Ordo Draconis - Erwachen - Lilly Labord - E-Book

Ordo Draconis - Erwachen E-Book

Lilly Labord

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Beschreibung

Die siebzehnjährige Tilly Taylor ist begeistert, als sich ihr Traum erfüllt und sie ihre Ausbildung bei der berühmten irischen Whiskey-Brennerei Breath of Fire absolvieren darf. Allerdings bemerkt sie sehr schnell, dass die Distillery beunruhigende Rätsel verbirgt - die Mitarbeiter treffen sich heimlich, gekleidet in altertümliche Gewänder, offenbar, um mysteriöse Rituale zu zelebrieren. Der gleichaltrige Aidan bietet Tilly an, mit ihr gemeinsam herauszufinden, was in den Gewölben der Brennerei wirklich vorgeht, nur weiß Tilly nicht, ob sie ihm trauen kann, denn irgendetwas verbirgt er vor ihr. Als sie bei ihrer Suche schließlich auf ein wahrhhaft ungeheures Geheimnis stoßen, gerät neben der Brennerei bald auch Tillys Weltbildganz gehörig ins Wanken. Eine ebenso packende wie humorvolle Urban-Fantasy-Reihe. Vier Autoren/Autorinnen, vier Romane, eine Geschichte!

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Table of Contents

Titelseite

Inhalt

Impressum

Promille

Aidan

Drachenatem

Abfüllen

Die Zeit fliegt

Computer

Skye

Geheime Pläne

Muss man nicht verstehen

Ernüchtert und schon wieder aufgeregt

Heimlichtuerei

Ordo

Keller 3

Komisch!

Nachts im Keller

Klopf, klopf

Beben

Spionin wider Willen

Druck

Anruf von Tante Becky

Breath of Fire

Wie bitte?

Was zum Henker?

Kein Sterbenswörtchen!

Weiße Haube

Erkenntnisse

Dunkelheit

Touristen

Blöder Kerl!

Plötzlich

Aus dem Rahmen

Moderne Welt

Fragen über Fragen

Hochmut

Flut der Bilder

Stress pur

Duschen ist schön

Wisfrods Fragen

Das Zeichen

Auf nach Schottland!

Edinburgh

Bitte?

Ernüchterung

Daheim

Eine relativ kurze Aussprache im Dunkeln

Drachenweisheiten

Tumult

Zauberei und Blut am Boden

Fatal

Crescendo

Ein Tag wie jeder andere

Lese-Tipps

IMPRESSUM:

Copyright Text: 2025, Lilly Labord

Cover: Enrico Freese

Durchsicht: Rita Farkas

LILLY LABORD c/o PublZ oHGBozzarisstr. 3381545 München

Promille

Tilly hatte immer schon davon geträumt, einmal die Kunst des Whiskey-Machens zu erlernen, obwohl sie noch nicht einmal alt genug war, um selbst Whiskey trinken zu dürfen. Es erklärte sich auch nicht aus ihrer Familiengeschichte, die traurig genug war, aber nichts mit Alkohol zu tun hatte.

Aber sie hatte irgendwann einmal die Werbung der Breath-of-Fire-Whiskey-Destillerie gesehen – einen prachtvollen grünen Drachen auf goldenem Grund – und sich vorgenommen, später dort zu arbeiten.

Und nun war es so weit.

Eventuell.

Sie saß einem älteren Herrn in grüner Schürze gegenüber, durch das offene Fenster war das Tschilpen von Spatzen zu hören, eine Kaffeemaschine saugte laut und aufdringlich das letzte Wasser aus dem Reservoir und es roch höchst merkwürdig süßlich.

Der ältere Mann, Mr Foley, sah durch schmale Brillengläser auf ihre Bewerbungsunterlagen.

„Sehr … modern“, sagte er mit einer heiseren, matten Stimme. „Man schreibt wohl heutzutage nicht mehr, ob man gut katholisch ist und wie die Mutter heißt?“

„Äh, nein Sir, das schreibt man nicht mehr.“

„Famos, famos“, murmelte er. „Magst du einen Kaffee? Oder … ich bin nicht sicher, ob man heutzutage Siebzehnjährigen Kaffee anbietet.“

„Danke, keinen Kaffee, Sir.“

Er legte die Blätter zur Seite.

„Weshalb willst du denn die Kunst des Whiskey-Machens erlernen, junge Dame?“

„Ich wollte das immer schon.“

„Hm. Also ich muss dir sagen, dass wir körperliche Belastbarkeit erwarten. Und die Bereitschaft, Überstunden zu machen. Und …“ Er sah auf ihr lebhaft orangerotes Haar, „… eine gewisse innere … Ruhe. Whiskey muss lange reifen. Ungeduld passt nicht zu der Absicht, ein gutes, traditionelles Produkt zu erzeugen. Das wird dir alles vielleicht zu langsam gehen. Zumal man auch nicht Hals über Kopf zu einem Master Distiller wird.“

„Das weiß ich, Sir“, sagte Tilly. „Und ich werde mir alle Zeit nehmen, die nötig ist.“

„Und deine Eltern?“, versuchte es Mr Foley noch einmal. „Was sagen die dazu, wenn du in einer Brennerei arbeitest?“

„Ich habe keine Eltern mehr“, erklärte Tilly. „Und meine Tante meint, es wäre an der Zeit, dass ich auf eigenen Beinen stehe. Und weil Sie geschrieben haben, es wäre mit Unterkunft …“

Er sah noch einmal durch die schmalen, sichtlich schmutzigen Brillengläser auf ihre Bewerbungsunterlagen.

„Hm, ja. Tallulah Taylor. Möchtest du so genannt werden? Oder nennen dich deine Freunde Lulla? Lalla?“

„Ich werde Tilly genannt.“

„Tilly Taylor. Na, schön. Dann herzlich willkommen in der Breath-of-Fire-Destillerie, junge Dame. Mr Jimenez wird dir den Schlüssel für dein Zimmer geben. Ich fürchte, du musst immer bis nach unten, um zur Toilette zu kommen. Die Duschen sind auch unten. Und …“ Er betrachtete sie wie etwas Zerbrechliches, das man für jemanden längere Zeit gut aufbewahren muss. „… alles wird sich zeigen. Wir haben bisher nur männliche … also …“ Er geriet ganz ins Stocken.

