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Sie sind Expats – Ausländer – und haben nur ein Ziel: Geld verdienen. Viel Geld. Mehr, als sie je ausgeben können. Und sie haben sich die richtige Stadt ausgesucht. In Shanghai ist alles möglich für den, der etwas zu verkaufen hat. Joshua Palmer hat nichts zu verkaufen. Im Gegenteil. Palmer ist in Shanghai, weil er sich etwas zurückholen will. Etwas, das ihm mehr als drei Jahrzehnte zuvor genommen wurde von einem Mann namens Leo Shen. Doch Shen ist ein Gespenst. Niemand weiß, wo er sich aufhält. Und Palmer muss sich beeilen, denn er hat nur zweiundsiebzig Stunden, bevor er die Stadt wieder verlassen muss. Aber dann sieht er in einer Bar, wie eine attraktive Blonde von zwei Kerlen belästigt wird. Und er begegnet, in derselben Bar, Liz Kruger. Die junge Agentin des Bundesnachrichtendienstes ist klug und tüchtig und steckt dennoch mit ihren Ermittlungen in einer Sackgasse. Palmer hilft beiden Frauen und erfährt umgehend, worauf er sich eingelassen hat. Halte dich raus, Laowai, warnt ihn ein tätowierter chinesischer Cowboy, Grinsen im Gesicht und Messer in der Hand. Aber um Palmer einzuschüchtern braucht es mehr als cooles Gehabe und ein scharfes Messer. Und wer ihn bestiehlt, sollte wissen, Diebstahl verjährt nicht. Auch nicht nach dreißig Jahren. Nicht für Joshua Palmer.
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Seitenzahl: 407
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Stephan Lake
Palmer :Shanghai Expats
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Inhaltsverzeichnis
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Impressum neobooks
Eigentlich wieder viel zu heiß heute, um hier zu stehen, dachte der Deutsche, sein Jackett mit weit ausholender Bewegung über den Arm werfend, aber was für ein herrlicher, herrlicher Tag.
Und dann lockerte er sogar die Krawatte und reckte den Hals und öffnete den obersten Knopf seines maßgeschneiderten Hemdes. Tolle Qualität. Feinste Stretchbaumwolle. Gleich fünf hat er sich davon im Stoffmarkt machen lassen und weniger als einhundert Euro bezahlt.
Ah, er schwitzte. Shanghai im Sommer. Über vierzig Grad, der sechste Tag in Folge.
Trotzdem verbrachten sie auch heute wieder eine viertel Stunde im Freien. Der Vorschlag war von ihm gekommen, vor drei Wochen bereits. Einige Minuten am Tag mussten drin sein, einige Minuten nicht in diesem dunklen, heruntergekühlten Büro sondern draußen. Licht tanken, der Haut die Möglichkeit geben, das wertvolle Vitamin D zu bilden und vor allem etwas für den Zusammenhalt des Teams tun.
Der Deutsche schaute nach oben. Der Himmel klar, wie selten in dieser Stadt. Vorhin erst hatte er die Luftwerte nachgelesen, weniger als sechzig, ein traumhafter Wert im Sommer. In Peking über dreihundert, das hatte er auch gelesen. Seine alten Kollegen würden wieder Mundschutz tragen und darunter schwitzen und kaum atmen können.
Arme Schweine.
Bonding, hatte der Chef gesagt, Bonding ist das Wichtigste für mich.
Für mich hat er gesagt, nicht für uns. Und so jemand war sein Chef ...
Dann hatte sein Chef die neuen Arbeitsteams zusammengewürfelt, ohne nachzudenken, ob’s passte, fachlich und persönlich. Die drei Chinesinnen, die, wie immer, wenn sie draußen waren, jetzt auch eine Hand über den Kopf hielten wegen der Sonne, als ob das irgendetwas nutzte; er konnte sich ihre Namen nicht merken. Die eine Samantha? Vielleicht. Dann Joanna aus London, die Amerikaner Sam und Will. Und eben er. Er hatte sofort diesen Vorschlag gemacht, und seine neuen Kollegen hatten ohne zu zögern zugestimmt.
Schlanke Hierarchien, my ass. I am thee boss.
Er widerstand dem Drang, seine Hand zur Faust zu ballen.
Draußen stehen in dieser Hitze, das machte keines der anderen Teams, das machten nur sie. Die Glorreichen Sieben wurden sie bereits genannt, schon etwas spöttisch, ja klar, aber egal. Es war ihr Markenzeichen geworden, und das war sein Verdienst; Branding, ebenso wichtig wie Bonding. Und das Herumstehen hier draußen würde sich irgendwann auszahlen, da war er sicher. Vielleicht schon beim nächsten Projekt. Vielleicht ein Projekt mit größerem Budget, mehr Verantwortung, vielleicht würden sie direkt an den Vorstand berichten; das wäre dann natürlich sein Job. Hey, gebt das den Glorreichen Sieben – ah, das wär’s.
Aber das Beste war seine zweite Einnahmequelle. Und er hatte ihnen ein Ultimatum gestellt: Entweder mehr bezahlen oder keine Infos mehr.
Er hatte keinen Zweifel, wie sie sich entscheiden würden.
Endlich würde er richtiges Geld verdienen. Mehr Geld, als er je in seinem Job verdienen könnte. Viel, viel mehr. Er würde in Singapur investieren und eine Wohnung in Hong Kong kaufen und dann mal sehen, was noch alles möglich war.
Der Deutsche beobachtete, wie sich die anderen unterhielten, lachten, immer wieder zu ihm hinsahen. Sie hatten keine Ahnung.
Er schaute wieder in den wolkenlosen Himmel, verdammt zufrieden mit sich und mit der Welt.
Er schaute nicht hinter sich.
Kann es noch besser kommen?, dachte er, als der Schlag ihm den Schädel brach.
Ohne einen Laut sackte er auf den heißen Asphalt.
Den zweiten Schlag spürte er bereits nicht mehr.
Auch nicht den dritten.
Nicht den vierten.
Beim fünften Schlag war er tot.
Police ID 033495.
Palmer stand immer noch vor dem Schalter mit der Scheibe aus Sicherheitsglas, der Hagere saß immer noch dahinter. Und blätterte kopfschüttelnd durch den stempellosen Reisepass.
Das Gesicht eingefallen, der Schädel kahlrasiert, an den fleischlosen Armen zuckten Elle und Speiche. Hager eben.
Ausgezehrt.
Ausgetrocknet.
Verwelkt ...
Palmers Gedanken wanderten. Er hatte dreizehn Stunden Flug hinter sich.
Dreizehn Stunden Flug wegen eines alten Chinesen.
Ich habe gehört, Palmer, du bist auf der Suche nach mir.
Palmer legte den Daumen an den Hals – neun Schläge in zehn Sekunden. Achtundvierzig pro Minute. Er dachte nach, aber er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal angespannt war oder gar aufgeregt. Zu lange.
Palmer warf einen Blick auf die beiden Uniformierten, die in ihrer Kabine fünf Meter hinter dem Hageren saßen und die Ankommenden musterten. So, wie sie das vor wenigen Minuten auch bei ihm getan hatten. Supervisor stand auf ihren Schildern.
Jetzt beachteten sie ihn nicht mehr.
Der Hagere blätterte weiter und starrte weiter auf leere Seiten. Blaue Adern an den Armen, den Händen, den langen, dünnen Fingern; die Kuppen gelblich verfärbt. Raucherhände. Der Hals nur Sehnen und Haut, der Kopf darauf schwankte wie ein Kran hoch oben auf einem Hochhaus in Pudong. An dem dunklen Uniformhemd mit kurzen Ärmeln, über der linken Brust, sein Anstecker mit der polizeilichen Dienstnummer. Bedeutete die Nummer, dass es in dieser Stadt 33.495 Polizisten gab? Oder mehr?
