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Wilde Herzen kann nur das Outback zähmen! Dramatisch, romantisch und einfach wunderschön: Teil drei der Outback-Sisters-Serie um drei Schwestern im westlichen Australien und die Irrungen und Wirrungen der Liebe Als Ärztin führt Beth, die dritte der Paterson-Schwestern, ein perfekt organisiertes Leben – bis sie ihr Herz ausgerechnet an den in ganz Australien beliebten Countrysänger Charlie Campbell verliert. Doch mehr als eine stürmische Affäre scheint mit Charlie nicht möglich zu sein, zu groß ist seine Ruhelosigkeit. Bei aller Leidenschaft, die er für Beth empfindet, kann er mit ihrem Hang zur Perfektion und ihren tiefen Wurzeln in Mount Clare wenig anfangen. Erst als Beth Charlie mit einem kranken Familienmitglied hilft, geraten seine Überzeugungen ins Wanken. Kann Beth mit Vertrauen und Verständnis Charlies Herz doch noch gefangen nehmen? Mit ihrer Outback-Sisters-Serie um die drei Schwestern Willow, Free und Beth Paterson hat Sasha Wasley drei wunderschöne Liebes-Romane geschrieben, die im wild-romantischen westlichen Australien angesiedelt sind. Willow bekommt in »Outback Dreams. So weit die Liebe reicht« eine zweite Chance mit ihrer Jugend-Liebe, während sich die rebellische Free in »Outback Kiss. Wohin das Herz sich sehnt« ausgerechnet in einen Cop verliebt.
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Seitenzahl: 533
Veröffentlichungsjahr: 2020
Sasha Wasley
Roman
Aus dem australischen Englisch von Veronika Dünninger
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Ein Jahr später
Danksagung
Gewidmet den Menschen von Kimberley, die mich zu den Geschichten der Outback-Sisters-Serie inspiriert haben.
Beth lehnte sich keuchend gegen einen Zaunpfosten und blickte über die rote Erde der Koppel.
Der Lauf zum Paterson-Downs-Gatter und zurück war nur drei Kilometer lang, aber es war die beste Laufstrecke der Farm. Die geradeste, flachste, am wenigsten staubige Strecke. Keine Kuhfladen. Und selbst ein kurzer Lauf war immer noch besser als gar kein Lauf.
Sie wandte sich um und betrachtete das Haus. Hoffnungslos veraltet. Wie oft hatte sie ihrem Vater oder Willow sanft nahegelegt, es zu renovieren? Aber Barry schien ihr kaum zuzuhören, und Willow warf ihr jedes Mal diesen Blick zu, der besagte: »Bist du übergeschnappt?« Willow liebte das alte Farmhaus und schien blind dafür, wie unmodern es war. Aber es bräuchte nur ein bisschen Putz auf dem tiefbraunen Backstein – vielleicht ein dunkles Grau – und einen klassischen steinernen Portikus genau über diesem lächerlichen Türbogen …
Was hatte es für einen Sinn, sich Renovierungsmaßnahmen für das Paterson-Downs-Farmhaus vorzustellen? Selbst wenn es Beth gelang, ihren Vater zu überzeugen, würde Willow einfach ihr Veto gegen die Idee einlegen. Beths Blick fiel auf die mit Drachen verzierte Türglocke ihrer Mutter, die sanft in der morgendlichen Brise baumelte, und ihr wurde etwas weicher ums Herz. Es gab ein paar Dinge an der alten Farm, die selbst sie nicht ändern würde.
Willow kam aus dem Haus und überprüfte die Stiefel, die ihren festen Platz auf der Türschwelle hatten, auf Schlangen oder Kröten. Dann bemerkte sie Beth.
»Schönen Lauf gehabt?«
Beth nickte und kam auf sie zu. »Ein bisschen kurz, aber jetzt ist es sowieso schon zu heiß zum Laufen. Ich habe verschlafen.«
»Es ist erst acht«, erwiderte Willow. »Und es ist Sonntag. Ich denke, du darfst ruhig ein bisschen ausschlafen, nachdem du dich die ganze Woche mit den Kranken von Mount Clair herumgeschlagen hast. Für manche Leute ist es immer noch grausam früh.«
»Aber für dich ist es schon spät am Tag«, entgegnete Beth lächelnd. »Was hast du heute Morgen vor?«
»Tom und ich fahren rüber nach Quintilla. Die Ziegen sind eingetroffen!« Willows dunkle Augen glänzten.
»Oh, wie aufregend! Kommen irgendwelche davon nach Patersons?«
»Noch nicht. Die hier stammen aus biologischer Aufzucht, daher sind sie schon zertifiziert. Wir werden sie auf Quintilla lassen, bis Patersons vollständig zertifiziert ist, damit sie ihr Biosiegel nicht verlieren.«
Tom trat hinter Willow aus dem Haus. Wo sein Hut gesessen hatte, waren seine blonden Haare an den Kopf gedrückt. »Du warst joggen, Beth? Verrückte Frau.«
Beth wischte sich mit einem Arm über die Stirn. »Im Gegensatz zu euch beiden leiste ich keine harte, körperliche Arbeit, die mich fit hält. Ich muss etwas tun.«
Willow lachte. »Darum joggst du nicht.«
Beth sah sie verblüfft an. »Warum sollte ich es denn sonst tun?«
Willow zögerte kurz. »Ich weiß nicht. Ich dachte, für dich sei das Stressabbau.« Beth zog die Augenbrauen hoch. »Niemand muss jeden Morgen und Abend über eine Stunde joggen, um sich fit zu halten, oder?«
Wenn man es so ausdrückte, klang es tatsächlich fanatisch. Beths Wangen erwärmten sich. »Ja, ich nehme an, es ist eine gute Möglichkeit, um runterzukommen.«
Tom stieß Willow in die Seite. »Die Ziegen warten auf keinen Mann – und keine Frau.«
»Komme schon!« Willow trat auf Beth zu, um sie zu umarmen. »Nur falls du schon weg bist, wenn ich wiederkomme.«
»Ich bin ganz verschwitzt«, protestierte Beth.
»Ja, voll eklig – mach mir bloß keinen Schweiß auf mein Sweatshirt.« Willow grinste und eilte Tom hinterher.
Beth sah zu, wie die beiden in ein Farmfahrzeug kletterten und angeregt über ihr neues Vieh diskutierten. Willow war erst seit gut zwei Monaten schwanger und hatte bisher noch keinen nennenswerten Babybauch, aber bald würde sie es der Welt sagen müssen. Die ganze Aufmerksamkeit, die darauf folgen würde, würde Willow so unangenehm sein – und Tom würde sie genießen. Beth lächelte bei dem Gedanken, und ihr wurde warm ums Herz. Tom Forrest war der einzige Mann, den sie für ihre geliebte Schwester als gut genug erachtete – der einzige Mann, dem sie wirklich vertraute, dass er Willow richtig zu schätzen wusste. Und dass er ihr niemals wehtun würde.
Was Frees Freund, Finn, betraf – na ja, da war sich Beth noch nicht ganz sicher. Er schien Free, die jüngste der Paterson-Schwestern, so anzuhimmeln, wie sie es verdient hatte, und er gab ihr auf jeden Fall einen gewissen Halt. Zum ersten Mal in ihrem Erwachsenenleben schien Free glücklich damit, länger als ein paar Monate am Stück an einem Ort zu bleiben. Finn war jetzt seit fast einem Jahr in ihrem Leben, aber Beth würde ihr Urteil zurückbehalten, bis er noch ein paar mehr geblieben war. Beth dachte an Frees strahlendes, offenes Gesicht und ihr weiches goldblondes Haar, und sie wurde von einem solch heftigen Schwall von Liebe überwältigt, dass es ihr fast den Atem raubte. Wenn er Free wehtat, dann sollte Constable Finn Kelly sich besser vor Beths Zorn in Acht nehmen.
Sie winkte Tom und Willow zum Abschied und ging ins Haus, um etwas zu trinken. Barry saß vor dem Fernseher, den Ton leise gestellt, und grübelte stirnrunzelnd über seinem Pflanzkalender.
»Morgen, Schatz. Warst du draußen joggen? Ist verdammt heiß. Du wirst noch einen Hitzschlag kriegen, wenn du nicht aufpasst.«
»Es geht mir gut, Dad. Ich bin’s gewohnt.«
»Hmm.« Er konzentrierte sich wieder auf seinen Kalender, während sie sich den Wasserkrug aus dem Kühlschrank holte. »Willst du ein Tässchen Tee, Bethie?«
»Noch nicht. Ich will erst duschen. Hast du schon gegessen? Lust auf ein warmes Frühstück?«
Barrys Miene hellte sich auf. »Mit Eiern und Speck?«
»Dad.« Sie musste nicht mehr sagen. Er hob eine Hand, als wollte er sich ergeben. »Pochierte Eier auf Toast«, sagte sie.
»Klingt wunderbar, Schatz. Sag’s nicht deiner Schwester, aber du wirst immer die verdammt beste Köchin in Mount Clair sein.«
Beth konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Bei Mum in die Lehre gegangen – der Meisterköchin. Aber du findest doch nur, dass ich besser als Willow bin, weil ich mit Fleisch koche.«
Er kicherte. »Nein, du hast magische Hände. Geh duschen, und ich setze inzwischen Wasser auf.«
Beth genoss den langsamen Tagesbeginn auf der Farm. Sie plauderte und scherzte mit ihrem Vater und fand in der Waschküche etwas frische Wäsche, die sie zusammenlegte, da sie wusste, wie hart Willow und Tom arbeiteten. Wenn sie zu ihrem Kindheitszuhause zurückkehrte, fühlte sie sich jedes Mal ermahnt, in ihrem Leben einen Gang zurückzuschalten – oder es zumindest zu versuchen.
