Organisieren Sie noch oder leben Sie schon? - Cordula Nussbaum - E-Book

Organisieren Sie noch oder leben Sie schon? E-Book

Cordula Nussbaum

0,0

Beschreibung

Organisiert und Spaß dabei! Früher waren kreative Chaoten noch spleenige Außenseiter, heute sind sie in der Arbeitswelt gefragter denn je. Wohin man auch blickt, arbeiten Unternehmen daran, schneller, innovativer oder agiler zu werden. Und genau darin liegt ihr Potenzial! In der Neuauflage dieses Zeitmanagementklassikers stärkt Cordula Nussbaum mit frischen Tipps und Übungen den kreativen Chaoten den Rücken und gibt auch Ordnungsfans Instrumente an die Hand, um sich in modernen Arbeitsumgebungen zurechtzufinden. Wie schnöder "Orgakram" trotzdem Spaß machen kann, lesen Sie hier!

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 406

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Cordula Nussbaum

Organisieren Sie noch oder leben Sie schon?

Zeitmanagement für kreative Chaoten

Campus Verlag

Frankfurt/New York

Über das Buch

Konfetti-Werfer statt Erbsen-Zähler!

Früher hielt man kreative Chaoten noch für spleenige Außenseiter, heute sind sie in der Arbeitswelt gefragter denn je. Wohin man auch blickt, arbeiten Unternehmen daran, schneller, innovativer oder agiler zu werden. Und genau darin sind kreative Chaoten unschlagbar!

In der Neuauflage dieses Selbst- und Zeitmanagementklassikers stärkt Cordula Nussbaum mit frischen Tipps und Übungen den kreativen Chaoten den Rücken, und gibt auch den geborenen Ordnungsfans Instrumente an die Hand, um sich in modernen Arbeitsumgebungen zurechtzufinden.

Sie lernen, wie schnöder »Orgakram« schnell erledigt ist, und Sie mehr Zeit für den spaßigen Teil Ihrer Arbeit haben. Und das beste: Dieses Know-how können Sie sich auch beim Relaxen in der Hängematte drauf schaffen!

Vita

Cordula Nussbaum gilt als »führende Zeitmanagement-Expertin« (Der Spiegel Wissen), »Deutschlands bekannteste Organisationsexpertin« (WDR) und »Deutschlands Expertin Nummer eins für kreativ-chaotisches Selbstmanagement« (Bayern 3). Die derzeit 14fache Buch- und Bestseller-Autorin gibt ihr Wissen weiter in Vorträgen, Workshops, persönlichen Coachings sowie in ihrem beliebten Podcast »Das Abenteuer Kreatives Zeitmanagement« und ihrem Blog www.GlueXX–Factory.de.

Als zweite Frau im deutschsprachigen Raum erhielt sie 2014 die weltweit anerkannte Auszeichnung »Certified Speaking Professional« für ihr verdienstvolles Tun im Rednerbereich. 2015 erhielt sie die Auszeichnung »Trainerin des Jahres«.

Seit jeher schlägt ihr Herz für die kreativ-chaotischen Querdenker und seit Jahren bricht sie eine Lanze für »Weg von 08/15 – hin zu individuellen Lösungen.« Cordula Nussbaum arbeitet und lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in München. Am liebsten liegt sie in der Hängematte und liest.

Inhalt

Vorwort

Teil 1:DEM CHAOTISCHEN ICH AUF DER SPUR

Kreative Chaoten, seid stolz auf euch!

Die Stärken der kreativen Chaoten

Zehn Gründe, warum kreative Chaoten stolz sein dürfen

1. Kreative Köpfe bringen uns voran

2. Spontane und flexible Menschen leben erfolgreich

3. Chaoten sind die besten Auftragsbeschaffer

4. Chaos ist die Quelle von Innovation

5. Kreative Chaoten lernen und lehren leichter

6. Kreative Chaoten wohnen gemütlicher

7. Kreative Chaoten haben mehr Lebensfreude

8. Polychrone Aufgaben verlangen chaotisches Verhalten

9. Das Zeitalter der kreativen Chaoten ist da!

10. Unser Alltag ist kreativ-chaotisch geworden

Den kreativen Chaoten gehört die Zukunft!

Warum wir so sind, wie wir sind – und was das für unser Zeitmanagement bedeutet

Willkommen bei Familie Ideenreich-Herzlich und Familie Ordentlich-Logisch

Angeboren oder erworben?

Alle sind anders, alle sind gut

Der Selbst-Check: Wie chaotisch sind Sie wirklich?

Kreativer Chaot und logischer Ordner – die Stärken auf einen Blick

Packen Sie es an!

Das eigene Ich – Dreh- und Angelpunkt für Zeit, Energie und Freude

Anders mit der Zeit haushalten: Was ist Ihr Gewinn?

Entlarven Sie Ihre eigenen Stressquellen

Stress und Zeitnot – eine Frage der Einstellung?

Weniger Stress dank Blick auf die Fülle

Mit dem Adlerflug die Zeitnot bei der Wurzel packen

Ehrlichkeit ist Trumpf

Stress erkannt – Gefahr gebannt?

Drei Möglichkeiten Ihrer Reaktion

Kleine Schritte bitte!

Teil 2:DER WERKZEUGKOFFER FÜR EIN ERFOLGREICHES ZEITMANAGEMENT

Fünf Strategien für kreative Chaoten

Strategie 1: Mit Konzepten spontan und flexibel werden

Ruhe schaffen mit dem Prinzip der Schriftlichkeit

Reisende To-do-Sammlung – die perfekte kreativ-chaotische Lösung

Für die wichtigen Aufgaben Zeitinseln einrichten

Von der To-do-Sammlung zum Tun

18 Ideen, um Ihre Zeitinseln optimal zu gestalten

Nicht planen, sondern tun!

Blick auf den Erfolg

Strategie 2: Prioritäten setzen und sich auf das wirklich Wichtige konzentrieren

Was ist mir wirklich wichtig?

Spielen Sie Ihre eigene Lebensmelodie

Work-Life-Balance? Kein Problem!

Downshifting – aber ja!

Die Glasorgel füllen – Folgen Sie Ihren Präferenzen

Die Glasorgel füllen – Kreativ-chaotische Lebens- und Arbeitsmodelle finden

Die Glasorgel füllen – Ihre Leitsterne: Grundlage Ihres effektiven Tuns

Ihre Mission auf dieser Erde

Inseln finden

Ideen verfeinern mit der PIDEWaWa-Methode

Ziele sichtbar machen

Erste konkrete Schritte erkennen und gehen

Am Ball bleiben

Weitere Ziele anpacken

Von den großen Ideen zur täglichen Aufgabe – Kreative Prioritätentools, die zu Ihnen passen

Strategie 3: Optische Ruhe schaffen und freie Zeit gewinnen

Die Lust an der Leere entdecken

Mehr Zeit dank weniger Zeug

18 Tipps für langfristige optische Ruhe in der analogen Welt

13 Tipps für langfristige optische Ruhe in der digitalen Welt

Durchhänger meistern – am Ball bleiben

Strategie 4: Mit »Tu du!« echten Freiraum schaffen

Warum »Tu du!« so häufig nicht klappt

11 Taktstöcke für den perfekten Dirigenten

Strategie 5: »Nein« sagen – der schnellste Weg für mehr Zeit und Zufriedenheit

Warum kreative Chaoten eher Ja als Nein sagen

Adlerflug über das Ja

Der wahre Wert eines »Neins«

Souverän und charmant »Nein« sagen lernen

Nach Prioritäten leben heißt aussortieren

Die Balance zwischen Ja und Nein finden

Teil 3:SO BEKOMMEN SIE DIE HÄUFIGSTEN ERFOLGSTORPEDOS IN DEN GRIFF

Aufschieberitis besiegen

Schritt 1: Aufgaben aufschreiben und prüfen

Schritt 2: Terminieren oder tun

Digitalem Burn-out vorbeugen

Dinge anpacken, die mir nicht liegen

Systematisches Vorgehen stärken

Kreatives Vorgehen stärken

E-Mail-Flut bewältigen

Entscheidungen erleichtern

Helfersyndrom ablegen

Hetzkrankheit besiegen

Ineffizientem Tun mit Turbo-Beschleunigern beikommen

Inneren Schweinehund überlisten

Loben und Belohnen als Motivationskick nutzen

Meetings verbessern

Multitasking richtig einsetzen

Perfektionismusfalle adé

Lernen von Pareto

Fünf Tipps gegen Perfektionismus

Pünktlich sein. Oder: Zu früh ist auch unpünktlich

Störungen vermeiden

Verzettelungsfalle entschärfen

Zu guter Letzt – ein Ende gibt es nicht

Danke an …

Anmerkungen

Buch- und Webtipps

Publikationen von Cordula Nussbaum (Auswahl)

Weitere Bücher

So kann es für Sie weitergehen

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

herzliches Lachen, das war die erste Reaktion der meisten Menschen, denen ich von diesem Buch erzählte. »Zeitmanagement für Chaoten? Das ist ja ein Widerspruch in sich«, sagten viele – und auf den ersten Blick haben sie recht. Denn das Zeitmanagement, wie wir es üblicherweise kennen, hat viel mit Disziplin, Routinen, Strukturen, Ordnung und Listen zu tun. Und das sind Dinge, um die ein flexibler und spontaner Mensch am liebsten einen großen Bogen macht.

