Päckchensommer - Jasmin Schaudinn - E-Book

Päckchensommer E-Book

Jasmin Schaudinn

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Beschreibung

Poststreik mal anders Alles beginnt mit einem dicken Klumpen Glück. Kalles Papa hat frei und jetzt wollen sie zusammen nach Italien fahren. Seit Mama zum Forschen am Nordpol ist, haben sie keinen Urlaub mehr gemacht und jetzt freuen sich Kalle und Klein-Frieda wie verrückt auf Sonne, Meer und Glückszeit. Doch dann bekommt ihr Vater einen Anruf vom Chef. Er wird dringend gebraucht und der Urlaub muss ausfallen. Als Kalle das hört, rollen ihm die Tränen über die Wangen. Kalles Papa merkt, wie traurig Kalle ist und lenkt kurzentschlossen das Postauto auf die Autobahn und fährt mit seinen Jungs und einem Haufen Päckchen nach Italien … Das Abenteuer kann beginnen! Manchmal ist das Unvernünftige das einzig Richtige.

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Seitenzahl: 154

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über das Buch

Mit dem Postauto in die Freiheit

 

Endlich! Kalles Papa hat frei bekommen und alle freuen sich wie verrückt auf Sonne, Meer und Glückszeit. Doch dann bekommt Papa einen Anruf vom Chef: Er wird dringend gebraucht und der Urlaub muss ausfallen. Als Kalle das hört, rollen dem sonst so tapferen Kerl die Tränen über die Wangen. Da lenkt Papa kurzentschlossen sein Postauto auf die Autobahn und fährt mit Kalle, seinem kleinen Bruder und einem Haufen Päckchen nach Italien… das Abenteuer kann beginnen!

 

Warmherzig und zauberhaft illustriert von Stéffie Becker

Jasmin Schaudinn

Päckchensommer

Mit Illustrationen von Stéffie Becker

Die Überraschung

Alles begann mit einem dicken, saftigen Klumpen Glück.

 

Schon während unserer Paketrunde war Papa so fröhlich. Richtig albern. Als wir bei Frau von Schwanhof klingelten, um ihr ein kleines, leichtes Päckchen zu bringen, sagte sie vorwurfsvoll: »Mein lieber Konrad, Sie klingeln im völlig falschen Moment. Ich führe ein wichtiges Telefonat!« Dazu schwang sie ihre Arme mit dem Telefon in der Hand, sodass ihre wallenden Gewänder nur so flatterten und ihre Ketten und Ohrringe aufgeregt klimperten. Da zwinkerte mein Papa ihr doch tatsächlich zu, lächelte und antwortete: »Liebe Frau von Schwanhof, ich bin untröstlich! Können Sie mir noch einmal verzeihen?«

Dabei spricht mein Papa mit Fremden sonst nie mehr als unbedingt nötig. Frau von Schwanhof schien auch irritiert, zog eine ihrer perfekt geformten, dickschwarzen Augenbrauen hoch und sah ihn erstaunt an. Dann lächelte sie. »Ich denke schon.«

 

Wenn wir bei Frau von Schwanhof fertig sind, müssen wir auf unserer Runde nur noch drei Straßen erledigen, dann haben wir es geschafft und können Frieda aus dem Kindergarten abholen. Frieda ist mein kleiner Bruder. Er ist vier Jahre alt und eigentlich heißt er Friedrich, aber als er noch ganz klein war, hat er zu sich selbst immer Frieda gesagt, und das haben wir dann einfach übernommen.

Heute waren es nur noch vier Päckchen. Das ist ziemlich wenig und ich dachte, dass Papa vielleicht deshalb so fröhlich war. Er pfiff, während er in den Möwenweg einbog und beim blauen Haus hüpfte er die Treppe mit zwei Paketen in der Hand hinauf. Aber spätestens als er zu mir sagte: »Heute spendiere ich Pizza zum Abendbrot!«, wusste ich, dass irgendetwas Besonderes passiert sein musste, denn normalerweise gibt es abends bei uns nur Brot und Gurke.

