Im Westen ist Amerika - Dirk Möller - E-Book

Im Westen ist Amerika E-Book

Dirk Möller

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Beschreibung

Paderborn 1792: Frömmigkeit und Armut regieren. Wer arm ist, hungert - oder hilft sich selbst. Wie der siebzehnjährige Johannes, der alles tut, um seine Familie zu ernähren. Er tötet in Notwehr, aber der, den er erschießt, ist nicht irgendwer. Eine atemlose Flucht führt ihn durch das ganze Land und noch viel weiter. Amsterdam ist schmutzig und gefährlich. Auch dort ist er nicht sicher. Er entkommt nach Amerika, und die junge Nation schenkt ihm ein neues Leben. Doch am Himmel über Philadelphia ziehen dunkle Wolken auf - eine Katastrophe bahnt sich an.

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Seitenzahl: 404

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Für meine Familie

Dirk Möller

Im Westen ist Amerika

Historischer Roman

© 2020 Dr. Dirk Möller

Umschlaggestaltung: Autoren-Marketing

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback

978-3-347-05606-0

Hardcover

978-3-347-05607-7

e-Book

978-3-347-05608-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

PROLOG

»Zum Teufel, Smitty! Mach schon, schneid’ ihm die Kehle durch!«

Aber Smitty ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er beugte sich über den Kranken und filzte ihn. Von seiner Nase tropfte Schweiß, denn in den Eingeweiden des Schiffes war es mörderisch heiß. Er verzog das Gesicht. »Verdammt, der Bastard stinkt wie’n toter Fisch.«

Joey ließ nicht locker. »Na und? Stich den Speckfresser ab! Bist doch sonst nicht so zimperlich. Tust ihm sogar ’nen Gefallen. Am Fieber krepieren ist schlimmer als ein sauberer Schnitt.«

»Wie wär’s, wenn du mal dein verdammtes Maul hältst?«, zischte Smitty. »Den holt eh bald der Teufel, nicht nötig, dass ich ihn mit dem Messerchen kitzele.«

Auf einmal erwachte der Fiebernde aus seinem Dämmerschlaf. Er stöhnte und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Wasser!«

Smitty lachte nur. »Bestimmt hat er irgendwo hier unten Geld versteckt.« Er wollte sich nicht damit abfinden, mit leeren Händen zu gehen.

»Unsinn, der hat nichts. Los jetzt! Oder willst du, dass er durchkommt und uns verpfeift?« Joey kniff die Augen zusammen. Und noch einmal.

Smitty kratzte sich am Kopf. Vielleicht hatte Joey ausnahmsweise recht. Manche sprangen dem Schiffsfieberteufel von der Schippe. Jedoch konnte es Ärger geben, wenn es nach Mord aussah – falls der Kapitän irgendwann wieder nüchtern war. Das Risiko war zu groß. »Du bist dümmer als ’ne Kokosnuss, Joey. Wir lassen es aussehen, als hätte ihn das Fieber getötet. Du nimmst die Beine, ich erledige den Rest.«

Joey glotzte nur. Dann begriff er und grinste.

Smitty knüllte sein Kopftuch zusammen. Aber plötzlich stockte er. Er legte einen Finger auf die Lippen und stopfte den Knebel in die Hosentasche.

»Da kommt jemand«, raunte Joey.

›Klack‹ – die Decksluke klappte um. Ein Lichtkegel fiel die Treppe hinab. Die Stiege begann zu ächzen.

Der Mann, der sie benutzte, hatte Mühe, die Stufen zu treffen, denn die Hoop jagte wie ein Wildpferd durch die vom Nordostpassat ausgepflügten Wellentäler. Unten angekommen musste er sich tief bücken, denn der Laderaum war nur viereinhalb Fuß hoch. Seine Augen brauchten etwas, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, die nur von einer an einem Haken pendelnden Öllampe durchbrochen wurde.

Dann bemerkte er die beiden Galgenvögel an dem Krankenlager. Es fiel ihm nicht schwer, eins und eins zusammenzuzählen. »Was habt ihr hier zu suchen?«, knurrte er. »Ihr feigen Hunde, wollt ihr ihn etwa ausrauben? Dass ihr euch nicht schämt!«

Joey zwinkerte wieder. Er blickte zu Boden wie ein Rotzjunge, den der Schulmeister bei einem Streich ertappt hatte.

Smitty jedoch blieb eiskalt. »Was gehts dich an, Fettsack? Verpiss dich, sonst bist du der Erste!« Seine Hand wanderte zu dem Entermesser.

An der Klinge klebte reichlich Blut.

EINS

–P A D E R B O R N–

Kapitel 1

Libori anno 1792 stand unter keinem guten Stern. Ein Gerüst verstellte den Blick auf den Paderborner Dom, weil sich die Renovierung des Ostchors verzögert hatte. Das Domareal glich einer Großbaustelle – von feierlicher Aufgeräumtheit keine Spur. Und das Wetter spielte auch nicht mit. Als die versammelten Würdenträger durch das Paradiesportal der Kathedrale ins Freie treten wollten, öffnete der Himmel seine Schleusen. Zuerst kleckste es nur ein wenig aus dem Düstergrau, bald aber prasselte es in einem fort. Hagelkörner hüpften auf dem Kopfstein. Dazu pfiff ein Wind, der wenigstens die Schwüle fortjagte, die seit Tagen auf der Stadt lastete.

Franz Egon v. Fürstenberg bedeutete seinem Gefolge zu warten. Er trat einige Schritte vor, nur um festzustellen, dass keine Besserung in Sicht war. Im Gegenteil: Im Westen rollte schon der Donner, und Blitze zuckten über das Firmament. Seine Miene blieb unbewegt. Dabei schwankte er zwischen Verdruss und Amüsiertheit, dass etwas so Profanes wie das Wetter das Protokoll durchkreuzte, das einschließlich des eben begangenen Pontifikalamts minutiös eingehalten wurde. Aber weder das eine noch das andere wollte er offenbaren, denn kaum jemand in seinem Umfeld teilte seinen Sinn für Humor. Sein Blick fiel auf die Petrusfigur zu seiner Rechten – ausgerechnet Petrus –, und ein Schwarm Lachfältchen zerknitterte das fünfundfünfzig Jahre alte Gesicht des Fürstbischofs. Er sah dem Apostel tief in die steinernen Augen. Wenn es stimmte, was der Volksglaube besagte, könnte er vielleicht ein Einsehen haben und den Wetterkapriolen Einhalt gebieten.

Aber der Regen trommelte weiter auf Straßen, Dächer und Plätze der Paderstadt. Es wurde immer finsterer. Wie an einem Novembernachmittag, dabei war es Ende Juli und eigentlich die schönste Zeit des Jahres. Der Domplatz verwandelte sich in eine Seenlandschaft, und in den Pfützen schwamm Unrat – nicht gerade ein erhebender Anblick.

Das Murmeln in seinem Rücken drängte zu einer Entscheidung, aber Paderborns Landesherr konnte sich nicht aufraffen.

Und so standen sie da.

Und warteten.

Husten. Schniefen. Tuscheln. In der Vorhalle des Paradiesportals sprangen die Geräusche von Wand zu Wand.

Klangen nicht sogar die Kirchenglocken ein wenig lustlos? Ach, könnte er sich doch auf der Stelle in sein Wasserschloss in Neuhaus verfügen! Im selben Moment schalt sich der Fürstbischof für den Frevel und richtete wieder einen hoffenden Blick nach oben. Dort standen die Zeichen noch immer auf Regen und Sturm. Zwar verlor sich das knüppelharte Stakkato des Wolkenbruchs allmählich in etwas sanfterem Geplätscher, dieses aber würde so schnell nicht weichen. Ein ordentlicher Paderborner Landregen hatte bekanntlich die gleiche Sturheit, die man den Einwohnern des geistlichen Stifts nachsagte.

Was tun? Wo blieb die göttliche Eingebung?

