Paderquellen ─ Bär ermittelt - Dirk Möller - E-Book

Paderquellen ─ Bär ermittelt E-Book

Dirk Möller

0,0

Beschreibung

Paderborn 2024. Die Gegner eines Nationalparks im Eggegebirge haben sich gerade in einem Bürgerentscheid durchgesetzt. Doch der Streit mit den Befürwortern geht weiter. Tobias Keller, ein radikaler, polizeibekannter Naturschützer, wird tot an einem Quellteich der Pader aufgefunden. Und das ausgerechnet zu Libori! Da kommt der Neuzugang für die Polizei Paderborn gerade recht: Max Bär, ein ehemaliger Beamter im LKA Berlin. Der gibt sich verschlossen, übellaunig und wenig kooperativ. Man stellt ihm eine junge Kommissarin in Ausbildung zur Seite, die seine Kompetenz zu schätzen weiß und ihn aus der Reserve locken kann. Gemeinsam hinterfragen sie, ob es wirklich einen Zusammenhang zwischen dem Tod von Keller und dem Kampf um den Naturschutz gibt. Es gelingt ihnen, die Machenschaften eines kriminellen Netzwerkes aufzudecken und die wahren Beweggründe für Kellers Aktivismus offenzulegen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 332

Veröffentlichungsjahr: 2026

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalte

Titelangaben

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Epilog

Nachwort

Info

Dirk Möller
Paderquellen
– Bär ermittelt
Paderborn-Krimi
Prolibris Verlag
Die dargestellten Ereignisse und Charaktere in diesem fiktiven Werk sind frei erfunden. Etwaige Namensgleichheiten oder Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sowie mit tatsächlichen Begebenheiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Bitte beachten Sie auch das Nachwort.
Alle Rechte vorbehalten, auch die des auszugsweisen Nachdrucks
und der fotomechanischen Wiedergabe sowie der Einspeicherung
und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen
insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG („Text und Data Mining“) zu gewinnen, ist untersagt.
©Prolibris Verlag Rolf Wagner, Rasenallee 23 d, 34128 Kassel
Titelfoto: © Adobe Stock, Felix
Schriften: Linux Libertine
E-Book: Prolibris Verlag, 2026
ISBN E-Book: 978-3-95475-275-1
Dieses Buch ist auch als Printausgabe im Buchhandel erhältlich:
ISBN: 978-3-95475-265-2
www.prolibris-verlag.de
Der Autor
Dirk Möller, geboren in Ostwestfalen, lebt seit über dreißig Jahren in Paderborn.
Nach einem Wirtschaftspädagogik-Studium und einer Promotion im Bereich Lernpsychologie unterrichtet er an einem Berufskolleg in Paderborn Mathematik und Wirtschaftsinformatik.
Paderquellen – Bär ermittelt ist sein fünfter Roman.
Für meine Familie
Prolog
Tony verharrte. Der Griff um die Schleuder wurde fester. Er las einen Stein auf, legte ihn in das Gummi, zog es zurück. Ein kurzes Zucken in den Fingern – der Stein zischte los und traf mit einem satten Plonk ins Astloch einer Fichte.
Tony gluckste. Volltreffer.
Er streifte weiter, die Schleuder lässig am Handgelenk. Er fühlte sich wie ein Entdecker, der neues Terrain erschließt. Dann lichteten sich die Bäume und er trat auf eine Wiese. Schmetterlinge tanzten über Lupinen, Margeriten und Blutklee. Das hohe Gras rauschte; es erschwerte das Gehen.
Tony strauchelte. Er fiel und schlug sich das Knie auf. Er verzog das Gesicht vor Schmerz und entdeckte, woran er sich gestoßen hatte: eine überwucherte Metallplatte, eingelassen in den Boden.
Eine Geheimtür? Ein Schatz?
Sein Herz schlug schneller.
Tony versuchte, sie anzuheben – keine Chance. Er holte einen Ast aus dem Wald und bearbeitete die bröckelige steinerne Fassung, in der die Platte lag. Nach einer Weile entstand ein Spalt, gerade groß genug, um die Finger hineinzuschieben und die Platte anzuheben. Doch sie bewegte sich nur um wenige Zentimeter.
Mit den Füßen schob er sie weiter. Er beugte sich vor und blickte in ein finsteres Loch, aus dem ein kühler, modriger Luftzug strömte.
Eine Leiter mit verwitterten Sprossen führte in die Tiefe.
1
Max Bär biss in den Cheeseburger. Er kaute langsam, nachdenklich, ohne Genuss, während er durch eine mit Fettfingerabdrücken übersäte Scheibe starrte, an der dicke Tropfen abperlten und als verschwommene Fäden hinabliefen.
»In Ostwestfalen regnet es dauernd.« Das hatten ihm die Kollegen mit auf den Weg gegeben.
Der Burger war so ungenießbar wie das Wetter und die kurze Formel, auf die sich sein Leben in den letzten Monaten reduzieren ließ: Job weg, Selbstachtung weg, Stella weg.
Noch ein Schluck Cola, dann stand Bär auf, nahm das Tablett und entsorgte den Müll. Er ging zur Toilette, schaufelte sich Wasser ins Gesicht, um die Müdigkeit – Folge einer quälend langen Autofahrt mit Stau auf der A2 – zu vertreiben, und spülte den Mund aus, um den Billigfleisch-Geschmack loszuwerden. Er hob den Blick und betrachtete sein Spiegelbild. Was er sah, gefiel ihm nicht: zu viel Grau, zu viel Härte, eingegraben in zu tiefen Falten. Er strich sich durch die gewellten, nach hinten gekämmten Haare, wischte das Gesicht mit dem Ärmel trocken und verließ das Restaurant.
Draußen entlud sich der Sommerregen in einem Wolkenbruch. Bär zog den Kragen der Lederjacke hoch und lief zu dem Passat mit dem Berliner Kennzeichen, der so weit vom Eingang entfernt stand, dass er auf dem Weg dorthin ordentlich nass wurde.
Er ließ den Motor an. Immer schnell, immer in Eile. Dann stellte er ihn wieder ab. Und saß einfach da. Wozu? Wozu jetzt noch Eile?
Die letzten Worte, die ihm Niggemann entgegengelächelt hatte, gingen ihm durch den Kopf: »Sie sind ein guter Polizist, Bär, ich wünsche Ihnen alles Gute. Und melden Sie sich gerne mal, wenn sich alles ein wenig beruhigt hat.«
Viele Regentropfen später brach es aus ihm heraus. Seine Faust krachte gegen das Steuer, einmal und immer wieder.