Ich auch.

Es riecht nach stupidem Listen-Abarbeiten, nach Lebensfreude-kaputt-Machen, nach einengendem Korsett. Und es steht so komplett im Widerspruch zu den Werten, die den eher chaotisch veranlagten Menschen wichtig sind: Freiheit, Flexibilität, Neues ausprobieren, für andere Menschen da sein, sich kümmern, spontan sein.

Dennoch knechten sich viele flexible Menschen mit herkömmlichen Tools. Sie zwingen sich, detaillierte To-do-Listen und akkurate Terminplaner zu führen oder auf Biegen und Brechen ihren Schreibtisch leer zu bekommen. Das kostet sie viel Energie und meist stellen sie nach drei Wochen fest: Der alte Schlendrian ist zurück. Dann sind sie nicht nur von ihren Aufgaben und Terminen gestresst, sondern erleben zusätzlich das schale Gefühl, einfach »zu doof« zu sein, um sich zu organisieren.

Schluss damit. Dieses Buch zeigt Ihnen Wege auf, wie Sie Ihre Stärken ausleben und sich damit mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge und Menschen im Leben freischaufeln. Ja, Sie haben richtig gelesen: Ihre Stärken. In der Regel hadern die Chaoten nämlich ständig mit sich und sehen ihre Eigenheiten als Schwächen, die es auszumerzen gilt. Sie sehen bei anderen Menschen, wie die sich »problemlos« organisieren, und wollen es ihnen gleichtun. Lösen Sie sich von der Vorstellung, wie »man« zu sein habe. Entdecken Sie lieber, welche Möglichkeiten in Ihnen schlummern.

Dieses Buch ist von einer ausgewiesenen kreativen Chaotin geschrieben, die voller Grauen detaillierte Zeitprotokolle, mehrschichtige To-do-Listen und stringente Planung als Mittel zu »mehr Zeit« kennengelernt – und verweigert hat. Und ich habe mich gefragt: Wie können wir die Ansätze des klassischen Zeitmanagements, die ja im Kern ein gutes Mittel sind, um Stress zu reduzieren, so ändern, dass auch spontane, flexible, hilfsbereite und vielseitig interessierte Menschen damit erfolgreich ihren Alltag gestalten können?

Im Jahr 2002 entwickelte ich deshalb den Ansatz »Zeitmanagement für kreative Querdenker« mit flexibleren und vor allem individuelleren Methoden für »mehr« Zeit, Gelassenheit, Erfolg. Ich hielt die Fahne hoch für »Schluss mit 0815-Methoden!« und wurde als Exot für meine »unkonventionellen« Ideen häufig angegriffen. »So macht man das nicht!«, hielten mir systematische Zeitgenossen vor. Und sie haben recht – »man« macht das so nicht. Die Systematiker machen es auf ihre systematisch-analytische Art. Kreative Chaoten kommen anders zum Erfolg.

Und das wurde immer mehr meine Botschaft: Es gibt nicht den Weg – es gibt viele individuelle Wege zum Ziel. Tausende Leser, Vortragsgäste, Coaching-Klienten und Seminarteilnehmer haben mittlerweile meine Denke kennengelernt und mit den Ideen ihr Leben verändert. Wie schön auch, dass die kreativen Chaoten unter neuen Namen wie »Scanner-Persönlichkeiten«, »Polypotentials« oder »Vielseitig Interessierte« mittlerweile eine breite Plattform in der Öffentlichkeit geschaffen haben und sich gegenseitig den Rücken stärken, ihre Talente auszuleben.

Tauchen Sie ein in die vielfältige Welt der kreativen Methoden. Profitieren Sie von den Erfahrungen der Männer und Frauen, denen Sie in diesem Buch begegnen. Holen Sie sich Anregungen, um Ihren beruflichen und privaten Alltag entspannter zu meistern – und um das Miteinander von kreativen Chaoten und Systematikern zu entkrampfen.

Auch bereits sehr organisierte Menschen profitieren von diesem Buch. Aus zwei Gründen. Zum einen treffen sie im Alltag ständig auf Chaoten: Menschen, die zu Meetings zu spät kommen, die schier endlos nach wichtigen Unterlagen kramen oder die in Sitzungen unrealistische Ideen spinnen, anstatt Nägel mit Köpfen zu machen. Holen Sie sich wertvolles Know-how, wie Sie im Team Ihre Stärken und die Stärken der Querdenker so einsetzen, dass Sie Ihre gemeinsamen Ziele mit Leichtigkeit erreichen.

Zum anderen hat sich in den letzten Jahren unser Alltag komplett verändert. Unsere Arbeitswelt ist zunehmend »kreativ-chaotisch« geworden. Im Sinne von: Die Aufgaben kommen immer schneller und ungeplanter daher, schnelles Reagieren auf sich verändernde Prioritäten ist ein Muss, und die Tätigkeiten an sich werden immer komplexer. Teamstrukturen und Führungsstile ändern sich massiv und bei all der Digitalisierung werden menschliche Beziehungen immer wichtiger. Das führt dazu, dass nicht mehr nur »kreative Chaoten« sich am klassischen Zeitmanagement die Zähne ausbeißen. Sondern dass die herkömmlichen Tipps (To-do-Liste erstellen, Prioritäten vergeben, abarbeiten) auch bei strukturierten Talenttypen nicht mehr funktionieren. Das alte Zeitmanagement hat ausgedient! Viele Unternehmen suchen deshalb nach neuen Ideen für Zeit- und Projektmanagement in agilen Szenarien. Es ist Zeit für ein neues Zeitmanagement. Es ist Zeit für kreativ-chaotische Ideen!

In diesem Buch spreche ich von kreativen Chaoten und von logischen Ordnern. Beiden Typen bringe ich eine große Wertschätzung entgegen. Besonders der Begriff »Chaot« ist in vielen Köpfen negativ besetzt. Lassen Sie uns das ändern. Ein Anfang ist gemacht: Immer mehr Menschen sagen voller Stolz: »Ja, ich bin ein Chaot.« Das heißt nicht, dass sie ständig unpünktlich oder unordentlich sind, sondern dass sie sich bewusst sind, wie sie an die Dinge herangehen und nicht mehr dagegen ankämpfen. Sie nutzen ihre Eigenheiten als Kraftquelle, um ihren Alltag entspannter zu gestalten. Mein Wunsch ist es, dass mehr Menschen die Kraftquelle von »Chaos« entdecken und ihre Stärken selbstbewusst leben.

Dass Organisieren Sie noch oder leben Sie schon? wirklich dazu beitragen kann, fand auch die Stiftung Warentest, die dem Buch Bestnoten für Inhalt, Gestaltung und Stil sowie die Empfehlung »Ein guter Tipp!« gab1. Als ich das hörte, fühlte ich mich stolz, stolz, stolz! Für mich und alle anderen kreativen Chaoten ein Ritterschlag und ein Zeichen dafür, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Für die nun vorliegende 3. Auflage habe ich das Buch komplett aktualisiert, neue Aspekte reingenommen und schöpfe tief aus meinem Erfahrungsschatz aus rund 15 Jahren Training und Coaching. Damit Sie Ihr Leben und Ihren Alltag so gestalten können, dass Sie ganz viel Zeit und Gelassenheit für das wirklich Wichtige haben.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen, beim Ideenfinden und viel Erfolg bei der Umsetzung.

Ihre Cordula Nussbaum

www.Kreative-Chaoten.com

Unter www.Kreative-Chaoten.com/bonus finden Sie in einem geschützten Bereich zusätzliches Bonus-Material, wie ein Erfolgsjournal mit vielen Übungen und Platz für Ihre Notizen, Video-Impulse und weiterführende Links. Ihr Passwort dafür lautet: zeitfuermich.

