Verlag: Luzifer-Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung PANDORA (Shadow Warriors) - Stephen England

"Eine fantastische Reihe eines grandiosen neuen Autors. Sehr zu empfehlen." [Brad Thor] Inhalt: Ein amerikanischer Präsident, der alles für seine Wiederwahl tun würde. Ein iranischer Führer, der vor nichts zurückschreckt, um die Apokalypse heraufzubeschwören. Und etwas uraltes Böses, das darauf wartet, wiedergeboren zu werden … Ein Team aus Archäologen verschwindet im Elburs-Gebirge im Nordwesten des Iran. Unter ihnen amerikanische Staatsbürger. Wenige Tage später zeigen Bilder eines U.S.-Spionage-Satelliten, wie Einheiten der Iranischen Revolutionsgarde an der Ausgrabungsstätte landen. Mit den Präsidentschaftswahlen im Nacken ermächtigt Präsident Roger Hancock eine verdeckte CIA-Operation in den Bergen des Iran. Ziel der Mission: Die Archäologen befreien und Hintergründe über diesen Zwischenfall herausfinden. Harry Nichols, der seit über fünfzehn Jahren dem Geheimdienst auf dem Gebiet paramilitärischer Operationen dient, ist zweifellos genau der Richtige für diesen Job. Er ist hart, gnadenlos und führte seine Männer schon unzählige Male in schwierige Einsätze. Für ihn zählen nur die Mission und sein Team, doch schnell wird ihm klar, dass bei diesem Einsatz nichts so ist, wie es den Anschein hat. Ein Netzwerk aus Intrigen scheint sich bis in die allerhöchsten Zweige der Regierung zu erstrecken – und sogar die Mission selbst ist verdächtig. Auch seinem eigenen Team kann er nicht trauen. Und jeder Fehltritt könnte einen neuen Weltkrieg auslösen …

Meinungen über das E-Book PANDORA (Shadow Warriors) - Stephen England

E-Book-Leseprobe PANDORA (Shadow Warriors) - Stephen England

Shadow Warriors

Pandora

Stephen England

This Translation is published by arrangement with Stephen England Title: PANDORA’S GRAVE. All rights reserved. First Published 2011. All rights reserved.

Für die ›hartgesottenen‹ Männer und Frauen des echten National Clandestine Service, die des Nachts Wache stehen. Eure Arbeit birgt keinen Ruhm, dafür aber Ehre in sich, und dieses Land ist dank der von euch gebrachten Opfer sicherer. Dieses Buch ist euch gewidmet.

Möge Gott euch segnen.

Impressum

Deutsche Erstausgabe Originaltitel: PANDORA’S GRAVE Copyright Gesamtausgabe © 2018 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert Übersetzung: Peter Mehler

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2018) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-367-1

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Inhaltsverzeichnis

Pandora
Impressum
Prolog
Auftakt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Epilog
Glossar

Prolog

1329 vor Christus, Persien

Stille. Unwirkliche Stille. Eine Stille, die nur von dem schrillen Kreischen der Aasgeier unterbrochen wurde, die träge am Himmel über einer Stadt kreisten, die früher einmal Tausenden ein Zuhause gewesen war: Rhodaspes, der Stolz des Ostens.

Der alte Mann seufzte. Rhodaspes. Sie war durch die Geschichte hindurch als Handelsstadt berühmt gewesen, als Sitz großer Könige. Die Uneinnehmbare. In den Tagen seiner Vorväter hatte sie bereits Alexander, den Römern und schließlich sogar den Horden Mohammeds getrotzt, die das Land im Süden überrannten. Sie hatte ihnen allen widerstanden, stolz und mächtig.

Zu seinen eigenen Lebzeiten hatte die Stadt den Angriff der Barbarenreiter aus dem Fernen Osten abgewehrt, und er hatte zugesehen, wie diese die Stadt umringt hatten wie Wasser einen Felsbrocken. Sie war nicht gefallen. Sie überdauerte als eine Bastion des Stolzes und des Glaubens. Die alten Lehren Zarathustras waren in diesen Bergen noch nicht vergessen. Sein eigener Name, Adar, bedeutete so viel wie »Feuer«. Ein Tribut an die Götter.

Der letzte Feuertempel, der einzige, den die Mohammedaner nicht zerstören konnten, verbarg sich hinter ihren Mauern. Fürwahr, sie hatten viele Angriffe in der Geschichte überstanden und waren am Ende stets siegreich geblieben.

Bis heute.

Er schob die Tür seines Hauses auf und spähte auf die menschenleeren Straßen hinaus. Straßen, auf denen früher einmal Gelächter und das emsige Treiben der Händler erklungen hatte. Straßen, auf denen er selbst als Kind spielte, vor so vielen Jahren.

Er war der Letzte. Der letzte Bewohner von Rhodaspes. Der letzte Überlebende. Es war ein seltsames Gefühl. Er warf sich den kleinen Sack auf seine Schulter und lief um das Haus in eine der kleinen Seitengassen, wo sein Pferd auf ihn wartete. Früher hätten seine Diener das Pferd für ihn gesattelt, aber diese Tage waren vorüber. Jetzt waren sie tot, so wie alle anderen. Der Gestank des Todes stieg ihm in die Nase, als er sein Pferd bestieg und es zu einem langsamen Trott antrieb, mit dem er auf die Tore der Stadt zuritt.

Tot.

Alles begann vor ein paar Monaten, vor drei Monaten, um genau zu sein. Es schien unmöglich, dass dieses Maß der Zerstörung in so kurzer Zeit erreicht werden konnte, aber so war es.

Und alles nur wegen eines einzigen Mannes. Eines Fremden. Eines Engels des Todes. Sie hätten ihn auf der Stelle erschlagen und seinen fiebrigen Körper vor die Tore der Stadt werfen sollen. Das alles wäre besser gewesen als das, was ihm folgen sollte.

Er war gestorben. Und nach ihm die Familie, die ihn bei sich aufgenommen hatte. Dann ihre Nachbarn und danach ihre Freunde. Die gesamte Stadt. Eine Strafe der Götter.

Verflucht für eine Tat, die sie für einen Akt der Gnade hielten. Erst viel zu spät wurde ihnen klar, dass sie damit ihren Untergang besiegelt hatten.

Er hatte geglaubt, es aufhalten zu können. Jeden Tag besuchten sie den Feuertempel und flehten Ahura Mazda für seinen Schutz und um seine Gnade an. Doch die Götter schwiegen. Niemand antwortete ihnen.

Die Flügel des mächtigen Doppeltores, welches Rhodaspes jahrhundertelang verteidigt hatte, standen nun sperrangelweit offen. Das mit Messing verzierte Holztor schimmerte wie Feuer in der Morgensonne und hatte die Stadt stets davor bewahrt, niedergebrannt zu werden. Nun war es nutzlos geworden. Es gab nichts mehr, das man hätte verteidigen können. Er war der letzte Überlebende.

Die Bürger der Stadt hatten damit begonnen, ihre Toten zu begraben, in riesigen, offenen Gräbern. Von diesem Moment an wusste Adar, dass sie keine Gnade erfahren würden. Es war schändlich, die Leiber auf diese Art zu bestatten. Seit Jahrhunderten – nein, Jahrtausenden – wurden ihre Toten in die »Türme der Stille« gebettet, wo ihre Seelen ungestört in den Himmel hinauffahren konnten, während ihr Fleisch von den Aasgeiern verzehrt wurde, den gleichen Aasgeiern, die nun ihrer Nahrung beraubt über ihm kreisten.

Er passierte das Tor, dann trieb er sein Pferd zum Galopp an. Er war ein alter Mann und nun war er auf der Flucht. Er floh vor etwas, von dem er wusste, dass er ihm nie entkommen würde. Dem Zorn der Götter …

Auftakt

Eine archäologische Ausgrabungsstätte, Elburs-Gebirge, Iran, 13. September, heute

Er hatte das Böse an diesem Ort vom ersten Moment an spüren können, als er hier eingetroffen war. Etwas Greifbares, etwas, das man beinahe riechen konnte.

Und nun hatte es sich in dem Leichnam des jungen Mannes zu seinen Füßen zu erkennen gegeben. Ein junger Mann? Eher fast noch ein Kind. Einer der College-Studenten, die ihm in dieses gottverlassene Land gefolgt waren, weil sie die Chance ihres Lebens witterten. Die Chance ihres Lebens …

Der Israeli richtete sich auf und drehte sich zu den wenigen Übriggebliebenen um. »Er ist tot«, verkündete er nüchtern das Offensichtliche.

»Wieso – ich meine, was ist passiert?«

Er sah in die hellgrünen Augen der jungen Frau vor ihm, Augen, in denen jetzt Tränen standen. Sie war kurz davor zusammenzubrechen. Wie sie alle. Irgendwie musste er sie zusammenhalten. Irgendwie …

»Ich habe keine Ahnung, Rachel«, antwortete er. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. »Wie ist es mit dir, Grant?«

Der achtundfünfzigjährige Geschichtsprofessor aus Princeton schüttelte den Kopf. »So etwas habe ich noch nie gesehen.« Er schwieg für einen Moment. »Wo sind die anderen, Dr. Tal?«

Moshe Tal antwortete ihm nicht sofort. Sein Verstand versuchte noch immer zu sortieren, was sie an diesen Punkt gebracht hatte. Die Jahre harter Arbeit in Israel, an anderen Projekten – Hazor, Masada, Baalbek. Lauter Fußnoten in seinem Leben, auf dem Weg, der ihn hierher geführt hatte. Unbedeutend, verglichen mit dieser Entdeckung.