Konnte sein. Die Stadt war groß. Vierundzwanzig Millionen Menschen, vielleicht noch mehr, wer wusste das schon so genau. Da brauchte es viele Polizisten.
Elle und Speiche zuckten ohne Unterlass.
Soweit, kein Stempel im Pass. Nicht ein einziger. Auch kein Einreisevisum für dieses Land. Pudong, der Stadtteil, in dem auch dieser Flughafen lag, dürfte er demnach gar nicht kennen.
Der Hagere sah zu ihm hoch. Der Blick huschte über die Schramme über seinem rechten Auge.
Palmer lächelte.
Der Hagere nicht. Der schaute wieder nach unten, nahm erneut Palmers Ticket nach Manila, Weiterflug in drei Tagen, legte das Ticket hin und nahm wieder den Pass und blätterte weiter.
Das Ticket musste sein, sonst hätte Palmer hier nicht landen dürfen. Und Manila war für diesen Zweck ein so guter Ort wie jeder andere.
Auch trug er eine billige Reisetasche bei sich mit allerlei nutzlosem Zeug. Die Tasche musste ebenfalls sein; ohne Tasche reisen war heutzutage auffällig.
Auf dem Schalter links vor dem Sicherheitsglas ein Monitor. Der Bildschirm ohne Informationen, blank. Rechts eine kleine Box, mit der Aufforderung, die Arbeit von 033495 zu bewerten. Vier Smileys, von strahlend und sehr zufriedenstellend bis missmutig und überhaupt nicht zufriedenstellend. Der Reisende hatte die Wahl. Sobald das Licht an der Box leuchtete, konnte er seine Bewertung abgeben. Doch zuvor mussten Informationen über ihn auf dem Monitor erscheinen.
Palmer wusste das von vielen Reisen. Auch in dieses Land. Mit anderen Pässen und unter anderen Namen. Er war vielseitig.
Noch leuchtete das Licht an der Box nicht. Folglich war der Hagere mit seiner Arbeit noch nicht zu Ende und er noch nicht berechtigt, das Land zu betreten.
Nun, Palmer, ich warte auf dich.
Palmer drehte den Kopf und seine Nackenwirbel knackten. Neun Schläge in zehn Sekunden bedeuteten, dass er so ruhig war, als würde er mit einem Becher Kaffee in der Hand vor seinem Trailer in der Wüste New Mexicos sitzen. Und der Klapperschlange neben ihm über den Kopf streicheln.
Okay, so etwas tat er nicht. Seine Gedanken wanderten schon wieder.
Dann die letzte Seite. Auch dort kein Stempel.
Wieder schaute der Hagere zu ihm hoch, wieder huschte der Blick über die Schramme, wieder schwankte der Kopf.
Dann legte der Hagere den Pass in das Lesegerät.
Palmer schaute auf den Monitor.
Der Monitor zeigte sein Foto, dazu ein Name, ein Geburtsdatum, eine Passnummer. Ein eingeblendeter Text forderte ihn auf, diese Angaben zu überprüfen.
Guter Witz.
Nicht sein Name, nicht sein Geburtsdatum, nicht seine Nationalität und eine Passnummer, die nirgends existierte. Außer in diesem Pass, natürlich.
Aber das wusste der Hagere nicht. Und das Gerät vor ihm hoffentlich auch nicht.
Palmer schaute in die Kamera, so, wie der Hagere ihn mit einer knappen Handbewegung aufforderte, jetzt ohne hoch zu gucken. Palmers Gesicht erschien auf dem Monitor und fror ein, neben dem Gesicht aus seinem Pass. Dasselbe Gesicht. Absolut identisch. Inklusive der Schramme. Die Schramme – Resultat einer Ungeschicklichkeit beim Reparieren seines Stromgenerators – war fünf Tage alt, genau wie Passbild und Pass. Er hatte den Pass in Los Angeles machen lassen, kurz vor seiner Abreise, und dafür siebzehnhundert Dollar bezahlt. Zweihundert Dollar Aufschlag seit dem vergangenen Mal, aber überall stiegen die Preise, und er hatte anstandslos bezahlt, weil er für sein Geld wieder eine hervorragende Ware bekommen hatte. Was nicht immer der Fall war. Bei seinem Generator beispielsweise nicht.
Aber laut Datum war der Pass ein Jahr alt. Die Schramme in seinem Gesicht jedoch nur fünf Tage.
Das konnte ein Problem sein.
Der Hagere starrte auf seinen Bildschirm und verglich die beiden Fotos, Palmer konnte es an den Bewegungen der Augen erkennen: hoch, runter, hoch, runter. Dann wieder ein Blick in sein Gesicht und wieder zurück auf den Bildschirm. Sein Gesicht, sein Foto. Keine Frage.
Und dieselbe fünf Tage alte Schramme im Gesicht und auf dem Foto.
Im Augenwinkel sah Palmer, wie einer der Uniformierten in der Kabine ihn fixierte. Dann gähnte und die Augen schloss.
Noch einmal nahm der Hagere das Ticket, verglich Angaben, legte das Ticket hin. Starrte wieder auf den Bildschirm, Augen jetzt nach rechts und links, offensichtlich sehr konzentriert. Was Palmer gar nicht gefiel.
Aber der Hagere schwitzte. Und das war gut.
„Die Klimaanlage“, sagte Palmer und wartete, bis der Hagere zu ihm hoch schaute, „die Klimaanlage müsste besser kühlen, denn das hier ...“ – Palmer zeigte an die Decke und schüttelte den Kopf – „reicht doch nicht aus. Niemand kann den ganzen Tag in einer solchen Hitze arbeiten.“
„Stimmt, das stimmt, ja“, sagte der Hagere und nickte und lächelte, die Zähne braun verfärbt wie seine Fingerkuppen, ein Dutzend Falten jetzt um Mund und Augen und auf der Stirn. „Und das wird noch Wochen so weitergehen. Zweimal pro Schicht wechsle ich mein Hemd, und trotzdem?“ Pass in der Hand, hob er den Arm und nickte auf den dunklen Fleck und sagte, „Meine Frau weiß schon nicht mehr, wie sie bis zur nächsten Schicht meine Hemden sauber bekommt.“
„Hoffentlich haben Sie wenigstens ab und zu eine Pause“, sagte Palmer. „Für eine Zigarette, meine ich.“
„Selten genug“, sagte der Hagere und, Finger auf dem Namen unter dem Foto, „Woher sprechen Sie so gut Mandarin, Mister ... Dan? ... Green?“
„Singapur“, sagte Palmer, „als Kind habe ich in Singapur gelebt.“
„Singapur, mmh, dann sind Sie ja Hitze gewöhnt“, sagte der Hagere. „Aber in der letzten Zeit sind Sie nicht viel gereist.“
Palmer zuckte mit den Schultern.
Und der Hagere schien auch keine Antwort zu erwarten, denn er drückte bereits den kleinen, roten Stempel in den Pass, nahm das Ticket und hielt ihm beides hin. „Willkommen in Shanghai, Mister Dan. Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt. Nur zweiundsiebzig Stunden, nicht länger, bitte denken Sie daran, sonst könnten Sie Probleme bei der Ausreise bekommen. Und nur Shanghai und Jiangsu und Zhejiang, Sie dürfen die Region nicht verlassen.“ Palmer nahm Ticket und Pass, ohne die Verwechslung des Vornamens mit dem Nachnamen zu korrigieren, schließlich waren beide falsch. Die Informationen auf dem Monitor verschwanden, der Bildschirm war wieder blank, an der Box leuchtete das Licht. „Und halten Sie sich nicht lange auf der Straße auf“, sagte der Hagere, „viel zu heiß da draußen, viel heißer als Singapur. Bleiben Sie im Hotel oder in den Shoppingmalls, da funktionieren sie.“
Palmer überlegte und sagte, „Die Klimaanlagen, ja. Guter Rat, guter Rat.“ Drückte das strahlende Smiley und ging am Sicherheitsglas vorbei, auf direktem Weg zum Ausgang. Nicht schnell und nicht langsam.