Teil 1:

DEM CHAOTISCHEN ICH AUF DER SPUR

Freiheit bedeutet nicht,zu tun, was man will,Freiheit bedeutet,ohne Probleme das zu lassen,was man tun könnte.

Kreative Chaoten, seid stolz auf euch!

Die Stärken der kreativen Chaoten

In den meisten Industriestaaten herrscht die einhellige Meinung: Chaos ist nicht erwünscht. Chaoten gelten als unordentlich, unpünktlich und unorganisiert. Man kann mit ihnen nicht richtig planen, weil man nie weiß, wann Chaoten zu Terminen erscheinen oder wozu sie in drei Wochen Lust haben. So schieben die Chaoten viele Dinge an, aber verlieren unterwegs die Lust, das Ganze zu Ende zu bringen. Chaoten bauen Luftschlösser, sie sind immer in Bewegung, und es fehlt ihnen am nötigen Ernst. Chaoten taugen nicht als Führungskraft, denn wer nicht mal sich selbst führen kann, der kann auch keine anderen Menschen führen.

Diese Meinung vertreten viele strukturierte Menschen. Und da wir in einer sehr strukturierten Kultur leben, in der lineares Denken und mechanische Perfektion dominieren, ecken Chaoten so oft an.

Im Job ärgern sie den gut organisierten Kollegen, weil sie zwar die letzte Druckerpatrone aus dem Fach nehmen, aber nicht ans Nachbestellen denken (»Das wäre doch ein Klacks!«). Sie nerven die anderen, weil sie zu spät in Meetings auftauchen und sich mit dem lockeren Spruch »Ich hatte gerade noch eine Idee, die ich ausprobieren musste« entschuldigen. Auch im privaten Alltag sorgen sie für Zoff. Dann nämlich, wenn Ehepartner, Eltern, Freunde und Bekannte eher zu den wohlüberlegten Planern zählen und der sprunghafte Chaot es nie schafft, pünktlich fertig zu sein. Oder weil er permanent fragt: »Schatz, wo ist denn … (die Butter, der Schuhlöffel, mein Fahrradhelm).« Und ein Unding ist natürlich, dass er sich für den nächsten Urlaubsort erst ganz spontan kurz vor der Abreise entscheiden will.

Häufig führt der Dauer-Clinch zwischen Chaoten und Systematikern dazu, dass viele eher chaotisch veranlagte Menschen meinen, sich ändern zu müssen, und sich zu Pünktlichkeit, Ordnung und Organisation zwingen. Sie lesen Zeitmanagement-Bücher oder besuchen ein Seminar. Voller Tatendrang wollen sie im Alltag dann alles »besser machen«. Sie schaufeln Zeit frei, um ihre Tage und Woche zu planen und aufzuräumen.

Doch nach wenigen Wochen stapeln sich wie gehabt die unerledigten Papiere im extra angelegten (und beschrifteten) Posteingangskörbchen, der neue Terminplaner liegt in der Schreibtischschublade und der Weg zum Schreibtisch gestaltet sich zum Slalom zwischen kniehohen Stapeln ungelesener Selbstmanagement-Zeitschriften.

Kaum wird es hektisch im Büro – und der strukturierte Kollege arbeitet seine To-do-Liste stoisch ab –, findet sich der hilfsbereite Kreative in der Teeküche wieder und hört sich geduldig die Beziehungsprobleme einer Kollegin an. Wohl wissend, dass er wieder nicht rechtzeitig vor Feierabend mit seinen Aufgaben fertig wird.

Mit gemischten Gefühlen schauen die Chaoten dann (durch ihre Papierberge hindurch) auf den leeren Schreibtisch des Kollegen, bewundern dessen akkurat geführten Terminplaner und den Umstand, dass er in den säuberlich beschrifteten Ordnern immer alles findet. Sie fühlen sich zunehmend gestresst von der Einschätzung, sie selbst seien offensichtlich unfähig, sich zu organisieren. Noch dazu müssen sie sich es ja oft genug anhören von ihren – top organisierten – Mitmenschen.

Doch immer mehr Menschen entwickeln derzeit ein neues Selbstbewusstsein. Statt zu hadern und sich ändern zu wollen, beginnen sie, stolz auf ihr Anderssein hinzuweisen, in Situationen, wo es problemlos geht, ihren Stil auszuleben und sogar ihre vermeintlichen Macken zu kultivieren. Besonders wenn zwei kreative Chaoten unter sich sind (also kein logischer Ordner in der Nähe ist), kommen sie ganz schnell auf die Vorteile ihrer Denkweise und freuen sich, welches Potenzial im »Chaos« steckt, welche Vorteile ein Leben als Polypotential, Scanner, Vielseitig-Interessierter hat.

Was ist Chaos überhaupt? Chaos bedeutet »leerer Raum«.

Und was gibt es Schöneres als Leere?

Wie oft sehnen wir uns nach gedanklicher Leere, weil wir wissen: Wer den Kopf nicht frei bekommt, der leidet permanent unter Stress. Wer hingegen innere Ruhe spürt, kann neue Pfade auf dem Weg zu seinen Lebenszielen entdecken. Und wer innerlich ruhig ist, der hat den Kopf frei für seine Mitmenschen. Deshalb gelten kreative Chaoten auch so oft als warmherzige und liebenswürdige Zeitgenossen.

Entdecken Sie also Ihre Talente und bauen Sie sie aus. Nutzen Sie die Kraft der Kreativität und der Gefühle, um Ihren Alltag zu entspannen. Und seien Sie stolz darauf, ein kreativer Chaot zu sein!

Zehn Gründe, warum kreative Chaoten stolz sein dürfen

1. Kreative Köpfe bringen uns voran

Ohne kreative Ideen, Querdenken und Luftschlösser ist Stillstand und sogar Bankrott vorprogrammiert. Unzählige Unternehmen, die in den letzten Jahrzehnten »Business as usual« betrieben haben, haben uns gezeigt, wo sie damit landen: Sie haben wichtige Innovationen verschlafen, ja sogar bahnbrechende Technologien wie die Digitalisierung. 40 Prozent der Insolvenzverwalter glauben, dass »Investitionsfehler« und »falsche Produktionsplanung« geradewegs in die Insolvenz führen.2

Dabei könnten wir es längst besser wissen: Die erfolgreichsten Firmen und Teams sind diejenigen, in denen kreative Innovatoren – oftmals in sogenannten Think-Tanks abgesondert vom Alltagsgeschäft – Ideen spinnen, die dann von den strukturierten Kollegen übernommen und realisiert werden. Die »Unangepassten« stellen dabei Traditionen und Denkmuster infrage, haben den Mut, dem Gewohnten zu widersprechen und bewirken so Veränderungen, egal ob im Großen oder im Kleinen, sagt der Wirtschaftspsychologe Adam Grant in seinem Buch Nonkonformisten.3

Weitsichtige Unternehmen lassen ihre Belegschaft deshalb bewusst frei experimentieren und an eigenen Projekten arbeiten, um dem kreativen Schub nachzuhelfen. Beim Technologieunternehmen 3M (unter anderem Entwickler der Post-it-Haftnotizzettel, Erfinder des ersten Sandpapiers, des ersten Overhead-Projektors und 50 000 weiterer Produkte sowie Inhaber von mehr als 25 000 Patenten) sind 15 Prozent der Arbeitszeit für freies Ideenspinnen eingeplant.4 Auch bei Google dürfen Mitarbeiter im Job an privaten Spin-offs arbeiten. 2016 lagerte die Konzernmutter den Think-Tank »Google Ideas« sogar als eigenständiges Spin-off und Inkubator »Jigsaw« aus.5

Kreatives Querdenken – das muss nicht auf die »üblichen Verdächtigen«, also Abteilungen wie Marketing oder Forschung begrenzt werden. Jeder Mensch ist in der Lage, kreativ zu denken. Er braucht dafür lediglich ein gutes Fachwissen auf seinem Gebiet und die Aufgeschlossenheit, neue Gedanken zu formen und durchzusetzen. Führungskräfte aller Bereiche sollten deshalb Kreativität zulassen – denn auch ein Buchhalter kann kreative Wege finden, wie er seine Arbeit noch besser organisieren kann oder die Finanzen legal so kreativ regelt, dass es für das Unternehmern am besten ist.

2. Spontane und flexible Menschen leben erfolgreich

Was haben der britische Unternehmer Richard Branson (Virgin Group) sowie die Top-Köchin Sarah Wiener gemeinsam? Sie sind offen für Neues, experimentieren gerne und greifen zu, wenn sich ihnen Chancen bieten.