Rhodaspes, die Königin des Ostens – eine Stadt, deren Bergfeste unglaubliche Reichtümer barg, ein persisches Petra.

Rhodaspes, die Uneinnehmbare, obwohl sie sogar für kurze Zeit von niemand Geringerem als Alexander dem Großen auf seinem Weg nach Indien belagert worden war.

Rhodaspes, eine Stadt, die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts verlassen wurde, urplötzlich und auf mysteriöse Weise, als hätte Gott persönlich ihre Bewohner in alle Winde verstreut. Die einheimischen Farsi hielten diesen Ort für verflucht. Niemand wusste wieso. Es war, als …

»Ich fragte, wo sind die anderen, Dr. Tal?«

Grant Petersons Stimme holte ihn in die Realität zurück. In das gegenwärtige Dunkel.

Wortlos deutete Moshe den Gebirgspfad hinunter zu dem Massengrab, dort, wo alles seinen Anfang genommen hatte. Über dessen Rand konnte man einige der starren Körper hinausragen sehen. Die Leichen der restlichen Archäologen.

Er hätte es von jenem Moment an wissen müssen, als sie auf das Grab stießen. Sie hätten es als ein Omen für das Böse ansehen sollen, welches dem Fund folgen sollte.

Die Bewohner von Rhodaspes begruben ihre Toten nicht. Sie waren Zoroastrier und für sie stellte ein solcher Brauch eine Schändlichkeit dar. Ganz zu schweigen von einem Massengrab.

Ihn schauderte. Wenn er nichts unternahm, würde sein Team ihnen bald Gesellschaft leisten. Er drehte sich zu dem jungen Mann neben sich um, dem letzten noch lebenden Collegestudenten. »Häng' dich ans Funkgerät, Joel. Wir müssen Teheran benachrichtigen.«

Joel Mullins schluckte nervös. »In Ordnung«, erwiderte er, froh, etwas zu tun zu haben. »Schon unterwegs.«

Moshe kehrte in sein Zelt zurück. Ihm blieb keine andere Wahl. Er musste nun schnell handeln, bevor er zu geschwächt sein würde und bevor die Iraner hier eintreffen und die Wahrheit herausfinden würden …

14. September, Cancún, Mexiko

Es war fünf Minuten nach Mitternacht, als Angelo Calderon aus dem Nachtklub trat, den er besucht hatte. Das Wetter war wie vorhergesagt, mit einer leichten Brise, die vom Meer heranwehte und die Nacht auf warme 24 Grad abkühlte. Ihm blieben noch drei Minuten zu leben.

Perfekt, dachte der Mann, der im Schatten neben dem Parkplatz lauerte und ihn beobachtete. Der Drogenbaron wurde von zwei Leibwächtern flankiert, die beide halbautomatische Pistolen in Holstern an ihren Hüften bei sich trugen. Calderon würde zweifellos ebenfalls bewaffnet sein. Er klappte das kompakte Nachtsichtgerät zusammen, steckte es in eine der Innentaschen seiner Jacke und folgte ihm, wie ein Jäger seiner Beute.

Calderon atmete tief die frische Meeresluft ein, ließ sich von ihr durchdringen. Noch achtundvierzig Stunden und der Deal wäre unter Dach und Fach. Jetzt konnte ihn nichts mehr aufhalten. Vor fünf Jahren war sein ältester Sohn von Agenten der U.S.-Border-Patrol getötet worden, die mit den Federales zusammengearbeitet hatten. Jetzt war die Zeit für seine Rache gekommen.

Junge Menschen, darunter viele in Strandkostümen, huschten um ihn herum, während seine Leibwächter sich durch die Menschenmenge drängten. Die Zahl der Touristen hatte in den letzten Wochen zugenommen, da bereits die Vorbereitungen für El Grito, den Feierlichkeiten für den Unabhängigkeitstag am sechzehnten September, in vollem Gange waren. Es schien ihm passend zu sein, dass dieser Deal an einem solchen Tag vollzogen werden würde. So würde sich die Geschichte auch an ihn erinnern. Vielleicht nicht auf die gleiche Art wie an Miguel Hidalgo y Costilla, jenen Priester, der 1810 die Revolte gegen die spanischen Unterdrücker auslöste, aber auch er würde nicht vergessen werden.

Ein paar hübsche amerikanische Mädchen fielen ihm ins Auge und er lächelte ihnen zu, als sie an ihm vorbeiliefen. Mit neunundvierzig sah Calderon noch erstaunlich gut aus, und das wusste er auch.

Den dunkelhaarigen Mann, der sich seinen Weg durch die Menge auf ihn und seine Leibwächter zu bahnte, bekam er nicht zu Gesicht, ebenso wenig die schallgedämpfte halb automatische Pistole, die plötzlich in dessen Hand erschien.

Das Hohlmantelgeschoss der .45er durchschlug Calderons rechte Schläfe und tötete ihn, noch bevor ein Schrei seine Lippen verlassen konnte. Eines der Mädchen in seiner Nähe begann zu kreischen. Alarmiert wirbelten seine Leibwächter herum, die Augen vor Schreck weit aufgerissen, als sie ihren Auftraggeber tot auf dem Asphalt liegen sahen, aus dessen Schädel Blut sickerte. Dann brach einer von ihnen zusammen, von einem Schuss mitten ins Herz.

Die Menge stob wie ein Haufen aufgeschreckter Hühner auseinander. Panik machte sich breit, ein uralter Instinkt, sich in Sicherheit zu bringen. Der zweite Leibwächter griff nach der Sig-Sauer an seiner Hüfte, war aber tot, bevor er die Waffe überhaupt herausziehen konnte.

Drei Leichen auf dem Bürgersteig.

Der Attentäter drehte sich um, stopfte sich seine Colt in den Hosenbund und zog das lose sitzende Sporthemd aus seiner Hose, um sie darunter zu verstecken. Dann lief er gelassen durch die Menge zurück und lauschte den Stimmen der Menschen, die lautstark nach der Polizei riefen.

Mit schneller werdenden Schritten entfernte er sich immer weiter aus dem unmittelbaren Gebiet um den Nachtklub. Während er den Gehsteig entlanglief, raste die Policia mit Blaulicht und Sirenen an ihm vorbei. Bei ihrem Anblick huschte ein verstohlenes, amüsiertes Lächeln über sein Gesicht.

Diese ganze Aufregung für nichts. Er hob seine Hand und schaltete mit einer unverfänglichen Bewegung, die aussah, als würde er sich hinter dem Ohr kratzen, sein In-Ear-Mikrofon ein. »Chamäleon an Raven. Operation BOXWOOD ist beendet. Leite E&E-Phase ein.«

»Verstanden, Chamäleon. Kommen Sie nach Hause.«

Kapitel 1

CIA-Hauptquartier, Langley, Virginia, 19. September, 12:32 Uhr

Im siebten Stockwerk des CIA-Hauptquartiers herrschte eine beklemmende Stille mit Ausnahme des Summens einer kleinen Fliege, die an der Decke kreiste.

Die Ruhe vor dem Sturm, dachte Harry Nichols, der vor dem Büro des CIA-Directors David Lay saß. Dem Grund, wieso er hier war.

Dass der achtundvierzigjährige Field-Officer in den siebten Stock beordert worden war, ins Heiligtum der allerhöchsten Funktionäre der Agency, bedeutete nichts Gutes.

Er konnte an einer Hand abzählen, wie oft dies während seiner Zeit beim CIA vorgekommen war. Und jedes Mal war es der Auftakt zu einer Mission gewesen. Und nicht nur irgendeiner Mission. Einer speziellen Mission. Und »speziell« bedeutete in seinem Job fast immer gefährlich.

Er erhob sich von der Couch, auf der er saß, lief zu einem der Fenster hinüber und sah auf die Stadt hinaus, über den Potomac und bis nach Washington D.C., der Hauptstadt seines Landes.

Dem Land, das zu verteidigen er geschworen hatte. Egal, welchen Preis es kosten würde.

In den fünfzehn Jahren, die er für die CIA arbeitete, hatte er die Kosten nur allzu gut kennengelernt. Die Kosten einer Mission, die fehlschlug, den Preis des Versagens. Der bittersüße Beigeschmack des Sieges, wenn er mit dem Blut seiner Freunde und Kameraden errungen wurde.

Wer ihn ansah, hätte unmöglich erraten, wer er war und was sein Job mit sich brachte. Er war über einen Meter neunzig groß und von täuschend schlanker Statur. Der Körperbau eines Läufers und weniger der eines Gewichthebers, auch wenn er beides tat. Nur wenig an seiner Physis verriet etwas von der kontrollierten Brutalität, die er entfesseln konnte.

Leuchtend blaue Augen lächelten einem entwaffnend aus einem glattrasierten Gesicht entgegen, welches seit langem schon den Elementen ausgesetzt war; und dieses Lächeln diente nicht selten als Fassade, um den Mann dahinter zu verbergen. Eine Tarnung, wie so vieles in seinem Leben. Für den Dienst an seinem Land hatte er einiges aufgeben müssen.

Sein Haar war schwarz, wellig und säuberlich in eine Richtung gekämmt. Wenn man ihn so vor sich sah in seiner blauen Anzugjacke, dem weißen Hemd und dazu passenden Hosen, hätte man ihn allenfalls für einen Unternehmensleiter oder vielleicht einen von Langleys unzähligen Analysten gehalten. Doch nichts hätte weiter von der Wahrheit entfernt sein können.