Endlich gab sich Franz Egon einen Ruck. Der Schrein mit den Gebeinen des heiligen Liborius musste präsentiert werden. Das war wichtig für Paderborn und seine viereinhalbtausend Einwohner – was sonst hatte ihnen das westfälische Provinzmauerblümchen zu bieten? Ein Blick über die Schulter fing den spöttischen, die Grenze zur Respektlosigkeit streifenden Ausdruck von Domdechant Heinrich v. Canstein ein. Und da waren noch mehr hochmütige Gesichter. – Na wartet, ewige Nörgler, ihr werdet auch nass!

Noch ein korrigierender Griff an die Kopfbedeckung, eine juwelenbesetzte, mit Goldfäden bestickte Mitra aus dem 11. Jahrhundert, und es kam das Kommando: »Procedamus in Domino!«

Kaum hatte der Zug die Kathedrale verlassen, warf sich ihm der Westwind entgegen. Bö um Bö zerrte an den Gewändern der Abgeordneten von Kirche und Stadt, und das Tuch des über den Fürstbischof gehaltenen Baldachins flatterte wie ein schlecht getrimmtes Segel. Der Regent kniff die Augen zusammen. Flankiert von Hofknaben, Lakaien und seiner Leibgarde stapfte er voran, als führte er einen Kreuzzug gegen die aufmüpfigen Elemente, die dem Heiligen und ihm selbst den gebotenen Respekt versagten. Mit beiden Händen hielt er die mit bunten Glassteinen besetzte Monstranz, in der das Sanctissimum, die geweihte Hostie, zur Schau gestellt war. Viel zu schnell zerstieb hinter ihm der Weihrauch, den ein Kirchendiener in einer Schale trug. Und das Flabellum, ein liturgischer Fächer aus Pfauenfedern, drohte zu zerfleddern, bevor die Gaukirche erreicht war, die erste Station der Prozession.

Der Festzug betrat sie durch das barocke Westtor. Er defilierte durch das Mittelschiff des innen schlichten Gotteshauses und verließ dieses im Norden. Nach einem Rundgang über den Bogen, die Spirings- und Kampstraße nahm er Kurs auf das Rathaus.

Kapitel 2

Die Prozession hielt am Kump vor dem Rathaus, wo sie mehr und mehr mit den die Straßen säumenden Menschen verschmolz. Der Fürstbischof malte blumengeschmückten Kindern das Kreuz auf die Stirn. Er segnete Kranke und Gebrechliche, schüttelte Hände und winkte in die Menge. Derweil wurde die Schlange hinter dem Heiligenschrein immer länger. Sie reichte schon bis zum Gasthaus Charbon. Trotz des Regens standen die Gläubigen an, um dem silberglänzenden Behältnis zu huldigen, von dem sie Wunderdinge erwarteten. Waren sie an der Reihe, fielen sie scheinbar allem Irdischen entrückt auf die Knie und küssten es.

Den besten Blick auf die Feierlichkeiten hatte man von gegenüber, von dem sechs Stufen erhöhten Kirchplatz der Marktkirche. Dort war es sehr voll, die Leute standen dicht an dicht wie die Orgelpfeifen.

Auch Magdalena Surkamp. Gerade hatte sie den Rosenkranz mit dem Kreuzzeichen beendet, da platzte ihre Cousine Marie in die friedliche Ruhe, mit der das Gebet in ihr nachwirkte. »Du meine Güte! Wo ist mein Geld?« Maries Finger flogen über ihre Schürze. Sie kneteten die Stofffülle ihres Kleides und mehrerer Schichten Unterröcke, allein der Geldbeutel blieb verschollen.

Marie kniete nieder – nicht als Zeichen ihrer Gottgefälligkeit, sondern um den Boden abzusuchen. Ein mühsames Unterfangen bei den vielen Füßen, zwischen denen kaum Platz war, und die immer mal ein bisschen vor und zurück trippelten. Ohne Erfolg richtete sich die Achtundsechzigjährige wieder auf. »So hilf mir doch, Lena!«, stöhnte sie. Sie hielt sich den Rücken, den die Gicht zwickte.

Magdalena traute dem Braten nicht. Marie war alt. Das war sie selbst, aber nicht so tüddelig wie ihre Cousine. Marie warf Sachen durcheinander und vergaß manches einfach. Vor allem in jüngster Zeit. »Ach, Mariechen, der liegt bestimmt zu Hause.«

»Hältst du mich für blöd?«

Dazu sage ich besser nichts, dachte Magdalena.

»Das schöne Geld«, jammerte Marie weiter. »Außerdem ist der Beutel ein Geschenk von meinem Anton. Gott hab ihn selig!«

Das war allerdings ein Jammer. Magdalena wusste nur zu gut, was Andenken für eine Witwe bedeuteten. Georg, ihr eigener Ehemann, war vor acht Wochen verstorben. Er hatte sich die Blattern bei einer Geschäftsreise nach Paris eingefangen. »Oh je, das wäre wirklich schade. Also gut, wir suchen zusammen.«

Die beiden Frauen tauchten ab.

Der Geldbeutel blieb unauffindbar. Dafür entdeckte Marie zwischen all den schicken Schuhen und eleganten Beinkleidern ein nacktes Paar Füße. Über den ebenfalls bloßen Waden bollerte eine Hose, in deren Rückseite, eine Handbreit unter dem Gesäß, ein talergroßes Loch gähnte. Sie richtete sich auf und schickte ihre Augen auf Wanderschaft. Diese wurden schnell fündig: Ein strähniger Blondschopf stach aus der Masse der mit Hauben, Regentüchern und Dreispitzen behüteten Köpfe heraus. Marie, deren Laune auf dem Tiefpunkt war, stupste ihre Cousine an. »Sieh mal, der da!«

Magdalena folgte ihrem ausgestreckten Arm. Schlagartig wurde ihr Gesicht hart. »Was hat so einer hier zu suchen?«

»Elendiges Bettelpack!«, schimpfte Marie. »Höchste Zeit, dass was gegen die Plage unternommen wird. Nicht mal zu Libori hat man vor dem Pack Ruhe.«

»Wetten, der hat was auf dem Kerbholz?« Dass sie kürzlich am Abdinghof eine Bettelhorde belästigt hatte, war Magdalena noch in lebhafter Erinnerung. Richtig zudringlich geworden waren die Schmutzfinken. »Würde mich gar nicht wundern, wenn er sich deinen Geldbeutel unter den Nagel gerissen hätte.«

»Meinst du?«

»Ich habe so was im Gefühl. Der führt was im Schilde. Allein wie er guckt.«

Marie forschte nach einem Zeichen von Verschlagenheit in dem Jungengesicht, das starr auf die Prozession gerichtet war. Aber was sie sah, erhärtete den Verdacht kaum. Trotz der eingefallenen Wangen waren seine Züge harmonisch, ohne feminin zu wirken. Eher ging von dem starken Kinn eine markante Männlichkeit aus, die noch nicht voll entwickelt war. Auch der spärliche Bartwuchs und der schlaksige Körper, an dem ein klitschnasses Hemd wie eine zweite Haut klebte, sprachen dafür, dass der Knabe nicht älter als sechzehn oder siebzehn Jahre alt war. Eigentlich sieht er recht hübsch aus, bilanzierte Marie in einem Anflug von Mütterlichkeit.

Um den herankriechenden Gedanken zu verscheuchen, dass sie ihren Geldbeutel doch zu Hause vergessen hatte, behielt sie das lieber für sich. »Dem Bengel sollte mal einer richtig auf den Zahn fühlen.«

Der blonde Junge schnupperte in der vom Regen reinen Luft. Hm, wie gut es auf einmal roch! Nach Fleisch, frisch gebratenem, herrlich fettigem Fleisch. Auch nach etwas Süßem. Was konnte das sein? Dann kam er darauf: gebrannte Mandeln, und sein Magen schlug an wie ein bissiger Hund. Der Duft kam vom Westerntor, vom Magdalenenmarkt. Der Jahrmarkt, der gerissene Halunke, schickte seine Verführer durch die Westernstraße zum Rathaus, wo sie die Nasen der Leute kitzelten, ihnen betörende Bilder ins Hirn pflanzten. Wer konnte da widerstehen?

