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Der "Orientzyklus" von Karl May ist eine faszinierende Sammlung von Erzählungen und Romanen, die den Leser in die geheimnisvollen und oft romantisierten Welten des Nahen Ostens entführt. Durch seinen unverwechselbaren Stil, der sowohl spannende Abenteuer als auch tiefgründige Charakterstudien vereint, schafft May ein vielschichtiges Bild der orientalischen Kultur und Lebensweise. Mit einer Mischung aus historischer Realität und fiktivem Überbau, sowie eindringlichen Beschreibungen der Landschaften und der kulturellen Kontexte, erweckt er die exotischen Schauplätze zum Leben und regt zur Reflexion über Kolonialismus und Identität an. Karl May, geboren 1842 in Altenberg, wird oft als einer der bedeutendsten deutschen Abenteuerschriftsteller des 19. Jahrhunderts angesehen. Seine eigenen Erfahrungen als Wanderer und die leidenschaftliche Auseinandersetzung mit anderen Kulturen spiegeln sich in seinen Werken wider. Das Verlangen nach Begegnung mit dem Fremden und der Wunsch nach positiven Identifikationen mit Kulturen, die bislang entfremdet waren, prägen seinen Schaffensprozess und seine literarischen Schwerpunkte. Sein Leben war geprägt von sozialen Herausforderungen und der Suche nach seinem Platz in der Welt, was sein Werk mit einer tiefen menschlichen Sehnsucht durchdringt. Der "Orientzyklus" ist ein Muss für Literaturinteressierte und Abenteuergeschichtenliebhaber. Die Mischung aus fesselnder Erzählkunst und philosophischen Fragestellungen macht dieses Werk zeitlos relevant. Leserinnen und Leser, die sich für Themen wie Identität, Fremdheit und das Zusammenprallen unterschiedlicher Kulturen interessieren, werden in dieser umfassenden Sammlung eine wertvolle Quelle der Inspiration und Erkenntnis finden. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Der vorliegende Band versammelt unter dem Titel „Orientzyklus“ die sechs großen Reise- und Abenteuerromane Karl Mays, die gemeinhin als sein geschlossenes Orientwerk gelten. Mit „Durch die Wüste“, „Durchs wilde Kurdistan“, „Von Bagdad nach Stambul“, „In den Schluchten des Balkan“, „Durch das Land der Skipetaren“ und „Der Schut“ wird der vollständige Romanbogen präsentiert, der Leserinnen und Leser auf einer zusammenhängenden Wegstrecke begleitet. Die Zusammenstellung verfolgt den Zweck, diese inhaltlich aufeinander bezogenen Bücher in einer einheitlichen Lektürefolge zugänglich zu machen und die erzählerische Kontinuität des Zyklus’ sichtbar zu halten, ohne die Eigenständigkeit der einzelnen Romane zu mindern.
Die hier vereinten Texte entstanden im späten 19. Jahrhundert und wurden bald in einem festen Verbund gelesen, der unter dem Namen Orientzyklus bekannt wurde. Sie führen von den afrikanischen und nahöstlichen Schauplätzen über Mesopotamien und Anatolien bis in den südosteuropäischen Raum. Schon die Buchtitel markieren die Etappen einer fortlaufenden Reise und verorten jedes Buch prägnant im größeren Zusammenhang. Die Edition stellt den Zyklus geschlossen dar und ermöglicht eine Lektüre, welche die innere Dramaturgie der Abfolge respektiert, ohne Vorkenntnisse vorauszusetzen. So wird das historische Entstehungsfeld gewahrt und zugleich der Zugang für heutige Leserinnen und Leser erleichtert.
Bei den versammelten Werken handelt es sich um Romane in der Tradition der deutschsprachigen Reiseerzählung. Die Bücher verbinden Elemente des Abenteuerromans mit beobachtender Reiseliteratur und einer ausgedehnten Ich-Erzählung, die die Wahrnehmungen des Protagonisten in den Vordergrund stellt. Lyrische, dramatische oder essayistische Texte gehören nicht zu dieser Sammlung; der Fokus liegt auf fortlaufender Prosa, die Episoden und Übergänge zu einem erzählerischen Ganzen fügt. Charakteristisch ist die erzählerische Selbstverortung im Unterwegssein, wodurch Landschaften, Sitten, Spracheindrücke und Begegnungen zu Bausteinen eines durchgehenden Narrativs werden, das zwischen Bewegung, Anschauung und Reflexion ausbalanciert. So entsteht eine kontinuierliche Reisechronik in Romanform.
Der Orientzyklus entfaltet über alle Bände hinweg verbindende Themen: das Motiv der Reise als Selbstprüfung, die Begegnung mit dem Anderen als Schule der Wahrnehmung und die Suche nach Gerechtigkeit im Spannungsfeld lokaler Sitten und persönlicher Überzeugungen. Wiederkehrend sind Vorstellungen von Gastfreundschaft, Ehre und Verantwortung, die in kulturell unterschiedlichen Kontexten ausgelegt und geprüft werden. Die Romane entwerfen so ein Panorama von Kontakten, Missverständnissen und Verständigungen, in dem Vertrauen erworben, Respekt verhandelt und moralische Maßstäbe eingeübt werden. Der Weg wird dabei ebenso zum Schauplatz des Lernens wie zum Auslöser erzählerischer Bewegung. Dies stiftet thematische Kohärenz über die einzelnen Schauplätze hinaus.
Die Schauplätze reichen, den Titeln entsprechend, von Wüsten- und Oasenräumen über Berg- und Steppenregionen bis zu Städten, die als Knotenpunkte von Handel und Begegnung erscheinen. Die Route schließt nordafrikanische und vorderasiatische Landschaften ebenso ein wie Stationen zwischen Bagdad und Stambul sowie Übergänge in den Balkan. Topografie, Klima und Wegeführung strukturieren die Erzählzeit und prägen die Dramaturgie einzelner Kapitel. Der Erzähler beschreibt, wie das Terrain Orientierung und Tempo vorgibt, wie Karawanenwege, Pässe und Flussläufe Bewegung kanalisieren und wie aus geografischen Bedingungen Situationen erwachsen, in denen Charaktere, Bündnisse und Entscheidungen Kontur gewinnen. So wird Landschaft zum Mitspieler des Geschehens.
Getragen wird der Zyklus von einer Ich-Stimme, die als erfahrener Reisender auftritt und unter dem Namen Kara Ben Nemsi bekannt ist. Sie ist Beobachter, Verhandler und Handelnder zugleich und bindet disparate Episoden zu einer fortlaufenden Perspektive. Die Figur bewegt sich zwischen Sprachen und Sitten, bemüht sich um Verständigung und setzt zugleich Maßstäbe, an denen sich Handlungen messen lassen. Wiederkehrende Begleiter aus den bereisten Regionen stiften Vertrautheit, rhythmisieren Dialoge und bringen Humor, Temperament und lokale Kenntnisse ein, ohne die die Reise nicht dieselbe wäre. So entsteht Nähe, ohne den Respekt vor Differenzen aufzugeben. Die Erzählhaltung bleibt dabei persönlich, aber kontrolliert.
Karl May gestaltet eine erzählerische Nähe, die aus direkter Ansprache, detailreicher Beobachtung und dialogischen Szenen erwächst. Spannungsmomente werden sorgfältig vorbereitet, doch die Darstellung wahrt Übersicht, indem Handlungsstränge klar geführt und Wegstationen deutlich markiert werden. Bildkräftige Vergleiche, Rhythmuswechsel zwischen geruhsamen Beschreibungen und raschen Sequenzen sowie eine pointierte Figurenrede prägen den Stil. Die Prosa zielt auf Anschaulichkeit und Eingängigkeit, ohne den Fluss langfristig zu unterbrechen. So verbindet sich der Reiz des Abenteuers mit dem ruhigen Takt einer Reisechronik, die Leserinnen und Leser mitnimmt, statt sie durch abrupte Sprünge oder hermetische Anspielungen aus dem Gang zu werfen. Das Ergebnis ist ein kontinuierlicher Ton, der Vertrauen stiftet.
Die Texte verbinden Beobachtungen, gelesene Kenntnisse und dichterische Erfindung zu einer Welt, die realhistorische Anklänge mit literarischer Freiheit vereint. Dieser Zugriff ist dem Zeithorizont des 19. Jahrhunderts verpflichtet und spiegelt entsprechende Vorstellungen und Begriffe, die heute mit größerer Sensibilität gelesen werden. Zugleich ist spürbar, dass das Erzählen auf Verständigung zielt und die Würde von Menschen in den Vordergrund rückt, unabhängig von Herkunft oder Glauben. Die Spannung zwischen dokumentarischem Anspruch und Fiktion bleibt produktiv: Sie ermöglicht eine lebhafte Anschaulichkeit, ohne die poetische Autonomie der Romane preiszugeben, und fordert zur kritischen Lektüre auf. Gerade darin liegt ein Teil ihrer nachhaltigen Wirkung.
Der Orientzyklus zählt zu den wirkungsmächtigen Werken der deutschsprachigen Unterhaltungsliteratur und hat über Generationen Leserinnen und Leser geprägt. Er hat Neugier auf ferne Räume geweckt, Reisen im Kopf ermöglicht und ein Bild des Abenteuers entworfen, das bis heute nachwirkt. Seine Figuren und Schauplätze sind zu kulturellen Bezugspunkten geworden, an denen sich Debatten über Fremdheit, Nähe und erzählerische Verantwortung entzünden. Dass die Romane weiterhin gelesen werden, verdankt sich ihrer Mischung aus Spannung, Anschaulichkeit und moralischer Orientierung. Sie öffnen einen historischen Leseraum, in dem sich Unterhaltung und Nachdenken nicht ausschließen, sondern gegenseitig befördern. Darin liegt ihre fortdauernde Relevanz.
Ein prägendes Merkmal ist die ethische Rahmung des Erzählens. Der Ich-Erzähler argumentiert, erklärt und wägt ab; er reklamiert Maß und Mitte, wo Vorurteile oder Gewalt drohen, das Gespräch zu ersetzen. Diese didaktische Dimension tritt nicht als Lehrstück auf, sondern erscheint eingebettet in Handlung und Dialog. So entsteht ein Kompass, der Orientierung gibt, ohne die offene Bewegung des Reisens zu ersticken. Das Wertekonzept vertraut auf Menschlichkeit, Verlässlichkeit und gegenseitigen Respekt. Es lädt dazu ein, Begegnungen nicht nach starren Mustern zu beurteilen, sondern als Gelegenheit zur Prüfung eigener Maßstäbe zu begreifen. Dies trägt zur inneren Geschlossenheit des Zyklus bei.