Eine Colt 1911 Automatik, Kaliber .45, verbarg sich sorgfältig geladen in einem Paddle-Holster an seiner Hüfte, selbst hier, im siebten Stockwerk der CIA. Ohne sie verließ er nur selten das Haus.

Hinter ihm öffnete sich die Tür. Er hörte die Stimme einer Frau. »Der Direktor wird Sie jetzt empfangen.«

Er drehte sich um und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. »Danke, Margaret.«

»Gehen Sie hinein.«

Director Lay sah von seinem Computer auf, als Harry das Büro betrat. Lay, bereits Anfang sechzig, war ein dicker Mann, der das Gewicht von jemandem mit sich herumschleppte, der die meiste Zeit seiner Karriere hinter einem Schreibtisch verbracht hatte. Was auch der Wahrheit entsprach, auch wenn niemand den Job des CIA-Direktors als leicht oder stressfrei bezeichnet hätte. Sein graues Haar sprach diesbezüglich Bände.

»Setzen Sie sich«, wies er Harry an. »Ich bin froh, dass Sie so schnell hier sein konnten. Wie ich hörte, hätten Sie seit Ihrer Ankunft aus Mexiko City gestern Nacht noch einiges an Schlaf aufzuholen.«

Harry zuckte mit den Schultern und nahm in einem der Sessel vor dem Schreibtisch Platz. »Ich musste den Nachtflug nehmen. Ich nehme an, es ist dringend.«

»Das ist es. Gute Arbeit übrigens mit Calderon, Nichols«, warf der Direktor ein. Das war alles, was er über jene drei gefährlichen Monate, die zur Ermordung des Drogenbarons geführt hatten, verlor. Und alles, was jemals darüber gesagt werden würde. Schweigen bedeutete Gold. »Ich hoffe, Sie haben zu Mittag gegessen?«

»Ich hab mir schnell etwas in der Cafeteria geholt.«

»Gut. Denn das wird eine Weile dauern.«

»Was ist los?«

Lay händigte ihm eine dünne Akte aus. »Erkennen Sie diesen Mann?«

Harry klappte die Akte auf und studierte kurz das Foto darin. »Moshe Tal«, verkündete er ruhig, ohne dass seine Stimme etwas von seiner innerlichen Verwirrung verriet. »Israels führender Archäologe.«

»Sie kennen ihn?«

»Nur seinen Ruf. Er gilt als moderner Indiana Jones, sagt man.«

»Nun, wer immer das sagt, hat recht damit. Er ist ein Cowboy.«

»Das hörte ich. Er scheint sich nicht sonderlich um die Konventionen seines Berufsstandes zu scheren. Wie passt er in dieses Bild?«

Der CIA-Direktor schnaubte verächtlich. »Er ist das Bild. Vor sechs Monaten bekam er von der iranischen Regierung die Erlaubnis, archäologische Ausgrabungen im Elburs-Gebirge durchzuführen, offenbar in den Ruinen einer mittelalterlichen persischen Stadt.«

»Entschuldigen Sie, Sir«, unterbrach ihn Harry. »Die haben einem israelischen Archäologen Zutritt in ihr Land gewährt?«

»Das allein hört sich schon unglaublich an, nicht wahr?«

»Das können Sie wohl sagen. Wie viele Leute hatte Dr. Tal bei sich?«

»Das Team war sehr klein. Das ist ein weiteres Markenzeichen von ihm. Insgesamt fünfzehn, darunter Dr. Tal selbst, dreizehn Amerikaner und eine Australierin namens Rachel Eliot.«

»Keine weiteren Israelis?«

Ein grimmiges Lächeln erschien im Gesicht des Direktors. »Sie folgten der Aufforderung ihres Landes, dem Iran besser fernzubleiben.«

»Und unsere Landsleute taten das nicht? Wieso überrascht mich das nicht?«

»Weil Sie das für gewöhnlich nie tun.«

»Warten Sie mal, Direktor«, sagte Harry und hob unvermittelt die Hand. »Sie sagten, das Team war sehr klein. Was ist passiert?«

Director Lay öffnete seine Schreibtischschublade und nahm einen weiteren Ordner heraus, den er über den Tisch reichte. »Deshalb sind Sie hier. Sie sind verschwunden.«

Harrys einzige Reaktion bestand darin, die Augenbrauen nach oben zu ziehen. »Wirklich?«

»Sie sind vor fünf Tagen verschwunden«, antwortete der Direktor und nickte. »Das gesamte Team. Jeder Einzelne von ihnen. Steht alles in der Akte. Alles, was wir bislang darüber wissen.«

Harry öffnete die Akte und nahm ein paar Hochglanzfotografien heraus, die ganz eindeutig vergrößerte Satellitenaufnahmen zeigten.

»Die erste Aufnahme stammt vom Dreizehnten. Da sich Amerikaner in dem Team befanden, ließen wir das Lager einmal täglich von einem Satelliten überfliegen. Nur, um sicherzugehen, dass ihnen nichts passiert.«

»Aber irgendwas ist passiert.«

Lay nickte. »Korrekt. Das erste Foto, digital aus einem Überflug des KH-13 vergrößert, zeigt ein geschäftiges Lager«, bemerkte er und bezog sich dabei auf den Key-Hole-Spionagesatelliten. »Auf dem Foto ist beinahe jeder zu sehen. Einer der Amerikaner, Joel Mullins, fehlt, aber nach einem thermischen Scan fingen wir eine Wärmesignatur in einem der Zelte auf.«

»Also war er wahrscheinlich darin.«

»Höchstwahrscheinlich. Jetzt werfen Sie einen Blick auf das zweite Foto, aufgenommen am Vierzehnten. Was sehen Sie?«

»Gar nichts«, sagte Harry langsam. »Keine Menschen, keine Zelte, nichts. Alles ist verschwunden.« Er sah von dem Foto auf. »Das ist jetzt fünf Tage her. Irgendwelche Erkenntnisse?«

»Ja.« Der Direktor der CIA holte eine dritte Fotografie aus seinem Schreibtisch und schob sie ihm zu. »Sehen Sie sich das mal an.«

Harry folgte der Aufforderung und riss die Augen auf. »Was um alles in der Welt haben die denn da zu suchen?«

»Das ist es, was Sie herausfinden sollen.«

Ein Strand, Atlantic City, New Jersey, 13:05 Uhr

»Lass das!«, prustete Thomas Parker, der unsanft aus seinem Nickerchen gerissen wurde, als Wasser auf ihn spritzte.

Der sechsunddreißigjährige gebürtige New Yorker sah zu der jungen Frau und dem nunmehr leeren Eimer in ihren Händen hinauf, von dessen Rand es noch verräterisch heruntertropfte. In ihren dunklen Augen blitzte Schadenfreude auf. Mit einer schnellen Bewegung tat sie so, als würde sie mit dem Eimer nach ihm werfen wollen, und bekam einen Lachanfall, als er sich instinktiv von der Decke in den Sand rollte.

»Ich sagte, du sollst damit aufhören, Julie!«, protestierte er. Sand blieb an seiner nassen Brust kleben.

»Willst du mich etwa daran hindern?« Sie lachte und tänzelte von ihm fort, als er versuchte, ihren Knöchel zu packen.

Er lehnte sich zurück, strich sich seine nassen braunen Haare aus der Stirn und sah seine Freundin an. »Nein, wahrscheinlich nicht. Aber früher oder später …« Er drohte ihr mit seinem Zeigefinger »Du wirst schon sehen.«

»Was denn?«

In diesem Moment klingelte sein Handy und was immer er als Antwort im Sinn gehabt haben mochte, war in dem Moment vergessen, als er nach dem Telefon griff. Zwei Worte blinkten auf dem Bildschirm auf: SICHERE VERBINDUNG. Das konnte nur Kranemeyer sein. Und das bedeutete nichts Gutes, was seine Pläne für den Abend anbelangte. Er stand auf und warf Julie einen Blick zu.

»Das ist privat«, warnte er sie und tippte in rascher Folge die Code-Sequenz für die verschlüsselte Verbindung ein.

»Wer ist das, eine andere Freundin?«, wollte sie wissen und musterte ihn dabei genau.

Er schüttelte den Kopf und grinste sie an.

»Nein, das ist mein Boss.« Mit ein paar Schritten entfernte er sich von dem Sonnenschirm, unter dem bis eben noch gelegen hatte. »Thomas hier.«

»Wo zur Hölle stecken Sie, Parker? Ich hab es bei Ihnen zuhause versucht, konnte Sie dort aber nicht erreichen.«

»Ich bin im Urlaub, Sir. Wieso sollte ich da zuhause sein? Ich bin in Atlantic City, hänge ein wenig am Strand ab, surfen und so.«

»Nun, Ihr Urlaub ist hiermit beendet. Ich brauche Sie in Langley, sofort. Da braut sich was zusammen.«

»Sofort?«, wiederholte Thomas mit offenkundigem Widerwillen und spähte zurück zu Julie. Würde sicher lustig werden, ihr das zu erklären.

»Hören Sie zu, Parker. Ich will Sie im Hauptquartier haben, so schnell wie möglich. Es gibt einen Einsatz. Haben Sie noch irgendwelche Fragen?«

»Nein«. Der Tonfall in Direktor Bernard Kranemeyers Stimme hatte deutlich gemacht, dass es keiner weiteren Fragen bedurfte. Und Thomas hatte nicht neun Jahre im National Clandestine Service überlebt, indem er seinen Boss ständig auf die Palme brachte. »In ein paar Stunden bin ich da.«

»Gut«, lautete die knappe Antwort, dann legte Kranemeyer auf. Thomas starrte das Telefon noch ein paar Sekunden an, bevor er es beiseitelegte.