Auf der Fahrt zurück in die Stadt am Nachmittag dachte Beth über die nächsten paar Tage nach. Sie erschienen ihr schon jetzt wie der reinste Wahnsinn. Am Montag hatte sie bis sechs Uhr Termine in der Praxis, und sie musste immer noch Paul oder Carolyn fragen, ob sie irgendwelche ihrer späten Termine am Dienstagnachmittag übernehmen könnten, da die Madjinbarra-Interessenvertreter um fünf Uhr ein Sondermeeting einberufen hatten. Dann hatte sie um sieben einen Networking-Empfang. Sie hoffte, dass es dort etwas zu essen gab, denn bei dem Tempo würde sie von Glück reden können, wenn sie zwischendurch einen Happen einschieben konnte. Außerdem musste sie Termine für ihre eigenen Untersuchungen vereinbaren: eine Mammografie und ein Gebärmutterhalskrebs-Screening. Sie hatte nie ein anormales Ergebnis gehabt, aber bei ihrer familiären Vorbelastung war es besser, wachsam zu sein.
Ihre Gedanken kehrten zurück zu dem Meeting der Interessenvertreter. Sie war sich nicht sicher, warum das Meeting einberufen worden war – es war außerplanmäßig. Ihr erster Gedanke war: Finanzierung. Nach Beths Erfahrung ging es bei den meisten außerordentlichen Meetings um Finanzierungsprobleme. In dem Ministerium, das ihre Arbeit als fliegende Ärztin für Madjinbarra finanzierte, änderte sich ständig irgendetwas, und sie hatte gesehen, wie ganze Programme im Handumdrehen über den Haufen geworfen wurden. Beth hoffte, dass das nicht das Schicksal des Madjinbarra-Programms sein würde. Die Leute brauchten die ärztlichen Besuche, und Beth schätzte ihre regelmäßigen Touren dorthin, um die Mitglieder dieser entlegenen Outback-Gemeinde zu sehen. Die Arbeit sorgte dafür, dass sie einmal im Monat für ein paar Tage aus der Stadt kam, und sie stand mit vielen Leuten dort in Kontakt und leistete einen Beitrag zu ihrer Gesundheit. Ihre Gedanken blieben an Pearl hängen, dem großäugigen kleinen Mädchen, das an Zerebralparese litt, und seiner älteren Schwester, Jill. Diese beiden hatte Beth besonders in Herz geschlossen. Ihre liebevollen Gedanken trübten sich für einen Moment ein, während sie über Pearl nachgrübelte. Wenn sie doch nur in Mount Clair leben würde. Das Kind brauchte mehr Fürsorge, als es in der kleinen Stadt dort draußen bekommen konnte.
Sie würde die Angelegenheit mit Mary Wirra erörtern, wenn sie sie das nächste Mal sah. Als Vormund der Mädchen und eine der Gemeindeältesten würde Mary bestimmt Optionen für Pearls Wohlbefinden ausloten wollen.
Beth war bereits erschöpft, als sie am Dienstag zu dem Madjinbarra-Meeting im Ministerium für Gemeindeangelegenheiten fuhr. Sie war am Abend zuvor zum Krankenhaus gerufen worden, als dort wegen eines unerwarteten Ansturms in der Notaufnahme Ärzteknappheit herrschte. Sie war erst um zwei Uhr morgens ins Bett gekommen und um sechs wieder auf den Beinen gewesen, um sich für die Arbeit fertig zu machen.
Vielleicht werde ich den Networking-Empfang später sausen lassen … Aber eine Gelegenheit, ihr Geschäft auszubauen und Kontakte zu den treibenden und einflussreichen Kräften von Mount Clair zu pflegen, wollte sie sich nur ungern entgehen lassen. Beth seufzte, während sie das »Biest« in eine der schrägen Parklücken vor dem Ministerium lenkte. Irgendwo würde sie Abstriche machen müssen, und der Empfang der Handelskammer war das, worauf sie an diesem Tag noch am ehesten verzichten könnte. Sie war auch nicht joggen gewesen, wie sie sich schmerzlich erinnerte.
Das große Büro mit dem abgelaufenen Teppichboden war voller Leute, und Beth bekam einen kleinen Schock, als sie Mary Wirra und Harvey Early erkannte. Sie waren die ranghöchsten Mitglieder der Madjinbarra-Gemeinde, aber es kam nicht oft vor, dass sie nur für ein Meeting den weiten Weg hierher auf sich nahmen. Es musste etwas Ernstes sein. Mary entdeckte sie und winkte, daher gesellte sich Beth zu ihnen und küsste Mary zur Begrüßung auf die Wange.
»Hi, Mary, Harvey. Was gibt’s?«
Mary verzog das Gesicht. »Einen Riesenärger gibt’s, Doc. Gargantua will ein Bergbaucamp errichten.«
Beth verstand sofort. Der Bergbaukonzern Gargantua besaß eine Pacht nahe der kleinen Stadt. Die Madjinbarra-Gemeinde lebte seit Jahrzehnten unter der Bedrohung, dass Gargantua seine Rechte einfordern könnte.
»Oh, nein«, seufzte sie.
»Wir haben bereits Nein zu einem Arbeitercamp in Madji gesagt«, sagte Harvey zu ihr. »Aber sie geben keine Ruhe und sagen ständig, dass sie Geld und Arbeit in die Gemeinde bringen werden.«
»Und andere Dinge«, murmelte Mary.
»Ausgeschlossen, haben wir zu ihnen gesagt«, fuhr Harvey fort. »Und jetzt haben sie vor, das Arbeitercamp stattdessen bei der Mine zu errichten. Billy und ich sind neulich dort hinausgefahren, um zu sehen, wie weit es ist. Haben von Madji keine Stunde dorthin gebraucht.«
Beth schüttelte den Kopf. »Das ist zu nah.«
»Wir haben das Camp in Madjinbarra vor vierzig Jahren errichtet, um vom Stadtleben wegzukommen.« Marys Stimme bebte vor Emotion. »Wir wollen nicht, dass unsere jungen Leute in Alkohol und Ärger hineingezogen werden.«
Beth drückte Marys Hand. Sie wünschte, sie könnte irgendetwas sagen, um die Frau zu beschwichtigen. Sie fragte sich, warum sie selbst zu diesem Meeting einbestellt worden war – es war schließlich nicht so, dass Beth ein Wort dabei mitzureden hatte, was passierte. Sie sah sich um und entdeckte Lloyd Rendall, einen hiesigen Anwalt, und ein paar Anzugtypen, die von Gargantua sein mussten. Dann waren da noch Leute vom Ministerium, die sie kannte, und ein paar unbekannte Gesichter – insgesamt dreißig oder mehr Leute.
»Habt ihr irgendeine juristische Vertretung?«, fragte sie.
»Noch nicht«, antwortete Mary.
»Das ist erst der Anfang«, meinte Harvey. »Pass nur auf. Sie haben uns einbestellt, um uns zu zeigen, wie klein wir im Vergleich zu ihren ganzen Managern und Anwälten sind.«
Beths Stimmung sank noch tiefer. Da hatte er vermutlich recht.
»Aber wir haben ein paar gute Leute.« Mary versuchte, Harvey aufzumuntern. »Doc, wir können uns doch darauf verlassen, dass du uns unterstützt?«
»Natürlich.«
Mary strahlte sie an. »Und mein Neffe. Er ist berühmt. Er kommt heute Nachmittag auch. Er wird für uns eintreten.«
Lloyd bat alle um Aufmerksamkeit und lud sie ein, im großen Konferenzraum Platz zu nehmen, wo zu diesem Zweck Stühle aufgestellt waren. Er selbst, in einem gut geschnittenen Anzug, nahm seine Position vorn im Raum ein. Heute hatte er sich in Schale geworfen, um Eindruck zu machen. Im Allgemeinen trug Lloyd Khakihosen und kurzärmelige Button-down-Hemden, die sich über seinem leichten Bierbauch spannten. Gargantua musste einer seiner wertvollsten Mandanten sein, dachte Beth. Vermutlich hatte ihn die Gargantua-Rechtsabteilung als einheimisches Gesicht hierher abgeordnet.
Lloyd nickte ein-, zweimal mit seinem ergrauenden Haupt und dankte allen für ihr Kommen. »Ich bin für dieses Meeting heute Abend als neutrale Partei hier«, erklärte er. »Ich werde lediglich als Vermittler der Denkfabrik fungieren.«
Im Haifischbecken, wohl eher. Beth war vage bewusst, wie weitere Leute eintrafen und hinter ihr Platz nahmen, während Lloyd das Team von Gargantua und die Madjinbarra-Ältesten vorstellte. Diese Angelegenheit würde die Gemeinde eindeutig polarisieren.