Obwohl jeder Band für sich lesbar ist, entfaltet sich die Eigenart des Orientzyklus erst im Zusammenklang. Motive, Orte und Bekanntschaften kehren wieder, weisen voraus und zurück und erzeugen eine leise, aber wirkungsvolle Serialität. Die einzelnen Romane schieben die Weglinie weiter, vertiefen Bekanntes und öffnen neue Räume, ohne die Orientierung zu verlieren. Wer der vorgesehenen Reihenfolge folgt, erlebt eine organische Steigerung von Erfahrungen und Prüfungen, deren logische Abfolge sich aus der Reisestruktur ergibt. Die vorliegende Sammlung bewahrt diese Ordnung und macht die innere Statik des Gesamtwerks transparent, ohne Inhalte vorwegzunehmen. Damit bleibt die Spannung der Ausgangslagen unberührt.
Ziel dieser Ausgabe ist es, Karl Mays Orientzyklus in seiner ganzen Spannweite verlässlich zugänglich zu machen und eine Lektüre zu ermöglichen, die Kontinuitäten und Nuancen gleichermaßen erfasst. Sie richtet sich an neue Leserinnen und Leser ebenso wie an Kenner, die den Zusammenhang erneut erkunden möchten. Wer eintritt, findet vollständige Romane, klar geordnet, in denen das Abenteuer nicht Selbstzweck ist, sondern Medium der Verständigung. Ohne über die Ausgangslagen hinauszugreifen, möchte diese Einleitung Orientierung geben und Türen öffnen. Alles Weitere überlassen wir den Büchern, deren Weg und Stimme im Folgenden für sich sprechen. Möge die Reise beginnen.
Karl May (1842–1912) gilt als einer der meistgelesenen deutschsprachigen Erzähler des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Mit spannungsreichen Reiseabenteuern prägte er generationsübergreifend Vorstellungen von fernen Räumen, insbesondere vom Osmanischen Orient und den Balkanregionen. Seine Erzählkunst verbindet Handlung, anschauliche Szenerie und moralische Setzungen in eingängiger, rhythmischer Prosa. Maßgeblich für seinen Ruhm wurden die orientalischen Reisezyklen, die später in Buchform als zusammenhängende Folgen erschienen, darunter Durch die Wüste, Durchs wilde Kurdistan, Von Bagdad nach Stambul, In den Schluchten des Balkan, Durch das Land der Skipetaren und Der Schut. Diese Werke stehen beispielhaft für Mays literarische Signatur.
Aufgewachsen in Sachsen, erhielt May eine Lehrerausbildung und sammelte frühe Berufserfahrungen im Bildungswesen, bevor er sich zunehmend dem Schreiben zuwandte. Seine autodidaktische Arbeitsweise basierte auf intensiver Lektüre von Reiseberichten, Atlanten, Lexika und zeitgenössischen Zeitungen. Daraus formte er Stoffe, die Wissensbestände der Epoche mit erzählerischer Suggestion verbanden. Literarische Impulse des 19. Jahrhunderts, etwa die Popularität belehrender Unterhaltungsliteratur, wirkten als Nährboden. Zugleich orientierte er sich an erzählerischen Traditionen der Abenteuer- und Reiseerzählung, die dramatische Zuspitzung, moralische Prüfungen und dramaturgisch geführte Topografien bevorzugten. Diese Einflüsse rahmen methodisch die Entstehung seiner orientalischen Romane und erklären deren Mischung aus Belehrung, Empathie und Spannungsaufbau.
Beruflich profilierte sich May zunächst als Lieferant von Feuilletons und Fortsetzungsgeschichten, bevor er längere Zyklen mit einheitlicher Erzählerstimme entwickelte. Zentral wurde die Figur des Ich-Erzählers Kara Ben Nemsi, begleitet vom witzigen und loyalen Hadschi Halef Omar. Mit dieser Konstellation schuf er eine perspektivische Nähe zum Geschehen, die Abenteuer, Beobachtung und moralische Selbstprüfung verbindet. Die später in Buchform gebündelten Orienterzählungen markierten einen publizistischen Durchbruch und erweiterten seine Reichweite erheblich. Leserinnen und Leser schätzten die Mischung aus exotischer Schau, anschaulicher Alltagsbeschreibung und wiederkehrenden Charakteren, die Vertrautheit stiften und zugleich den Spannungsbogen tragen.
Durch die Wüste eröffnete den Orientzyklus mit einer langen Reise vom nordafrikanischen Raum Richtung Vorderasien; die Erzählung etabliert Grundmotive wie Kameradschaft, Selbstbeherrschung und interkulturelle Verständigung. Durchs wilde Kurdistan vertieft diese Anlage, indem es das Terrain zwischen Mesopotamien und anatolischen Randgebieten durchquert und Konflikte als Prüfsteine persönlicher Haltung inszeniert. Beide Bände zeigen Mays ausgeprägten Sinn für episodisch gegliederte Abenteuer, sprachliche Wiedererkennungseffekte und situativen Humor. Gleichzeitig lässt die detailreiche Topografie erkennen, wie sorgfältig der Autor zeitgenössische Quellen verarbeitet, um eine glaubwürdige Bühne für moralisch geerdete Entscheidungen zu schaffen, ohne den Fortgang der Handlung zu überfrachten.
Von Bagdad nach Stambul verknüpft städtische Räume und Verkehrswege des osmanischen Reichs mit politischen und kriminellen Verwicklungen, die den Radius der Reise erweitern, ohne ins Sensationshafte abzugleiten. In den Schluchten des Balkan verlagert den Schwerpunkt nach Südosteuropa und nutzt bergige Landschaften als Bühne für Täuschung, Bewährung und taktische Bewegungen. Beide Bücher entwickeln den erzählerischen Atem des Zyklus weiter: Handlung und Geografie sind eng verzahnt, Dialoge strukturieren Erkenntnisprozesse, und die Figuren gewinnen Kontur durch wiederkehrende Entscheidungen. Die so entstehende Kohärenz macht den Übergang zwischen den Bänden fließend und stärkt die Erwartungshaltung der Leserschaft.
Durch das Land der Skipetaren führt in albanische Regionen, deren topografische und soziale Eigenheiten May mit markanten, wiederkehrenden Schauplätzen und Gruppenstrukturen modelliert. Der Schut kulminiert den Zyklus in der Auseinandersetzung mit einem weitverzweigten Verbrecherwesen, das als Prüfstein für Loyalität, Rechtsverständnis und Zivilcourage fungiert. Ohne die Auflösungen vorwegzunehmen, lässt sich festhalten: Beide Bände verdichten Motive von Recht und Unrecht, Täuschung und Enttarnung, Reise und Heimkehr zu einer geschlossenen Erzählbewegung. Sprachliche Rituale, humorvolle Brechungen und sorgfältiges Timing der Enthüllungen zeigen Mays erzählerische Ökonomie und die Fähigkeit, übergreifende Themen in spannungsreicher Folge zu bündeln.
In seinen späteren Jahren standen öffentliche Debatten über das Verhältnis von Dichtung und Wahrheit neben anhaltendem Publikumserfolg. May formulierte zunehmend universalistische, auf Humanität und Versöhnung zielende Botschaften und unternahm auch Reisen, die sein Interesse an Kulturbegegnungen bekräftigten. 1912 endete sein Leben, doch seine Wirkung reicht weit ins 20. und 21. Jahrhundert. Neuauflagen und Übersetzungen halten die Texte präsent, während Forschung und Leserschaft die Darstellungsweisen des Orients und des Balkans kritisch kontextualisieren. Der Orientzyklus mit Durch die Wüste bis Der Schut bleibt ein Kern seines Œuvres: zugänglich, wirkungsmächtig und weiterhin Gegenstand literarischer wie kulturhistorischer Diskussion.
Karl May (1842–1912) schrieb den sogenannten Orientzyklus in den 1880er und frühen 1890er Jahren; die sechs Romane erschienen gesammelt ab 1892 bei Fehsenfeld. Sie spielen überwiegend in Regionen des späten Osmanischen Reiches, vom Nildelta über Mesopotamien und Anatolien bis in den Balkan. Die Erzählzeit ist an die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts gebunden, eine Phase beschleunigter Transformation zwischen Reform, Zerfall und imperialer Konkurrenz. Als Ich-Erzähler fungiert Kara Ben Nemsi, begleitet von Hadschi Halef Omar; die titelgebenden Stationen – von Durch die Wüste bis Der Schut – rahmen Begegnungen mit Verwaltung, Religionen und lokalen Machtverhältnissen, die zeitgenössische Leserinnen und Leser als aktuell erkannten.
Die Entstehung des Zyklus fällt in eine Blüte der deutschsprachigen Familien- und Unterhaltungszeitschriften. Viele Episoden wurden zunächst im „Deutschen Hausschatz in Wort und Bild“ vorabgedruckt, einem katholischen Magazin, das moralisch akzeptable, zugleich spannungsgeladene Reiseerzählungen suchte. Die Buchausgabe 1892 machte die Texte einem breiteren bürgerlichen Publikum zugänglich und ordnete sie als zusammenhängende Folge. Die Reichsgründung von 1871, steigende Alphabetisierung und verbilligtes Papier beförderten einen Massenmarkt für Fortsetzungsprosa. Damit rückten entfernte Weltregionen in den Lesesessel der Gründerzeit; der Orient erschien als zugleich erreichbar und fremd, ein Erzählraum, in dem politische Nachrichten, Missionsberichte und Abenteuerliteratur ineinandergriffen.
Der historische Hintergrund ist vom Reformkurs des Osmanischen Reiches geprägt. Seit den Tanzimat-Erlassen (1839–1876) modernisierte die Regierung Verwaltung, Rechtsprechung und Armee, führte neue Steuer- und Militärsysteme ein und versprach Untertanen ungeachtet ihrer Religion eine gewisse Rechtsgleichheit. Die Reformen trafen auf starke regionale Unterschiede und lokale Autonomie. Nach 1876 bestimmte Sultan Abdülhamid II. mit stärkerer Zentralisierung, Spionage- und Zensurapparat sowie einer ausgebauten Telegraphie das politische Klima. Diese Konstellation, teils modern, teils traditionell, formt in Mays Schauplätzen den Hintergrund, vor dem Karawanen, Grenzposten, Provinzbeamte und Stammesführer miteinander ringen und Reisende zwischen Ordnungsmacht und lokaler Gewohnheit navigieren.