»Worum ging es?«, hörte er Julie fragen.

Er nahm ihre Jeans von der Rückenlehne einer der Liegestühle und warf sie ihr zu. »Zieh dich an«, sagte er kurz angebunden. »Wir gehen.«

»Wieso?«, fragte sie, die Hose noch immer in den Händen haltend.

»Ich muss zurück zur Arbeit«, fuhr er sie mürrisch an. »Jetzt mach schon!«

CIA-Hauptquartier, Langley, Virginia, 14:03 Uhr

»Parker ist auf dem Rückweg von Atlantic City. Zakiri war in Seattle seine Familie besuchen und kam heute Morgen mit einer United-Maschine an. Und Richards kommt von der Farm«, meldete Kranemeyer, wobei er sich auf das Trainingszentrum der CIA in Camp Peary, Virginia bezog. »Damit wäre soweit alles klar, oder?«

»Falsch«, kommentierte Harry und verschränkte die Arme vor seiner Brust. Seine Augen funkelten. »Mich würde interessieren, wieso Sie mein Team in einer Sache losschicken wollen, die eigentlich von einem diplomatischen Gesandten geklärt werden könnte? Ganz zu schweigen von der Frage, wie Sie einen Anti-Kriegs-Präsidenten dazu bewegen konnten, einen solchen Einsatz zu autorisieren.«

»Aus zwei Gründen«, antwortete Lay tonlos. »Zum einen sind es keine zwei Monate mehr bis zur Wahl, und das Letzte, was der Präsident wünscht, ist, dass eine Geiselnahme seine Wiederwahl überschattet. Und nun, da seine Präsidentschaft bedroht wird – na ja, das hier ist D.C., Harry. Sie wissen ja, wie es in dieser Stadt um die Halbwertzeit von Werten und Moral bestellt ist. Kurzum, der Mann will handeln, keine Reden führen. Was den zweiten Grund angeht – wollen Sie es ihm erzählen, Barney, oder soll ich?«

Kranemeyer schüttelte den Kopf und streckte seine Hand nach dem Schalter auf Lays Schreibtisch aus. »Darf ich, Sir?«

Der DCIA nickte.

Harry sah die beiden Männer an. Hier war irgendwas im Gange, von dem er noch keinen blassen Schimmer hatte. Ein weiterer Faktor. So wie in den meisten Fällen, wenn der Boss involviert war. Als früherer Geheimagent wurde Kranemeyer nicht umsonst auch »Dark Lord« genannt.

Er kannte nicht die ganze Wahrheit. Wahrscheinlich würde er das auch nie. In seinem Beruf war Wahrheit ein flüchtiges Gut. Aber zumindest würde er gleich eine weitere Einzelheit kennenlernen.

Einen Augenblick später öffnete sich die Tür zum Vorzimmer und ein kleiner, schlanker schwarzer Mann mit einem Laptop unter dem Arm kam herein.

»Harry«, begann Director Lay. »Carter hier wird uns im Eiltempo auf den neuesten Stand bringen, was die Anhänger anbelangt. Haben Sie die Daten dabei, Ron?«

»Die Anhänger auf der verlassenen Ausgrabungsstätte?«, fragte Harry und schüttelte Carters Hand. Der afroamerikanische Analytiker begrüßte ihn mit einem kurzen Kopfnicken und platzierte seinen Computer auf dem Schreibtisch des Direktors, dabei ganz offensichtlich in seinen eigenen Gedanken versunken. Harry lächelte. Ron Carter und er kannten sich schon eine ganze Weile und er hatte gelernt, die Fähigkeiten dieses Mannes niemals zu unterschätzen. Trotz seiner gelegentlichen Neigung zu unsozialem Verhalten war Carter der beste Foto-Analytiker, den die Agency zu bieten hatte und besaß zudem ein Talent für die Leitung von Außeneinsätzen, was Kranemeyer vor zwei Jahren dazu veranlasste, ihn vom Nachrichtendienst abzuwerben.

Carter nickte und drehte den Laptop herum, damit alle den Bildschirm einsehen konnten. Das Bild einer der Anhänger war zu sehen. »Sofort, nachdem wir die Fotos reinbekamen, habe ich sie durch unsere Datenbank laufen lassen. Es dauerte eine Weile, bis wir sie zuordnen konnten, aber hier ist es.«

»Was haben wir da?«

»Sei sind beinahe identisch mit den mobilen Labors für biologische Waffen, wie sie Saddam Hussein in den Neunzigern verwendete«, erklärte Carter und schob sich seine Brille auf dem Nasenrücken zurecht. »Aber diese gehören nicht dazu.«

»Wo also haben sie die her?«

»Wenn Sie sich erinnern, Harry, sprang vor drei Jahren ein Spec-Ops-Team der CIA über Aserbaidschan ab, um eine Waffenlieferung der Russen an den Iran abzufangen.«

Harry schloss die Augen und nickte. Daran erinnerte er sich nur zu gut. Schließlich hatte er diese Mission geleitet. Er erinnerte sich an den HAHO-Sprung aus der C-130 – High Altitude, High Opening, große Absprunghöhe, große Öffnungshöhe – und ihren langsamen Abstieg in die winterliche aserische Nacht und die Dunkelheit unter ihnen. Er und neun weitere, zwei komplette Einsatztrupps, Alpha und Charlie. Sie vermuteten, dass die Russen Atomwaffen verkauften, und hatten den Befehl, den Konvoi unter allen Umständen aufzuhalten, koste es, was es wolle. Und der Preis erwies sich als hoch.

Zwei Männer starben direkt bei der Landung. Einer der beiden war offenbar vom Wind über eine Klippe geweht worden. Den Rest von ihnen hatte es in alle Himmelsrichtungen verstreut. Von drei Kameraden hörten sie nie wieder etwas. Ihm und vier der Überlebenden gelang es, sich neu zu formieren und die Brücke zu erreichen, wo sie den Konvoi abfangen sollten. Als sie dort ankamen, war der Wagenzug schon längst über alle Berge. Lediglich ihre Reifenspuren im Schnee bargen einen Hinweis darauf, dass sie überhaupt die Brücke passiert hatten. Sie waren zu spät gekommen. Und dann begann das aserische Militär nach ihnen zu suchen.

Ihr Weg zurück zur Landezone war eine Erinnerung, die er am liebsten zu vergessen suchte. Die rauen Winterstürme, die ihnen zusetzten. Der Schnee. Die Höhlen, in denen er und die anderen Zuflucht suchten, um sich vor den Helikoptern zu versteckten, die nach ihnen Ausschau hielten.

Der Hunger. Der Durst, der sich nur kaum dadurch lindern ließ, dass sie Schnee aßen. Die bittere Kälte. Das kurze Feuergefecht mit einer aserischen Patrouille, als der Pave Low Kampfhubschrauber sie von der heiß umkämpften Landezone abholte. Die Namen der Männer, die umgekommen waren. Oh, und ob er sich daran erinnerte.

»Ja«, antwortete er unterkühlt, emotionslos.

»Diese Anhänger waren ein Teil jener Lieferung.«

»Ich verstehe.«

Ein CIA-Hubschrauber im Flug über dem Potomac, 14:19 Uhr

»Worum geht es eigentlich, Sir?«

»Das werden wir herausfinden, wenn wir da sind«, erwiderte Jack Richards schroff, wandte sich von seinem Begleiter ab und sah zum Fenster hinaus. Seinen charakteristischen Stetson hatte er sich tief über seine kohlrabenschwarzen Augen gezogen. Sein Gesicht war wettergegerbt und lederig, die dunkle Gesichtsfarbe verdankte er seinem Großvater mütterlicherseits, einem Mescalero-Apachen. Er war auf der Ranch seiner Familie in Texas aufgewachsen, was einer der Gründe war, weshalb ihn seine Freunde »Tex« riefen.

Als früherer Marine Force Recon Demolition Specialist war der Texaner vor fünf Jahren dem Clandestine Service beigetreten, im Alter von neunundzwanzig Jahren.

Für gewöhnlich eher schweigsam, gab es nur wenige Menschen, die ihn verstanden, und noch weniger, die sich als seine Freunde bezeichnen konnten. Zu behaupten, er würde sich schwer damit tun, eine Unterhaltung zu führen, war noch untertrieben. Er meldete sich nur dann zu Wort, wenn er etwas wirklich Wichtiges zu sagen hatte, und wenn er das tat, hörten ihm die Menschen zu – ihm und seiner Erfahrung.

Dennoch war er ein ungewöhnlicher Mann. Selbst Gebäude betrachtete er auf andere Art als die meisten. Andere Menschen bewunderten die architektonische Schönheit oder beklagten das Fehlen derselben, dachten über die Menschen darin nach oder ignorierten sie vollständig. Aber nicht Richards. Er berechnete in Gedanken die Menge an Sprengstoff, die notwendig sein würde, um es zum Einsturz zu bringen. Für ihn war das ein gutes Training.

Derzeit unterrichtete er neue Rekruten in Sprengstoffkunde auf der Farm, weshalb ihn der Anruf vor ein paar Stunden überraschte. Befehl zur Mobilmachung. Wohin es ging, wusste er nicht. Aber wenn er den jungen Mann neben sich betrachtete, hatte er so eine Ahnung. Der Agent besaß Vorfahren aus dem Mittleren Osten. Er hatte ihn nie gefragt, aus welchem Land genau. Bislang war das nicht wichtig gewesen …

Davood Samiri gelangte schließlich zu der Überzeugung, dass es unwahrscheinlich war, noch irgendwelche Antworten aus dem großen Texaner herauskitzeln zu können, also folgte er dessen Beispiel und starrte aus dem Fenster des Hubschraubers hinaus auf das von ihm adoptierte Land.

