Palmer :Exit 259 - Stephan Lake - E-Book

Palmer :Exit 259 E-Book

Stephan Lake

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Beschreibung

Sie erreichten Exit 259, und der Cop winkte und fuhr ab. Hinein in die Ortiz Mountains, die so dunkel waren, wie er sich sein Leben nach dem Tod vorstellte. Joshua Palmer hat in seinem Leben schon viel einstecken müssen, aber der Tod einer jungen Frau macht ihm besonders zu schaffen. So passt es ganz gut, dass Interpol ausnahmsweise keinen dringenden Fall für ihn hat. Er nutzt die Zeit und kümmert sich um sein Land in den Ortiz Mountains, New Mexico und um einen zugelaufenen Wolfshund, der so ist wie er selbst: scheu, misstrauisch und verletzt. Mehr will Palmer nicht. Und ganz bestimmt will er nicht in die Angelegenheiten anderer hereingezogen werden. Doch dann verschwindet im nahegelegenen Indianerreservat ein Cop des Albuquerque PD und mit ihm eine Tasche. Darin: eine viertel Million Dollar. Palmer findet genau diese Tasche auf seinem Land, versteckt unter seinem alten Trailer von, da ist er überzeugt, seinem Nachbarn Mark New Holy, einem Cop der Tribal Police. Palmer will weder mit dem Geld, noch mit seinem Nachbarn zu tun haben, aber dafür ist es bereits zu spät. Eine Anwältin erzählt ihm von jungen Indianerinnen, die seit neuestem aus Albuquerque verschwinden, ein Ermittler der Staatsanwaltschaft fragt sich, was Palmer mit seinem korrupten Chef zu tun haben könnte, und irgendwo in den Ortiz Mountains wartet ein Indianer, groß wie ein Baum und stumm wie ein Fisch, der von Palmer das Geld zurückholen und ihm bei dieser Gelegenheit auch gleich ein Loch in den Kopf schießen will... Mit Bonus-Kurzgeschichte Palmer :Russisch Roulette

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Seitenzahl: 464

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Stephan Lake

Palmer :Exit 259

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Vorbemerkung zu Palmer :Russisch Roulette

Palmer :Russisch Roulette

Impressum neobooks

1

Am Ende des Lebens kannst du nur so viel Barmherzigkeit erwarten, wie du selbst gegeben hast.

Wie viel Barmherzigkeit also hast du gegeben?

Sie versuchte, sich auf die Seite zu drehen, zu lange bereits lag sie auf dem harten Felsboden. Ihr Rücken schmerzte. Aber sie schaffte es nicht. Sie konnte sich nicht bewegen.

Wie viel Barmherzigkeit ich gegeben habe, was weiß ich. Viel. Ja, doch, viel, also?

Völlige Dunkelheit. Schwarz.

Die Kälte verhinderte, dass sie ihren Körper spürte.

Ihr Gesicht war taub. Ihre Arme waren taub, ihre Beine, ihr Rumpf.

Vollständig taub. Ihr gesamter Körper.

Nur die Schmerzen in ihrem Rücken schienen das nicht zu wissen. Und das Hämmern und Pochen und Ziehen in ihrem Kopf auch nicht.

Alles ist taub, also verschwindet, schrie sie.

Aber ihre Stimme nur noch ein Hauchen.

Wird also nichts mit Hilfe rufen.

Sie lachte.

Sie fing an zu weinen. Zumindest glaubte sie, sie würde weinen. Sie spürte ihre Tränen nicht.

Sie spürte nichts.

Barmherzigkeit.

Bitte, Barmherzigkeit.

2

Sein Blick auf den Tacho und zurück auf die Straße.

Hundertzwanzig Meilen pro Stunde.

Vielleicht würde er es ja doch schaffen.

Shit, besser wäre es.

Er hatte die Interstate gewählt, weil sie die schnellere der beiden Verbindungen zwischen Albuquerque und Santa Fe war. Die andere, Highway Vierzehn, war zwar nicht sehr viel länger, aber die Vierzehn schlängelte sich durch die Berge, die Fahrt nach Santa Fe dauerte daher fast doppelt so lange. Und das war für ihn heute keine Option.

Was er verdammt bedauerte. Denn wäre er früher losgekommen, er hätte wieder in Benson Trail halten und mit Dana oder Ana oder wie sie hieß einen Drink nehmen können, wie am vergangenen Sonntag, sie einen Dark'n'Stormy – Dark Rum und Ginger Beer, er hatte nachfragen müssen – und er seinen Old Fashioned; die Kleine hatte an seinem Arm gehangen und ihm zugeflüstert, sie würde auf Cops wie ihn stehen, groß und stark und in dieser tollen Uniform, und sie wäre an fast jedem Wochenende in der Tavern, ob er eigentlich jemanden irgendwo hätte? Und er hatte sich zu ihr gebeugt, ganz nahe an ihren Ausschnitt und an ihr Ohr, Spielt das eine Rolle, Baby? Und sie hatte gelacht und den Kopf geschüttelt und mit der Zunge über ihre weißen Zähne geleckt und unter dem Tisch, Mann, unter dem Tisch ihre Hand warm auf seinem Oberschenkel, die Fingernägel hart gegen den Stoff ... Ah, die ganze Woche hatte er daran gedacht.

Aber dann, vorhin, Mikro schon in der Hand, da drücken sie ihm noch ein DIP aufs Auge, Mann. Zwei Betrunkene nur ein paar Blocks von ihm, und den einen kannte er sogar, wohnte in seiner Straße und fuhr einen Achtundsechziger Mustang, den mit dem V Acht und zweihundertdreißig PS. Großes Hallo und, yeah, ein paar Runden Canadian Club. Und bamm, Zeitpuffer dahin. Und damit auch der Highway und Benson Trail und Dana-Anas flinke Zunge.

Fuck, für heute.

Nächste Woche eben.

Der Cop ließ die Scheibe herunter und spuckte in die Nacht, hart und fest und spürte trotzdem die Tropfen im Gesicht. Mit dem Handrücken wischte er sie weg.

Den Kopf hätte er drehen müssen und hinter sich spucken, aber mach das mal bei – er guckte wieder auf den Tacho und grinste und drückte dreimal die Hupe – ta, ta, taah – einhunderteinunddreißig Meilen pro Stunde. Mann, da drehst du nicht den Kopf, wenn du nicht gerade lebensmüde bist.

Blick nach vorne fingerte er eine Dose aus der Kühlbox und rollte sie über Stirn und Nacken und öffnete sie mit dem Zeigefinger und trank einen großen Schluck und noch einen und rülpste so laut und lange er konnte und zählte die Sekunden.

Etwas mehr als zwei.

Fuck, das konnte er besser.

Er klemmte die Dose zwischen seine Beine, hoch in den Schritt, hängte seinen rechten Daumen wieder locker ins Lenkrad und gähnte und rieb das Wasser aus seinen Augen. Das Fenster ließ er offen, der Fahrtwind half ihm wachzubleiben. Die kalte Dose im Schritt half auch.

Die Interstate Fünfundzwanzig läuft von Nord nach Süd, kommt von irgendwo aus Wyoming und Colorado nach New Mexico und runter bis Las Cruces und von da weiter bis zur mexikanischen Grenze nach El Paso.

Er war froh, dass er nicht nach El Paso liefern musste. Nur verdammte Cholos da unten. In Santa Fe, da war das anders. In Santa Fe waren nicht so viele Mexikaner, und kaum einer von denen traute sich, mit einem Schießeisen im Hosenbund auf der Straße herumzulaufen. Handlanger waren die in irgendwelchen Shops, Hausmädchen in den Motels oder Bedienungen in den Restaurants, was ja okay war. Er hatte ja nichts gegen den Mexikaner an sich. Einen von denen hatte er sogar einmal an seinen Camaro gelassen, ging nicht anders, der Auspuff war durch, kein großes Ding, aber viel Krach und das mitten in der Stadt. Er war langsam weitergefahren, und da war die Werkstatt, ein verdammter Zufall. Aussteigen und die Marke an den Gürtel Albuquerque Police Department, und der Sanchez hatte Haltung angenommen, gelächelt, genickt, Evening Officer, die schmierigen Hände an seinem schmierigen Lappen gewischt, und Ein toller Wagen, Sir, was kann ich heute für Sie tun, Sir?

Wie es auch sein soll. Hat sich dann sofort an die Reparatur gemacht und das ganz gut hinbekommen, nicht einfach das Endrohr ausgewechselt und ein neues rein, was teuer geworden wäre, sondern geschweißt. Autogenschweißen, hat der Sanchez gesagt, das wäre die korrekte Bezeichnung, das könnten nicht viele. Und dann hat er sogar noch einen Rabatt gegeben, freiwillig, zehn Prozent.

Yeah, so soll es verdammt nochmal auch sein.