Abfahrt Hövelhof. Ein kleiner Ort mit Häusern, deren Dächer in den wenigen Sonnenstrahlen funkelten, die sich zwischen immer noch dicken Regenwolken hindurchgemogelt hatten. Bär warf einen Blick auf das Navi, um sich zu vergewissern, in welche Richtung er weitermusste. Als er wieder aufsah, lag Hövelhof bereits hinter ihm und vor ihm viel Grün: saftige Wiesen, einige Flecken Wald, Felder – Landidylle, die an Mecklenburg-Vorpommern erinnerte.
Die Straßen wurden schmaler. Die Häuser seltener. Nur noch ein paar Höfe waren in die Landschaft gewürfelt. Ein Traktor kam ihm entgegen. Der Fahrer machte keine Anstalten, das Ungetüm zur Seite zu bewegen. Nein: Er beanspruchte die ganze Wegbreite, während Bär mit dem abschüssigen Seitenstreifen vorliebnehmen musste und dabei eine Ladung Spritzwasser gegen die Windschutzscheibe geklatscht bekam. Der andere hielt es nicht für nötig, zu grüßen, geschweige denn eine Geste des Danks zu zeigen.
»Weil es immer regnet, sind die Leute so miesepetrig.«
Bär lenkte den Wagen zurück in die Mitte des Weges, wo vom Regen aufgeweichte Pferdeäpfel den rissigen Asphalt verschmierten. Kurz darauf hielt er an. Das Navi markierte das Ziel als roten Punkt auf einer weiten grünen Fläche, irgendwo linker Hand. Doch wo war die Straße, die dorthin führte? Er setzte einige Meter zurück und entdeckte einen Feldweg, den er übersehen hatte. Eine tief ausgefurchte Schlaglochpiste mit einer hohen Grasnarbe in der Mitte. Die Kartensoftware hatte davon offenbar noch nie gehört.
Bär schüttelte innerlich den Kopf. Sämtliche Provinz-Klischees übererfüllt. Am ersten Tag.
Er lenkte den Passat auf den Feldweg und rumpelte los, der kleine Hertha-Wimpel am Rückspiegel schlug Kapriolen. Er umkurvte ein Schlammloch und hörte, wie der Unterboden über Gras strich, dann über etwas Hartes schabte, ein ungesundes Geräusch.
Die nächste Matschpfütze war tiefer als erwartet und der Schlamm so zäh, dass der Passat ruckartig an Fahrt verlor. Die Räder drehten durch, Dreck spritzte in hohem Bogen nach hinten, der Motor jaulte auf. Bär legte den Rückwärtsgang ein – keine Chance. Der Wagen grub sich nur noch tiefer ein. »Fuck!«
Er stieß die Fahrertür auf, im nächsten Moment stand er bis zu den Knöcheln im Schlamm. Er stakste einmal um das Auto und trat vor Wut gegen den rechten Hinterreifen, als könnte er so das festgefahrene Teil zur Vernunft bringen. Verdammt, rundum kein Haus, kein Auto, kein Mensch zu sehen. Aber frische Landluft, es stank nach Gülle.
Eine Kuh trottete mit mäßigem Enthusiasmus näher, bis zu dem Elektrozaun, der die Weide einfasste. Das schwarzbunte Tier musterte ihn mit stoischer Miene, die offenließ, was ihm durch den Kopf ging.
Er warf einen Blick auf das Handy: zwei Balken, schlechter Empfang. Mit einem resignierten Seufzen strich er seine Cowboy-Stiefel an einem Grasbüschel ab und überlegte. Er musste zurück zur nächsten Hauptstraße, doch seit Hövelhof waren die Straßen nur schmaler geworden.
Passend zu seiner Laune setzte in diesem Moment wieder der Regen ein. Er fiel sanft und leicht und wässerte die Felder, auf denen Mais stand, sowie die saftigen Wiesen, die offensichtlich mit dem reichlichen Niederschlag bestens zurechtkamen und sich mit schönen Wildblumen revanchierten, die hier und da aus dem Boden sprossen.
Bär stapfte den Feldweg zurück.
Dann: Motorengeräusch. Es wurde lauter, klang nach etwas Großem. Ein Lkw? Hier? Im nächsten Moment bog ein Traktor auf den Feldweg ein. Ein gewaltiges Ding, das genau auf Bär zuhielt. Und der erkannte es sofort: dasselbe landwirtschaftliche Monstrum, das ihn vorhin rücksichtslos von der Straße gedrängt hatte. Hinter dem Steuer derselbe Kerl, der keine Anstalten machte, abzubremsen, sondern mit verkniffener Miene unaufhaltsam näherröhrte.
Noch zwanzig Meter. Zehn.
Scheiße, der kann doch nicht …
»Anhalten!«, brüllte Bär und ruderte mit den Armen.
Eine Armlänge vor seinen dreckbesudelten Stiefeln kam der schnaufende Koloss zum Stehen. Der Fahrer nahm die Kopfhörer ab, musterte den Fremden mit einem Blick zwischen Langeweile und Misstrauen und pflanzte seine Gummistiefel in den schlüpfrigen Boden.
»Steckengeblieben?«, knurrte er.
Bär war noch dabei, die wutschnaubende Standpauke zu sortieren, die er dem Tölpel um die Ohren hauen wollte.
»Äh, ja … sicher.«
»Was haben Sie hier zu suchen?«
»Verfahren. Da war eine Brücke gesperrt, dann das …« Er deutete auf den Passat, dessen Hinterräder jetzt bis zur Hälfte der Radkappen im Schlamm versunken waren.
»Wohin wollen Sie eigentlich, zum Teufel?«
Bär nannte die Adresse.
»Und was wollen Sie da?«
»Spielt das eine Rolle?«
Der andere zuckte mit den Schultern. »Da lang!« Er wies auf eine Reihe Apfelbäume an einem Feldweg.
»Toll. Und wie komme ich dahin?«
»Erst mal raus aus der Grütze.«
»Würde ich ja gerne, geht aber nicht.«
»Einsteigen. Gang raus.«
»Und dann?«
»Schiebe ich. Hoffentlich fällt bei der Rostlaube nicht die Stoßstange ab. Wie alt ist die eigentlich?«
Alt genug, dass man sie in Köpenick nachts an der Straße stehen lassen kann, ohne dass sie aufgebrochen wird, dachte Bär und blieb eine Antwort schuldig. Er ging zu seinem Wagen zurück, setzte sich hinter das Steuer und nahm den Gang raus. Er war gespannt, was passieren würde.
Er sollte es eine Minute später erfahren. Da gab es einen kräftigen Stoß von hinten, der Bärs Kopf in gefährliche Nähe zum Armaturenbrett brachte. Im nächsten Moment schoben vierhundert Pferdestärken den Passat Meter um Meter aus dem Schlammloch und noch ein Stück weiter. Das Chassis ächzte jämmerlich und Bär fürchtete ernsthaft um die Stoßstange. Doch sein betagter fahrbarer Untersatz überstand das Abenteuer unversehrt.
