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Jenny Behnisch, die Leiterin der gleichnamigen Klinik, kann einfach nicht mehr. Sie weiß, dass nur einer berufen ist, die Klinik in Zukunft mit seinem umfassenden, exzellenten Wissen zu lenken: Dr. Daniel Norden! So kommt eine neue große Herausforderung auf den sympathischen, begnadeten Mediziner zu. Das Gute an dieser neuen Entwicklung: Dr. Nordens eigene, bestens etablierte Praxis kann ab sofort Sohn Dr. Danny Norden in Eigenregie weiterführen. Die Familie Norden startet in eine neue Epoche! »Was hältst du davon, Enzo heute Mittag wieder einmal einen Besuch abzustatten? Das haben wir schon ewig nicht mehr gemacht.« Gemeinsam mit seiner Frau stand Dr. Daniel Norden am Tresen in der Lobby der Behnisch-Klinik und wartete auf seine Post. Sofort hatte Felicitas ein Bild vor Augen. Glückliche Menschen, die sich über Teller mit Spaghetti beugten. Enzo, der mit glühenden Wangen am Pizzaofen stand und seine Gäste mit seiner guten Laune unterhielt. Ein Glas Wein, das im Kerzenlicht schimmerte. Ein Besuch bei Enzo war immer ein bisschen so wie Urlaub. Sie seufzte. »Verlockender Gedanke. Wenn mir meine kleinen Patienten keinen Strich durch die Rechnung machen, bin ich dabei.« Ein Quietschen hinter ihr ließ sie herumfahren. »Sorry.« Der Kollege Aydin hatte seinen Rollstuhl nur wenige Zentimeter hinter ihr zum Stehen gebracht. »Ich habe Sie nicht gesehen.« Daniel zog Fee zu sich. »Ich weiß, dass meine Frau schlank ist. Aber so dünn ist sie nun auch wieder nicht.« Ein prüfender Blick.
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Seitenzahl: 100
Veröffentlichungsjahr: 2019
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»Was hältst du davon, Enzo heute Mittag wieder einmal einen Besuch abzustatten? Das haben wir schon ewig nicht mehr gemacht.« Gemeinsam mit seiner Frau stand Dr. Daniel Norden am Tresen in der Lobby der Behnisch-Klinik und wartete auf seine Post.
Sofort hatte Felicitas ein Bild vor Augen. Glückliche Menschen, die sich über Teller mit Spaghetti beugten.
Enzo, der mit glühenden Wangen am Pizzaofen stand und seine Gäste mit seiner guten Laune unterhielt. Ein Glas Wein, das im Kerzenlicht schimmerte. Ein Besuch bei Enzo war immer ein bisschen so wie Urlaub.
Sie seufzte.
»Verlockender Gedanke. Wenn mir meine kleinen Patienten keinen Strich durch die Rechnung machen, bin ich dabei.«
Ein Quietschen hinter ihr ließ sie herumfahren.
»Sorry.« Der Kollege Aydin hatte seinen Rollstuhl nur wenige Zentimeter hinter ihr zum Stehen gebracht. »Ich habe Sie nicht gesehen.«
Daniel zog Fee zu sich.
»Ich weiß, dass meine Frau schlank ist. Aber so dünn ist sie nun auch wieder nicht.«
Ein prüfender Blick.
»Was ist los mit Ihnen? So grimmig habe ich Sie noch nie gesehen.« Seine Mitarbeiter waren das wichtigste Kapital des Klinikchefs. Ihr Wohlergehen stand weit oben auf der Prioritätenliste. »Ist etwas passiert?«
»Wie man es nimmt.« Dr. Aydin streckte sich nach den Unterlagen, die die Schwester ihm ungefragt, dafür aber mit einem süßen Lächeln, reichte.
Wieder einmal konnte Dr. Norden nur staunen. Was hatte dieser Mann nur an sich, dass die Frauen in seiner Nähe dahinschmolzen wie Eis in der Sonne? Sogar dann, wenn er schlechte Laune hatte.
»Mein Wecker hat nicht geklingelt. Die Heizung in meiner Wohnung streikt und die Kaffeemaschine ist explodiert. Alles in allem also ein gelungener Start in den Tag.« Achtlos warf Aydin die Akten in den Schoß und wendete den Rollstuhl.
Mit einem Kuss verabschiedete sich Daniel von seiner Frau. Dann nahm er die Verfolgung seines Mitarbeiters auf.
»Warum nehmen Sie nicht ein paar Tage frei und erholen sich? Wenn ich das im Dienstplan richtig gesehen habe, wird es höchste Zeit für eine Auszeit.«
Milan drosselte das Tempo. Sein Gesicht wirkte schon nicht mehr ganz so verkniffen.