Wieder ein kurzer Blick, dieses Mal auf die Uhr am Armaturenbrett. Kurz vor elf. Wenn alles glattging, konnte er danach wenigstens noch zu Rose, aber er würde vorher anrufen; er hasste es, wenn er zur Tür reinging und ein anderer kam gerade raus, da fühlte er sich wie eine Nummer. Und er würde wieder Tequila mitbringen, das Zeugs machte sie betrunken und gut gelaunt und der Spaß wäre nicht nur ein Geschäft, sondern ..., na, Spaß eben.

Er könnte vor zwei wieder zurück sein, mit drei Scheinen in der Tasche. Vor der nächsten Schicht hätte er dann noch ein paar Stunden. Doris und die Bälger mussten nur leise machen beim Aufstehen, nur ein einziges Mal leise machen, verdammt, jeden Morgen dasselbe Theater. Doris hatte die einfach nicht im Griff.

Er würde ihr nachher noch einmal seinen Standpunkt verdeutlichen.

Er nahm die Dose und trank wieder und stellte sie zurück zwischen seine Beine und rülpste wieder und zählte wieder.

Drei Sekunden genau. Na also.

Und dann ging er vom Gas und ließ den Wagen rollen und trat schließlich auf die Bremse und der Camaro stand.

Er starrte und konnte nicht glauben, was er sah. Vor ihm Autos und Trucks und viele bunte Lichter.

Und Cops in Uniform.

Highway Patrol.

„Fuck me.“

Einer von ihnen kam gelaufen, die eine Hand auf dem Hut, die andere hielt das Maglite, der Strahl hüpfte hin und her.

„Was ist los, Kollege?“, sagte der Cop und hielt seine Marke aus dem Fenster.

Der Patrolman leuchtete nacheinander auf den Wagen, auf die Uniform, auf die Marke. „APD?“ Salutierte dann flüchtig, wie Cops das untereinander tun, und sagte, „Unfall. Zwei Trucks ineinander verkeilt, quer über die Bahn. Einer mit Rindern, ein Dutzend tot auf dem Highway, die anderen strampeln auf der Ladefläche. Ein Höllenlärm, und die stinken, kann ich dir sagen. Zwischen den Trucks ein RV, davon ist nicht mehr viel übrig, Nummernschild von der Ostküste, Vermont. Wer auch immer da drin sitzt, hat es hinter sich.“ Er sagte, „Tut mir leid, Kollege, da ist in den nächsten paar Stunden kein Vorbeikommen.“

Der Cop schloss die Augen.

In den nächsten paar Stunden? Das konnte jetzt nicht sein. Er musste nach Santa Fe. Er musste. Sie warteten auf ihn. Ein paar Stunden Verspätung und sie würden glauben, er hätte sich mit der Ladung aus dem Staub gemacht. Dann würde dieser Indianer ihn suchen und finden und auf seine Erklärung würde der einen Scheiß geben und ... bamm.

Er machte die Augen wieder auf. „Ich muss nach Santa Fe, Mann. Jetzt. Ich muss. Ich hab keine paar Stunden, Mann.“

Der Patrolman sah auf die Dose zwischen den Beinen und die Kühlbox auf dem Beifahrersitz und sagte, „Zwei Möglichkeiten, Kollege. Zurück nach ABQ und bei Cedar Crest auf die Vierzehn.“

„Dauert zu lange. Die zweite?“

„Na ja, zwischen ABQ und Santa Fe gibts ja nur die Fünfundzwanzig und den Highway.“ Der Patrolman unter seinem Hut grinste. „Bist noch nicht so lange in der Gegend, oder?“

Der Cop schüttelte den Kopf. Immer dasselbe, egal, wohin du kommst. Du bist der Neue, und alle machen ihre Witze.

Der Patrolman sagte, „Von wo bist du?“

„Denver, Colorado.“

„Denver, huh? Meine Schwester lebt jetzt in Boulder. Hat vergangenes Jahr dahin geheiratet, einen Wetterfrosch vom Fernsehen, ist das zu fassen?“

„KCNC?“

„KWGN, glaub ich.“

„So ein Dicker, klein, wenig Haare? Ständig am Lachen?“

„Eher schmal, schwarze Locken. Kein Humor, und Wetter ist meist falsch, sagt meine Schwester.

„Oh.“

„Ja. Okay, hör zu, da gibts noch eine andere Möglichkeit. Machen nicht viele, geht aber. Eine Meile zurück bis Santo Domingo und Exit 259 und von da auf die Drei durch die Berge. Ortiz Mountains. Kurvige Strecke, paar steile Stellen mit Geröll, aber machbar, selbst mit deinem Geschoss hier.“ Der Patrolman guckte. „Was ist das für einer? Erste Generation?“

„Zweite. Einundsiebzig.“

„Neunzehneinundsiebzig, huh? Ist das-“, er machte einen Schritt zurück, der Lichtstrahl flog noch einmal über die Karosserie, „–ein Z Achtundzwanzig?“

„V Acht, Dreihundertdreißig Pferde. Du kennst dich aus, Mann. Respekt.“

„Nur in der Theorie, Kollege, nur in der Theorie. Aber eines Tages ... vielleicht. Okay, Ortiz Mountains ist Tribal Land, du musst also aufpassen, dass keine betrunkenen Injuns auf der Straße liegen.“ Beide lachten. „Eine Stunde etwa und du kommst vor Benson Trail auf dem Highway raus. Highway Vierzehn. Rechts gehts dann zurück nach Cedar Crest und ABQ, aber du fährst links weiter nach Benson Trail, Cerrillos, dann Santa Fe. Wenn du also hier nicht warten willst und auch nicht zurück nach ABQ willst, dann ist das die einzige Möglichkeit. Langsamer als die Fünfundzwanzig, schon klar, aber du sparst fünfzig Meilen.“

„Ich komme vor Benson Trail auf den Highway?“

„Yes, Sir.“

„Und ich muss wenden? Auf der Interstate?“

„Ich fahr mit, Kollege. Überhaupt kein Problem.“

Der Cop nahm eine Dose aus der Box und hielt sie ihm hin. „Danke, Kumpel, hast was gut.“

Der Patrolman grinste und nahm die Dose und hob sie zum Toast. „To Protect and to Serve, Sir.“

Sie erreichten Exit 259 und der Cop winkte und fuhr ab.

Hinein in die Ortiz Mountains, die so dunkel waren, wie er sich sein Leben nach dem Tod vorstellte.

3

Zehn Minuten in der Finsternis wackelte der Lichtkegel seines Camaro über zwei Straßenschilder: Ortiz Apache Reservation. Und darunter: Dirt Road Next 26 Miles.

Ah, no way.

Sechsundzwanzig Meilen Staub und Geröll, bei Dunkelheit, auf dieser verdammten Buckelpiste in diesen verdammten Bergen und mit seinem Camaro, der für all das so geeignet war wie ein Powerlifter fürs Ballett. Eine Stunde bis Benson Trail? Du sparst fünfzig Meilen? Sehr lustig, Patrolman. Zwei Stunden würde er zu spät kommen, mindestens. Mit viel Glück würden sie ihm kein weiteres Loch in den Schädel schießen. Und Rose konnte er jetzt auch vergessen.

Damn.

Er schaltete zurück und trank einen großen Schluck und warf die Dose aus dem Fenster und kniff die Augen und blinzelte.

Kaum zu erkennen, wo der verdammte Weg aufhörte und die beschissene Landschaft begann.

Die nächsten Meilen ein Auf und Ab, um scharfe Kurven, an Schluchten vorbei so dunkel mit Pinienwald, dass er nicht sehen konnte, ob sie zwanzig oder zweihundert Yards tief waren und auf der anderen Seite neben ihm schroffer Felsen. Zwei Mal liefen Coyoten direkt vor ihm über die Straße, und beide schienen zu lachen mit ihren heraushängenden Zungen und glänzenden Augen; ein Mal rutschte der Camaro und schlingerte, aber kein Problem, er hatte nur ein paar Dosen getrunken und vorher vom Club mit seinem Nachbarn und dem anderen, den er nicht gekannt hatte, Roger, Russell oder so ähnlich, oder Ryan?

Er konnte nicht noch langsamer fahren, sonst käme er nie an.

Acht Meilen später sah es aus, als hätte er das Schlimmste überstanden. Die Schlucht wurde breiter, der Wald lichter, zum ersten Mal seit einer halben Stunde konnte er wieder die Sterne sehen. Der runde Mond beleuchtete den Weg und den Fluss neben ihm so gut wie vorher die Laternen an der Interstate.

Dann sah er vor sich eine Senke und dahinter ein Schimmern.

Wasser.

Er bremste hart. Der Camaro rutschte und schlingerte wieder, und wieder konnte er ihn abfangen und unter Kontrolle bringen und der Camaro stand.