Die „Orientalische Frage“ des 19. Jahrhunderts – das Ringen europäischer Großmächte um Einfluss im osmanischen Raum – strukturierte die Wahrnehmung der Region. Der Russisch-Osmanische Krieg von 1877/78 und der Berliner Kongress 1878 veränderten Grenzen, schufen autonome Gebiete und stärkten neue Staaten. Österreich-Ungarn besetzte Bosnien und Herzegowina, Bulgarien erhielt Autonomie, Serbien und Rumänien erweiterten ihre Souveränität. Gleichzeitig blieben bedeutende muslimische, orthodoxe und katholische Bevölkerungen unter osmanischer Herrschaft. Diese Gemengelage aus Diplomatie, Protektion und Konkurrenz prägte Handelswege, Sicherheit und Rechtsprechung – jene Faktoren, die in den Romanen als Reiserisiken, Konsularkontakte und politische Spannungen präsent sind.
Der südosteuropäische Teil des Zyklus spiegelt die nationalen Bewegungen und die fragmentierte Herrschaft im späten 19. Jahrhundert. In den Balkangebirgen existierten neben regulären Behörden Formen lokaler Selbstorganisation, einschließlich traditioneller Ehr- und Schutzsysteme. Räuberbanden und bewaffnete Gefolgschaften – in zeitgenössischer Wahrnehmung zwischen Widerstand, Opportunismus und Kriminalität oszillierend – gehörten zur Realität dünn kontrollierter Grenzräume. Die albanische Nationalbewegung formierte sich spätestens mit der Liga von Prizren 1878, während orthodoxe, katholische und muslimische Gemeinschaften in komplexen Nachbarschaften lebten. Vor diesem Hintergrund thematisieren die Balkanromane Wege der Konfliktregulierung, Vermittlung und die Spannung zwischen imperialem Recht und Gewohnheitsrecht.
Die Kurdengebiete in Ostanatolien und im Nordwesten Persiens waren im 19. Jahrhundert von Stammeskonföderationen, Wanderweidewirtschaft und wechselnden Loyalitäten geprägt. Das Osmanische Reich und Persien versuchten, die Grenzregion durch neue Verwaltungseinheiten, Steuererhebungen und militärische Präsenz stärker zu kontrollieren. Aufstände, darunter derjenige des Scheichs Ubeydullah in den Jahren 1880/81, zeigten die Grenzen dieser Zentralisierung. Europäische Reisende berichteten zugleich von Gastfreundschaft, komplizierten Allianzen und der Rolle religiöser Autoritäten. In dieser politisch sensiblen Landschaft verortet May Etappen seiner Reiseerzählung, wobei Grenzübertritte, Verhandlungen mit Stammesführern und das Nebeneinander von Staatsbeamten und lokalen Mächten wiederkehrende Konstellationen bilden.
Nordostafrika bildet in der Eröffnung des Zyklus einen zentralen Horizont. Ägypten stand seit der Ära Ismails (1863–1879) unter starkem Modernisierungs- und Verschuldungsdruck; nach der 'Urabi-Bewegung 1881/82 etablierten die Briten eine dauerhafte Kontrolle. Im Sudan formierte sich ab 1881 die Mahdistenbewegung, die in den 1880er Jahren ein eigenes Staatswesen aufbaute und bis Ende der 1890er Jahre bestand. Parallel intensivierten europäische Mächte Anti-Sklaverei-Politiken, während Karawanenhandel und Grenzschutz weiterhin den Alltag bestimmten. Diese Konfliktlinien – koloniale Einflussnahmen, religiös-politische Erneuerungsbewegungen und Wüstenlogistik – bilden einen Resonanzraum für Motive von Gefahr, Rettung und Aushandlung in den frühen Romanabschnitten.
Städte wie Bagdad, Damaskus, Aleppo und Istanbul fungierten als Knotenpunkte von Handel, Verwaltung und kultureller Vielfalt. Das Millet-System regelte in osmanischer Zeit die kollektiven Rechte religiöser Gemeinschaften, insbesondere in Personenstandsfragen; zugleich drangen mit den Reformen staatliche Gerichte weiter vor. Europäische Konsulate und Handelsniederlassungen prägten die Stadtlandschaften ebenso wie Karawansereien, Basare und neue Verwaltungsgebäude. Solche Orte erlaubten Begegnungen zwischen Sprachen, Konfessionen und sozialen Klassen. Sie boten dem Reiseerzähler Gründe für Archive, Märkte, Hospitäler und Behördenwege, die im ausgehenden 19. Jahrhundert reale Schnittstellen zwischen lokaler Praxis, kaiserlicher Ordnung und auswärtiger Einflussnahme darstellten.
Technologische Innovationen veränderten Mobilität und Kommunikation. Der Suezkanal eröffnete 1869 eine neue Weltverkehrsachse. Das osmanische Telegraphennetz wuchs seit den 1850er Jahren und verband Provinzen mit der Zentrale. In den 1870er Jahren entstanden Eisenbahnlinien auf dem Balkan; 1883 nahm der Orient-Express den Betrieb zwischen Westeuropa und Konstantinopel auf. Dampfschiffe befahren seit dem 19. Jahrhundert größere Flüsse und Küstenlinien des Vorderen Orients. Diese Entwicklungen erleichterten Reisen, verkürzten Nachrichtenwege und schufen zugleich neue Grenzregime. Mays Schauplätze spiegeln diese Übergangszeit, in der Karawanen, Postreiterei und Dampftechnik nebeneinander existierten und Sicherheitslagen regional sehr unterschiedlich blieben.
Reisen im Osmanischen Reich unterlagen einem Geflecht aus Pässen, Bewilligungen und örtlichen Absprachen. Die Kapitulationen gewährten Angehörigen europäischer Staaten seit der Frühen Neuzeit konsularischen Schutz und oft eigene Gerichtsbarkeit. Im 19. Jahrhundert wurden Nizamiye-Gerichte aufgebaut, während in entlegenen Regionen weiterhin Gewohnheitsrecht, Stammesverträge und Mediationsformen wirkten. Diese Konstellation prägte die Möglichkeiten, Konflikte beizulegen, Güter zu sichern oder Straffälle zu verfolgen. In den Romanen erscheinen Konsulate, Grenzposten und lokale Notablen als reale Vermittlungsinstanzen dieser Zeit; sie bieten Anknüpfungspunkte, um Rechtsräume, Autoritätsfragen und das Spannungsfeld zwischen Souveränität und Auswärtigenprivilegien erzählerisch erfahrbar zu machen.
Die Wissensgrundlage europäischer Orientdarstellungen speiste sich aus Reiseberichten, Kartenwerken, Missions- und Forschungsberichten sowie journalistischen Korrespondenzen. Karl May verfasste die frühen Orienterzählungen, bevor er selbst gegen Ende der 1890er Jahre in den Nahen Osten reiste. Er griff auf gedruckte Quellen, Nachschlagewerke und zeitgenössische Presse zu. Die Erstpublikation in einem katholischen Familienblatt begünstigte eine didaktische Tonlage, die Tugend, Mäßigung und zivilisatorische Selbstbeherrschung akzentuierte. Diese Konstellation erklärt die Mischung aus vermeintlich sachkundiger Ortskunde, moralischer Rahmung und dramaturgischer Verdichtung, die den Zyklus auszeichnet und ihn anschlussfähig für ein breites Lesepublikum der Epoche machte.
Die Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und dem Osmanischen Reich intensivierten sich seit den 1880er Jahren. Militärberater aus Deutschland wirkten an Ausbildungs- und Reformprojekten mit. Um 1900 wuchs das öffentliche Interesse an Projekten wie der Bagdadbahn, die als Symbol einer engeren Verbindung zwischen Mitteleuropa und Mesopotamien diskutiert wurde. Der Besuch Kaiser Wilhelms II. 1898 in Konstantinopel und im Heiligen Land erhielt große mediale Aufmerksamkeit. Diese politischen und kulturellen Kontakte beeinflussten die Lesart des Orientzyklus im Kaiserreich: Er wurde häufig als spannungsreiche, zugleich wohlwollende Darstellung eines Partners gesehen, mit dem wirtschaftliche und diplomatische Hoffnungen verknüpft waren.
Der Zyklus ist in Diskurse über Religion, Wissenschaft und Zivilisation eingebettet, wie sie das 19. Jahrhundert prägten. Europäische Philologie, Bibel- und Islamforschung sowie die archäologische Erschließung Vorderasiens – institutionalisiert etwa durch die 1898 gegründete Deutsche Orient-Gesellschaft – steigerten das Wissen über Sprachen und Antiken. Gleichzeitig transportierten populäre Texte Schemata von Sitte, Ehre und „Kulturstufen“, die heute als orientalisierend kritisiert werden. Mays Erzählhaltung, die wiederholt Verständigung zwischen Konfessionen betont, bewegt sich innerhalb dieser Spannbreite: Sie vermittelt grundlegende Fakten zu Riten und Alltagspraktiken, reproduziert aber auch zeittypische Vereinfachungen und Hierarchisierungen.
Im späten 19. Jahrhundert standen staatliche Gewaltmonopole in vielen Randzonen des Osmanischen Reiches auf unsicheren Füßen. Räuberwesen, Schutzgelder, Karawanenüberfälle und lokale Fehden sind aus Verwaltungsakten und Reiseberichten dokumentiert. Gleichzeitig existierten etablierte Mechanismen der Vermittlung: Bürgschaften, Schiedsverfahren, Blutsühneabkommen und Gastfreundschaftregelungen. Diese Realität liefert dem Zyklus wiederkehrende Motive, ohne in einzelnen Fällen historische Personen zu benennen. Sie erlaubt, Konfliktbewältigung als Mischung aus juristischen, religiösen und sozialen Praktiken zu zeigen. In diesem Feld kann der Reisende als Mittler auftreten, der Schriftstücke, Beziehungen und symbolische Gesten nutzt, um Sicherheit zu erhöhen oder Gewalt zu begrenzen.