»Sie fahren jetzt vor, ich komme hinterher.«
Bär brachte nur ein zaghaftes Okay über die Lippen.
In den nächsten Minuten hoppelte er über eine erbärmlich schlechte Piste, ein gewaltiges Gefährt im Rücken, mit einem Mann am Steuer, der es wohl nicht gewohnt war, im Schneckentempo über Stock und Stein zu kriechen, und gefährlich dicht an dem Passat klebte. Und dann donnerte dieser Typ auch noch auf die Hupe.
Bär trat auf die Bremse und sah in den Rückspiegel. Dort wurde wild gestikuliert, und Bär begriff, dass er geradeaus weiter sollte, dann rechts und wieder rechts. Er hielt einen hochgereckten Daumen aus dem Fenster.
Der Traktor bog links ab auf ein Feld.
Bär stellte den Motor ab. Er zündete sich die letzte Zigarette aus der Schachtel an, stieg aus und schüttelte in stummer Verzweiflung den Kopf. Aus dem Misthaufen, neben dem er geparkt hatte, sickerte eine Brühe, die anscheinend nur darauf gewartet hatte, den Weg zu seinem Auto einzuschlagen. Der Gestank war kaum zu ertragen. Er zog kräftiger an der Zigarette, schloss die Augen und ließ den Rauch so austreten, dass das würzige Aroma seine in Aufruhr gesetzte Nase umschmeichelte.
Sein Blick glitt über den Hofplatz, auf dem Stroh- und Pflanzenreste verstreut lagen. Sie zeugten davon, dass hier entweder intensiv gearbeitet wurde oder man seit Ewigkeiten nicht gefegt hatte. Ein kleiner, klapprig wirkender Traktor fristete ein trauriges Dasein unter einem Wellblechdach, dahinter ein Stapel Feuerholz. Allerlei landwirtschaftliches Gerät füllte eine offene Scheune. Daran schloss sich eine Zeile niedriger Gebäude an, die nach Stallungen aussahen, für welche Spezies Vierbeiner auch immer. Das Hauptgebäude, vermutlich gleichzeitig das Wohnhaus, war ein roter, an einigen Stellen dunkel verfärbter Klinkerbau mit Dachpfannen, die Flechten besiedelt hatten. Vor der mit einem braun getönten Glaseinsatz verschandelten Holztür stand ein Paar Gummistiefel.
Bär richtete den Blick auf die riesige, aus Regenwasser und Misthaufengülle gespeiste Pfütze vor seinen Füßen, in der sich der bleigraue Himmel spiegelte, und hätte beinahe laut gelacht. Da stand er, der zwangsversetzte Hauptstädter, in Berlin geboren und aufgewachsen, in Jeans und Cowboystiefeln auf einem Bauernhof in der verregneten ostwestfälischen Provinz und wartete darauf, dass man ihn zwickte und er aus dem Albtraum aufwachte.
Einfach nur grotesk. Beschissen grotesk.
Er hievte sein Gepäck aus dem Kofferraum, schulterte den Rucksack und trug mit jeder Hand eine Reisetasche. Auf dem Weg zur Haustür pfiff ihm ein kalter Wind aus Westen entgegen, der wohl nicht mitbekommen hatte, dass es Mitte Juli war.
Er drückte die Klingel. Nichts tat sich. Auch nicht beim nächsten und übernächsten Klingeln.
Bär lief über den Hof zu den Stallungen. Er betrat den ersten Trakt und rief: »Hallo? Ist da jemand?«
Die Antwort kam in Form eines lang gezogenen Muhens.
Er verzichtete auf eine nähere Untersuchung und kehrte ins Freie zurück. Immerhin hatte der Regen nachgelassen.
Unschlüssig, wie und wo er denn nun seinen Vermieter finden könnte, ging er zum Auto und ließ sich auf den Fahrersitz sinken. Er schaltete das Radio ein und 104.6 RTL – Berlins Hitradio – antwortete mit einem müden Rauschen. Aus Langeweile startete er den Frequenzsuchlauf und blieb bei einem Sender hängen, von dem er nie zuvor etwas gehört hatte: Radio Hochstift. Immerhin Musik.
Dann Nachrichten. Gefolgt von Meldungen aus der Region, in deren Mittelpunkt das bald beginnende Libori-Fest stand. Verkehrssperrungen wurden angekündigt, dazu der Hinweis, den ÖPNV zu nutzen und den Innenstadtbereich großräumig zu umfahren.
Innenstadt? In Bär keimte Hoffnung auf.
Jemand donnerte gegen die Seitenscheibe.
Bär schrak hoch und öffnete die Augen. Er blickte in ein bekanntes Gesicht und ließ die Scheibe herunter. »Sie?«
Der Traktorfahrer, der ihn zuerst beinahe in den Graben befördert und anschließend aus dem Schlamm gerettet hatte, verzog keine Miene. »Wer sonst? Das ist mein Hof.«
»Sie sind … Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?«
»Sie haben nicht gefragt.«
»Ja, aber …« Bär verkniff sich weitere Meinungsäußerungen. »Ich würde dann gerne einchecken.«
»Erst fahren Sie den Wagen weg. Hier steht mein Traktor und keiner sonst. Ach, und wenn Sie die Erdkluten von der Karre kriegen wollen: Da vorn ist ein Gartenschlauch.«
»Wo soll ich denn parken?«
»Vor dem Haus.« Bär ließ den Motor an. »Und die nehmen Sie mit!« Der Vermieter zeigte auf den Zigarettenstummel, den Bär achtlos weggeschnippt hatte. »Ich will nicht, dass die Hühner das Zeug aufpicken.«
Das winzige Zimmer mit der Dachschräge über dem Bett roch muffig, es war vermutlich lange unbewohnt gewesen. Die Einrichtung mit dem 1970er-Jahre-Flair erschöpfte sich in einem quadratischen Tisch, einem Stuhl mit einer unbequemen Lehne und einer Antiquität von Schrank, dessen Tür mitleiderregend knarzte. Das Bad war auf dem Flur.
Bär starrte durch das Dachfenster, das sich nicht verdunkeln ließ und auf das nun der Regen trommelte.
Wie lange er bleiben würde, hatte der Vermieter gefragt.
Warum er nicht in die Stadt gezogen sei.
Und wieso überhaupt weg von Berlin.
Er würde hoffentlich pünktlich zahlen.
Weiß ich nicht, hatte er geantwortet. Und: Weil es hier billiger ist. Wegen der beruflichen Veränderung. Klar zahle ich pünktlich, ich bin die Polizei.