Niemand, der Hunger hatte – die Prozession würde auch ohne ihn den Weg über den Schildern zurück zum Dom finden. Er hatte zwar keinen Heller, aber vielleicht schaffte er es, auf dem Rummel etwas zu essen aufzutreiben. Mit etwas Glück warf ihm ein Metzgergehilfe ein verbranntes Stück zu, oder ein Besoffener schlief über seinem halbvollen Teller. Mit Essen abstauben kannte er sich aus, das hatte er früh gelernt.

Allerdings musste er sich sputen. Er hatte die Briefe bei Kaufmann Dufresne abgeliefert und sollte bereits auf dem Heimweg sein. Eine halbe Stunde, bloß nicht länger! Und dann rennen! Unterwegs fiele ihm hoffentlich eine Ausrede ein, falls Menne die Trödelei bemerkte.

»Verdammter Lumpenbengel!«

Der Blondschopf zuckte zusammen. Galt das ihm? Er blickte sich um.

»Ja, du!«, zischte eine der in Schwarz gekleideten Weiber, die ihre Trauerhauben unter einem Regentuch zusammensteckten. »Hast du dich an meinem Geld vergriffen?«

»Raus mit der Sprache, hast du ihren Geldbeutel?«

Mehr und mehr Hälse reckten sich in Richtung der zeternden Frauenzimmer.

Deren Tirade war noch nicht vorbei: »Ihr klaut doch alle wie die Raben«, ätzte die eine und fuchtelte mit ihren Hexenfingern herum. Sie sah sich nach einem Ordnungshüter um. Da keiner in der Nähe war, krakeelte sie in die Menge: »Nehmt euch vor dem Lump hier in Acht, gute Leute! Haltet eure Taschen fest!«

Prompt durchbohrten argwöhnische Blicke den blonden Jungen, der erkannte, dass er einen Fehler begangen hatte. Leute wie er standen nicht einfach in der Gegend herum. Schon gar nicht im Herzen der Stadt, wo Paderborn sauber und schön und die Finanz- und Bildungselite zu Hause war. Das konnte nur Ärger geben – hätte er sich denken können. Also nichts wie weg!

Er bahnte sich einen Weg durch das Gedränge, während die Frauen mehr Beschimpfungen über ihm ausschütteten. Andere stimmten ein, ohne zu wissen, worum es ging.

»Verdammter Beutelschneider!«

»Hau ab, elender Hundsfott!«

»Zurück in deinen Schweinestall!«

Der blonde Junge bekam es mit der Angst zu tun. Was war nur mit den Leuten? Eben noch ganz fromm und vornehm waren sie auf einmal wie verwandelt.

Zack! – Ein Ellbogen knallte in seine Seite. Das tat weh.

Jemand spuckte ihm ins Gesicht.

Ein Betrunkener wollte ihn festhalten, doch eine Körpertäuschung ließ ihn ins Leere grapschen.

Und endlich freie Bahn.

Der Junge rannte die Kampstraße hoch. An ihrem Ende, vor dem Dalheimer Hof, hielt ein Zweispänner. Er flitzte so knapp an dem Gefährt vorbei, dass die Pferde scheuten. Der Kutscher schickte ihm wilde Verwünschungen hinterher, aber da war er schon rechts um die Ecke. Vor ihm lag das Spiringstor, das südöstliche Stadttor. Der kürzeste Weg aus der Stadt.

Er heftete den Blick auf den Boden, vergrub die Hände in den Taschen. Mit unendlicher Langsamkeit kroch er dem parabelförmigen Durchbruch der nach Westen abknickenden Stadtmauer entgegen.

Und trotzdem: Einer der Torwächter zeigte auf ihn. Sein Kamerad schlug sich auf die Schenkel.

Nur noch wenige Schritte.

Sie feixten, rieben sich die Hände. Ein Herumtreiber kam wie gerufen. Vorbei die Langeweile.

Aber er tat ihnen nicht den Gefallen, sondern tauchte in die namenlose Gasse, die neben der Stadtmauer zum Westerntor verlief.

Schallendes Gelächter in seinem Rücken.

Sollten sie doch.

Ein paar Häuserlängen und er war außer Sicht.

Je näher er dem Westerntor kam, desto klarer wurden die Geräuschfetzen, die der Wind vom Jahrmarkt herübertrug.

Kapitel 3

Stiefelgetrampel. – Der blonde Junge fuhr herum.

Ein greller Blitz zuckte durch seinen Schädel. Er entfesselte eine Fontäne Blut, die aus der Nase schoss. Roter Nebel zog auf.

Der Sommersprossige warf ihn gegen die Mauer. Pickelgesichts Knie rammte in seine Magengrube. Der blonde Junge ging zu Boden, krümmte sich. Ein Stiefel krachte gegen sein Kinn. Er schmeckte Eisenspäne.

Er wollte sich aufrappeln, aber Jakob war schon über ihm. »Na warte, dir werd’ ich’s zeigen. Kommst in die Stadt, um zu klauen, hä?« Die engstehenden Wildschweinaugen des Fettwansts funkelten. Er spie dem blonden Jungen ins Gesicht, eine Faust donnerte hinterher. Dann packte er den blonden Schopf und hämmerte ihn auf den Kopfstein. »Dreckiger Bastard!« Aus Jakobs Mund lief Speichel. Und wieder knallte der Kopf auf den Boden – mit einem Geräusch, als zerbräche ein Ei.

Jakob sah sich zu seinen Kumpanen um. Das Unbehagen in ihren Gesichtern stachelte ihn noch an. Dass sich sein Opfer nicht mehr rührte, registrierte er nicht. In ihm war nur noch wilde Raserei. Er holte aus.

»Es reicht, Jakob!« Pickelgesicht ging im letzten Moment dazwischen. »Der Bastard hat genug.«

Jakob blitzte ihn an. Widerworte waren ihm fremd. Seine Faust stand in der Luft – er ließ sie sinken. »Halts Maul! Mach dich lieber nützlich und filze ihn!«

Pickelgesicht parierte. »Kein Heller«, meldete er nach ergebnisloser Suche.

»Hä? Alle sagen, er hat der ollen Piepenbrink den Geldbeutel geklaut. Bis du blöde?«

Pickelgesicht lag eine Erwiderung auf der Zunge, aber der Blick des Sommersprossigen war Warnung genug. Mit Jakob war nicht zu spaßen. Mit seinem Vater, dem Oberforstmeister des Niederwaldischen Distrikts, erst recht nicht.

»Scheiße! Muss ich alles allein machen?«, schimpfte Jakob weiter. Aber auch er fand nichts. »Das Lumpenpack ist gerissen. Er hat das Geld versteckt. Garantiert.«

»Und jetzt?«, fragte der Picklige. »Dem sind die Lichter ausgegangen, wette, der wacht so schnell nicht auf.«

»Lasst uns abhauen«, sagte der Sommersprossige. »Der krepiert vielleicht.«

Jakob wischte sich den Rotz aus dem Gesicht.

»Wenn er abkratzt, möchte ich nicht in der Nähe sein«, insistierte Sommersprosse.

»Na gut, weg mit ihm.«

Die Flügel der Dielentür knarzten. Ein Mann betrat das Haus. Der rauchige Muff kitzelte in seiner Kehle, und er musste husten. Er räusperte sich und spuckte Schleim, der die Farbe des Lehms hatte, auf dem er landete.