Als der Staub weg war, besah er sich im Scheinwerferlicht, was vor ihm lag. Die Senke schien nicht tief, aber er wusste, im Dunkeln, aus der Entfernung hinter dem Steuer, da konnte das täuschen. Und das Wasser? Schien eher ein Nebenarm zu sein, nicht der Fluss selbst. Aber ohne sicher zu sein, konnte er es nicht wagen. Nicht mit dem Camaro. War schließlich kein Truck und würde schneller absaufen als sein alter Mister, diese Null, der es fertig gebracht hat, im kniehohen Fluss aufs Gesicht zu fallen, in den Bergen hinter Denver. Beim Elektrofischen, war das zu fassen? Zwei Tage später haben sie ihn gefunden, ihn im Wasser und am Ufer ein Dutzend leere Bierdosen.

Konnte nichts vertragen, der Alte.

Der Cop drehte den Motor ab und stieg aus. Er atmete tief die Luft ein. Es war kühler hier in den Bergen als unten in Albuquerque, wo die Sommerhitze die Leute verrückt machte und durchdrehen ließ, die Gewaltrate im Sommer um die Hälfte höher als im Winter; sechzig Prozent mehr Prügeleien, zwanzig Prozent mehr Morde, so wirkte sich das aus.

Jeder freut sich auf den Sommer. Cops nicht. Cops freuen sich auf den Winter.

Er ging durch die Senke und bis zum Wasser – ja, nur ein Nebenarm, er sah den Fluss links zwischen den Bäumen schimmern – und ging dann hinein, langsam. Seine Boots wurden nass und dann auch seine Socken, aber er wollte beides nicht ausziehen, nicht hier, nicht bei Nacht. Er ging weiter bis zur anderen Seite und wieder zurück und war zufrieden.

An der tiefsten Stelle hatte ihm das Wasser nur bis zum Schienbein gereicht. Kein Problem.

Da er gerade draußen war, machte er den Reißverschluss seiner Hose auf und erleichterte sich. Er lauschte angestrengt in die Dunkelheit. Hier gab es vermutlich Pumas, vielleicht sogar Bären, aber er hörte nichts außer seinem eigenen leisen Plätschern und dem Knacken der sich abkühlenden Karosserie.

Als er fertig war und sich umdrehte, sah er sie.

Drei Gestalten.

Sie standen bei seinem Wagen. Einer an der offenen Tür, mit dem Oberkörper bereits im Wageninneren. Die beiden anderen lehnten gegen die Haube und schauten zu ihm herüber.

Es war hell genug, er konnte die Gesichter der beiden auf der Haube gut erkennen. Jungs noch, Anfang zwanzig vielleicht; Injuns, ohne Zweifel, mit ihren langen, schwarzen Haaren und den zerrissenen Jeans.

Was hatte der Patrolman vorhin gesagt? Der Cop grinste.

„Warum liegt ihr nicht besoffen auf der Straße?“, sagte er und ging auf sie zu. Seine nassen Boots quietschten und hingen schwer an den Füßen. „Hey, Junge, wenn du einsteigst, dann muss ich dich festnehmen.“ Er hielt seine Marke hoch. „APD.“

Die Indianer reagierten nicht. Der an der Fahrertür stand wieder draußen und guckte jetzt auch zu ihm. Er stieg nicht ein, ging aber auch nicht von der Tür weg.

„Albuquerque Police Department“, sagte der Cop, „für diejenigen von euch, die noch nichts mit uns zu tun hatten. Aber ich schätze mal, das habt ihr alle drei schon. Richtig?“

Der an der Tür sagte, „Du bist hier auf Tribal Land, Mann. Ob du in irgendeiner Stadt Cop bist oder die Klos weißer Leute sauber machst, interessiert hier niemanden“, und stieg dann doch ein und wieder aus, mit drei Dosen in der Hand. Zwei warf er seinen Kumpels zu, die dritte machte er auf und blies den Schaum weg und nippte daran.

Der eine trank ebenfalls einen kleinen Schluck, der andere sagte, „Budweiser? Alle Cops trinken Budweiser“, und warf die Dose weit in die Dunkelheit. Zwei Sekunden später klatschte sie in den Fluss.

Der an der Tür starrte ihn an, und der Cop sah zum ersten Mal das Messer an seinem Gürtel. Ein Jagdmesser, die Klinge lang und breit und, kein Zweifel, sehr scharf. Denn wer nachts in solchen Wäldern herumläuft, der achtet darauf, dass seine Werkzeuge in Ordnung waren.

Der Cop dachte an seine Beretta, die im Handschuhfach lag. Er hatte sie vor der Fahrt aus dem Holster genommen, damit sie ihm nicht auf die Hüfte drückte.

„Okay, Jungs, ich spendier euch die drei Dosen. Aber jetzt macht Platz. Ich muss weiter.“

„Du fährst weiter, wenn wir dir das sagen, weißer Mann“, sagte der an der Tür.

Der Anführer, das war jetzt klar. Ein Anführer, zwei Gehilfen.

Der Anführer stellte seine Dose aufs Autodach und wischte seine Hand am Shirt ab und starrte ihn weiter an. Schweigend.

Was zur Hölle sollte das? Wollten die drei Burschen ihn etwa ... Was sollte das?

„Also, Jungs, passt gut auf, okay?“ Er ging in die Hocke und begann, an seinem Stiefel zu hantieren und sagte, „Ich mache mir jetzt die Boots zu, und wenn ich fertig bin, dann seid ihr verschwunden“ – und zog das Hosenbein hoch – “denn sonst“ – und stand auf und in derselben Bewegung streckte den Arm, in der Hand seine Achtunddreißiger – „wirds verdammt ungemütlich.“ Und grinste. „Weil, looky here, ich hab immer meinen ganz persönlichen Schutzengel dabei. Hat einen kurzen Lauf, aber glaubts mir, auf die Entfernung? Uh, da gibts nichts Besseres.“ Und versuchte, seinen Arm ruhig zu halten, verdammter Alkohol. „Drückt manchmal, je nachdem, wie du sitzt, und beim Laufen ziehts dir das Bein runter, aber hey, ich kann damit sogar ins Wasser, das Holster hält dicht. Der hat mir schon manches Mal das Fell gerettet.“

„Yeah“, sagte der an der Tür, „machen doch alle Cops, du bist da nicht der erste. Die habt ihr, um Leute zu erschießen, die ihr nicht mögt. Unsere Brüder zum Beispiel.“

Völlig ungerührt.

„Natürlich macht ihr das nicht mit euren Cop-Waffen, denn das könnte man euch ja hinterher nachweisen.“ Der Indianer sagte, „Ich wette, das Ding da ist nicht registriert.“

Er war still. Der verdammte Injun hatte ja Recht, was also sollte er auch sagen?

„Was hast du denn so Wichtiges zu tun, dass du durch unsere Berge fährst, Mann? Mitten in der Nacht?“

„Das geht dich einen Scheiß an“, sagte der Cop jetzt und legte die linke Hand unter die rechte, als Stütze, beide Arme gestreckt, genau so, wie sie es ihm in der Akademie beigebracht haben. „Ich zähle bis drei und dann seid ihr wieder im Wald verschwunden. Eins-“

Er hatte nicht vor, bis drei zu zählen, no fucking way, er hätte bei zwei einfach geschossen. Injuns. Dem Anführer eine in den schmächtigen Oberkörper, und die beiden anderen wären gerannt wie die Wiesel. Wie die Coyoten. Seine Arme schwankten vielleicht, aber treffen würde er auf jeden Fall. Auf die Entfernung?

Aber dazu kam es nicht. Er sagte ‚Eins‘, da hatte der Indianer ein Gewehr auf ihn angelegt. Der Anführer. Er musste es neben der Tür abgestellt haben.

Die beiden großen Läufe zielten genau auf seine Brust. Dieser verdammte Bushnigger. Hielt die Büchse wie ein Profi. Fest gegen die Schulter gedrückt, Daumen und drei Finger am Kolben, Zeigefinger locker auf dem Abzug; die linke Hand hielt den Lauf, still und ruhig und völlig nüchtern.

Wenn der Kerl abdrückte, würde sein Körper ein großes Loch mehr haben. Oder zwei.

Shit.

Der Cop atmete ein und wieder aus. Seine Augen waren voll Wasser von der kalten Luft und vor Müdigkeit, aber er wollte sie nicht reiben, nicht jetzt.

„Du hast es mit einem United States Police Officer zu tun, mein Junge, also lass den Quatsch. Wenn du das Ding weglegst, dann werde ich so tun, als wäre nichts passiert. Aber nur, wenn du es jetzt weglegst. Tust du das nicht, werde ich dich und deine beiden Brüder mit in die Stadt nehmen. Dann werdet ihr eingesperrt. Für eine lange Zeit. Und ihr wisst, wie es Injuns im Knast ergeht.“

Er musste sich etwas einfallen lassen, und schnell, der Revolver in seiner Hand wurde mit jeder verfluchten Sekunde schwerer.