 

Als wir gegessen hatten, legte Papa sein Besteck zur Seite, atmete tief durch, beugte sich weit vor und sagte feierlich: »Kalle, Frieda, ich habe eine Überraschung für euch: Wir fahren in den Urlaub! Nach Italien!« Er strahlte uns an und seine Augen leuchteten, wie schon lange nicht mehr.

»In den Urlaub?«, fragte Frieda und seine blauen Augen wurden ganz groß. »Mit dem Postauto?«

»Nein«, lachte Papa, »nicht mit dem Postauto. Mit dem Zug.«

»Mit dem Zug?« Frieda bekam vor Aufregung ganz rote Wangen. »Mit einem echten Zug?«, fragte er sicherheitshalber noch mal nach.

»Ja, mit einem echten Zug. Sogar mit zwei Zügen. Den ganzen Weg nach Italien.« Frieda war aufgesprungen. »Wir fahren mit dem Zu-hug, wir fahren mit dem Zu-hug!«, rief er ausgelassen und sprang um den Tisch herum.

»Ja, musst du denn nicht arbeiten?«, fragte ich ungläubig.

»Nein, ich habe die ersten zwei Sommerferienwochen freibekommen! Der Chef hat es mir heute Morgen bestätigt!«

In dem Moment begann das Glück in mich hineinzutröpfeln. Ganz langsam erst. Und dann, als ob jemand den Glückswasserhahn weiter aufgedreht hätte, rauschte eine richtige Glückswelle durch mich hindurch. Ich merkte, dass mein Körper so viel Glück gar nicht mehr gewohnt war und mir wurde ganz heiß. Papa sah mich mit seinen lieben blauen Augen an.

»Freust du dich?«, fragte er und seine Stimme klang ein bisschen zittrig.

»Ja«, antwortete ich leise und räusperte an dem Kloß in meinem Hals herum.

»Ja«, sagte ich schon etwas lauter und dann schrie ich es mit aller Kraft: »Ja!«

Ich sprang auf, schnappte mir Papa und Frieda und tanzte mit ihnen um den Küchentisch und die Pizzareste.

»Wir fahren nach Italien!«, haben wir die ganze Zeit gesungen und sind gehüpft und gesprungen, und Frieda hat immer wieder gerufen: »Mit dem Zug! Mit zwei Zügen!«, bis Papa plötzlich lachend stehen blieb und den Finger vor die Lippen hielt.

»Wir müssen etwas leiser sein. Wir haben Frau Schmidtchen ganz vergessen.«

Er wies mit dem Finger Richtung Zimmerdecke, denn über uns wohnt Frau Schmidtchen, unsere Vermieterin, und die mag es gar nicht, wenn es laut ist. Sie hat auch verboten, dass wir nach sieben Uhr noch die Tür zu dem kleinen Innenhof aufmachen. Sie sagt, dass dann Insekten ins Haus kommen und alle Nachbarn sich durch die Lautstärke gestört fühlen.

Ich nahm Papa in den Arm. »Ganz in echt und wirklich wahr? Wir drei? Nach Italien? Kein Flachs?«, fragte ich. »Kein Flachs. Frieda, du und ich und Italien«, grinste er und drückte mich an sich, dass ich kaum noch atmen konnte. Dann haben wir ganz leise noch ein bisschen weitergetanzt.