Branson wird in seinem bunten Multikonzern (unter anderem Schallplatten, Handys, Zeichentrickfilme, Hochzeitskleider, Bücher, Comics, Flugzeuge, Züge, Weltraumfahrten) von den Mitarbeitern als »Dr. Yes« bezeichnet. Der Grund: Prinzipiell ist Branson immer von der Machbarkeit einer Sache überzeugt. Er sagt eher »Ja« als »Nein« und sein Motto lautet: »Geht nicht, gibt’s nicht!« Seit seinen ersten Tagen als Unternehmer – als Jugendlicher brachte er eine Zeitschrift heraus – bis heute, da er mit »Virgin Galactic« die ersten Weltraum-Urlaubsfahrten anbietet, ist der Brite ein Ausprobierer und Experimentierer.6

»Ich bin Chaot und denke nicht darüber nach, was mir nützlich sein könnte«, sagt Sarah Wiener, die als »Mamsell« in der Zeitreisen-Serie Abenteuer 1900 – Leben im Gutshaus entdeckt wurde.7 Heute ist die ehemalige Sozialhilfeempfängerin und alleinerziehende Mutter eine bekannte Köchin, Unternehmerin (die Autodidaktin führt mehrere Restaurants und ein Catering-Unternehmen), Fernsehstar und Kochbuchautorin.

Ich stelle die Behauptung auf, dass kreative Chaoten beruflich erfolgreicher sind, weil sie mehrere Dinge parallel machen und damit in kürzerer Zeit mehr Erfahrung, Wissen und Fähigkeiten sammeln und mehrere Ziele gleichzeitig erreichen können.

3. Chaoten sind die besten Auftragsbeschaffer

Ein wichtiges Markenzeichen vieler desorganisierter Menschen ist ihr Händchen im Umgang mit anderen Menschen und die Lust, sich unters Volk zu mischen. Viele Chaoten sind ausgezeichnete Netzwerker, die quasi nebenbei neue Geschäftskontakte schließen und beim Vergnügen die besten Abschlüsse tätigen.

Harry und Dieter führen gemeinsam eine Steuerberatungskanzlei. Dieter sitzt oft Tag und Nacht im Büro, bucht Geschäftsvorfälle, erstellt Bilanzen und hält die Mitarbeiter in Bewegung. Harry ist nur selten in der Kanzlei. Lieber fährt er auf Kongresse oder zum Golfspielen. Einer Freundin der beiden fällt das auf, und sie sagt zu Dieter, dass es doch total ungerecht sei, dass beide gleichberechtigte Partner seien und nur er – Dieter – die ganze Arbeit mache. Dieters Antwort: »Ich liebe es, im Büro zu sein und meine Sachen abzuarbeiten. Und wenn Harry unterwegs ist, schleppt er immer mindestens zwei neue Kunden an, die uns so viel Gewinn bringen, dass die Kanzlei richtig gut leben kann. Wenn ich versuche zu akquirieren, dann ziehe ich höchstens mal einen kleinen Fisch an Land, der uns viel Arbeit und wenig Profit bringt. Deshalb sind wir ein prima Team, denn keiner könnte ohne den anderen eine Kanzlei betreiben.«

4. Chaos ist die Quelle von Innovation

Chaos und Unordnung sind Schwestern des Zufalls. Viele Innovationen wären bei klinisch reiner Ordnung nicht möglich geworden.

Vermutlich hätte der schottische Bakteriologe Alexander Fleming das Penizillin nicht entdeckt, hätte er aufgeräumt, als er Ende August 1928 in Urlaub ging. Wacklige Stapel von Petrischalen, kreuz und quer liegende Reagenzgläser, Notizzettel, aufgeschlagene Bücher und Zigaretten zierten die Regale und Labortische. Als er am 3. September zurückkam, fiel Fleming in einer mit Bakterienkulturen versehenen Petrischale ein kleiner Schimmelkreis auf. Und er merkte, dass dieser Pilz bestimmte Bakterien abtötete. Die Schimmelpilze waren wohl durch das geöffnete Fenster von einem Labor im Stockwerk darunter hereingeweht und hatten dann schön Zeit, sich zu vermehren und ihre Wirkung zu entfalten. Fleming forschte weiter und schuf mit dem Penizillin das erste Mittel gegen lebensgefährliche Erkrankungen wie Hirnhautentzündung und Diphtherie.8

Auch das Eis am Stiel entstand über Nacht und aus Versehen – nur weil jemand nicht richtig aufräumte. 1905 rührte sich der damals elfjährige Amerikaner Frank Epperson in Kalifornien eine Limonade an und vergaß sein Getränk samt Rührstäbchen auf der Veranda. Nachts fiel die Temperatur auf unter null Grad Celsius, und als Epperson am nächsten Morgen das Stäbchen nahm, hielt er das erste Eis am Stiel in der Hand. 1923 stellte Epperson sein »gefrorenes Getränk am Stiel« der Öffentlichkeit vor, meldete es 1924 zum Patent an und verkaufte die Marke »Popsicle« schließlich an die Joe Lowe Company in New York.9

5. Kreative Chaoten lernen und lehren leichter

Wie geht es Ihnen, wenn Sie lernen wollen? Können Sie sich Zahlen und Fakten gut merken? In der Regel lernen kreative Chaoten sehr leicht. Zumindest wenn sie nicht »pauken«, sondern bewusst die Stärke ihrer (sowieso bevorzugten) rechten Gehirnhälfte nutzen. Diese ist nämlich für das bildhafte Denken und für Kreativität zuständig.

Bekannte Merktechniken wie die Mnemo-Technik oder die Loci-Methode, aber auch die gute alte »Eselsbrücke« verknüpfen Fakten mit Bildern und bleiben damit besser im Gedächtnis haften. Eine große Stärke der Chaoten ist ihr bildhaftes Denken – also haben Sie den Schlüssel zu einem schnellen und einfachen Lernen schon in der Hand. Schön, oder?

Wenden Sie diese Begabung auch an, wenn Sie anderen Menschen etwas beibringen. Zwar arbeiten viele Menschen in unserer Kultur in stark logisch-sachlich orientierten Berufswelten, in denen Zahlen und Fakten eine übergeordnete Rolle spielen. Doch auch die Logiker behalten Inhalte besser, die ihnen mithilfe von Bildern vermittelt werden.

6. Kreative Chaoten wohnen gemütlicher

Räumen Sie noch oder leben Sie schon? Während die Strukturierten noch damit beschäftigt sind, ihre Wohnungen auf Hochglanz zu polieren, leben die meisten kreativen Chaoten längst. Und das ist gut so, denn die Erfahrung zeigt, dass eine gewisse Unordnung Wohnungen lebendig und warm macht. Aber Achtung: Wir reden hier nicht von verlotterten Wohnungen, Messie-Höhlen oder verdreckten Behausungen, sondern davon, dass es schön ist, in einer Wohnung auch zu sehen, dass dort jemand lebt – und man sich nicht in einer Möbelausstellung befindet. Dies hat die Autorin und Fotografin Mary Randolph Carter in ihrem Buch A Perfectly Kept House is the Sign of A Misspent Life (»Ein perfekt gepflegtes Haus ist das Indiz eines vergeudeten Lebens«) wunderbar auf den Punkt gebracht.10 Sie zeigt, wie Künstler und andere Kreative ihr (teilweise chaotisches) Leben und ihr Zuhause kreativ in Einklang bringen (Siehe dazu auch das Kapitel »Optische Ruhe schaffen«). Rücken Sie also Ihre Unordnung gedanklich in ein anderes Licht – Chaoten haben es einfach gemütlicher in ihren vier Wänden.

7. Kreative Chaoten haben mehr Lebensfreude

Chaoten wirken auf systematische Menschen oftmals oberflächlich heiter. Die Wahrheit ist: Die meisten Chaoten haben einfach ein optimistisches Weltbild. Egal was passiert, der Chaot findet immer eine positive Seite daran.

Ute hat auf den letzten Drücker den ICE von Hamburg nach München erwischt und ist am Zugende hineingesprungen. Sie geht, während der Zug anrollt, durch die Waggons auf der Suche nach ihrem reservierten Platz. Unterwegs kommt sie an einem komplett leeren Abteil vorbei – und bleibt spontan dort sitzen. Sechs Stunden lang freut sie sich, dass sie allein ist. Wäre sie pünktlich am Zug gewesen, dann wäre sie schnurstracks vom Bahnsteig in den richtigen Waggon eingestiegen – und hätte nicht den Komfort des Einzelabteils genießen können. »Gut, dass mein Mann nicht dabei war, denn er hätte endlos gemosert, dass wir so spät dran waren und hätte darauf bestanden, zum reservierten Platz zu gehen, weil ›man‹ das einfach nicht tut, sich auf einen anderen Platz zu setzen.«

Chaoten haben die Begabung, sich wie kleine Kinder an kleinen Dingen zu freuen: ein Strauß bunter Wiesenblumen, selbst gebastelte Büro-Accessoires. Deshalb machen sich kreative Chaoten mit Kleinigkeiten das Leben einfach schöner – und strukturierte Menschen schlagen ob dieser »kindlichen Albernheit« die Hände über dem Kopf zusammen.