Der eine Uniformierte ignorierte ihn. Der andere auch, sozusagen. Er hatte immer noch die Augen geschlossen.
Zweiundsiebzig Stunden. Drei Tage. Dann musste Palmer China wieder verlassen.
Aber das war okay. Dann würde er sehr gerne Shanghai verlassen.
Denn in drei Tagen wird jeder Polizist in der Stadt, jeder Triade und jeder Geheimdienstler nach ihm suchen.
Sie werden es Mord nennen.
Palmer? Gerechte Strafe.
„An den Bund“, sagte Palmer, und der Taxifahrer fuhr los.
Palmer lehnte sich in dem durchgesessenen Sitz zurück und forderte den Fahrer auf, seine Zigarette aus dem Fenster zu werfen. Der tat es sofort und ohne Widerrede, lenkte dabei jedoch den alten Santana zu weit nach rechts und streifte den Bordstein, der Wagen wackelte und schwankte tief in den Federn, er steuerte noch rechtzeitig gegen und das Gefährt rollte wieder geradeaus. Der Fahrer lächelte und nickte in den Rückspiegel, als würde jede Taxifahrt in Shanghai genau so beginnen.
Palmer schaute regungslos zurück. Und sein regungsloses Gesicht war kein angenehmer Anblick.
Es dauerte keinen Kilometer bis ihm wirklich klar war, wie schlecht dieser Kerl Auto fuhr. Fortwährend wechselte er die Fahrspuren, stets ohne Blinkzeichen zu geben, fuhr dicht auf, um anderen keine Lücke zu bieten, bremste, wo es nichts zu bremsen gab. Drückte aufs Gaspedal, kuppelte aus, ließ den Wagen rollen, kuppelte wieder ein, wenn es ihm zu langsam wurde, gab wieder Gas, kuppelte wieder aus. Hupte ohne Unterlass.
Einen weiteren Kilometer später hatte Palmer herausgefunden, dass er sich nicht anschnallen konnte.
Die Sitze hatten keine Gurte. Mehr.
Er legte den Daumen an den Hals – acht Schläge in zehn Sekunden.
Eine halbe Stunde verging, entgegen jeder Wahrscheinlichkeit ohne Unfall, dann fuhren sie über eine mächtige Brücke. Unter ihnen der Huangpu, der Fluss, der Shanghai zweiteilte und den Stadtteilen ihre Namen gab: Pudong, östlich des Huangpu, woher sie gerade kamen – Puxi, westlich des Huangpu, wohin sie fuhren. Auf beiden Seiten Hochhäuser bis zum Horizont.
Eine Stadt wie eine Wüste aus Beton. Geteilt von einem Fluss.
Hinter der Brücke ging es hinunter nach Puxi. Enge Straßen wurden breiter, der Verkehr dichter, die Gehsteige belebter, die Läden teurer.
Der Fahrer nutzte weiter jede Lücke und erzwang sich weiter Lücken dort, wo es keine gab und bog wieder auf eine vierspurige Straße. Zhongshan Lu. Der Bund.
„Wohin genau, mein Herr?“
Eine berechtigte Frage. Der Bund war mehr als zwei Kilometer lang.
„Genau hier“, sagte Palmer.
Ein harter Tritt auf die Bremse, Reifen quietschten, der Santana schwankte wie eine alte Pferdekutsche und stand.
Palmer bezahlte und stieg aus.
Der Kerl gab Gas, lenkte zu weit nach rechts, die Reifen schrammten hart gegen den Bordstein.
Kein Scherz.
Wo er ausgestiegen war, führte eine Treppe auf die Promenade. Palmer ging die Stufen nach oben. Vor ihm der Huangpu, dunkel, träge, stinkend, dahinter die Skyline von Pudong – Hochhaus neben Hochhaus, Baustelle neben Baustelle, wie es aussah Hunderte Meter über dem Boden. Palmer erkannte Pearl Tower und Flaschenöffner, den neuen Shanghai Tower noch, der alles überragte, bei anderen war er sich nicht sicher.
Pudong jedoch interessierte ihn nicht. Er drehte sich um, zu den Häusern am Bund. Neunzehntes Jahrhundert oder frühes zwanzigstes die meisten, er hatte es gelesen und wieder vergessen. Aber er hatte sich gemerkt, dass es genau zweiundfünfzig waren. Eine imposante Kulisse, wenn man Sinn für Geschichte hatte und für Architektur.
Hatte er nicht. Ihn interessierte nur ein einziges dieser Häuser. Das, in dem der Mann lebte, der ihm sein Erbe genommen hatte. Vor dreißig Jahren, in Hong Kong. Der Stadt, in der seine Mutter und sein Stiefvater bei einem Unfall ums Leben kamen und auf deren Straßen er danach, mittellos und allein, aufgewachsen war. Heutiger Wert dieses Erbes: an die zwei Millionen Dollar. U.S., nicht Hong Kong Dollar.
Der Mann war Chinese und kannte seinen Namen und seine Telefonnummer, die doch nur wenige kannten. Der Chinese hatte ihn angerufen und gesagt, „Ich habe gehört, du bist auf der Suche nach mir?“ Er würde in seinem Club am Bund sitzen, mit einem phantastischen Blick auf den Huangpu, hat er gesagt, und „Du willst also herkommen, um mir wegzunehmen, was mein ist?“
Mein ist.
„Nun, Palmer, ich warte auf dich“, hatte der Chinese dann noch gesagt.
Der Chinese hieß Leo Shen. Damals, vor dreißig Jahren, war er hoher Regierungsbeamter in Peking, mit besten Beziehungen in Hong Kong. Beste Beziehungen bedeutete in seinem Fall: Triaden. Und seine Beziehungen hatten es ihm ermöglicht, Palmers Erbe zu stehlen. Nach seiner Pensionierung war Shen in seine Heimatstadt zurückgekehrt, Shanghai, und hatte investiert. Bordelle, Glücksspiel, Wettbetrug – Shanghai ist eine solche Stadt. Und Shen hatte sein Vermögen vervielfacht.
Palmers Vermögen.
Woher Palmer das alles wusste? Er kannte Leute in Hong Kong, die ihm Gefallen schuldeten. Leute mit Beziehungen.
Was ihm aber niemand sagen konnte: wo genau Shen lebte. Niemand wusste das. Seit Jahren hatte niemand Shen gesehen.
Leo Shen war ein Gespenst.
In welchem der zweiundfünfzig Häuser Shens Club war? Palmer hatte keine Ahnung.
Palmer betrachtete die alten Gebäude, einen Kilometer die Zhongshan Lu hoch, einen Kilometer hinunter.
Du wartest auf mich, Shen? Nun, ich bin da.
Eine Stunde später saß Palmer in einer Bar im ehemaligen französischen Viertel der Stadt, vor ihm ein kühles Guinness und ein Teller mit Steak und Gemüse. Die Bar hieß Jacks Daniel und war eine Sportsbar, was in diesem Fall Baseball auf sechs Bildschirmen bedeutete und zwei Billardtische in der Ecke.
Es war noch zu früh gewesen unten am Bund, sieben Uhr am Abend. Um diese Zeit würden nur die Verzweifelten in den Bars sein, zusammen mit lärmenden Touristen, die einmal im Leben am Shanghai Bund einen Cocktail mit Verzierung trinken wollten. Für ihn bedeutete es, dass sein Plan nicht funktionieren konnte. Das falsche Publikum.
Er musste warten, zwei Stunden oder drei. Aber das war okay, er war ohnehin müde und hungrig und hatte sich schnell entschlossen. Gegen seinen Hunger konnte er überall in Shanghai etwas tun, und gegen seine Müdigkeit half am besten Bewegung, wenn er schon keine Zeit zum Schlafen hatte.
