich … ich will nicht.

Und weil ich vor allem an sie denken musste, wenn ich einfach nur die Tür ansah, durch die sie nach diesem grauenhaften Abschied am nächsten Vormittag gegangen und nie zurückgekehrt war.

Ich kann es dir nicht sagen, Jess! Ich kann dir nie wieder irgendwas sagen! Ich darf es nicht!

Helena.

Allein ihren Namen in Gedanken auszusprechen reichte aus, damit sich mein Inneres schmerzhaft zusammenzog. Zehn Wochen war ich vor diesem Schmerz davongerannt. War an den schönsten Stränden der Welt aufs Board gestiegen, war die anspruchsvollsten Steilwände geklettert, hatte mich an meine Grenzen gebracht und darüber hinaus. Ich hatte alles getan, um diesem schrecklichen Gefühl zu entkommen, das währenddessen auf der Couch gesessen und seelenruhig auf mich gewartet hatte.

Willkommen zu Hause, Jess. Hast du mich vermisst?

»Fick dich«, stieß ich aus, griff dann grob nach meiner Tasche und trug sie ins Badezimmer, um die dreckige Wäsche auszuräumen. Ich musste mich beschäftigen, vielleicht half das gegen das Ziehen in meinem Magen und den dumpfen Druck in meiner Brust. Nur war ich auch hier nicht sicher, denn im Bad befand sich die Dusche, in der wir am Morgen … VerfluchteScheiße. Ich legte den Kopf in den Nacken und schloss für einen Moment die Augen. Dann pfefferte ich die Wäsche in den Korb und verließ das Bad, so schnell ich konnte. Auf der Küchentheke lag meine Post, die Balthazar aus dem Briefkasten gefischt und hier abgelegt hatte. Ich sah sie flüchtig durch, es war nichts Interessantes dabei, also legte ich sie wieder beiseite.

Mein Magen knurrte, ich hatte seit heute Mittag nichts mehr gegessen. Als ich fahrig den Küchenschrank öffnete, um nachzusehen, ob ich wenigstens noch Nudeln und Tomatensoße dahatte, stieß ich mit dem Arm gegen das Waffeleisen. Abrupt hielt ich inne, starrte es an. Dann riss ich, von einem heftigen Impuls getrieben, das Kabel aus der Steckdose, packte das Waffeleisen und warf es kurzerhand in den Mülleimer. Der Krach, den dieses Manöver machte, erfüllte mich für einen Augenblick mit Genugtuung – bis mir klar wurde, dass ich nicht die ganze Wohnung in den Müll schmeißen konnte, um nicht mehr an Helena zu denken. Alles hier war mit ihr verbunden. Weil ich mit ihr verbunden war. Daran hatten die letzten zehn Wochen nichts geändert.

Ich stützte die Hände auf die Arbeitsplatte und senkte den Kopf, sah Helena vor mir, als wäre es erst gestern gewesen, dass wir dieses Gespräch geführt hatten. Dass sie mir gesagt hatte, wir dürften uns nicht länger sehen. Nachdem sie an jenem Morgen gegangen war, hatte ich ungefähr eine halbe Stunde auf dem gleichen Fleck gestanden, wo sie mich verlassen hatte. Unfähig, mich zu bewegen oder irgendeinen klaren Gedanken zu fassen. Irgendwann war jedoch ein Satz in meinen Kopf geschossen: Du musst verschwinden. Also war ich aus der Tür gestürmt und zum Rockaway Beach gerast, um aufs Brett zu steigen und zu surfen, bis die Erschöpfung meine Verzweiflung ausreichend gedämpft hatte, um einen Plan zu machen. Dann war ich zu Eli gefahren, hatte mich für meine Lüge an Adams Todestag entschuldigt und meinen kleinen Bruder gefragt, ob er seine Sommerferien gerne woanders verbringen würde als in New York. Es war blinder Aktionismus gewesen, getrieben von Kummer und Verzweiflung. Aber es hatte funktioniert, zumindest halbwegs. Bis heute.