Herbert fasst es nicht. »Meine Kollegin spinnt. Jetzt hat sie, um sich zu belohnen, dass sie den Schreibtisch aufgeräumt hat, für 3 Euro eine Rose gekauft und hingestellt. Ein aufgeräumter Schreibtisch ist doch Belohnung genug.« Silvina hingegen strahlt. »Die Rose macht mir Freude und motiviert mich, die Ordnung auch zu halten und nicht gleich alles wieder zuzumüllen.«

8. Polychrone Aufgaben verlangen chaotisches Verhalten

Wir leben in unserer westlichen Kultur in einer sehr durchstrukturierten, monochronen Welt, in der Dinge Schritt für Schritt abgearbeitet werden und in der die meisten Menschen ihre Aufgaben (weit) im Voraus planen und sich streng an ihren Zeitplan halten wollen. Die Uhr ist die Messgröße, nach der sich alles richtet, und als guter Zeitmanager gilt, wer termingerecht, zügig und vorhersehbar arbeitet und alles erledigt. Dass Aufgaben (pünktlich) erledigt werden, zählt mehr als die Pflege persönlicher Beziehungen. In der Wahrnehmung monochroner Kulturen gibt es nur eine Zeit, die häufig straff organisiert ist.

Demgegenüber leben andere Kulturkreise, wie beispielsweise Südamerika, Frankreich oder Italien eher polychron, wie der US-amerikanische Anthropologe Edward T. Hall herausfand.11 In polychronen Kulturen gilt das Erledigen mehrerer paralleler Handlungen als normal. Der Zeitplan ist ein »Kann«, aber kein »Muss«. Man ist flexibler und setzt die Priorität auf persönliche Beziehungen, die Erledigung einer Aufgabe ist eher nachrangig. Verspätungen beispielsweise im öffentlichen Nahverkehr sind kein Thema, über das man redet.

Vor Kurzem hielt ich ein firmeninternes Seminar in Freiburg. Abends teilte ich mit einem anderen Besucher der Niederlassung, einem jungen Mann aus Dubai, das Taxi zum Bahnhof und wir plauderten. Plötzlich zog er sein Handy aus der Tasche und zeigte mir ein Foto. »Das habe ich gestern am Bahnhof in Frankfurt gemacht und habe es an alle meine Freunde geschickt. Ist das nicht total kurios, was die da angeschrieben haben? Ich habe so gelacht!« Das Foto zeigte die Anzeigetafel im Hauptbahnhof mit der Meldung, dass sein Zug zehn Minuten Verspätung habe. »Bei mir zu Hause würden sie nicht mal hinschreiben, wenn der Zug drei Stunden Verspätung hätte.«

Klar, dass es zu Konflikten kommt, wenn polychrone Denkweisen auf monochrone stoßen. Das spürten schon die Missionare in Afrika und Polynesien im 16. Jahrhundert. Aber auch hierzulande fühlen sich viele polychron veranlagte Menschen in ihren monochronen Kulturen einfach nicht zu Hause. Sie ecken mit ihrer »laxen« Zeitvorstellung permanent an.

Doch auch in unserer westeuropäischen monochronen Kultur gibt es viele Tätigkeiten, bei denen die Orientierung an einer Uhr sinnlos ist: Mitarbeiter führen, Medien- und Öffentlichkeitsarbeit machen, Eltern sein, anderen Menschen etwas beibringen (Lehrer, Trainer), Ideen generieren, Menschen überzeugen, Kunden beraten. Was haben diese Verantwortlichkeiten gemeinsam? Sie sind eindeutig polychron, das heißt, Sie können sie nur gut erfüllen, wenn Sie mehrere Dinge gleichzeitig erledigen und schnell zum gleichen Zeitpunkt auf verschiedene Anforderungen eingehen. So kann ein Lehrer zwar seinen Lehrplan als Unterrichtsstruktur nutzen, doch muss er Tag für Tag flexibel sein. Das, was er schaffen kann, hängt davon ab, wie fit die Kinder in seiner Klasse insgesamt sind, wie ihre Tagesform ist, wer alles krank ist, ob es hitzefrei gibt, er muss mit Störern umgehen und Konflikte beilegen. Auch als Führungskraft können Sie zum Beispiel Mitarbeitergespräche nicht mit der Stoppuhr führen und exakt voraussagen, wie lange es dauert, bis alle wichtigen Punkte angesprochen und erledigt sind. Und als Familienmanager gehört das Unvorhersehbare schon derart vorhersehbar zum alltäglichen Wahnsinn, dass unflexible Menschen ganz schnell an ihre Grenzen stoßen. Besonders das Leben mit Kindern ist stark von Gleichzeitigkeit und Spontaneität geprägt, sodass das Thema »Planen« eine ganz neue Bedeutung erhält.

Leider gelten Menschen, die solche polychronen Verantwortungen haben, häufig als schlechte Zeitmanager. Problematisch wird es vor allem dann, wenn ein eher monochron eingestellter Chef die polychrone Arbeit eines Mitarbeiters beurteilen soll oder der monochrone Ehepartner sich über das Chaos des Familienmanagers aufregt. Dabei tragen sie nur die Verantwortung für Aufgaben, die sich nicht in ein Uhrenschema pressen lassen. Aber weil in der Regel alles über einen Kamm geschoren wird – und messbar gemacht werden soll –, werten viele Menschen diese Art von Tätigkeiten ab.

Machen Sie sich klar, welche Art von Verantwortung Sie tragen – und mühen Sie sich nicht, diese in ein Zeitraster zu pressen. Seien Sie stolz darauf, diesen Drahtseilakt der gleichzeitigen Aufgaben mit Bravour zu meistern. Denn dies sind meist Tätigkeiten, bei denen strukturierte Menschen ganz schnell das Handtuch werfen würden, weil sie die »Planlosigkeit« derart stresst und sie keine messbaren Erfolge vorweisen können. Gleichen Sie ab, ob Sie eher polychrone oder monochrone Tätigkeiten zu erfüllen haben in Ihrem Beruf und Ihrem Privatleben. Und verändern Sie unter Umständen etwas in Ihrem Leben, damit Sie Ihre Präferenzen ausleben können (hierzu mehr im Abschnitt »Folgen Sie Ihren Präferenzen«).

9. Das Zeitalter der kreativen Chaoten ist da!

In den letzten Jahren haben wir eine rasante Fahrt in ein neues Zeitalter angetreten: das Ideen- und Kreativzeitalter. Immer mehr Unternehmen und Regierungen wurde klar, dass es nicht mehr in erster Linie auf Wissen und lineares Denken ankommt. Sondern auf Kreativität, Erfindungsreichtum, Empathie und das Verständnis von Zusammenhängen.

Seit 1990 hat sich Ideenreichtum zum Motor entwickelt, der kreative Sektor ist geradezu explodiert: Bis zu 50 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten in entwickelten Industrienationen in der »Creative Economy«. Sei es als Wissenschaftler, Ingenieure, Forscher und Entwickler oder in technologiegestützten Industrien als Software-Programmierer und Spiele-Erfinder. Sie arbeiten auch in verschiedenen Tätigkeiten im Kunst-, Musik- oder Kulturbereich, prägen die Ästhetik- und Designbranche und optimieren das Wissensmanagement von der Gesundheitswirtschaft bis hin zu Finanzwesen und Recht. In den USA wurde 2004 die Hälfte aller Erwerbseinkommen im kreativen Wirtschaftssektor verdient – so viel wie in Industrie und Dienstleistungen zusammen, stellte Richard Florida, Professor für wirtschaftliche Entwicklung an der Carnegie Mellon University, fest.12

In der letzten Auflage dieses Buches musste ich an dieser Stelle noch schreiben, dass Deutschland hinterherhinkt und in puncto Kreativität und Förderung des entsprechenden Nachwuchses zu den Absteigern zählt und Österreich zu den Nachzüglern.13 Doch jetzt spielen wir ganz vorne in der Kreativwirtschaft mit. Deutschland und die Schweiz rangieren unter den Top-10-Ländern weltweit, was den Bevölkerungsanteil in »kreativen« Berufen angeht – heute verdient fast jeder zweite Berufstätige sein Geld mit »Ideen«. Österreich liegt unter den Top 20.14

Doch nach wie vor gilt, frühzeitig in kreative Köpfe und Querdenker zu investieren und Raum für »Spinner« zu schaffen. Wir müssen weiterhin stark und gezielt eine Lanze brechen für die kreativen Chaoten, die Andere-Wege-Geher und Querdenker. Gesellschaften und Unternehmen brauchen Vordenker und Visionäre dringender denn je. Da sind sich Zukunftsforscher und Ökonomen einig.