»Wie Sie alle sicher wissen, sind wir heute hier, um über die Bergbaumine zu sprechen, die nahe der Outback-Gemeinde Madjinbarra in Betrieb gehen soll. Wenn die Mine vom Bergbauministerium genehmigt wird, werden die Gargantua-Angestellten ein Arbeitercamp benötigen, aber Vertreter der Madjinbarra-Gemeinde haben in dieser Hinsicht ein paar Bedenken. Gargantua vertritt den Standpunkt, dass sie dringend benötigte Verbesserungen nach Madjinbarra bringen können – Arbeitsplätze, Geschäfte, Freizeiteinrichtungen und so weiter. Ich bin sicher, Sie alle wissen, dass das, was dort draußen in Madjinbarra derzeit vorhanden ist, weit unter dem Standard ist. Die wenigen Hundert Leute, die dort leben, haben natürlich elektrischen Strom und Wasser. Aber es ist Wasser, das aus einem Bohrloch gepumpt wird, und es gibt dort draußen kaum Telefon- oder Internetempfang – bestenfalls eine launische Satellitenverbindung. Es gibt eine kleine Kooperative, die hauptsächlich abgepackte Grundnahrungsmittel verkauft; eine heruntergekommene, unzureichend ausgestattete Schule und eine Ambulanzklinik, die einmal im Monat von einer fliegenden Ärztin besucht wird.« Lloyd hielt einen Moment inne und sah sich um. »Nicht das, was man eine blühende Metropole nennen würde.«
Beth machte ein finsteres Gesicht. Das war so unfair. Ja, der Ort war ein etwas raues Pflaster – wenn Beth dorthin kam, hatte sie jedes Mal das Gefühl, in einem anderen Land zu sein –, aber sie verstand genau, warum die Menschen ihn schätzten. Er war seit Generationen eine Oase der Ruhe für seine Bewohner. Die Kinder dort wurden von einem engagierten Team von Lehrkräften unterrichtet, darunter Einheimische, die speziell dafür ausgebildet worden waren. Einige der Kinder waren noch nie in einer Großstadt gewesen. Die Gemeinde nahm gelegentlich Außenseiter auf und resozialisierte sie – Leute mit Aborigine-Herkunft, die mit Problemen zu kämpfen hatten, die von einem anhaltenden kulturellen Trauma herrührten. Beth kehrte von ihren monatlichen Besuchen immer ganz quirlig und energiegeladen zurück; ihr Glaube an die Menschheit war dann jedes Mal wiederhergestellt.
»Der Zankapfel, soweit ich verstanden habe«, fuhr Lloyd fort, »ist der Ausschank – das Pub. Ein Arbeitercamp braucht ein Pub, sonst wird man sich schwertun, Arbeitskräfte zu gewinnen. Aber die Madjinbarra-Ältesten bringen vor, dass sie eine trockene – alkoholfreie – Gemeinde sind, und das seit ungefähr …« – er sah auf seine Unterlagen – »… fünfzehn Jahren. Und sie sind ein bisschen besorgt, dass ein Ausschank in der Nähe Probleme in der Stadt verursachen könnte. Nun, ich denke, es wäre an diesem Punkt von Vorteil, einige der Beteiligten anzuhören.«
Lloyd erteilte als Erstes einem der Gargantua-Manager das Wort. Der Typ redete von den reichen Bodenschätzen, die durch Vorarbeiten ausfindig gemacht worden waren, und den potenziellen steuerlichen Vorteilen für die Madjinbarra-Gemeinde. Er achtete darauf, allen in Erinnerung zu rufen, dass Gargantua kein Aborigine-Land verletzen würde – der Standort der geplanten Mine befand sich genau außerhalb des rechtmäßigen Aborigine-Gebiets, auf dem sich Madjinbarra befand. Er ließ all die richtigen Worte einfließen: »Gemeinde-Partnerschaft«, »Engagement«, »finanzielle Stärkung«. Beth seufzte innerlich auf. Es würde ein harter Kampf werden.
Harvey stand auf, um als Nächster zu sprechen, und er redete nicht um den heißen Brei herum. Er erklärte rundheraus, die Gemeinde sei nicht interessiert an Gargantuas steuerlichen Vorteilen und wolle so bleiben, wie sie sei. Beth spendete ihm innerlich Beifall, aber objektiv betrachtet, wusste sie, dass er nicht so überzeugend war wie der Gargantua-Typ – nicht für die Entscheidungsträger.
»Es gibt einige Bedenken hinsichtlich des Problems der Gesundheitsversorgung in der Gemeinde«, begann Lloyd, als er wieder das Wort ergriff. »Dr. Paterson, Sie statten der Gemeinde im Rahmen des Outback-Gesundheitsprogramms regelmäßig einen Besuch ab. Soweit ich weiß, sind Sie besorgt, dass einige Einwohner von Madjinbarra nicht die nötige Versorgung bekommen können, da sie so weit entfernt von medizinischen Einrichtungen sind, richtig?«
Beth lief es eiskalt über den Rücken. Auf einmal wusste sie, warum sie eingeladen worden war. Beim letzten Networking-Event der Handelskammer hatte sie mit Lloyd geplaudert. Er hatte sie nach ihrer Rolle bei der ärztlichen Versorgung der Gemeinde gefragt. Ohne zu ahnen, dass Gargantua nach Informationen angelte, hatte sie gesagt, es sei eine dankbare Aufgabe, aber eingeräumt, sie sei besorgt um ein Kind, das mehr Fürsorge benötigte, als es dort draußen in der Gemeinde bekommen konnte.
Beth sah, wie Harvey sie schockiert ansah, und sie stand auf und setzte eine neutrale Miene auf. »Das ist nicht richtig. Das Outback-Gesundheitsprogramm funktioniert extrem gut für die Madjinbarra-Gemeinde.«
Lloyd legte die Stirn in Falten. »Soweit ich weiß, gibt es dort draußen Mitglieder der Gemeinde, die eine spezialisiertere Versorgung benötigen, als ein Allgemeinarzt durch monatliche Besuche bieten kann. Ein Kind mit einer angeborenen Behinderung, richtig?«
»Nicht ganz, Mr. Rendall. Es gibt ein Kind mit Zerebralparese. Hin und wieder wird sie eine spezialisierte Versorgung benötigen. Aber ihre Familie kümmert sich hervorragend um sie, und sie hat alle Hilfsmittel, die sie in ihrer Entwicklungsphase braucht.«
»Und die anderen? Nach meiner Kenntnis gibt es ein paar ältere Erwachsene mit Diabetes, Herzkrankheiten, einen Krebspatienten in Genesung. Keiner von denen benötigt mehr als einen monatlichen Besuch durch einen fliegenden Allgemeinarzt, nicht einmal bei solch schwerwiegenden Erkrankungen?« Lloyd hielt ihrem Blick stand, mit ausdrucksloser Miene.
Idiot. Er hatte seine Hausaufgaben gemacht. Neutrale Partei, dass ich nicht lache. Er war ausschließlich für Gargantua hier.
»Es steht mir nicht zu, das zu beurteilen«, erwiderte sie, während sie ihn unverwandt ansah. »Die Arbeitsgruppe des Outback-Gesundheitsprogramms hat umfassende Untersuchungen angestellt und hält einen monatlichen Besuch durch einen Allgemeinarzt in der Gemeinde für angemessen, in Ergänzung zu dem medizinischen Fachpersonal in Madjinbarra natürlich – einer sehr kompetenten Krankenschwester und einer Aborigine-Gesundheitsbeauftragten.«
Hinter ihr wurde ein Geräusch laut – jemand anders stand auf. »Entschuldigen Sie, Lloyd«, hörte sie Marys Stimme. Beth setzte sich wieder, froh, aus der Schusslinie zu sein. »Mein Neffe ist eigens nach Mount Clair gekommen, um für unsere Gemeinde die Stimme zu erheben. Er ist in ganz Australien bekannt, und die Fernseh- und Radiosender sind sehr interessiert an dem, was er zu sagen hat. Er ist heute Abend hier und hat euch Gargantua-Typen ein paar Dinge zu sagen.«
Lloyds Blick huschte durch den Raum und landete irgendwo hinter ihr – vermutlich auf Marys Neffen. Beth bemerkte mit einer gewissen Befriedigung, wie ein Anflug von Unbehagen über Lloyds Gesicht huschte. Er warf sogar einen raschen Blick hinüber zu den Gargantua-Typen. Das muss etwas Gutes bedeuten. Beth wandte sich um, um sich diesen Neffen selbst anzusehen, während sie sich fragte, wer wichtig genug sein könnte, um Lloyd Rendalls Pokermiene zu erschüttern.
Oh, verdammt.
Charlie Campbell. Es war siebzehn Jahre her.
Natürlich, er war seit dieser Zeit oft nach Mount Clair zurückgekommen. Er hatte im Mounties Hotel gespielt und später, als seine Gesangskarriere richtig abhob, beim Viehtrieb-Festival. Er galt als einheimisches Talent, und Mount Clair war stolz auf ihn, obwohl die Stadt tatsächlich nur für dieses eine Highschooljahr sein Zuhause gewesen war.
Highschool.
Beth versuchte – vergeblich –, die Erinnerung auszublenden. Sie wusste, dass Charlie in einer Outback-Gemeinde gelebt hatte, bevor er nach Mount Clair gekommen war, aber sie hatte keine Ahnung gehabt, wo. Sie hatte mit Sicherheit nicht vermutet, dass es genau dieselbe Gemeinde war, in der sie jetzt drei Tage im Monat arbeitete. Niemand in der Gemeinde trug den Namen Campbell.
»Die Madjinbarra-Ältesten haben mich hierher eingeladen, um bei dieser Angelegenheit mitzureden«, begann Charlie, während er sich erhob und die Arme vor der Brust verschränkte.
Beth musterte sein ernstes, sonnengebräuntes Gesicht mit den verblüffend grünen Augen, seinen leicht ironischen Mund und die dichten langen Haare, die er sich regelmäßig mit einer ungeduldigen Handbewegung aus der Stirn strich. Selbst nach so vielen Jahren war er ihr noch immer zutiefst und beunruhigend vertraut.
Charlie betrachtete Lloyd unverwandt und voller Abscheu. Ein Blick zurück zu dem Anwalt verriet Beth, dass Lloyd eine bewusst ausdruckslose Miene aufgesetzt hatte. Seltsam. Kannten die beiden sich?
»Ich bin in Madjinbarra aufgewachsen, und ich werde es bis zu meinem letzten Atemzug verteidigen«, erklärte Charlie. »Ich denke, selbst ihr Großstadttypen wisst um die Probleme, vor denen die Aborigines stehen – Alkohol- und Drogenmissbrauch, Gesundheit, Bildung und Jobs. Falls diese Mine genehmigt wird – falls –, dann könnt ihr euren Ausschank irgendwo anders hinstellen, denn die Madjinbarra-Gemeinde hat sich für den richtigen Weg entschieden, und sie gedeiht. Das ist zu wichtig, um es zu ignorieren.«
Ein aufgeregtes Raunen ging durch den Raum, aber Beth war sich nicht sicher, ob es an seinen Worten lag oder an der Tatsache, dass Charlie Campbell hier war und sich für seine Heimatstadt starkmachte. Lloyd fand seine Fassung wieder und fuhr mit der Tagesordnung fort. Er dankte Charlie für seinen Beitrag und bat einen Bezirksvertreter aufs Podium, um darüber zu reden, was für Vorteile mehr Jobs für die Region bedeuten würden.
