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Osman ist ein staatlich anerkannter Hypochonder, arbeitet als Schlosser in Halle 4, liebt Fußball im Fernsehen, fährt einen antiken grasgrünen Ford Transit und ist immer kurz davor durchzudrehen. Sein Alltag ist durchzogen von Katastrophen kleinerer und größerer Art, die er wie ein Magnet anzieht. Sie reichen von Streitigkeiten mit den exzentrischen Familienmitgliedern bis zu gefakten Terroranschlägen oder dem versehentlichen Mitlaufen auf einer Pegida-Demo. Auch die Arbeitskollegen, Nachbarn, ankommende Flüchtlinge und Begegnungen mit der Verwandtschaft während derjährlichen Urlaube in der Türkei füllen Osmans Alltag mit Skurrilität.
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Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Osman Engin
OSMANS
ALLTAG
Zwischen Köfte und Korinthenkackern
Titelseite
Mit Zombie ins neue Jahr
Der Schneemann
TÜV ist nix ALDI
Hatice kommt nicht!
Der Drohbrief
Alles vereist!
Osmans schwere Geburt
Rührstück im Ruhrgebiet
Nedims kleine Groß-Demo
Deutschland gegen DDR
Hatice und Kindergarten
Führerschein mit 67
Mir geht’s gut – ich sterbe!
Knapp am Nobelpreis vorbei
Der Spielverderber
Walum?
Nachts im Bürgerpark
Wohnungssuche mit Künstlernamen
Der 50-jährige 100-Jährige
Der kuule Papa
Die Pätschwörkfämily
Die original Meerwasser-Therapie
Nedim, der Menschenschmuggler
Wählen auf Türkisch
Die Willkommenskultur
Osmans Gemüseladen
Osman, der Pegida-Star
Die Große-Nationale-Müll-Partei
Mit Kindern reden
Der nette Einbrecher
Hatices Hungerstreik
Ünglück in Starbüüks
Der barmherzige Sarrazin
Frisch gewaschene Ehe
Das neue Rotlichtmilieu
Türkisch bezahlen
Sturzbesoffen am Steuer
Rüdiger, der nette Animateur
Der türkische Don Kischot
Super erholt
Gratisnümmerchen
Die Politessin Uschi
Osman drückt die Schulbank
Brautschau
Beautybehandlung für Hasso
Der Leserbrief
Der türkische Robin Huud
Kondom-Chaos
Osmans große Theaterliebe
Hitzeschlacht
Meine Heizung pfeift
Moin! Moin!
Die Krawall-Media
Der peinliche Gast
Flüchtlinge willkommen
Osman, der Internet-Millionär
Flüchtling auf Bestellung
Osmans Namensvetter
Das Ehe-Gespräch
Die guten alten Autos
Das Engin’sche Friedensmanifest
Schschschttt!
Ahmet, das Pädagogikgenie
Osman wird abgeschoben
Die Akte Osman
Das Landei
EM fällt in den Brunnen
Nichtrauchen ist ungesund!
Die Horror-Landung
Der selbst gemachte Kirschsaft
Gesetzlicher Mindestlohn fürs Ramadanfest
Die Wett-Reise
Dichter der Landstraße
Hat Morgenstund Gold im Mund?
Der Packesel
Die Vorteile des Älterwerdens
Osman auf der Überholspur
Herr Dünnebier macht sich dünne
Die Schlacht um Verdun
Einmal Millionär und zurück
Der Frankreich-Knigge
Kreative Bafög-Aufstockung
Blaindait mit mir selbst
Hans, das Flohmarktgenie
Deutsch-türkische Freundschaft
Schichtwechsel
Wie ein Truthahn
Laktosefreier Geburtstag
Osman, das Toto-Genie
Karnickelweg feiert Weihnachten
Osterfeuer an Weihnachten
Mein Dorf brennt!
Unsere Wasserader tropft
Unser Selbstmordattentäter
Schnell wie die Post
Hatices Trick
Kaming aut!
Der Gutmensch-Nazi
Am letzten Freitag
Fußball-Konferenz
Helikopterväter
Mit Skin im Restaurant
Mein hochpolitisches Buch
Der kranke Hypochonder
La Baguette de lö Croissant
Mein Weltbestseller
Neulich im Jugendamt
Nicht putzende Putzfrauen
Osman-Allee
Impressum
In der Türkei sagt man: »Wie man in das neue Jahr hineinkommt, so geht es auch weiter!«
Deshalb werde ich das neue Jahr mit leckerem Essen und attraktiven Frauen empfangen. Meine Frau Eminanim hat nämlich schön gekocht und ein halbes Dutzend hübscher Freundinnen zur Silvesterfeier eingeladen.
Vorher habe ich noch alte Bekannte draußen auf dem Land besucht und fahre um 22 Uhr los, damit ich rechtzeitig zu Hause bin. Ich trete das Gaspedal bis zum Anschlag durch! Mein tiefergelegter 68er-Ford-Transit legt sich in die Kurven wie eine Formel-1-Maschine. Auf der einsamen Landstraße rase ich mit 60 Kilometern in der Stunde durch die Nacht.
Und prompt lande ich in einer Verkehrskontrolle. Ich fahre an die Polizeisperre heran und bekomme einen Schock! Ein Toter! Zwei Meter vor mir liegt ein toter Mensch mitten auf der Fahrbahn. Ein grauenhafter Unfall ist passiert. Ein roter BMW hat sich um einen Baum gewickelt.
»Hallo, dürfte ich bitte vorbeifahren? Ich werde dringend zu Hause erwartet«, rufe ich einem der Polizisten zu, die gerade die Spuren sichern. Der Notarztwagen ist noch nicht da, aber dafür zwei Kameratiims vom Privatfernsehen.
Für eine Sekunde habe ich sogar das Gefühl, dass selbst der Tote mich erhört hätte, aber diese Männer in Uniform nicht.
Die Zeit vergeht und ich hocke zusammen mit einem Toten auf der B 6. Die Polizei macht keine Anstalten, die Straße zu räumen. Es ist zum Verrücktwerden!