Allmählich senkte sich die Dunkelheit über den Hof, auf dem sich Bär für eine, für Berliner Verhältnisse, absurd niedrige Monatsmiete mit zweiwöchiger Kündigungsfrist einquartiert hatte. Das Licht reichte gerade noch aus, um die Allee hinter den Eickhoff’schen Feldern zu erkennen, durch die eine Straße verlief – offenbar das einzige Fleckchen Asphalt, wo es sonst nur Schotter- und Feldwege gab.
Die Stille war ungewöhnlich. Beklemmend.
Wo waren die hupenden Autos? Die heulenden Krankenwagen auf der Karl-Marx-Straße? Wo das Schlagen der Türen, das durch das Treppenhaus der Altbauvilla in der Thomasstraße hallte, in der er gewohnt hatte? Das Zetern der türkischen Oma, die sich in ihrer Sprache über alles und jeden ausließ? Die Leute, die vor der Moschee palaverten und immer freundlich grüßten. Die keinen Anstoß an Andersgläubigen nahmen, auch nicht an welchen mit Kippa.
Und wo der Dönergeruch von Ardas Grill, der durch das ganze Haus zog? Hier konnte man das Fenster nicht öffnen, ohne dass einem schlecht wurde vom Güllemief.
Bär beschloss, dass es keinen Sinn hatte, länger wach zu bleiben.
2
Etwas bohrte sich in Bärs Gehörgänge. Nervtötend laut und penetrant: Ki-keri-kiiiiii!
Er nahm das Kopfkissen, das platt wie ein Handtuch war, und zog es sich über die Ohren.
Ki-keri-kiiiiii!
Wo war die P30? Wenn er sich auf einen Stuhl stellen und die Dachluke aufklappen würde … Und wenn sich dieses gottverdammte Federvieh auf dem Hof blicken ließe …
Ki-keri-kiiiiii!, schmetterte der Herr des Morgens unbeeindruckt seine Botschaft in die Dämmerung.
Bär blinzelte aufs Handy: kurz vor fünf.
Sein nächster Gedanke galt einer Zigarette, eine Schachtel hatte er noch in seinem Reisegepäck. Aber er konnte sich nicht aufraffen, aufzustehen, die Treppe hinunter in die Diele zu gehen und vor die Tür zu treten. Und auf dem Zimmer rauchen war strengstens untersagt – gewiss würde ihn Eickhoff mit der Mistgabel aufspießen.
Bär ließ den Kopf zurück auf die Matratze sinken und nahm sich vor, das Krähen zu ignorieren. Was nur bedingt funktionierte, ihn aber immerhin in eine Art Halbschlaf zurückversetzte. Jedoch in keinen erholsamen, denn sein Gehirn fand einfach keine Ruhe.
Nicht einmal eine richtige Verabschiedung im Kollegenkreis hatte es gegeben. Keine Schnittchen, keine Berliner Pfannkuchen mit Erdbeermarmelade. Einerseits wollte er auch kein großes Brimborium, man hätte nur einen Strauß warmer Abschiedsworte von ihm verlangt, die größtenteils geheuchelt wären. Andererseits: Durch die Hintertür verschwinden, nach beinahe dreißig Jahren, war in gewisser Weise erniedrigend; es zementierte das Gefühl des Abserviertwerdens. Den vielen Stunden Schweiß, Tränen und Blut wurde es nicht gerecht.
Und die Kollegen? Zwei, drei bedauerten seinen Fortgang und er nahm es ihnen ab. Aber der Rest? War erleichtert, dass der Unruhestifter mit der von den Medien aufgemalten Zielscheibe auf dem Rücken verschwand und wieder Ruhe einkehrte.
»Sicher hat Ihre Versetzung für alle etwas Gutes«, hatte Niggemann mit einem selbstgefälligen Funktionärsgesicht geflötet.
Bestimmt nicht.
Nicht, wenn man das Bauernopfer ist.
»Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft …«, krakeelte der Wecker. Bär hätte ihn nur zu gerne gegen die Wand gepfeffert, deren Tapete trotz des auf ihr verewigten Blümchenmeers trostlos wirkte.
Er brachte ihn zum Schweigen und blieb liegen. Zehn Minuten später fuhr ihn der Quälgeist erneut an. Bär stellte ihn endgültig aus.
Ab heute galt ein anderes Motto: Dienst nach Vorschrift. Keine Minute zu früh. Keine länger als nötig. Das war er sich selbst schuldig.
Schließlich stand er doch auf.
Die Sonne schien. Sie trocknete die Pfützen auf dem Hofplatz, über den Hühner gackerten und der Hahn stolzierte. Bär warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. Doch das vor Hochmut beinahe platzende Geschöpf zeigte sich unbeeindruckt. Es verharrte für einen Moment, dann schüttelte es sein Gefieder und krähte noch einmal renitent, als wollte es klarmachen, wer der Herr auf dem Terrain zwischen Wohnhaus und Kuhstall war.
Bär verzog das Gesicht und nahm einen letzten tiefen Zug. Dann schnippte er den Stummel auf den Boden: eine stumme Kampfansage an den eitlen Gockel, der ärgerlich den Kopf herumwarf.
Jetzt, da die Zigarette aufgeraucht war, wuchs das Verlangen nach einem Kaffee, einem starken und schwarzen, aber Eickhoff hatte nur mürrisch geknurrt, die Brötchen würden an der Türklinke hängen. Alles Weitere sei Bärs Sache. Er hatte nach dem nächsten Supermarkt gefragt, und der Vermieter hatte die Ortschaften Sande und Ostenland genannt. Beide in nicht fußläufiger Entfernung.
Er lehnte sich an die warme Hauswand und ließ den Blick schweifen. Im warmen Licht der Morgensonne wirkte der Hof weniger trostlos als am Vorabend, eine Schönheit war er deswegen noch lange nicht. Was auch für den Hofhund galt: eine krude Promenadenmischung, die sich dem Fremden misstrauisch näherte, ihn pflichtschuldig anknurrte und sich schließlich trollte.
Bär nahm das Handy und las noch einmal die E-Mail, deren Wortlaut er in- und auswendig kannte. Die es besiegelt hatte: Dienstantritt heute, Wache Paderborn.
Es fühlte sich falscher denn je an.
Das Polizeigebäude war ein moderner Bau mit einer Fassade aus polizeiuniformblau verspiegeltem Glas, irgendwo zwischen kühler Eleganz und Großspurigkeit. Überdimensioniert für eine Stadt mit gut 150.000 Einwohnern und besser aufgehoben in einer richtigen Großstadt, dachte Bär, als er den Passat auf den Besucherparkplatz lenkte. Frisch bepflanzte Grünanlagen und Kiesreste auf den Stellflächen deuteten darauf hin, dass er erst kürzlich fertiggestellt worden war, was vermutlich für den ganzen Komplex galt.