Beth bekam von dem restlichen Meeting kaum noch ein Wort mit, so aufgewühlt war sie davon, nach all dieser Zeit mit Charlie in ein und demselben Raum zu sein. Er war größer, als sie ihn in Erinnerung hatte, und sah kräftiger aus. Er hatte schon immer etwas an sich gehabt – wenn Charlie Campbell einen Raum betrat, richteten die Leute sich auf und nahmen ihn zur Kenntnis –, aber jetzt war seine Gegenwart unleugbar. Jahrelange Auftritte landauf, landab, während er in der alternativen Rockmusik-Szene allmählich immer berühmter wurde, hatten Charlie eine selbstbewusste Ausstrahlung verliehen. Selbst die aufgeplusterten Gargantua-Manager schrumpften vor ihm ein wenig zusammen.
Charlie ergriff nicht wieder das Wort – und Beth wurde nicht wieder nach ihrer Meinung gefragt. Lloyd schloss das Meeting um halb sieben, obwohl die Angelegenheit alles andere als geklärt war. Er ergänzte, Berichte würden erstellt und Meetings einberufen werden, bevor eine Entscheidung über das Arbeitercamp gefällt wurde. Beth ging der Gedanke durch den Kopf, dass Lloyds Worte etwas voreilig waren angesichts der Tatsache, dass das Bergbauministerium die Mine noch nicht einmal offiziell genehmigt hatte.
Sie stand auf und ging schnurstracks auf die Tür zu, um die Flucht zu ergreifen, aber Mary hielt sie am Arm fest. Charlie trat im selben Moment hinzu und stellte sich neben seine Tante, mit Harvey auf seiner anderen Seite. Beth wusste nicht, wohin sie sehen sollte.
»Augenblick, Doc. Harvey und ich sind für ein paar Abende in der Stadt, und Charlie wohnt auch vor Ort, während wir diesen Schwachsinn klären«, sagte Mary zu ihr. »Komm auf einen Happen mit uns ins Pub.«
»Das würde ich sehr gern, aber ich habe noch einen anderen Termin, zu dem ich gehen sollte«, stammelte Beth. »Und, ähm, ich bin ziemlich müde. Gestern Abend im Krankenhaus ist es spät geworden.« Sie holte einmal tief Luft und versuchte, sich zusammenzureißen.
Mary nickte mitfühlend. »Du arbeitest verdammt hart. Aber wir wollen uns diese Woche zusammensetzen und über unseren Schlachtplan reden. Meinst du, da könntest du dazustoßen?«
Nachdem Lloyd ihre harmlose Bemerkung darüber, dass die kleine Pearl besonderer Fürsorge bedurfte, so schamlos benutzt hatte, um sie vorzuführen, war Beth mehr als gewillt, ihr Engagement für die Gemeinde unter Beweis zu stellen. Sie nickte. »Bitte schick mir die Details. Ich würde sehr gern kommen.«
Mary schenkte ihr ein warmes Lächeln und ließ sie gehen.
Charlie Campbell sah nicht ein einziges Mal in ihre Richtung.
Sie hätte sofort nach Hause fahren sollen. Charlie zu sehen, hatte Beth völlig durcheinandergebracht. Aber sie ging trotzdem zum Empfang der Handelskammer in den Geschäftsräumen von Snowman Air Con, dem Unternehmen, das das Event in diesem Monat ausrichtete. Beth konnte es nicht leiden, wenn sich irgendjemand aus einer Verpflichtung, die er eingegangen war, herausredete, und sie weigerte sich, genau so jemand zu sein.
Pam Twomey, eine Frau Ende fünfzig mit hennaroten Haaren, begrüßte sie wie eine alte Freundin. Pam war zwar nicht die Präsidentin, aber sie war diejenige, die die Handelskammer von Mount Clair zusammenhielt. Sie kümmerte sich um die ganze Kommunikation, selbst um den wöchentlichen Newsletter, und organisierte ihre regelmäßigen Empfänge.
»Wie geht’s dir, Liebes? Du meine Güte, wie hübsch du in diesem weißen Top aussiehst! Wie kriegst du es nur hin, Weiß zu tragen? Ich ziehe Sauce oder Kaffee jedes Mal magnetisch an, wenn ich versuche, eine helle Farbe zu tragen.« Pam zog ein Namensschild von ihrem Papierbogen und klebte es an Beths linke Brust, ohne mit der Wimper zu zucken. »Hast du Hunger? Ich habe Marcel’s Deli mit unserem Catering beauftragt, zum halben Preis!« Ihr Gesicht glühte. »Sushi und Pasteten, die sie wegwerfen wollten, daher konnten sie sich schlecht weigern, uns einen anständigen Rabatt einzuräumen.«
»Gut gemacht.« Beth ließ sich ihre Enttäuschung nicht anmerken. Sie hatte nicht vor, irgendetwas zu essen, womit sie sich eine Lebensmittelvergiftung holen könnte. Offenbar würde sie sich für den Rest des Abends mit Karottensticks und Supermarkt-Hummus begnügen müssen.
Gary vom Water Tank Warehouse brachte ihr ein Glas Wein, und Beth gesellte sich zu einer kleinen Gruppe von Leuten, die sie von früheren Handelskammer-Empfängen kannte – Gary, Hermione von Cristo Geo Surveying und Gino von Safe-Tee-Quip. Am anderen Ende des Raums konnte sie den neuen, sehr jungen Radiologen sehen, der in Teilzeit in der Pathologieklinik und im Bildlabor des Krankenhauses arbeitete. Sie hatte schon seit Längerem vor, sich mit ihm bekannt zu machen, aber heute Abend war sie nicht in der Stimmung, mit neuen Leuten ins Gespräch zu kommen. Sie war noch immer zu aufgewühlt von dem Meeting der Interessenvertreter. Zu ihrem Ärger tauchte jetzt auch noch Lloyd Rendall auf und steuerte schnurstracks auf ihre Gruppe zu.
Er lächelte Beth an, als er zu ihnen stieß. »Wir müssen aufhören, uns auf diese Weise zu treffen.« Hermione sah ihn fragend an, daher erklärte er es. »Ich habe die entzückende Dr. Paterson eben erst bei einem anderen Meeting gesehen.«
»Tatsächlich?« Gary zog die Augenbrauen hoch. »Ein Meeting für zwei?«
Lloyd kicherte, aber Beth musste ihren Ekel hinunterschlucken.
»Ein Meeting der Interessenvertreter bezüglich Madjinbarra«, informierte sie Gary. »Gargantua will genau neben der Gemeinde ein Bergarbeitercamp errichten.«
Lloyd schlug auf einmal einen förmlichen Ton an. »In dieser Phase sollen wir eigentlich noch nicht darüber diskutieren.«
»Ach nein?« Beth gab sich ganz unschuldig. »Wir sind noch ganz am Anfang – in dieser Phase steht doch alles zur Diskussion, oder, Lloyd?«
»Ich nehm’s an«, meinte er. »Ich würde nur nicht wollen, dass irgendwelche Fehlinformationen die Runde machen.«
»Allerdings.« Sie fing seinen Blick auf. »Du würdest doch nicht irgendeinen verallgemeinerten Kommentar abgeben wollen, der später gegen dich verwendet werden könnte, selbst im geschützten Rahmen eines geselligen Abends wie diesem.« Sie wandte den Blick eben noch rechtzeitig ab, bevor er sich sicher sein konnte, dass sie gegen ihn stichelte. »Ich habe kürzlich deinen neuen Werbespot im Fernsehen gesehen, Gino. War das deine kleine Enkeltochter, die ich da im Hintergrund entdeckt habe?«
Gino holte begeistert zu der Geschichte seiner neuesten Werbeproduktion aus, in der, wie üblich, die meisten Mitglieder seiner Großfamilie auftraten. Er bedankte sich bei Beth überschwänglich dafür, dass sie seiner Tochter in den Tagen nach der Geburt eine Kasserolle vorbeigebracht hatte. Beth tat seine Dankbarkeit ab und erkundigte sich stattdessen nach dem Baby, dessen Entbindung sie begleitet hatte. Lloyd fand seine Fassung wieder und schaltete sich in die Unterhaltung ein, aber Beth konnte es nicht ertragen, sein glatt rasiertes Gesicht noch viel länger zu sehen, und entschuldigte sich, um sich zu Pams Gruppe zu gesellen.
Zum Glück schienen die anderen Geschäftsinhaber ebenso bestrebt wie sie, den Abend zügig über die Bühne zu bringen, damit sie alle nach Hause und ins Bett gehen konnten. Beth hörte sich geduldig die Begrüßungsansprache von Snowman Air Con an. Sie lächelte mechanisch während der Tombolaverlosung. Sie kaute Karottensticks mit Dip und zählte die Minuten, bis sie endlich gehen könnte. Schließlich brach jemand anders auf und gab Beth damit grünes Licht, sich ebenfalls zu verabschieden.
»Danke, Pam«, sagte sie, als sie an dem Begrüßungstisch vorbeikam, wo Pam dabei war, Hefte mit Tombolalosen, Textmarker und Etiketten in einer Blechdose zu verstauen. »Du hast tolle Arbeit geleistet, wie üblich. Ich werde in meinem Postfach nächste Woche nach dem Newsletter Ausschau halten.«
»Danke, Beth – und vergiss nicht, nächsten Monat bist du an der Reihe, den Empfang in deiner Praxis auszurichten«, rief Pam ihr in Erinnerung.