Bei Allah, mit gutem Essen und schönen Frauen wollte ich das neue Jahr beginnen, stattdessen muss ich neben einem toten BMW-Fahrer ausharren.
Was will das Schicksal mir denn damit sagen? Werde ich bald selbst den Löffel abgeben?
»Herr Polizist, bitte, bitte, darf ich ganz vorsichtig dran vorbeifahren? Bei dem Mann kann ich sowieso nicht mehr viel falsch machen. Die Leiche ist ohnehin schon tot!«
Die Glocken der Dorfkirchen ringsum fangen an zu läuten. Wir haben also bereits Mitternacht. Und die Polizisten lassen die Sektkorken knallen.
So abgebrüht will ich auch mal sein, um auf das Wohl einer frischen Leiche zu trinken.
In dem Moment sehe ich erschrocken, wie die Leiche langsam aufsteht und sich zwei Sektgläser schnappt. Blutverschmiert torkelt der Mann auf mich zu, drückt mir ein Sektglas in die Hand und sagt fröhlich: »Mann, Sie haben aber toll mitgespielt, danke!«
»Wie, was habe ich gespielt?«, stottere ich.
Ich bin total verwirrt! Bis jetzt hatte ich noch nie mit einem Zombie gesprochen.
»Mein Herr, wir stellen hier fürs Fernsehen unter realistischen Bedingungen einen Verkehrsunfall an Silvester nach. Vielen Dank für Ihre Mitarbeit und frohes neues Jahr.«
Ich packe ihn wütend am Kragen: »Gleich bekommst du es noch realistischer, du Zombie! Du weißt ja bereits, wie man sich als Toter fühlt!«
In letzter Sekunde geht der Regisseur doch noch dazwischen.
Ein Glück aber auch. Sonst hätte ich das neue Jahr wohl mit hässlichen Männern im Knast begonnen.
Ausgerechnet heute Morgen ist wieder der tiefste Winter!
Bei klirrender Kälte springt mein alter Ford Transit nicht an. Seltsame Geräusche gibt er von sich.
»Woor woorrr, hy hy hy, by by by ...«
Ich kann genau verstehen, was er sagt. Ich bin wahrscheinlich der Einzige, der Ford Transitisch sprechen kann.
»Lass mich in Ruhe, bei dem Sauwetter setze ich nicht mal ein Rad auf die vereiste Straße«, heißt es.
»Du hast ja recht, aber ich muss zur Arbeit«, flehe ich ihn an.
»Gy gy gy, hor hor hor!«
Was so viel bedeutet wie: »Sel ber schuld, bei Mil li o nen von Ar beits lo sen in Deutsch land wür de es über haupt nicht auf fal len, wenn du auch zu Hau se bleibst.«
Nach 20 Minuten steige ich frustriert aus.
»Du schickst mich also bei dieser Kälte zu Fuß zur Arbeit?«, schimpfe ich und mache die Motorhaube auf, damit er genauso friert wie ich.
Ich bin schon fast erfroren. Mein Gesicht erst!
Hastig öffne ich die Thermoskanne und kippe etwas dampfenden Tee über mein erfrorenes Gesicht, bis sich an meiner Nase braune Eiszapfen bilden.
Da sehe ich von Weitem einen anderen Ford Transit, der in meine Richtung fährt. Hasans Wagen erkenne ich unter Tausenden. Der linke Scheinwerfer zeigt nach oben, der rechte nach unten.
»Halloo, Hasaan! Heiß geliebter Arbeitskollege, bleib doch stehen, nimm mich mit!«
Aber er versucht nicht mal anzuhalten. Wie sollte er mich auch bei dieser Dunkelheit und dem Schneetreiben überhaupt erkennen? Bei dem zweieurostückgroßen Guckloch, das er an seiner Windschutzscheibe freigekratzt hat, muss ich schon froh sein, dass er mich nicht überfahren hat.
Ich springe in Hasans offenen Anhänger. Den hat er immer an seinem Wagen dran, um für plötzlich auftauchenden Sperrmüll gewappnet zu sein.
Kaum sind wir auf dem Parkplatz von Halle 4, da sehe ich auch meinen eigenen Ford Transit durch das Werks-tor rollen.
Bei Allah, wie kommt denn meine sture Kiste alleine hierher? Kennt der Wagen die Strecke schon im Schlaf, oder was?
Mein Sohn Mehmet kurbelt das Fenster an der Fahrerseite herunter und lacht: »Vater, was liegst du denn da in dem Anhänger? Hast du wieder so viel Knoblauch gegessen, dass Onkel Hasan dich nicht mehr vorne reinlässt?«
»Im Winter fahre ich immer so zur Arbeit, das macht munter. Aber was willst du denn eigentlich hier?«, sage ich mit klappernden Zähnen.
»Kannst du mir etwas Geld geben?«, fragt er.
»Der Transit sprang vorhin überhaupt nicht an. Was hatte er denn?«
»Ach, nichts. Ich hatte gestern nur den Tank leer gepumpt, weil ich bei der Demo gegen rechts etwas Benzin für die Molotowcocktails brauchte.«
Außer mir vor Wut reiße ich mir den dicksten Eiszapfen von der Nase, um ihn Mehmet auf den Kopf zu hauen. Aber ich kann es nicht. Mein Arm ist total festgefroren!
Mein Sohn Mehmet hat in nächtelanger Schwerstarbeit unseren Ford Transit ein ganzes Stück tiefergesetzt, obwohl der arme Wagen ohnehin am Boden liegt, wenn die ganze Familie einsteigt.
Aber ich muss zugeben, unser Ford Transit sieht jetzt wirklich supersportlich aus, wie ein echter Modellathlet!
»Vater, ich war für diesen Geniestreich zuständig und du musst den bürokratischen Kram erledigen«, prahlt er mit stolzgeschwellter Brust.
Mit anderen Worten: Er schickt mich zum TÜV, um die große Verwandlung unseres Lieblings für alle Zeiten in seiner Geburtsurkunde verewigen zu lassen.