„Mein Junge?“ Das Gesicht des Indianers immer noch regungslos. „Ich habe meinen ersten Weißen erschossen, da war ich vierzehn. Der war so betrunken wie du und kam in unseren Trailer und ist über meine Schwester hergefallen wie ein Tier. Die war elf Jahre alt. Unsre Leute haben ihn verscharrt; nicht auf unserem Land, sondern auf eurem, auf State Land. Sie haben ihn nie gefunden.“ Der Indianer sagte, „Irgendwie habe ich das Gefühl, das wird dir auch passieren.“

„Jetzt hör mal gut zu, du verdammter Bushnigger.“ Wie haben die in der Akademie noch gesagt? Arme gestreckt und ... ja, die Knie leicht beugen und ... und wenn reden nicht hilft, dann hilft schießen. Denn wer zuerst schießt, der überlebt, haben die Ausbilder immer gesagt. Er beugte die Knie, aber nur wenig, und sein Zeigefinger begann sich zu krümmen, und er sagte, „Hör gut zu, okay? Ich bin ein Cop.“ Schwankte der Revolver mehr oder weniger als zuvor? „Du erschießt heute einen Cop und morgen werden tausend Cops hier sein und-“

„Du kapierst es nicht, weißer Mann“, sagte der Indianer, „du bist hier auf Tribal Land, und bewaffnete Blancos auf Tribal Land werden erschossen.“ Und drückte ab.

„Du hast ihn erschossen, Yazzie.“

Yazzie nickte. „Sonst hätte er geschossen. Ich habs ihm angesehen. Ich hatte keine Wahl.“

„Hey, Dude, das meine ich nicht. Alles cool. Ich meine, warum hast du solange gewartet?“

Yazzie öffnete die Büchse, nahm die leere Hülse heraus und warf sie weit ins Gebüsch und nahm eine neue Patrone aus der Tasche und betrachtete sie, blies einmal darüber, weil Schmutz darauf sein könnte und weil es seine Gewohnheit war, und schob sie in den Lauf. „Ich wollte sehen, was er für einer ist. Ich wollte ihm eine Chance geben. Du musst anderen immer eine Chance geben, sogar denen, Gus. Merk dir das. Wir wollen nicht so werden wie die.“

Yazzie klappte die Büchse zu und hängte sie um die Schulter. Dann hob er den Revolver auf und steckte ihn in den Gürtel; links, weil rechts das Messer hing.

„Bushnigger“, sagte Gus, „den hab ich lange nicht gehört.“

Vom Wagen hörten sie Nez rufen. „Hey, Yazzie, Gus, kommt her.“

Als sie neben Nez standen, sagte Yazzie, „Was?“

Nez hatte den Kofferraum geöffnet.

Alle drei starrten hinein.

Und fingen an zu singen und zu tanzen.

4

Zwanzig Meilen Luftlinie entfernt, auf der anderen Seite der Ortiz Mountains

„Was hast du heute vor, Mark? Fährst du in die Stadt?“

Ruth lehnte bei ihrer Frage auf der Küchentheke in ihrem Haus und schaute aus dem Fenster, ihr Blick weit. Ihre Augen waren noch sehr gut, aber sie wünschte, sie hätte ihr Fernglas zur Hand. Ihr Nachbar war wieder bei der Arbeit.

Sie hörte Mark näher kommen und spürte seine Hand auf ihrem Hintern und hörte ihn sagen, „Was glaubst du ... Wie alt ist der?“

Sie widerstand dem Drang, die Hand wegzustoßen und sagte, „Unser Nachbar?“

„Ja, unser Nachbar. Oder wo guckst du hin?“

„Weiß nicht. Ich kann ihn von hier ja kaum erkennen. Aber er sah jung aus, oder? Als wir ihn getroffen haben?“

„Jung? Nicht im Gesicht.“

„Du meinst seine Stoppeln?“

„Graue Stoppeln. Und seine Falten.“

Sie drehte sich, so dass er sie loslassen musste, und guckte hoch zu ihm. „Falten?“

Mark war still.

„Der ist fit“, sagte Ruth. „Er gräbt seit einer Stunde Löcher in den Boden. Ohne Pause.“

Mark sagte, „Solange guckst ihm schon zu?“

„Ich guck immer wieder aus dem Fenster, mir bleibt hier ja nicht viel anderes. Aber wer so lange am Stück Löcher gräbt, hier, bei uns, die Erde ist doch hart wie Stein und hier ein Loch zu graben wäre eine Schinderei. Sagst du doch selbst immer, deswegen tust du das ja auch nie. Also, wer das macht, der ist fit. Glaubst du nicht?“

„Ich habe nur gefragt, was du glaubst, wie alt dieser Palmer ist“, sagte Mark. „Nicht, ob er fit ist.“

Ruth lächelte ihren Mann an. Sie musste vorsichtig sein und sagte trotzdem, „Ich denke bereits über die Scheidung nach.“ Dann sagte sie, „Wo gehst du hin?“

„Nach oben.“

„Du hast mir noch nicht gesagt, was du heute vorhast. Ich brauche ein paar Dinge aus der Stadt, ich würde mitfahren. Mark?“

„Ich hab gehört, seine Mutter war eine Professionelle.“

„Wessen Mutter?“

„Von wem reden wir?“

„Palmer? Gehört von wem?“

„Meinen Brüdern. Sein Stiefvater war einer von uns, ein echter Navajo, aber seine Mutter? Dein Kerl ist der Sohn einer Hure, Ruth.“

„Er ist nicht mein Kerl, du bist mein Kerl“, sagte Ruth schnell.

Sie durfte es nicht übertreiben. Ihrem Kerl konnte schon mal die Hand ausrutschen. Oder, wenn er schlecht gelaunt war, die Faust.

Trotzdem sah sie wieder aus dem Fenster. Eine Hure?

Und sie sah ihren Nachbarn mit dem Graben aufhören, mitten in der Bewegung, und in ihre Richtung gucken.

Sie machte einen schnellen Schritt weg vom Fenster. Er konnte sie nicht gesehen haben, unmöglich. Oder? Auf diese Entfernung?

Sie hörte Mark zurückkommen und ging zum Kühlschrank und öffnete die Tür. „Wir brauchen Fleisch, Gemüse, wir haben kein Bier mehr.“ Warf die Tür wieder zu und drehte sich um. „Die Vorratskammer ist auch fast leer. Fährst du in die Stadt oder nicht?“

Mark hielt seine Uniform in der Hand und den Hut.

Sie sagte, „Was hat das zu bedeuten?“

„Ich habe zu tun, hat das zu bedeuten, was sonst. Chad holt mich ab. Du hast also den Truck und kannst selbst fahren. Fahr ihn nicht zu Schrott.“

„Chad? Heute? Das sollte dein erster freier Tag sein. Der verdammte erste freie Tag seit drei Wochen, Mark.“

Mark warf Uniform und Hut auf den Küchentisch und legte seine Arme um sie und drückte. „Shh, nicht fluchen, Sugar Pie, du weißt, dass ich das nicht mag. Deine Apachenbrüder machen uns viel Arbeit, und das Rez ist groß. Das Department braucht jeden Mann, so ist das eben. Und wir können meine Überstunden gut gebrauchen. Dein Job bringt ja nichts ein.“

„Du tust mir weh.“ Sie hasste es, wenn er sie drückte, immer viel zu fest, immer mit seiner Kraft protzend. Und sie hasste es, wenn er sie Sugar Pie nannte.

Mark ließ sie los. „Nehm ich dich nicht in den Arm, beschwerst du dich, nehm ich dich in den Arm, ist es auch falsch.“ Er griff nach seiner Uniform.

„Du bist eben sehr stark, das vergisst du manchmal.“ Sie versuchte ein aufrichtiges Lächeln und glaubte, es wieder ganz gut hinzubekommen.

„Wenn du nicht nach Santa Fe willst, dann guck, was du bei Gloria bekommst“, sagte Mark, bereits in der Tür. „Ich zieh mich um.“

„Du weißt, was ich bei Gloria bekomme, Mark.“

Mark blieb stehen. „Dann fahr halt nach Santa Fe, es ist noch früh. Was für ein Problem hast du denn heute schon wieder?“

„Ich wollte mit dir in die Stadt fahren, nicht alleine. Ich wollte mal wieder bummeln gehen, in ein paar Geschäfte, vielleicht in die neue Galerie neben dem Museum. Freunde treffen, irgendwo etwas essen. Mit dir. Wir machen nichts mehr gemeinsam.“

„Weil ich arbeiten muss. Und deine Freunde sind nicht meine Freunde. Und Santa Fe, merk dir das endlich mal, Santa Fe ist keine Stadt für uns. Es sei denn, du sitzt am Plaza und verkaufst blöden Schmuck.“

Draußen hörten sie das Tuckern des Tahoe.