Tilly wartete, bis er seine Verunsicherung überwunden hatte. Er legte die Brille weg und sah sie aus müden Augen an.

„Also, es ist so“, begann er dann noch einmal. „Unsere Kunst ist kein Ausbildungsberuf. Man hangelt sich nicht drei Jahre lang durch und darf sich dann Master Distiller nennen. Es gibt auch keinen Head of Destillerie oder sowas. Du musst dir das verdienen! Wer nicht in die Kunst hineingeboren wird, der muss hart arbeiten, aber vor allem … ein Gespür entwickeln. Und …“ Er schien sich in den eigenen Sätzen verlaufen zu haben, hielt inne und lächelte dann auf eine sehr großväterliche Weise. „Wir werden ja sehen“, sagte er dann. „Ich stelle dich jetzt Mr Jimenez vor. Der kümmert sich bei uns um alles Mögliche: die Räume, das Essen, er ölt alles, was klemmt. Und um die jungen Menschen, die bei uns in die Kunst eingeführt werden, kümmert er sich auch.“

Er stand auf und winkte Tilly hinter sich her.

Sie verließen den Flachbau, in dem das Gespräch stattgefunden hatte, und betraten einen Container, in dem ein Mittvierziger zwischen unordentlichen Stapeln mit Papieren saß, ein Glas Whiskey neben sich, und aussah, als würde er über ein baldiges Mittagsschläfchen nachdenken.

„Carlos“, sagte Mr Foley, „… das ist Ms Tilly Taylor, die sofort bei uns anfängt. Ich dachte, wir geben ihr den Raum, den Mr Hobbs hatte …“

Mr Jimenez rieb sich die Stirn, starrte Tilly an und schien Zeit zu brauchen, um das zu verarbeiten.

„Taylor“, sagte er dann. „Aha. Hobbs Zimmer.“ Er stand auf, griff ohne hinzusehen an ein Schlüsselbord, zog einen von vielen Schlüsseln vom Haken und sagte: „Dann kommen Sie mal!“

Tilly war überrascht, so plötzlich und übergangslos eingestellt zu werden. Keine vertiefenden Fragen, keine Tests, keine Bedenkzeit. Es musste doch reichlich Leute geben, die Whiskey-Brennen zu ihrem Beruf machen wollten. Weshalb wurde sie sofort genommen?

Mr Jimenez ging in einem wiegenden Seemannsschritt voran, öffnete ihr die Tür zum Haupthaus, in dem es genauso komisch roch, und stieg mit ihr zwei Stockwerke nach oben.

Dort gab es nur eine Tür. Er schloss sie auf.

„Das Zimmer von Mr Hobbs. Also Ihr Zimmer jetzt. Sie sind volljährig?“

„Äh, nein. Noch nicht.“

„Dann müssen Sie ab 22 Uhr im Haus sein. Und keine Dummheiten mit den jungen Männern! Ich merke sowas.“

„Bestimmt nicht“, versprach Tilly und wunderte sich wieder, weil es ansonsten anscheinend keine Regeln gab.

„Mittag essen wir um zwölf Uhr, zu Abend um sechs Uhr, Tee ist natürlich um vier Uhr, außer an Sonntagen, da schon um drei Uhr. Frühstück muss selbst organisiert werden.“

„Ich verstehe. Und was mache ich jetzt?“

„Keine Ahnung“, erwiderte er, reichte ihr den Schlüssel und zog die Tür von außen ins Schloss.

Sie hörte ihn die Treppe hinabgehen.

Na, das war ja weit abenteuerlicher als sie es sich in ihren kühnsten Träumen ausgemalt hätte.

Das Zimmer hatte ein kleines Waschbecken, einen uralten Schrank, der nach Formaldehyd roch, und den ihre Tante nicht zehn Sekunden lang im Haus geduldet hätte, ein Bett mit Matratze und Kopfkissen, aber nicht bezogen, einen kleinen Tisch und einen Stuhl, alles gleichermaßen abgewetzt. Der blanke Dielenboden war sauber, das Waschbecken ebenso. Und über dem Bett hing das Plakat, das sie als Zwölfjährige gesehen hatte. Jenes Plakat, das damals den Wunsch in ihr erweckt hatte, herzukommen – ein prächtiger grüner Drache auf goldenem Grund mit dem Schriftzug der Destillerie.

Darauf hatte jemand schief und mit Kuli in die linke untere Ecke geschrieben:

Ehre sei dem Drachen!

Und in der rechten Ecke stand ebenso krakelig:

Ehre sei jenen, die ihm dienen!

Aidan

Da es ihr sonderbar vorkam, eingestellt zu werden, aber keine Aufgabe zu bekommen, ging sie nach einigen Minuten wieder nach unten und suchte Mr Foley.

Sie fand ihn zusammen mit vier anderen Männern um einen Tisch im Hof versammelt, jeder mit einem Glas Whiskey vor sich.

„Sorry“, sagte sie. „Ich wollte nur fragen, was ich tun soll.“

Ein Mittfünfziger, der wirkte, als hätte er schon mehr als nur ein Glas Alkohol getrunken, sagte: „Eine weise Frage. Eine äußerst weise Frage. Was soll ich tun?“

„Halt die Klappe“, sagte ein anderer, der im selben Alter sein musste und der eine Latzhose trug. „Und du, Tilly Taylor, gehst am besten zum Anbau – rechts und wieder rechts – und machst dich mit Pete bekannt. Er ist auch … jung und kann dir schon mal eine Einführung in alles geben.“

Tilly bedankte sich, folgte der Anweisung und fand den Anbau abgeschlossen. Sie lief also zurück und ehe sie die Ecke erreichte, hörte sie Mr Foley mit seiner matten Stimme sagen: „Ja, ich weiß, Rowan. Ich weiß. Aber die Zeichen waren eindeutig. Der Rauch wehte nach Osten. Und das Licht färbte sich golden. Wie hätte ich sie da abweisen können?“

Plötzlich redeten alle Männer durcheinander und Tilly verstand nur einzelne Worte.