 

Als ich im Bett lag, konnte ich gar nicht einschlafen wegen des Glücksklumpens in meiner Brust. Das Glück waberte von links nach rechts und immer wenn ich kurz davor war, einzuschlafen, kitzelte es mich wieder wach. Italien! Ich war noch nie in Italien. Vorletzten Sommer waren wir mit Mama und Papa an der Ostsee, aber seit Mama nicht mehr da ist, sind wir nicht mehr in den Urlaub gefahren. Ich habe gedacht, wir warten, bis sie vom Nordpol zurück ist. Unsere Mama ist nämlich eine Forscherin. Sie kennt sich sehr gut aus, mit dem Klima und so. Deshalb ist sie zum Forschen ganz weit weg, fast am Nordpol. Dort braucht man ihr Wissen, um die Welt vor dem Klimawandel zu retten. Sie sammelt jeden Tag wichtige Daten, dort im Eis. Und dann wertet sie sie aus und findet heraus, was man tun kann, damit die Natur sich wieder erholt. Das ist natürlich sehr wichtig. Auf jeden Fall wichtiger als auf zwei kleine Jungs aufzupassen. Zumal das ja auch Papa machen kann. Und sie rettet die Welt ja auch für Frieda und mich. Für uns und alle anderen Menschen.

Frieda kann das noch nicht verstehen. Er findet, jemand anders soll die Welt retten, aber doch nicht unsere Mama. Und er versteht auch nicht, was man da überhaupt retten muss. Er findet die Welt prima, so wie sie ist. Frieda ist eben noch klein. Er vermisst Mama oft und manchmal ist er auch wütend auf sie, weil sie nicht da ist. Ich kümmere mich aber gut um ihn. Er darf oft in meinem Bett schlafen und ich lese ihm was vor und passe auf, dass er auch gut die Zähne putzt. Papa ist abends oft müde und da helfe ich Frieda eben. Und manchmal passt auch Frau Güngörmüs von nebenan auf Frieda auf. Dann darf er mit ihr Kartoffeln schälen und Teig kneten und auf ihrem Schoß sitzen.

 

Ich finde es etwas schade, dass es dort im Eis keinen Handyempfang gibt. Sonst könnten wir mal mit Mama telefonieren. Ich würde sie gern fragen, ob sie schon einen Eisbären gesehen hat. Und ich würde ihr von dem doofen Leander erzählen, der mich immer wegen meines Rollers ärgert. Oder nein, dann würde sie sich nur Sorgen machen, das würde ich ihr vielleicht besser doch nicht erzählen. Ich würde ihr einfach sagen, dass sie sich keine Sorgen machen muss, dass wir das gut schaffen, alles, und sie ganz in Ruhe weiterforschen kann. Also, solange es halt nötig ist. Ein klitzekleines Bisschen könnte sie sich vielleicht beeilen, wenn’s geht.

Aber jetzt fahren wir ja erst mal nach Italien.

 

Plötzlich hörte ich Frieda aus seinem Bett rutschen. Nackte Füße tapsten durch das Zimmer.

»Kalle, darf ich heute bei dir schlafen?«, flüsterte er und ich konnte in dem schmalen Lichtstreifen, der durch das Fenster hineinfiel sehen, dass er seine Uschi fest im Arm hatte. Mit den Fingern zupfte er an einem Zipfel, so wie er es immer tut, wenn er müde oder traurig ist.

Seine Uschi ist eigentlich ein ganz normales Windeltuch mit zwei Knoten drin. So eins, das man nimmt, wenn Babys spucken oder sabbern. Frieda hat dieses Tuch von Anfang an immer ganz doll festgehalten. Und wenn er müde war, hat er sich das Tuch über die Augen gezogen. Und unsere Mama hat zu dem Tuch immer Uschi gesagt. Warum, weiß ich nicht genau, aber Windeltuch ist schon ein ziemlich umständliches Wort. Ja, und obwohl Frieda schon lange kein Baby mehr ist, hat er seine Uschi immer noch.

Ich rutschte zur Seite und hob die Decke.

»Mit zwei Zügen, Kalle, mit zwei! Meinst du, Lasse ist schon mal mit zwei Zügen gefahren?!«, flüsterte Frieda, als er sich in meine Armbeuge kuschelte. Ich grub meine Nase in seine blonden lockigen Haare. Sie rochen immer ein bisschen nach Wald, gemischt mit Vanillepudding.

»Nein, das kann ich mir nicht vorstellen!«, flüsterte ich zurück.