Dass Trish mir erlaubt hatte, Eli mit nach Europa zu nehmen, grenzte an ein Wunder, aber vermutlich hatte es damit zu tun, dass sie es für eine gute Idee gehalten hatte, so viel Abstand wie möglich zwischen Helena und mich zu bringen. Außerdem hatte es Auflagen gegeben – wir hatten nur in hochpreisigen Hotels oder Ferienresidenzen von ihren Bekannten und Geschäftspartnern übernachten dürfen, zudem hatte uns Frank begleitet, der Ex-Marine, der für Elis Schutz zuständig war. Aber das hatte ich in Kauf genommen, um Trish und der Stadt zu entkommen. Denn ohne Eli hätte ich nicht verschwinden können. Ihn zu beschützen war wichtiger als alles andere, sogar wichtiger als mein Schmerz.

Kalte Wut stieg in mir auf, als ich an meine Mutter und ihren grausamen Schachzug dachte. Sie hatte nach dem Unfall von Mr Weston alle Trümpfe in der Hand gehalten und wie immer nichts dem Zufall überlassen. Niemand, der ein Herz hatte, hätte ihren Deal ausgeschlagen, und Helena schon gar nicht. Sie hatte uns gegen das Wohl ihrer Familie eingetauscht. Eintauschen müssen. Sie hatte überhaupt keine andere Wahl gehabt. Und nun war es uns verboten, jemals wieder Kontakt zueinander zu haben. Ich konnte sie nicht fragen, wie es ihr ging, wie ihr Sommer gewesen war oder ob sie mich so sehr vermisste wie ich sie. Ich konnte es nicht, wenn ich nicht dafür sorgen wollte, dass sie alles verlor, und diese Ohnmacht war fast das Schlimmste daran. Sie machte mich krank. Ich war ein Problemlöser, aber alles, was ich in diesem Fall tun konnte, war stillzuhalten. Ich durfte nichts zu Trish sagen, ich durfte Helena nicht anrufen.

Ich durfte absolut nichts tun.

Es war gelogen, wenn ich behauptete, meine Flucht hätte tatsächlich funktioniert. Natürlich hatte ich auch während meiner Tour durch Europa und der Zeit auf Hawaii an Helena gedacht. Jeder schöne Ort hatte mich wünschen lassen, sie könnte ihn auch sehen, mit mir zusammen. Jedes Hotelbett hatte mich wünschen lassen, dass sie mich mitten in der Nacht weckte, um mir einen dieser Blicke zuzuwerfen, die mich auf ewig in Flammen aufgehen lassen würden. Aber ich hatte die Endgültigkeit unserer Trennung nicht zugelassen, hatte das Gefühl von Hilflosigkeit verdrängt. Ich hätte wissen müssen, dass all das mich einholen würde, wenn ich hierher zurückkehrte. Ich hätte es verdammt noch mal wissen müssen. Und trotzdem traf es mich mit voller Wucht, wie sehr sie mir fehlte. Ich lehnte mich an die Küchenzeile, presste den Rücken gegen den Schrank hinter mir, versuchte, zu atmen. Es gelang mir nicht.

Gott, ich vermisste sie so wahnsinnig, alles an ihr. Ihren Humor, ihren Scharfsinn, unsere Gespräche, ihren Körper auf meinem. Ich vermisste, wie sie mich berührte und wie sie reagierte, wenn ich das Gleiche bei ihr tat. Da war etwas zwischen uns gewesen, das sich kaum beschreiben ließ, etwas Echtes, Wahrhaftiges. Mit ihr hatte ich geglaubt, sogar New York ertragen zu können. Aber nun war sie weg. Und sie würde nie zu mir zurückkommen.

Ich presste die Lippen aufeinander, als der Schmerz sich an der Wut vorbeischob, mich mit festem Griff packte und schüttelte. Und dann stürzte alles über mir zusammen, der Kummer, die Hilflosigkeit und die Sehnsucht. Vor allem die Sehnsucht. Sie schnürte mir die Luft ab, ließ meinen Körper taub werden, als ich an die letzten Worte dachte, die wir getauscht hatten.