Was Mr Foley gesagt hatte, war schon komisch genug und sie beschloss, jetzt lieber nicht nochmal zu fragen, wo sie diesen Pete finden sollte. Stattdessen kehrte sie zum Anbau zurück, rüttelte nochmal an der Tür, und als sich nichts rührte, lief sie von dort zur Straße.

Die Brennerei lag etwas außerhalb des Ortes, sehr hübsch inmitten von Wiesen gelegen, rechts wogte reifes Getreide im Wind und in der Ferne fuhr jemand auf einem Traktor.

Alles wirkte wie gemalt.

Dann kam jemand mit einem Rad aus der Richtung des Ortes.

Als er Tilly sah, trat er kräftiger in die Pedale und hielt dann knapp einen Meter entfernt.

„Hi“, sagte er. „Bist du die Neue? Ich bin Aidan.“

„Tilly.“

Sie wusste nicht, was sie sonst sagen sollte. Aidan war ein Junge, der äußerst selbstbewusst wirkte. Sie schätzte ihn auf achtzehn oder neunzehn und sein Rad sah teuer aus. Das blonde Haar war vom Wind abenteuerlich herumgeweht und wirkte trotzdem cool statt unordentlich.

Er sah zum Haupthaus.

„Warum machst du das?“, fragte er.

„Warum mache ich was?“

„Warum fängst du in einer Brennerei voller alter Männer an?“

Tilly runzelte die Stirn.

„Ich will lernen, Whiskey zu machen. Deswegen.“

Aidan grinste.

„Aha, du bist meinungsstark, wie ich sehe. Das wird dir bestimmt helfen, mit den alten Kerlen fertig zu werden.“

„Warst du nicht irgendwohin unterwegs?“, fragte Tilly ärgerlich.

„War ich und bin ich“, gab er zurück. „Man sieht sich.“

Damit radelte er davon.

Tilly sah ihm nach.

Sie mochte Typen nicht, die sich so eindeutig etwas auf ihr gutes Aussehen einbildeten. Da ging sie doch lieber nochmal in den Hof und fragte, wo sie Pete finden würde. Als sie das Hauptgebäude erreichte, stand dort ein Mittzwanziger, die Hände in den Taschen einer braunen Lederjacke.

„Hey“, rief er. „Bist du Tilly?“

„Bin ich.“

„Ich bin Pete. Mr Foley hat mir gesagt, ich soll dich herumführen und dir einen Überblick über all unsere Häuser verschaffen.“ Er ließ einen Schlüsselbund um seinen Zeigefinger kreisen. „Können wir loslegen?“

„Klar.“

Er ging zu der Tür, die bisher verschlossen gewesen war, hielt sie ihr auf und ging mit ihr zu einer großen Wandtafel, die aussah, als würde sie mindestens aus dem letzten, eher aus dem vorletzten Jahrhundert stammen. Die Ränder waren gewellt und das Papier bräunlich geworden.

„Das ist der Gebäudeplan. Du siehst hier das Haus, in dem wir uns gerade befinden.“ Sein Finger berührte ein Kästchen auf der Karte. „Hier ist das alte Büro, das zurzeit niemand benutzt, weil ein Wasserschaden es total ruiniert hat. Deswegen sitzt Carlos im Container. Auch andere Räume sind bei dem Rohrbruch hinübergegangen. Deswegen wurden unter anderem die Fässer aus dem Keller geholt und anderswo untergebracht, weil niemand will, dass die Gerüche annehmen.“ Er tippte auf Rechtecke rund um das Haupthaus. „Und hier siehst du die Brennerei, hier die Räume, in denen gemälzt wird, da drüben die Abfüllanlage …“

Tilly nickte, verlor aber fast sofort den Überblick.

„Alle Häuser haben Namen und Ziffern, die auf den Laufzetteln angeben, wohin etwas gebracht werden soll …“

Oh, das klang aber wirklich verwirrend. Sie würde diese Namen und Nummern auswendig lernen müssen.

„Und hier“, ergänzte Pete dann und wandte sich um, „ist unser ursprünglicher Hauptsitz.“ Er führte Tilly zu einer ganz ähnlichen Karte an der gegenüberliegenden Wand. „Die Nebengebäude sind inzwischen alle abgerissen, bzw. vermietet. Aber im Haus selbst stehen noch einige Sachen herum. Wenn also jemand sagt, du sollst etwas aus dem alten Haus holen, musst du sechs Meilen die Straße hinaufradeln und den gelben Schlüsselbund mitnehmen. Vielleicht passiert das nicht so bald, aber nur, damit du das schon mal gehört hast.“

Tilly nickte.

Sie fühlte sich überwältigt von der schieren Ausdehnung des Ganzen. Aber natürlich gab es viele Verarbeitungsschritte, wenn Whiskey hergestellt und abgefüllt wurde, und so erklärten sich auch die vielen Gebäude.

Sie bedankte sich bei Pete und der lachte – ein wirklich sympathisches Lachen, wie Tilly fand.