»Es ist spät«, begrüßte ihn seine Frau mit einem matten Lächeln. Dass der Husten ihres Gatten gar nicht aufhören wollte und so hässlich rasselte, vertrieb das Lächeln von ihrem Gesicht – ein schmales Gesicht mit einer schlanken Nase, dunklen Augenbrauen und hohen Wangenknochen, das einmal schön war und zu dem langen Hals und den zierlichen Schultern passte. Aber das Leben in Paderborn war hart und ließ Anmut schnell verblühen, und so hatten sich in das Antlitz Falten gegraben, die eine Sechsunddreißigjährige nicht haben sollte. Mit dem Grau ihrer zu einem Knoten gebundenen Haare und den schlaff herabhängenden Mundwinkeln zeichneten sie das Bild einer vom Leben enttäuschten Frau.

Johanna legte das Hemd, das sie gerade flickte, beiseite. Sie hängte den Kessel ein paar Kerben tiefer über das Feuer und rührte in der Suppe. In der klaren Brühe schwammen ein Streifen Schwarte und glibberige Fleischbrocken. Sie produzierten riesige Fettaugen.

Conrads Holzschuhe kratzten über den Dielenboden. Er hüstelte. Beim Feuer war die Luft noch schlechter, da sich dort der Rauch staute und schwerfällig über den Dachboden abzog. Er tätschelte seine Frau am Arm und schlurfte gleich weiter in die Stube. Die Eichenbohlen ächzten, als er auf einen Stuhl sackte. Er zog den anderen heran und legte sein lädiertes Bein auf die Sitzfläche. Keine Minute später fielen ihm die Augen zu.

»Conrad, das Essen ist fertig.« Johanna rüttelte ihren Mann an der Schulter. Sie setzte ihm einen Teller Suppe und einen Becher Milch vor und stellte eine Lampe daneben. Von der Funzel ging ein ranziger Geruch aus, der sie jedes Mal ärgerte. Ob sie sich mal eine von den schönen Bienenwachskerzen aus ihrer eisernen Reserve gönnen durfte? – Conrad wäre bestimmt dagegen.

Dieser hob den Kopf und rieb sich die Augen. Er fing an zu löffeln. So hastig, dass etwas Suppe aus den Mundwinkeln über das Kinn rann und auf sein Hemd tropfte.

Draußen war es fast ganz dunkel. Das Schummerlicht im Haus schuf eine beklemmende Atmosphäre, in der die Eheleute Bargfeld kein Wort wechselten. Abgesehen von Conrads Schlürfen und einem gelegentlichen Rascheln, wenn der Wind durch die Dachritzen fuhr und mit dem Heu in den Hillen spielte, herrschte Stille.

Als der Teller leer war, leckte ihn Conrad ab. Er wischte mit einem Ärmel über den Mund und rülpste.

»Möchtest du mehr?«

Conrad dachte an die Mettwürste, die über dem Feuer im Rauch baumelten – unter einem Drahtkorb, damit die Mäuse und Ratten nicht an sie herankamen. Aber er schüttelte den Kopf, denn sie waren kostbar. »Was hast du gemacht?«, fragte er, um auf andere Gedanken zu kommen.

»Ausraufen, was sonst? Du doch auch.«

»Hm.« Conrads Augen wurden kleiner. Er war kurz davor, wieder einzunicken.

»Johannes ist noch nicht da. Der Herr hat ihn in die Stadt geschickt. Post austragen, glaube ich.«

»Hast du die Kuh gemolken?«

Johanna nickte. »Er kennt sich in der Stadt nicht aus.«

Conrad wischte ihre Besorgnis mit einer Handbewegung weg. »Ach was, der Junge ist siebzehn, kein Kind mehr. Der wird schon kommen. Hauptsache, er ist pünktlich auf dem Feld. Sonst gibts ein Donnerwetter.«

Es regnete nicht mehr, war aber kühl. Wolken jagten über das Firmament, an dem ein Hauch Dunkelblau an den Tag erinnerte. Immer wieder verdeckten sie den Halbmond.

Was war geschehen? – Er konnte sich nicht richtig erinnern. Ein paar Bruchstücke, ein paar lose Enden, mehr förderte sein Hirn, das im Schneckentempo arbeitete, nicht zutage. Konkret waren einzig die Schmerzen. Immer wieder brandeten sie heran und schlugen über ihm zusammen. Am schlimmsten war das scharfe Stechen, das von den Wangenknochen ausging und über die Nase, die sich wie Haferbrei anfühlte, in die Stirn zog.

Er wollte aufstehen, aber etwas pikste sein Gesicht, und er zuckte zusammen. Überall Blätter und stachelige Zweige, die er zur Seite bog, bevor er es wieder probierte. Im Stehen traf ihn das Wummern in seinem Kopf mit voller Wucht. Er erbrach so heftig, dass er Sterne sah.

Allmählich ließ der Schwindel nach. Er versuchte, sich zu orientieren: Büsche und hohes Gras. Tintenschwarze Pfützen, die der Wind kräuselte. Weiter hinten reflektierte der Sandstein der Stadtmauer das Mondlicht, darüber ragten in konturlosem Einheitsgrau die Dächer der Südstadt. Ganz rechts fiel der Widerschein der Fackeln am Spiringstor auf den düsteren Klotz des ehemaligen Wachturms, und in der anderen Richtung flackerten die immer brennenden Opferkerzen der Libori-Kapelle.

Man hatte ihn in den Stadtgraben geworfen.

Der war gefährlich, besonders nachts. Tollwütige Hunde streunten herum, suchten nach Abfällen. Nach irgendetwas Fressbarem. Er musste weg. Sofort.

Schritt für Schritt schleppte er sich vorwärts. Ein Schafskopf lag im Weg, er rutschte aus, schlug hin. Der Matsch stank nach Fäkalien. Er streifte den Kot an seiner Hose ab und stand wieder auf.

Nach Süden stieg die Senke an. Sie endete an einer Allee aus Kastanien und Pappeln. Ein smaragdgrünes Augenpaar huschte über die mit Schotter ausgelegte Promenade, die zwischen den Bäumen verlief. Ein Hund heulte den Mond an. Ein anderer stimmte ein. Ihr Klagen erfüllte die Nacht.

Johanna starrte die Decke an. Sie konnte nicht schlafen. Nicht, weil Conrad schnarchte, dass sich die Balken bogen. Daran hatte sie sich längst gewöhnt. Sie machte sich Sorgen, denn Johannes war nicht da. Endlich raffte sie sich auf und schlug die Decke zurück. Sie kletterte über ihren Ehemann und tapste barfuß in die Diele.

Die Rotbraune schien auch der Meinung zu sein, dass etwas nicht stimmte. Das sonst so gemütliche Tier stampfte auf der Stelle und scheuerte sich an der Wand. Es wusste, dass der Bettkasten über dem Stall leer war.

Draußen blökte ein Schaf, und der Westwind fegte durch die Obstbäume. Johanna spürte den Luftzug an ihren nackten Beinen. Sie öffnete einen Flügel der Dielentür und erschrak: Eine kaninchengroße Ratte streifte ihre Wade.

Als die nur mit einem Nachthemd bekleidete Frau vor die Tür trat, umfing sie Finsternis. Alles schlief, einzig eine Fledermaus, die unter dem vorkragenden Dachgiebel gehangen hatte, flatterte herum. Johanna wartete, bis das Tier im Nachthimmel entschwunden war und machte sich auf den Weg. Die gemeinschaftlich genutzte Backstube, aus der es noch nach dem vor zwei Tagen gebackenen Roggenvollkornbrot duftete, ließ sie ebenso rechts liegen wie den Hühnerstall. Das Schweinegehege stank wie eh und je, deshalb grenzte es an die Alme.

Auf einer Holzbrücke gelangte sie auf die andere Seite des Flusses, wo sie dem Fuhrweg folgte, der vom Oberen Hof in Nordborchen über Wewer nach Paderborn führte. Von den Pferdegespannen und Ochsenkarren zerfurcht, die Feldfrüchte in die Hauptstadt brachten, noch dazu vom Regen aufgeweicht, war der Boden wie Schmierseife. Sie glitt einige Male aus. Bei der Kreuzung mit dem Hellweg hielt sie sich rechts, und endlich schälte sich der Kirchturm von Wewer aus dem Dunkel. Sie ging noch ein paar Schritte weiter, um bei der als Allmende genutzten Gemeindeweide stehenzubleiben. Das Dorf war jetzt ganz nah.