Die Lösung war simpel. Zuerst Bewegung, dann Essen.
Er war erst ein Mal in Shanghai gewesen, acht oder neun Jahre zuvor, vielleicht zehn; er müsste darüber nachdenken, was er aber nicht wollte, die Erinnerung wäre nicht angenehm. Obwohl er also erst ein Mal in Shanghai gewesen war, erinnerte er sich an einen Stadtteil, in dem er damals ein paar ruhige Stunden in Cafés und Teehäusern verbracht hatte. Es sollte kein Problem sein, dort ein passables Restaurant zu finden.
Also hatte er sich auf den Weg gemacht. Von der Promenade wieder hinunter und die Zhongshan Lu überquert in die erste Seitenstraße, die er sah. Die Straße hatte ihn auf die Nanjing Lu geführt mit ihren grell beleuchteten Läden und Tausenden Passanten, von dort am People’s Square vorbei, wo alte Chinesen neben der überfüllten Ringstraße Drachen steigen ließen und dabei lachten wie Kinder, die nicht wussten, was sie taten oder nicht darüber nachdachten; schließlich zur Shanxi Lu und damit in die ehemalige Französische Konzession. Der Stadtteil mit den Cafés und Teehäusern. Das Jacks Daniel war die erste Bar, die er gesehen hatte.
Das Publikum gemischt, Ältere und Jüngere, Expats und Einheimische. Auf der Karte Steak und Kaffee und Guinness und aus den Lautsprechern Blinded by the light. Bruce Springsteen, nicht Manfred Mann. Ein guter Ort zum Warten.
Er saß an einem Hochtisch am Ende des Raums an einer mit dunklem Holz vertäfelten Wand, gegenüber einem der Bildschirme. An der ebenso dunklen Holzdecke surrte ein Ventilator groß wie eine Schiffsschraube und vertrieb die Zigarettenschwaden der beiden Chinesinnen vom Tisch nebenan und trocknete sein verschwitztes Shirt.
Er aß und trank und lauschte seinen Gedanken.
Shen legte keinen Wert auf Öffentlichkeit, so viel war klar. Andererseits hatte sich Shen bei ihm gemeldet. Shen wusste, dass er nach Shanghai kommen würde, und Palmer hatte eine gute Ahnung, von wem Shen das wusste. Mark Li, Palmers früherer Mentor, hatte ihn an Shen verraten. Li hatte Palmer in Hong Kong gesagt, dass er es war, der das Erbe seiner Eltern zuerst an sich genommen hatte. Aber ihm wäre es selbst wieder genommen worden, von Shen.
Li hatte ihm das nicht ganz freiwillig gesagt. Er hatte dabei in den Lauf einer Glock geguckt.
Shen wusste also, dass Palmer hierher kommen würde, und mit dem Anruf bei ihm hat Shen wohl zum Ausdruck bringen wollen, wie sehr ihn das sorgte: nicht im Geringsten.
Warum sorgte Shen das nicht? Li musste Shen einiges über ihn erzählt haben. Wollte Shen ihn also provozieren? Verleiten, unvorsichtig zu sein? Oder fühlte sich Shen in Shanghai – seiner Stadt – tatsächlich so sicher? Unantastbar? Und sein Anruf war Ausdruck seines Selbstvertrauens?
War Shen unantastbar?
Palmer schob den leeren Teller weg, lehnte sich an die Wand und guckte auf den Bildschirm, ohne zu verstehen, was dort geschah. Er war kein Baseballfan. Aber wenn du alleine in einer Bar sitzt, musst du irgendwohin mit deinem Blick, und er hatte bereits zu lange die Leute um sich herum beobachtet. Besonders die Kerle. Er wollte keine falschen Signale aussenden.
Außerdem konnte er auch mit Blick auf den Schirm gut seine Umgebung beobachten. Wie die beiden Chinesinnen am Tisch nebenan, die immer noch rauchten und in einem fort redeten und jetzt zugleich Pizza aßen. Abbeißen, kauen, reden, schlucken, ein langer Zug an der Zigarette, reden, wieder abbeißen, wieder kauen. Sie sahen aus wie Models und hatten die Geschmacksnerven alter Chinesen, die sich von Stinkendem Tofu und Durian ernährten.
Und die Blonde in ihrem roten Kleid. Sie saß alleine an einem Hochtisch mit Platz für zwei; lange Beine übereinander geschlagen, vor sich ein Glas Rotwein und die noch halbvolle Flasche und eine Schachtel Zigaretten, von der sie in den vergangenen zwanzig Minuten fünf Mal genommen hatte. Öfter als die beiden Chinesinnen. Ihre Handtasche hing über der Stuhllehne. Die Blonde hatte mehrmals zu ihm geschaut. Sie wusste wohl auch nicht, wohin mit ihrem Blick.
Und wie die zwei Männer, Europäer vielleicht oder Amerikaner, die gerade auf ihren Tisch zugingen.
Die beiden waren erst seit einigen Minuten hier, Palmer hatte sie hereinkommen sehen. Der eine lang, dünn, glatzköpfig, eine Zeitung in der Hand; der andere kleiner, dicker und in einem sehr bunten Hemd. Sie hatten sich gesetzt, aber nichts bestellt und immer wieder zu der Blonden geschaut, während die Blonde zu Palmer geguckt hatte. Offensichtlich fanden sie die Frau attraktiv, was Palmer nachvollziehen konnte. Und gingen jetzt zum nächsten Schritt über. Was er nicht nachvollziehen konnte, so, wie die beiden aussahen. Jemand sollte ihnen sagen, wie ihre Chancen standen.
Aber er irrte sich. Nicht mit den Chancen, sondern mit der Absicht dieser Gestalten.
Die Blonde bemerkte die beiden, zupfte an ihrem Kleid, das dadurch aber nicht länger wurde; nickte, wie zur Begrüßung, verschränkte jedoch zugleich ihre Arme. Abwehrhaltung. Sie war angespannt.
Palmer schaute vom Bildschirm weg und zu ihnen hin.
Die beiden blieben vor ihrem Tisch stehen, ihre Gesichter ausdruckslos, wo doch Lächeln sein sollte. Sie setzten sich nicht, und die Blonde lud sie auch nicht dazu ein mit einer Handbewegung, einem Kopfnicken auf die leeren Stühle; stattdessen, die Arme immer noch verschränkt, lehnte sie sich zurück. Und dann legte der Größere die Zeitung auf den Tisch, beugte sich zu der Blonden hinunter, deutete auf die Zeitung, sagte etwas, packte ihren Arm, wollte sie nach vorne ziehen, sagte wieder etwas.
Mit einem Ruck befreite sie sich aus dem Griff.
Sie stand auf.
Der Kleinere ging los. Die Blonde nahm ihre Zigaretten und folgte, Wein und Handtasche zurücklassend. Der Größere, Zeitung wieder in der Hand, folgte ebenfalls, sein Gang schwankend, als hätte er ein Hüftproblem oder wäre gerade vom Pferd gestiegen. Nacheinander gingen sie hinaus, wie bei einer Polonaise, bei der sonst niemand mitmachen wollte.
Als der Lange durch die Tür verschwunden war, stand Palmer ebenfalls auf und ging hinterher. Im Vorbeigehen nahm er von der Ablage an der Tür eine der Zeitschriften und rollte sie fest zusammen. Links, in seiner stärkeren Hand.
Draußen war es wie auf einem Straßenfest. Es war immer noch heiß, und Leute saßen und standen in dem offenen Teil der Bar, eine Art Biergarten, von der Straße durch einen Zaun und Büsche getrennt. Männer hatten Frauen im Arm, Frauen hatten Frauen im Arm, überall wurde gelacht und getrunken. Licht kam aus elektrischen Laternen auf den Tischen. Hinter dem Zaun und den Büschen standen weitere Gäste, auch sie mit Drinks in den Händen. Hinter ihnen rauschte der Verkehr vorbei. Von drinnen hörte er Zappa. Bobby Brown.