»Das kann ich mir aber auch überhaupt nicht vorstellen!«, murmelte er glücklich.

Purzelbäume

Es waren die letzten Tage vor den Sommerferien und in der Schule war nicht mehr viel los. Wir mussten keine Arbeitsblätter mehr machen und jeden Tag wurden irgendwelche Bücher eingesammelt und Fächer aufgeräumt und solche Sachen. Alle Lehrer waren irgendwie netter und weniger streng als sonst und über allem lag so eine warme Brise. Man konnte die Ferien regelrecht riechen.

Heute saßen wir im Stuhlkreis mit unserer Klassenlehrerin und jedes Kind erzählte der Reihe nach, was es in den Ferien vorhatte. Ich konnte den anderen gar nicht richtig zuhören, so doll turnte mein Glücksklumpen in mir herum. Zwischen den Rippenbögen hatte sich das Glück gesammelt und schlug Purzelbäume.

Frau Beinlein wandte sich an mich. Sie beugte sich auf ihrem Stuhl vor und sah mich mitleidig an. Frau Beinlein sieht immer irgendwie ein bisschen traurig aus, in ihrem Gesicht hängt alles so nach unten, auch die Mundwinkel, und immer wenn sie mich anspricht, sinken sie noch ein Stückchen tiefer. Sie neigte den Kopf ein wenig zur Seite und fragte: »Und du, Kalle, was machst du denn in den Ferien? Hilfst du wieder deinem Papa?« Sie fragte das so, als ob das in etwa mit einem Gefängnisaufenthalt zu vergleichen wäre. Ich setzte mich auf.

»Nein, diese Ferien fahren mein Papa, mein Bruder und ich nach Italien!«, sagte ich laut und deutlich. Frau Beinlein zuckte ein wenig zusammen, das war sie von mir gar nicht gewohnt.

»Och, schön«, antwortete sie und lächelte ungläubig. Dabei schafften es ihre Mundwinkel knapp in die Waagerechte.

 

Mein Glücksklumpen trug mich problemlos durch die letzten Schultage. Er ließ mich das ganze Kopfgestreichel der Lehrerinnen aushalten. Leander, der mal wieder an meinem Roller rummeckerte, und selbst die Aussicht, nächstes Jahr meinen tollen Platz am Fenster neben Anna aufgeben zu müssen, konnte mich nicht schocken, denn ich fuhr ja nach Italien!

Nach dem letzten Schultag wartete ich wie immer im Finkenpfad, Ecke Rabenstraße auf Papa. Schon von Weitem sah ich das gelbe Postauto und winkte ausgelassen. Heute noch Pakete verteilen und morgen dann Italien!

 

Ich helfe meinem Papa jeden Tag, die Pakete zu verteilen. Wenn ich groß bin, möchte ich auch Paketzusteller werden, obwohl mein Papa sagt, das sei ein Knochenjob. Ich finde, es ist ein toller Knochenjob! Allein schon dieser riesige Lieferwagen! Ich sitze natürlich immer vorne neben Papa, denn hinten ist der Laderaum mit den Päckchen. Man sitzt viel höher als in einem normalen Auto und kann über alles drüber gucken. Außerdem gibt es vorne drei Plätze nebeneinander, sodass Frieda, wenn er samstags mitkommt, auch vorne sitzen kann. Dafür hat Papa extra immer einen Kindersitz dabei. Wenn Papa aussteigt, setzt Frieda sich hinter das Lenkrad und tut so, als ob er fährt.

Ich finde, man lernt beim Päckchenverteilen so viele nette Leute kennen. Okay, man lernt natürlich auch doofe Leute kennen, aber da kann man ja schnell das Paket abliefern und wieder gehen. Dann hat man mehr Zeit für die netten. Ich hab es natürlich besonders gut. Denn ich kann bei den nicht so netten Leuten einfach direkt im Auto sitzen bleiben.