Wir haben schon so viel verloren. Warum jetzt auch noch uns? – Weil es Menschen gibt, die mehr aushalten können als andere. Weil sie mehr lieben als andere. So wie wir.

Tränen drückten gegen meine Kehle, aber ich schluckte sie mit aller Gewalt hinunter. Ich ballte die Fäuste, klammerte mich mit meinen Gedanken an die Person, die schuld daran war, dass ich mich so fühlte. Die Person, die Helena zu diesem Schritt gezwungen hatte. Und es funktionierte: Heißer Zorn stieß in mir auf, ließ die Tränen verdampfen und vertrieb die Taubheit. Ich wusste, dass es feige war, mich hinter der Wut auf meine Mutter zu verstecken. Dass ich mich dem Schmerz stellen musste, früher oder später. Aber was brachte es, zusammenzubrechen, weil ich mich verliebt hatte und diese Liebe keine Chance bekam? Was, außer der Gewissheit, dass mein Leben nicht mehr meins war, seit Adam gestorben war? Gar nichts.

Mir graute vor dem Tag, an dem wir einander begegnen würden, irgendwo in der Stadt. Ich sehnte mich zwar danach, Helena zu sehen, weil ich wissen wollte, wie es ihr ging und ob sie zurechtkam. Aber gleichzeitig hatte ich eine Scheißangst davor. Am liebsten wäre ich direkt wieder abgehauen, irgendwohin verschwunden, wo die Gefahr, sie zu treffen, gegen null tendierte. Aber ich konnte nicht fliehen, nicht endgültig. Sonst hätte ich es längst getan.

Ich ging mit schnellen Schritten zu meinem Rucksack, der immer noch neben der Tür stand, nahm mein Handy heraus und scrollte meine Nachrichten durch. Dann wählte ich eine Nummer, von der mir erst vor ein paar Minuten ein Bild geschickt worden war. Bestimmt war Eli noch wach, in den Ferien blieb er meist länger auf und las Bücher, bis ihm die Augen zufielen.

Und tatsächlich, es dauerte nicht lange, bis er den Anruf entgegennahm.

»Hey, Jess. Bist du endlich in New York angekommen?« Wir hatten am Flughafen von Maui noch geschrieben, deswegen wusste er von der Verspätung.

»Ja.« Wobei endlich das falsche Wort war. Zwei Stunden länger auf Maui zu sein war definitiv keine Strafe. »Alles gut bei dir, Kleiner?«, fragte ich und fühlte mich schlecht, weil dieser Anruf nicht in erster Linie dazu da war, um herauszufinden, wie es Eli ging. Er diente dazu, mir in Erinnerung zu rufen, warum ich das hier auf mich nahm. Warum ich nicht verschwand, wie es mir mein Körper und mein Hirn in jeder wachen Sekunde zuriefen.

»Hatten wir uns nicht darauf geeinigt, dass du mich nicht mehr so nennst?« Mein Bruder klang genervt, aber ich wusste, es war nicht ernst gemeint. Die fünf Wochen zusammen in Europa hatten uns mehr zusammengeschweißt denn je. Wir hatten viel geredet, über Wünsche und Träume, über die Zukunft. Natürlich nicht über meine. Denn die würde erst eine Rolle spielen, wenn Eli seine eigene verwirklicht hatte. Ob das für ihn in Ordnung war, konnte ich nicht sagen. Aber es war mir wichtig gewesen, dass er verstand, wieso ich das tat. Dass er die Wahrheit kannte, um damit umgehen zu können.