Palmer sah die drei nicht und ging weiter, vor den Zaun, vor die Büsche. Sie standen unter einem Baum an der Straße. Eng nebeneinander, wie Freunde. Zehn Meter vor ihm.
Der Größere schlug der Blonden gerade die Zeitung ins Gesicht.
Sie hob ihre Arme, viel zu spät, und rief, „Hey.“
Ein paar junge Leute schauten hin.
Palmer ging weiter und sagte, „This is not polite.“
Der Größere drehte sich um. „What you say? Asshole?“
Ein harter, unverkennbarer Akzent.
„Ich habe gesagt, Das ist nicht nett“, sagte Palmer auf Deutsch und blieb stehen. Drei Meter vor ihnen.
„Kümmere dich um deinen eigenen Scheiß“, sagte der Kleinere, ebenfalls auf Deutsch. Und kam auf ihn zu. Einen kurzen Schritt.
Weiches Gesicht, weiche Unterarme, die Hände leer. Ein dicker Bauch unter dem geblümten Hemd ohne Platz für ein Messer.
Palmer lockerte den Griff um die Zeitschrift.
„Ihr müsst die Frau jetzt gehen lassen“, sagte Palmer.
„Oder was?“, sagte der Größere.
Sie hatten Zuschauer. Die jungen Leute. Sechs oder sieben. Jeder mit einem Mobiltelefon in der Tasche, keine Frage, erpicht zu filmen, was da passierte und ins Internet zu stellen. Oder die Polizei zu rufen. Oder beides. Erst der Film, dann die Polizei.
Wenn er Shen finden wollte, hatte er keine Zeit für so etwas. Ein Film im Internet war kein Problem, es war dunkel, sein Gesicht würde kaum zu erkennen sein, und seinen Namen kannte hier sowieso niemand. Ein kurzes Filmchen, in dem ein Unbekannter zwei andere Unbekannte vor einer Bar in Shanghai verhaute. Ein paar Hundert Klicks vielleicht. Kein Problem.
Aber Polizei war ein Problem. Polizei war schnell zur Stelle in Vierteln mit Bars und Kneipen, das war in den meisten Städten der Welt so. Erst recht in Shanghai. Und dann? Er müsste in einem kahlen Raum ohne Fenster Fragen der Polizisten beantworten. Und auf chinesischen Polizeirevieren konnten dabei schnell Stunden vergehen oder ein ganzer Tag oder mehrere Tage. Chinesische Polizisten durften das, Leute tagelang festhalten.
Palmer verzichtete daher darauf, diesen Rüpeln zu erklären, dass man Frauen nicht schlägt und sagte, „Nichts Oder was. Lasst sie einfach gehen.“
Der Größere hielt Palmers Blick. „Wir lassen sie gehen, dieses Mal“, sagte er. Und zu der Blonden, „Du weißt jetzt Bescheid“, und warf ihr die Zeitung ins Gesicht.
Die Blonde ließ ihre Arme sinken und fingerte nach einer Zigarette. Palmer sah ihre Hände zittern.
„Und was machen wir mit dem?“ Der Kleinere nickte in seine Richtung.
„Sollten wir dich hier nochmal sehen, dann bist du dran“, sagte der Größere aus der Entfernung.
„Genau“, sagte der Kleinere und machte einen Schritt zurück, „Arschloch.“
Die Blonde kam zu ihm.
„Danke.“ Sie hielt die Zigarette zwischen den Fingern, wollte sie anzünden, aber ihre Hände zitterten immer noch.
Palmer nahm das Feuerzeug aus ihrer Hand und hielt ihr die Flamme hin. Dabei sah er den beiden Deutschen hinterher. Der Größere hatte sein Telefon herausgenommen und sprach hinein, der Kleinere winkte einem Taxi. Das Taxi hielt, sie stiegen ein und fuhren davon. Der Größere telefonierte weiter, Palmer sah seine Silhouette.
Die Blonde zog an der Zigarette, ihre Augen auf Palmer, „Danke“. Sie nahm das Feuerzeug aus seiner Hand, ihre Finger berührten seine, und ging hinein.
Er hob die Zeitung auf. Shanghai Daily, die Ausgabe von heute. Seite vier.
Dann ging er ebenfalls wieder hinein. Er hatte noch nicht bezahlt.
Die Blonde saß bereits wieder an ihrem Tisch, Beine übereinander geschlagen, Zigarette in der einen, Glas in der anderen Hand. Während Palmer vorbeiging, lächelte sie ihm zu. Er lächelte nicht zurück.
Sein Glas stand unberührt. Er schob es weg, winkte, drückte der jungen Chinesin im schwarzen Shirt die zusammengerollte Zeitschrift in die Hand, bestellte Kaffee und die Rechnung. Dann nahm er die Shanghai Daily.
Seite vier, Metro. Nur eine Zeile Text, der Rest Foto.
Hochhäuser im Hintergrund, Asphalt vorne und in der Mitte eine Gruppe Menschen vor einer Polizeiabsperrung. Chinesinnen und Chinesen, westliche Männer und Frauen. Businesstypen. Anzug, Hemd, Krawatte die Männer, ausnahmslos die Jacketts ausgezogen und in der Hand oder auf dem Arm. Bluse und Rock die Frauen. Ihre Blicke auf die Absperrung.
Hinter der Absperrung Polizisten und ein Krankenwagen.
Die eine Zeile Text: Deutscher Expat totgeprügelt.
Auf der nächsten Seite der Bericht. Palmer überflog ihn. Demzufolge war der deutsche Expat Robert B. am Tag zuvor während der Mittagspause, die er zusammen mit Arbeitskollegen draußen vor dem Gebäude verbrachte, von einem Mann mit mindestens zehn – manche Zeugen sagten fünfzehn, einer sagte über zwanzig – Schlägen mit einem Bambusstock getötet worden. Der Täter, ein Chinese, wäre auf die Gruppe zugekommen, hätte sofort zugeschlagen, dann geschrien, der Deutsche hätte eine Affäre mit seiner Freundin und weiter zugeschlagen, obwohl sich Robert B. nicht mehr bewegte. Der Täter hätte dabei auf eine der Chinesinnen aus der Gruppe gezeigt.
Die Chinesin hätte später bei der Polizei ausgesagt, dass sie den Täter nicht kannte und nie zuvor gesehen hätte, geschweige denn seine Freundin wäre. Und der Deutsche wäre zwar ihr Kollege, aber sie hätten erst seit kurzem im selben Team gearbeitet und sich nie privat gesehen. Sie wüsste von ihm nicht viel mehr als seinen Namen. Der Deutsche hätte auch den verrückten Vorschlag gemacht, die Mittagspausen draußen in der Hitze zu verbringen. Alle in der Firma hätten darüber gelacht.
Der Deutsche hätte seit einem Jahr bei der Firma in Pudong gearbeitet, hieß es in dem Bericht weiter, zuvor drei Jahre in Peking für eine andere Firma. Er hinterließe seine chinesische Frau und das gemeinsame Kind. Die Polizei würde seine Leiche so bald wie möglich zur Überführung nach Deutschland freigeben. Der Leichnam wäre kein schöner Anblick, wurde ein Polizeisprecher zitiert, der Schädel des Opfers wäre nicht mehr zu rekonstruieren und sein Gesicht zusätzlich vom heißen Asphalt völlig verbrannt. Es wäre alles sehr bedauerlich.
Keiner der Zeugen wäre so geistesgegenwärtig gewesen, den Täter zu filmen oder zu fotografieren. Der Mann wäre unerkannt entkommen.