„Keine Ursache. Ich werde dir noch ziemlich viel erklären, weil die alten Herren sich damit nicht so gerne abgeben. Die kosten den Whiskey schon in aller Frühe und sind dann ein bisschen träge. Die alltäglichen Arbeiten überlassen sie weitgehend uns.“

„Und ich dachte, es ist nur ein Irrglaube, dass Leute, die Alkohol herstellen, ihn auch trinken.“

„Dachte ich irgendwann auch mal“, sagte Pete unbeeindruckt. „Aber mach dir nichts draus! Du wirst trotzdem alles lernen, was du brauchst, wenn du nur gut aufpasst und mit anpackst. Breath of Fire ist sehr angesehen und wenn du hinterher ein Empfehlungsschreiben von Mr Foley bekommst, wird man dich überall nehmen. Mit Kusshand. Oder du darfst sogar hierbleiben. Aber machen wir mal nicht so schnell. Du musst erstmal lernen, wann und wo alles passiert, worauf du achten musst und all das. Und wir füttern dir das sozusagen in Häppchen, keine Sorge. Ich habe schon vier Neue eingeführt. Und deswegen jetzt deine erste Aufgabe: Hol dir Papier bei Mr Jimenez und dazu Bleistift und Lineal und zeichne den Plan hier ab!“

„Aber ich könnte ihn abfotogra…“

„Nein“, unterbrach er sie strenger, als sie ihn bisher eingeschätzt hatte. „So läuft das hier nicht. Du musst lernen, wie man lernt. Und Abfotografieren bringt dich nicht weiter. Also hopp, los! Und wenn du fertig bist, kommst du zu mir. Ich bin im zweiten Stock.“

Tilly nickte und sah Pete nach, der mit Elan eine Treppe nach oben nahm.

Das fing ja alles ganz anders an, als sie es sich ausgemalt hatte.

Als sie den Plan näher betrachtete, fand sie in der linken unteren Ecke etwas, das jemand mit Bleistift hingeschrieben hatte:

Der Atem des Drachen ist wie Feuer.

Da oben auf ihrem Zimmer auf der rechten Seite des Plakats auch etwas gestanden hatte, ging sie an dem vier Meter breiten Plan entlang und sah in der entsprechenden Ecke nach. Und tatsächlich stand dort:

Doch schläft er wohl tausend Jahr.

Irgendwer hier hatte offenbar Humor.

Und irgendwie gefielen Tilly diese hingekritzelten Sätze. Sie waren wie ein Rätsel oder wie Puzzleteile für eine Schnitzeljagd. Was sie wohl finden würde, wenn sie diesen Hinweisen folgte?

Sie mühte sich in den nächsten Stunden mit dem Plan ab. Exaktes Zeichnen war nicht gerade ihre Stärke und sie verschätzte sich zunächst auch in der Größe, sodass nicht alles auf ein Blatt passte.

Aber spät am Nachmittag war sie dann zufrieden, trug ihr Werk die zwei Stockwerke nach oben und fand Pete dabei, eselsohrige Bücher in Kartons zu räumen.

Er betrachtete das Ergebnis ihrer Bemühungen.

„Okay, das ist scheußlich. Aber lassen wir es mal gelten. Du hast das Mittagessen verpasst, das ist meine Schuld. Lauf jetzt schnell rüber zu Mr Jimenez, gib ihm die Sachen zurück und lass dir den Teeraum zeigen. Du bist für heute fertig.“

Tilly nickte wieder einmal, nahm die Sachen, gab sie aber nicht alle zurück, sondern behielt ein Blatt und den Bleistift. Und oben auf ihrem Zimmer schrieb sie die vier Sätze auf, die sie heute entdeckt hatte.

Ehre sei dem Drachen!

Ehre sei jenen, die ihm dienen.

Der Atem des Drachen ist wie Feuer.

Doch schläft er wohl tausend Jahr.

Das war wundervoll poetisch, fand sie. Und es zeigte, wie ernst man hier den Namen der Whiskeymarke nahm, die man herstellte und verkaufte.

Sie würde jetzt erst einmal herausfinden, was es zum Tee gab und sich dann auf die Suche nach weiteren interessanten Dingen machen.

Alles war so anders als sie es erwartet hatte, dass aus ihrem Traum plötzlich etwas Handfestes und gleichzeitig doch auch etwas Skurriles und Rätselhaftes wurde.

Und sie hatte Rätsel immer schon gemocht.

Drachenatem

Tee bedeutete in der Breath-of-Fire-Destillerie offenbar für manche, endlich nüchtern zu werden.

Es fanden sich alle ein, die Tilly bisher gesehen hatte, und dazu noch ein Dutzend weiterer Leute, darunter nur eine einzige Frau, die um die sechzig sein musste. Sie kam direkt zu Tilly, reichte ihr die Hand und erklärte: „Ich bin Natasha Anderson und zuständig für die Abfüllung. Derek hat mir gesagt, dass er dich eingestellt hat, und du kannst dir sicher vorstellen, dass mich das freut. So bin ich nicht die einzige Frau zwischen all diesen … Männern.“ Eine winzige Pause legte nahe, dass sie von der maskulinen Präsenz um sie herum nicht unbedingt beeindruckt war. „Du kannst morgen früh zu uns kommen und ich führe dich einmal rund. Danach weißt du, was es bedeutet, Alkohol abzufüllen und in Flaschen zu lagern.“

„Danke, das klingt prima.“

Natasha zeigte ihr den hochgereckten Daumen und ging dann an einen anderen Tisch, wo schon zwei ältere Männer saßen.

Was Tilly aber gerade am meisten beschäftigte, war ein merklicher Geruch nach Whiskey im Raum und das Taumeln einiger Mitarbeiter. Hier ging es ja anscheinend richtig zur Sache, was das Trinken anbetraf. Damit hätte sie keinesfalls gerechnet.

Auf den Tischen standen jetzt aber Teetassen und keine Whiskeygläser. Es wurde auch nur Tee ausgeschenkt. Dazu gab es reichlich Chocolate Whoopie Pies, Apfelkuchen mit Vanillesauce und Rich Man’s Shortbread – wie normales Shortbread, aber noch mit Schokolade obendrauf.

Tilly bediente sich an den Platten und fand die Whoopie Pies absolut genial – die besten, die sie je gegessen hatte.

Sie sah auf, als plötzlich zwei junge Männer die Stühle neben ihr zurückzogen und sich setzten. Einer war Pete, der andere ein stämmiger Junge, der genauso flammend orangerotes Haar besaß wie sie selbst, nur deutlich kürzer. Dazu war er extrem blass, ja fast milchweiß, und ein wenig untersetzt.