Die Nation, zu deren Schutz er sich mit einem Eid verpflichtet hatte. Als Sohn iranisch-amerikanischer Immigranten hatte der Morgen des elften Septembers 2001 ein böses Erwachen für ihn und seinesgleichen bedeutet, genau wie für den Rest der Welt.

Er hatte im Wohnzimmer seines Vaters gesessen und dabei zugesehen, wie Amerika beinahe in die Knie gezwungen worden war. Hatte zugesehen und zum ersten Mal in seinem Leben seinen Glauben infrage gestellt. Er hatte sich gefragt, wie es möglich sein konnte, dass sich diese Terroristen an die gleiche Heilige Schrift wie er klammerten, die heiligen Worte Allahs.

Und plötzlich wusste er nicht mehr, was er überhaupt noch glauben sollte …

CIA-Hauptquartier, Langley, Virginia, 14:23 Uhr

»Wie Sie sicherlich wissen, wenn Sie die Nachrichten verfolgt haben«, begann Lay und nahm das Briefing an der Stelle wieder auf, an der Carter geendet hatte, »hat sich die Situation im Iran in den letzten Jahren dramatisch verändert. Mit der zunehmenden Macht der iranischen Revolutionsgarde nach dem Tod Khameneis vor zwei Jahren wandelt sich das Land unter der Führung des ehemaligen Garden-Kommandeurs Mahmoud F’azel Shirazi immer mehr zu einem Prätorianerstaat. Die geistliche Oligarchie der Mullahs ist noch intakt, existiert aber weitgehend nur deshalb, weil sie von der IRGC geduldet wird.«

Er schob Harry ein Foto über den Schreibtisch zu, bevor er weitersprach. »Das ist Shirazi. Wir hatten ursprünglich gehofft, dass unter seiner Macht der religiöse Eifer ein wenig eingedämmt wird, der die Regentschaft Khameneis ausmachte, aber da wurden wir enttäuscht. Ganz im Gegenteil, gegen Shirazi wirkt Khameneis Jünger und Nachfolger, Ayatollah Youssef Mohaymen Isfahan, beinahe gemäßigt.«

Harry nickte. »Und das will was heißen.«

»Unter Shirazis Führung entspannte sich das Verhältnis des Irans zum Westen ein wenig, aber es gibt einige, die das nur für die Ruhe vor dem Sturm halten. Sie haben ihren Einfluss auf den Irak ausweiten können, nachdem die von den Iranern unterstützten Schiiten bei den letzten Wahlen die Mehrheit in ihrem Parlament gewannen. Das gleiche passiert derzeit auch in den ganzen anderen Stans«, fügte Lay hinzu, womit er die vielen kleinen muslimischen Länder nördlich und östlich des Irans meinte, von denen die meisten ehemalige Mitgliedsstaaten der Sowjetunion waren und deren Namen alle auf -stan endeten.

»Die IRGC-eigenen Firmen kontrollieren nun bereits zwischen sechzig und siebzig Prozent der iranischen Wirtschaft, was bedeutet, dass unter den verbleibenden Firmen kein echter Wettbewerb geduldet wird. Die Ränge der Basidschi-Miliz sind in den letzten Jahren sehr erstarkt, und man vermutet, dass sie bereits wieder geheime Verhandlungen mit Nordkorea aufgenommen haben. Da braut sich was zusammen und es ist nur eine Frage der Zeit, wann und wo die Sache eskaliert.«

In diesem Moment klopfte es an der Tür. »Herein«, rief Director Lay. Seine Sekretärin betrat das Büro.

»Mr. Richards Hubschrauber ist gelandet, Sir.«

Der CIA-Direktor lächelte knapp. »Danke, Margaret.« Sie huschte wieder hinaus und er lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf die Männer vor ihm. »Wieso treffen wir uns nicht mit Richards in der Einsatzzentrale?«

Kranemeyer zog eine Akte unter seinem Arm hervor und reichte sie Harry. »Ein Rekrut von der Farm begleitet Jack. Er ist iranischer Abstammung und spricht fließend Farsi. Er gehört von jetzt an zu Ihrem Team. Wenn der Einsatz gut verläuft, wird er dauerhaft versetzt. Darin steht alles, was Sie wissen müssen.«

»Verstanden, Sir.«

Schnelllesen gehörte schon immer zu Harrys Talenten, und so hatte er die Akte bereits überflogen, als der Fahrstuhl die Ebene der Einsatzzentrale erreichte. An diesem Punkt wusste er also bereits alles, was die Agency ihm an Informationen über Davood Sarami, einem Immigranten zweiter Generation Mitte zwanzig, zugänglich machen wollte. Ein wenig mehr würde er über ihn herausbekommen, wenn er ihn persönlich in Augenschein nehmen konnte. Ob er sich bewährte, würde er jedoch erst dann herausfinden, wenn sie sich im Einsatz befanden, wenn es kein Zurück mehr gab. Unter seiner Führung. Er hasste so etwas.

Harry zog es vor, mit Männern zu arbeiten, die er kannte – mit Männern, deren Fähigkeiten er abschätzen konnte. Männer, bei denen er sich darauf verlassen konnte, dass sie ihren Job erledigen würden.

Männer wie Thomas, Tex und Hamid Zakiri, ebenfalls Überlebende der Mission in Aserbaidschan und so vieler anderer Einsätze davor und danach. Er kannte sie alle und er vertraute ihnen. Zählte sie zu seinen Freunden. Aber nur Hamid als irakisch-amerikanischer Schiite sprach Farsi.

Auch Harry war mit der Sprache vertraut, aber er brauchte noch jemanden, der sie wie seine Muttersprache beherrschte. Hoffentlich würde dieser Mann der Anforderung gewachsen sein …

»Also, meine Herren, das ist die gegenwärtige Situation.« Director Lay sah von seinen Dokumenten der Einsatzbesprechung auf. »Noch Fragen?«

Harry hatte nicht zugehört, denn er hatte das alles schon einmal erklärt bekommen, vorhin, in der siebten Etage. Also verbrachte er seine Zeit mit Zusehen.

Er beobachtete den jungen Iraner, beobachtete seine Reaktionen während des Briefings. Versuchte, seine Gedanken zu lesen, ihn einzuschätzen. Nach einem Moment hob Sarami die Hand.

»Wie viele iranische Truppen befinden sich in dem Camp?«

Das war eine gute Frage. Und eine, die du selbst hättest stellen sollen, erinnerte ihn eine kleine Stimme in seinem Kopf. Soweit, so gut.

Lay warf Ron Carter einen fragenden Blick zu.

»Anfänglich konnte unser Satellit bei seinen Überflügen nur eine Handvoll Männer ausmachen, vielleicht zwölf oder dreizehn Soldaten«, antwortete Carter, der mit seinem Laptop in der Hand vorgetreten war. »Der letzte Scan allerdings, der vor zwölf Stunden gemacht wurde, zeigte wenigstens Platoon-Stärke, schätzungsweise fünfzig Mann, alle schwer bewaffnet. Außerdem entdeckten wir eine unbestimmte Anzahl von Wissenschaftlern. Ich glaube, wir können davon ausgehen, dass einige von ihnen militärisches Training genossen haben.«

»Triple-A?«

»Negativ. Die Satellitenbilder zeigen keine der üblichen Luftabwehrgeschütze. Allerdings ist mit heftigem Beschuss aus Handfeuerwaffen zu rechnen, weshalb von einem direkten Luftschlag abzuraten ist. Wir werden ein paar Klicks außerhalb landen müssen.«

»Haben wir irgendeine Vorstellung davon, wieso das iranische Militär ausgerechnet dort eine Einrichtung für biologische Kampfstoffe errichten sollte?«

David Lay schüttelte den Kopf. »Nichts davon ergibt irgendeinen Sinn. Deshalb schicken wir Sie rein. Um herauszufinden, was dort genau vor sich geht.«

»Demnach wird das Alpha-Team wieder eingesetzt?«, fragte Hamid Zakiri, der das erste Mal eine Frage stellte. Alle Köpfe drehten sich zu dem irakischen Agenten um, der einige Meter abseits stand und gelassen an einer Pepsi nippte. Mit einem Meter achtzig war er bei Weitem nicht das größte Teammitglied, dafür aber leicht und schnell. In seiner Armeezeit hatte er auf der Ranger School einen Rekord nach dem anderen aufgestellt.

»Ja«, beantwortete Harry die Frage seines alten Freundes. Das Alpha-Team in seiner Gesamtheit war seit einem Jahr nicht mehr offiziell in einer Mission unterwegs gewesen, obwohl das eine oder andere Teammitglied unabhängig eingesetzt wurde. Seine eigene Mission südlich der Staatsgrenze war nur die letzte in einer langen Reihe gewesen.