Mein Lieblingskunde ist Willi Krüger, Kleiberweg 5. Da steige ich auf jeden Fall immer mit aus. Papa und ich gehen dann zusammen hin, Papa gibt Herrn Krüger sein Päckchen und dann fährt er weiter. Ich bleibe aber meistens noch da und rede ein bisschen mit Herrn Krüger und streichele seinen Dackel Heini. Vorher gucken Papa und ich nach, wie viele Pakete im Kleiberweg auszuliefern sind und dann weiß ich ungefähr, wie viel Zeit ich habe. Sechs Pakete sind ungefähr zwölf Minuten. Herr Krüger weiß ja, dass es knapp ist und deshalb hält er immer schon drei Bockwürstchen bereit. Eine Bockwurst für ihn, eine für mich und eine für Heini. Manchmal schneidet er Witze aus Zeitungen für mich aus. Erst liest er sie mir vor und dann darf ich sie mitnehmen. Zu Hause habe ich extra eine Kiste, wo ich sie aufbewahre.

Ich setze mich immer neben Heini auf den Boden, dann kann ich ihn die ganze Zeit streicheln. Das ist das Allerschönste. Heini ist so lieb und hält ganz still und leckt nur manchmal ganz zart an meiner Hand. Aber mit Herrn Krüger zu reden ist auch sehr schön. Vor allem weil er nur was sagt, wenn es etwas zu sagen gibt. Manche Erwachsene sagen Sachen, die man ruhig weglassen konnte, finde ich. Herr Krüger nicht. Wenn es nichts zu sagen gibt, sind wir einfach still und essen unsere Wurst. Und lachen über die Witze. Oder auch nicht. Irgendwann muss ich dann los. Der Kleiberweg macht nämlich eine Kurve, und Herr Krüger wohnt ganz am Anfang der Kurve. Wenn Papa mit dem Kleiberweg fertig ist, also ganz am anderen Ende der Kurve ankommt, laufe ich bei Herrn Krüger hinten im Garten durchs Törchen und steige wieder bei Papa ein und die Witze knistern in meiner Hosentasche.

 

Im Nest 13–19 steige ich auch immer aus. Da gibt es einen Innenhof, in dem spielen ganz viele Kinder. Papa hat hier einige Zeit zu tun, weil die Familien mit den vielen Kindern jede Menge Pakete bestellen, deshalb kann ich ein bisschen mitspielen. Ein paar von den Kindern beneiden mich darum, dass ich im Postauto mitfahren darf. Manchmal zeige ich es den Kleinen von innen und sie dürfen sich auch mal kurz auf den Fahrersitz setzen. Das geht allerdings nur, wenn Frieda nicht dabei ist. Der wird sonst eifersüchtig und fängt an rumzuschreien.

»Das ist nur mein Postauto, nicht das von den anderen Kindern! Die dürfen da nicht sitzen!«, meint er. Deshalb kann ich samstags niemanden hinter das Steuer lassen.

 

Heute war Jonte mit seinen kleinen Brüdern draußen. Wild schreiend rannte er voraus und seine Brüder hinterher, alle mit Stöcken in den Händen.

»Halt Männer! Ein Bote aus einem fernen Land. Bringst du frohe Kunde, Fremder?«, fragte er grinsend und hielt mir seine stockfreie Hand zum Einschlagen hin. Seine Brüder umkreisten uns kreischend.

»Was ist mit euch los? Wo ist euer gutes Benehmen? Bringt dem Herrn sofort eine Portion von unseren herrlichen Sandklößen und ein Glas Matschwein!«, gespielt streng sah er seine Brüder an und wies auf den Sandkasten. Sofort preschten die Jungs davon.

Jonte ist wahrscheinlich der beste große Bruder, den man sich nur wünschen kann. Er denkt sich verrückte Spiele aus, tobt und tröstet und lacht so laut, dass man es bestimmt bis in die oberen Stockwerke hören kann.