„Hi“, sagte er. „Ich bin der Niall. Ich gehöre zu den Eleven.“

„Eleven?“, fragte Tilly. „Elf was?”

„Nein, nein”, verbesserte Pete. „Er meint nicht die Zahl Elf, sondern Schüler. Wir nennen die hier so – alle, die die Kunst erlernen wollen. Die Eleven. Du gehörst dazu.“

„Ah, ich verstehe. Das kommt aus dem Französischen oder Lateinischen, nicht wahr?“

„Kann sein. Jedenfalls sind wir nicht elf, sondern nur fünf. Alle unter dreißig werden hier so genannt – von den erfahrenen Whiskey-Brennern.“

Niall lud sich ein halbes Dutzend Whoopie Pies auf den Teller und schenkte sich Tee ein.

„Hör mal“, fragte Tilly leise, „wird hier immer so ... viel …?“ Sie wusste nicht, wie sie es respektvoll formulieren sollte.

„Gesoffen?“, fragte Pete fröhlich. „Ja, von manchen schon. Aber uns wird das nicht erlaubt. Mach dir da keine Hoffnungen. Trinken ist den älteren Semestern vorbehalten. Leuten, die schon lange hier sind.“

„Gut, ich dachte schon …“

„Die können ihren Job“, sagte Pete ernst. „Die kriegen auch alles mit. Denk also nicht, hier würde Chaos herrschen oder so.“

„Das dachte ich ja gar nicht …“

„Na, es könnte sein, vorübergehend glaubst du das.“ Pete nahm sich Apfelkuchen, goss großzügig von der eindeutig hausgemachten Vanillesoße darüber und aß, als habe er so richtig Hunger. „Natasha hat mir gesagt, dass du morgen früh bei ihr bist. Ich denke mal, du solltest gleich den ganzen Tag bleiben. Immer nur mal kurz reinschnuppern bringt ja nichts.“

Niall wirkte, als würde er etwas sagen wollen, schob sich dann aber nur den nächsten Whoopie Pie in den Mund.

Tilly trank von dem starken Tee und fragte sich, was zur Hölle sie dazu gebracht hatte, in solch einem merkwürdigen Unternehmen anzufangen.

Offenbar hatte sie sich falsche Vorstellungen davon gemacht, wie man in einer Destillerie arbeitete. Und dabei hatte sie sich vorher eingelesen, alles Mögliche gegoogelt und eine Berufsberatung in der Schule dazu absolviert.

Das hier entsprach nicht dem Bild, das man ihr vermittelt hatte.

Das war einerseits spannend, andererseits aber auch beunruhigend. Denn die Leute hier mussten nun ihre Familie ersetzen – oder so viel Familie, wie sie eben gehabt hatte. Wenn es hier nicht gut für sie lief, würde sich niemand darum kümmern. Sie musste sich selbst helfen.

Und im Augenblick war sie nicht sicher, ob sie hierher passte.

Irgendwer konnte fantastisch backen und vermutlich würden auch die anderen Mahlzeiten nicht knapp ausfallen. Aber zu verhungern, war ihre letzte Sorge. Sie wollte lernen. Im Leben vorankommen.

Und das schien hier eher nach einem zufälligen Prinzip abzulaufen.

Außerdem war es doch ein klitzekleines bisschen komisch neben Natasha Anderson das einzige weibliche Wesen zu sein. Aber vielleicht musste sie es locker nehmen. Es war ihr erster Tag und erste Tage, hatte der Berufsberater gesagt, sind immer sperrig.

Sie wollte Pete zu den geheimnisvollen Sprüchen auf den Plakaten befragen, doch plötzlich kam Mr Foley zu ihrem Tisch, nickte ihr freundlich zu und holte Pete dann weg.

Und Niall wollte sie auf so etwas noch nicht ansprechen. Sonst hielt er sie vielleicht für komisch.

Also saß sie in unbehaglichem Schweigen neben ihm, schob ihren letzten Whoopie Pie mit dem Finger auf dem Teller herum und begann, sich zu fühlen wie ein Aschenputtel, das keiner wollte und keiner brauchte.

Und dann, wie um alles noch unerfreulicher zu machen, kam plötzlich Aidan zu ihnen und setzte sich ihr direkt gegenüber.

„Na“, sagte er, nahm sich Tee und legte die Kuchengabel quer über seinen Teller. „Haben sie dich schon in die Geheimnisse der Firma eingeweiht?“

„Welche Geheimnisse denn?“, fragte sie verblüfft.

Er strich mit allen fünf Fingern sein Haar zurück und grinste sie an.

„Na, die tiefsten und gefährlichsten natürlich. Inklusive des einen, besonders wichtigen: Wie kommt man nachts aus dem Haus, ohne dass Carlos einen erwischt.“

„Nicht interessiert“, behauptete Tilly wahrheitswidrig.

Sie bemerkte einen Seitenblick von Niall, der vermuten ließ, dass er kein Fan von Aidan war. Und auch kein Freund.

„Früher oder später wird es dich interessieren“, behauptete Aidan. „Genau wie alles andere, das sie dir jetzt noch nicht sagen.“

Niall hatte offenbar genug, denn er befahl kauend: „Halt jetzt den Rand, Aydie!“

„Nenn mich nicht so“, schnappte Aidan. „Das hab ich dir oft genug gesagt.“

„Dann laber nicht dumm rum“, erwiderte Niall.

Aidan schien bereit, sich ein Wortgefecht zu liefern, aber dann kam Pete zurück. Plötzlich saß Aidan brav da, aß ein Stück Kuchen, trank Tee und tat, was Niall wollte. Er hielt die Klappe.

Interessant.

Tilly hatte früh gelernt, Machtgefälle zu erkennen. Für eine Vollwaise, die auf die Großzügigkeit anderer angewiesen war, konnte das darüber entscheiden, wie man behandelt wurde und wie viele Freiheiten man bekam.