»Beinahe wie in alten Zeiten.« Hamid lächelte und seine weißen Zähne bildeten einen starken Kontrast zu seiner tief gebräunten Haut. »Jetzt müssten wir nur noch Sammy zurückholen.«

Harry nickte. Samuel Hans Ausscheiden aus dem aktiven Dienst nach der Mission in Aserbaidschan hatte im Team eine Lücke hinterlassen, die sie auch jetzt noch, Jahre später, nicht dauerhaft schließen konnten. Aber niemand konnte es ihm verübeln. Nach den Verlusten in jenem Winter ertrug er es einfach nicht mehr. Er kehrte der Agency für immer den Rücken und zog sich in die Berge West-Virginias zurück. Gerüchten zufolge lebte er jetzt ein Einsiedlerleben. Die Belastungen während eines Kampfes konnten so etwas bewirken. Und natürlich der Verlust von Freunden …

Davood Sarami hatte unterdessen die Karte an der hinteren Wand studiert. Als er sich zu ihnen umdrehte, war sein gebräuntes Gesicht seltsam bleich geworden.

»Was ist los, Davood?«, fragte Kranemeyer, dem sein seltsamer Blick aufgefallen war.

»Woran … arbeiteten diese Archäologen? Was war es, das sie auszugraben versuchten?«

»Spielt das eine Rolle?«

Davood nickte. »Vielleicht. Vielleicht sogar eine sehr große.«

»Ron?«

Der Analytiker widmete sich wieder seinem Computer und tippte auf ein paar Tasten. »Einen Moment … sehen wir mal nach.« Er sah auf. »Die Ruinen von Rhodaspes. Eine altertümliche persische Handelsstadt.«

»Ya Allah«, flüsterte der Iraner. Oh Gott.

»Stimmt was nicht?«, fragte Harry und musterte den Mann genauer. Irgendetwas ging hier vor. Er wusste nicht, was es war, aber er hatte so ein Gefühl, dass es ihm nicht gefallen würde.

»Kennen Sie die Gegend?«

Davood hob den Blick und sah zuerst zu den DCS und dann zu Harry. »Nein«, sagte er und beantwortete damit zuerst Kranemeyers Frage. »Ich kenne die Gegend nicht. Meine Eltern wurden einige hundert Kilometer entfernt geboren. Aber Rhodaspes …«

»Was ist damit?«

»Die Iraner nennen es den Ort der Dschinn. Die Stadt der Geister …«

Das Zeltlager, 23:39 Uhr Ortszeit

Der Wachsoldat patrouillierte durch das Lager auf und ab. Seine schwitzigen Hände umklammerten fest sein Kalaschnikow-Sturmgewehr und seine Augen spähten nervös in die Dunkelheit.

Ein kühler Wind wehte über das Plateau hinweg und ließ ihn frösteln. Dieser Ort hatte etwas Bösartiges an sich. Das wusste er, konnte es beinahe riechen.

Es war viel zu still. Nichts, nicht einmal das nächtliche Geräusch wilder Tiere durchbrach die Stille. Selbst die Vögel schienen diesen Ort zu meiden.

Er warf einen Blick auf die Anhänger hinter ihm. Er hatte eine Ahnung, wozu sie dienten. Doch eigentlich wollte er das gar nicht wissen. Denn auch in ihnen wohnte das Böse. Etwas Böses, dass den Herzen der Menschen entsprang, so düster wie die Nacht, die ihn einhüllte.

Er machte kehrt und begann zurückzulaufen. Seine AK-47 hielt er noch immer schussbereit vor sich, ihren Lauf suchend in die Nacht vor ihm gerichtet. Die einzige Macht, die er noch über diesen Ort hatte.

Er spürte, wie ihn ein Hustenreiz überfiel, und hielt sich die Hand vor den Mund.

Der Husten schien ihm beinahe die Kehle zu zerreißen und als er seine Hand zurückzog, war sie blutverschmiert.

In Panik ließ er sein Sturmgewehr fallen und begann zu rennen, auf die Lichter des Lagers zu, in Richtung der Anhänger. Zu rennen und doch zu ahnen, dass es vielleicht zu spät war. Dass das Böse vielleicht bereits von ihm Besitz ergriffen hatte.

NCS-Einsatzzentrale, Langley, Virginia, 14:51 Uhr

»Geister?«

Davood nickte und wurde ein wenig rot. »Ich weiß, es klingt albern. Aber meine Vorfahren glaubten daran.«

»Das ist nicht der Punkt, Davood«, warf Director Lay ein. »Glauben Sie, dass es wahr ist?«

Für einen Moment herrschte Schweigen. »Nun?«

»Ich weiß es nicht.« Er schüttelte den Kopf. »Wahrscheinlich ist es nicht mehr als ein Mythos, aber wenn sich ein Mythos derart lang hält …«

Harry durchquerte den Raum und studierte die Karte. »Wann nahm diese Legende ihren Ursprung, Davood? Ausgehend von dem, was Ron sagte, muss es sich einst um eine wohlhabende Stadt gehandelt haben.«

»Das weiß nur Allah, aber sicherlich niemand auf dieser Welt.«

»Ich verstehe.« Harry wandte sich wieder den Direktoren zu. »Ich denke, wir haben genug damit zu tun, mit den Wachposten an diesem Lager fertig zu werden. Was das Übersinnliche angeht …«, er lächelte, »… darum kümmern wir uns, wenn wir ihm begegnen.«

»In Ordnung.« Director Lay nickte und ließ ebenfalls ein grimmiges Lächeln aufblitzen. »Ihr Einsatz beginnt am zweiundzwanzigsten September.«

Grove Manor, Cypress, Virginia, 19:14 Uhr

Harry fuhr seinen Wagen in die kleine Garage, die er am Rand seines Anwesens gebaut hatte, und sperrte sie sorgfältig hinter sich ab.

Seine Colt befand sich in seiner rechten Hand, als er mit schnellen Schritten auf das Haus zuhielt und sich dabei in der zunehmenden Dunkelheit immer wieder umsah. Die riesigen Eichenbäume, denen das Haus seinen Namen verdankte, warfen wie das Haus selbst lange Schatten über ihn.

Während er den gepflasterten Weg zwischen den hüfthohen Buchsbaumhecken entlangschritt, sah er zu dem großen Herrenhaus aus der Zeit des Bürgerkriegs hinauf, das er von der mütterlichen Seite seiner Familie geerbt hatte. Es war meilenweit zu sehen, ein Markenzeichen der kleinen Gemeinde von Cypress, Virginia. Und genau deswegen der Grund, weshalb er vorsichtig war.

Es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass einer der vielen Feinde, die er sich über die Jahre gemacht hatte, überhaupt wusste, wer er in Wirklichkeit war, geschweige denn, wo er wohnte. Aber das Fehlen solcher Anzeichen bedeutete nicht zwingend das Gegenteil. Er war lange genug am Leben, um das zu wissen, und immer noch am Leben, weil er es wusste.

An der Haustür angekommen schob er seine Hand in den Fingerabdruck-Scanner und wartete, bis er das schwache metallische Klicken hörte, welches ihm verriet, dass die Tür nun entriegelt war.

Wenn er einmal bei einer Mission starb, würden sie ihre liebe Not haben, in sein Haus zu gelangen. Aber wenn das geschah, würde es ihm kein Kopfzerbrechen mehr bereiten. Und wenn er überlebte – nun, dann konnten die Dinge wie gehabt so weitergehen.

Er betrat das Haus, huschte durch die Eingangshalle und lauschte, bevor er das Licht anschaltete. Alles war ruhig.

Am Fuße der Wendeltreppe aus Mahagoniholz, die in das zweite Stockwerk führte, hielt er kurz inne und hockte sich auf den Boden, um den hauchdünnen Draht zu untersuchen, der über die erste Stufe gespannt war. Dieser war noch immer intakt. Demnach war in seiner Abwesenheit niemand dort oben gewesen.

Harry steckte die Colt in ihr Holster zurück, zog seine Jacke aus und legte sie über die Lehne eines der Küchenstühle. Die Mission im Iran bereitete ihm Sorgen. Es gab einfach zu viele Unbekannte. Und der Umstand, dass er das neue Mitglied seines Teams ebenfalls kaum einschätzen konnte, ließ Harrys Unbehagen noch weiter wachsen.

Er nahm eine Kaffeemühle aus einem der Hängeschränke, gab eine Handvoll Bohnen hinein und begann sich einen Kaffee zuzubereiten.

Er wurde Davoods Bemerkung nicht los, dass der Ort verflucht sei, egal wie scheinbar leichtfertig er sie während des Treffens abgetan haben mochte. Er hatte lange genug im Mittleren Osten zu tun gehabt, um zu wissen, dass die Mythen der Menschen dort häufig auf Fakten beruhten. Lange genug, um zu wissen, dass man sie nicht einfach abtun sollte.

Er hatte keine Ahnung, was sie erwarten würde. Alles, was er wusste, war, dass es ihm ganz und gar nicht gefiel …

20. September, das iranische Basislager, 06:45 Uhr Ortszeit

»Sie wollten mich sprechen?«

»Ja, Major, das wollte ich«, antwortete der Wissenschaftler, als Major Farshid Hossein das mobile Labor betrat. »Es geht um Ihren Wachmann.«

»Malik?«, lautete die Frage des Basiskommandanten, während er die Tür hinter sich schloss. Er war ein hoch aufgeschossener Mann, etwa um die vierzig. Unter Hosseins unerbittlichem Blick schien es dem Wissenschaftler, als sähe dieser einem Falken zum Verwechseln ähnlich. Mit hellblauen Augen starrte der Mann über eine Hakennase hinweg, die über einen kurz geschnittenen schwarzen Bart hinausragte.

»Folgen Sie mir.«

Er drehte sich um und lief voraus. Seine Füße klackerten über den metallenen Boden. Vor einer versiegelten Metalltür blieb er stehen und reichte dem Soldaten eine Atemmaske und Handschuhe. Dann lächelte er entschuldigend.