Sie zögerte. Sähe man sie barfuß und im Nachthemd auf der Straße, wären ihr Hohn und Spott gewiss. Aber die Sorge um Johannes war stärker. Sie schüttelte den Gedanken ab und ging weiter.

Wenige Schritte später blieb sie wieder stehen und spähte in die Dunkelheit. Aber da war nichts. Nur die Nacht, die wie ein nasser Lappen über dem Land lag. Sie sog die nach Regen und Kuhdung riechende Luft ein und schmeckte die Tränen, die über ihre Wangen rannen.

Warum nur ist es so dunkel, wer hat den Mond entführt?

Endlich zog das Wolkenband vorüber, das sich minutenlang vor den milchig-blassen Halbkreis geschoben hatte, und die Sicht wurde etwas besser. Sie kniff die Augen zusammen. Lag da etwas auf dem Weg? Ladung, die ein Wagen verloren hatte? Ein Fuchs, der unter die Räder gekommen war?

Oder aber …

Ihre Beine produzierten Schritte. Erst ganz langsam und mechanisch. Dann schneller, immer schneller. Schließlich rannte sie wie vom Teufel gejagt. Der Matsch spritzte in alle Richtungen, sprenkelte ihr Hemd und das Gesicht, aber das spürte sie nicht.

Dann war sie da und hatte Gewissheit: Es war Johannes. Er lag auf dem Rücken, die Augen geschlossen – sie schlug die Hände vors Gesicht, unterdrückte einen Schrei. Aber er atmete. Schnell und flach. Seine Stirn glühte.

Wewer war nah. Doch die Leute schliefen, und wer würde ihr helfen, ausgerechnet ihr, der ›Scheißbargfeldhure‹?

Nein, sie musste es allein schaffen.

»Conrad … ein Unglück … Johannes!« Johanna rüttelte ihren Mann an der Schulter.

Der grunzte mürrisch und drehte sich um.

Da platzte ihr der Kragen. »Los, aufstehen! Sofort!« Sie verpasste ihm eine saftige Ohrfeige.

Das wirkte. »Bist du verrückt geworden, Weib?«

»Johannes … er ist verletzt.«

Bis Conrad kapierte, dauerte es einen Moment, der Johanna wie eine Ewigkeit vorkam. Dann aber sah er die Erschöpfung und Verzweiflung in ihrem Gesicht, schleuderte das Oberbett weg und eilte in das Flett. Dort saß Johannes in eine Decke gehüllt am Feuer. Er zitterte, und sein Gesicht war wachsbleich. »Meine Güte, Junge!« Plötzlich war Conrad wie verwandelt. »Warmes Wasser. Tücher. Schnell, Johanna!«

Johanna eilte los.

Bald kehrte sie mit einem Krug Heißwasser und frischen Laken zurück, und sie säuberten und verbanden die Wunden. Sie packten Johannes in die wärmsten Decken, die im Haus waren, doch seine Zähne klapperten immer noch.

»Ein Backstein. Leg einen Backstein ins Feuer!«

Johanna tat wie ihr geheißen.

Der Stein wurde schnell warm. Sie stellten Johannes’ Füße darauf, und endlich hörte der Schüttelfrost auf. Johanna flößte dem Jungen eine Unze Laudanum ein, und er fiel in einen unruhigen Dämmerschlaf.

Kapitel 4

Conrad klopfte an die Tür der Schreibstube. Ein aggressives ›Was ist?‹ signalisierte, dass die Zeichen auf Sturm standen. Das war normal, denn Menne war immer schlecht gelaunt. Irgendwie verständlich, hatte er doch die wenig beneidenswerte Aufgabe, einen chronisch verschuldeten und defizitär wirtschaftenden Hof auf Vordermann zu bringen – was der Quadratur des Kreises gleichkam. Zudem war er von Natur aus ein Choleriker und hasste prinzipiell die ganze Welt.

Conrad Bargfeld wusste das. Auf das Unwetter vorbereitet, das über ihn hereinbrechen würde, stellte er schon einmal die Ohren auf Durchzug. »Bitte entschuldigt, dass ich Euch belästige, mein Herr«, begann er mit einem tiefen Diener. Das war übertrieben untertänig. ›Mein Herr‹ gebührte dem Freiherrn und nur ihm, aber Conrad dachte, dass es Menne gefiele und ihn milde stimmen könnte.

Weit gefehlt. »Wenn du keinen guten Grund hast, hier faul rumzustehen und mir auf die Nerven zu gehen, kannst du was erleben.«

Es war am besten, gleich mit der Sprache herauszurücken. »Johannes kann nicht arbeiten.«

»Wenn das ein Witz sein soll, mache ich dir Beine. Geh mir besser gleich aus den Augen!«

»Er ist krank.«

»Niemand ist krank während der Flachsernte.«

»Er sieht aus wie das Leiden Christi«, präzisierte Conrad. »Es steht schlecht um ihn, fürchte ich.«

Menne sah von seiner Kladde auf. Er legte die Schreibfeder zurück in den Halter, rückte seine Brille, ein randloses Drahtgestell, zurecht und starrte den Unruhestifter an, der es gewagt hatte, ihm mit einem solchen Mist unter die Augen zu treten. Sein Bulldoggengesicht lief puterrot an, weshalb man ihn hinter vorgehaltener Hand ›Klatschmohn‹ nannte. »Soso. Der Junior ist unpässlich? Interessant.« Eine Lawine Beschimpfungen und Flüche rollte über Conrad hinweg, versehen mit einem Hinweis auf die Pferdepeitsche, mit der er, Theodor Julius Menne, zu gerne allen Querulanten die Flötentöne beibringen würde.

Conrad ließ es über sich ergehen. Er wartete, bis Menne sein Pulver verschossen hatte. Bevor der Verwalter nachladen konnte, umriss er, was geschehen war.

Menne lächelte süffisant, was aber nur so viel hieß wie ›Geschieht dem Bengel ganz recht!‹ – der Mann lächelte nämlich sonst nicht. »Ich bin es gewohnt, von Taugenichtsen und Faulpelzen umgeben zu sein, aber ihr Scheißbargfelds seid die Schlimmsten.«

Eine Kakerlake krabbelte über den tönernen Boden – der Raum diente einst als Spinnstube. Dankbar für die Ablenkung sah Conrad ihr nach.

»Wenn euer Bastard meint, faul im Bett liegen zu müssen, arbeitet ihr eben für ihn mit.«

Das schwarzbläulich schimmernde Insekt hielt auf eine schlecht verfugte Ecke zu.

»Die im Dorf sind zwar Idioten, aber in einem Punkt liegen sie ausnahmsweise richtig. Alle hassen euch.«

Es verschwand in einem Spalt.

Menne war noch nicht fertig. »Jeder, hörst du? Sieh dir euren Bengel an. Mit dem stimmt was nicht. Hatte er jemals einen Freund?«

Conrad zog es weiter vor zu schweigen. Was er auch sagte, es würde weitere Attacken nach sich ziehen.

Menne ließ nicht locker. »Nun?«

Schweigen war also keine Option. »Ich weiß nicht.«

»Hatte er nicht.«

»Wenn Ihr es sagt.«

»Ich sage, der Bengel ist nicht normal. Welches Kind hat keine Freunde?«

Eines, das seiner Eltern wegen ausgestoßen wird, dachte Conrad bitter. Weil die nicht fromm sind. Das das Wolfsrudel als Opfer auserkoren hat und mit Füßen tritt. Weil es immer ein Opfer geben muss, immer einen zum Treten. »Wenn Ihr gestattet, gehe ich wieder an die Arbeit«, sagte er in der Hoffnung, einigermaßen unbeschadet den Rückzug antreten zu können.