Daher hatte sie schnell begriffen, dass ihr Onkel im Haus wenig zu sagen hatte, dafür ihre Tante umso mehr. Und dass ihre Cousine May verlangte, in der Hierarchie direkt nach ihrer Mutter zu kommen, obwohl sie zwei Jahre jünger war als Tilly.

Entsprechend verstand Tilly jetzt auch, dass Pete unter den Jüngeren eine anerkannte Autorität darstellte, während Niall und Aidan noch dabei waren, die Rangordnung untereinander auszukämpfen.

Wo würde da ihr Platz sein?

Gerade, als sie das überlegte, glitt zwei Tische weiter ein Mann um die Fünfzig still und leise von seinem Stuhl, so als hätte der Tee die Trunkenheit nicht beseitigt, sondern erst recht verstärkt. Nach einer Schrecksekunde sprang Tilly auf, um zu helfen, doch Niall zog sie wieder auf ihren Platz zurück.

„Die anderen machen das schon.“

Im nächsten Augenblick waren auch schon zwei andere Männer aufgestanden. Sie fassten ihren Kollegen unter den Achseln und an den Knöcheln und trugen ihn Richtung Tür.

Noch ehe sie draußen waren, sagte der vom Stuhl Gefallene sehr klar und deutlich und ohne die Augen zu öffnen: „Wisset: ER wird erwachen.“

Im Teeraum war es jetzt absolut und mucksmäuschenstill.

Abfüllen

Die erste Nacht war sonderbar.

Das Haus lag erstaunlich still da, weit, weit entfernt bellte ein Hund, sonst rührte sich nach Mitternacht gar nichts mehr. Nur manchmal hörte Tilly ein Knarren oder Ächzen wie von alten Sprungfedern, vermutlich aus dem Zimmer unter ihrem.

Sie hatte von Mr Jimenez Bettwäsche bekommen, die von jemandem mit wenig Geschick gemangelt worden war. Tilly hatte von ihrer Tante das Mangeln gelernt, weil Bügeln in einem Haushalt mit mehreren Kindern wenigen, ausgewählten Kleidungsstücken vorbehalten blieb. Daher wusste sie aber auch, wie leicht man dabei Wäschestücke auch nur ein winziges bisschen schief einlegen konnte, und dann gab es Falten.

Und das war auch hier passiert. Sehr sympathisch.

Sie mochte das grüne Karomuster und den leichten Geruch nach Sprühstärke, der ihr vertraut war.

Aber sie hätte gerne geschlafen. Und dafür war es zu still. Außerdem irritierte sie der Geruch, der hier einfach allgegenwärtig schien. Er erinnerte an über Nacht eingeweichte Haferflocken, nicht an Alkohol.

Irgendwann schlief sie dann aber doch wohl ein, denn sie erwachte von ihrem laut scheppernden Wecker, sprang panisch aus dem Bett und wurde sich dann erst bewusst, dass es keinen Grund zur Eile gab.

Von draußen kam ein Geräusch, als würde jemand leere Flaschen mit einer Schubkarre herumfahren, ein Motor lief und jemand rief irgendetwas.

Wunderbar, also war sie nicht in dieser viel zu stillen Nacht im Nichts versunken, sondern hatte Leute um sich. Sehr beruhigend.

Jemand klopfte plötzlich heftig gegen ihre Tür.

„Hey, du irres Huhn! Hast du diesen Wecker eigens angeschafft, damit andere Leute einen Herzinfarkt kriegen?“

Das war eindeutig Aidan und deswegen rief sie: „Ja, genau deshalb!“

Sie hörte ihn die Treppen hinablaufen, zog einen Pulli über ihr Shirt und eine Jeans über die Shorts und lief nach unten, um das Bad zu suchen.

Es war ganz leicht zu finden, denn die Tür stand offen, Dampf wallte nach draußen, der nach Männerduschgel roch, und das Erste, das sie sah, war eine nackte Kehrseite, eindeutig die von Niall.

Fast im selben Moment kam Pete vom Hof und schlug Tilly nach einem schnellen Blick die Tür vor der Nase zu.

„Tut mir leid“, sagte er. „Das sind unsere verlotterten Sitten. Ich werde Duschzeiten festlegen, damit du dir keine nackte Haut mehr ansehen musst. Hat dir jemand gesagt, dass es kein Frühstück gibt?“

„Ja, Mr Jimenez.“

Pete war selbst eindeutig noch nicht unter der Dusche gewesen, denn sein Haar schien vom Schlaf zerdrückt und sein Stoppelbart unübersehbar. Tilly fand diese ganze unerwartete Präsentation männlicher Adoleszenz verwirrend, ärgerlich und gleichzeitig auch spannend.

„Hol dir im Teeraum einen Haferriegel oder sowas, damit du nicht mit leerem Magen in der Abfüllanlage erscheinst. Das wäre vielleicht nicht gut.“ Pete öffnete die Tür zum Bad einen Spalt weit und rief: „Niall, das reicht jetzt!“

Niall kam dann auch zwei Minuten später in einem grünen, schiefsitzenden Trainingsanzug nach draußen.

„Hi“, sagte er zu Tilly. Dann ging er nach oben.

Pete hielt Tilly die Tür auf.

„Gut. Du duschst jetzt und ich stehe hier mal, damit am ersten Tag nicht noch mehr Peinlichkeiten auftreten.“

Amüsiert ging Tilly also nach drinnen, wo es roch, als habe Niall eine ganze Flasche Duschgel auf einmal verbraucht. Dafür war aber alles sauber und nicht so alt, wie sie befürchtet hatte.

Sie nahm dasselbe Duschgel, von dem doch noch genügend da war, beeilte sich, um Pete nicht zu stundenlangem Türstehen zu verdammen, und suchte dann vergeblich einen Fön.

Also marschierte sie mit einem Handtuch auf dem Kopf nach draußen, nachdem sie ihre Sachen wieder angezogen hatte, und erkundigte sich nach einem solch exotischen Gegenstand.