»Ein freier Abend? Ist das Ihr Ernst?«
»Lieber zwei.«
»Noch besser.« Die feine Haut um Milan Aydins Augen kräuselte sich. »Das schreit förmlich nach einem romantischen Dinner zu zweit. Ich könnte Laura einladen. Oder wie wäre es mit Katja? Silvie habe ich auch schon lange nicht mehr gesehen.«
Die beiden Ärzte machten vor dem Aufzug Halt. Daniel lachte.
»Wer die Wahl hat, hat die Qual.«
»Was würden Sie denn an meiner Stelle tun?« Milan schickte einen schrägen Blick hinauf. »Die rassige Laura? Katja aus dem Labor? Oder der Schöngeist Silvie?«
»An Ihrer Stelle würde ich eine Pizza vom Lieferservice kommen lassen, die Füße hochlegen und einen Krimi im Fernsehen anschauen. Dazu eine Flasche Bier. Oder ein schönes Glas Wein …«
Die Aufzugtüren schoben sich auf. Milan ließ dem Chef den Vortritt.
»Ich sehe schon, wir haben sehr unterschiedliche Vorstellungen von einem entspannten Abend.« Die Aussicht auf ein paar freie Tage hatte die Falten gänzlich aus seinem Gesicht getilgt. Übrig blieb das spitzbübische Grinsen, mit dem er seine Umwelt im Normalfall beglückte. Der beste Beweis für Daniel, dass er mit seinem Vorschlag ins Schwarze getroffen hatte.
»Jedem das Seine«, erwiderte er belustigt. »Hauptsache, Sie kommen auf andere Gedanken und kehren gut erholt an Ihren Arbeitsplatz zurück.« Er nickte zum Gruß und trat aus dem Fahrstuhl.
»Darauf können Sie Gift nehmen«, rief Milan ihm nach. »Ach ja, und danke, Chef!«
*
Nach einem Kälteeinbruch vor ein paar Wochen hatte sich der Winter wieder zurückgezogen. Auch an diesem Vormittag herrschten Pullovertemperaturen. Am Himmel spielte die Sonne mit den Wolken Verstecken. Perfekte Bedingungen, um den Junggesellenabschied draußen zu begehen.
»Vorsichtig!« Moritz Loibl hielt seinen besten Freund Vincent am Arm fest. »Gleich hast du es geschafft.« Sehr zur Freude der Zuschauer führte er den Bräutigam Stufe um Stufe die schräg gestellte Leiter hinauf.
Immer mehr Zaungäste versammelten sich rund um die Mariensäule auf dem Münchner Marienplatz. Eine willkommene Abwechslung auf dem Weg zum Einkaufen oder zu einem Kundentermin. Touristen zückten Fotoapparate, um das ungewöhnliche Schauspiel festzuhalten.
»Wie weit ist es noch?«
Das Sprungtuch flatterte leise im Wind. Alle ahnten, was gleich passieren würde. Nur nicht der Mann mit den verbundenen Augen.
»Noch eine Stufe, dann bist du oben.« Moritz kletterte zuerst auf die Balustrade.
»Und wo ist oben?« Vincents Stimme klang dumpf unter dem Tuch, das die Hälfte seines Gesichts bedeckte. Mit der rechten Hand klammerte er sich an seinem Freund fest. Den linken Arm streckte er von sich, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Er schwankte wie eine Tanne im Wind.
Moritz blickte hinab in die erwartungsvollen Gesichter. Aber was war das? Warum wurde ihm plötzlich schlecht? Er hatte doch sonst kein Problem mit Höhe. Mal abgesehen davon, dass die Balustrade höchstens einen Meter hoch war. Er atmete ein paar Mal ein und aus. Nur jetzt nicht schwach werden! Dieser Tag gehörte seinem besten Freund. Nur ihm allein. Er legte den Arm um Vincents Schultern.
»Wir befinden uns auf dem Bungee Kran der Olympia Ruderregattastrecke. Gleich wirst du dich 50 Meter tief ins Wasser stürzen.«
»Bei diesen Temperaturen?« Vincents Ton ließ keinen Zweifel daran, was er von der Aktion hielt. »Seid ihr völlig übergeschnappt? Ihr habt mir versprochen, dass ihr es nicht zu bunt treibt.«
»Worüber regst du dich auf? Das ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf die Gräuel, die dich in deiner Ehe mit Fabienne erwarten«, prophezeite Moritz, sehr zum Vergnügen seiner Freunde. »Auf drei wirst du springen. Bist du bereit?«
»Nein.« Mit verbundenen Augen starrte Vince hinab in die vermeintliche Tiefe. »Aber ich fürchte, ich habe keine Wahl.«
Moritz presste die Hand auf den Brustkorb.