»Ich freue mich schon darauf. Ich glaube, ich werde den Innenhof öffnen müssen, sonst haben wir vielleicht gar nicht alle Platz!«
Schließlich konnte sie nach Hause fahren und über den höllischen Tag nachdenken, den sie eben hinter sich gebracht hatte. Obwohl sie völlig geschafft war, rollte Beth noch die Mülltonne an den Straßenrand und überprüfte das Feuchteniveau in der Topfpflanzensammlung auf ihrer Eingangsveranda, bevor sie ins Haus ging. Joggen kam nicht infrage. Es war dunkel, nach neun Uhr abends, und sie fühlte sich nicht sicher dabei, nachts zu joggen.
Obwohl sie für ihr Leben gern kochte, konnte sich Beth heute Abend nicht mehr dazu aufraffen – außerdem rumorte noch immer ein unbehagliches Gefühl in ihrer Magengegend. Sie wühlte in ihrem Tiefkühlfach nach einer Portion Kürbissuppe, die sie für solche Zeiten eingefroren hatte, und dankte sich selbst überschwänglich für ihr vorausschauendes Handeln, während sie sie in einen Topf warf. Beth wählte Rikkes Nummer, während sie den gefrorenen Klumpen über der Gasflamme rührte.
»Hallo, du.« Der weiche Akzent und das Lächeln in der Stimme ihrer besten Freundin waren ein wundervoller Trost.
»Hey, Rikke. Ich weiß, es ist ein bisschen spät für einen Anruf. Bist du schon im Bett?«
Rikke schnaubte spöttisch. »Ist das dein Ernst? Downton Abbey fängt um halb zehn an.«
Beth lachte. »Ein Hoch auf Downton. Wie läuft’s auf der Arbeit?«
»Gut. Bis jetzt war die Woche ruhig. Ich warte auf den Ansturm der Herbstviren, dann werde ich wieder alle Hände voll zu tun haben. Und die Verletzungen in der Footballsaison. Und du?«
»Viel zu tun hier. Personalknappheit im Krankenhaus, und die Magen-Darm-Grippe verbreitet sich in den Schulen wie ein Lauffeuer, das hält mich auf Trab – neben anderen Dingen.«
Rikke lauschte einen Moment auf die eintretende Stille, und als sie wieder das Wort ergriff, war ihr Ton misstrauisch. »Du klingst gestresst. Was ist los?«
»O Gott, du weißt es einfach immer, wenn ich anrufe, um zu jammern, stimmt’s?«
»Schscht. Jammer einfach drauflos.«
»Na ja, du kennst doch die Madjinbarra-Gemeinde, für die ich einmal im Monat arbeite?« Beth erzählte Rikke die ganze Geschichte von Gargantua und der Mine und dem Meeting der Interessenvertreter – und von Lloyd Rendalls mieser Nummer. »Und dann hat Mary ihren Neffen aufgerufen, etwas zu sagen …« Sie zögerte. War es zu demütigend, darüber zu reden, selbst vor Rikke?
»Ihr Neffe? Wer ist das denn?«
»Charlie Campbell.«
Eine Pause trat ein, und dann wurde ein Stöhnen laut. »Nein! Der Charlie Campbell? Der Sänger? Der Typ, der …«
Rikke war die einzige Person auf der Welt, die diese Geschichte kannte. Und Beth musste sie auch nicht erst bestätigen. Ihre Freundin war bereits dabei, eine Reihe von Flüchen vom Stapel zu lassen, sowohl auf Englisch als auch auf Dänisch.
»Wie kann er es wagen, sich wieder in Mount Clair blicken zu lassen – nach dem, was er dir angetan hat?«
»Ehrlich gesagt, ist er schon oft nach Mount Clair zurückgekommen«, antwortete Beth. »Ich habe es bis jetzt nur immer vermieden, ihm über den Weg zu laufen. Das ist ja auch nicht schwer, wenn sein Gesicht in allen Schaufenstern auf Plakaten hängt und mir sagt, wann und wo genau er auftritt. Aber ich habe nicht damit gerechnet, ihn bei einem Meeting mit Interessenvertretern der Gemeinde zu treffen.«
»Hast du mit ihm geredet?«
»Gott, nein.«
»Aber er hat dich erkannt?«
Beth dachte an die Art, wie Charlie es vermieden hatte, ihr genau ins Gesicht zu sehen. »Ich glaube schon.«
»Und meinst du, du wirst ihn wiedersehen?«, hakte Rikke nach.
Beth seufzte. »Das ist anzunehmen.« Ihr Puls flatterte seltsam bei dem Gedanken, eine Mischung aus Angst und Hoffnung. Sie ärgerte sich über sich selbst. »Seine Tante glaubt offenbar, dass er hier ist, um den Kampf der Gemeinde durchzufechten. Aber wer weiß?«
»Oh, nein, das ist so unangenehm«, stöhnte Rikke. »Warte, ich habe meinen Laptop hier. Ich will ihn nur rasch googeln.« Beth hörte ein bisschen Rascheln und Klicken. »Ich habe im Internet natürlich Zeug über ihn gesehen, und ich habe wegen eurer Geschichte darauf geachtet, aber ich habe es nie gründlich mitverfolgt. Da haben wir’s. Fotos von der Tournee im letzten Jahr.« Eine Pause trat ein, die mehrere Momente anhielt. »Na ja, er hat auf jeden Fall ein Gesicht wie ein Herzensbrecher. Und – wow – den Körper eines Rockgottes.«
Beth lachte matt. »Oh-oh. Er war schon immer ein gut aussehender Typ. Die Mädchen in der Schule haben sich um ihn gerissen. Aber damals war er ziemlich still.« Sie erinnerte sich, wie Charlie bei dem Meeting der Interessenvertreter aufgestanden war, um zu sprechen. »So still scheint er jetzt nicht mehr zu sein.«
»Ich hätte auch nicht gedacht, dass er heutzutage schüchtern ist.« Rikke klickte noch immer auf ihrem Laptop herum. »Hmm, er ist richtig berühmt, oder? Allerdings hat er seit einer Weile nichts Neues mehr veröffentlicht. Hier sind viele Artikel, die über sein neues Album spekulieren. Augenblick, hier ist ein Interview von vor zwei Wochen.« Sie hielt einen Moment inne, während sie las. »Er sagt, dass er sich um ein paar familiäre Verpflichtungen kümmern muss, bevor er wieder ins Aufnahmestudio geht. Ich nehme an, jetzt wissen wir, was das heißt, oder?«
Durchs Telefon hörte Beth die ersten Takte eines Songs. Rikke musste ein Video von Charlie angeklickt haben, in dem er sang. Sie kannte den Song nicht – sie hatte es aktiv vermieden, Charlies Musik zu hören –, aber seine Stimme war prompt zu erkennen, und sie drehte ein Messer irgendwo tief in ihrem Herzen herum. Beth fluchte über sich selbst.
»Ihr wart doch im selben Wohnheim, oder?«, fragte Rikke.
»Nein, ich war im Durack House, der Mädchenunterkunft, und er im Grey, gleich nebenan. Er kam aus einer kleinen Gemeinde – Madjinbarra, wie ich jetzt weiß –, und die Schule dort bot keine Hochschulvorbereitungskurse an. Er hat in der Stadt im Wohnheim gelebt, um auf die Mount Clair High gehen zu können.«
»Ah«, sagte Rikke. »Er wollte studieren?«
»Ja. Er musste etwas Stoff nachholen, daher war er in der elften Klasse, als ich in der zwölften war.«
»War das nicht ungefähr zu der Zeit, als deine Mum gestorben ist?« Rikkes Stimme wurde etwas sanfter. »Eine verletzliche Phase.«
»Ja, Dr. Rikke«, antwortete Beth. »Hey, deine Psycho-Fachausbildung schlägt durch.«
Rikke stieß ihr typisches kehliges Kichern aus. »Entschuldige. Wie hast du ihn denn dann kennengelernt, wenn ihr in getrennten Wohnheimen wart?«
»Ich habe ihm nach der Schule Nachhilfe gegeben. Biologie, Mathe und Englisch.«
»Und du hast dich in ihn verliebt?«
»Ja. Ich dachte, es sei gegenseitig, aber …« Ihre Kehle schnürte sich zu, aber sie zwang sich zu einem Lachen. »Typisch Mann – hat gekriegt, was er wollte, und sich dann aus dem Staub gemacht.«
»Ihr hattet Sex?«
»Ja.«
»Erstes Mal?«
Beth wand sich. »Ja. Er war mein Erster.«
Rikke stieß einen langen Atemzug aus. »Hör zu, das ist mies. Aber, Beth, du solltest nicht ›typisch Mann‹ sagen. Nicht alle Männer sind so. Nicht alle wollen nur das eine.«
»Ach nein? Komisch, von meiner Warte sieht es auf jeden Fall so aus.«
»Du hattest einfach Pech«, beharrte Rikke. »Der Typ war, was, siebzehn, achtzehn? Er war unreif.«
»Und Sebastian? Er war achtunddreißig. War er auch unreif?«
»Nein, er war nur ein hinterlistiger, treuloser Dreckskerl. Aber was dir mit Sebastian passiert ist, hätte jeder passieren können. Er hat uns allen etwas vorgemacht, und ich habe keinen Zweifel, dass er in diesem Augenblick bei irgendeiner anderen armen Frau Süßholz raspelt, während seine Ehefrau mit den Kindern zu Hause sitzt. Du solltest wegen zwei Idioten nicht alle Männer auf den Mond schießen. Die meisten Frauen müssen ein halbes Dutzend Idioten durchmachen, bevor sie einen einzigen anständigen Typen finden.«
»Du überzeugst mich nicht unbedingt davon, dass es dort draußen jede Menge wundervoller Männer gibt«, lachte Beth.