So billig soll er nicht davonkommen, dachte Menne. Sollen sie, die ganze Scheißbargfeldsippe, nicht davonkommen. Aber was konnte er ihnen noch aufbürden? Mehr als beinahe rund um die Uhr arbeiten ging nicht.

Es klopfte an der Tür. »Was ist?«

Heiner, der Pferdeknecht, betrat die Stube. »Der Freiherr möchte Euch sprechen, Herr Aufseher.«

»Ich bin beschäftigt. Und schlage gefälligst die Stiefel ab, bevor du reinkommst. Sieh dir die verdammte Scheiße an!«, bellte Menne.

»Oh, Verzeihung!«, sagte Heiner angesichts der Pferdeäpfel, die er im Raum verteilt hatte. Bevor es wieder einen Anschiss hagelte, lüftete er seinen Hut und verbeugte sich.

Menne verzog das Gesicht, als bereitete ihm der Anblick der wirren Haarpracht des Knechts körperliches Unbehagen. »Was will v. Weystedt?«, fragte er, bevor sich Heiner entfernen konnte.

»Es geht wohl um den Wilderer.«

Conrad, der auf Entlassung wartete, wurde hellhörig.

Nicht schon wieder, dachte Menne. Das war das Problem des Oberforstmeisters, doch nicht seins. »Und was haben wir damit zu tun?«

»Der Freiherr meint, wir müssten irgendwie helfen, ihn zu schnappen.«

Menne stöhnte auf. Das würde doch auch wieder an ihm hängen bleiben. »Hat der Freiherr möglicherweise auch verlauten lassen, was ihm konkret vorschwebt?«

»Ich glaube nicht«, sagte Heiner. »Vielleicht meint er, Ihr solltet das entscheiden.«

Garantiert meint er das, dachte Menne.

Conrad hatte genug gehört. »Ich gehe dann wieder an die Arbeit.«

»Verpiss dich endlich«, herrschte ihn Menne an. »Das hier geht dich überhaupt nichts an.«

Und ob mich das was angeht, dachte Conrad grimmig.

Er hatte Angst. Um Johannes.

Denn da war der Tag im Juni. Vor zwei Jahren.

Kapitel 5

Der zweite Juni 1790 versprach, ein schöner Frühsommertag zu werden. An einem wolkenlosen Himmel zeigten sich die Vorboten einer Morgenröte, die schon bald die Felder von Gut Weystedt in ein betörendes Blau tauchen würde – der Flachs stand in voller Blüte. Dazu wehte ein lauer Südwestwind, der das gute Wetter nach Paderborn trug. Als könnte er nicht abwarten, dass die Sonne endlich ihr Tageswerk aufnahm, schmetterte der Hahn ein leidenschaftliches ›Kiie-ker-iie-kiie‹. Auf sein Kommando begannen die Vögel, ihre Parts zu intonieren. Ein schläfriges Schnattern hier, ein zaghaftes Piepen da, dann schwangen sie sich zu einem vielstimmigen Crescendo empor.

Johannes liebte das Gezwitscher. Wie die milde Luft, die nach Rosenblüten und Lilien duftete. Nach Sommer. Er wischte seine Hände am taufeuchten Gras ab und zog die Hose hoch. Auf dem Weg zurück ins Bett bemerkte er eine Gestalt, die sich dem Haus näherte. Sie kam vom Wald und war vor dessen dunkler Kulisse noch nur ein Schattenriss.

Er duckte sich hinter den Rosenbusch.

Ein Dieb? – Er musste Vater wecken!

Da hörte er es: ein Hüsteln. Und zog nicht die Person das linke Bein ein wenig nach? Johannes fiel ein Stein vom Herzen: Das war sein Vater. Aber was hatte er nachts im Wald zu suchen? Und wieso trug er einen Sack?

Conrad stapfte über die Wiese mit den Obstbäumen. An den Sonnenblumen und Johannas Kräuterbeet vorbei ging er zum Schuppen. Er legte den Sack ab und nestelte an dem Schloss herum. Die Tür quietschte, und er sah sich verstohlen um.

Johannes zog den Kopf ein. Aber die Neugier siegte. Er trat hinter dem Busch hervor. »Gehst du schon aufs Feld, Vater?«

Conrad fuhr herum. »Johannes! Was hast du hier mitten in der Nacht zu suchen?«

»Ich musste mal.«

»Verschwinde, sonst .« Conrad hob die Hand – das tat er sonst nie.

Johannes war fast fünfzehn. Er hatte Respekt vor seinem Vater, aber keine Angst. »Was ist in dem Sack?«

Conrad ließ die Hand sinken. Er rang um Worte. Sein Gesicht nahm einen resignierten Ausdruck an. Er drehte seinem Sohn den Rücken zu und ging in den Schuppen.

Johannes ließ sich nicht lange bitten.

»Mach die Tür zu.«

Conrad entfachte eine von einem trüben Schirm eingefasste Lampe. Zu dem Geruch brennenden Öls tauchte sie den Raum in ein gelbes Schummerlicht. Johannes sah sich um. Ein Pflug, ein Dreschflegel. Die Schubkarre, der das Rad fehlte – sie gab es noch? An der Wand hing eine Sense. Noch mehr Werkzeug, für das im Haus kein Platz war.

Sein Vater griff in den Sack und holte zwei Hasen heraus. Es waren gewöhnliche Feldhasen, wie man sie auf Wiesen und Waldlichtungen und zu mancher Leute Verdruss auch in Gemüse- und Kräuterbeeten fand. Ohne ein Wort der Erklärung hängte er einen Kadaver an eine Hakenkette. Er zog sein Messer an einem Lederriemen ab und entfernte Kopf und Läufe. Ein Schnitt quer über den Rücken, ein Griff ins Fell, und die Decke ging ganz leicht vom Fleisch. Conrad brach den Kadaver auf und pulte die Eingeweide heraus, die mit einem schmatzenden Geräusch auf die Arbeitsfläche plumpsten. Zuletzt zerlegte er die Stücke und verstaute sie in einem Beutel.

Er wollte schon an den zweiten Hasen gehen, hielt dann aber inne und stemmte die Hände auf die Werkbank. Mit einem tiefen Seufzer entwich die Luft aus seinen Lungen, gefolgt von einem leisen Hüsteln. »Niemand darf davon erfahren, hörst du, Junge?«

»Ja, Vater.«

»Es ist strengstens verboten. Man kommt in den Kerker oder an den Schandpfahl.« Conrad drehte sich zu seinem Sohn um, und der Lampenschein zuckte über die Ringe unter seinen Augen. »Was ist, wenn ich es nicht tue? Was sollen wir essen? Das Schwein ist noch nicht fett genug. Vor Martini können wir es nicht schlachten. Das verstehst du doch?« Es klang bittend, beinahe flehentlich.

»Ja, Vater. Weiß es Mutter?«

»Sie hasst es.«

Eine Weile herrschte Schweigen. Aber dann, wie aus heiterem Himmel, donnerte Conrads Faust auf die Werkbank – so heftig, dass etwas von dem Jagdabfall herunterfiel.

Johannes zuckte zusammen.

»Die hohen Herren schießen die Tiere zum Zeitvertreib, lassen sie im Wald verderben, während wir für sie schuften und hungern. Was sind das für Menschen? Sie treten uns mit Füßen, sehen auf uns herab von ihren goldenen Thronen. Das war schon immer so, und nichts wird sich daran ändern.« Conrad Bargfelds Stimme bebte. »Wenn wir uns nicht selbst helfen, verhungern wir. Aber nicht mit mir! Ich werde tun, was ich für richtig halte. Und nichts und niemand wird mich davon abhalten. Schon gar nicht die reichen Pinkel oder die gelackten Pfaffen.« Der Wutanfall war noch nicht vorbei. Die Verachtung, all die Bitterkeit, die in Conrad Bargfeld gor, quoll wie Eiter aus einer entzündeten Wunde. »Die Pfaffen predigen Demut und Bescheidenheit, aber halten sich selbst nicht daran. Sie haben immer Fleisch auf dem Tisch, ihre Krüge sind voll mit den edelsten Weinen. Verlogenes Pack!«

Johannes hielt den Atem an – wenn das jemand hörte! Er fühlte eine tiefe, nie erlebte Zuneigung. »Seit wann machst du das, Vater?«

»Seit langem.« Conrad brach den zweiten Hasen auf.