»Es ist nicht genug, aber das Beste, was ich tun kann.«

»Die Leichen – sind sie versiegelt?«

»Baleh«, antwortete der Wissenschaftler nickend. Ja. Zur Tür gewandt tippte er einen kurzen Zahlencode in das Tastenfeld neben der Tür ein. »Hier entlang.«

Kalte Luft strömte dem Major entgegen, als er eintrat, und verschlug ihm beinahe den Atem. Ein immenser Unterschied zu der Hitze, die sich draußen bereits unter der Sonne aufstaute. In dem Raum waren versiegelte Container aufgereiht, beinahe wie Särge in einer Leichenhalle.

Auf gewisse Weise waren sie das auch, denn die Personen, die darin lagen, waren entweder tot oder würden es sehr bald sein. Wieder spürte der Mann, wie es ihm kalt den Rücken hinunterlief, aber dieses Mal war nicht die kühle Luft um ihn herum die Ursache dafür.

Es war etwas anderes.

Der Wissenschaftler deutete auf einen der Behälter mit durchsichtiger Abdeckung hinunter. Major Hossein sah hinein. Malik.

Alles, was er noch für ihn tun konnte, war, seinen Blick nicht von ihm abzuwenden. Er kannte diesen Mann seit Jahren. Sie hatten zusammen gegen die Imperialisten im Irak gekämpft, nach der Invasion, als sein Land begann, Waffen und Geld in den Aufstand zu stecken. Dieser Mann hatte ihm das Leben gerettet.

Und nun das …

Malik lag vollständig nackt im grellen Licht des Labors. Für Scham war an diesem Punkt kein Platz mehr und auch keine Notwendigkeit. Sein Körper war auf groteske Art angeschwollen, sodass er beinahe doppelt so dick erschien wie zuvor. Jede einzelne seiner Venen zeichnete sich deutlich ab, als hätte sie jemand mit einem schwarzen Stift nachgezeichnet. Aber das war nicht der Fall. Tatsächlich hatte sich sein gesamtes Blut schwarz verfärbt.

Als er merkte, dass sich jemand im Raum befand, drehte er ihnen den Kopf zu und seine blutunterlaufenen Augen schimmerten im Licht.

Seine Lippen öffneten sich, als versuchte er, mit ihnen zu reden. Stattdessen hustete er und Blut rann ihm aus den Mundwinkeln.

»Wie lange?«, fragte Hossein und wendete sich ab.

»Vierundzwanzig Stunden.«

Der Major schüttelte den Kopf. »Haben Sie irgendeine Ahnung, was das ist?«

»Dr. Ansari wird in zwei Tagen aus Teheran hier eintreffen. Ich würde es vorziehen, mich mit meinem Urteil bis dahin zurückzuhalten.«

Farshid türmte sich vor dem jungen Wissenschaftler auf. »Mir bleiben keine zwei Tage. Ich muss wissen, wie ich meine Männer beschützen kann! Was muss ich tun?«

»Major, ich würde lieber …«

Er kam nicht dazu, seinen Satz zu beenden. »Ich habe keine Zeit für das, was Ihnen lieber ist!«, bellte Hossein, packte den Wissenschaftler am Kragen und knallte ihn gegen die Wand des Anhängers. »Ich will wissen, was das Ihrer Meinung nach ist? Und zwar sofort!«

Der junge Mann schluckte nervös. »In Ordnung. Ich zeige es Ihnen.«

»Gut.« Farshid ließ ihn los und folgte ihm in den Korridor. Der Wissenschaftler rückte seine Brille zurecht und beugte sich über einen Laptop an einem der Arbeitsplätze.

Einen Moment später hatte er die Datenbank gefunden, nach der er suchte, und scrollte zu der betreffenden Seite. »Hier.«

Hossein sah zu der Stelle, auf die der Mann deutete, und riss die Augen auf. »Sind Sie sicher?«

Der junge Mann nickte.

»Möge Allah uns beistehen …«

21. September, eine kleine Kirche am Stadtrand von Cypress, Virginia, 12:17 Uhr

»… und damit wünsche ich Ihnen einen schönen Tag. Möge Gott Sie alle segnen. Sie dürfen gehen.« Der Pastor klappte seine Bibel zu und trat von seinem Podium herunter.

»Das war eine gute Predigt heute«, sagte Harry leise, als er sich ihm näherte, und gab ihm einen festen Händedruck.

Pastor Scott lächelte. Er war ein großer Mann und damit einer der wenigen in dieser Kirche, die Harry direkt in die Augen sehen konnten. Er war Anfang fünfzig, sein Haar war bereits vorzeitig ergraut. Sein Gesicht war faltig und von Mühen der Jahre gezeichnet. Er sah nicht wie ein Mann aus, der es leicht gehabt hatte.

»Es ist schön, Sie wieder bei uns zu haben, Harry«, antwortete er mit einer Stimme, die gleichsam sanft und kraftvoll klang. »Ich wollte Sie bereits um einen Gefallen bitten – ich benötige für nächsten Sonntag jemanden, der mir bei der Kommunion hilft. Würden Sie das für mich tun?«

Harry schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, Pastor. Ich werde nächste Woche nicht hier sein.«

»Wieder im Einsatz?«

»Ja.« Er nickte. Die meisten Menschen in der Kirche wussten, dass er für die CIA arbeitete. Sie wussten nur nicht, was genau er dort tat.

Harry glaubte, dass Pastor Scott so eine Vermutung hegte, aber der alte Mann war weise genug, diese für sich zu behalten. Er fragte ihn auch nie darüber aus.

»Nun, dann möge Gott Sie auf Ihren Wegen beschützen, mein Sohn.« Er legte eine Hand auf Harrys Schulter.

»Das tut er, Pastor. Glauben Sie mir, das tut er.«

»Wissen Sie, Harry, ich kannte Ihre Eltern – damals, bevor sie starben. Ich … nun ja, geben Sie einfach auf sich acht.« Sein Blick war bedeutungsschwanger, schwer zu durchschauen. Harry sah ihn einen Moment lang an, bevor er es aufgab und sich abwandte.

»Danke.« Ein letzter Händedruck, dann war Harry zur Tür hinaus und auf dem Weg zu seinem Wagen. Seine Eltern. Damit fing alles an, nicht wahr? Der Mord an seinen Eltern, die beide an einer kleinen Tankstelle am Stadtrand niedergeschossen wurden. Ermordet von einem durchgeknallten Teenager mit nichts weiter als einem Sportgewehr, um Himmels willen!

Er weilte im Ausland, als es passierte, in Südafrika, wo er versuchte, den Zustrom an Diamanten zu unterbinden, mit denen der Terrorismus dort finanziert wurde. Seine Mission verlief erfolgreich. Und als er zurückkehrte, fand er seine Eltern ermordet vor. Der Teenager, der sie erschossen hatte, war für dreißig Jahre hinter Gitter gewandert, und damit für ihn unerreichbar.

Seitdem hatte er dort nicht wieder getankt. Das war vor neun Jahren gewesen. Wenn er damals zuhause gewesen wäre, wenn er dort gewesen wäre …

Er schüttelte den Kopf. Sein Leben war randvoll mit Worten wie vielleicht, möglicherweise und was wäre wenn, jenen unbeantworteten Fragen seiner Vergangenheit, die wie Löcher in seinem Kopf klafften. Reue. Und er konnte nicht zu ihnen zurückkehren, denn das alles war längst vergangen.

Alles, was er tun konnte, war weitermachen, seine Kämpfe ausfechten, einen nach dem anderen, und dafür zu beten, zu überleben, zu siegen. Er schaltete in den ersten Gang und fuhr aus der Parklücke vor der Kirche.

In zwei Tagen würde er im Irak eintreffen. Von dort aus würden sie mit ihrer Mission starten. Einheiten der AFSOC, der Spezialeinheit der Air Force, waren bereits vor Ort, um sie zu unterstützen. Noch zwei Tage …

Kapitel 2

22. September, an Bord der A C-5 Galaxy Transportmaschine über dem Irak, 01:07 Uhr Ortszeit

Seufzend ließ Thomas sein Buch sinken. Er hatte seit Stunden gelesen. Und um ehrlich zu sein hatte es ihn gelangweilt. Er genoss viele Dinge – nachts mit Freunden in der Stadt unterwegs zu sein, Musik, das Lachen einer Frau. Und er konnte die Hitze des Gefechts genießen, den ureigenen Nervenkitzel zwischen Jäger und Gejagtem.

Aber die Intervalle dazwischen irritierten ihn. Seine Verabschiedung von Julie gehörte nicht unbedingt zu den Highlights der letzten Tage. Sie würde nicht mehr da sein, wenn er zurückkehrte, hatte sie ihn wissen lassen. Also würde niemand auf ihn warten. Niemand. Vielleicht war es so am besten. Wenn er zurückkehrte – nun, wenn er zurückkommen sollte –, würde er sicherlich ein anderes Mädchen finden.

Geistesabwesend zupfte er an den Flügeln auf seinem Shirt herum, der kakifarbenen Uniform, die ihn als Lieutenant der Air Force auswiesen. Das war natürlich gelogen, wie so vieles in seinem Leben. Aber es gab keinen Grund, sich deswegen den Kopf zu zerbrechen. Er ließ den Blick über seine Kameraden schweifen, die Mitglieder seines Teams. Alle schliefen – bis auf einen. Nichols.

Das wunderte ihn nicht. Der Teamführer saß ganz vorn, in der Verkleidung eines Colonels. Die meiste Zeit des Flugs hatte er über seinen Laptop gebeugt mit der Planung der Mission verbracht, wenn er nicht hin und wieder aus dem Fenster sah. Wie in diesem Moment.