Mark sagte, „Chad ist da. Geh raus ihn begrüßen und gib ihm von deinem Saft, dann wird das Zeugs wenigstens nicht schlecht, wenn du schon nichts davon verkaufst.“

„Woher hast du das erfahren?“

„Was?“

„Das mit der Mutter unseres Nachbarn.“

„Das interessiert dich also, huh?“

Mark rückte seine Sonnenbrille zurecht und sagte, „Fahr mal links.“

„Warum?“, sagte Chad.

„Ich muss mit meinem Nachbarn reden.“

Chad guckte ihn an und, ohne ein Wort, lenkte den Tahoe nach links.

5

Palmer legte die Schaufel zur Seite und nahm den Stock und hielt ihn in das Loch und überprüfte die Markierung.

Tief genug.

Er schritt drei Meter ab und nahm die Hacke und begann von vorne. Hacken, schaufeln, die groben Steinbrocken von Hand herausnehmen, hacken, schaufeln. Auf diese Weise hatte er bereits an die neunzig Löcher gegraben, jedes Loch ein Meter tief und ebenso breit für einen Balken von gut zweieinhalb Metern Länge. Balken in die Erde, Steine wieder ins Loch und mit dem Zuschlaghammer fest verkeilt, Erdreich dazu und mit dem Hammer verdichtet. Achtzig Balken hatte er bis jetzt gesetzt, jeder so fest, als wäre er einbetoniert. Immer im selben Rhythmus: zehn Löcher graben, zehn Balken setzen. Eineinhalb Meter ragten die Balken heraus, hoch genug für einen Pferdezaun. Die Balken, Bohlen eigentlich, hatte er von der Santa Fe Railroad Company bekommen, ausgemustert von alten Schienenstrecken, hart wie Stahl und genauso schwer. Das sollte ausreichen gegen die Winterstürme.

Ihm gefiel das Bild, fünfhundert Eisenbahnbohlen aufrecht aus der Erde ragend. Andere würden das als Kunst verkaufen.

Der Boden war fest in den Ortiz Mountains, zum Teil purer Fels, aber das war für ihn okay. Er mochte die Arbeit. Sie gab ihm etwas zu tun und lenkte ihn ab von schlechten Gedanken.

In den vergangenen Wochen hatte er sein Haus gebaut, zusammen mit Handwerkern aus der Umgebung; das Haus ganz aus Holz, die Stämme bereits zugeschnitten angeliefert, vor Ort haben sie dann gemeinsam alles zusammengesetzt. Anschließend Isolierung und Innenausbau mit Bad und Küche, dann noch ein paar Möbel und fertig. Kein Haus mit Keller und Decken aus Stahlbeton und die Mauern ganz aus Stein, wie er sie in seiner Jugend in Deutschland gesehen hatte. In Deutschland bauten sie für die Ewigkeit. Ihm erschien das anmaßend. Warum sollte er etwas bauen, das ihn überdauern würde? Warum der Nachwelt etwas überlassen, was die vielleicht gar nicht wollte?

Der Umzug war schnell gegangen. Seine Habseligkeiten aus dem Trailer auf den Truck werfen und hundert Meter weiter wieder abladen und ins Haus bringen, das dauerte keine zwei Stunden. Dann hatte er sich umgesehen, alleine in diesem großen Haus, und einen Becher Kaffee später war er wieder nach draußen gegangen und hatte mit dem Zaun begonnen.

Er mochte das freie Land lieber, aber er hatte sich entschlossen, Pferde zu kaufen; Pferde, Plural, drei oder vier, obwohl er alleine lebte und daher nie mehr als ein Pferd zur selben Zeit reiten konnte. Aber Pferde waren Herdentiere, die brauchten Gesellschaft. Und Pferde brauchten einen Zaun. Also hatte er die Bohlen gekauft, fünfhundert Stück.

Dreihundert Acre Land gehörten ihm, die musste er auf drei Seiten einzäunen. Unten am Camino, hinten am Highway und auf der anderen Seite an der Ortiz Apache Reservation. Die rückwärtige Seite musste er nicht einzäunen, Buschwerk und dreißig Meter hohe Felsen bildeten eine natürliche Grenze. Pferde konnten klettern, aber so gut dann doch nicht.

Palmer legte die Hacke zur Seite und griff gerade zur Schaufel, als er den Coyote wieder sah. Er hatte ihn in den vergangenen Tagen bereits mehrmals beobachtet, zwischen den Büschen hinter seinem Haus oder gegenüber bei den Nachbarn. Nur ein kurzes Huschen in der Dunkelheit, auf der Jagd nach etwas Essbarem.

Jetzt sah er das Tier zum ersten Mal bei Tageslicht und zum ersten Mal so nahe, dass er es erkennen konnte. Und er sah, dass er sich geirrt hatte. Das war kein Coyote. Graues Fell und stark abgemagert stand das Tier fünfzig Meter entfernt neben einer Hecke und schien ihn zu beobachten. Es war deutlich größer als ein Coyote und sah mit seinen langen Beinen und dem länglichen Kopf eher aus wie ein Wolf, trug aber ein schweres Lederband um seinen Hals. Ein Hund also, der wohl jemandem weggelaufen war.

Dann drehte der Hund den Kopf zum Camino.

Palmer guckte ebenfalls hin und hörte einen Moment später das tiefe Tuckern eines Diesels den Camino hoch kommen – Camino Cerro Chato, keine wirkliche Straße, sondern nur ein ausgetrocknetes Flussbett, das ihm und den wenigen Nachbarn als Weg diente und in der einen Richtung nach drei Meilen auf den Highway Vierzehn führte und in die andere Richtung fünfzehn Meilen Luftlinie weit in die Ortiz Mountains hinein, bis zum Cerro Chato, siebentausend Fuß hoch und von dort weiter bis zur Interstate. Das Flussbett war so belassen, wie die Natur es in Jahrhunderten geschaffen hatte, steinig und uneben, mit vorstehenden Felsstücken und Senken und engen Biegungen. Nur Trucks mit hohem Radstand und Allradantrieb und einem geübten Fahrer am Steuer hatten hier eine Chance.

Der Verursacher des Tuckerns war ein Chevy Tahoe. Weiß, mit dicker Staubschicht und mit Lichterleiste und Antennen auf dem Dach und dem blaugelben Schriftzug der BIA Police an der Beifahrertür. Bureau of Indian Affairs Police. Die Stammespolizei.

Der Truck kam näher. Er wackelte und schwankte und quietschte in den Federn.

Palmer drehte sich wieder um und guckte nach dem Hund, wie der auf die Geräusche reagierte. Sie gefielen ihm nicht, denn er war verschwunden.

Palmer kannte den Tahoe, er sah ihn ständig gegenüber bei seinem Nachbarn halten, dann zurück auf den Highway fahren oder den Camino hinunter ins Reservat. Noch nie hatte der Tahoe bei ihm gehalten. Jetzt tat er es, direkt neben ihm, so dicht, dass Palmer zum ersten Mal auch den dünnen Schriftzug auf dem Kotflügel lesen konnte. The Honor is to Serve.

Sein Nachbar saß in dem Truck und hinter dem Steuer ein anderer Cop, ebenfalls in Uniform und ebenfalls mit dunkler Sonnenbrille.

Er kannte seinen Nachbar kaum, gerade so, dass er ihn erkannte. Ein Mal waren sie sich begegnet, ein paar Wochen zuvor, der Kerl hatte genickt und gesagt, „Mark New Holy. Ich bin Navajo und Special Agent bei der BIA Police im Ortiz Apache Reservat, und das hier ist meine Frau“, und das war alles. Seine Frau hatte gelächelt, verlegen, hatte Palmer den Eindruck gehabt, und ihm die Hand gereicht, „Ruth“, und nach ein paar netten Worten gerungen, und sie hatten herausgefunden, dass Ruths Ur-Ur-Großvater aus Deutschland stammte. Dieser Mark New Holy, Indianer und Cop, hatte ihn dann nur noch angestarrt. Ob etwas wäre, hatte Palmer ihn gefragt, aber der Cop hatte nur den Kopf geschüttelt.

Jetzt hatte er die Brille ausgezogen und starrte schon wieder. Und stieg aus.

„Nachbar.“

Palmer nickte; gerade so viel, dass man es sah. „Mark.“

Mark nickte in Richtung des Tahoe und sagte, „Special Agent Yazzie.“

Palmer sah durch die offene Tür und sagte, „Agent.“

Der Indianer drehte den Kopf und hob zwei Finger, die Hand blieb auf dem Lenkrad, sein dunkles Gesicht hinter der Brille ohne eine Regung.

Palmer sah Mark an und wartete.

Mark sagte, „Schwer bei der Arbeit, huh?“

Palmer nickte; nicht mehr als zuvor.