»Und was jagst du?«

»Hasen. Manchmal einen Fasan. Oder ein Reh. Hin und wieder ein Wildschwein.«

»Aber womit? Ich habe keinen Schuss gehört.«

Sein Vater wischte das Messer an seinem Rock ab und legte es beiseite. Er hob den Sack auf und nahm einen etwa eine Elle langen zylindrischen Behälter heraus. Darin verstaut war eine Armbrust. Sie maß etwa dreißig Zoll. Ihre Wurfarme waren zu einer gebauchten Säule beigeklappt, wodurch sie sehr kompakt war.

Conrad breitete die Wurfarme aus und fixierte sie, indem er Metallhülsen über die Gelenke zog. »Das ist eine besondere Waffe. Es gibt ganz wenige, die man einklappen kann. Ein Meisterwerk.«

»Von wem hast du sie?«, fragte Johannes.

»Mein Vater hat sie gemacht. Dein Großvater Gustav. Er ist kurz vor deiner Geburt am holländischen Fieber gestorben, wie du weißt. Sieh nur!« Am Ende der Säule war eine Backe, die das Anlegen erleichterte. In das unauffällig gemaserte Nussholz waren die Initialen ›G.B.‹ geritzt. »Willst du sie halten?«

Johannes wog die Waffe in den Händen. Sie war überraschend leicht. »Aber wieso eine Armbrust?«

»Sie ist so gut wie lautlos. Und trotzdem ist ihre Durchschlagskraft gewaltig. Mit einem einzigen Schuss kann man einen Hirsch erlegen.«

Johannes sah seinen Vater ungläubig an.

»Doch, mein Junge. Ein guter Schütze trifft auf fünfzig Schritt. Mit Übung schafft man zwei Schuss in der Minute, drei, wenn man sehr schnell ist. Glaube mir, für die Jagd ist das noch immer eine feine Waffe. Bloß erinnert sich niemand mehr daran.«

»Wie zielt man?«

»Hinter dem Bolzenhalter ist ein Visier. Man kann es aufklappen. Es geht ganz leicht.«

»Wann kann ich sie ausprobieren, Vater?«

»Nicht heute. Geh jetzt ins Haus! Und kein Wort zu Mutter, hörst du!«

»Ich habe etwas zu sagen.«

Conrad legte den Löffel aus der Hand. Endlich redete sie. Da musste die Milchsuppe warten.

Johannes sah seine Mutter an. Dieses Funkeln in ihren Augen – was bedeutete es? Eher nichts Gutes.

»Es ist gefährlich, dass Johannes es weiß. Das hatte ich nie gewollt, denn es bringt ihn in Gefahr. Und jetzt soll er dich auch noch begleiten.«

Conrad fragte sich, ob das Gespräch wieder im Streit enden würde. Er hasste das, war aber auch ihre ewigen Vorwürfe leid. Wie lange sollte das noch so gehen? »Johanna, bitte. Seit einer Woche …«

»Ich will nicht mehr streiten, Conrad«, unterbrach sie ihn. Ihr Ton hatte an Schärfe verloren. »Ich weiß, wie du dich mit deinem Bein quälst.«

Conrad starrte auf seine Hände, die wie zum Gebet gefaltet auf dem Tisch lagen. Wie oft hatte er den Krieg verflucht? Den Scheißkrieg, der sein Bein zerstört hatte! Der ihn zum Krüppel degradiert hatte. Das Zucken der Mundwinkel verriet seine Anspannung.

»Nimm ihn mit. Aber wehe, ihm passiert was.«

Sie streiften durch den Henckenbusch. Das auf der anderen Seite der Alme, östlich des Guts gelegene Waldstück war das Revier von Domdechant v. Canstein. Dort durften sie nicht sein. Schon gar nicht, um zu jagen. Aber sie taten es trotzdem, denn sie waren Wilderer.

Am Rande einer Lichtung hielten sie an. Conrad war ein erfahrener Jäger. Er warf einige Blätter hoch – sie mussten das Wild gegen die Brise aus Südost angehen, damit ihr Geruch sie nicht verriet.

Der Wind stand günstig.

Sie legten sich ins Gras. Das nasse Grün benetzte Johannes’ Gesicht und verscheuchte das letzte Fitzelchen Müdigkeit. Bald drang die Bodenfeuchte durch seine Kleider. Das störte ihn nicht. Es dämpfte die Aufregung.

Vorbei die Zeit der Übungsschüsse. Endlich war es soweit! Endlich durfte er zeigen, was er gelernt hatte. Und was er von Anfang an konnte – zu seines Vaters Erstaunen und zu seinem eigenen. Die Armbrust im Anschlag, einen zweiten Bolzen griffbereit, streifte er den Rand der Lichtung ab. Aber da war nichts.

Sein Nacken schmerzte. Er hob den Kopf. Ein, zwei Zoll nur, doch Conrad hieb ihn gleich unsanft in die Seite. Reumütig ging er wieder in Deckung.

Da – am südlichen Ende der Lichtung! Zweige knackten. Laub raschelte.

Dann wieder Stille. Nur der Wind flüsterte.

Johannes hörte seinen Herzschlag. Ob er die Tiere vertrieb? Ein schneller Blick nach links.

Sein Vater legte einen Finger auf die Lippen.

Plötzlich wechselte ein starker Bock auf die Lichtung. Ein herrliches Exemplar mit rostrotem Fell, einer weißen Blesse über der Nase und drei Sprossen an jeder Stange. Stünde der Wind günstig, könnte das Tier seine Jäger wittern, doch die Natur versagte ihm diesen Dienst. Damit verhängte sie sein Todesurteil. Der Bock senkte den Kopf und begann zu äsen.

Rauschen in den Ohren.

Vater nickte.

Die Schussbahn war frei, das Wild stand im perfekten Winkel auf fünfzig Schritt. Johannes hob die Armbrust. Er atmete flach, hielt die Luft an und zielte. Ohne Visier, wie immer. Er peilte das Ziel über den Schaft an.

Er streichelte die Abzugsstange.

Der Bolzen zischte los.

Als das todgeweihte Tier das auf sich zurasende Flugobjekt bemerkte, war es schon passiert. Das Geschoss schlug hinter dem Schulterblatt ein. Es zerstörte Herz, Lunge und Aorta. Der Bock bäumte sich auf und sprang mit gesenktem Haupt davon. Am Ende der Lichtung stieß er gegen einen Baum, brach zusammen und verendete.

Ein kurzer Todeskampf.

Conrad nickte – so war es gut.

Die Jäger liefen zu dem Kadaver. Der Bolzen war bis zur Befiederung eingedrungen. Er saß punktgenau.

Ein Meisterschuss.

ZWEI

–DIE JAGD–

Kapitel 6

Seine Lungen brannten. Die Fingerspitzen kribbelten. Ein metallischer Geschmack im Mund. Und Schmerzen – wie Messer zwischen den Rippen. Eine Erinnerung an Libori. An Jakob und seine Schläger. Vor zehn Wochen.

Er musste es aushalten, musste sie abhängen. Wie damals, das Kinderwolfsrudel aus dem Dorf. Doch diesmal war der Einsatz höher. Diesmal waren Männer mit Gewehren hinter ihm her. Entschlossen, ihn zu töten. Den Wilderer, der Jakob v. Hashagen auf dem Gewissen hatte.

Das Kläffen kam näher.