Ich ziehe im großen Saal eine Nummer vom Automaten und setze mich zu den anderen Wartenden. Nummer 68! Ein Zeichen Gottes. Genauso viel PS hat nämlich auch mein Ford Transit. Und beschleunigt damit von null auf hundert in sagenhaften drei Minuten und 20 Sekunden.
In dem Moment höre ich plötzlich, wie jemand brüllt: »Hier nix Sozialamt! Du gehen erst Gebühr zahlen! Gebühr! Geld! Para, para!«
Zum Glück bin diesmal nicht ich gemeint.
Die Frau, die auf keinen Fall den TÜV mit dem Sozialamt verwechseln soll, steht unsicher vor dem Schalter, zupft verschämt und verwirrt an ihrem Kopftuch rum und bringt kein Wort heraus.
Das verleitet den Schalterbeamten dazu, gleich noch einen grandiosen Witz hinterherzuschieben.
»Du, hier nix ALDI, TÜV nix billig!«, und fuchtelt mit einer ALDI-Tüte rum, die er wohl für solche Fälle vorsichtshalber bei sich deponiert hat. Dabei schaut er stolz zu seinem Kollegen rüber, der sich über diesen genialen Witz schier kaputtlacht.
Das verleitet die arme Frau dazu, noch stärker an ihrem Kopftuch rumzuzupfen.
Sofort springe ich hoch und biete der Dame meine Hilfe an. Der Satz ›Du, hier nix ALDI‹ schweißt ungemein zusammen.
Sie drückt mir total erleichtert ihre Unterlagen in die Hand und lässt sich erschöpft auf meinen Stuhl fallen.
Ich spurte sofort los und eine knappe halbe Stunde später bin ich wieder zurück.
»Hier, gnädige Frau, alles erledigt! Und keine Sorge, niemand hat mir eine ALDI-Tüte über den Kopf gezogen. Mir gegenüber waren die Brüder richtig freundlich.«
»Freundlich? Das wüsste ich aber! Nur weil ich aufm Kopf ein paar Lockenwickler trage, werde ich von diesen Idioten ständig schikaniert«, schimpft sie sauer.
»Sie sind vielleicht lustig! Das nennt man doch nicht Lockenwickler. Das heißt Kopftuch. Glauben Sie mir, ich kenne mich mit dem Ding aus. Kopftuch ist doch das einzige Regierungsprogramm in der Türkei.«
»Mit dem Kopftuch will ich doch nur was verstecken«, meint die Frau grundehrlich.
»Genau wie meine Frau«, lache ich. »Sie will mit dem Kopftuch auch nur ihre weißen Haare verstecken, wenn sie keine Zeit zum Färben hat.«
»Wo denken Sie denn hin, ich habe doch keine weißen Haare«, zischt sie empört. »Mein Problem ist, dass mein Mann mich immer im ungünstigsten Moment zum TÜV schickt, um einen seiner bescheuerten Wagen umzumelden, wenn ich gerade Lockenwickler im Haar habe. Wir haben ein kleines Autohaus, wissen Sie?«
»Ach, Sie sind gar keine Türkin?«, frage ich ziemlich überrascht.
»Natürlich nicht. Sehe ich etwa so aus? Nur wenn ich das Kopftuch aufhabe, hält mich jeder dafür. Aber ich kann doch nicht mit einem Dutzend Lockenwicklern aufm Kopf auf der Straße rumlaufen. Also binde ich mir schnell ein Tuch um die Haare. Dann werde ich von den Idioten hier jedes Mal total blöd angemacht, von wegen ›Hier nix Sozialamt, hier nix ALDI‹.«
»Gnädige Frau, ich gebe Ihnen mal einen guten Rat. Gehen Sie lieber ab und zu mal zum Frisör Ihres Vertrauens und lassen Sie sich eine anständige Dauerwelle verpassen. Glauben Sie mir, der nervigste dauerlabernde Barbier ist bei Weitem nicht so schlimm wie ein eingebildeter, blöder Rassist!«
»Ist schon okay so«, lächelt sie zufrieden. »Bisher hat mir jedes Mal sofort irgendein Türke geholfen und die nervige Laufarbeit erledigt!«
Bei Eminanim setzen sehr plötzlich die Wehen ein.
Unsere jüngste Tochter Hatice soll heute zur Welt kommen.
»Während Mütter ein Kind gebären, gebären Väter Neunlinge«, sagt der Volksmund.
Dieser Spruch gilt natürlich nur für die bedauernswerten, unerfahrenen Erstlingsväter.
Die Geburt eines Kindes ist doch ein ganz normaler biologischer Vorgang, der auf der Welt bereits mehrere Milliarden Male stattgefunden hat.
Gegen die drohende Langeweile im Krankenhaus packe ich mir einige Krimis und auch ein Sudoku-Heft ein.
Ich bestelle nicht mal ein Taxi. Wir fahren ganz locker mit unserem eigenen Ford Transit in die Klinik und parken dort.
»Osman, warum fährst du zu Halle 4? Musst du denn heute arbeiten? Dann wäre es nett, wenn du mich vorher beim Krankenhaus absetzen würdest. Unsere kleine Hatice könnte nämlich jeden Moment kommen«, meint Eminanim.
»Oh, dieser freche Ford Transit fährt wohl, wohin er will! Ich muss mit ihm später mal ein ernstes Wort reden«, antworte ich souverän und ändere die Richtung. »Mal gucken, was es wird, Junge oder Mädchen?«, sage ich betont gleichgültig, damit meine Frau sich nicht weiter aufregt.
»Dass es ein Mädchen wird, wissen wir doch längst. Du hast für sie sogar schon den hübschen Namen ›Hatice‹ ausgesucht.«
»Namen darf man auch nicht überbewerten! Erst recht bei Ungeborenen«, antworte ich wieder richtig souverän. Einer von uns beiden muss ja den Überblick behalten.