»Kein ernsthafter Ökonom zweifelt heute daran, dass Ideen und Kreativität das wichtigste Wirtschaftsgut des 21. Jahrhunderts sein werden«, schrieb das Wirtschaftsmagazin Brand Eins.15 Und auch Bestseller-Autor Dan Pink bricht in seinem Buch Unsere kreative Zukunft. Warum und wie wir unser Rechtshirnpotenzial entwickeln müssen die Zukunft auf sechs Säulen herunter. Seiner – und meiner – Meinung nach zählen künftig Design (statt Funktion), Geschichten (statt Argumente und Fakten), eine ganzheitliche Sichtweise (statt Fokus auf Details), Empathie (statt Logik), Spiel (statt Ernsthaftigkeit) sowie Sinn (statt Akkumulation von materiellen Gütern).16

10. Unser Alltag ist kreativ-chaotisch geworden

Insgesamt können wir beobachten, dass unsere Arbeitswelt kreativ-chaotischer geworden ist. Aufgaben kommen immer schneller und ungeplanter daher, schnelles Reagieren auf sich verändernde Prioritäten ist ein Muss, und die Tätigkeiten an sich werden immer komplexer. Produktzyklen haben sich erheblich verkürzt. Im Projektmanagement haben Methoden wie Scrum die Entwicklung neuer Produkte massiv verändert: weg von monatelanger Planung und abstrakten Klärungsphasen hin zu Schnellboot-Einsätzen und »Learning by doing«. Digitalisierung und mobile Endgeräte ermöglichen heute ein Arbeiten rund um den Erdball, zu allen Tag- und Nachtzeiten an allen denkbaren Orten. Mit dem Effekt, dass sich auch hier die Arbeitsgeschwindigkeit erhöht hat. Teamstrukturen und Führungsstile ändern sich massiv. Unternehmen versuchen zunehmend, flache Hierarchien zu schaffen, weil viele Mitarbeiter nicht mehr »geführt« werden wollen, sondern Wert auf eigenständiges und eigenverantwortliches Tun legen. Mit dem Eintritt in die Berufswelt hat zudem die Generation Y einen massiven Umdenkprozess in Gang gebracht: Neue Werte wie Freiheit, Familie, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit haben verkrustete Machtstrukturen aufgebrochen und etablierte Bonisysteme für viele Mitarbeiter als Anreiz veralten lassen. »Meinen jungen Mitarbeitern kann ich eine viel größere Freude mit einem coolen Bike als Bonus machen, als mit einem Dienstwagen bei den älteren,« erzählte mir der Chef eines Münchner Unternehmens.

Unternehmen, in denen ich als Trainerin oder Coach tätig bin, zeigen, dass unsere Arbeitswelt dynamisch und agil geworden ist. Und es deshalb neue Methoden braucht, um mit Ruhe und Gelassenheit gute Ergebnisse zu erzielen. Ein Vorteil für kreativ-chaotische Menschen. Denn sie bringen die Flexibilität und das Tempo von Haus aus mit, das in den Unternehmen heute gefordert ist.

Den kreativen Chaoten gehört die Zukunft!

Den kreativen Chaoten gehört die Zukunft – lassen wir uns darauf ein. Im Zeitalter der Kreativität haben wir gegenüber anderen Menschen die Nase vorn. Plötzlich brauchen uns die anderen, und sie werden unsere farbigen Post-it-Landschaften, Papierstapel und Spielereien tolerieren. Was sie allerdings nicht tolerieren werden, sind unerwünschte Nebenwirkungen der kreativen Chaoten: unsere Unpünktlichkeit, unsere Überempfindlichkeit und zeitraubende Unordnung.

Das kann einer fulminanten Karriere im Wege stehen, denn als »gesellschaftlich nicht herzeigbarer Chaot« werden andere Sie nicht fördern, weil sie Ihnen keine Management- und Führungsaufgaben zutrauen. Sie werden gegen Vorurteile ankämpfen und weniger Geld verdienen, weil die Systematiker glauben, ein unordentlicher Schreibtisch verweise auf eine unordentlich erledigte Arbeit. Sie werden anecken, weil Sie anders sind als die anderen.

Schade, aber es ist nicht zu leugnen: Noch immer sind es überwiegend die Systematiker, die uns vorschreiben, wie alles zu sein hat, und die uns ihre Sicht als die einzig wahre und richtige aufdrücken.

Wie das kommt? Jahrhundertelang prägten die Systematiker das Weltbild und bestimmten, was »richtig« sei. Schon im Mittelalter machte die Kirche uns Angst, wenn wir faul seien oder das Leben zu sehr genießen, würden wir im Fegefeuer landen. Nur Menschen mit einer Mischung aus immerwährendem Fleiß und einer bescheidenen Lebensführung konnten auf ein bequemes Leben im Jenseits hoffen. Schon damals galten Tugenden wie Pünktlichkeit, Fleiß und Reinlichkeit – zumindest für das niedere Volk, denn die, die es predigten, labten sich ja, wie reichlich überliefert, oftmals an einem ausschweifenden Lebenswandel.

Die Geburtsstunde des »systematischen Zeitmanagements« – mit der Grundidee, innerhalb kurzer Zeit viel zu schaffen – fällt wohl ins frühe 20. Jahrhundert und in die Zeit der Automatisierung. Das Ford Model T avancierte zum ersten Massenfahrzeug, nachdem Hersteller Henry Ford die Fertigung rationalisiert und 1914 das Fließband eingeführt hatte. Statt zwölfeinhalb Stunden am Chassis zu schrauben, rollte dank Fließband in den 20er-Jahren alle 93 Minuten ein fertiger Wagen aus der Halle. Statt 850 Dollar im ersten Jahr kostete der Wagen nur noch 370 Dollar.17

In den 50er-Jahren etablierte sich zur Unternehmensführung erfolgreich das Managementkonzept »Führung durch Zielvereinbarung« (Management by Objectives)18, und es dauerte nur kurze Zeit, bis diese Idee auf den einzelnen Mitarbeiter überschwappte. In den 60er-Jahren hatten sich nun auch alle Büroarbeiter entsprechend zielorientiert und rationell zu verhalten.

Werte wie Ordnung, Fleiß und Pünktlichkeit erhielten ihren erneuten Ritterschlag, und Methoden aus dem Militär (!), wie das Eisenhower-Prinzip, wurden auf das persönliche Zeitmanagement umgemünzt (siehe Strategie »Prioritäten«).

Seit den frühen 80er-Jahren boomen How-to-do-Zeitmanagement-Ratgeber, die von sehr systematischen Menschen geschrieben wurden, die dieser uralten systematischen Denke unisono folgen.19

Leider sind wir Menschen keine rationellen Wesen, auch keine Maschinen, und die Maxime »Mehr Output in kürzerer Zeit« führt schnell zum Verschleiß unserer Arbeitskraft. Kreative Chaoten nehmen diese Ansprüche wahr und finden sie äußerst befremdlich. Und doch bekommen sie immer wieder vorgehalten, sie seien unfähig, sich zu organisieren, und disziplinlos. Viele Menschen und Unternehmen ließen lange Zeit ihre »bunten Vögel« allenfalls in unwichtigen Gefilden unbehelligt, sodass viele kreative Chaoten sich als Künstler, Aussteiger, Freiberufler oder Taxifahrer über Wasser hielten.

Warum haben sie sich nicht gewehrt? »Wer sich wehren und etwas durchsetzen will, muss sich organisieren. Das ist Chaoten fremd. Deshalb haben sie keine Lobby«, schreibt Hermann Rühle in seinem Drehbuch für ein chaotisches Zeitmanagement.20 Während die »Ordentlichen« es geschafft hätten, ihr Weltbild zum Maßstab für die ganze Menschheit zu machen (»Schule, Universität, Wirtschaft, Verwaltung, Kirche und Militär sind davon durchdrungen«), hätten sie den »Drang, andere zu missionieren. Chaoten ruhen in sich selbst, sie funktionieren, wie sie funktionieren, und lassen ihre Mitmenschen in Ruhe«, so Rühle, der nach eigener Aussage selbst ein »Ordentlicher« sei, sich aber als echter Kenner der kreativen Chaoten erweist und sich wünscht, mehr zu sein wie diese.