Rikke fiel kichernd mit ein. »Na ja, ich bin nicht unbedingt der lebende Beweis für eine erfolgreiche Beziehung! Aber vielleicht wird die eine oder andere von uns doch noch einen netten Jungen finden.« Auf einmal stöhnte sie auf. »Oh, Scheiße, ich muss Schluss machen! Downton fängt an!«
Beth verabschiedete sich und setzte sich, um ihre Suppe zu essen. Sie verscheuchte die Gedanken an die Männer, die sie verarscht hatten, und starrte von ihrem Essplatz am Küchentisch ins Wohnzimmer. Das Innendesign dort hatte sie noch nicht ganz richtig hinbekommen. Es wirkte steril. Vielleicht sollte sie es mit einem Tapetenwandbild versuchen? Auf jeden Fall eine neue Beleuchtung. Sie hatte ein paar verblüffende und hübsche neue Trends gesehen, als sie das letzte Mal in Perth war. Irgendetwas wirklich Ungewöhnliches wäre schön – in einem Citycafé war ihr im November ein Kronleuchter aus flach gehämmerten silbernen Gabeln ins Auge gesprungen. Aber ihr ordentliches kleines Haus war wohl nicht ganz der richtige Ort für solch rustikale Schrullen. Ein modernes Understatement würde hier besser funktionieren.
Ihre Gedanken kehrten zurück zu dem Meeting an diesem Nachmittag. Charlie sah heutzutage anders aus. Natürlich tat er das – er war achtzehn Jahre alt gewesen, als sie ihn das letzte Mal in Fleisch und Blut gesehen hatte. Jetzt war er fünfunddreißig. Beth hatte es über die Jahre hinweg vermieden, sich Bilder von ihm allzu genau anzusehen, da sie ihr noch immer diesen alten, schmerzlichen Stich versetzten. Folglich hatte sie heute Abend, als sie ihn im Ministerium gesehen hatte, zum ersten Mal seit sehr langer Zeit einen richtigen Blick auf Charlie geworfen. Er sah älter aus, natürlich, aber nicht auf unvorteilhafte Weise. Sie hatte ihn – und sich selbst – als erwachsen angesehen, als sie beide achtzehn waren, aber jetzt, mit seiner kräftigen Gestalt und den Stoppeln an seinem Kiefer, war Charlie eindeutig ein Mann.
Sein Gesicht war glatt gewesen, als sie damals in der Schulbibliothek zusammen lernten. Sie hatten nach der Schule den Stoff gemeinsam wiederholt, erst zweimal die Woche und dann jeden Tag. Diese Zunahme der Häufigkeit hatte sich wie von selbst ergeben. Am Ende ihrer Nachhilfestunde hatte Charlie einfach gefragt: »Können wir das morgen wieder tun?«, und Beth hatte die Gelegenheit beim Schopf gepackt, mehr Zeit mit ihm zu verbringen. Sie freute sich den ganzen Schultag über auf ihre Sitzung in der Bibliothek, und jeden Abend, wenn sie im Bett lag, hing sie ihren Gedanken an ihn nach. Während ihrer Nachhilfestunden achtete sie sorgfältig darauf, den Stoff im Auge zu behalten, auch wenn Charlie sie hin und wieder zum Lachen brachte. Aber wenn sie zusammen von der Bibliothek zurück zu ihren Wohnheimen gingen, redeten sie. Sie stopften so viel wie möglich in den zehnminütigen Fußweg, schlenderten von Tag zu Tag langsamer und hingen auf der Brücke über den Herne River herum, bis sich die zehn Minuten irgendwann zu einer Stunde ausdehnten. Es war, als könnten sie über alles reden und es wäre interessant, von Familie über Schule und Universität zu Musik, Essen, Reisen, Träumen, Politik – einfach alles.
Am Tag ihres ersten Kusses kannten sie sich erst seit einem Monat. Beth hatte eine Liste mit Tierklassen laut vorgelesen und bei jeder Zeile innegehalten, damit Charlie den korrekten Stamm ergänzte. Auf einmal verblüffte er sie, indem er seine Lippen für einen Moment auf ihre Wange presste. Beth riss den Kopf hoch und starrte in diese meergrünen Augen, während ihr Herz davongaloppierte.
»Was tust du denn da?«, flüsterte sie, während sie sich umsah, um sich zu vergewissern, dass die Bibliothekslehrerin sie nicht beobachtete.
»Tut mir leid«, sagte er, aber er sah nicht so aus, als ob es ihm leidtäte. Er sah auf ihren Mund, und Beth zögerte, nicht sicher, was sie tun sollte. Von ihm abrücken und mit ihrer Nachhilfe weitermachen? Oder bleiben, wo sie war, mit rasendem Puls, und darauf warten, dass seine vollen Lippen sich mit ihren vereinten?
Beth sah blinzelnd in ihre Kürbissuppe. Mein Gott, dachte sie und ohrfeigte sich in Gedanken. Woher zum Teufel war diese Erinnerung denn gekommen? Sie entsann sich verblüffend genau an diesen Nachmittag, von der Stille der leeren Bibliothek bis hin zu dem zerkratzten Tisch, an dem sie nebeneinandersaßen. Seitdem hatte sie so angestrengt versucht, das alles zu vergraben, hatte ihre Gedanken jedes Mal scharf zur Ordnung gerufen, wenn sie zu dieser lächerlichen kleinen Jugendliebelei zurückzuschweifen drohten. Sie hatte nicht die Absicht, diese Erinnerungen jetzt wieder zuzulassen. Beth stand auf, nahm ihre Schale und setzte sich damit ins Wohnzimmer. Sie würde sich auf ihrem großen Sofa zusammenrollen und es Rikke gleichtun und ein bisschen fernsehen, um sich in eine andere Welt zu versetzen.
Alles, nur um für eine Weile nicht nachdenken zu müssen.
Beth riss den Kopf hoch. »Was tust du denn da?«
»Tut mir leid.«
Charlies Blick verharrte auf Beths Mund, und Wärme durchströmte sie. Sie setzte sich aufrecht hin, außer Reichweite für ihn.
»Du kannst doch nicht einfach irgendwelche Mädchen küssen«, flüsterte sie.
»Ich habe nur dich geküsst.«
»Warum?«
»Weil du so hübsch bist.«
»Na ja, es gibt jede Menge hübscher Mädchen in der Stadt, Charlie, warum küsst du dann nicht eine von ihnen? Ich soll mit dir Biologie üben.«
Seine Augen funkelten. »Ich will sie nicht küssen. Ich will dich küssen.«
Beths Puls flatterte, aber sie wandte ihren Blick wieder dem Biologiebuch zu. »Bauchfüßer.«
Er seufzte. »Weichtiere.«
»Wenigborster.«
»Gliederwürmer.«
»Sehr gut. Spinnentiere.« Sie warf einen verstohlenen Blick auf sein Gesicht, und seine meergrünen Augen waren noch immer auf sie geheftet.
»Gliederfüßer.« Er beugte sich näher zu ihr vor, streckte eine Hand aus und strich ihr ihre glatten Haare über die Schulter nach hinten. »Deine Haare haben genau die gleiche Farbe wie eine Haselnuss.«
Beth versuchte, das nächste Wort zu finden, um ihn abzufragen, aber die Buchstaben schienen sich auf der Seite zu winden.
»Und du hast eine Sommersprosse auf der Wange«, fuhr er fort. »Diese Stelle wollte ich seit dem Tag küssen, an dem ich dir zum ersten Mal begegnet bin. Deshalb habe ich es getan.«
»Charlie«, flüsterte sie wütend. »Miss Chomsky wird dich hören.«
Er sah durch den Raum zu der Bibliothekslehrerin. »Sie hat uns den Rücken zugewandt.« Er beugte sich wieder vor, und Beth fragte sich, ob ihr Herz überhaupt noch schneller schlagen könnte. Sie versuchte, ihren Atem zu verlangsamen. »Weißt du, welche andere Stelle ich küssen will?«
Hitze schoss ihr in die Wangen. Er sollte in diesem Moment besser nichts Abstoßendes sagen …
»Hier.« Er legte ihr einen Finger ganz sanft an den Hals, genau unter ihrem Ohrläppchen. »Das sieht so weich aus.«
Beth machte den Mund auf, um ihm zu sagen, dass sie weiterüben sollten, aber seine Augen ruhten auf ihren, und sie blickten so ernst, und insgeheim hatte sie sich diesen Moment jetzt schon seit Wochen ausgemalt, und seine Lippen sahen aus, als ob sie sich auf ihrer Haut wundervoll anfühlen würden …
Sie legte ihr Buch auf den Tisch und vergewisserte sich, dass Miss Chomsky noch immer in die andere Richtung sah. Dann steckte sich Beth das Haar hinters Ohr und reckte, schwer atmend, das Kinn ein klein wenig nach oben und zur Seite, damit Charlie diese Stelle unter ihrem Ohr küssen konnte.
Ihr Handywecker ging mit seinem üblichen Trällern los. Beth schlug blinzelnd die Augen auf und streckte einen Arm aus, um ihn auszuschalten. Sie zog die Hand zurück und berührte die Stelle unter ihrem Ohrläppchen. Der Traum war so echt gewesen – und eine so genaue Wiederholung jenes Tages in der Bibliothek. Großer Gott, sie fühlte sich noch immer warm und erregt davon.
Maßlos verärgert über ihr Unterbewusstsein, das sie in einen solchen Moment zurückversetzt hatte, schlug Beth ihre Bettdecke zurück und schlüpfte in ihre Joggingsachen. Sie band sich die Haare zu einem Pferdeschwanz und ging entschlossen zur Haustür hinaus. Sie hielt nur einen Moment inne, um ein paar Dehnübungen zu machen, und joggte los. Sie würde diesem dummen Traum einfach davonlaufen.