Pete schien jedenfalls erst einmal überrascht. Dann sagte er: „Okay, wird besorgt. Gibt es sonst …“ Es klang, als hätte er gerne Frauensachen gesagt, korrigierte sich aber auf: „… Dinge, die fehlen?“

„Ne, alles gut“, erwiderte sie, ging in ihr Zimmer und rubbelte ihr langes, an sich schon nicht sehr kooperatives Haar, bis es nicht mehr triefte.

Und dann lief sie ohne den Haferriegel, den Pete angeboten hatte, zur Abfüllerei.

Es war eine Abfolge sehr hoher Räume mit gläsernen Zwischenwänden, in denen tausend geheimnisvolle Dinge passierten.

Hier roch es tatsächlich nach Alkohol. Sehr stark sogar.

In einen Laborkittel gekleidet, kam Natasha Anderson aus einem Bereich mit kupferfarbenen Geräten.

„Da bist du ja. Guten Morgen und willkommen! Ich werde dich einmal herumführen und den Kollegen vorstellen. Und dann bekommst du ein Klemmbrett und einen Kuli, begleitest mich und machst dir Notizen. So lernst du am schnellsten.“

Sie bestand dann auch darauf, dass Tilly sie schlicht mit Natasha anredete. Tilly begriff aber auch sehr schnell, dass es unklug gewesen wäre, deswegen an der Autorität dieser beeindruckenden Frau zu zweifeln.

„Du hast Glück, bei uns zu lernen“, sagte sie. „Denn hier wird noch direkt abgefüllt. Fast alle Brennereien schicken ihren Whiskey in Abfüllereien, wo tausende von Flaschen innerhalb kurzer Zeit durchlaufen. Wir hingegen machen eine ganze Menge Dinge noch so, wie man sie traditionell entwickelt hat. Dadurch haben wir aber auch die volle Kontrolle.“

Tilly nickte.

„Deswegen wollte ich ja herkommen.“

„Sehr klug.“

Natasha stellte Tilly zwei Männern vor, die wenig freundlich wirkten. Einer hieß Morton, der andere Fitch. Beide sahen nur auf, nickten, knurrten etwas und wandten sich dann wieder ihren Aufgaben zu.

„Die tauen schon noch auf“, behauptete Natasha. „So, hier beginnen wir. Du siehst, dass hier Wasser einläuft. Weshalb?“

„Ähm“, konnte Tilly nur sagen.

Natasha lachte.

„Nein, wir pantschen den Whiskey nicht, falls du das denken solltest. Wir verdünnen diese Chargen aber, damit der Gehalt in der Flasche dann genau bei 43% liegt. Hier drüben …“, sie drehte sich um und wies auf ein Gewirr von Schläuchen, „…kommt der Whiskey genauso in die Flasche, wie er im Fass herangereift ist. Das nennt man Cask Strength – Fass-Stärke. Und so trinken wir unseren Whiskey hier auch. Er ist eben nicht nur stärker, sondern auch aromatischer. Alles Dinge, die du lernen wirst.“

Tilly hoffte es. Das war alles komplexer, als sie gedacht hatte.

Aber sie schrieb fleißig mit und hatte bis zum Mittagessen sechs Seiten voller Notizen.

Sie wurde eingeladen, zur Mahlzeit mit den Abfüllern am Tisch zu sitzen, was offenbar ein Kompliment war, denn Mr Foley kam vorbei und nickte anerkennend.

Tilly hätte lieber bei den Jüngeren gesessen, aber die würde sie ja noch oft genug sehen.

Das Essen war eine dicke Suppe aus gelben Erbsen, geräuchertem Speck und Kartoffeln, die vermutlich eine gute Grundlage abgab, wenn getrunken wurde.

Tilly kam sich selbst ein wenig schwindelig vor, obwohl sie nichts angerührt hatte, und Natasha erklärte auf Tillys Nachfrage, dass in der Abfüllerei eben doch sehr viel flüchtige Stoffe in der Luft waren.

„Wir haben dafür Absauganlagen und Filter, schon um Brandgefahr auszuschließen, aber es bleibt immer genügend Ethanol in der Luft, um Anfänger wackelig zu machen. Genau deshalb hast du nur einen Tag bei mir in der Anlage und wirst dann anderswo eingesetzt. Wir möchten ja nicht, dass du Schaden nimmst.“

Tilly bereute ihre Frage dann auch kurz darauf, denn Natasha gab ihr Hausaufgaben. Sie musste eine erste Einführung in das Thema Alkohol lesen und den Inhalt des Dokuments zusammenfassen.

Aber war sie nicht hier, um zu lernen?

Gerade hätte sie sich lieber ins Bett gelegt und bunte Träume geträumt.

Offenbar war es ziemlich schwierig, hier nüchtern zu bleiben, selbst, wenn man nicht schon vormittags zum Glas griff.

Als sie das Pete sagte, grinste er.

„Tja, das ist der Drachenatem, Tilly. Du wirst lernen, ihn zu meiden.“

Die Zeit fliegt

Es war kaum zu fassen, wie schnell sie sich einlebte.

Was zuerst so fremd und irgendwie abweisend gewirkt hatte, war schon zehn Tage später ein Ort, an dem sie sich auskannte und wo zu jedem Gesicht ein Name gehörte.

Da war Mr Quail, der sie schon am ersten Tag mit Tilly angesprochen hatte, als würde er sie von irgendwoher kennen. Er war ein Fachmann für die Fässer und wurde von allen respektiert. Fast so sehr wie Mr Foley.

Der machte zwar einen zerstreuten und oft müden Eindruck, aber ein Blick von ihm, ein Wink, und sofort wurde reagiert.

Dann die Eleven, wie sie genannt wurden – sie selbst, Aidan, Pete und Niall.

Sie wusste inzwischen, wie lange jeder von den dreien hier war und dass ein Eleve zurzeit fehlte, ein 23Jähriger namens Tyron, der für die Destillerie irgendetwas in London erledigte.