»Daran erinnere ich mich nicht«, gab ich zurück. »Bist du noch auf Martha’s Vineyard?« Henrys Eltern besaßen dort ein Haus und hatten Eli eingeladen, einen Teil seines Sommers mit ihnen zu verbringen. Nur weil ich wusste, dass er da gut aufgehoben war und nicht unter Druck gesetzt wurde, war ich nach unserer Tour allein nach Hawaii geflogen, um zu surfen, Freunde zu besuchen und ein paar Projekte zu unterstützen. Elis Großeltern waren verständnisvolle Leute, die an ihren Enkel keine überhöhten Erwartungen stellten. Sie wussten von Elis Angstzuständen und gingen gut damit um. Nur leider konnten sie seinen Vater Henry nicht davon überzeugen, das ebenfalls zu tun.

»Ja, bis nächste Woche. Grandma und Grandpa sagen, in New York ist es noch zu heiß, um zurückzukommen. Und Mom bleibt eh bis Ende August in Dubai.« Ich konnte Eli anhören, dass ihm das sehr gelegen kam. Er war wohl der einzige Fünfzehnjährige, der mehrere ereignislose Wochen auf Martha’s Vineyard zu schätzen wusste. Normalerweise verbrachte Trish mit ihm die Sommer in den Hamptons – oder schaute eher ab und zu nach ihm, weil sie ständig Termine in New York hatte –, aber das Projekt in Saudi-Arabien hatte ihre Pläne über den Haufen geworfen. »Du kannst herkommen, wenn du willst. Grandma hat bestimmt nichts dagegen.«

Es war ein verlockendes Angebot, aber ich schüttelte den Kopf. »Ich habe in der nächsten Woche jede Menge Termine mit Klienten, außerdem muss ich mich endlich wieder um die Restaurants kümmern.« Und ich wusste, dass Elis Großeltern ihren Enkel sehr liebten, von mir aber keine besonders hohe Meinung hatten. Es wunderte mich nicht, schließlich hatte ich ihnen in meinen Teenagerjahren auch keinen Grund dazu gegeben.

»Okay. Aber wir sehen uns, wenn ich wieder da bin, oder?«

»Klar. Filmabend mit Mac’n’Cheese, wann immer du willst.« Zwar wäre ich meiner Mutter gerne so lange wie möglich aus dem Weg gegangen, aber mir war bewusst, dass das kaum machbar war. Wenn sie glauben sollte, dass Helena ihren Teil der Abmachung eingehalten und mir nichts von dem Deal zwischen den beiden erzählt hatte, musste ich mich Trish gegenüber so verhalten wie immer. Zumindest, sobald sie zurück war.

Als hätte er meine Gedanken gehört, hakte mein Bruder ein. »Sag mal, hast du eigentlich mal mit Mom gesprochen in der letzten Zeit?«

»Schon länger nicht mehr, nein«, antwortete ich. Eli wusste nichts von Trishs Manöver, um Helena und mich zu trennen, denn auch ihm konnte ich nichts darüber sagen. Er glaubte, der Streit an Adams Todestag wäre der Grund dafür, warum sich unsere ohnehin wenig warmherzige Beziehung noch um ein paar Grad abgekühlt hatte.

»Du solltest mit ihr reden«, sagte Eli. »Sie fragt jedes Mal nach dir, wenn wir telefonieren, und ich glaube, sie macht sich Sorgen.«

Beinahe hätte ich aufgelacht, aber ich erstickte es gerade noch so. Sorgen, Trish, um mich. Klar. Sie war diejenige, die dafür gesorgt hatte, dass der einzige Mensch, der in den letzten drei Jahren mein Herz berührt hatte, aus meinem Leben verbannt worden war. Sie machte sich keine Sorgen. Sie wollte nur wissen, ob ihre Intrige funktioniert hatte.

»Du kannst ihr sagen, dass mit mir alles in Ordnung ist. Ich gehe immer noch keinem geregelten Beruf nach, habe nicht vor, in die Firma einzusteigen, und alles andere geht sie einen Scheiß an.« Ich wusste, dass er ihr das niemals so ausrichten würde, denn Trish hatte es schon immer gehasst, wenn ich fluchte – und Eli war nicht unbedingt dafür bekannt, Öl ins Feuer zu gießen.