Mark zog seinen Hut aus und warf ihn in den Tahoe und kam näher.

„Ich habe da ein Anliegen“, sagte er, und Palmer sah zu, wie sein Nachbar den Bauch noch weiter vorschob und die fleischigen Daumen rechts und links in den Gürtel hing und wie daraufhin das Hemd an allen Seiten spannte. An mehreren Stellen war der beige Stoff dunkel von Schweiß.

„Herrlicher Tag heute, nicht?“, sagte Mark. Und als Palmer still war und nicht einmal mehr nickte, „Sehe schon, Ihr Haus steht, Palmer. Sie waren fleißig, kann man gar nicht anders sagen. Aber so seid Ihr Deutschen ja.“ Er sagte, „Ihr alter Trailer, was haben Sie jetzt damit vor? Verkaufen?“

So seid Ihr Deutschen ja.

Palmer wartete einen Atemzug bevor er sagte, „Vielleicht. Ich habe mir noch keine Gedanken gemacht.“

Mark musterte den Trailer aus der Entfernung.

„Der sieht noch gut aus. Für den könnten Sie fünfzehnhundert bekommen, zweitausend vielleicht, wenns nicht schnell gehen muss.“

„Warum fragen Sie? Brauchen Sie eine neue Bleibe?“ Und bevor Mark antworten konnte, „Wie gesagt, ich habe mir noch keine Gedanken darüber gemacht. Sie haben ein Anliegen, Mark?“

„Mein Anliegen, tja. Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll, also sage ich es gerade heraus: Was halten Sie davon, bei der Arbeit ein Shirt anzuziehen. Huh?“ Mark legte die Hand über die Augen zum Schutz gegen die Sonne. „So halbnackt, da könnten Sie die Leute verschrecken. Öffentliches Ärgernis, Sie verstehen?“

Palmer hätte fast gelächelt. Er hatte erwartet, sein Nachbar würde nach dem Hund fragen, er wäre ihm weggelaufen, ob Palmer ihn gesehen hätte; stattdessen das. Halbnackt, öffentliches Ärgernis. Hinter dem Steuer sah Palmer diesen Yazzie den Kopf schütteln, als hätte er auch noch nie so etwas Blödes gehört, und sagte, „Nein, verstehe ich nicht“, und lächelte dann doch, „und Ihr Kollege auch nicht“, und gab Mark Zeit, einen Blick in den Tahoe zu werfen. „Hier gibt es keine Öffentlichkeit, Nachbar“, sagte Palmer dann. „Außer Ihnen und Ihrer Frau lebe nur ich hier. Die nächsten Ranches sind Meilen entfernt, und unser Camino hier ist nicht gerade eine Durchgangsstraße. Es kommt niemand her, der nicht hier wohnt. Oder jemanden besuchen will, der hier wohnt. Und das kommt ziemlich selten vor, wie wir wissen. Keine Touristen, keine Kinder, keine Durchfahrenden. Keine Öffentlichkeit. Niemand, der Anstoß nehmen könnte an jemandem, der bei der Arbeit in der Hitze das Shirt auszieht.“

Der Cop war sein Nachbar und hatte daher vielleicht diese ausführliche Antwort verdient, ausführlicher, als Palmer sie normalerweise gegeben hätte. Das ganze Konzept von Nachbarschaft war neu für ihn. Aber damit musste es dann auch genug sein.

„Ruth nimmt Anstoß, Palmer, und wenn meine Frau an etwas Anstoß nimmt, dann genügt mir das.“ Mark hob beide wulstigen Hände. „Nur ein freundlich gemeinter Rat. Sie leben auf Tribal Land, und wir“ – mit einem Daumen deutete er auf sich – „sind hier das Gesetz. Und Sie und ich wollen doch gute Nachbarn bleiben, oder?“ Und als Palmer nicht antwortete, sagte er, „Ja, und das war auch schon alles.“

„Sagen Sie, Mark“, sagte Palmer, „haben Sie eigentlich einen Hund?“

„Einen Hund?“ Mark schüttelte den Kopf und lachte kurz, „Was soll ich mit einem Hund?“, drehte sich um und stieg ein. „Schönen Tag noch, Nachbar.“

Palmer sah dem Tahoe nach, der hinauf Richtung Highway wackelte und quietschte und dabei dicke Staubwolken hinter sich her zog.

Dann schaute er hinüber zu dem Haus seiner Nachbarn. Ein Ranchhaus, eingeschossig, in der Form eines Hufeisens und rundherum Fenster.

Und an einem der Fenster, genau wie vorhin, stand Marks Frau und sah wieder zu ihm herüber.

6

„Wohin jetzt?“, sagte Chad und strich mit zwei Fingern über seine Oberlippe. „Zum nächsten Nachbarn, oder bist du durch? Mann, du hast ein Talent, unsre Zeit zu verschwenden.“

Chads Schnurrbart, nur wenige Haare, die nach allen Seiten abstanden, der dünnste Schnurrbart, den Mark je gesehen hat. Mark wusste, die Finger würden den ganzen Tag an der Oberlippe rummachen, ohne jede Wirkung, es würden nicht mehr Haare werden, und die wenigen Haare würden auch am Abend noch abstehen und genauso morgen und übermorgen.

Mark wusste auch, das besser nicht zu kommentieren.

„Und du bist gereizt heute“, sagte er. „Warum hast du vorhin den Kopf geschüttelt, huh?“

„Warum ich den Kopf geschüttelt hab?“

„Ja, warum?“

„Geez, Mac, ehrlich.“

„Was, stößt dir der Saft hoch?“

„Welcher Saft?“

„Von Ruth.“

„Ich hab keinen Saft getrunken.“

„Sie hat dir keinen gegeben?“

„Nein.“

„Ich hab ihr gesagt, sie soll dir von dem Saft geben.“

„Hat sie aber nicht, und ich schätze, deine Ruth wollte mir damit einen Gefallen tun. Sie weiß selbst, dass man das Zeugs nicht trinken kann.“

„Einen Gefallen tun, huh?“, sagte Mark und sah Yazzie von der Seite an. „Sie hat dir keinen Gefallen zu tun. Sie hat zu tun, was ich ihr sage. Verdammtes Weib.“

„Vergiss den blöden Saft, Mac, und vergiss deinen Nachbarn. Wenn er dich stört, hast du Möglichkeiten, da brauchst du nicht unsre Zeit verschwenden.“ Chad sah ihn an. „Wir haben Wichtigeres.“

Drei Meilen fuhren sie durch das Flussbett. Eine Unterhaltung war schwierig, also hielten sie den Mund. Mark klammerte sich an Armlehne und Türgriff und stieß trotzdem zwei Mal mit dem Kopf gegen die Decke. Seine Maße waren einfach nicht für diesen verdammten Weg gemacht. Chad hatte es besser.

Nach zwanzig Minuten erreichten sie den Cattleguard und dahinter den Parkplatz am Highway. Aber statt weiterzufahren stellte Chad den Motor aus und lehnte sich zurück.

„Was ist?“

„Wir haben ein Problem“, sagte Chad. „Ich zeigs dir.“

Sie stiegen aus und gingen um den Wagen herum. Chad öffnete die Hecktür. Mark sah in den Kofferraum.

„Uh“, machte er. „Was haben wir denn hier?“ Mit dem Knie stützte er sich auf der Ladefläche ab und beugte sich in den Kofferraum und strich mit der Hand über die Tasche. Leder, bunt bestickt, mit zwei massiven Schnallen aus poliertem Messing. „Schöne Tasche. Wirklich schön. Feine Arbeit, fühlt sich gut an. Weiches Leder, sehr robust. Hält ein Leben lang. Damit kannst du wirklich was anfangen.“ Er sagte, „Bison. Ich kenn mich aus, mein Onkel hat früher Taschen gemacht, so wie die hier. So ähnlich. Bison. Glaub mir, die halten ein ganzes Leben.“ Er sagte, „Was ist da drin?“

„Mach halt auf.“

Mit einer Hand packte Mark den Ledergurt um die Tasche geschnallt und zog, aber die Tasche war schwer; er nahm die andere Hand zu Hilfe und zog noch ein Mal, zwei Mal.

„Mann, was ist da drin?“

Er sah Chad an und schnaufte durch. Dann zog er an dem Gurtende und öffnete die Schnallen und schob die Tasche auseinander.

Und schnalzte mit der Zunge.

„Genau“, sagte Chad.

„Wie viel ist das?“

„Eine viertel Million. Zweihundertfünfzigtausend. Exakt. Ich hab nachgezählt.“

Mark zog einen Schein aus einem der Bündel und rieb ihn zwischen Daumen und Zeigefinger und hielt ihn gegen das Licht.

„Hm, ich würde mal sagen, der ist echt.“

„Das würde ich auch sagen.“

Mark hob noch einmal die Tasche an.