Die Zeugen stimmten in ihren Beschreibungen nur darin überein, dass er Chinese und glatzköpfig war. Ansonsten? Palmer lächelte, als er weiterlas. Zwischen dreißig und fünfzig Jahren alt, zwischen einem Meter sechzig und einem Meter fünfundsiebzig groß, zwischen schlank und dick. Nach ihm würde gefahndet, schrieb die Zeitung, wer den Mann auf dem Phantombild kannte, sollte die Polizei kontaktieren.
Palmer schaute sich das Phantombild an. Es war wertlos. Ein männliches, chinesisches Gesicht, wie jeder, der in China lebte, es unzählige Male gesehen und sofort wieder vergessen hatte. Ohne besondere Merkmale. Durchschnittlich in jeder Hinsicht.
Kaffee und Rechnung kamen und Palmer bezahlte und blätterte zurück und ließ die Zeitung sinken. Die beiden Kerle hatten der Blonden diese Seite gezeigt und ins Gesicht geschlagen. Was hatten sie mit dem toten Deutschen zu tun? Und was die Blonde?
Palmer sah zu ihr hin.
Sie hatte ihn beobachtet und lächelte schon wieder. Nahm jetzt Handtasche, Zigaretten, Glas und kam, Blicke auf ihre Beine ignorierend, an seinen Tisch und sagte, „Darf ich?“, auf Deutsch.
Palmer sah sie sich setzen.
Er sagte, „Sie haben Ihre Flasche vergessen.“
„Die ist leer“, sagte sie, „Und Sie ... Guinness und Kaffee?“ Als konnte sie nicht glauben, dass er sie siezte.
„Nur Kaffee.“
„Das Glas ist voll.“
„Das Bier ist schal“, sagte er. Was nicht stimmte, aber er trank nie aus einem Glas, das einmal unbeaufsichtigt stand.
Er nickte auf die Zeitung. „Kannten Sie den Mann?“
Sie schüttelte den Kopf. „Schlimme Sache, das.“
„Und diese beiden Rüpel? Kennen Sie die?“
Sie lachte, „Rüpel“, zog an ihrer Zigarette und blies den Rauch an ihm vorbei in Richtung der beiden Chinesinnen, die immer noch aßen und rauchten zugleich und jetzt auch in ihre Telefone tippten. Ihre Hand zitterte nicht mehr.
„Sie kennen die beiden“, sagte Palmer.
Ein weiterer Zug, sie drückte den Stängel aus, ihre Fingernägel im selben Rot wie ihr Kleid und sagte, „Ja, ich kenne die beiden. Flüchtig. Sie hingegen ...“, legte ein Bein über das andere, nahm die nächste Zigarette aus der Schachtel und zündete sie an, „würde ich gerne näher kennenlernen.“
Palmer nahm einen Schluck, der Kaffee war schwarz und stark, warf einen flüchtigen Blick auf ihre Beine und sagte, „Gut. Sie drei Fragen, dann ich drei Fragen. Was wollen Sie wissen?“
Sie lehnte sich zurück – ihre Brust spannte hart gegen den Stoff, was wohl ihre Absicht war – und benutzte ihre freie Hand wie einen Kamm in ihren Haaren. „Wie heißen Sie?“
„Palmer“, sagte er, sein Blick fest in ihre Augen.
„Palmer. Okay. Und seit wann sind Sie in Shanghai, Palmer?“
„Seit etwas mehr als drei Stunden. Letzte Frage.“
„Hast du Lust, mit zu mir zu kommen?“
„Lust schon, aber keine Zeit. Jetzt ich. Woher kennen Sie die beiden Männer von vorhin?“
Sie lachte, „Wow“, schüttelte den Kopf, legte die Hände auf den Tisch, „Ich habe mit denen ... beruflich Kontakt“, sagte sie dann und trank ihr Glas leer.
„Was hat der tote Deutsche mit Ihnen zu tun?“
„Nichts.“
„Wovor haben Sie Angst?“
„Vor Chinesen mit langen Fingernägeln.“ Sie versuchte ein Lächeln. „Haben Sie das schon gesehen? Meist am kleinen Finger, der Nagel ein, zwei Zentimeter lang? Die benutzen die langen Fingernägel, um ihre Öffnungen am Kopf zu reinigen. Alle Öffnungen.“
„Wenn der tote Deutsche aus der Zeitung nichts mit Ihnen zu tun hat ... warum haben die beiden Ihnen dann sein Bild gezeigt?“
„Das ist bereits die vierte Frage“, sagte sie.
„Stimmt“, sagte er, „aber bei der zweiten Frage haben Sie gelogen.“
„Wir haben nicht ausgemacht, dass wir ehrlich antworten müssen“, sagte sie, nahm sein Guinness, trank, guckte ihn an.
„Dieser tote Deutsche hat etwas mit Ihnen zu tun“, sagte Palmer.
„Und Ihr Guinness ist nicht schal. Was sind Sie, Palmer? Polizist? Biertester, der immer nur einen Schluck trinkt? Boxer, mit Ihrer Schramme über dem Auge und wie Sie mich da draußen beschützt haben? Oder ist Ihnen einfach nur langweilig und Sie stellen deswegen so viele Fragen? Mmh, nein, dann hätten Sie ja Zeit mit zu mir zu kommen.“ Jetzt lächelte sie wieder.
Palmer trank vom Kaffee und hielt den Mund. Sie hatte recht. Es ging ihn nichts an.
„Sind Sie jetzt beleidigt?“
„Nein.“
„Die beiden ... Rüpel“, sagte sie, zog an der Zigarette und blies den Rauch wieder an ihm vorbei, „haben mir gesagt, dass mein Name auf derselben Liste steht, auf der auch sein Name“ – sie nickte auf die Zeitung – „steht. Stand. Mein Name wäre shortlisted, haben sie gesagt. Dass ich also als nächstes dran bin.“
Als nächstes dran? Wollten die beiden damit sagen, dass sie für den Tod des Deutschen verantwortlich waren? Der Lange, der mit der Hüfte wackelte, um cool zu wirken? Der kleine Dicke mit den weichen Armen?
Palmer sah, wie sie ihn beim Nachdenken beobachtete. „Wenn Sie als nächstes dran wären“, sagte er, „dann hätten die zwei Sie nicht gewarnt. Die beiden wollen etwas von Ihnen. Frage ist, was sie von Ihnen wollen.“
„Mmh. Sind Sie Polizist?“
„Nein, aber vielleicht sollten Sie zur Polizei gehen. Sie scheinen da in einer sehr ernsten Sache zu stecken.“
„Zur Polizei gehen, in China ... Sie sind ein Spaßvogel, Palmer.“ Sie winkte, bestellte ein Glas Rotwein und einen Kaffee. „Ich weiß, was ich tue. Die beiden können mir nichts.“
„Das hat er vermutlich auch gedacht.“
Sie war still und starrte auf das Foto, blätterte dann um und las den Bericht. Palmer wartete.
„Totgeschlagen“, sagte sie. „Auf offener Straße. Ich dachte nicht, dass sie so weit gehen würden. Sie verdienen so viel, jeder von uns verdient so viel.“
Die Getränke kamen. Sie bezahlte und schob ihm die Tasse mit Kaffee hin, trank einen großen Schluck vom Wein, drückte die Zigarette aus, trank noch einen Schluck und noch einen, das Glas war leer. Sie stand auf, „Und ich darf Ihnen nichts darüber erzählen. Herr Palmer“, und ging. Ohne zu schwanken.
Blicke folgten ihr hinaus.
Palmer guckte auf den Bildschirm und trank den Kaffee und dachte darüber nach, was das alles zu bedeuten hatte. Ein deutscher Expat wird totgeschlagen, zwei Deutsche drohen der Blonden und sagen, sie würde auf derselben Liste stehen und wäre als nächstes dran. Er fragte sich, in was die Blonde da verwickelt war.
Aber die Blonde war gegangen, und damit hatte sich die Sache für ihn erledigt.
Oder so glaubte er.