Sie war zwei Kilometer gelaufen, bis sie endlich in ihr Tempo fand. Während ihr Atem gleichmäßiger wurde und ihre Beine sich rhythmisch unter ihr bewegten, setzte Beths Logik wieder ein. Natürlich hatte Charlies Wiederauftauchen in ihrer Welt sie durcheinandergebracht. Sie hatte sich vor all den Jahren heftig in ihn verliebt und sich leidenschaftlich in die Beziehung gestürzt. Sein plötzlicher Weggang ohne auch nur ein Wort der Erklärung hatte so wehgetan, dass sie jede Nacht geweint hatte. Sie hatte versucht, jedes Geräusch mit ihrem Kissen zu ersticken, damit die anderen Mädchen im Durack-Wohnheim nichts davon mitbekamen. Oder noch schlimmer, Hen. Julie »Hen« Henderson, die strenge, aber tröstliche Aufseherin, hätte sie mit in die Küche genommen und ihr eine heiße Schokolade gemacht, wie sie es mit den heimwehkranken Achtklässlerinnen tat, wenn sie sie nachts beim Weinen ertappte.
Drei Wochen lang hatte Beth still und leise geschluchzt, hatte sich danach gesehnt, dass Charlie zurückkehrte, gewillt, ihm zu verzeihen, wenn er einfach nur wiederkam. Dann hatte sie ihren Mut zusammengenommen und den Schulleiter nach ihm gefragt. Mr. Ogilvie hatte ihr gesagt, sie hätten Charlie kontaktiert, er hätte aber erklärt, er wolle doch nicht auf die Universität gehen oder auch nur die Highschool abschließen. Er war nach Hause gefahren und würde sich seiner Musik widmen – und wenn das nicht gelang, einen Beruf erlernen.
»Ich weiß die ganze Arbeit, die du dir dieses Jahr mit Charlie gemacht hast, wirklich zu schätzen, Beth«, hatte Mr. Ogilvie gesagt. »Ich hoffe, du bist nicht allzu enttäuscht, dass er beschlossen hat, nicht dabeizubleiben. Vielleicht wird er seine Entscheidung eines Tages ja noch überdenken, aber es hat keinen Sinn, ihn zu drängen, wenn er nicht mit dem Herzen dabei ist.«
In diesem Moment hatte Beth entschieden, nach vorn zu blicken. Sie schob die Traurigkeit jedes Mal beiseite, wenn sie sie zu überwältigen drohte, und arbeitete so hart wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Sie beendete die Schule als Jahrgangsbeste, hielt bei ihrer Schulabschlussfeier die Abschiedsrede und bekam problemlos ihre Zulassung zum Medizinstudium. Sie stand sogar als Hochleistungsstudentin in der Zeitung. Jeden Tag sagte sie sich, dass Charlie Campbell der Vergangenheit angehörte, dass jeder früher oder später eine unglückliche Liebesgeschichte durchmachte und dass sie froh sein sollte, dass ihre passiert war, als sie erst achtzehn war und ihr ganzes Leben noch vor sich hatte.
Auf der Universität lernte sie die rundliche, blonde Rikke kennen, eine ausländische Studentin, und sie wurden beste Freundinnen, während sie zusammen Medizin studierten. Nach ihrem Abschluss fand Rikke einen Job in Perth, und Beth flog nach Hause, um ihre Karriere als Allgemeinärztin in Angriff zu nehmen. Alles in allem war es für Beth nach der Sache mit Charlie ziemlich gut gelaufen.
Na ja – bis auf Sebastian.
Beth sah auf ihrem Handgelenkmonitor nach ihrem Tempo und der Uhrzeit. Nicht schlecht. Ihr Puls war ein bisschen erhöht, aber das lag vermutlich nur am Wetter. Um fünf vor halb sieben war es bereits klebrig schwül.
Sebastian. Er war genau das Gegenteil von Charlie – deswegen hatte sie gedacht, er würde eine gute Wahl sein. Sebastian hatte kurze blonde Haare und warme braune Augen, war in der Großstadt auf eine Privatschule gegangen und hatte Verbindungen. Er spielte nicht Gitarre und sang nicht. Er spielte Tennis. Beth hatte ihn während eines Studentenpraktikums im Kinderkrankenhaus kennengelernt, wo er als Kinderarzt arbeitete. Es war sein entzückender Umgang mit einem verängstigten brandverletzten Patienten während eines Verbandswechsels, der Beths Herz ursprünglich für Sebastian erwärmt hatte.
Er schien der ideale Mann zu sein. Über zehn Jahre älter als sie, war Sebastian schlau, aufmerksam und selbstbewusst. Er führte Beth, die damals noch das staunende, großäugige Mädchen vom Lande gewesen war, in teure Restaurants aus, ging mit ihr auf Konzerte und lud sie zu Urlauben an fantastischen Ferienorten ein. Insgeheim beeindruckt davon, wie kultiviert Sebastian war, hatte Beth entschieden, dass sie, wenn er sie fragen sollte, einwilligen würde, ihn zu heiraten. Er war perfekt.
Bis zu dem Tag, an dem sie eine SMS von einer Frau namens Shannon erhielt, die Beth bat, die Beziehung zu beenden. Vielleicht wissen Sie gar nicht, dass er verheiratet ist. Bitte machen Sie Schluss, damit ich eine Chance habe, meine Ehe zu retten. Seb wird es nicht tun. Aber ich werde um diese Ehe kämpfen, meinen Kindern zuliebe.
Die Worte hatten sich für immer in ihr Gedächtnis eingebrannt, und nachdem sie Sebastian entsetzt den Laufpass gegeben hatte, hatte Beth seitdem nicht mehr getan, als sich zwanglos zu verabreden oder auf Partys zu flirten.
Und Rikke fragte sich, warum Beth den Männern nicht vertraute.
Wow – sie war fast zu Hause. Beth konnte sich kaum erinnern, die Zehn-Kilometer-Rundstrecke durch die Stadt gejoggt zu sein. Sie lief wie von selbst, wurde ihr bewusst, in ihre Gedanken verloren. Aber das war genau das, was sie durchs Joggen zu vermeiden versuchte. Sie sollte in der Gegenwart sein, im Moment, konzentriert auf ihren Atem, ihre Beine, die morgendliche Luft in ihren Lungen.
Sie ließ sich ins Schritttempo zurückfallen, als sie sich ihrem Zuhause näherte, und machte zum Abkühlen ein paar Dehnübungen auf ihrer Veranda, während sie zusah, wie die Sonne über den Häuserdächern und Boabbäumen aufging. Heute war ein regulärer Mittwoch, vorausgesetzt, das Krankenhaus rief sie nicht an. Paul und Carolyn waren beide mittwochs in der Praxis, daher teilten sie sich die Arbeitslast, wenn ein unangemeldeter Patient oder ein Notfall hereinkam. Paul arbeitete die Termine normalerweise in einem übermenschlichen Tempo ab – seine Patienten waren die, die es lieber kurz und schmerzlos hatten –, daher nahm er im Allgemeinen ohnehin die meisten unangemeldeten Patienten dran. Beth könnte einen ganz normalen Tag in der Arbeit verbringen und pünktlich nach Hause kommen. Sie würde noch einmal joggen gehen – und diesmal daran denken, ein bisschen Achtsamkeit zu üben – und sich dann eine Gemüsepfanne mit Knoblauch und Ingwer machen.
Sie würde nicht über Charlie nachdenken – oder sonst irgendetwas, das alte Wunden wieder aufreißen könnte.
Die Magen-Darm-Grippewelle, die in Mount Clair grassierte, war offenbar abgeklungen. Nur ein einziges Kind mit Brechreiz kam an diesem Tag zu Beth in die Praxis. Sie wischte alles mit Desinfektionstüchern ab und sprühte den Raum ein, nachdem der kleine Patient gegangen war. Das Letzte, was sie brauchte, war ein Magenvirus.
Im Laufe des Tages schickte Mary ihr eine SMS: Harvey und ich fahren morgen nach Hause. Können wir uns heute Abend treffen? Um sechs im Mounties?
Beth dachte einen Moment über ihre Antwort nach. Das könnte bedeuten, ihn wiederzusehen. Aber sie hatte versprochen zu helfen – und die Madjinbarra-Gemeinde lag ihr aufrichtig am Herzen. Sie wollte nicht sehen, dass sie von Gargantua und dem verdammten Lloyd Rendall über den Tisch gezogen wurde. Sie sagte zu, und dann, bevor sie die Praxis verließ, nahm sie sich ein paar Minuten Zeit, um ihre Haare zurechtzumachen und etwas Lipgloss aufzutragen. Sie verachtete sich dafür, aber sie tat es trotzdem. Selbstbewusstsein, sagte sie sich. Ich stelle sicher, dass ich gesellschaftsfähig aussehe, damit ich mich selbstbewusst fühle, falls ich ihm gegenübertreten muss. Sie durfte Charlie nicht denken lassen, er hätte sie einsam und gebrochen zurückgelassen. Sie verabschiedete sich von ihren Kollegen und fuhr zum Pub.
Im Mounties holte sich Beth an der Bar ein Mineralwasser und machte sich dann auf die Suche nach Mary und Harvey. Sie fand sie am anderen Ende des Biergartens. Harvey sah stirnrunzelnd auf sein Handy und sagte irgendetwas zu Mary, woraufhin sie ihre Brille abnahm und sie ihm reichte. Er setzte sie auf und konzentrierte sich wieder auf sein Handy. Mary lehnte sich zurück und verschränkte die Hände über dem Bauch.
Kein Charlie.
Mary sah Beth und winkte. »Abend, Doc.« Sie zeigte auf einen Stuhl für Beth, während Harvey auf den Tasten seines altmodischen Handys herumtippte.