Zweige peitschten. Er riss die Arme hoch. Und doch fand eine Brombeerranke den Weg in seine Wange.

Das Gelände stieg an. Am höchsten Punkt einer Kuppe blieb er stehen. Er stemmte die Arme in die Seiten. Seine Brust drohte zu zerspringen.

Lichter tanzten durch den Wald.

Der Graben der Imbsenburg zu seinen Füßen. Er stand auf den Überresten. ›An der Burg‹ kannte er sich aus. Hier hatte er früher Verstecken gespielt – gegen die Dorfkindermeute. Unfreiwillig.

Er stürmte den Hang hinunter. Stolperte. Fiel. Rappelte sich auf und rannte weiter. Durch den Burggraben, dahin, wo das tiefste Schwarz war. Sein Schienbein knallte gegen etwas Hartes. Es tat höllisch weh. Gleich der nächste Zusammenprall – das andere Bein.

Der Mond lugte durch die Wolken, aus Schwarz wurde Dunkelgrau. Am Boden vom Sturm gefällte Riesen. Dazwischen Farn. Ein dicht gewebter grüner Vorhang.

Der Wald müffelte nach Laub. Nach Moos und feuchter Erde. Und etwas Strengerem: Wildschweinlosung – eine Rotte nutzte die Stelle als Suhle. Er wälzte sich auf dem Boden. Verteilte den stinkenden Matsch unter den Achseln, zwischen den Beinen und im Gesicht.

Ob das die Hundenasen täuschte?

Ein Baumstamm. Gleich daneben noch einer. Der Spalt war eng. Er zog den Dolch, nahm die zehn Zoll lange Klinge zwischen die Zähne. Sie roch nach Blut. Schmeckte nach Blut – eines der Höllenviecher hatte er damit erledigt.

Borke zerkratzte seine Wangen. Die Rippen schrien Zeter und Mordio.

Und wieder kläfften die Hunde.

Sie waren jetzt ganz nah.

»Tot oder lebendig, werft ihn mir vor die Füße! Ich reiße ihm die Haut in Streifen vom Leibe. Verfüttere ihn an die Schweine. Lasse seine Mutter zusehen, die gottverdammte Hure«, brüllte Ludwig v. Hashagen. Seine schrille, sich beinahe überschlagende Stimme ließ befürchten, dass er dem Wahnsinn nahe war.

Jakob, sein einziges Kind, war tot. Die Augen weit aufgerissen lag er da. In der Stirn ein Bolzen, der sich oberhalb der Nasenwurzel drei Zoll tief ins Gehirn gebohrt hatte. Sie hatten versucht, den Fremdkörper herauszuziehen, um dem Verstorbenen ein würdevolleres Aussehen zu geben, aber er saß zu fest.

»Los doch! Oder soll ich euch aufknüpfen lassen? Lasst die gottverdammten Köter von der Leine«, tobte der Oberforstmeister. Noch war seine Wut stärker als die Trauer, die erst später ihren Höhepunkt erreichen würde.

Den Revierförstern Brede und Hasberg stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben, ebenso dem blutjungen Waldwärter Overkamp. Unfähig zu einer Reaktion standen sie da wie die Ölgötzen.

V. Hashagen packte Brede und schlug ihm ins Gesicht. »Bewegung, Mann! Oder ich knalle dich ab.« Er nahm das Gewehr von der Schulter.

Schlagartig kehrte das Leben in den Geohrfeigten zurück. »Jawohl, Herr Oberforstmeister. Sofort.« Mit fahrigen Händen machte er einen Hund los und hielt ihn am Halsband.

Das Tier fletschte die Zähne und knurrte. Hasberg nahm den anderen Vierbeiner von der Leine.

»Rufus, Rex! Fass!«, brüllte Ludwig v. Hashagen.

Wie von einer Kanone abgefeuert preschten die Kurzhaarrüden davon.

Johannes hielt den Atem an. Seine Verfolger standen am Rande des Abhangs.

»Was ist mit den Kötern?«, schnaubte Ludwig v. Hashagen. »Wieso laufen sie so blöde herum?«

Niemand hatte eine Antwort.

Was sollte man auch zu dem seltsamen Verhalten der Tiere sagen? Sie waren in Windeseile den Hang hinuntergestürmt, durch den Burggraben geschossen und in der Finsternis verschwunden – um kurz darauf mit weitaus weniger Elan zurückzuhecheln. Nun schnüffelten sie mal hier, mal dort und rannten im Kreis herum. Die Männer nahmen sie kurz und gingen mit ihnen den Rand der Senke ab, aber nirgends schlugen die Vierbeiner an. Sie winselten, als bettelten sie um Absolution für ihr Versagen.

»Zum Verrücktwerden!«, schimpfte der Oberforstmeister. »Der Kerl ist hier irgendwo. Ihr sucht oben weiter. Ich nehme mir die Schlucht vor.« Er riss einem seiner Untergebenen die Fackel aus der Hand und stieg hinab.

Das Fackellicht warf geisterhafte Schatten auf die längst vergangenen Wehranlagen. Es erhellte aber nur einen kleinen Radius, bevor es von der Finsternis verschluckt wurde.

Eine Baumwurzel – Ludwig v. Hashagen stürzte. Er stieß einen Fluch aus, denn die Fackel hatte gelitten. Sie spendete noch weniger Licht als vorher. Und der Boden wurde immer schlüpfriger.

Der Graben erdrückte ihn förmlich. Düster und eng waren die Gemäuer. Wieder ließ er die Fackel kreisen. Tellergroße Pilze glotzten ihn an, gelbgrüne Flechten grinsten hämisch. Farnwedel, die zwischen gezackten Stümpfen hochschossen, schaukelten in der Luft, die stank wie die Pest. Deshalb hatten die Hunde die Schwänze eingekniffen.

V. Hashagen kannte den Mief. Mit Schwarzkitteln hatte er nur allzu oft zu tun. Die Fressmonster richteten immer schlimmere Flurschäden an. Außerdem wusste er, dass er sich auf sein Bauchgefühl verlassen konnte. Und dieses gab keine Ruhe. ›Hier ist etwas faul!‹, insinuierte es.

Er hockte sich auf einen mit Moos überzogenen Stamm und stützte das Kinn in die Hände.

Wo zum Teufel war Johannes Bargfeld?

Er stand auf und schwenkte die Fackel. War da etwas? – Nein, nur ein Baumstumpf. Er leuchtete über den Boden: Pfotenabdrücke, jede Menge davon. Mehr gab die schwarze Erde nicht preis. Er ging in die Knie, und der Gestank raubte ihm schier den Atem. Und die Fackel, das hinterhältige Biest, spie Pech auf sein Knie. Er schleuderte sie weg – und bereute es sogleich. Er ging los, hob die Fackel auf, deren Kraft mehr und mehr erlahmte, und … was war das?

Ein Fußabdruck! Und da: noch einer.

Bevor Ludwig v. Hashagen seine Männer rufen konnte, streckte ihn ein Schlag auf den Hinterkopf nieder.

Wieder Hundekläffen, aber nicht mehr ganz so nah. Hatten sie den Oberforstmeister gefunden?

Er rannte weiter. Immer nach Norden. Fichten mischten sich unter die Laubbäume. Erst ein paar Einzelgänger, dann immer mehr. Aus Laub- wurde Mischwald. Bald standen die Bäume so dicht, dass selbst am helllichten Tag kaum ein Lichtstrahl auf den Boden fiel: Peggelers Büsche – finster wie die Hölle. Aber er kannte sie. Besser als jeder andere. In den Büschen hatte er das Kinderwolfsrudel ein ums andere Mal abgehängt.

Wo war der Bach, der die Büsche von Nordwesten nach Osten durchschnitt? Er musste ihn finden. Die Arme vor dem Gesicht brach er durchs Unterholz. Die Büsche schlugen über ihm zusammen, verschluckten ihn. Spuckten ihn woanders wieder aus.