Palmer schob die leere Tasse weg und stand auf. Er war bereit für die Bars und Clubs am Bund. Er war bereit, Leo Shen zu treffen, das Notwendige zu tun und dann aus Shanghai zu verschwinden. Danach Manila, von dort zurück nach Los Angeles. Er würde nach Arizona fahren und Zeit in der Wildnis verbringen, am Grand Canyon. Zwei, drei Tage. Vielleicht eine Woche. Oder zwei Wochen. Den Fluss hinauf, dorthin, wo keine lärmenden Touristen mit Gummibooten herumfahren und mitgebrachten Proviant grillen und Sekt aus Pappbechern schlürfen. Zwei Wochen mit dem Minimum auskommen. Aufstehen, marschieren, ein einfaches Abendessen, schlafen. Zwei Wochen keinen Menschen sehen und keinen hören. Zwei Wochen nicht sprechen.
Er würde nicht einen Augenblick an Shanghai zurückdenken.
Draußen, vor dem Jacks Daniel, hatte sich nichts geändert. Es war immer noch wie auf einem Straßenfest. Immer noch wurde gelacht und getrunken und geraucht, immer noch hielten sich Menschen in den Armen, immer noch rauschte hinter den Büschen der Verkehr vorbei, immer noch war es heiß. Die Musik war eine andere. Led Zeppelin. Stairway to Heaven. Eine Liveversion.
Palmer blieb bis zum Schlussakkord.
Dann ging er die Straße hinab, vorbei an der Stelle, wo die Deutschen die Blonde geohrfeigt hatten, vorbei an anderen Restaurants und Bars, bis zu einer Kreuzung. Dort blieb er stehen und schaute nach rechts und links auf der Suche nach einem Taxi. Doch die Zeit war ungünstig. Mit ihm warteten noch sieben oder acht andere auf ein Taxi und mindestens noch einmal so viele auf der anderen Straßenseite. Es gab Taxis, aber sie waren entweder besetzt oder vorbestellt, wie er an den roten Leuchten hinter den Frontscheiben oder auf den Dächern erkannte. Eines nach dem anderen fuhr ohne zu halten vorbei, zwei Dutzend in weniger als zehn Minuten. Und hielt doch eines, dann stiegen andere ein, die länger warteten als er.
Manchmal reichte es schon, einen Block zu gehen, dahin, wo es keine Bars mehr gab. Keine Bars bedeutete auch keine Bargäste, die Taxis suchten, weil sie nach Hause wollten oder nach irgendwo.
Palmer ging los.
Zwei Blocks später wurde es ruhiger. Keine Bars und Restaurants mehr, sondern Wohnhäuser und ein paar Geschäfte, die meisten davon geschlossen. Und an den Straßen keine Wartenden.
Allerdings fuhr auch kein Taxi vorbei auf seinem Weg zu den Bars, kein einziges, nicht einmal ein besetztes.
Er wartete an der Einmündung zu einer Seitenstraße, aber es tat sich nichts. Kein Taxi.
Die Seitenstraße schien auf eine größere Straße zu führen, Palmer sah weit hinten Autos fahren. Er würde dorthin gehen. Und wenn er dort kein Taxi fand, würde er zu Fuß weitergehen. Kein Problem. Er ging los.
Rechts und links Wohnhäuser die Straße entlang, vor den Häusern Laternen und parkende Autos, dazwischen nur schmale Fußwege, weshalb Palmer auf der Straße ging. Keine Fußgänger, keine Autos, keine Elektroroller. Einmal hörte er Kinderschreien aus einer der Wohnungen, ansonsten nur das Rauschen der Stadt, weit entfernt.
Palmer hatte die Hälfte der Strecke hinter sich, als er sie sah. Neun Kerle. Sie standen über die Straße hinweg, nebeneinander, in einer perfekten geraden Linie. Wobei der letzte Chinese rechts und der letzte links nicht wirklich standen. Sie lehnten gegen Autos. Ob müde oder einfach nur lässig, das würde sich noch zeigen. Gegen einen Volvo SUV der Chinese auf der linken Seite, gegen einen japanischen Kleinwagen der Chinese auf der rechten.
Palmer könnte auf den Fußweg wechseln und versuchen, an ihnen vorbei zu kommen, aber er wusste, sie würden das nicht zulassen. Und seine Position dort wäre nicht die beste. Auf der einen Seite die Kerle und die Autos, auf der anderen die Häuserfront, da hätte er nicht viel Spielraum.
Also blieb er auf der Straße. Aber nicht rechts und nicht links, sondern genau in der Mitte. Denn er war sich sicher, dass der Boss der Truppe ebenfalls in der Mitte stand. Denn der Boss stand immer vorne, oder, wenn es vorne nicht gab, in der Mitte. Das war ein ungeschriebenes Gesetz bei allen Gangs dieser Welt. Und diese neun Kerle waren eine Gang. Auch da war sich Palmer sicher. Er hatte schon oft mit chinesischen Gangs zu tun gehabt.
Und da neun eine ungerade Zahl war, wusste Palmer genau, wer von ihnen der Boss war. Vier Chinesen rechts. Vier Chinesen links. Einer in der Mitte.
Der Boss.
Palmer ging direkt auf ihn zu.
Denn das war sein ungeschriebenes Gesetz: wenn du von einer Gang angegriffen wirst, suche dir den Boss und handle mit ihm. Oder, besser, schlage ihn zu Brei, schnell und brutal. Das macht Eindruck und verbessert deine Chancen bei den anderen ganz enorm.
Noch zwanzig Schritte.
Es war hell genug, und Palmer konnte sehen, dass der Chinese in der Mitte einen Hut trug. Und etwas im Gesicht hatte. Wie Schmutz. Verbrennungen vielleicht. Oder nur der Schatten der Straßenlaterne.
Keiner von ihnen bewegte sich.
Noch zehn Schritte.
Der Kerl links an dem Volvo richtete sich auf.
Saß jemand in dem Volvo? Palmer glaubte eine Gestalt auf dem Fahrersitz zu sehen, konnte es aber nicht genau erkennen. Er schaute auf das Nummernschild. Shanghaier Kennzeichen FW1928.
Noch fünf Schritte.
Der Kerl rechts an dem Japaner tat dasselbe.
Lässig beide, urteilte Palmer, nicht müde.
Noch zwei Schritte.
Palmer blieb stehen, direkt vor dem Chinesen mit dem Hut. Eine Art Westernhut, das konnte er jetzt sehen. Dazu trug der Chinese Stiefel mit langer Spitze und auf den Spitzen Totenköpfe aus Metall und am Gürtel eine breite Schnalle aus Material, das wie Silber aussehen sollte. Hut und die Absätze seiner Stiefel brachten ihn auf Palmers Größe. Ein Cowboy. Oder eher die chinesische Kopie eines Cowboys: auf den ersten Blick gut gemacht, aber mit Problemen im Detail. Und Palmer sah, was der Kerl im Gesicht hatte. Keine Verbrennungen, kein Schmutz und keinen Schatten, sondern Tätowierungen. Stirn, Wangen, Kinn, genauso Hals und die drahtigen Arme waren dunkel davon. Wahrscheinlich auch der Rest des Oberkörpers unter dem lose hängenden T–Shirt. Wahrscheinlich auch die Hände in seinen Hosentaschen. In seinem Mundwinkel hing eine Zigarette.
Der Kerl sagte, „What de fack are ye lookin at?“ Der Stängel hüpfte auf und ab.
Palmer nickte. Na klar. Die Standarderöffnung. Was guckst du? Palmer hatte auch schon gehört: Was machst du hier? Und: Wenn du hier durch willst, dann musst du bezahlen. Oder: Gib uns alles, was du hast und zwar jetzt. Manchmal war es auch sofort zur Sache gegangen, was für Palmer genauso in Ordnung war.