»Osman, fahr bitte nicht überall bei Rot durch. So eilig ist es auch wieder nicht.«
»Wie bitte? Wo war denn hier eine Ampel?«
»Halt, stopp! Da war doch rechts eine riesengroße Parklücke!«
»Parklücke? Wofür? Du bist ja völlig durcheinander. Wollen wir denn jetzt nicht zum Krankenhaus fahren?«
»Ja, wollen wir. Und du bist gerade am Krankenhaus vorbeigefahren!«
»Was? Ach, in dieses Krankenhaus willst du diesmal?«
»Ja, wie bisher bei allen unseren Kindern. Dort haben wir doch denselben Kreißsaal reserviert wie beim letzten Mal.«
»Eminanim, reg dich bitte nicht auf und sei nicht so hysterisch wegen der Geburt. Das passiert doch täglich millionenfach auf der Welt. Komm jetzt«, beruhige ich sie und springe elegant und lässig aus dem Wagen.
»Osman, du bist ja mit deinen Pantoffeln gefahren. Hiiii ... hiiii ... hiiii ...«, lacht sie sich kaputt, sodass ich mir Sorgen machen muss, dass sie eine Frühgeburt erleidet.
Dann rennt sie sofort ins Krankenhaus rein und kommt mit zwei Schwestern und einem rollenden Bett wieder heraus. Die arme Eminanim! Sie kann sich überhaupt nicht mehr auf den Beinen halten und dreht sich fürchterlich. Mit ihr zusammen drehen sich das Bett und das gesamte Krankenhaus.
Die beiden Schwestern werfen mich auf das rollende, sich drehende Bett und schnallen mich fest.
Nach vier Stunden weckt mich meine Frau auf und meint: »Fehlalarm. Unsere kleine Hatice kommt heute doch noch nicht.«
»Das ist aber unverschämt. In dem Alter, quasi mit minus eins, kann so ein Mädchen doch nicht einfach kommen und gehen, wann es will«, schimpfe ich. »Die freche Hatice bekommt aber ’ne Tracht Prügel, wenn sie endlich da ist!«
»Osman, wir haben die Nase voll von deinen ewigen Lügen. Wir bringen dich um!«
Als meine Frau diesen anonymen Brief liest, wird sie kreidebleich.
»Osman, wer kann das bloß geschrieben haben?«
»Irgendjemand, der mich nicht mag«, sage ich kuul und souverän.
»Wie oft habe ich dir gesagt, dass du nichts Politisches schreiben sollst! Da draußen laufen massenhaft Fanatiker rum! Schreib doch mal einen schnulzigen Liebesroman mit viel Herzschmerz. Das kann doch jeder!«
Ich werde verrückt! Meine Frau macht sich Sorgen um mich. Diesen besonderen Tag sollte ich mir im Kalender ankreuzen.
»Wir müssen für dich sofort Polizeischutz anfordern«, stammelt sie.
»Ach, Mäuschen, ich hab doch keine Angst«, lächele ich wie John Wäyne.
Liebe Leserinnen und liebe Leser, euch kann ich ja verraten, dass ich mir diesen Brief selber geschrieben habe. Ich will damit in unsere leicht angestaubte Beziehung etwas Schwung bringen. Obwohl es schon ein Armutszeugnis für einen Ehemann ist, wenn er von seiner Frau nur dann beachtet wird, wenn ihn jemand umbringen will.
»Osman, höre zu: ›Das Fotomodell Lisa wird von den Männern umschwärmt. Aber zu keinem hat sie eine engere Beziehung – die Enttäuschung durch Daniel kann sie nicht vergessen. Als sie sich nach sieben Jahren wiedersehen, spürt Lisa sofort, dass er sie nie vergessen hat.‹«
Ich glaube, meine Frau ist vor lauter Angst völlig verrückt geworden.
»Eminanim, was ist denn los mit dir? Hab doch nicht so viel Angst wegen dem doofen Brief. Es wird schon alles gut werden.«
»Osman, du kapierst auch gar nichts! Ich hab dir nur die erste Seite aus einem Julia-Liebesroman vorgelesen. So etwas sollst du schreiben. Das sind Themen, die die Menschen bewegen. Und nicht so ein Schwachsinn wie Rassismus, Demokratie, Arbeitslosigkeit oder Wohnungsnot.«
In dieser Nacht schlafe ich seit Monaten wieder seelenruhig ein.
Ein herrliches Gefühl, zu wissen, dass die eigene Ehefrau sich um einen sorgt.
Am nächsten Tag stammelt meine Frau völlig müde: »Osman, ich habe die ganze Nacht kein Auge zumachen können.«
Weil ich ja weiß, dass es diesmal nicht nur an meinem Schnarchen lag, bekomme ich doch etwas Gewissensbisse.
»Eminanim, ich muss dir was gestehen. Ich selber habe diesen schrecklichen Brief geschrieben, um ein wenig Interesse von dir zu erhaschen.«
»Osman, das ist lieb von dir, dass du mich trösten willst. Aber diesen neuen Brief hier hat mir der Postbote gerade selber in die Hand gedrückt. Der Inhalt ist der gleiche.«
Bei Allah, das kann doch nicht wahr sein! Ich habe keinen zweiten Brief geschrieben!
Ich verstecke mich blitzschnell im Kleiderschrank und kreische: »Eminanim, ruf sofort die Polizei, die Feuerwehr, das Militär und die CNN. Ich brauche unbedingt Polizeischutz!!!«
Gott, ist das heute kalt!
Ich habe einen neu eröffneten Schnäppchen-Laden besucht und versuche nun, mit der Beute zu meinem Ford Transit zurückzukommen. Es ist bereits stockdunkel, es schneit immer noch und ich versuche, auf der vereisten Straße mit den gerade erworbenen zwei Dutzend Teegläsern, der Thermoskanne und dem großen Spiegel in den Händen zu meinem Auto zu balancieren.
Aber ich kriege die Autotür nicht auf. Das Schloss ist total vereist!
»Versuchen Sie es mal mit heißem Wasser«, sagt ein Passant im Vorbeirutschen.