Er blickte zu Thomas, als hätte er innerlich gespürt, dass ihn jemand ansah. Seine blauen Augen flackerten kurz und mit einer Intensität auf, die Thomas schon seit langer Zeit mit ihm assoziierte, dann wendete er seinen Blick wieder von ihm ab.

Er arbeitete seit Jahren mit Nichols zusammen und diese Intensität war stets präsent gewesen. Im Privatleben war er ein netter Kerl, die Art von Mann, die man gern als Nachbar gehabt hätte. Und trotz der gelegentlichen Debatten bezüglich Thomas' eher agnostischer Weltsicht waren die beiden wie Brüder.

Wenn jedoch eine Mission begann, war das alles verschwunden wie der Morgennebel an einem heißen Sommertag. Dann bekam er sein Missionsgesicht, verwandelte sich.

Sollte irgendwer erfolgreich dahintergekommen sein, welcher der beiden Charaktere er wirklich war, hatte Thomas davon noch nichts gehört. Welche der beiden Personen entsprach seinem wirklichen Wesen, seiner Natur? Nur wenige hatten gewagt, es herauszufinden.

Aber es spielte keine Rolle. Thomas widmete sich gerade wieder seinem Buch, als er die Stimme des Piloten über Intercom hörte. »Anschnallen, Leute. Wir nähern uns Q-West.«

Thomas griff nach seinem Gurt und sah zum Fenster hinaus. Unter ihm schimmerten die Lichter der Landebahn wie Sterne in der Nacht. Sie waren fast da.

Er konnte spüren, wie sein Herz schneller zu schlagen begann und Adrenalin durch seine Adern floss. Bald würden sie kämpfen. Das war ein gutes Gefühl.

»Wir gehen runter«, verkündete der Pilot.

Harry klappte seinen Laptop zu und verstaute ihn in dem Transportkoffer. Der Computer würde sie nicht auf ihre Mission begleiten. Zu viele Dinge konnten mit einem elektronischen Gerät wie diesem schieflaufen. Vielmehr würden sie sich auf den guten alten Bleistiftstummel und einen Notizblock verlassen. Jedes Teammitglied würde sich seine Rolle einprägen, sie wie ein Schauspieler auswendig lernen – nur mit dem Unterschied, dass bei ihnen weitaus mehr auf dem Spiel stand und auch der Preis bei einem Misserfolg ungleich höher war. Versagen bedeutete zu sterben. Dazwischen gab es nichts anderes.

Wenn in den einsamen Bergen des Iran etwas schieflaufen sollte, bedeutete dies das Ende. Niemand würde kommen und sie retten.

Ihr Land würde abstreiten, dass sie überhaupt je existierten, und dass sie weder Bürger dieses Landes gewesen waren, geschweige denn Krieger. Denn genau darum ging es ja im Kern – Bestreitbarkeit.

Und selbst wenn die Mission erfolgreich verlaufen würde, wenn sie es zusammen mit den Archäologen bis zur Landezone schaffen würden, bekämen sie dafür keine Anerkennung. Sie würden wie Geister in der Nacht verschwinden und ihrer Arbeit nachgehen, bis der nächste Anruf kam. Denn Ruhm konnte gefährlich werden.

Zuhause in den Staaten wartete niemand auf Harry. Niemand, der über die Umstände seines Todes Nachforschungen anstellen würde. Er hatte einen Bruder, aber der lebte in Montana. Sie sahen sich nur ein paar Mal im Jahr, und nicht selten war Harry unterwegs, wenn sein Bruder ihn anrief. Ein Bruder, eine Schwägerin und ein Neffe, das war alles an Familie, was er zurückgelassen hatte. Und es genügte.

In der Vergangenheit hatte er kurze Beziehungen mit Frauen gehabt, manchmal mit Frauen, die er in Cypress kennengelernt hatte oder mit weiblichen Analysten bei der Agency. Keine davon hatte lange gehalten – so sehr er es auch versuchte. Den Mädchen aus Cypress durfte er nicht verraten, womit er sein Geld verdiente. Und die Analysten wussten es nur zu gut, und seine Fähigkeiten, die es ihm ermöglichten, in dieser Welt zu überleben, versperrten ihm ein Leben in der anderen Welt.

»Verstanden, Charlie-Bravo-Six-Papa-Niner, Taxi nach Rollbahn drei.« Der Fluglotse schaltete sein Headset aus und drehte sich zu dem Mann neben ihm um.

»Sie sind eingetroffen, Sir.«

Colonel Luke Tancretti nickte. »Ich werde sie draußen in Empfang nehmen.« Er stieß die Tür des Towers auf und lief in die Dunkelheit hinaus. Der Luftlandeplatz Qayyarah-West sah ganz anders als aus als noch vor vier Jahren, als er das erste Mal hierher versetzt worden war. Damals war die Rollbahn noch mit riesigen Kratern übersät gewesen; Krater, welche die amerikanischen Bomber während der beiden Golfkriege hinterlassen hatten. Dies war sein erster Besuch hier, nachdem man ihn zur AFSOC versetzt hatte. Und eigentlich hatte er nicht damit gerechnet, überhaupt jemals wieder zurückzukehren.

Aber hier wurde er gebraucht, also war er da. So einfach war das.

Als er das Heck der riesigen Transportmaschine erreichte, kamen die Männer, die er erwartete, bereits die Rampe heruntergelaufen, verteilten sich und verhielten sich so, als wären sie schon auf dem Schlachtfeld. Ihre Körperhaltung strafte die Uniformen, die sie trugen, Lügen.

»Colonel Henderson, nehme ich an«, sagte Tancretti an den Mann gewandt, der ihm am nächsten stand.

Der große Mann nickte. »Das ist richtig. Hier, meine Ausweispapiere.«

Er nahm sie entgegen und warf einen flüchtigen Blick darauf. Fälschungen, dessen war er sich sicher. Die Air-Force-Academy hatte nie einen Colonel wie diesen Mann hervorgebracht, der jetzt vor ihm stand. Er sah von den Papieren auf, rang sich ein Lächeln ab und spielte seinen Teil der Scharade mit.

»Scheint alles in bester Ordnung zu sein, Colonel. Ich bin Colonel Luke Tancretti. Willkommen auf Q-West.«

Ein Landhaus am See Genezareth, Israel, 06:34 Uhr Ortszeit

»Das ist die aktuelle Lage, Sir.«

»Nichts hat sich geändert«, fluchte General Avi ben Shoham wütend und hieb mit der Faust auf den Tisch neben ihm. »Acht Tage und keine Ergebnisse, außer diesem verfluchten Spiel mit den Iranern, wer von uns zuerst blinzelt!« Aufgebracht starrte er den jungen Mann an, der vor ihm stand. »Lesen Sie mir die letzte Übertragung noch einmal vor.«

Der Leiter des israelischen Institute for Intelligence and Special Operations, besser bekannt als Mossad, schloss die Augen, während sein Adjutant damit begann, noch einmal das Transkript vorzulesen. Die Worte brannten sich ihm ins Gedächtnis, so wie sie es bereits das erste Mal getan hatten, als er sie hörte, vor acht Tagen. Der Tag, an dem einer seiner wichtigsten Geheimagenten vom Angesicht der Erde verschwunden war. Er kannte die Worte in- und auswendig.

»… drei der Amerikaner sind tot … die iranische Armee wird bald hier sein … ich veranlasse die Zerstörung aller missionsbezogenen Daten. Sie werden nichts mehr finden. Auf Wiedersehen und Masel Tov.«

Viel Glück. Die letzten Worte aus dem Mund ihres Agenten, eines Mannes, den er über Jahre hinweg gekannt und respektiert hatte. Ein Mann, der zu diesem Moment mehr als nur Glück benötigt hätte.

Shoham wandte sich wieder dem Fenster zu und sah zu dem See hinab, einem See der Düsternis, der Unruhe. In früheren Zeiten hatten die Juden ihn den Abgrund zur Hölle genannt. Für ihn selbst war er stets ein Symbol des Landes gewesen, welches zu verteidigen er geschworen hatte. Dunkel, unstet, stets an der Schwelle der Zerstörung, am Abgrund. Galiläa.

Er hatte diese Operation geplant, ihre Ausführung überwacht und verfolgt, wie sie einige der besten Geheimdienstinformationen über die exakten Pläne der iranischen Regierungen hervorbrachte, seit dem Fall der Ayatollahs und dem Aufstieg Shirazis als militärischem Diktator. Sechs Monate. So lange dauerte die Operation bereits an. Und jetzt das. Die Stimme seines Adjutanten brachte ihn in die Gegenwart zurück.

»Sir, ich denke nicht, dass die Iraner wussten, dass er für uns arbeitete.«

»Wieso das?«, fragte der Leiter des Mossad, der sich zu dem jungen Mann umgedreht hatte. In seinen dunklen Augen schienen Flammen zu lodern.

»Nun, Sir«, begann sein Gegenüber, welcher unter dem Blick des Generals plötzlich zögerlich wurde. »Wenn sie in der Vergangenheit einen unserer Agenten enttarnten, stellten sie ihn jedes Mal sofort vor den Augen der Welt als Zeichen für den Verrat und der Doppelzüngigkeit der Zionisten bloß. Dieses Mal halten sie sich jedoch vollkommen bedeckt.«

»Was ist dann mit ihm passiert?«, wollte Shoham wissen. Seine Stimme hallte wie das Echo eines Donners durch den Raum.

»Ich habe keine Ahnung, Sir.«