Bär meldete sich beim Empfangstresen. Hinter Sicherheitsglas blickte ein uniformierter Beamter mit gelangweiltem Blick von seinem Monitor auf. Er legte das Brötchen, in das er gerade gebissen hatte, zur Seite und musterte den Besucher. »Ja, bitte?«
»Bär. Ich möchte zu Frau Müller.«
»Kriminaldirektorin Müller?«
»Genau.«
»Sie sind angemeldet?«
»Ja. Leider.«
»Dann bitte einmal den Ausweis.«
Bär legte seinen Dienstausweis vor.
»Der Polizeipräsident Berlin«, las der Wachhabende laut vor. »Ah, Kollegenbesuch aus Berlin. Moment, ich schaue kurz nach.« Der Mann überprüfte die Anmeldung und kehrte zurück zum Tresen. »Alles klar. Sie können da vorn Platz nehmen.« Gemeint war ein Wartebereich mit zwei Besucherstühlen.
Bär saß kaum, als die Tür summte, die den Empfang vom restlichen Dienstgebäude trennte.
»Gehen Sie bitte durch«, sagte der Uniformierte. »Treppe hoch, die Räume sind beschriftet. 101a.«
Bär betrat die heiligen Hallen der Kreispolizeibehörde Paderborn, in denen es frisch gestrichen roch. Er studierte den Wegweiser im ersten Stock und fand Zimmer 101a, das Vorzimmer von Kriminaldirektorin Müller, am Kopfende eines langen Flurs. Hier standen zwei Besucherstühle, was an die Privatsprechstunde eines Chefarztes denken ließ.
Er klopfte und trat ein.
Eine Frau, die Bär auf Mitte fünfzig schätzte, saß ihm gegenüber an einem PC-Arbeitsplatz. Sie nahm die Brille ab und blickte ihren Besucher erwartungsvoll an: einen unter dichten, dunklen Augenbrauen verkniffen dreinblickenden Lederjackenträger mit markanten Gesichtszügen – auf den ersten Blick vielleicht nicht gerade sympathisch wirkend.
»Max Bär. Ich bin mit Frau Müller verabredet.«
»Ah, Herr Bär! Haben Sie gut hergefunden?«
»Geht so.«
»Dann warten Sie doch noch einen Moment draußen, ja? Frau Müller ist noch in einem Gespräch, aber es wird sicher nicht mehr lange dauern. Möchten Sie einen Kaffee?«
»Gerne.«
»Mit Milch und Zucker?«
»Auf keinen Fall.«
Eine Viertelstunde später war die Tasse leer, und Bär spielte mit dem Gedanken, um Nachschlag zu bitten. Plötzlich öffnete sich die Tür und ein groß gewachsener, dynamisch wirkender Mann im Business-Anzug stürmte heraus. Er nickte Bär freundlich zu und eilte zum Treppenhaus.
Eine Minute später wurde Bär hereingerufen. Die Frau, die ihn empfing, war überraschend jung.
Höchstens Anfang vierzig – und schon Direktorin? Karrierezicke. Haare auf den Zähnen. Auf dem Weg nach oben. Und du: im Sturzflug nach unten.
Sie hatte dunkle, fast schwarze Haare, verbarg aber nicht die grauen Strähnen. Ihr Handschlag war resolut. Auch der Gesichtsausdruck mit dem leicht hochgereckten Kinn.
»Guten Tag, Herr Bär. Ich hatte Sie früher erwartet.« Ein demonstrativer Blick zu der Uhr an ihrem Handgelenk.
»Hatten wir eine Uhrzeit vereinbart?«
»Nein, aber wir fangen hier pünktlich an. Sie in Berlin sicherlich auch.«
Bär verzichtete auf eine Antwort. Der kühle Empfang störte ihn nicht einmal. Er passte zu den Umständen.
»Sie kommen zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt.«
Da sind wir uns einig, wäre es Bär beinahe entfahren, aber er verkniff sich die spitze Bemerkung.
»Libori beginnt, da ist immer richtig viel los. Dieses Jahr besonders, aber dazu später mehr. Libori ist Ihnen ein Begriff?«
»Nee.«
Auf ihrem Gesicht zeigte sich ein vorwurfsvoller Ausdruck, der so viel besagte wie: Haben Sie sich gar nicht mit Ihrem neuen Dienstort beschäftigt? »Das Großevent in Paderborn.«
»Aha.«
Großevent – na sicher. Was ist dann das Pokalfinale? Der Berlin-Marathon? Karneval der Kulturen …
Seine einsilbige Reaktion, sein gelangweilter Blick, sie überging beides. »Also gut, Sie haben um Versetzung gebeten …«
»Nein, sie wurde mir nahegelegt. Ich gehe davon aus, dass Sie über die Umstände informiert sind.«
»In dem Schreiben ist davon nicht die Rede.«
»Das ist aber die Realität. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn wir nicht so tun, als wäre ich freiwillig hier.«
Müller holte tief Luft. Sie nickte. »Schade, dass Sie das so sehen. Ich hatte gehofft, es wäre ein willkommener Neuanfang für Sie, aber wenn dem nicht so ist: von mir aus.« Ihre Stimme kühlte um ein paar Grade ab: »Im Übrigen habe ich auch nicht um Sie gebettelt. Ich hatte eine andere Kandidatin im Blick, die Ihretwegen nicht zum Zug gekommen ist.«
»So ist das bisweilen«, entgegnete Bär.
»Sie begeben sich jetzt zur Personalstelle, dort wird Ihnen alles ausgehändigt. Treppe rauf, zweite Tür links. Wir sehen uns um zehn Uhr beim Briefing in Raum 109. Flur runter.«
Raum 109 war ein klassischer Konferenzraum, wie man ihn aus Tagungshotels oder modernen Bürogebäuden kannte: nüchtern, funktional, ohne unnötigen Schnickschnack. Die makellos weißen Wände verstärkten den sterilen Eindruck, während die im Hufeisen angeordneten Tische eine sachliche Atmosphäre schufen. An der Stirnseite dominierte eine Projektionsfläche, auf die ein Deckenbeamer zielte. Wieder hatte Bär den Geruch von Farbe in der Nase.
Er spürte Blicke auf sich ruhen. Es wurde getuschelt.
Es war überall dasselbe: Ein Neuer taucht auf, alle mustern ihn. Doch eins war anders: Der Neue in Raum 109 war kein Berufsanfänger, der dem Betrieb womöglich eine Prise frischen Wind einhauchen konnte, sondern ein altgedienter Polizeihase. Einer mit einem ausgelaugten Veteranenblick.
Neben ihm saß eine blutjunge Kollegin, sie hätte seine Tochter sein können. Sie hatte ein angenehm feminines Parfum und machte keine Anstalten, mit ihm zu reden. Auch nicht mit ihrem Sitznachbarn zur Linken. Sie warf immer mal wieder einen Blick aufs Handy: ein Ausdruck von Hibbeligkeit?