Die Gattung der Reiseerzählung verband Informationslust mit serieller Spannung. Fortsetzungskapitel erzeugten Cliffhanger, Exkurse erklärten Geographie, Völkerkunde und Brauchtum. Diese Hybridform entsprach dem Medienmix der Zeit: Zeitungen verbreiteten Telegramme aus Konstantinopel, Zeitschriften publizierten Illustrationen, Vortragsabende popularisierten „Fremde Welten“. Mays Texte nutzen diesen Rahmen, um topographische und administrative Details einzuweben und damit Plausibilität zu erzeugen. Gleichzeitig stilisieren sie höfliche Umgangsformen, Sprachkenntnis und Selbstbeherrschung als Schlüsselqualifikationen erfolgreicher Mobilität. So spiegelt der Zyklus eine bürgerliche Ideologie der kontrollierten Bewegung, die den technischen Fortschritt begrüßt, aber persönliche Tugenden als eigentliche Sicherheitsressource ausstellt.
Der Orientzyklus fand im deutschsprachigen Raum rasch ein großes Publikum, wurde vielfach neu aufgelegt und prägte Vorstellungen vom Osmanischen Reich bis in das 20. Jahrhundert. In der Bundesrepublik griff das Unterhaltungskino der 1960er Jahre mehrere Vorlagen auf; unter anderem wurden Der Schut, Durchs wilde Kurdistan und Von Bagdad nach Stambul verfilmt. Spätere Ausgaben ergänzten Karten und Sachanhänge, während wissenschaftliche Editionen Quellenlage und Varianten dokumentierten. In der Lesegeschichte schwankte die Einordnung zwischen Abenteuer- und Jugendliteratur und „Reiseerzählung für Erwachsene“. Diese Rezeption zeigt, wie flexibel der Zyklus an wechselnde Medien, Generationen und Erwartungshorizonte anschlussfähig blieb.
Insgesamt kommentiert die Sammlung eine Ära tiefgreifender Umbrüche: Reform und Restauration im Osmanischen Reich, Nationalbewegungen, Imperiumspolitik und globale Vernetzung. Sie deutet Mobilität als zivilisatorische Probe und macht Aushandlung zwischen Recht, Religion und Gewohnheit erzählbar. Nach 1945 und besonders seit den Debatten um Orientalismus ab den späten 1970er Jahren wurden die Texte auch als Zeugnisse europäischer Blickordnungen gelesen. Leserinnen und Leser sehen heute sowohl die erzählerische Empathie für Individuen als auch stereotype Muster. Damit bleibt der Orientzyklus ein historisch markiertes, zugleich produktiv irritierendes Archiv darüber, wie das 19. Jahrhundert den „Orient“ dachte, ordnete und emotionalisierte.
Kara Ben Nemsi beginnt seine Reise in den Wüsten Nordafrikas und Vorderasiens und findet in Hadschi Halef Omar einen gewitzten Begleiter. In Begegnungen mit Beduinen, Karawanen und lokalen Autoritäten erprobt er Verhandlungsgeschick, Mut und Beobachtungsgabe. Der Ton mischt Expeditionserlebnis, humorvolle Reibereien und moralische Bewährungsproben.
Kara Ben Nemsi und Halef ziehen von den kurdischen Gebieten und Mesopotamien bis in osmanische Städte und Grenzräume. Intrigen, Stammesfehden und wechselnde Allianzen verlangen Tarnung, Sprachwitz und schnelle Improvisation. Der Fokus liegt auf spannungsreichen Ortswechseln und dem Ausloten von Ehrenkodex, Gastrecht und Autorität.
Die Reise verlagert sich in die Berg- und Schluchtenlandschaften des Balkans, wo undurchsichtige Netzwerke von Räubern, Schmugglern und Clans den Weg bestimmen. Aus verstreuten Spuren entsteht die Verfolgung einer größeren Bedrohung, die die Helden mit neuen Verbündeten und alten Rivalitäten konfrontiert. Der Ton wird rauer und dichter, mit verstärktem Augenmerk auf Verfolgungen, Fallen und das Aushandeln von Loyalitäten.
Im Abschlussband führen die gesammelten Fäden zu einem direkten Duell mit dem Drahtzieher hinter den zurückliegenden Gefahren. In schwierigem Terrain und unter wechselnden Maskeraden entscheidet sich die Auseinandersetzung weniger durch Gewalt als durch List, Standhaftigkeit und das Gewinnen lokaler Unterstützung. Die Spannung kulminiert in einer Folge von riskanten Manövern, die den moralischen Kern der Reise betonen.
Der Zyklus verbindet Reiseabenteuer mit kulturkundlichen Beobachtungen und einem Ich-Erzähler, der Konflikte bevorzugt durch Diplomatie, Sprachenkenntnis und Selbstbeherrschung löst. Humorvolle Dialoge, besonders mit Halef, kontrastieren mit Gefahren, Geiselnahmen und Verfolgungen. Zentral sind Ehre, Gastfreundschaft, Gesetz und die Frage nach gerechtfertigter Gewalt.
Strukturell wechseln episodische Etappen mit einer sich verengenden Hauptspur, die von der Orientierung in fremden Räumen zur Jagd auf einen klar umrissenen Gegenspieler führt. Typisch sind starke Ortswechsel, Cliffhanger und der Gebrauch von Verkleidungen, Täuschungen und moralischen Prüfungen. Der Ton bleibt abenteuerlich und didaktisch, mit wiederkehrenden Motiven von Loyalität, Respekt und interkultureller Verständigung.
Inhaltsverzeichnis
»Und ist es wirklich wahr, Sihdi, daß Du ein Giaur bleiben willst, ein Ungläubiger, welcher verächtlicher ist als ein Hund, widerlicher als eine Ratte, die nur Verfaultes frißt?«
»Ja.«
»Effendi, ich hasse die Ungläubigen und gönne es ihnen, daß sie nach ihrem Tode in die Dschehenna kommen, wo der Teufel wohnt; aber Dich möchte ich retten vor dem ewigen Verderben, welches Dich ereilen wird, wenn Du Dich nicht zum Ikrar bil Lisan, zum heiligen Zeugnisse, bekennst. Du bist so gut, so ganz anders als andere Sihdis, denen ich gedient habe, und darum werde ich Dich bekehren, Du magst wollen oder nicht.«
So sprach Halef, mein Diener und Wegweiser, mit dem ich in den Schluchten und Klüften des Dschebel Aures herum gekrochen und dann nach dem Dra el Haua heruntergestiegen war, um über den Dschebel Tarfaui nach Seddada, Kris und Dgasche zu kommen, von welchen Orten aus ein Weg über den berüchtigten Schott Dscherid nach Fetnassa und Kbilli führt.
Halef war ein eigentümliches Kerlchen. Er war so klein, daß er mir kaum bis unter die Arme reichte, und dabei so hager und dünn, daß man hätte behaupten mögen, er habe ein volles Jahrzehnt zwischen den Löschpapierblättern eines Herbariums in fortwährender Pressung gelegen. Dabei verschwand sein Gesichtchen vollständig unter einem Turban, der drei volle Fuß im Durchmesser hatte, und sein einst weiß gewesener Burnus, welcher jetzt in allen möglichen Fett-und Schmutznuancen schimmerte, war jedenfalls für einen weit größeren Mann gefertigt worden, so daß er ihn, sobald er vom Pferde gestiegen war und nun gehen wollte, empornehmen mußte, wie das Reitkleid einer Dame. Aber trotz dieser äußeren Unansehnlichkeit mußte man allen Respekt vor ihm haben. Er besaß einen ungemeinen Scharfsinn, viel Mut und Gewandteit und eine Ausdauer, welche ihn die größten Beschwerden überwinden ließ. Und da er auch außerdem alle Dialekte sprach, welche zwischen dem Wohnsitze der Uëlad Bu Seba und den Nilmündungen erklingen, so kann man sich denken, daß er meine vollste Zufriedenheit besaß, so daß ich ihn mehr als Freund denn als Diener behandelte.
Eine Eigenschaft besaß er nun allerdings, welche mir zuweilen recht unbequem werden konnte: er war ein fanatischer Muselmann und hatte aus Liebe zu mir den Entschluß gefaßt, mich zum Islam zu bekehren. Eben jetzt hatte er wieder einen seiner fruchtlosen Versuche unternommen, und ich hätte lachen können, so komisch sah er dabei aus.
Ich ritt einen kleinen, halb wilden Berberhengst, und meine Füße schleiften dabei fast am Boden; er aber hatte sich, um seine Figur zu unterstützen, eine alte, dürre, aber himmelhohe Hassi-Ferdschahn-Stute ausgewählt und saß also so hoch, daß er zu mir herniederblicken konnte. Während der Unterhaltung war er äußerst lebhaft; er wedelte mit den bügellosen Beinen, gestikulirte mit den dünnen, braunen Ärmchen und versuchte, seinen Worten durch ein so lebhaftes Mienenspiel Nachdruck zu geben, daß ich alle Mühe hatte, ernst zu bleiben.
Als ich auf seine letzten Worte nicht antwortete, fuhr er fort:
»Weißt Du, Sihdi, wie es den Giaurs nach ihrem Tode ergehen wird?«
»Nun?«
»Nach dem Tode kommen alle Menschen, sie mögen Moslemim, Christen, Juden oder etwas Anderes sein, in den Barzakh.«
»Das ist der Zustand zwischen dem Tode und der Auferstehung?«
»Ja, Sihdi. Aus ihm werden sie alle mit dem Schall der Posaunen erweckt, denn el Jaum el akbar, der jüngste Tag, und el Akhiret, das Ende, sind gekommen, wo dann alles zu Grunde geht, außer el Kuhrs, der Sessel Gottes, el Ruhh, der heilige Geist, el Lauhel mafus und el Kalam, die Tafel und die Feder der göttlichen Vorherbestimmung.«
»Weiter wird nichts mehr bestehen?«
»Nein.«
»Aber das Paradies und die Hölle?«
»Sihdi, Du bist klug und weise; Du merkst gleich, was ich vergessen habe, und daher ist es Jammerschade, daß Du ein verfluchter Giaur bleiben willst. Aber ich schwöre es bei meinem Barte, daß ich Dich bekehren werde, Du magst wollen oder nicht!«
Bei diesen Worten zog er seine Stirn in sechs drohende Falten, zupfte sich an den sieben Fasern seines Kinnes, zerrte an den acht Spinnenfäden rechts und an den neun Partikeln links von seiner Nase, Summa Summarum Bart genannt, schlenkerte die Beine unternehmend in die Höhe und fuhr mit der freien anderen Hand der Stute so kräftig in die Mähne, als sei sie der Teufel, dem ich entrissen werden sollte.