Der Kerl kann noch denken. Mir ist inzwischen alles eingefroren. Inklusive Gehirn!
Ich stelle den Einkauf auf das Autodach und bewege mich ganz vorsichtig zur nächsten Haustür und klingele.
»Entschuldi...«
Patsch! Die Tür geht vor meiner Nase wieder zu! Ich rutsche ein Haus weiter.
»Entschuldigung ...«
Patsch! Toll! Der hat mir wenigstens gestattet, mich für meine Unverschämtheit zu entschuldigen.
Die nächste Tür öffnen drei hübsche Thailänderinnen gleichzeitig. Bei diesem Sauwetter laufen sie nur in Unterwäsche rum. Mir wird plötzlich ganz warm.
»Du nicht wollen reinkommen?«, zwitschern sie und stehen lächelnd in der Tür.
»Ich nicht können, mir alles eingefroren! Tot wie Schneemann«, antworte ich mit thailändischem Akzent.
»Nix Problem. Wir Profis, wecken Tote auf!«
»Na gut. Dann kommt mal mit zu meinem Ford Transit.«
Patsch! So hilfreich sind die Thailänderinnen wohl doch nicht.
Ich stampfe von der Thai-Bar zum nächsten Haus. Dort angekommen lässt mich die Oma vor der Tür stehen und geht in ihre Küche, um für mich Wasser zu kochen. Aber diese Oma bewegt sich noch lahmer als ich auf dem Glatteis.
Nach einer halben Stunde rufe ich durch das Schlüsselloch: »Bringen Sie mir bitte auch eine Möhre mit! Dann bin ich als Schneemann perfekt!«
Als sie endlich wieder da ist, schütte ich die Hälfte des kochenden Wassers auf meine Füße, um sie aus dem Packeis zu befreien. Meine Schuhe lösen sich auf, das Eis bleibt.
Das restliche heiße Wasser kippe ich auf das Schloss. Nichts! Der Schlüssel will immer noch nicht rein.
Ich bin mit den Nerven völlig am Ende! Ich suche mir jetzt einen dicken Stein, um die Seitenscheibe einzuschlagen.
Als ich mit dem Gullydeckel zurückkomme, sehe ich, wie ein Mann seelenruhig meine Autotür aufschließt, den Motor startet und wegfährt. Und ich sehe, wie nacheinander alle meine Teegläser, meine Thermoskanne und der große Spiegel vom Autodach fliegen und mit lautem Geschepper auf die gefrorene Straße krachen.
Bei Allah, ich habe die ganze Zeit ein völlig fremdes Auto mit Heißwasser begossen und verprügelt!
An meiner Möhre knabbernd krieche ich auf allen vieren zu meinem grasgrünen Ford Transit, der mutterseelenallein einen Wagen weiter auf mich wartet.
Heute wird unsere Tochter Hatice endgültig geboren.
Es gab schon Milliarden Geburten auf der Welt. So was ist völlig normal. Deshalb bin ich überhaupt nicht aufgeregt.
Am Eingang der Geburtsstation sehe ich meinen lieben Kumpel Hans, falle ihm erleichtert in die Arme und zeige ihm ein Ultraschallbild: »Ein Junge, Hans, ein hübscher Junge! Das ist es, schau es dir genau an!«
»Osman, auf Ultraschallbildern vom fünften Monat kann man nichts erkennen«, meint Eminanim. »Außerdem wird es ein Mädchen und das ist nicht dein Kollege Hans.«
»Wie? Der Mann ist nicht mein Kumpel Hans?«
»Nein, das ist die Reinigungsfrau.«
»Mann oder Frau! Wenn interessiert das denn schon? Reg dich nicht auf! Eine Geburt passiert doch täglich millionenfach auf der Welt!«, beruhige ich sie. »Eminanim, wollen wir unseren Sohn lieber Ali nennen? Ein schöner Name, nicht wahr? Es soll auf jeden Fall ein Name sein, den die Deutschen einfach aussprechen können, ohne ihn zu verhunzen! Falls der mal Bundeskanzler wird.«
»Ali ist kein hübscher Name für ein Mädchen!«
»Wird es etwa ein Mädchen?«
»Ja und du wolltest doch selber, dass unsere Tochter Hatice heißen soll.«
»Eminanim, schau dir bitte diese arme, zitternde Kreatur dort drüben an. Wie aufgeregt dieser Schwächling doch ist, nur weil er Vater wird. Ich lach mich kaputt!«
»Guten Morgen, Herr Engin, sind Sie arg aufgeregt?«, fragt mich die arme, zitternde Kreatur und entpuppt sich als der leitende Stationsarzt.
»Quatsch! Warum sollte ich denn?«, antworte ich total souverän und ruhig, während ich ganz leise und dabei betont kuul und elegant auf die kalten Fliesen sacke.
Mit meiner Frau zusammen schleppt mich der Arzt zu einem Stuhl, der im Flur steht.
»Herr Engin, Sie warten am besten hier. Und regen Sie sich bitte nicht auf«, belehrt mich der überhebliche Klugscheißer am frühen Morgen.
»Osman, was hältst du von Sudoku oder Krimi?«, ruft mir meine Frau aus dem Entbindungszimmer zu.
»Nein, Eminanim! Ich werde unseren Sohn auf keinen Fall Sudoku oder Krimi nennen! Die finde ich beide total hässlich!«
»Nein, nein, ich meine, mach doch Sudoku. Ich bin gleich fertig und hole dich dann ab.«
Ich schlucke ein paar Beruhigungstabletten – acht oder zehn Stück –, die ich eigentlich für meine Frau mitgenommen hatte, und komme auf dem Stuhl ins Taumeln, weil ich nicht weiß, wo ich mich festhalten soll. Das ganze Krankenhaus dreht sich fürchterlich wie ein außer Kontrolle geratenes Karussell.
»Herr Engin, geht’s Ihnen nicht gut?«, fragt mich die Hebamme, die aus dem Kreißsaal gestürmt kommt.