Berufsanfängerin. Null Standing. Vielleicht auf dem Weg nach oben. Wenn sie den Druck aushält. Wenn nicht – Burn-out mit fünfzig.
Müller ließ auf sich warten. Noch mehr Getuschel. Einer kicherte zu laut. Schließlich riss jemand die Tür auf und Kriminaldirektorin Müller flog herein. Schlagartig kehrte Ruhe ein.
Das beeindruckte Bär. Wenn er Dienstbesprechungen geleitet hatte, war das nie so gewesen.
»Falls wir uns noch nicht gesehen haben: Guten Morgen. Wir haben einiges zu besprechen, deshalb gehen wir gleich in medias res. Wie Sie festgestellt haben, dürfen wir ein neues Gesicht am Tisch begrüßen. Herr Bär, möchten Sie sich kurz vorstellen?«
Ein Überraschungsangriff, der Bär unvorbereitet traf, obwohl die Vorgehensweise üblich war. »Äh, gut … ja, also … Max Bär. Was soll ich groß sagen: Ich bin seit gestern in Paderborn, werde aber wohl länger bleiben. Ich hoffe auf ein vernünftiges Miteinander.«
Müller fühlte sich wohl bemüßigt, die – wie Bär fand – schlechteste Vorstellung aller Zeiten irgendwie zu retten: »Hauptkommissar Bär war viele Jahre leitender Ermittler beim LKA in Berlin, vor allem im Einsatz gegen die Organisierte Kriminalität. Auch undercover in brisanten Spezialeinsätzen. Er wird uns eine wertvolle Verstärkung sein.«
Weil es ja auch so viel organisierte Kriminalität in Paderborn gibt.
Es wurde wieder getuschelt. Die Eckpunkte seiner beruflichen Vita hatte die Flüsterpost offenbar nicht zugestellt.
»Also dann, auf eine gute und vor allem erfolgreiche Zusammenarbeit«, schloss Müller das Thema ab und fuhr mit ernstem Gesicht fort. »Damit Herr Bär im Bild ist, noch einmal das Wesentliche zu unserer Priorität eins: Letzten Donnerstagabend wurde der neunjährige Anthony Jeffreys aus Asseln von seiner alleinerziehenden Mutter vermisst gemeldet. Eine Suchaktion der Nachbarn in einem nahe gelegenen Waldstück verlief erfolglos, ebenfalls eine weiter gefasste der Polizei. Wir gehen von einem Verbrechen aus.«
Bär lagen spontan diverse Fragen auf der Zunge, aber er behielt sie für sich.
»Herr Bär, mir scheint, Sie haben eine Frage.«
Und hellsehen kann sie auch noch … Er räusperte sich. »Anthony Jeffreys – englischer Name. Was hat es damit auf sich?«
»Die Mutter ist Deutsche, der Vater Engländer. Er war in Paderborn stationiert, in der Alanbrooke Kaserne. Ist nach Abzug der Streitkräfte zurück nach England gesiedelt. Die beiden haben sich getrennt.«
»Hat man ihn kontaktiert?«
»Haben wir versucht, aber es ist unklar, wo genau er sich aufhält. Die Briten geben sich äußerst zugeknöpft, wahrscheinlich befindet sich Jeffreys in einem Auslandseinsatz, der topsecret ist. Frau Jeffreys hat auch keinen Kontakt zu ihrem Mann. Es sei aber ausgeschlossen, dass er seinen Sohn freiwillig oder gegen seinen Willen mitgenommen hat. Er habe sich nie für Anthony interessiert. Es fehle auch nichts von Anthonys persönlichen Gegenständen.«
Bär nickte nachdenklich. Für eine Kindesentziehung sprach wohl nichts.
»Weitere Fragen?«, wandte sich Müller ans Plenum.
Vereinzeltes Kopfschütteln. Keine Wortmeldung.
»Gut, dann komme ich zum eigentlichen Grund für diese Besprechung – beziehungsweise den Gründen. Wegen des großen öffentlichen Interesses im Zusammenhang mit dem Vermisstenfall wird eine gemeinsame Soko der Kripos Bielefeld und Paderborn installiert. Soko Anthony steht unter meiner Federführung, selbstverständlich in enger Kooperation mit dem Leitenden Kriminaldirektor Thomassen aus Bielefeld.«
Diesmal ging ein Raunen durch den Raum, und Bär wusste, weshalb. Eine dienststellenübergreifende Soko war nicht nur ein organisatorisches Konstrukt, um Synergieeffekte zu erzielen oder Personalengpässe zu umschiffen. Sie stellte implizit die Frage, ob die Kripo Paderborn die Kompetenz zur alleinigen Lösung des Falls hatte, und rührte an tief verwurzelten Empfindungen: Angst vor Änderung der Arbeitsbedingungen und externer Kontrolle. Sie nährte die Befürchtung, zum Statisten degradiert zu werden – im eigenen Revier. Lediglich Erfüllungsgehilfe einer renommierteren Dienststelle zu sein, die über den eigenen Kopf hinweg entscheidet und die Arbeitsbedingungen diktiert.
Die Stimmung kippte merklich. Einige lehnten sich in ihren Stühlen zurück, verschränkten die Arme. Ein weißhaariger Kollege, den Bär höchstens ein paar Jahre jünger als sich selbst schätzte, schüttelte den Kopf.
Müller ignorierte die Reaktionen und fuhr ungerührt fort: »Unsere Kapazitäten sind wegen Libori stark beansprucht, insofern sollten wir eine Kooperation als Entlastung sehen. Wer anderer Meinung ist, geht damit dennoch professionell und konstruktiv um.«
Der Weißhaarige meldete sich.
»Herr Waldner?«
»Wer wird dieser Soko zugeordnet? Und wer wird sie auf der operativen Ebene leiten?«
»Das wird in Kürze bekannt gegeben.«
Bär bemerkte, dass ihn von verschiedenen Seiten verstohlene Blicke trafen. Vermutete man, der Neuling würde als einer der Dienstranghöchsten eine tragende Rolle spielen? Befürchtete man es? Die allgemeine Aufmerksamkeit wanderte jedoch schnell weiter, denn plötzlich ging die Tür auf. Der Mann, der den Raum betrat, hatte nicht angeklopft.
Ein drahtiger Typ mit militärischem Kurzhaarschnitt und harten Gesichtszügen, die auf Kampfeinsätze hindeuteten. Bär dachte unwillkürlich an die GSG 9. Das LKA Berlin hatte bei einem Fall, in den er vor Jahren involviert gewesen war, mit den Spezialkräften zusammengearbeitet.
Müller begrüßte ihn mit Handschlag und leisen Worten, die offenbar niemand im Raum sonst hören sollte. Im Anschluss daran ließ sie die nächste Bombe platzen. »Ich möchte Ihnen Hauptkommissar Demirovic vorstellen. Herr Demirovic arbeitet im Rahmen der Gefährder-Überwachung beim Staatsschutz, Abteilung Terrorabwehr.« Sie erteilte Demirovic das Wort.