Das so grausam aus seinem Nachdenken gestörte Tier machte einen Versuch, vorn emporzusteigen, besann sich aber sofort auf die Ehrwürdigkeit seines Alters und ließ sich in seinen Gleichmut stolz zurückfallen. Halef aber setzte seine Rede fort:
»Ja, Dschennet, das Paradies, und Dschehenna, die Hölle, müssen auch mit bleiben, denn wohin sollten die Seligen und die Verdammten sonst kommen? Vorher aber müssen die Auferstandenen über die Brücke Ssirat, welche über den Teich Handh führt und so schmal und scharf ist, wie die Schneide eines gut geschliffenen Schwertes.«
»Du hast noch Eins vergessen.«
»Was?«
»Das Erscheinen des Deddschel.«
»Wahrhaftig! Sihdi, Du kennst den Kuran und alle heiligen Bücher und willst Dich nicht zur wahren Lehre bekehren! Aber trage nur keine Sorge; ich werde einen gläubigen Moslem aus Dir machen! Also vor dem Gerichte wird sich der Deddschel zeigen, den die Giaurs den Antichrist nennen, nicht wahr, Effendi?«
»Ja.«
»Dann wird über jeden das Buch Kitab aufgeschlagen, in welchem seine guten und bösen Taten verzeichnet stehen, und die Hisab gehalten, die Musterung seiner Handlungen, welche über fünfzig tausend Jahre währt, eine Zeit, welche den Guten wie ein Augenblick vergehen, den Bösen aber wie eine Ewigkeit erscheinen wird. Das ist das Hukm, das Abwiegen aller menschlichen Taten.«
»Und nachher?«
»Nachher folgt das Urteil. Diejenigen mit überwiegenden guten Werken kommen in das Paradies, die ungläubigen Sünder aber in die Hölle, während die sündigen Moslemim nur auf kurze Zeit bestraft werden. Du siehst also, Sihdi, was Deiner wartet, selbst wenn Du mehr gute als böse Taten verrichtest. Aber Du sollst gerettet werden, Du sollst mit mir in das Dschennet, in das Paradies, kommen, denn ich werde Dich bekehren, Du magst wollen oder nicht[1q]!«
Und wieder strampelte er bei dieser Versicherung so energisch mit den Beinen, daß die alte Hassi-Ferdschahn-Stute ganz verwundert die Ohren spitzte und mit den großen Augen nach ihm zu schielen versuchte.
»Und was harrt meiner in Eurer Hölle?« frug ich ihn.
»In der Dschehenna brennt das Nar, das ewige Feuer; dort fließen Bäche, welche so sehr stinken, daß der Verdammte trotz seines glühenden Durstes nicht aus ihnen trinken mag, und dort stehen fürchterliche Bäume, unter ihnen der schreckliche Baum Zakum, auf dessen Zweigen Teufelsköpfe wachsen.«
»Brrrrrrr!«
»Ja, Sihdi, es ist schauderhaft! Der Beherrscher der Dschehenna ist der Strafengel Tabek. Sie hat sieben Abteilungen, zu denen sieben Tore führen. Im Dschehennem, der ersten Abteilung, müssen die sündhaften Moslemim büßen so lange, bis sie gereinigt sind; Ladha, die zweite Abteilung, ist für die Christen, Hotama, die dritte Abteilung, für die Juden, Sair, die vierte, für die Sabier, Sakar, die fünfte, für die Magier und Feueranbeter, und Gehim, die sechste, für Alle, welche Götzen oder Fetische anbeten. Zaoviat aber, die siebente Abteilung, welche auch Derk Asfal genannt wird, ist die allertiefste und fürchterlichste; sie wird alle Heuchler aufnehmen. In allen diesen Abteilungen werden die Verdammten von bösen Geistern durch Feuerströme geschleppt, und dabei müssen sie vom Baume Zakum die Teufelsköpfe essen, welche dann ihre Eingeweide zerbeißen und zerfleischen. O, Effendi, bekehre Dich zum Propheten, damit Du nur kurze Zeit in der Dschehenna zu stecken brauchst!«
Ich schüttelte den Kopf und sagte:
»Dann komme ich in unsere Hölle, welche ebenso entsetzlich ist wie die Eurige.«
»Glaube dies nicht, Sihdi! Ich verspreche Dir beim Propheten und allen Chalifen, daß Du in das Paradies kommen wirst. Soll ich es Dir beschreiben?«
»Tue es!«
»Das Dschennet liegt über den sieben Himmeln und hat acht Tore. Zuerst kommst Du an den großen Brunnen Hawus Kewser, aus welchem hunderttausende Selige zugleich trinken können. Sein Wasser ist weißer als Milch, sein Geruch köstlicher als Moschus und Myrrha, und an seinem Rande stehen Millionen goldener Trinkschalen, welche mit Diamanten und Steinen besetzt sind. Dann kommst Du an Orte, wo die Seligen auf golddurchwirkten Kissen ruhen. Sie erhalten von unsterblichen Jünglingen und ewig jungen Houris köstliche Speisen und Getränke. Ihr Ohr wird ohne Aufhören von den Gesängen des Engels Israfil entzückt und von den Harmonien der Bäume, in denen Glocken hängen, welche ein vom Trone Gottes gesendeter Wind bewegt. Jeder Selige ist sechzig Ellen lang und immerfort grad dreißig Jahre alt. Unter allen Bäumen aber ragt hervor der Tubah, der Baum der Glückseligkeit, dessen Stamm im Palaste des großen Propheten steht und dessen Äste in die Wohnungen der Seligen reichen, wo an ihnen alles hängt, was zur Seligkeit erforderlich ist. Aus den Wurzeln des Baumes Tubah entspringen alle Flüsse des Paradieses, in denen Milch, Wein, Kaffee und Honig strömt.«
Trotz der Sinnlichkeit dieser Vorstellung mußte ich bemerken, daß Muhammed aus der christlichen Anschauung geschöpft und dieselbe für seine Nomadenhorden umgemodelt hat. Halef blickte mich jetzt mit einem Gesichte an, in welchem sehr deutlich die Erwartung zu lesen war, daß mich seine Beschreibung des Paradieses überwältigt haben werde.
»Nun, was meinst Du jetzt?« frug er, als ich schwieg.
»Ich will Dir aufrichtig sagen, daß ich nicht sechzig Ellen lang werden mag; auch mag ich von den Houris nichts wissen, denn ich bin ein Feind aller Frauen und Mädchen.«
»Warum?« frug er ganz erstaunt.
»Weil der Prophet sagt: ›Des Weibes Stimme ist wie der Gesang des Bülbül, aber ihre Zunge ist voll Gift wie die Zunge der Natter.‹ Hast Du das noch nicht gelesen?«
»Ich habe es gelesen.«
Er senkte den Kopf; ich hatte ihn mit den Worten seines eigenen Propheten geschlagen. Dann frug er mit etwas weniger Zuversichtlichkeit:
»Ist nicht trotzdem unsere Seligkeit schön? Du brauchst ja keine Houri anzusehen!«
»Ich bleibe ein Christ!«
»Aber es ist ja nicht schwer, zu sagen: La Illa illa Allah, we Muhammed Resul Allah!«
»Ist es schwerer, zu beten: Ja abana ‘Iledsi, fi ‘s – semavati, jata – haddeso ‘smoka?«
Er blickte mich zornig an.
»Ich weiß es wohl, daß Isa Ben Marryam, den Ihr Jesus nennt, Euch dieses Gebet gelehrt hat; Ihr nennt es das Vaterunser. Du willst mich stets zu Deinem Glauben bekehren, aber denke nur nicht daran, daß Du mich zu einem Abtrünnigen vom Tauhid, dem Glauben an Allah, machen wirst!«
Ich hatte schon mehrmals versucht, seinem Bekehrungsversuche den meinigen entgegen zu stellen. Zwar war ich von der Fruchtlosigkeit desselben vollständig überzeugt, aber es war das einzige Mittel, ihn zum Schweigen zu bringen. Das bewährte sich auch jetzt wieder.
»So laß mir meinen Glauben, wie ich Dir den Deinigen lasse!«
Er knurrte auf diese meine Worte etwas vor sich hin und brummte dann:
»Aber ich werde Dich dennoch bekehren, Du magst wollen oder nicht. Und das muß mir gelingen, denn Du hast ja auch ein Tesbih, einen Rosenkranz, umhängen. Was ich einmal will, das will ich, denn ich bin der Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah!«
»So bist Du also der Sohn Abul Abbas’, des Sohnes Dawud al Gossarah?«
»Ja.«
»Und beide waren Pilger?«
»Ja.«
»Auch Du bist ein Hadschi?«
»Ja.«
»So waret Ihr alle Drei in Mekka und habt die heilige Kaaba gesehen?«
»Dawud al Gossarah nicht.«
»Ah! Und dennoch nennst Du ihn einen Hadschi?«
»Ja, denn er war einer. Er wohnte am Dschebel Schur-Schum und machte sich als Jüngling auf die Pilgerreise. Er kam glücklich über el Dschuf, das man den Leib der Wüste nennt; dann aber wurde er krank und mußte am Brunnen Trasah zurückbleiben. Dort nahm er ein Weib und starb, nachdem er seinen Sohn Abul Abbas gesehen hatte. Ist er nicht ein Hadschi, ein Pilger, zu nennen?«
»Hm! Aber Abul Abbas war in Mekka?«
»Nein.«
»Und auch er ist ein Hadschi?«
»Ja. Er trat die Pilgerfahrt an und kam bis in die Ebene Admar, wo er zurückbleiben mußte.«
»Warum?«
»Er erblickte da Amareh, die Perle von Dschunet, und liebte sie. Amareh wurde sein Weib und gebar ihm Halef Omar, den Du hier neben Dir siehst. Dann starb er. War er nicht ein Hadschi?«
»Hm! Aber Du selbst warst in Mekka?«
»Nein.«
»Und nennst Dich dennoch einen Pilger!«
»Ja. Als meine Mutter todt war, begab ich mich auch auf die Pilgerschaft. Ich zog gen Aufgang und Niedergang der Sonne; ich ging nach Mittag und nach Mitternacht; ich lernte alle Oasen der Wüste und alle Orte Egypten’s kennen; ich war noch nicht in Mekka, aber ich werde noch dorthin kommen. Bin ich also nicht ein Hadschi?«
»Hm! Ich denke, nur wer in Mekka war, darf sich einen Hadschi nennen?«
»Eigentlich, ja. Aber ich bin ja auf der Reise dorthin!«
»Möglich! Doch Du wirst auch irgendwo eine schöne Jungfrau finden und bei ihr bleiben; Deinem Sohne wird es ebenso gehen, denn dies scheint Euer Kismet zu sein, und dann wird nach hundert Jahren Dein Urenkel sagen: ›Ich bin Hadschi Mustafa Ben Hadschi Ali Assabet Ibn Hadschi Saïd al Hamza Ben Hadschi Schehab Tofaïl Ibn Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah,‹ und keiner von all diesen sieben Pilgern wird Mekka gesehen haben und ein ächter, wirklicher Hadschi geworden sein. Meinst Du nicht?«
So ernst er sonst war, er mußte dennoch über diese kleine, unschädliche Malice lachen. Es gibt unter den Muhammedanern sehr, sehr Viele, die sich, besonders dem Fremden gegenüber, als Hadschi geberden, ohne die Kaaba gesehen, den Lauf zwischen Ssafa und Merweh vollbracht zu haben, in Arafah gewesen und in Minah geschoren und rasirt worden zu sein. Mein guter Halef fühlte sich geschlagen, aber er nahm es mit guter Miene hin.