Schluss mit dieser falschen Mission! Kreative Chaoten brauchen keine veralteten Zeitmanagement-Strategien, sie brauchen sich nicht mehr in die falschen Seminare schicken lassen oder die falschen Bücher lesen.

Sie machen es nämlich schon richtig gut.

Auf ihre Art.

Wichtig: Es geht nicht darum zu sagen, die anderen Methoden seien falsch. Nein, für sehr systematische Menschen in einem systematischen Umfeld sind sie genau richtig und können perfekt umgesetzt werden. Es geht darum, dass jeder die Freiheit haben sollte, sich und seine Aufgaben so zu organisieren, wie es ihm am besten hilft. Es geht darum, sich und die anderen in ihrer ganz eigenen Art wertzuschätzen und jeden so sein zu lassen, wie er ist.

Ich will Sie nicht ändern, und ich werde nie sagen, dass Sie diese wundervollen Eigenschaften, die Sie als kreativer Chaot haben, ablegen sollen. Im Gegenteil: Ich zeige Ihnen Wege, wie Sie Ihre kreativen Stärken so ausleben können, dass Sie in unserer eher strukturierten Kultur Ihren Stress in den Griff bekommen und jeden Tag eine Menge Spaß und Anerkennung erhalten. Und sei es einfach, weil Sie künftig ordentliche Stapel machen. Weil Sie mit witzigem Krimskrams Ihren Alltag freudvoll organisieren und plötzlich pünktlich sein können. Weil Sie Mitbewerber überholen und Narrenfreiheit genießen, die Sie unempfindlich gegen Kritik macht. Spielen Sie das Spiel der Systematiker und logischen Ordner mit – nach Ihren eigenen Regeln.

Warum wir so sind, wie wir sind – und was das für unser Zeitmanagement bedeutet

Fragen Sie sich manchmal, warum Sie Ihren Partner, Ihre Partnerin einfach nicht verstehen? Warum Ihnen einige Kollegen auf Anhieb sympathisch sind, während bei anderen »die Chemie« nicht stimmt? Kommen Sie mit auf einen Ausflug in Ihre grauen Zellen, die gar nicht so grau sind, und gehen Sie dieser Frage auf den Grund.

Willkommen bei Familie Ideenreich-Herzlich und Familie Ordentlich-Logisch

Familie Ideenreich-Herzlich und Familie Ordentlich-Logisch sind glücklich. Sie haben ein Doppelhaus gekauft und leben nun Wand an Wand: Rechts wohnen die Ideenreich-Herzlichs, links die Ordentlich-Logischs. Kaum sind die Möbelpacker weg, da hat Igor Ideenreich schon hundert Ideen, wie sich das Heim verschönern ließe: Auf den Umzugskartons zeichnet er einen Entwurf für einen Wintergarten, fährt schnell zum Baumarkt, um Farbe zu kaufen und die Küche sonnengelb zu streichen, und bringt zudem einen Tisch mit, den er zufällig bei der Wertstoffbörse gesehen hat und der super in das neue Wohnzimmer passt. Seine Frau, Hanni Herzlich, dreht derweil eine Runde in der Straße, um sich bei den Nachbarn vorzustellen, tröstet am Telefon einen Freund, der Liebeskummer hat, und schafft ein gemütliches Gästezimmer, damit spontaner Besuch jederzeit bleiben kann.

Nachbar Ottmar Ordentlich bringt den Umzug in Ruhe über die Bühne. Sorgfältig räumt er alle Umzugskartons aus, verstaut jeden Gegenstand an einem vor dem Umzug bereits festgelegten Platz und erledigt dann Punkt um Punkt seine Checkliste »Umziehen leicht gemacht« (genormte Klingelschilder fertigen lassen, Auto ummelden et cetera). Seine Frau Annaliese Logisch, rechnet derweil – am pünktlich vom Möbelhaus gelieferten Wohnzimmertisch (Sparaktion mit 12 Prozent Rabatt) – die Finanzierung des Kredites nochmals durch und erstellt eine Entscheidungsmatrix, bei welchem Heizöllieferanten sie die besten Konditionen bekommt.

Rund 1,3 Kilogramm unseres Körpers entscheiden, was die restlichen Kilogramm machen. Ob wir spontan und voller Ideen sind, ob wir andere Menschen in den Mittelpunkt unseres Lebens rücken, ob wir Schritt für Schritt Aufgaben abarbeiten oder ob uns Fakten und Logik am wichtigsten sind – den Impuls dazu sendet unser Gehirn.21

Schaltzentrale dafür ist das Großhirn. Es besteht aus zwei Hälften, die jeweils überwiegend unterschiedliche Funktionen erfüllen. In der linken Hälfte findet vorrangig das logische, analytische und strukturierte Denken statt. Sie steuert offensichtlich bei fast allen Wirbeltieren (also auch den Menschen) das Alltagsverhalten mit all seinen Routinen und ist für unser aus eigenem Antrieb heraus geplantes Verhalten zuständig. In der rechten Hälfte haben eher das bildhafte Denken, emotionale Verknüpfungen, flexible, ideenreiche und zwischenmenschliche Gedanken ihren Platz. Sie ist mehr auf die Wahrnehmung unseres Umfelds gepolt und steuert unsere spontanen Reaktionen auf äußere Erlebnisse. Mittlerweile wissen wir dank bildgebender Verfahren wie beispielsweise der Magnetresonanztomografie (MRT) oder des neueren Diffusionstensors (DTI), dass es in unserem Oberstübchen natürlich wesentlich komplexer zugeht, als diese grobe Zweiteilung es zeigt. Dennoch sind in Experimenten Tendenzen der jeweiligen Aktivitäten in den Hirnarealen deutlich zu erkennen.22

Verbunden sind die rechte und linke Gehirnhälfte durch einen Balken (Corpus callosum), dank dem wir auf beide Gehirnhälften zugreifen, wenn wir denken, sprechen, lernen oder spielen. Bei Frauen ist diese Verbindung stärker ausgeprägt als bei Männern – weshalb Frauen angeblich die besseren Multitasker sind, also Aufgaben gut parallel erledigen können.

Jeder Mensch nutzt zum Denken, Arbeiten und Leben immer beide Gehirnhälften. Doch bestimmte Areale in den beiden Gehirnhälften dominieren. Das heißt, wenn wir eine Aufgabe gestellt bekommen, dann springen entweder sofort Areale unserer rechten oder unserer linken Gehirnhälfte verstärkt an, um diese zu lösen. Erst später holen wir unter Umständen die Areale der anderen Gehirnhälfte zu Hilfe.

Entsprechend ist unser bevorzugter Denkstil dafür verantwortlich, wie wir uns verhalten, welche Tätigkeiten uns Energie bringen, welche uns Energie rauben und was uns wirklich interessiert.

Angeboren oder erworben?

Wie wir ticken, ist uns ein Stück weit in die Wiege gelegt. »Die Gene bestimmen zwischen 20 und 50 Prozent der Persönlichkeit eines Menschen«, erklärt Hirnforscher Gerhard Roth. »Aber auch das, was eine Frau während der Schwangerschaft erlebt, entscheidet mit über das Temperament eines Kindes: Ob es offen oder ängstlich sein wird, ein stabiles oder ein zaghaftes Ego entwickelt, ob es pedantisch ist oder lässig. Diese Weichen stellt das limbische System, eine Art Schaltzentrale der Gefühle, das ab der sechsten Schwangerschaftswoche entsteht. In dieser Zeit erlebt das Ungeborene die ersten emotionalen Konditionierungen, die sein Gehirn für sein ganzes Leben prägen.«23

Schon in der Persönlichkeitsursuppe, die mit der Zeugung angerührt wird, liegen also die Grundlagen, ob ein Mensch eher der logische Ordner (»Pedant«) oder der kreative Chaot (der »Lässige«) wird. Und obwohl sich Kinder bis zum sechsten Lebensjahr eher »rechtshirnig« verhalten – wie Familie Ideenreich-Herzlich spontan, spielerisch und gefühlsbetont –, können Eltern bereits hier erkennen, ob ihr Nachwuchs die Spielsachen penibel nach Farben ordnet oder einfach alles in eine Kiste wirft.