Er verschwendete keine Zeit mit Präliminarien und kam gleich zur Sache. Der Blick eisern, die Stimme ruhig. »Wir haben einen Hinweis erhalten, dass zu Libori mit einer besonderen Bedrohungslage zu rechnen ist. Konkret müssen wir annehmen oder können zumindest nicht ausschließen, dass das diesjährige Libori Ziel eines islamistisch motivierten Anschlags ist. Die Terrorwarnstufe wurde erhöht.«
Demirovic machte eine bedeutungsvolle Pause, während der er seine Zuhörer nicht aus den Augen ließ. Er fuhr fort und das Gemurmel verstummte schlagartig. »Ohne ins Detail zu gehen: Es laufen verdeckte Ermittlungen gegen einen aus Dortmund stammenden islamistischen Gefährder, den wir im Umfeld einer libanesischen Terrororganisation namens Morgenröte verorten. Wo sich dieser Mann zurzeit konkret aufhält, wissen wir nicht mit Sicherheit, wir vermuten, im Dunstkreis des deutsch-palästinensischen Kulturvereins Al-Fajr e.V., der in Paderborn seinen Sitz hat.«
Waldner hob wieder die Hand. Demirovic forderte ihn mit einem knappen Nicken auf, seine Frage zu stellen. »Was bedeutet das für unsere tägliche Arbeit? Wir haben alle Fälle, mit denen wir voll ausgelastet sind.«
»Erst einmal bedeutet es, dass jeder Mann und jede Frau dringend gebraucht werden und ich Sie bitte, bis auf Weiteres keinen Urlaub einzureichen. Mit Blick auf die auch noch zu stemmende Soko dürfte das wohl einleuchtend sein.«
Müller würgte das Stimmengewirr ab. »Auch hier gilt: Details werden in Kürze mitgeteilt. Sie alle halten sich zur Verfügung, bis über Ihre Verwendung entschieden ist. Bis dahin arbeiten Sie an den Fällen, an denen Sie momentan sitzen. Gibt es weitere Fragen?«
Jede Menge, dachte Bär. Aber niemand stellte sie.
Müller verständigte sich mit Demirovic darauf, dass sein Auftritt beendet sei. Während der Mann vom Staatsschutz grußlos ging, beendete sie das Briefing.
Bär vernahm ein Das-kann-ja-lustig-Werden von links und ein Ach-du-Kacke! von gegenüber.
»Herr Bär und Frau Lüke: Bitte bleiben Sie noch einen Moment. Ich möchte mit Ihnen reden.«
»Ja … ja sicher. Natürlich«, stammelte Bärs Sitznachbarin, die schüchterne junge Kollegin.
»Sie haben sich schon bekannt gemacht?«, fragte Müller.
»Nein«, antwortete Bär.
»Dann darf ich vorstellen: Kriminalkommissaranwärterin Nele Lüke. Frau Lüke absolviert ein duales Studium an der HSPV Münster und ist seit letzter Woche bei uns in einer Praxisphase. Sie wird unter Ihrer Anleitung mitarbeiten.«
»Äh … was?«
»Frau Lüke ist Ihre Partnerin während des laufenden Praxisblocks, der noch wie lange geht, Frau Lüke?«
»Noch sechs Wochen.«
»Der dritte und letzte Block, richtig?«
»Ja, genau.«
»Das heißt, Frau Lüke soll richtig eingebunden werden in die Ermittlungsarbeit.«
Lüke strahlte. Trotz des dezenten Make-ups nahmen ihre Wangen eine leicht rötliche Färbung an.
Bär konnte es nicht fassen. »Ich bin doch kein Kin… äh … ich bin nicht geeignet als Ausbilder, das ist gar nicht mein Metier. Ich habe das …«
»Sie machen das schon, Herr Bär. Frau Lüke wird von Ihrer Erfahrung profitieren und sich ganz sicher einiges abgucken können, und Sie profitieren davon, dass Frau Lüke als gebürtige Paderbornerin Land und Leute kennt. Außerdem haben Sie gehört, dass jede Kraft gebraucht wird, Studierende und gerade Angekommene eingeschlossen.«
Bär wollte noch etwas einwenden, er hatte jede Menge Einwände, aber Müller kam ihm zuvor. »Dann wäre das besprochen. Frau Lüke wird mit Ihnen einen Rundgang durch das Gebäude machen und Ihnen Ihren Arbeitsplatz zeigen. Montag reden wir über Ihren konkreten Einsatz, bis dahin wünsche ich ein schönes Wochenende.«
Und weg war sie.
»Das mit dem Staatsschutz klingt spannend«, sagte Lüke.
Das klingt absolut scheiße. Es stinkt zehn Meilen gegen den Wind nach Kompetenzrangelei und Platzhirschgehabe.
»Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit«, fügte sie hinzu. »Ich kann bestimmt viel von Ihnen lernen.« Sie fingerte an ihrem Kettenanhänger herum: ein schlichtes christliches Kreuz.
Bär holte tief Luft. »Da wäre ich mir nicht so sicher.«
3
Bär drehte sich auf die andere Seite und das Bett verhöhnte ihn mit einem zähen Knarzen. In dieser Lage hielt er keine zwei Minuten durch, dann schmerzte der Rücken, der unter der dünnen Matratze litt, die nicht auf einem Lattenrost oder einer Federung lag, sondern auf einem brettharten Holzkasten. Außerdem war es taghell im Zimmer, das nach Osten zeigte, wo über den Feldern die Sonne als roter Ball aufging, der schnell am Himmel emporkletterte. Am schlimmsten jedoch war der Hahn. Es erschien Bär unausweichlich, dem unverschämten Tier, das nicht einmal vor einem Sonntagmorgen Respekt zeigte, eines Tages den Hals umzudrehen.
Er setzte sich auf, massierte den zwickenden Rücken und stand auf. Er öffnete das Fenster und sah hinaus. Eickhoff war bereits auf den Beinen, trug einen Dieselkanister zu dem Traktor, der den für ihn reservierten Platz neben dem Misthaufen in Beschlag nahm. Auch der Hund war schon unterwegs. Er schnüffelte hier und da und lief im Zickzack über den Hofplatz. Schließlich trottete er zum Misthaufen, hob das Bein und erleichterte sich an passender Stelle.
Bär konnte der Sonne, der klaren Luft und dem Zwitschern der Vögel nichts abgewinnen – nicht zu nachtschlafender Zeit am Wochenende. Er öffnete die Tür, trat in den Flur, in dem es nach den Bratkartoffeln mit Speck roch, die Eickhoff am gestrigen Abend gebrutzelt hatte, schlurfte ins Bad und kehrte mit einem papierdünnen Handtuch zurück. Er wickelte es sich als provisorische Schlafbrille um den Kopf und legte sich wieder hin.