»Sihdi,« frug er kleinlaut, »wirst Du es ausplaudern, daß ich noch nicht in Mekka war?«
»Ich werde nur dann davon sprechen, wenn Du wieder anfängst, mich zum Islam zu bekehren; sonst aber werde ich schweigen. Doch schau, sind das nicht Spuren im Sande?«
Wir waren schon längst in das Wadi Tarfaui eingebogen und jetzt an eine Stelle desselben gekommen, an welcher der Wüstenwind den Flugsand über die hohen Felsenufer hinabgetrieben hatte. In diesem Sande war eine sehr deutliche Fährte zu erkennen.
»Hier sind Leute geritten,« meinte Halef unbekümmert.
»So werden wir absteigen, um die Spur zu untersuchen.«
Er blickte mich fragend an.
»Sihdi, das ist überflüssig. Es ist genug, zu wissen, daß Leute hier geritten sind. Weßhalb willst Du die Hufspuren untersuchen?«
»Es ist stets gut, zu wissen, welche Leute man vor sich hat.«
»Wenn Du alle Spuren, welche Du findest, untersuchen willst, so wirst Du unter zwei Monden nicht nach Seddala kommen. Was gehen Dich die Männer an, die vor uns sind?«
»Ich bin in fernen Ländern gewesen, in denen es viel Wildniß gibt und wo sehr oft das Leben davon abhängt, daß man alle Darb und Etar, alle Spuren und Fährten, genau betrachtet, um zu erfahren, ob man einem Freunde oder einem Feinde begegnet.«
»Hier wirst Du keinem Feinde begegnen, Effendi.«
»Das kann man nicht wissen.«
Ich stieg ab. Es waren die Fährten dreier Tiere zu bemerken, eines Kameels und zweier Pferde. Das erstere war jedenfalls ein Reitkameel, wie ich an der Zierlichkeit seiner Hufeindrücke bemerkte. Bei genauer Betrachtung fiel mir eine Eigentümlichkeit der Spuren auf, welche mich vermuten ließ, daß das eine der Pferde an dem ›Hahnentritte‹ leide. Dieses mußte meine Verwunderung erregen, da ich mich in einem Lande befand, dessen Pferdereichtum zur Folge hat, daß man niemals Tiere reitet, welche mit diesem Übel behaftet sind. Der Besitzer des Rosses war entweder kein oder ein sehr armer Araber.
Halef lächelte über die Sorgfalt, mit welcher ich den Sand untersuchte, und frug, als ich mich wieder emporrichtete:
»Was hast Du gesehen, Sihdi?«
»Es waren zwei Pferde und ein Kameel.«
»Zwei Pferde und ein Djemmel! Allah segne Deine Augen; ich habe ganz dasselbe gesehen, ohne daß ich von meinem Tiere zu steigen brauchte. Du willst ein Taleb sein, ein Gelehrter, und tust doch Dinge, über welche ein Hamahr, ein Eselstreiber, lachen würde. Was hilft Dir nun der Schatz des Wissens, den Du hier gehoben hast?«
»Ich weiß nun zunächst, daß die drei Reiter vor ungefähr vier Stunden hier vorübergekommen sind.«
»Wer gibt Dir etwas für diese Weisheit? Ihr Männer aus dem Belad el Rumi, aus Europa, seid sonderbare Leute!«
Er schnitt bei diesen Worten ein Gesicht, von welchem ich das tiefste Mitleid lesen konnte, doch zog ich es vor, schweigend unsern Weg fortzusetzen.
Wir folgten der Fährte wohl eine Stunde lang, bis wir da, wo das Wadi eine Krümmung machte und wir nun um eine Ecke bogen, unwillkürlich unsere Pferde anhielten. Wir sahen drei Geier, welche nicht weit vor uns hinter einer Sanddüne hockten und sich bei unserem Anblick mit heiseren Schreien in die Lüfte erhoben.
»El Büdj, der Bartgeier,« meinte Halef. »Wo er ist, da gibt es ganz sicher ein Aas.«
»Es wird dort irgend ein Tier verendet sein,« antwortete ich, indem ich ihm folgte.
Er hatte sein Pferd rascher vorwärts getrieben, so daß ich hinter ihm zurück geblieben war. Kaum hatte er die Düne erreicht, so hielt er mit einem Rucke still und stieß einen Ruf des Schreckens aus.
»Masch Allah, Wunder Gottes! Was ist das? Ist das nicht ein Mensch, Sihdi, welcher hier liegt?«
Ich mußte allerdings bejahend antworten. Es war wirklich ein Mann, welcher hier lag, und an dessen Leichnam die Geier ihr schauderhaftes Mahl gehalten hatten. Schnell sprang ich vom Pferde und kniete bei ihm nieder. Seine Kleidung war von den Krallen der Vögel zerfetzt. Aber lange konnte dieser Unglückliche noch nicht todt sein, wie ich bei der Berührung sofort fühlte.
»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Sihdi, ist dieser Mann eines natürlichen Todes gestorben?« frug Halef.
»Nein. Siehst Du nicht die Wunde am Halse und das Loch im Hinterhaupte? Er ist ermordet worden.«
»Allah verderbe den Menschen, der dies getan hat! Oder sollte der Todte in einem ehrlichen Kampfe gefallen sein?«
»Was nennst Du ehrlichen Kampf? Vielleicht ist er das Opfer einer Blutrache. Wir wollen seine Kleider untersuchen.«
Halef half dabei. Wir fanden nicht das Geringste, bis mein Blick auf die Hand des Todten fiel. Ich bemerkte einen einfachen Goldreif von der gewöhnlichen Form der Trauringe und zog ihn ab. In seine innere Seite war klein, aber deutlich eingegraben: »E. P. 15. Juillet 1830.«
»Was findest Du?« frug Halef.
»Dieser Mann ist kein Ben Arab.«
»Was sonst?«
»Ein Franzose.«
»Ein Franke, ein Christ? Woran willst Du dies erkennen?«
»Wenn ein Christ sich ein Weib nimmt, so tauschen Beide je einen Ring, in welchem der Name und der Tag eingegraben ist, an dem die Ehe geschlossen wurde.«
»Und dies ist ein solcher Ring?«
»Ja.«
»Aber woran erkennst Du, daß dieser Tote zu dem Volke der Franken gehört? Er könnte doch ebenso gut von den Inglis oder den Nemsi stammen, zu denen auch Du gehörst.«
»Es sind französische Zeichen, welche ich hier lese.«
»Er kann dennoch zu einem anderen Volke gehören. Meinst Du nicht, Effendi, daß man einen Ring finden oder auch stehlen kann?«
»Das ist wahr. Aber sieh das Hemde, welches er unter seiner Kleidung trägt. Es ist dasjenige eines Europäers.«
»Wer hat ihn getödtet?«
»Seine beiden Begleiter. Siehst Du nicht, daß der Boden hier aufgewühlt ist vom Kampfe? Bemerkst Du nicht, daß – – -«
Ich hielt mitten im Satze inne. Ich hatte mich aus meiner knieenden Stellung erhoben, um den Boden zu untersuchen, und fand nicht weit von der Stelle, an welcher der Tote lag, den Anfang einer breiten Blutspur, welche sich seitwärts zwischen die Felsen zog. Ich folgte ihr mit schußbereitem Gewehre, da die Mörder sich leicht noch in der Nähe befinden konnten. Noch war ich nicht weit gegangen, so stieg mit lautem Flügelschlage ein Geier empor und ich bemerkte an dem Orte, von welchem er sich erhoben hatte, ein Kameel liegen.
Es war todt; in seiner Brust klaffte eine tiefe, breite Wunde. Halef schlug die Hände bedauernd in einander.
»Ein graues Hedjihn, ein graues Tuareg-Hedjihn, und diese Mörder, diese Schurken, diese Hunde haben es getödtet!«
Es war klar, er bedauerte das prächtige Reittier viel mehr als den todten Franzosen. Als ächter Sohn der Wüste, dem der geringste Gegenstand kostbar werden kann, bückte er sich nieder und untersuchte den Sattel des Kameels. Er fand nichts; die Taschen waren leer.
»Die Mörder haben bereits Alles hinweggenommen, Sihdi. Mögen sie in alle Ewigkeit in der Dschehenna braten. Nichts, gar nichts haben sie zurückgelassen, als das Kameel – und die Papiere, welche dort im Sande liegen.«
Durch diese Worte aufmerksam gemacht, bemerkte ich in einer Entfernung von uns allerdings einige mit den Händen zusammengeballte und wohl als unnütz weggeworfene Papierstücke. Sie konnten mir vielleicht einen Anhaltspunkt bieten, und ich ging, um sie aufzuheben. Es waren mehrere Zeitungsbogen. Ich glättete die zusammengeknitterten Fetzen und paßte sie genau an einander. Ich hatte zwei Seiten der »Vigie algérienne« und ebenso viel vom »L’Indépendant« und der »Mahouna« in den Händen. Das erste Blatt erscheint in Algier, das zweite in Constantine und das dritte in Guelma. Trotz dieser örtlichen Verschiedenheit bemerkte ich bei näherer Prüfung eine mir auffällige Übereinstimmung bezüglich des Inhaltes der drei Zeitungsfetzen: Sie enthielten nämlich alle drei einen Bericht über die Ermordung eines reichen französischen Kaufmannes in Blidah. Des Mordes dringend verdächtig war ein armenischer Händler, welcher die Flucht ergriffen hatte und steckbrieflich verfolgt wurde. Die Beschreibung seiner Person stimmte in allen drei Journalen ganz wörtlich überein.