»Nee, das kannst du ihr schön selbst sagen.« Mein Bruder schnaubte, genau wie erwartet. »Oh, Grandma kommt, ich muss Schluss machen. Bis dann, Jess.«

»Bis dann.« Ich legte auf und atmete aus. Eli hoffte, dass Trish und ich miteinander auskamen, das wusste ich. Nur hatte ich manchmal meine Zweifel, ob ich das tatsächlich hinkriegen würde. Wie sollte ich ihr ins Gesicht sehen und gute Miene zum bösen Spiel machen, während in mir alles sie anbrüllen wollte? Sie fragen wollte, was sie sich dabei gedacht hatte, das Einzige zu zerstören, was mir etwas bedeutete?

Helena hatte all das geahnt. Sie hatte sich weigern wollen, mir die Wahrheit zu sagen. Sie hatte gemeint, sie würde mir nicht antun, mit diesem Wissen leben zu müssen und kein Wort darüber verlieren zu dürfen. Hätte ich doch nur auf sie gehört. Vielleicht wäre es besser gewesen, zu glauben, dass es für sie nur eine Nacht gewesen war, nur Sex, und dass es für mehr nicht reichte. Vielleicht hätte ich sie dann längst vergessen.

Träum weiter.

Bevor ich erneut Gefahr lief, die Entscheidung zwischen Kummer und Wut treffen zu müssen, nahm ich wieder mein Smartphone zur Hand und wählte eine andere Nummer. Es klingelte so lange, dass ich schon fast aufgeben wollte, aber dann hob doch jemand ab.

»Er lebt!«, rief Balthazar. »Welch Freude. Sag bloß, du bist wieder in der Stadt?«

»Könnte sein.« Wir hatten in den vergangenen Wochen nicht viel Kontakt gehabt. Thaz und ich waren nicht die Typen für tägliche Sprachnachrichten, unsere Freundschaft existierte mehr im Hier und Jetzt. Und in diesem Jetzt brauchte ich dringend einen Grund, um meine Wohnung verlassen zu können. »Gehen wir über ein paar Runden im Tough Rock?« Der Kampfsportclub in Brooklyn hatte am Wochenende bis um zwei Uhr auf, das würde also locker reichen, um ein bisschen aufgestaute Energie loszuwerden.

»Immer, Mann. Hey, und: Willkommen zurück in New York, Jessiah.« Den letzten Satz flötete er mit unerträglich guter Laune.

»Ja, du mich auch«, gab ich nur zurück und beendete das Gespräch. Dann lief ich in den Abstellraum, um ein paar Klamotten zusammenzusuchen und so schnell wie möglich aus dem Loft zu verschwinden.

Ich sah mich nicht um, als ich die Tür hinter mir zuzog. Vielleicht hatte ich ja Glück und fand einen Weg, heute nicht mehr hierher zurückkommen zu müssen.

3

Helena

Die Schlange vor dem Foodtruck ging fast bis zum nächsten Block, aber ich hatte mich in den letzten fünfzehn Minuten ein ganz ordentliches Stück vorgearbeitet und die Hoffnung, es noch rechtzeitig zu meinem Termin zu schaffen. Ich konnte nur hoffen, dass das Schawarma hier so gut schmeckte, wie man mir gesagt hatte. Aber eigentlich sprach die Menge an Leuten, die ihre halbe Mittagspause mit Anstehen vergeudeten, dafür, dass es stimmte.

Während ich wartete, scrollte ich durch mein Instagram, wechselte danach zu TikTok und drehte schnell den Ton meines Handys leiser, als mir ein Video mit zwei als Affen verkleideten Kerlen angezeigt wurde, die zu einem schrecklichen Techno-Beat tanzten. Dann klickte ich Eli Coldwells Account an, aber da gab es nichts Neues zu sehen. Sein letzter Clip stammte vom Strand, den ich als South Beach auf Martha’s Vineyard identifiziert hatte, aber das Video war bereits eine Woche alt. Offenbar hatten die Brüder ihre Europareise schon vor einer Weile beendet, allerdings hatte ich keine Gerüchte gehört, dass Jess wieder zurück in New York war. Was nichts bedeuten musste, schließlich berührten sich die Kreise, in denen wir uns bewegten, kaum noch. Es hätte sein können, dass er irgendwo hinter mir in dieser Schlange stand, um Schawarma zu kaufen. Unauffällig drehte ich mich einmal um die eigene Achse, um das zu checken, während mir mein Herz bis zum Hals schlug. Aber natürlich war er nicht da.