„Hätte nicht gedacht, dass Papier so schwer ist."

„Ist ja nicht wirklich Papier, ist ja mehr ... Stoff. So wie deine Jeans, so was in der Art."

„Trotzdem. Hätt ich nicht gedacht."

„Ja, ich auch nicht."

Mark nahm mehrere Bündel in die Hand und warf sie wieder in die Tasche. „Sind die alle echt?“

„Ich hab zwei Dutzend Hunderter überprüft. Alle waren echt.“

„Wem gehört das?“

Chad zuckte mit der Schulter.

„Wo hast du das her?“

Chad sagte, „Mein Sohn hat es jemandem weggenommen.“

„Oh.“ Mark strich noch einmal mit der Hand über das Leder, die Stickereien, so gut fühlte sich das an. „Eine viertel Million Dollar.“ Mark schüttelte den Kopf. „Dein kleiner Miguel. Nicht schlecht. Wie hat er das angestellt?“

„Miguel ist erwachsen und fast so groß wie du, also schenk dir das mit dem Klein, okay? Also, Miguel wusste nicht, wer dieser Cop war, und als-“

„Cop?“

„Ja, Cop. Und als der Cop-“

„Shit. SFPD?“

„Albuquerque.“

„Albuquerque?“

„Ja, Mann, Albuquerque. Der-“

„Jemand, den wir kennen?“

„Was? Nein – hey, soll ich jetzt weiter erzählen, oder was?“

„Albuquerque PD“, sagte Mark. „Was ist mit dem Cop?“

„Was denkst du?“, sagte Chad, gab Mark aber dann doch keine Zeit, nachzudenken und sagte, „Glaubst du, ein Cop lässt sich von einem Injun was gefallen? Der hat seine Reserve rausgeholt und auf Miguel angelegt. Was sollte der Junge denn machen?“

„Der Cop ist tot.“

„Könnte nicht toter sein, sagt Miguel.“

„Ein Cop mit einer Tasche voll Geld. Was ...“ Mark wusste nichts mehr zu sagen und zuckte mit den Schultern.

Chad sagte, „Genau. Ein Cop aus Albuquerque mit einer viertel Million im Kofferraum, der nachts durchs Rez fährt? What the fuck?“

„Durchs Reservat? Der ist durchs Reservat gefahren?“

„Hab mich mal umgehört. Highway Patrol hatte einen Unfall gestern Abend. Zwei Trucks, ein RV. Rentnerehepaar von der Ostküste. Interstate Fünfundzwanzig war mehrere Stunden gesperrt.“

„Welche Richtung?“

„Santa Fe.“

Mark nickte. „Der wollte also nach Norden. Und anstatt zurück nach Albuquerque und bei Cedar Crest auf die Vierzehn hat er Exit 259 genommen und ist in die Berge.“

„Wollte die Abkürzung über die Drei nehmen und läuft dabei meinem Sohn über den Weg.“

„Wo genau?“

„War acht Meilen drin, Höhe Gypsy Queen Canyon. Wollte über die Furt beim Beaver Creek, hat sich aber wohl nicht getraut. Ist ausgestiegen, und die Jungs waren da.“

„Die Jungs? Wer? Miguel und ...?“

„Gus und Nez.“

„Miguel, Gus und Nez. Was haben die da gemacht?“

„Gejagt, was sonst. Waren seit zwei Tagen unterwegs und auf dem Rückweg, als der Cop kam.“

„Es ist Schonzeit, Yazzie, Mann.“

Chad sagte, „Meinst du jetzt das Wild oder den Cop oder was?“

Mark überlegte. „Das Wild natürlich.“ Er sagte, „Wann war das?“

„Mitternacht.“

„Mitternacht, das ist ...“ Er zählte mit den Fingern. „Vor zehn Stunden. Und der Cop? Bist du sicher, dass der allein war?“

Chad nickte.

„In einem Police Cruiser?“

Chad schüttelte den Kopf. „Roter Camaro, zugelassen auf einen Everett Mitchell. Papiere im Handschuhfach. Muss sein Privatwagen sein. Dreihundert Pferde, nicht zu überhören.“

„Der ist mit einem Camaro in unsere Berge gefahren?“ Mark schüttelte den Kopf. „Citycops, huh? Wo ist der Camaro jetzt?“

„Meiner Scheune“, sagte Chad. „Wir müssen schnellstens jemanden finden, der den zerlegt."

„In Tausend Teile."

„Aponivi vielleicht."

„Der Hopi?"

„Ja. Oder machens selbst, vielleicht besser."

„Egal, auf jeden Fall in Tausend Teile.“ Mark sagte, „Wir können das nicht mehr offiziell machen. Zu spät jetzt.“

„Wir konnten das nie offiziell machen, Mac. Ein toter weißer Cop im Reservat?“

Mark nickte. „Die werden Leute schicken.“

„Ohne Zweifel.“

„Die einen wollen ihre Tasche zurück.“

„Yep.“

„Und die Cops wollen wissen, was mit ihrem Kollegen passiert ist.“

„Den Cop können wir nicht zurückgeben“, sagte Chad. „Nicht lebend.“

Mark nickte. „Die Tasche könnten wir, oder?“

„Könnten wir. Aber wem? Und die Cops ... Die würden uns für diesen Mitchell verantwortlich machen. Ihren Kollegen. Die warten nur auf so was.“

„Außerdem“, sagte Mark und guckte wieder auf die Tasche, „da liegt ein Haufen Geld. In einer schönen Tasche. In unserem Auto. Eine viertel Million Dollar.“

„Ich weiß“, sagte Chad.

„Und der ist damit durchs Rez gefahren. Durch unser Land. Dieser Blanco.“

„Ich weiß“, sagte Chad.

Mark sagte, „So eine wollte ich immer haben.“

„So eine Tasche?“

„Uh–huh.“

„Wozu?“

„Um was rein zu tun.“

„Um was rein zu tun. Und was würdest du da rein tun?“

„Weiß nicht, irgendwas. Meine DVDs vielleicht. Oder Bücher, irgendwas. Da würde sich was finden.“

„Du hast Bücher?“

„Nicht so viele, aber schon, ja. Zeitschriften. Bow Hunting.“

„Bow Hunting? Seit wann jagst du mit dem Bogen?“

„Ich hab die meisten Ausgaben seit ... zehn oder so Jahren.“

„Welche Bücher hast du?“

„Weiß nicht, ich müsste nachgucken. Ist doch auch egal. Eine Enzykledia auf jeden Fall.“

Chad guckte. „Enzykledia, huh?“

„En ... zy ... Zwölf Bände. Von Ruth. Die hat dir also wirklich keinen Saft gegeben?“

„Ich dachte, dein Großvater hat solche Taschen gemacht.“

„Onkel. Hat er, aber die hat er verkauft. Mir hat der nie eine gegeben.“ Mark strich wieder mit der Hand über das Leder. „Weich wie ein Bisonkalb. Und ein Lederriemen, mit dem könnte man einen Weißen aufhängen, so stabil.“

Chad sagte, „Wir müssen mit den Kids reden. Mit meinem Jungen hab ich schon, aber die beiden anderen? Keine Ahnung, wo die sich rumtreiben. Müssen sie finden, besonders diesen Gus. Der hat ein Mundwerk.“

„In ihrem Trailer?“

Chad schüttelte den Kopf.

„Im Golden Rock?“

„Da hab ich als erstes nachgefragt. Niemand hat sie im Rock gesehen.“

„Davor? Die Kids hängen oft auf dem Parkplatz rum, kaufen ein paar Dosen an der Tankstelle und hängen rum.“

Chad sah ihn an und zog sein Telefon heraus. „Jim, ich nochmal. Habt ihr auch draußen auf dem Parkplatz geguckt? ... Ja ... Nein, du rufst nicht zurück, nimm das Telefon mit, ich hab keine Zeit zu warten ... Ja, ich bin noch dran ... Was heißt vielleicht, Jim? Geh hin ... Okay, nur Nez? ... Gut, du sagst beiden – Nein, warte, gib mir Nez ... Nez? SAC Yazzie. Hör zu, Nez, du gehst jetzt mit Jim ins Rock und du nimmst Gus mit ... Was? ... Wenn du ihn an der Hand nehmen musst, nimm ihn an der Hand oder auch am Kragen, aber Gus geht mit dir, verstanden? Jim gibt euch etwas zu essen. Ihr wartet, bis ich da bin ... Das ist egal, wie lange das dauert, ihr wartet, ist das klar? Jetzt gib mir nochmal Jim ... Jim, nimm die beiden mit rein, setz sie in die Bar und gib ihnen was zu essen und lass sie nicht aus den Augen. Und kein Alkohol. Wir sind in zwei Stunden da ... Nein, ich bezahl das Essen nicht, du spendierst es ihnen. Und noch was, wenn die beiden nicht mehr da sind, wenn wir kommen, dann ziehe ich deine Lizenz ein. Verstanden? ... Gut.“ Chad steckte das Telefon ein. „Du hast es gehört.“

Mark nickte.