»Ich habe eine SMS von Charlie bekommen«, sagte Harvey und sah auf. »Er sagt, er kann im Moment noch nicht kommen. Er hat irgendetwas zu erledigen.«
Mary seufzte. »Wie ärgerlich. Ich werde ihm Beine machen, wenn er seinen Arsch nicht bald hierher bewegt.«
Beth, die genau wusste, warum Charlie nicht an dem Treffen teilnehmen wollte, war entschlossen, ohne ihn loszulegen. »Haben wir schon einen Angriffsplan?«
»Wir haben den Bergbauminister in unsere Gemeinde eingeladen«, sagte Mary.
Beth blinzelte. »Wow. Wirklich?«
»Das ist die beste Möglichkeit, um ihm zu zeigen, wie gut es dort draußen läuft«, warf Harvey ein.
»Der Minister für Aborigine-Angelegenheiten ist schon jetzt auf unserer Seite«, fuhr Mary fort. »Aber wir denken, dass wir bei dem Bergbautypen vielleicht die persönliche Note brauchen.«
»Wann habt ihr das denn eingefädelt?«, fragte Beth.
»Heute. Charlie hat es für uns getan. Es ist ein strategisch geschickter Schritt, schätzt er.«
Beth hatte keinen Zweifel, dass es ein strategisch geschickter Schritt war, aber sie war sich nicht sicher, dass es funktionieren würde. Trotzdem, wenn der Minister tatsächlich kommen sollte, könnte das ein außergewöhnlicher Coup für sie sein. Die Madjinbarra-Gemeinde in Aktion zu sehen, würde ihn mit Sicherheit – zuallermindest – zum Nachdenken bringen, ob er wirklich zulassen sollte, dass Gargantua ihnen Probleme machte.
»Ich habe an die Medien gedacht«, sagte Beth. »Vielleicht könnten wir mit der Zeitung und dem regionalen Radiosender über die Sache reden. Anfangen, das allgemeine Bewusstsein dafür zu schärfen, wie stark Madjinbarra ist – ein bisschen öffentlichen Druck auf Gargantua ausüben.«
Mary nickte entschieden. »Genau das denkt Charlie auch. Er hat Kontakte zu den Medien.«
Beth lehnte sich zurück und spielte mit ihrem Strohhalm. »Das klingt doch, als ob Charlie einen guten, soliden Plan hat. Ich bin mir nicht sicher, ob ihr mich überhaupt braucht. Vielleicht könnte ich behilflich sein, wenn ich gebraucht werde, mich aber ansonsten eher im Hintergrund halten.« Mary stand die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben, und Beth beeilte sich, ihre Worte klarzustellen. »Ich wollte nicht sagen, dass ich nicht helfen will. Ich denke nur, dass Charlie alles im Griff hat und ihr meine Hilfe vielleicht gar nicht braucht.«
»Wir brauchen dich«, erklärte Mary mit Nachdruck. »Ich will, dass du den Minister begleitest, wenn er zusagt. Eskortiere ihn. Vielleicht will er ja hinfliegen, aber es wäre besser, wenn er auf dem Landweg kommt. Die Straße ist im Moment ziemlich gut, und sie erzählt irgendwie eine Geschichte, die Fahrt dort hinaus. Man kriegt nicht dasselbe Gefühl, wenn man mit dem Flugzeug kommt.«
»Man bekommt tatsächlich einen genaueren Eindruck der Entfernung vermittelt«, gab Beth ihr recht.
Mary warf Harvey einen triumphierenden Blick zu. »Ich hab’s dir ja gesagt. Sie weiß, wie man die richtigen Worte findet.«
»Das habe ich nie bestritten«, erwiderte er sanft.
»Da ist Charlie.« Mary sprang auf und rief durch den Biergarten.
Charlie war auf dem Weg zum Ausgang gewesen, aber als er Mary sah, winkte er und änderte die Richtung. Dann sah er Beth an ihrem Tisch. Er blieb unvermittelt stehen.
Beth rang um Fassung. Was ist los, Charlie Campbell? Hast du etwa Angst, du könntest von dem Mädchen, dem du den Laufpass gegeben hast, etwas zu hören kriegen? Sie nahm ihr Glas Wasser, trank einen Schluck und gab sich ganz unbekümmert. Charlie kam weiter auf sie zu, aber mit langsameren Schritten. Ein paar der jüngeren Gäste des Pubs erkannten ihn offensichtlich, starrten ihn an und flüsterten, aber die meisten älteren Leute nahmen keine Notiz von ihm. Schließlich stand er an ihrem Tisch, und Beth hob den Blick zu seinem Gesicht.
Charlie blickte streng und seltsam ausdruckslos, als würde er irgendetwas verbergen. Fühlte er sich selbst unbehaglich? Das solltest du auch, dachte Beth, aber sie weigerte sich, den Blick abzuwenden.
»Hallo, Charlie.«
Er nickte, und ein Schatten huschte über sein Gesicht. »Beth.«
»Ihr kennt euch?«, fragte Mary verblüfft.
»Ein bisschen«, antwortete Beth.
»Aus der Schule«, ergänzte Charlie und schob eine Hand in seine Jeanstasche.
»Ach ja.« Mary lachte und setzte sich wieder. »Das ist ja nicht lange gut gegangen. Du warst, wie lange, sechs Monate auf der Highschool, bevor du solches Heimweh bekommen hast, dass wir kommen und dich abholen mussten.«
Er setzte sich nicht, fiel Beth auf. Offensichtlich konnte er nicht einmal den Gedanken ertragen, an einem Tisch mit ihr zu sitzen. Er wusste genau, wie schlimm es war – die Art, wie er sie nach all diesen Lügen im Stich gelassen hatte. Charlies Blick huschte zu ihrem Gesicht, und für einen Moment sah sie Charlie Campbell, den Jungen, der in der Bibliothek neben ihr gesessen hatte und die weiche Haut unter ihrem Ohr küssen wollte. Ihre Hände verloren die Kontrolle, und sie legte sie in ihren Schoß und heftete den Blick auf den Tisch.
»Beth hat sich bereit erklärt, den Minister zu unserer Gemeinde zu fahren«, sagte Mary zu Charlie, und sie klang so erfreut, dass Beth es nicht übers Herz brachte, ihr in Erinnerung zu rufen, dass sie nichts dergleichen getan hatte.
»Ich kann ihn fahren, wenn es mit meinem Behandlungsbesuch zusammenfällt«, warf sie ein. »Aber ich kann meine Praxis nicht einfach stehen und liegen lassen, wenn mir danach ist, leider.«
Mary ließ sich nicht beirren. »Ich denke, da finden wir schon irgendeine Lösung. Wollen wir einen Happen essen? Charlie, übernimmst du das?«
»Ich übernehme das«, bestätigte er.
»Bestellst du uns ein Steaksandwich, ja? Du, Harvey?«
Harvey ergänzte seine Bestellung, und sie sahen Beth erwartungsvoll an. »Ich mache mir zu Hause etwas zu essen«, beeilte sie sich zu sagen.
»Unsinn. Charlie schwimmt in Geld.«
»Nein, wirklich, alles gut.«
Charlie zuckte die Schultern und ging zum Tresen, und Beth sah zu, wie er die Mahlzeiten bestellte und bezahlte. Sie musste den Kopf hoch erhoben halten und ihm zeigen, dass sie absolut nicht aufgewühlt von diesem Treffen war. Sie trug schließlich keine Schuld an dem, was er getan hatte. Auf einmal fragte sie sich, ob er je irgendjemandem von ihnen erzählt hatte. Oh, Gott, was, wenn er sich mit Leuten in Madjinbarra über sie lustig gemacht hatte? Was, wenn er herumerzählt hatte, wie er es mit Dr. Beth Paterson »wild getrieben« hatte? Beth wurde flau im Magen, und sie wünschte, sie könnte irgendwie entkommen.
Ihr Handy summte mit einer neuen E-Mail, und Beth wühlte in ihrer Tasche danach, froh, eine Ausrede zu haben, um beschäftigt auszusehen. Oh, nein, sie war von Lloyd Rendall. Sie öffnete sie.
Hi, Beth, können wir uns treffen? Ich hatte gehofft, über die Madjinbarra-Angelegenheit reden zu können – nur ein informelles Gespräch. Würde mich freuen, wenn du dir eine Stunde Zeit nehmen könntest. Lloyd.
Sie schaltete ihr Display aus. Sie konnte sich später mit ihm befassen – außerdem hatte er sie an etwas erinnert, was sie unbedingt klarstellen wollte. Beth beugte sich vor, um die Aufmerksamkeit ihrer Begleiter zu erregen.
»Ich muss euch etwas sagen, Mary, Harvey. Was dieser Anwalt, Lloyd Rendall, gestern Abend behauptet hat – ich hätte gesagt, die medizinische Versorgung in Madji sei nicht gut genug –, das war eine verzerrte Version der Wahrheit.« Charlie kam wieder und setzte sich, und Beth redete weiter, als wäre sie absolut nicht verunsichert von seiner Anwesenheit. »Tatsächlich habe ich gesagt, ich wünschte, eines der Kinder dort hätte Zugang zu mehr Versorgung. Pearl natürlich. Lloyd hat es so hingestellt, als hätte ich die Gemeinde kritisiert.«
Charlie wandte sich in einem scharfen Ton direkt an sie. »Was ist denn mit Pearl?«
Mary fuhr ihm über den Mund. »Mach dir nicht ins Hemd, Charlie. Beth ist eine verdammt gute Ärztin für uns, und sie kann gut mit Pearl und Jill umgehen. Sie hat letztes Jahr sogar Tish eine nette Empfehlung geschrieben, um ihr dabei zu helfen, einen Job im Restaurant hier in der Stadt an Land zu ziehen.« Sie erklärte Beth Charlies Reaktion. »Charlie ist Pearls und Jills Onkel – sie sind die Kinder seiner Schwester. Er bezahlt Pearls sämtliche Hilfsmittel. Den Rollstuhl und das spezielle Töpfchen und dieses ganze Zeug.«