Die anderen lachten, schlugen sich gegenseitig auf die Schultern, ballten die Fäuste als Zeichen ihrer Anerkennung und Unterwürfigkeit. Ihr Boss sprach Englisch mit dem Laowai. Sie waren beeindruckt oder taten zumindest so.
Und das Englisch war gar nicht mal schlecht nachgemacht. Breite Vokale, wie Palmer es aus Texas kannte. Oder aus alten Western. John Wayne.
Der Tätowierte guckte nach rechts und nach links, Grinsen im Gesicht, zog den Hut ab und schwenkte ihn wie ein Bullrider nach seinen acht Sekunden, und alle Konkurrenten lagen im Sand. Schlug den Hut jetzt sogar gegen den Oberschenkel und wischte mit der Hand die fettigen Strähnen nach hinten, bevor er ihn wieder aufsetzte.
Aber einer seiner Soldaten verweigerte die Gefolgschaft. Palmer bemerkte es und der Tätowierte ebenso. Der Kerl neben dem Tätowierten. Während die anderen lachten, verzog er keine Miene in seinem runden Gesicht. Vermutlich die Nummer Zwei, und sein Verhalten zeigte Palmer, dass er die Nummer Eins werden wollte. Aber der Tätowierte tat nichts und grinste weiter.
Palmer starrte den Tätowierten an. „Ich habe kein Wort verstanden“, sagte er auf Mandarin. „Welche Sprache soll das gewesen sein?“
Das vertrieb das Grinsen aus dem Gesicht.
Der Kerl neben dem Tätowierten nutzte die Gelegenheit und machte seine Ambitionen deutlich, indem er laut lachte. Wegen der Hitze hatte er sein Shirt bis unter die Achseln hochgezogen, was er nicht tun sollte, denn sein Bauch hing weit über den Bund seiner Jeans und schaukelte beim Lachen hin und her. Wie ein mit Wasser gefüllter Luftballon, dachte Palmer, mit dem Kinder auf der Straße spielen und zum Platzen bringen.
Der Tätowierte verschränkte die Arme vor der Brust und zog zweimal hintereinander an der Zigarette und biss dann darauf, weil sie sonst heruntergefallen wäre. Gar nicht mehr so lässig. Und sagte zu Palmer, „Ich habe etwas mit dir zu klären.“ Auf Mandarin.
„Und du hast da etwas falsch verstanden“, sagte Palmer. „Mit deinen Haaren, meine ich. Du sollst nur im ersten Monat des neuen Jahres nicht zum Friseur. Hat deine Mama dir das nicht erklärt? Das heißt ab dem zweiten Tag des zweiten Monats darfst du dir wieder die Haare schneiden. Und jetzt haben wir, was, den fünften Monat? So schwierig ist das doch nicht. Der zweite Tag des zweiten Monats.“ Palmer grinste. „Keine Angst, deinem Onkel passiert nichts.“
Der Tätowierte nahm den Zigarettenstummel aus dem Mund, warf ihn auf den Boden und trat ihn aus. Palmer sah ihm an, dass er sich zusammenriss und fragte sich warum. Natürlich kannte der Tätowierte die Legende – im ersten Monat des neuen Jahres nicht die Haare schneiden, weil sonst der Onkel stirbt. Jeder Chinese kannte sie. Und natürlich glaubte er nicht daran, ein cooler Cowboy wie er. Warum aber riss er sich zusammen, anstatt endlich anzufangen?
Palmer sagte, „Und waschen darfst du dir die Haare ohnehin. Sogar jeden Tag, wenn du willst. Die meisten tun das.“ Und wartete, ob das reichte.
Wieder lachte die Nummer Zwei. Und dieses Mal guckte der Tätowierte und sagte etwas in seine Richtung, was Palmer nicht verstand. Shanghaier Dialekt vielleicht. Der andere hörte auf zu lachen, grinste aber weiter und guckte sich sogar um, ob er Anhänger hatte. Hatte er nicht.
„Was ist jetzt“, sagte Palmer, „willst du das mit ihm klären“ – er nickte zu dem Ballonbauch – „oder das mit mir? Was immer du glaubst, mit mir klären zu müssen.“
Der Tätowierte starrte zurück auf Palmer, wie er es vorher getan hatte, ohne zu blinzeln. Nahm jetzt ein Feuerzeug aus der Hosentasche, klappte mit einer Bewegung aus dem Handgelenk den Deckel auf, steckte eine neue Zigarette in den Mundwinkel und zündete sie an.
Wieder ganz der Cowboy, der Revolverheld.
„Was ich mit dir zu klären habe, mmh. Halte dich raus. Denn sonst muss ich dich töten. So einfach ist das.“ Und zog an der Zigarette, wieder zweimal hintereinander, klappte den Deckel zu und steckte das Feuerzeug ein.
Jetzt war Palmer verdutzt. Der Überfall entwickelte sich in eine Richtung, die er nicht verstand. Aus was sollte er sich heraushalten? Und warum sollte er getötet werden, wenn er sich nicht heraushielt?
„Aha“, machte Palmer. „Sonst musst du mich töten. Warum?“
Der Tätowierte kniff die Augen zusammen. Die Frage schien ihm noch nicht in den Sinn gekommen zu sein.
„Denke darüber nach“, sagte Palmer. „Und während du darüber nachdenkst, überlege dir auch, ob du das wirklich willst. Denn es könnte anders ausgehen, als du glaubst. Und dann würde der Kerl neben dir dich beerben und die neue Nummer Eins sein.“
„Du musst dich raushalten, oder ich werde dich töten“, sagte der Tätowierte.
„Das sagtest du bereits. Verrätst du mir denn auch, aus was ich mich heraushalten soll?“
„Das weißt du genau. Du hast dich gerade erst eingemischt. Vor einer halben Stunde, im JD. Das war nicht klug von dir.“
„JD?“
„Jacks Daniel, Mann.“
Jacks Daniel?
Palmer sah ein, dass er falsch vermutet hatte. Er hatte geglaubt, die Chinesen wären eine gewöhnliche Straßengang und all das wäre ein gewöhnlicher Überfall und er ein zufälliges Opfer. Aber das stimmte nicht. Die Chinesen arbeiteten für die beiden Deutschen. Oder die Deutschen für die Chinesen, das könnte auch sein. Der Größere hatte mit seinem Telefon hantiert, als er ins Taxi gestiegen war. Er hatte den Tätowierten angerufen. Oder jemanden angerufen, der den Tätowierten angerufen hatte. Die Chinesen waren Palmer dann gefolgt und ihm hier zuvorgekommen.
Die Blonde steckte wirklich in Schwierigkeiten. Und er jetzt auch. Ein bisschen zumindest.
Palmer war still und starrte den Tätowierten weiter an. Er konnte die Motive in dessen Gesicht nicht erkennen, die Bemalungen waren jämmerlich, flossen konturenlos ineinander. Gefängnistattoos vielleicht. Er fragte sich, ob das alles war oder ob der Tätowierte seine mündliche Warnung mit einer physischen Aktion unterstreichen wollte.
Palmer musste nicht lange auf eine Antwort warten.
Der Tätowierte zog ein Messer aus der Hosentasche, das er ebenso schnell aufklappte wie zuvor das Feuerzeug. Die Klinge doppelt geschliffen und sehr spitz, Palmer sah es im hellen Licht der Laterne. Handarbeit. Er fuchtelte damit in der Luft, ein Meter von Palmer entfernt.
„Also, halte dich raus, Laowai. Du wirst nicht mehr ins JD gehen und nicht mehr mit der blonden Frau sprechen. Sonst werde ich dich“, sagte er, das Grinsen zurück im Gesicht, „töten.“
Dazu durfte Palmer nicht schweigen, also sagte er, „Glaubst du wirklich, dass du das fertig bringst?“, längst bereit, das Handgelenk mit dem Messer zu packen und dem Tätowierten die eigene Klinge in den Oberkörper zu stoßen. Es reichte langsam.
Doch dazu kam es nicht.