„Danach müssen wir mit den anderen sprechen“, sagte Chad. „Wie wir die Situation handhaben.“

„Und die Tasche? Ist vielleicht keine so gute Idee, den ganzen Tag damit rumzufahren.“

„Wir haben keine Wahl im Moment.“ Chad drehte sich um, sein Blick auf Marks Ranch, der Ram vor der Tür. „Oder?“

„Ah, komm schon, wir können das nicht zu mir bringen, Ruth ist noch da. Und ich will das auch nicht in meinem Haus haben, du weißt nie, wer mal schnüffeln kommt. Wie soll ich dann eine Tasche mit einer viertel Million erklären?“

„Genauso wenig können wirs im Office lassen. Was also machen wir?“

„Wir könnten ... hm.“

„Was?“

„Wir könnten es meinem Nachbarn geben. Und später, wenn etwas Gras darüber gewachsen ist, nehmen wir es ihm wieder weg. Und verhaften ihn. Und kassieren das Geld ein.“

„Wenn Gras darüber gewachsen ist? Du bist hier etwas vorschnell, Mac. Wir müssen uns genau überlegen, was wir damit machen.“

„Ich meinte, solange, bis wir überlegt haben, was wir machen.“

„Derselbe Nachbar, den du gerade angemacht hast, weil er ohne Shirt arbeitet? Der wird dich auslachen, wenn du damit ankommst. Geld in einer Tasche. Nein, wahrscheinlich wird er dir eine überbraten mit seiner Schaufel. Oder ohne Schaufel, mit seiner Faust. Der sah ganz danach aus.“

Mark grinste. „Ich hab da eine Idee.“

Chad schüttelte den Kopf und warf die Heckklappe zu. Sie stiegen wieder ein.

Mark sagte, „Ruth hat dir also wirklich keinen Saft angeboten? Ich muss mal ernsthaft mit der reden.“

Chad drückte auf den Anlasser und der Motor sprang an und brachte die Karosserie zum Vibrieren. „Konzentrier dich verdammt nochmal auf diese Sache, Big Mac. Wir haben hier ein echtes Problem.“

„Schon gut, schon gut. Ich zieh dich nur auf. Fahr los.“

7

Zwei Stunden später, nach einem kurzen Abstecher ins Reservat, lenkte Chad den Tahoe auf den staubigen Parkplatz vor dem Golden Rock.

Der rotbraune Adobebau lag neben der Interstate, wo vierstöckige Hinweistafeln in beide Richtungen die Autofahrer auf die einmaligen Gewinnchancen an den besten und neuesten Spielautomaten des ganzen Staates aufmerksam machten und meterhohe Buchstaben die in ganz New Mexico berühmten Tortillas und Burritos der mehrfach ausgezeichneten Golden Rock Grill'n Bar priesen. Was natürlich alles Blödsinn war. Die Automaten waren alt, die Gewinnchancen genauso miserabel wie in allen Casinos der Welt, und das Essen war durchschnittliches Fastfood, weshalb die Grill’n Bar auch noch nie ausgezeichnet wurde.

Aber das Golden Rock war das einzige Casino im Umkreis von einhundert Meilen, und das sicherte sein Überleben. Wenn auch nur gerade so. Auf dem Parkplatz an diesem Montagvormittag standen drei Trucks.

Chad sagte zu seinem Sohn auf dem Rücksitz, er sollte im Auto warten und ging zusammen mit Mark hinein. Im Vorraum war es kühl und dunkel; Gäste, die aus der Hitze und dem grellen Tageslicht hereinkamen, sollten sich sogleich wohlfühlen. Nebenan war der Casinoraum mit seinen knapp zwei Dutzend Spielautomaten und dem einen Black-Jack-Tisch, vom Vorraum aus gut zu überblicken. Drei Männer – zwei Weiße und ein Indianer, die Chad noch nie gesehen hatte – saßen an dem Tisch und spielten. Ein weiterer Indianer, jünger als die anderen, stand abseits vor einem der Automaten und warf gelangweilt Münzen hinein und drückte auf die Tasten, sobald sie blinkten. Ihn glaubte Chad von irgendwoher zu kennen.

Chad wischte mit der Hand Schweiß von der Stirn und winkte Betty hinter der Theke und fragte nach Jim.

Betty sprach in ihr Funkgerät und sagte dann zu Chad, „Wo steckt eigentlich Miguel? Ich habe ihn seit Tagen nicht gesehen.“

„Was willst du von meinem Sohn, Betty?“

„Wir waren verabredet.“

„Da hast du Recht.“

„Huh?“

„Ihr wart verabredet.“

„Was jetzt“, sagte Betty, „bin ich plötzlich nicht mehr gut genug für deinen Sohn?“

Chad zog seine Sonnenbrille aus. „Vergiss Miguel, der hat zu tun.“ Und erinnerte sich, woher er den Indianer am Automaten kannte. „Kümmer dich lieber um deinen Bruder. Wie lang war der weg, zwei Jahre? Und kaum wieder draußen, hat der nichts Besseres zu tun, als hier die Automaten zu füttern.“

Betty sah Jim kommen und zuckte mit der Schulter.

„Aber dich interessiert das nicht, huh?“, sagte Chad.

„Hi Chad“, sagte Jim. Er nickte Mark zu. „Was interessiert Betty nicht?“

„Vergiss es“, sagte Chad und nahm Jim zur Seite. „Wo sind die beiden?“

Jim guckte in den Casinoraum und streckte den Hals. „Uh, vorhin waren sie noch an den Automaten.“

„Den Automaten? Woher haben die Geld für die Automaten?“

„Weiß ich nicht.“

Mark sagte, „Sind die denn schon einundzwanzig?“

Jim kratzte sich am Kopf. „Denk schon, ja, fast. Nez auf jeden Fall. Glaub ich. Hey, Chad, du wirst doch jetzt nicht-“

„Halt die Klappe, Jim. Such die beiden und bring sie her.“

Nach wenigen Minuten kamen Gus und Nez angelaufen. Gemeinsam gingen sie hinaus. Chad und Mark zogen wieder ihre Brillen an, Gus und Nez blinzelten.

„Steigt ein“, sagte Chad. „Habt ihr gegessen?“

Nez nickte.

„Yessir“, sagte Gus, und zu Miguel, „Hey, Yazzie, du bist auch hier. Was ist denn mit dem Rucksack, Dude, was willst du damit? Wir-“ Dann sah er Miguels Blick und schwieg.

Mark stieg ebenfalls ein. Chad fuhr los.

„Wo fahren wir hin?“, sagte Gus.

Mark drehte sich zu ihm um. „Was hast du gesagt?“

Gus wollte antworten, aber Miguel packte seinen Arm und schüttelte den Kopf.

Es war wohl besser, jetzt den Mund zu halten.

Sie fuhren die Interstate Richtung Süden und nahmen Exit 259 in die Berge. Keiner sprach ein Wort.

An der Furt beim Beaver Creek hielt Chad an.

Chad sagte, „Miguel zeigt uns die Stelle. Ihr bleibt beim Wagen.“

Zu dritt gingen sie durch den Bach auf die andere Seite. Dann führte Miguel sie vom Weg ab in den Wald und deutete auf einen Busch.

Es war trocken und heiß. Ein schwerer, süßlicher Geruch zog ihnen in die Nase.

Tiere hatten den Körper entdeckt. Hose und Hemd waren zerrissen.

„Puma“, sagte Miguel.

Sein Vater nickte. „Er wird wiederkommen. Das ist gut.“

„So tot, wie er nur sein kann“, sagte Mark.

Marks Blick war starr, sein dunkles Gesicht jetzt einmal ohne das ständige Grinsen.

„Wir müssen ihn absuchen“, sagte Chad zu ihm.

Als Mark weiter auf den Cop starrte ohne sich zu bewegen, kniete sich Chad neben den Cop und durchsuchte seine Taschen.

„Seine Marke ... Dienstausweis ... Hier sein Führerschein. In seiner Geldbörse sind ... die ist leer.“ Chad stand auf. „Ausweis und Führerschein auf denselben Namen wie die Autopapiere. Everett Mitchell. Der Kerl war-“, er schaute auf den Führerschein, „achtundzwanzig. Police Officer in der-“, er nahm den Dienstausweis, „Southeast Area Command.“ Chad sah Mark an. „Das ist einer von Whites Leuten.“

Mark nickte. „Der Marine.“

„Ex–Marine“, sagte Chad.

Miguel sagte, „Der Blanco hatte zweihundert Dollar in bar. Ich hab sie Gus und Nez gegeben.“

Chad nickte. „Gut“, sagte er. „Okay, wir gehen zurück.“