»Doch, doch, mir geht’s gut. Alles ist normal. Es sind schon Milliarden Karussells auf Erden geboren worden«, beruhige ich sie und klatsche zur Abwechslung bäuchlings auf den Boden.
»Herr Doktor, kommen Sie bitte schnell. Herr Engin ist ohnmächtig geworden. Er braucht Sie dringender als seine Frau«, ruft sie in den Entbindungssaal.
»Osman, das nächste Mal nehme ich dich ganz bestimmt nicht mit!«, schimpft Eminanim aufgeregt. »Wegen dir muss ich alle Kinder jedes Mal ohne ärztliche Betreuung ganz alleine zur Welt bringen, verdammt noch mal!«
Und mein kleiner Sohn Sudoku, der gerade das Licht der Welt erblickt hat, kreischt: »Üüüüüüüüweeee ... üüüüüwweeeeee ...«
Meine Frau Eminanim hat mich anscheinend mal wieder richtig satt.
Um mich loszuwerden, hat sie irgendwo in einem gottverlassenen Kuhdorf, namens Oberhausen-Osterfeld, eine Autorenlesung für mich organisiert.
»Osman, wenn dem Veranstalter deine Geschichten gefallen, dann wollen sie dir beim nächsten Mal sogar das Benzingeld erstatten«, sagt sie, während sie mich in den Ford Transit verfrachtet.
Nach drei Stunden bin ich auch schon in diesem Café, wo die Lesung stattfinden soll.
»Guten Abend, ich bin wegen der Lesung hier«, rufe ich.
»Dann haben wir ja schon zwei Leute«, freut sich der Kellner und zeigt mit dem Kopf auf einen sturzbesoffenen Penner, der in der Ecke hockt.
»Nein, ich bin derjenige, der hier lesen muss«, sage ich peinlich berührt.
»Na ja, einen Zuhörer haben Sie auf jeden Fall. Verglichen mit der letzten Lesung macht das auf einen Schlag 100 Prozent mehr Zuhörer«, meint er.
»Aber das auch nur, wenn wir den Kerl nicht vorher mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus einliefern müssen«, antworte ich besorgt und deute auf die vielen Bierflaschen auf seinem Tisch.
Nach 30 Minuten, als ich mit der Lesung anfangen will, sind wir mit dem Kellner und dem Besoffenen zusammen schon sechs Leute.
Ich fange sofort mit meinen lustigsten Geschichten an.
Aber kein Mensch rührt sich, niemand lacht!
Es herrscht eine Stimmung wie auf einer Beerdigung, nur etwas gedrückter.
Alle sind mucksmäuschenstill. Außer dem Besoffenen. Der hat mittlerweile angefangen, herzhaft zu schnarchen.
»Getränkepause«, brüllt der Kellner etwas später und erlöst mich endlich.
»Sagen Sie mal, sind die Leute hier alle taub? Nicht mal bei meinen besten Pointen haben die Ignoranten gelacht«, frage ich ihn genervt.
»Gab’s denn schon irgendwelche Pointen? Ich dachte, du hast sie für den Schluss aufgehoben«, lacht er heute zum ersten Mal.
Nach der Pause lese ich die nächsten fünf lustigsten Geschichten aller Zeiten vor.
Aber ich kann wieder niemandem auch nur das klitzekleinste Lächeln entlocken.
Ich weiß nicht, was ich noch machen soll. Ich bin mit meinem Latein und den Geschichten am Ende.
Plötzlich rutscht der Besoffene von seinem Stuhl und knallt voll auf den Boden.
Die Zuhörer flippen total aus und lachen sich kaputt. Auf einmal herrscht eine Bombenstimmung im Laden.
»Und mit dieser Super-Pointe will ich den Abend beschließen. Man muss nämlich aufhören, wenn es am schönsten ist! Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit«, rufe ich unter tosendem Beifall in die Runde.
Seitdem habe ich den ständig besoffenen Harald aus Oberhausen-Osterfeld fest unter Vertrag. Ohne ihn trete ich nirgendwo mehr auf!
Meine Frau Eminanim schleppt mich schon wieder in die Stadt, um irgendwelche Geschenke für irgendwelche Bekannten zu irgendwelchen Anlässen zu kaufen.
Am Bremer Marktplatz treffe ich zufällig meinen Kumpel Nedim, der seit vielen Jahren dort regelmäßig an einer Groß-Demo gegen Rassismus teilnimmt.
»Na, Nedim, heute wohl privat in der Stadt unterwegs«, grüße ich ihn.
»Osman, bist du blind? Siehst du denn nicht, dass ich schwer am Demonstrieren bin?«, empört er sich und steckt mir den dicken Stock seines Transparents fast in das rechte Auge.
»Rassismus macht blind!« steht darauf. Transparente gegen Rassismus leider auch!
»Du demonstrierst ganz alleine hier?«, wundere ich mich.
»Siehst du die ganzen Leute nicht, oder was?«, empört er sich weiter und holt mir diesmal fast das linke Auge raus.
»Das ist deine Groß-Demo, womit du überall angibst?«
»Zugegeben, so groß ist unsere Groß-Demo nicht. Mit nur zehn Teilnehmern eher eine Mittel-Demo, würde ich sagen. Sogar mit einer starken Tendenz zu einer Klein-Demo. In den ersten Jahren waren wir auch sehr enttäuscht, dass so wenige Menschen zu einer Groß-Demo gegen Rassismus kommen. Insbesondere kein einziger Deutscher. Wir haben ständig gehofft, dass sich doch noch ein paar Leute uns anschließen werden. Aber bisher leider vergebens.«
»Das sehe ich. Alle Fußgänger machen instinktiv einen riesengroßen Bogen um eure Groß-Demo herum«, bestätige ich.