Sie hatte auch einen gewissen Frieden mit Aidan gefunden, was hauptsächlich daran lag, dass Pete Frechheiten nur bis zu einem gewissen Grad duldete. Und Mr Jimenez achtete darauf, dass nachts nicht herumgegeistert wurde.

Einmal, als Tilly nach unten gegangen war, weil sie nicht schlafen konnte, war sie nur drei Minuten später auf Mr Jimenez gestoßen, der sie mit einer Taschenlampe anleuchtete.

„Kann ich helfen?“, hatte er gefragt.

Es war aber eher ein Vorwurf gewesen, das hatte sie genau gespürt.

Daher blieb sie künftig ab 22 Uhr in ihrem Zimmer, wie es die Hausordnung vorsah. Es machte ihr nichts aus, weil ihre Tante genau dasselbe erwartet hatte.

Ärgerlich war nur, dass ihr Handy hier so gut wie gar nicht funktionierte. Nachts hatte sie nie Empfang und Niall behauptete, niemand könne hier nachts ein Handy benutzen, denn das würde blockiert.

Das konnte stimmen oder auch nicht. Es kam aufs Selbe heraus: Tilly musste sich mit Lektüre eindecken, um ihre Schlaflosigkeit zu bekämpfen. Und die bestand aus Büchern, die sie im Haupthaus in den Kartons fand, die Pete eingeräumt hatte. Zum einen waren es Fachbücher über die Herstellung von Whiskey und andere verwandte Themen.

Zum anderen verfügte man hier passenderweise über sehr viele Bände zum Thema Drachen.

Drachensagen, Drachenmythen, Drachenlegenden.

Bildbände mit farbenprächtigen Zeichnungen von Drachen.

Rätselhafte Bücher, in denen sie absolut nichts entziffern konnte.

Und Romane über Drachen.

Es waren die einzigen Romane, die sie überhaupt finden konnte.

Also las sie Eragon, Die Welt der Drachen, Pern, Drachenzähmen leichtgemacht und ein gutes Dutzend weiterer Romane, darunter auch den Hobbit, den sie bisher nur von den Filmen kannte.

Vielleicht hätte es sie nicht verwundern sollen, dass sie daraufhin von Drachen träumte.

In einem dieser Träume sprach sie mit einem grüngoldenen Drachen, der sagte, sie müsse zu ihm kommen.

„Wohin?“, hatte sie gefragt. „Wo finde ich dich?“

Und er hatte etwas von einer Tür mit sieben Riegeln gesagt.

Sehr passend für eine Drachengeschichte.

Nach etwa drei Wochen hatte sie sich an die Stille gewöhnt, die nachts herrschte. Ab diesem Zeitpunkt schlief sie gut, fast zu gut und war froh über ihren scheppernden Wecker. Die Drachenbücher blieben unbeachtet liegen.

Denn jetzt fing das Lernen richtig an.

Mr Quail empfing sie zu einer zweistündigen Unterweisung und konfrontierte sie mit den Mängeln ihrer bisherigen Schulbildung. Er hatte wie die meisten Mitarbeiter der Destillerie die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt, trug eine Flanellweste, aber heute keine der grünen Schürzen. Nach welchen Regeln die angelegt wurden, hatte Tilly noch nicht begriffen.

„Chemie? Biologie?“, sagte er. „Da hat man euch ja rein gar nichts beigebracht. Wir müssen sehen, dass du aufholst. Aidan soll dir Nachhilfe in Chemie geben. Du musst verstehen, was Summenformeln sind und Prozesse wie Fermentation erklären können. Physik brauchst du beispielsweise, um Destillation zu begreifen. Da wird besser Pete erklären können, was du brauchst. Ich stelle beide an zwei Nachmittagen die Woche für zwei Stunden dazu ab, dir das beizubringen.“ Er hatte sie ernst gemustert. „Du hast Talent und zeigst Fleiß. Aber ohne das nötige Wissen ist beides nur bedingt wertvoll.“

Tilly war ein wenig beschämt, dass sie es nicht zu mehr Schulbildung gebracht hatte. Und Nachhilfe mit Aidan war nichts, worauf sie sich freute. Er würde ihr von oben herab kommen, so viel war klar.

Mr Quail überraschte sie, indem er anfügte: „Du wirst das schnell aufholen. Und wenn es nicht ganz so schnell geht, ist es auch in Ordnung. Wir haben es nicht eilig. Wir bummeln nicht, aber wir hetzen auch niemanden. Was wir hier ausüben, ist eine Kunst …“, er lächelte versonnen, „… ja fast ein Kultus – ein Dienst an etwas, das Tradition, Wissen und Hingabe miteinander vereint. – Also erwirb solide Kenntnisse, frage nach, übe, lerne und wachse!“

Nach diesem Gespräch hatte Tilly ihre Sorge loslassen können, hier auf Dauer überfordert zu sein. Man gab ihr Zeit. Und Unterstützung.

Was wollte sie mehr?

Na ja, sie wollte nicht mehr, sondern eher weniger. Weniger Nachhilfe mit Aidan vor allem. Oder am liebsten gar keine.

Aber die würde sie auch durchstehen.

Sollte er sich eben über sie lustig machen.

Was machte das schon?

Computer

Es machte eine ganze Menge.

Tilly war sich in ihrem ganzen Leben nicht so dumm vorgekommen, wie in den ersten beiden Stunden, in denen Aidan sie in Chemie unterrichtete. Und sie war nicht bereit, das zu akzeptieren.

„Es macht nichts“, sagte er. „Du hast halt keinen höheren Schulabschluss. Da kann man nicht erwarten, dass du solche Dinge verstehst.“

Tilly hatte nicht vor, ihm auseinanderzusetzen, weshalb sie die Schule nur bis zum Transition Year besucht hatte. An ihren Fähigkeiten hatte es nicht gelegen, sondern an ihrer Tante. Aber das ging ihn nullkomma-garnichts an.

---ENDE DER LESEPROBE---