Während die Kleinen im Sandkasten beschäftigt waren, sagte er: »Kalle, altes Haus! Ist es nicht einfach wunderbar – sechs Wochen Sommerferien liegen vor uns!« Er hatte den Arm um mich gelegt und malte einen Strich in die Luft, um die Unendlichkeit von sechs Wochen zu verdeutlichen.

»Ich werde ausschlafen, ins Freibad gehen und auf gar keinen Fall ein Buch anfassen!«, seufzte er glücklich. »Und du? Wirst du von morgens bis abends Post ausfahren?«

In dem Moment erschienen seine Brüder, schwer bepackt mit Förmchen voller Matschklöße und einer alten Plastikflasche, in der sich wohl der bestellte Wein befand. Eifrig verteilten sie Speis und Trank und flitzten zurück zum Sandkasten.

»Wir fahren nach Italien«, murmelte ich und ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht. Jonte sah mich an.

»Was? Du fährst nach Italien? Und das sagst du erst jetzt?« Ich wurde rot. Er drehte sich um und rief durch den ganzen Hof: »Er fährt nach Italien! Wow! Das ist ja der Hammer, Mann! Italien!« Er schlug mir auf die Schulter. »Na, da kann ich natürlich mit meinem popeligen Freibad nicht mithalten …« Jonte strahlte über das ganze Gesicht. Er freute sich so, als führe er selbst nach Italien.

»Darauf trinken wir!« Theatralisch hob er die verschlossene Plastikflasche mit dem Matschwasser in die Luft.

»Buon Giorno! Auf Italien und auf Kalle!« Er tat, als ob er einen großen Schluck nähme.

»Nee, wie spektakulär! Kalle in Italien. Ich war noch nie am Meer«, verträumt sah er in die Ferne. »Könntest du mir vielleicht eine Muschel mitbringen?«

»Na klar, versprochen!« Mein Glücksklumpen schlug schon wieder Purzelbäume.

Schokopudding

Zu Hause haben wir dann angefangen zu packen. Das war ziemlich chaotisch, denn wir machen das ja nicht so oft und sind gar nicht geübt darin. Und da wir mit dem Zug fahren wollten, konnte jeder nur einen Rucksack mitnehmen. Plötzlich stand Papa in unserer Zimmertür. In Badehose.

»Jetzt schaut euch das an! Sie passt sogar noch!«, strahlte er. Mein weißer, strahlender Papa mit der roten, verwaschenen Badehose. Ich fragte mich, wieso sie nicht mehr hätte passen sollen, schließlich war er so dünn wie eh und je und Erwachsene wachsen ja nicht mehr.

»Warum fahren wir nicht direkt in Badehose los!?«, fragte er übermütig. »Was anderes brauchen wir sowieso nicht! Los, probiert eure Badehosen auch mal an!«, befahl er. Ich lachte, angelte aber wie gewünscht meine grüne Badehose mit dem aufgenähten Bronzeabzeichen aus der Schublade und zog sie über den Schlafanzug.

»Sehr schick! Und so praktisch! Da hast du auch gleich den Schlafanzug dabei! Steckst du dir noch die Zahnbürste hinters Ohr, dann kannst du deinen Rucksack eigentlich hierlassen.« Wir mussten lachen. Dabei sind wir darin auch nicht so geübt.

Frieda schrie: »Wo ist meine Badehose? Ich will auch in Badehose losfahren!«

»Da wird der Schaffner aber gucken, wenn wir da in unseren Badehosen auftauchen«, schmunzelte Papa und wir schlugen uns bei dem Gedanken an die verwunderten Blicke des Schaffners und der anderen Fahrgäste vor Lachen die Hände vor den Mund. Natürlich fanden wir Friedas Badehose. Glücklich zog auch er sie über den Schlafanzug.

»Da wird der Schaffner aber gucken, wird er da aber, was Kalle?«, strahlte er, wackelte mit dem Po und konnte sich gar nicht mehr beruhigen bei dem Gedanken.