In unserer deutschsprachigen Kultur fördern und fordern Schule und Eltern allerdings eher systematisch-analytische Fähigkeiten. Die Kinder lernen Ordnung, Pünktlichkeit, Disziplin und Logik und ernten für dieses Verhalten Lob und Anerkennung. Träume spinnen, spielen, verrückte Ideen aushecken, zahlreiche Interessen oder stundenlanges Telefonieren und Chatten mit Freunden werden getadelt. So festigen sich im Verlauf der Kindheit viele Dominanzen in eher »systematisch-analytisch« oder in »ausgewogen« (die Fähigkeiten beider Gehirnhälften werden gleich gut genutzt), während andere Menschen sich ihre kreative und chaotische Ader erhalten. Bei Erwachsenen bleibt der Denkstil relativ stabil. Er ändert sich nur, wenn gravierende emotionale Ereignisse uns aus der gewohnten Bahn werfen oder wenn wir eine Änderung gezielt über viele Jahre trainieren. Wir können uns entwickeln.

In Zentraleuropa verteilen sich laut einer Denkstil-Analyse des Beratungsunternehmens Herrman International die Hirndominanzen bei Berufstätigen wie folgt:24

Rund 41 Prozent der Erwachsenen sind rechts-hemisphärisch. Sie begegnen uns in diesem Buch als die kreativen Chaoten.

34 Prozent sind »ausgewogen«.

25 Prozent der Erwachsenen sind links-hemisphärisch. Sie begegnen uns in diesem Buch als die logischen Ordner.

In einer Datenbankauswertung des Campus für Kreative Chaoten vom August 2016 zeigte sich, dass sogar rund 60 Prozent der befragten deutschsprachigen Erwachsenen eher zu den kreativen Chaoten gehören. Von 43 740 Teilnehmern, die seit 2008 in einer wissenschaftlich abgesicherten Denkstil-Analyse ihren Talenten auf die Spur kommen wollten, zählten 25,5 Prozent zu den »Visionären Ideensprudlern« und 35,3 Prozent zu den empathischen Unterstützern. 19 Prozent zählten zu den sogenannten »Ganzhirnern«, das heißt, sie haben sowohl Talente in der kreativ-chaotischen als auch in der systematisch-analytischen Denkwelt.25

Alle sind anders, alle sind gut

Bei Familie Ideenreich-Herzlich und Familie Ordentlich-Logisch hängt der Haussegen schief. Ottmar Ordentlich ist sauer, weil die Ideenreich-Herzlichs noch immer nicht die genormten Klingelschilder an der Gartentür haben, sich die leeren Umzugskartons seit drei Wochen im Carport stapeln und man einen freien Blick in die gardinenlose Küche hat (die, aber das würde Annaliese Logisch nie zugeben, wirklich sehr hübsch mit den gelben Wänden ist). Jeden Tag betrachten sie mit säuerlicher Miene diese Missstände und schimpfen über die »Chaoten«. Hanni und Igor lästern derweil über die pingeligen Ordentlich-Logischs, die jetzt – mitten im Hochsommer – ihren Heizöltank bereits füllen lassen wollen, amüsieren sich, dass die »logischen Ordner« schon das neue Autokennzeichen haben, und witzeln über den akkurat gepflegten und beschrifteten Kräutergarten (Hanni hätte auch mal gerne so eine schön übersichtliche Kräuterquelle für ihre Küchenkünste, aber das würde sie nie zugeben).

Unsere »Macken« mögen wir manchmal selbst nicht so gerne und ärgern uns vielleicht, dass wir zwar viele Ideen haben, aber nie etwas zu Ende bringen. Besonders herrlich können wir uns aber über die Marotten der anderen aufregen.

Wenn kreative Chaoten auf logische Ordner treffen, dann fliegen häufig die Fetzen. Egal ob im Job oder im Privatleben: Da ärgert sich der eine über das »Chaos« des anderen, während dieser umgekehrt über die Pedanterie des anderen schimpft. Witzigerweise kommen häufig in Partnerschaften explosive »Mischverhältnisse« von kreativen Chaoten und logischen Ordnern vor. Im Prinzip wäre das perfekt, weil sich die beiden super ergänzen würden. Doch solange jeder nur über den anderen lästert, kann kein Dream-Team entstehen.

Lernen Sie also die »Macken« der anderen als Stärken zu begreifen, fangen Sie an, sich gegenseitig mit Ihren Präferenzen wertzuschätzen und die persönlichen Stärken gezielt einzusetzen.

Anstatt zu hadern und Ihre vermeintlichen Schwächen zu bekämpfen, entdecken Sie die Stärken Ihres Denkens. Verbessern Sie damit gezielt Ihre Selbstorganisation und das Miteinander im Team. Machen Sie sich klar: Es gibt kein »besseres« oder »schlechteres« Denken. Alle Denkstile leisten einen wertvollen Beitrag zu dem, was Sie tun und wer Sie sind. Und alle Denkstile brauchen wir, wenn wir außergewöhnliche Ergebnisse erzielen wollen.

Hanni, Annaliese, Igor und Ottmar sitzen gemütlich auf der Terrasse, stoßen mit Prosecco an und freuen sich über die Ereignisse des heutigen Tages. Jeder ist stolz, was sie heute alles mit Spaß und voller Energie geschafft haben. Igor hat in künstlerischer Kleinarbeit die Küche von Annaliese in einem zarten Lila und mit vielen Rosenranken verziert, während Annaliese einen bezaubernden Kräutergarten für Hanni angelegt hat (mit detaillierter Pflegeanleitung auf kleinen Schildchen). Ottmar hat die Klingelschilder mitbestellt, die Umzugskartons entsorgt und das Auto der Ideenreich-Herzlichs umgemeldet, während Hanni mit angepackt hat, wo es gerade nötig war. Zudem hat der Heizöllieferant gleich beide Tanks gefüllt (was beiden Familien einige Euro gespart hat). »Wir haben einfach aufgehört, über die Macken der anderen zu lästern und lassen nun jeden, so gut es geht, seine Stärken ausleben.«

Der Selbst-Check: Wie chaotisch sind Sie wirklich?

Vereinfachen Sie Ihren Alltag, indem Sie Ihre Stärken gezielt entdecken. Die folgende Schnellanalyse zeigt Ihnen, welches Ihrer Talente Ihr Denken und Ihr Tun hauptsächlich bestimmt. Natürlich ist diese Analyse eine starke Vereinfachung und zeigt nicht die komplexen Eigenheiten, die Sie zu der Persönlichkeit machen, die Sie sind.

Tipp

Die Schnellanalyse soll Ihnen helfen, einen Eindruck von Ihrer Denkweise zu bekommen, aber keinesfalls zu »Schubladendenken« verführen. Jeder Mensch besitzt und nutzt viele Talente. Verstehen Sie die Typeneinteilung bitte als vereinfachendes Konstrukt, das uns hilft, bestimmte Persönlichkeitsmerkmale besser einzuordnen und Strategien zu entwickeln. Sehen Sie diese Analyse als Anhaltspunkt, sich und die anderen Menschen ein Stück weit besser kennenzulernen und zu verstehen. Machen Sie den Selbstcheck hier im Buch oder online ausführlicher und mit Sofort-Auswertung unter www.Kreative-Chaoten.com/selbstchecks.

Lesen Sie bitte pro Punkt die jeweiligen Antworten komplett durch und entscheiden Sie sich dann für die Antwort, die am meisten auf Sie zutrifft oder die in Ihnen ein gutes Gefühl hervorruft. Bitte jeweils nur eine Aussage ankreuzen!

Der Selbst-Check

1.Wenn Sie andere Menschen über etwas informieren, dann ist es Ihnen wichtig,

♣detaillierte, präzise Informationen und Fakten zu geben.

♦in groben Zügen einen Überblick zu vermitteln, ohne sich in Details zu verlieren.

♥die Meinung des anderen dazu gleich zu hören.

♠vor allem die nächsten Schritte sowie einen konkreten Zeit- und Maßnahmenplan zu nennen.

2.Wenn Sie ein Projekt oder eine Arbeit planen,

♣dann tun Sie das eher in groben Zügen, bestimmen lediglich die mögliche Marschrichtung.

♦dann tun Sie das bis ins kleinste Detail und überlassen nichts/wenig dem Zufall.

♥besorgen Sie sich zunächst alle verfügbaren Informationen, die einen Einfluss auf die Arbeit haben könnten.

♠besprechen Sie das Vorgehen am liebsten mit anderen Menschen, um im Team eine möglichst gute Lösung zu finden.

3.Im Umgang mit anderen sind Sie am liebsten eher

♣ feinfühlig.

♦logisch.

♥pragmatisch.

♠ idealistisch.

4.