Aus welchem Grunde hatte der Todte, welchem dieses Kameel gehörte, diese Blätter bei sich geführt? Ging ihn der Fall persönlich etwas an? War er ein Verwandter des Kaufmanns in Blidah, war er der Mörder, oder war er ein Polizist, der die Spur des Verbrechers verfolgt hatte?
Ich nahm die Papiere an mich, wie ich auch den Ring an meinen Finger gesteckt hatte, und kehrte mit Halef zu der Leiche zurück. Über ihr schwebten beharrlich die Geier, welche sich nun nach unserer Entfernung auf das Kameel niederließen.
»Was gedenkest Du nun zu tun, Sihdi?« frug der Diener.
»Es bleibt uns nichts übrig, als den Mann zu begraben.«
»Willst Du ihn in die Erde scharren?«
»Nein; dazu fehlen uns die Werkzeuge. Wir errichten einen Steinhaufen über ihm; so wird kein Tier zu ihm gelangen können.«
»Und Du denkst wirklich, daß er ein Giaur ist?«
»Er ist ein Christ.«
»Es ist möglich, daß Du Dich dennoch irrst, Sihdi; er kann trotzdem auch ein Rechtgläubiger sein. Darum erlaube mir eine Bitte!«
»Welche?«
»Laß uns ihn so legen, daß er mit dem Gesichte nach Mekka blickt!«
»Ich habe nichts dagegen, denn dann ist es zugleich nach Jerusalem gerichtet, wo der Welteiland litt und starb. Greife an!«
Es war ein trauriges Werk, welches wir in der tiefen Einsamkeit vollendeten. Als der Steinhaufen, welcher den Unglücklichen bedeckte, so hoch war, daß er der Leiche vollständigen Schutz gegen die Tiere der Wüste gewährte, fügte ich noch so viel hinzu, daß er die Gestalt eines Kreuzes bekam, und faltete dann die Hände, um ein Gebet zu sprechen. Als ich damit geendet hatte, wandte Halef sein Auge gegen Morgen, um mit der hundertundzwölften Sure des Korans zu beginnen:
»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Sprich: Gott ist der einzige und ewige Gott. Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt, und kein Wesen ist ihm gleich. Der Mensch liebt das dahineilende Leben und lässet das zukünftige unbeachtet. Deine Abreise aber ist gekommen, und nun wirst Du hingetrieben zu Deinem Herrn, der Dich auferwecken wird zu neuem Leben. Möge dann die Zahl Deiner Sünden klein sein und die Zahl Deiner guten Taten so groß wie der Sand, auf dem Du einschliefst in der Wüste!«
Nach diesen Worten bückte er sich nieder, um seine Hände, die er mit der Leiche verunreinigt hatte, mit dem Sande abzuwaschen.
»So, Sihdi, jetzt bin ich wieder tahir, was die Kinder Israel kauscher nennen, und darf wieder berühren, was rein und heilig ist. Was tun wir jetzt?«
»Wir eilen den Mördern nach, um sie einzuholen.«
»Willst Du sie tödten?«
»Ich bin ihr Richter nicht. Ich werde mit ihnen sprechen und dann erfahren, warum sie ihn getödtet haben. Dann weiß ich, was ich tun werde.«
»Es können keine klugen Männer sein, sonst hätten sie nicht ein Hedjihn getödtet, welches mehr wert ist, als ihre Pferde.«
»Das Hedjihn hätte sie vielleicht verraten. Hier siehst Du ihre Spur. Vorwärts! Sie sind fünf Stunden vor uns; vielleicht treffen wir morgen auf sie, noch ehe sie Seddada erreichen.«
Wir jagten trotz der drückenden Hitze und des schwierigen, felsigen Bodens mit einer Eile dahin, als ob es gelte, Gazellen einzuholen, und es war dabei ganz unmöglich, ein Gespräch zu führen. Diese Schweigsamkeit aber konnte mein guter Halef unmöglich lange aushalten.
»Sihdi,« rief er hinter mir, »Sihdi, willst Du mich verlassen?«
Ich drehte mich nach ihm um.
»Verlassen?«
»Ja. Meine Stute hat ältere Beine als Dein Berberhengst.«
Wirklich triefte die alte Hassi-Ferdschahn-Stute bereits von Schweiß, und der Schaum flog ihr in großen Flocken von dem Maule.
»Aber wir können heute nicht wie gewöhnlich während der größten Hitze Rast machen, sondern wir müssen reiten bis zur Nacht, sonst holen wir die Beiden, welche vor uns sind, nicht ein.«
»Wer zu viel eilt, kommt auch nicht früher als der, welcher langsam reitet, Effendi, denn – Allah akbar, blicke da hinunter!«
Wir befanden uns vor einem jähen Sturze des Wadi und sahen in der Entfernung von vielleicht einer Viertelwegsstunde unter uns zwei Reiter oder vielmehr zwei Männer an einer kleinen Sobha sitzen, in welcher sich einiges brackige Wasser erhalten hatte. Ihre Pferde knabberten an den dürren, stacheligen Mimosen herum, welche in der Nähe standen.
»Ah, sie sind es!«
»Ja, Sihdi, sie sind es. Auch ihnen ist es zu heiß gewesen, und sie haben beschlossen, zu warten, bis die größte Glut vorüber ist.«
»Oder sie haben sich verweilt, um die Beute zu teilen. Zurück, Halef, zurück, damit sie Dich nicht bemerken! Wir werden das Wadi verlassen und ein wenig nach West reiten, um zu tun, als ob wir vom Schott Rharsa kämen.«
»Warum, Effendi?«
»Sie sollen nicht ahnen, daß wir die Leiche des Ermordeten gefunden haben.«
Unsere Pferde erklommen das Ufer des Wadi, und wir ritten stracks nach Westen in die Wüste hinein. Dann schlugen wir einen Bogen und hielten auf die Stelle zu, an welcher sich die Beiden befanden. Sie konnten uns nicht kommen sehen, da sie in der Tiefe des Wadi saßen, mußten uns aber hören, als wir demselben nahe gekommen waren.
Wirklich hatten sie sich, als wir den Rand der Vertiefung erreichten, bereits erhoben und nachihren Gewehren gegriffen. Ichnatürlich, als sei ich ebenso überrascht wie sie selbst, hier in der Einsamkeit der Wüste so plötzlich auf Menschen zu treffen, hielt es jedoch nicht für nötig, nach meiner Büchse zu langen.
»Salam aaleïkum!« rief ich, mein Pferd anhaltend, zu ihnen hinab.
»Aaleïkum,« antwortete der Ältere von ihnen. »Wer seid Ihr?«
»Wir sind friedliche Reiter.«
»Wo kommt Ihr her?«
»Von Westen.«
»Und wo wollt Ihr hin?«
»Nach Seddada.«
»Von welchem Stamme seid Ihr?«
Ich deutete auf Halef und antwortete:
»Dieser hier stammt aus der Ebene Admar, und ich gehöre zu den Beni-Sachsa. Wer seid Ihr?«
»Wir sind von dem berühmten Stamme der Uëlad Hamalek.«
»Die Uëlad Hamalek sind gute Reiter und tapfere Krieger. Wo kommt Ihr her?«
»Von Gafsa.«
»Da habt Ihr eine weite Reise hinter Euch. Wohin wollt Ihr?«
»Nach dem Bir Sauidi, wo wir Freunde haben.«
Beides, daß sie von Gafsa kamen und nach dem Brunnen Sauidi wollten, war eine Lüge, doch tat ich, als ob ich ihren Worten glaubte, und frug:
»Erlaubt Ihr uns, bei Euch zu rasten?«
»Wir bleiben hier bis zum frühen Morgen,« lautete die Antwort, welche also für meine Frage weder ein Ja noch ein Nein enthielt.
»Auch wir gedenken, bis zum Aufgang der nächsten Sonne hier auszuruhen. Ihr habt genug Wasser für uns alle und auch für unsere Pferde. Dürfen wir bei Euch bleiben?«
»Die Wüste gehört allen. Marhaba, Du sollst uns willkommen sein!«
Es war ihnen trotz dieses Bescheides leicht anzusehen, daß ihnen unser Gehen lieber gewesen wäre, als unser Bleiben; wir aber ließen unsere Pferde den Abhang hinunter klettern und stiegen an dem Wasser ab, wo wir sofort ungeniert Platz nahmen.
Die beiden Physiognomien, welche ich nun studiren konnte, waren keineswegs Vertrauen erweckend. Der Ältere, welcher bisher das Wort geführt hatte, war lang und hager gebaut. Der Burnus hing ihm am Leibe wie an einer Vogelscheuche. Unter dem schmutzig blauen Turban blickten zwei kleine, stechende Augen unheimlich hervor; über den schmalen, blutleeren Lippen fristete ein dünner Bart ein kümmerliches Dasein; das spitze Kinn zeigte eine auffallende Neigung, nach oben zu steigen, und die Nase, ja, diese Nase erinnerte mich lebhaft an die Geier, welche ich vor kurzer Zeit von der Leiche des Ermordeten vertrieben hatte. Das war keine Adler-und auch keine Habichtsnase; sie hatte wirklich die Form eines Geierschnabels.
Der andere war ein junger Mann von auffallender Schönheit; aber die Leidenschaften hatten sein Auge umflort, seine Nerven entkräftet und seine Stirn und Wangen zu früh gefurcht. Man konnte unmöglich Vertrauen zu ihm haben.
Der Ältere sprach das Arabische mit jenem Accente, wie man es am Euphrat spricht, und der jüngere ließ mich vermuten, daß er kein Orientale, sondern ein Europäer sei. Ihre Pferde, welche in der Nähe standen, waren schlecht und sichtlich abgetrieben; ihre Kleidung hatte ein sehr mitgenommenes Aussehen, aber ihre Waffen waren ausgezeichnet. Da, wo sie vorhin gesessen, lagen verschiedene Gegenstände, welche sonst in der Wüste selten sind und wohl nur deßhalb liegen geblieben waren, weil die Beiden keine Zeit gefunden hatten, sie zu verbergen: ein seidenes Taschentuch, eine goldene Uhr nebst Kette, ein Compaß, ein prachtvoller Revolver und ein in Maroquin gebundenes Taschenbuch.