»Was soll’s, es ist ja auch eine ernsthafte Groß-Demo und kein albernes Straßenfest, wo jeder Hans und Franz nach Lust und Laune einfach so, ohne irgendwelche politischen Absichten, mitmischen kann.«
»Heute fehlen aber auch gleich fünf Leute auf einmal«, stöhnt Nedims Frau Hümeyranim genervt. »Wie sollen wir denn mit so wenigen Menschen vernünftig demonstrieren?«
»Dass jedes Mal irgendwelche Leute fehlen, das ist doch ganz normal«, tröstet Nedim seine Frau. »Einige müssen halt ab und an zu Hause krank das Bett hüten, manche liegen im Krankenhaus und müssen operiert werden und einige haben es von Zeit zu Zeit mit der Hüfte oder den Knien und können nicht lange rumstehen. Wir sind nämlich mit unserer Demo zusammen auch in die Jahre gekommen.«
»Oh, was ist denn jetzt los?«, ruft Hümeyranim plötzlich aufgeregt. »Schaut doch, ein Deutscher hat sich zu unserer Groß-Demo hinzugesellt.«
»Ich fasse es nicht! Will dieser Mensch etwa mit uns zusammen demonstrieren?«, stammelt auch Nedim mit großen Augen.
»Keine Panik, Leute, regt euch nicht auf. Er ist sicherlich nur ein Tourist, der sich in der Innenstadt verirrt hat«, beschwichtige ich sie.
Niemand aus der Gruppe traut sich, den fremden Deutschen zu fragen, was er denn hier bei der Demo suche. So was Seltsames haben sie in den letzten 15 Jahren noch nicht erlebt!
Plötzlich rollt die fremde Person auch noch ein großes weißes Transparent auf.
»Freiheit für alle Rassen!« steht da mit dicken schwarzen Buchstaben geschrieben.
Mein Kumpel Nedim ist völlig sprachlos. Seine Frau Hümeyranim auch.
»Sie sind also auch gegen Ausländerfeindlichkeit, kommen Sie an meine Brust, ich gratuliere Ihnen«, rufe ich begeistert und küsse den Mann auf beide Wangen.
»Nö, eigentlich nicht so«, antwortet der sichtlich verwirrt.
»Aber Sie sind trotzdem irgendwie schon etwas gegen Rassismus, nicht wahr?«, frage ich nach.
»Klar, Chef! Deswegen bin ich doch hier, gegen Rassismus!«, bestätigt er energisch. »Alle Hunderassen müssen doch erlaubt sein! Auch meine Pitbull-Terrier!«
Ich bin spätabends auf dem Heimweg von Halle 4, da sehe ich, dass man mitten auf dem Bremer Marktplatz eine riesengroße Leinwand aufgebaut hat.
»Was wird denn hier gespielt?«, frage ich einen rumstehenden Mann.
»Das weißt du nicht? Das WM-Spiel wird doch gleich live übertragen«, brüllt er.
»Was für eine Weltmeisterschaft denn?«, frage ich völlig verdattert. »Hammerwerfen, Sackhüpfen oder Nasebohren?«
»Mann, lebst du auf dem Mond, oder was? Gleich geht die Fußballweltmeisterschaft los!«
Bei Allah, das kann doch gar nicht wahr sein! Ich dachte, eine WM findet alle vier Jahre statt! Die letzte in Brasilien war doch erst vor ein paar Monaten! Meine Frau hat wohl recht, ich habe tatsächlich Alzheimer!
Kurz danach wird das Spiel angepfiffen. Deutschland gegen DDR.
DDR?
Ich versuche, auf dem Platz Mesut Özil zu finden, finde aber unseren Kaiser, den guten alten Franz Beckenbauer! Und zusammen mit ihm Paul Breitner, Katsche Schwarzenbeck, Gerd Müller und Uli Hoeneß. Ist der schon wieder aus dem Knast raus?
Aber die laufen nicht als Funktionäre in Anzügen rum, sondern als Spieler in kurzen Hosen! Sie haben die komplette alte Weltmeistermannschaft von 1974 reaktiviert. Es stimmt also doch, dass Jogis Jungmillionäre inzwischen keine Lust mehr haben, sich fürs Vaterland zu schinden.
»Kannst du mal kurz auf meine Tasche aufpassen? Ich muss aufs Klo«, sagt jemand hektisch und stellt seine Tasche neben mir ab.
Und verpasst den tollen Schuss von Gerd Müller. Ein Bombenschuss! Und noch einer!
Bei Allah, irgendwo in der Nähe ist wirklich eine Bombe hochgegangen! Alles ist voller Rauch!
Die Zuschauer fangen an zu schreien und laufen um ihr Leben. Überall Blut und verletzte Menschen.
In dem Moment werfen sich zwei Polizisten auf mich und brüllen: »Das ist der Bombenleger, du verdammter Terrorist! Deine Tasche ist explodiert!«
»Die Tasche gehört mir nicht«, sage ich geschockt, während die beiden Polizisten auf mir rumtrampeln.
»Kollegen, hierher, hierher! Der islamistische Attentäter ist gefasst! War ja klar, dass sie für ihre Morde die Fußball-WM aussuchen würden!«
»Spinnt ihr? Ich wusste nicht mal, dass es heute ein WM-Spiel gibt!«, stöhne ich.
»Hey, lasst den Kerl los! Ich bin doch der echte Terrorist«, kommt zum Glück der Terrorist wieder zurück.
»Genau! Ihm gehört die Tasche. Endlich mal ein ehrlicher Terrorist«, freue ich mich und schnappe mir sein Hosenbein, damit er nicht wegläuft.
»Hey, lassen Sie meinen Fuß los. Das ist doch nur eine Großübung der Polizei. Hier wird ein Terroranschlag auf einer Fanmeile trainiert«, klärt mich der Terrorist auf.
»Wollen Sie etwa sagen, dass die Leute nicht verletzt sind und dass es keine WM gibt?«
»Nein, natürlich nicht!«
»Gott sei Dank, dann habe ich ja doch kein Alzheimer«, freue ich mich.
»Möglicherweise haben Sie wirklich kein Alzheimer«, tröstet mich der Terrorist. »Sie sind nur doof. Ist aber genauso unheilbar.«
Unsere kleine Hatice soll natürlich wie alle anderen Kinder in den Kindergarten gleich um die Ecke.