»Hey, was darf es für dich sein?«, rief der Mann im Foodtruck. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich schon an der Reihe war, aber offenbar hatten die Leute vor mir alle zu einer Gruppe gehört und waren versorgt.

Ich bestellte zwei Portionen und es dauerte nicht lange, bis das Essen fertig war. Ich bezahlte, setzte mich in Bewegung und beschleunigte nach einem Blick auf die Uhr meine Schritte, um zu dem Altbau zu kommen, in dem meine Eltern ihre Firma hatten.

Die Empfangsdame begrüßte mich erfreut und auch einige der Angestellten, die schon lange für uns arbeiteten, wechselten ein paar Worte mit mir. Anders als bei dem Besuch nach meiner Rückkehr im Winter war jetzt eine Menge los auf der Etage – alle Büros waren belegt, genau wie die Konferenzräume und die Tische der Assistenten. Ich musste lächeln, als ich es bemerkte. Die Weston Group war wieder im Spiel. Und auch wenn mir der Grund dafür immer einen Stich versetzte, freute ich mich trotzdem darüber.

Mein Vater war in seinem Büro und besprach gerade etwas mit einem Mitarbeiter, bevor er seinem Assistenten sagte, dass er nicht gestört werden wollte, und die Tür schloss.

»Hallo, Liebes.« Er lächelte und umarmte mich zur Begrüßung. Dann fiel sein skeptischer Blick auf die Papiertüte, die ich auf dem Konferenztisch abgestellt hatte. »Und, was gibt es heute?«

»Überraschung«, sagte ich, so wie immer. »Guck nicht so, du wirst es lieben.«

Diese Art von Mittagessen waren ein Ritual von uns gewesen, als ich noch auf die Bradbury School gegangen war, die nur ein paar Straßen entfernt lag. Jeden Dienstag hatte ich bereits um ein Uhr Schluss gehabt, und da ich irgendwann mitbekommen hatte, dass mein Vater jeden Mittag das gleiche langweilige Zeug aus dem gleichen langweiligen Restaurant aß, hatte ich mich berufen gefühlt, ihm zu zeigen, was er alles verpasste. Also war ich jeden Dienstag zu einem anderen Laden oder Foodtruck in der Nähe gegangen und hatte für Dad und mich etwas geholt. Er wusste vorher nie, was ich anschleppte, aber er hatte es immer ohne Murren gegessen und danach hatten wir Noten vergeben. Als ich nach England geschickt worden war, hatte diese Tradition geendet, aber vor ein paar Wochen hatte ich vorgeschlagen, sie wieder aufleben zu lassen. Mir fehlte es, Zeit mit Dad zu verbringen. Sein Unfall hatte mir in Erinnerung gerufen, dass ich ihn nicht ewig haben würde, und ich war sehr froh, dass er meinen Vorschlag nicht mit einem Ich habe zu viel Arbeit abgelehnt hatte.

Ich holte das Schawarma aus der Tüte und legte es auf den Tisch.

»Oha«, sagte mein Vater, als er es auspackte und erkannte. »Das letzte Mal, dass ich das gegessen habe, ist sicherlich zehn Jahre her. Und es war grauenhaft.« Er zog eine Schublade an seinem Sideboard auf und nahm Servietten heraus. Er hatte auch Besteck dort drin, aber mittlerweile aufgegeben, es verwenden zu wollen.

»Dann wird es höchste Zeit für eine zweite Chance.« Ich nickte mit Nachdruck. »Es soll das Beste in ganz New York sein.«

Er lachte auf. »Würde ich jedes Mal einen Dollar bekommen, wenn jemand diesen Satz sagt, dann –«

»Hättest du jetzt hundert Dollar?«, witzelte ich und wickelte mein Essen aus der Verpackung.