Ich tat, als ob ich diese Gegenstände gar nicht bemerkt hätte, nahm aus der Satteltasche eine Hand voll Datteln und begann, dieselben mit gleichgültiger und zufriedener Miene zu verzehren.
»Was wollt Ihr in Seddada?« frug mich der Lange.
»Nichts. Wir gehen weiter.«
»Wohin?«
»Über den Schott Dscherid nach Fetnassa und Kbilli.«
Ein unbewachter Blick, den er auf seinen Gefährten warf, sagte mir, daß ihr Weg der nämliche sei. Dann frug er weiter:
»Hast Du Geschäfte in Fetnassa oder Kbilli?«
»Ja.«
»Du willst Deine Heerden dort verkaufen?«
»Nein.«
»Oder Deine Sklaven?«
»Nein.«
»Oder vielleicht die Waaren, die Du aus dem Sudan kommen lässest?«
»Nein.«
»Was sonst?«
»Nichts. Ein Sohn meines Stammes treibt mit Fetnassa keinen Handel.«
»Oder willst Du Dir ein Weib dort holen?«
Ich improvisirte eine sehr zornige Miene.
»Weißt Du nicht, daß es eine Beleidigung ist, zu einem Manne von seinem Weibe zu sprechen! Oder bist Du ein Giaur, daß Du dieses nicht erfahren hast?«
Wahrhaftig, der Mann erschrak förmlich, und ich begann, infolgedessen die Vermutung zu hegen, daß ich mit meinen Worten das Richtige getroffen hatte. Er hatte ganz und gar nicht die Physiognomie eines Beduinen; Gesichter, wie das seinige, waren mir vielmehr bei Männern von armenischer Herkunft aufgefallen und – – ah, war es nicht ein armenischer Händler, der den Kaufmann in Blidah ermordet hatte und dessen Steckbrief ich in der Tasche trug? Ich hatte mir nicht die Zeit genommen, den Steckbrief, wenigstens das Signalement, aufmerksam durchzulesen. Während mir diese Gedanken blitzschnell durch den Kopf gingen, fiel mein Blick nochmals auf den Revolver. An seinem Griff befand sich eine silberne Platte, in welche ein Name eingravirt war.
»Erlaube mir!«
Zu gleicher Zeit mit dieser Bitte griff ich nach der Waffe und las: »Paul Galingré, Marseille.« Das war ganz sicher nicht der Name der Fabrik, sondern des Besitzers. Ich verriet aber mein Interesse durch keine Miene, sondern frug leichtin:
»Was ist das für eine Waffe?«
»Ein – ein – – ein Drehgewehr.«
»Magst Du mir zeigen, wie man mit ihm schießt?«
Er erklärte es mir. Ich hörte ihm sehr aufmerksam zu und meinte dann:
»Du bist kein Uëlad Hamalek, sondern ein Giaur.«
»Warum?«
»Siehe, daß ich recht geraten habe! Wärest Du ein Sohn des Propheten, so würdest Du mich niederschießen, weil ich Dich einen Giaur nannte. Nur die Ungläubigen haben Drehgewehre. Wie soll diese Waffe in die Hände eines Uëlad Hamalek gekommen sein! Ist sie ein Geschenk?«
»Nein.«
»So hast Du sie gekauft?«
»Nein.«
»Dann war sie eine Beute?«
»Ja.«
»Von wem?«
»Von einem Franken.«
»Mit dem Du kämpftest?«
»Ja.«
»Wo?«
»Auf dem Schlachtfelde.«
»Auf welchem?«
»Bei El Guerara.«
»Du lügst!«
Jetzt riß ihm doch endlich die Geduld. Er erhob sich und griff nach dem Revolver.
»Was sagst Du? Ich lüge? Soll ich Dich niederschießen wie – – -«
Ich fiel ihm in die Rede:
»Wie den Franken da oben im Wadi Tarfaui!«
Die Hand, welche den Revolver hielt, sank wieder nieder, und eine fahle Blässe bedeckte das Gesicht des Mannes. Doch raffte er sich zusammen und frug drohend:
»Was meinst Du mit diesen Worten?«
Ich langte in meine Tasche, zog die Zeitungen heraus und tat einen Blick in die Blätter, um den Namen des Mörders zu finden.
»Ich meine, daß Du ganz gewiß kein Uëlad Hamalek bist. Dein Name ist mir sehr bekannt; er lautet Hamd il Amasat.«
Jetzt fuhr er zurück und streckte beide Hände wie zur Abwehr gegen mich aus.
»Woher kennst Du mich?«
»Ich kenne Dich; das ist genug.«
»Nein, Du kennst mich nicht; ich heiße nicht so, wie Du sagtest; ich bin ein Uëlad Hamalek, und wer das nicht glaubt, den schieße ich nieder!«
»Wem gehören diese Sachen?«
»Mir.«
Ich ergriff das Taschentuch. Es war mit »P. G.« gezeichnet. Ich öffnete die Uhr und fand auf der Innenseite des Deckels ganz dieselben Buchstaben eingravirt.
»Woher hast Du sie?«
»Was geht es Dich an? Lege sie von Dir!«
Anstatt ihm zu gehorchen, öffnete ich auch das Notizbuch. Auf dem ersten Blatte desselben las ich den Namen Paul Galingré; der Inhalt aber war stenographirt, und ich kann Stenographie nicht lesen.
»Weg mit dem Buche, sage ich Dir!«
Bei diesen Worten schlug er mir dasselbe aus der Hand, so daß es in die Lache flog. Ich erhob mich, um den Versuch zu machen, es zu retten, fand aber jetzt doppelten Widerstand, da sich nun auch der jüngere der beiden Männer zwischen mich und das Wasser stellte.
Halef hatte dem Wortwechsel bisher scheinbar gleichgültig zugehört, aber ich sah, daß sein Finger an dem Drücker seiner langen Flinte lag. Es bedurfte nur eines Winkes von mir, um ihn zum Schusse zu bringen. Ich bückte mich, um auch den Compaß noch aufzunehmen.
»Halt; das ist mein! Gib diese Sachen heraus!«
Er faßte meinen Arm, um seinen Worten Nachdruck zu geben; ich aber sagte so ruhig wie möglich:
»Setze Dich wieder nieder! Ich habe mit Dir zu reden.«
»Ich habe mit Dir nichts zu schaffen!«
»Aber ich mit Dir. Setze Dich, wenn ich Dich nicht niederschießen soll!«
Diese Drohung schien doch nicht ganz unwirksam zu sein. Er ließ sich wieder zur Erde nieder, und ich tat ganz dasselbe. Dann zog ich meinen Revolver und begann:
»Siehe, daß ich auch ein solches Drehgewehr habe! Lege das Deinige weg, sonst geht das meinige los!«
Er legte die Waffe langsam neben sich hin aus der Hand, hielt sich aber zum augenblicklichen Griffe bereit.
»Du bist kein Uëlad Hamalek?«
»Ich bin einer.«
»Du kommst nicht von Gafsa?«
»Ich komme von dort.«
»Wie lange Zeit reitest Du bereits im Wadi Tarfaui?«
»Was geht es Dich an!«
»Es geht mich sehr viel an. Da oben liegt die Leiche eines Mannes, den Du ermordet hast.«
Ein böser Zug durchzuckte sein Gesicht.
»Und wenn ich es getan hätte, was hättest Du darüber zu sagen?«
»Nicht viel; nur einige Worte.«
»Welche?«
»Wer war der Mann?«
»Ich kenne ihn nicht.«
»Warum hast Du ihn und sein Kameel getödtet?«
»Weil es mir so gefiel.«
»War er ein Rechtgläubiger?«
»Nein. Er war ein Giaur.«
»Du hast genommen, was er bei sich trug?«
»Sollte ich es bei ihm liegen lassen?«
»Nein, denn Du hattest es für mich aufzuheben.«
»Für Dich – -?«
»Ja.«
»Ich verstehe Dich nicht.«
»Du sollst mich verstehen. Der Todte war ein Giaur; ich bin auch ein Giaur und werde sein Rächer sein.«
»Sein Bluträcher?«
»Nein; wenn ich das wäre, so hättest Du bereits aufgehört, zu leben. Wir sind in der Wüste, wo kein Gesetz gilt als nur das des Stärkeren. Ich will nicht erproben, wer von uns der Stärkere ist; ich übergebe Dich der Rache Gottes, des Allwissenden, der alles sieht und keine Tat unvergolten läßt; aber das Eine sage ich Dir, und das magst Du Dir wohl merken: Du gibst alles heraus, was Du dem Todten abgenommen hast.«
Er lächelte überlegen.
»Meinst Du wirklich, daß ich dieses tue?«
»Ich meine es.«
»So nimm Dir, was Du haben willst!«
Er zuckte mit der Hand, um nach dem Revolver zu greifen; schnell aber hielt ich ihm die Mündung des meinigen entgegen.
»Halt, oder ich schieße!«
Es war jedenfalls eine sehr eigentümliche Situation, in der ich mich befand. Glücklicherweise aber schien mein Gegner mehr Verschlagenheit als Mut zu besitzen. Er zog die Hand wieder zurück und schien unentschlossen zu werden.
»Was willst Du mit den Sachen tun?«
»Ich werde sie den Verwandten des Todten zurückgeben.«
Es war fast eine Art von Mitleid, mit der er mich jetzt fixirte.
»Du lügst. Du willst sie für Dich behalten!«
»Ich lüge nicht.«
»Und was wirst Du gegen mich unternehmen?«
»Jetzt nichts; aber hüte Dich, mir jemals wieder zu begegnen!«
»Du reitest wirklich von hier nach Seddada?«
»Ja.«
»Und wenn ich Dir die Sachen gebe, wirst Du mich und meinen Gefährten ungehindert nach dem Bir Sauidi gehen lassen?«
»Ja.«
»Du versprichst es mir?«
»Ja.«
»Beschwöre es!«
»Ein Giaur schwört nie; sein Wort ist auch ohne Schwur die Wahrheit.«
»Hier, nimm das Drehgewehr, die Uhr, den Compaß und das Tuch.«
»Was hatte er noch bei sich?«
»Nichts.«
»Er hatte Geld.«
»Das werde ich behalten.«