Was konnte man auf diesem gottverdammten Bauernhof Besseres tun als schlafen?
Als alles den Bach runterging und sich abzeichnete, dass die Bastion gegen die öffentlichen Beschuldigungen nicht mehr zu halten war, ging es nur noch darum, einen Schuldigen auszugucken. Einen, dem man im medialen Shitstorm den Schirm wegriss. An dem sich die Medien abarbeiten, an dem sie ihren Blutrausch stillen konnten. Den man mit dem Placet des Polizeipräsidiums und des Innensenats der Hyänenmeute zum Fraß vorwarf.
Dessen Privatleben an dem wochenlangen Pranger zerbrach.
Der irgendwann nicht mehr die Kraft hatte, sich zu wehren.
Zackige Marschmusik riss ihn aus den bitteren Gedanken, die ihn immer noch und immer wieder heimsuchten. Die er mitgebracht hatte aus der Stadt, die ihm so viel gegeben und alles genommen hatte.
… das ist die Berliner Luft, Luft, Luft / so mit ihrem holden Duft, Duft, Duft / wo nur selten was verpufft, pufft, pufft …
Der Refrain von Paul Lincke als Klingelton war ein lahmes Symbol des Protests gegen die Verbannung ins Exil.
Schlaftrunken tastete Bär nach seinem Handy, das penetrant weiterdudelte. Endlich brachte er es zum Verstummen und drückte das Symbol mit dem grünen Hörer.
»Ja?«
»Sie müssen kommen. Jetzt.«
»Wie, jetzt?«
»Sofort.«
»Mit wem rede ich überhaupt?«
»Müller. Kriminaldirektorin. Klingelt da was?«
»Was ist?«
»Eine Leiche. Im PQ.«
»Leiche?«
»Toter Mensch.«
»Ah, danke. Und PQ?«
»Das Paderquellgebiet. Ich schicke Ihnen die Koordinaten und erwarte Sie in fünfundvierzig Minuten.«
Bär parkte auf dem Maspernplatz und startete die Fußgängernavigation. Er folgte einem Weg, der sich malerisch zwischen zwei Bachläufen hindurchschlängelte. Geradeaus erhob sich die Spitze eines mächtigen Kirchturms über die Häusergiebel. Rechts ein Biergarten, um diese Uhrzeit natürlich geschlossen.
Er blieb gegenüber an einem Brückengeländer stehen. Dahinter floss Wasser, das in einem Bogen eine parkähnliche Grünfläche mit weiten Rasenflächen und wenigen Bäumen umspannte. Alles ganz nett, dachte Bär, aber richtig hübsch waren nur die Nelken, die hier und da im Morgenlicht leuchteten, und ein Haus am Ende des Parks. Mit seiner spätgotischen Giebelfront ragte es aus der nüchternen Nachkriegsbebauung heraus.
In einem mit Flatterband gesicherten Bereich neben einem Wasserlauf hielten sich Personen in weißen Latexanzügen auf. Bär wusste, was vor sich ging, wenn die Tatortgruppe der KTU im Einsatz war: Spuren sichern, Fotos machen, jedes Detail festhalten, bevor irgendetwas verändert werden konnte.
Zwei Polizisten bewachten die Absperrung, hinter der ein stummes Blaulicht aufgeregt flackerte. Der Notarzt lehnte jedoch mit verschränkten Armen an dem Rettungswagen und rauchte – keine Hektik, keine Notversorgung. Ein untrügliches Zeichen, dass es für das Opfer zu spät war, das wohl unter dem Sichtschutzzelt lag, um es vor neugierigen Blicken zu schützen.
Bär schaute um sich, bis er Lükes blonden Pferdeschwanz entdeckte. Hatte man seinen Adlatus also ebenfalls aus den Federn gescheucht? Sie stand bei Müller und einem Anzugträger mit beiden Händen in den Hosentaschen, der Bär den Rücken zuwandte.
Er sah noch eine Weile zu, um sich einen Überblick über den Leichenfundort zu verschaffen, der ein möglicher Tatort war, dann ging er bis zu der Absperrung, hinter der sich schon einige Schaulustige versammelt hatten. Er zeigte dem Kollegen seinen Berliner Dienstausweis, wechselte ein paar Worte und bückte sich unter dem Flatterband hindurch.
»Da sind Sie ja endlich«, begrüßte ihn Müller. »Hatten wir nicht gesagt: höchstens eine Dreiviertelstunde?«
»Das haben Sie gesagt. Ich lag zu dem Zeitpunkt im Bett. So was machen manche am Sonntagmorgen.«
»Wo wohnen Sie, dass Sie so lange hierher ins Paderquellgebiet gebraucht haben?«
»Neben Misthaufen und Güllefeldern.«
Müller schüttelte den Kopf. »Nicht gerade optimal. Dann verschaffen Sie sich doch mal schnellstens einen Überblick, das ist nämlich Ihr Fall.«
»Ich bin erst seit zwei Tagen im Land. Ich habe nicht mal Zugang zum Netz.«
»Sie waren doch beim Briefing. Wir sind voll eingespannt und haben einfach keinen anderen.« Wie Müller das formulierte, klang es, als wäre jemand wie Bär unter normalen Umständen die letzte Wahl.
Bär stöhnte. »Wer ist der Tote?«
»Wissen wir nicht. Keine Papiere, kein Handy, kein Auto- oder Hausschlüssel. Die SpuSi hat alles abgesucht, aber weder im Wasser noch an Land etwas gefunden. Wir können nur hoffen, dass ihn jemand vermisst meldet oder der Abgleich mit der DNA-Datenbank einen Treffer liefert.«
»Na, prima. Gibt es Zeugen?«
Müller sah sich suchend um. Sie deutete auf einen jungen Mann in einem Feldstuhl. »Er hat die Leiche gefunden.«
»Himmel, der sieht aus wie das Leiden Christi!«
»Was am Alkohol liegt, nicht etwa an einem Schock.«
»Ist der Kerl überhaupt vernehmungsfähig?«
»Das werden Sie bestimmt gleich herausfinden. Anschließend stellen Sie sich Dr. Schatz vor!«
Müllers Arm richtete sich auf den Mann, dem Bär vorgestern vor ihrem Büro begegnet war. Er besprach sich mit einem älteren Polizisten in einem weißen Schutzanzug, in dem Bär den Einsatzleiter der Tatortgruppe vermutete.
»Der Staatsanwalt?«
»Erraten. Nehmen Sie Frau Lüke mit, wenn Sie den Zeugen befragen. Sie kann hoffentlich etwas lernen.«
»An die Hand nehmen muss ich sie aber nicht?«
Lüke schaute verlegen zu Boden.