»Vermutlich sogar zweihundert.« Mein Dad beäugte den Inhalt seines Fladenbrotes noch einen Moment, bevor er hineinbiss. Es dauerte nur wenige Augenblicke, dann weiteten sich seine Augen und er nickte anerkennend.

»Gut?« Ich nahm ebenfalls einen Bissen. Okay, das war wirklich gut. Nein, gigantisch. Ich liebte so gut wie alles an Fast Food, aber das hier hatte das Zeug dazu, mein Favorit zu werden. Das leicht säuerlich schmeckende Fleisch, dann der Salat und das selbst gemachte, dünn gebackene Brot … Es war eine Offenbarung.

Eine Weile aßen wir schweigend, versicherten uns aber immer wieder mit Lauten und Gesten, dass wir beide völlig begeistert von der heutigen Ausbeute waren. Irgendwann legte ich pappsatt den letzten Rest des Schawarma hin und nahm die Serviette, um mir die Hände abzuwischen. Dabei sah ich, dass auf der Ablage neben dem Schreibtisch ein Modell stand, das ich noch nicht kannte.

»Ist das der neue Entwurf für das Winchester-Areal?« Es war normal, dass die ersten Pläne noch einige Male überarbeitet wurden. Aber da bald mit den Umbaumaßnahmen und der Sanierung begonnen werden sollte, war dafür nicht mehr viel Gelegenheit.

»Ja, richtig.« Mein Dad stand auf und ging hinüber, holte das Modell und schob es auf den Konferenztisch. Ich entsorgte eilig die Reste unseres Mittagessens und beugte mich dann gemeinsam mit ihm über die Miniaturausgabe des Geländes. »Wir haben hier an dem Komplex einige Änderungen vorgenommen, siehst du? Statt der geplanten Einzelhandelsgeschäfte werden dort die Arztpraxen hinkommen. Und es wird einen Anbau geben, ganz im Stil der Bestandsgebäude, so schaffen wir einen nahezu abgeschlossenen Innenbereich mit Begrünung. Das war die Idee deines Bruders.«

»Ich finde es gut, dass ihr auf ihn hört«, sagte ich leichthin. »Scheint so, als hätte er sich weiterentwickelt, seit er mir damals mit fünf Knete in die Haare geschmiert hat.«

Mein Vater lächelte. »Ich habe bemerkt, dass ihr beide euch viel besser versteht als früher. Das ist schön. Deine Mutter und ich hatten Sorge, dass ihr nach dem, was passiert ist, keinen Draht zueinander finden würdet.«

Doch, den hatten wir. Wir hatten eine Verbindung, weil wir die Einzigen waren, die wussten, was wirklich hinter dem Winchester-Deal steckte. Und weil ich nur Lincoln gesagt hatte, was zwischen mir und Jess war. Gewesen war.

Es schien keine Rolle zu spielen, welche Zeitform ich für meine Gefühle wählte, denn es kam mir vor, als würden sie auf ewig existieren. Manchmal erfasste mich sogar richtiggehend Panik, wenn mir klar wurde, dass ich ihm nie wieder nah kommen durfte. Er war in so kurzer Zeit derart wichtig für mich geworden, dass ich mir nicht vorstellen konnte, für immer ohne ihn zu sein. Scheiße, er fehlte mir so sehr. Ich hätte alles dafür gegeben, ihn nur noch einmal Tausendschön sagen zu hören, mit dieser leicht rauen Stimme und dem weichen Tonfall, den er bei meinem Spitznamen angeschlagen hatte. Nur ein einziges Mal.

»Helena?«, sprach mich mein Vater an. »Schatz, bist du noch da?«

»Ich … Ja.« Schnell schüttelte ich den Kopf, um das Gefühl zu vertreiben. »Klar. Ich habe nur gerade an etwas gedacht.«