Also bringe ich sie morgens wie alle Väter aus unserer Straße gut gelaunt dahin, aber im Unterschied zu anderen Vätern nehme ich sie zu Tode betrübt gleich wieder mit nach Hause!
Sie heult so höllisch laut, ausgiebig und tränenreich, dass ich keine andere Wahl habe, als mit ihr wieder umzukehren.
Hatice will partout nicht in den Kindergarten!
Die anderen Väter haben überhaupt kein Verständnis dafür: »Als Vater musst du doch Stärke zeigen und darfst auf keinen Fall klein beigeben«, tadeln sie mich einhellig.
»Ich würde ja gerne nicht sofort nachgeben«, sage ich, »aber sie weint so laut und will unbedingt wieder nach Hause und dazu ist sie auch noch meine eigene Tochter!«
Alle meine drei starken Argumente schmettern sie umgehend als Unfug ab. Genauso wie unser Hausmeister Herr Krummsack, der selbst ernannte Kinderpsychologe: »Sie dürfen sich doch nicht von so einem Balg auf der Nase rumtanzen lassen«, schimpft er mit mir. »Ich würde die Göre einfach am Arm packen und zack, zack im Kindergarten abgeben! Basta! Sollen sich die Tanten dort mit dem Nervblag rumärgern, das ist schließlich deren Job!« Schade nur, dass der Herr Krummsack mir den Beweis für seine tolle Behauptung für immer schuldig bleiben wird, denn schlauerweise hat er gar keine Kinder.
»Osman, du musst endlich ein Machtwort sprechen, verdammt!«, schimpft auch noch Eminanim mit mir.
Daraufhin frage ich Hatice unmissverständlich: »Kind, willst du heute in den Kindergarten oder willst du zu Hause bleiben?«
»Zu Hause bleiben, was denn sonst! Kindergarten ist bäääh!«
Dann haue ich laut auf den Tisch und spreche klipp und klar ein Machtwort: »Hatice bleibt heute zu Hause!«
»Wenn du als Vater so unfähig bist, deine kleine Tochter im Kindergarten abzugeben, dann musst du selber auch schön zu Hause bleiben und auf sie aufpassen«, stellt Eminanim fest.
Also nehme ich unbezahlten Urlaub, bleibe mit Hatice zu Hause und löhne natürlich weiterhin monatlich 250 Euro für den Kindergarten.
Hatice sieht aus dem Fenster den Nachbarsjungen Deniz, der heute auch zu Hause geblieben ist.
»Papa, Papa, Deniz geht auch nicht in den Kindergarten«, ruft sie triumphierend.
»Der Deniz ist ja auch sehr krank, deswegen geht er nicht in den Kindergarten«, sagt Eminanim.
Zehn Minuten später finde ich Hatice im Garten, wie sie sich im dünnen Püijama im Schnee wälzt, um auch krank zu werden.
Ich finde es rührend, wie meine Tochter verzweifelt versucht, mir einen triftigen Grund zu verschaffen, sie nicht im Kindergarten abzuliefern. Es tut ihr wohl leid, wie ich von allen Seiten wegen ihr so übel angemacht werde.
Am nächsten Tag schlägt Hatice vor, sie zum Kinderarzt zu bringen, obwohl sie kein bisschen krank ist. Ich finde, dass das ein guter Kompromiss ist, wenn sie schon nicht in den Kindergarten geht.
»Herr Engin, Ihr Kind muss in den Kindergarten! Wenn Sie das jetzt nicht schaffen, dann schaffen Sie es nächstes Jahr auch nicht«, fängt der Arzt auch sofort an zu schimpfen.
Die anderen Väter und Mütter in der Arztpraxis schauen mich höchst verärgert an und schütteln verständnislos den Kopf.
Auf dem Nachhauseweg sagt Hatice völlig unerwartet: »Papa, lass uns doch mal in den Kindergarten gehen!«
Auf einmal bin ich der glücklichste Vater der Welt!
Ich lasse mein plötzlich aufgetretenes Glück auch nicht von der Tatsache schmälern, dass es bereits nach 15 Uhr ist und die Leiterin gerade dabei ist, die Außentür des Kindergartens abzuschließen.
»Herr Engin, gehen Sie ruhig rein. Ich gebe Ihnen den Ersatzschlüssel. Vielleicht gewöhnt sich Hatice ja so an den Kindergarten«, schlägt die Erzieherin vor.
Wir gehen rein und fühlen uns auf Anhieb pudelwohl.
Wir malen stundenlang tolle Bilder, wir basteln aus Knete viele kleine Tierchen und bauen mit den Legosteinen ein riesengroßes, hübsches Schloss für eine Prinzessin.
Und in der Tat gewöhnt sich Hatice dadurch doch noch an den Kindergarten.
Jeden Nachmittag, von 15 bis 18 Uhr, gehe ich jetzt mit ihr zusammen in den Kindergarten und wir beide sind endlich sehr, sehr glücklich!
Meine Tochter Nermin will schon mit 17 Jahren ihren Führerschein machen, obwohl ich dagegen heftig interveniere, weil ich ja das Ganze letzten Endes bezahlen muss.
»Papa, rück mal die 300 Euro Anmeldegebühr raus«, flötet sie gut gelaunt.
Wenn Nermin den Lappen erst mit 18 macht und dann auf die hilflose Menschheit losgelassen wird, muss ich zwar auch 300 Euro Anmeldegebühr abdrücken, aber wer weiß, was bis dahin alles passiert, so wie die Weltlage in der Ukraine, Syrien und der Türkei aussieht. Vielleicht erhöht ja auch ein vernünftiger Politiker das Mindestalter für den Führerschein von 17 auf 67! Meine Stimme hätte dieser weitsichtige Politiker mit Sicherheit. Mit 67, wenn man Rentner ist, hätte man auch genug Zeit für solche schrägen Hobbys wie Autofahren.