»Stimmt auffallend«, keuchte er. »Machs gut, alter Junge.« Nur jetzt nicht schlapp machen! »Drei, zwei, eins!«
Mit einem Schrei stürzte sich Vincent in die Tiefe. Moritz stand oben. Sah, wie die Freunde den Bräutigam auffingen. Hörte das Kreischen und Johlen. Plötzlich wurden die Geräusche leiser. Das Bild vor seinen Augen verschwamm, bis es ganz erlosch. Als hätte jemand den Stecker aus einem Fernsehgerät gezogen.
*
Elena Rauch, Pflegedienstleitung an der Behnisch-Klinik, saß im Schwesternzimmer und brütete über dem Therapieplan eines Patienten, als ihre Freundin Fee gut gelaunt herein wirbelte. Sie hatte extra einen Umweg in Kauf genommen, um Elena zu überraschen.
»Schau mal, was ich uns Schönes aus Tatjanas Bäckerei mitgebracht habe!« Sie trat hinter Elena und hielt ihr eine Tüte unter die Nase. »Drei Mal darfst du raten, was drin ist.«
»Bienenstich. Bienenstich. Bienenstich.«
»Huh.« Fee richtete sich auf. Das Lächeln auf ihren Lippen verblasste. »Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?«
»Eine Laus namens Eric.« Ein Schubs mit den Füßen und der Stuhl drehte sich herum.
Felicitas erschrak.
»Du siehst aus wie ein Gespenst.«
»Ich fühle mich auch so.« Elena seufzte. »Eric sei Dank.«
Die Tüte mit den Leckereien landete auf dem Tisch. Fee zog sich einen Stuhl heran.
»Ich dachte, ihr hättet eine Lösung für euer Problem gefunden.«
»Das dachte ich auch.« Elena kratzte an einem unsichtbaren Fleck auf ihrem Kittel. »Aber als ich gestern – wohlgemerkt pünktlich – nach Hause gekommen bin, ging es schon wieder los. Er wolle keine Geschichten aus der Klinik mehr hören. Außerdem warf er mir vor, dass ich ihm nicht zuhören, mich nicht mehr für ihn interessieren würde.«
»Und? Stimmt das?«
Elena sah nicht hoch. Mit gesenktem Kopf saß sie da und starrte Löcher in den Kittel.
»Nur, weil ich nicht weiß, an welchem Gebäude sie gerade arbeiten, heißt das doch noch lange nicht, dass er mir egal ist«, platzte sie heraus. »Oder findest du auch, dass das ein Grund ist, unsere komplette Ehe in Frage zu stellen?«
Fee zog es vor, sich in eine Gegenfrage zu retten.
»Was ist denn deiner Ansicht nach wichtig in einer Beziehung?«
»Liebe« erwiderte Elena ohne Zögern. »Aber selbst darin sind Eric und ich uns nicht mehr einig. Ich verstehe überhaupt nicht …«
Auf dem Flur näherten sich Schritte. Fee wartete, bis sie vorüber waren. Doch sie gingen nicht etwa vorbei.
»Wow, noch mehr krasse Bräute!« Ein Mann steckte den Kopf durch die Tür. Schwarze Locken, griechisches Profil, glühende Kohleaugen. Er wirbelte herein. Verbeugte sich, als wollte er mit seinem bunten Schal den Boden wischen. »Kein Wunder, dass mein Bruderherz quasi in der Klinik wohnt.«
»Ihr Bruder?«, platzte Fee heraus. Das konnte eigentlich nur einer sein.
Obwohl sie Milan Aydin noch nie in zerrissener Jeans, ausgeleiertem Pullover und buntem Schal gesehen hatte, stach die Ähnlichkeit ins Auge.
»Sie meinen nicht etwa Dr. Aydin?« Elena schien den gleichen Gedanken gehabt zu haben.
Der Fremde strahlte sie an, als wäre sie die Frau seines Lebens.
»Deniz Aydin«, stellte er sich vor. »Milan ist mein älterer Bruder. Aber pssst.« Er legte den Zeigefinger auf die vollen Lippen. Seine Augen blitzten vor Vergnügen. »Ich will ihn überraschen. Wissen Sie, wo er steckt? Ich habe schon die halbe Klinik abgeklappert.«
Elena und Felicitas konnten die Augen nicht von Deniz wenden. Er bemerkte es und lachte.
»Oh, ich weiß, was Sie jetzt denken. Aber glauben Sie mir: Milan war nicht immer so ein Schnösel wie jetzt.« Sein Blick fiel auf die Tüte auf dem Schreibtisch. Eine Quarktasche lugte heraus. »Darf ich? Ich habe seit gestern nichts gegessen.« Zeit für eine Antwort ließ er den beiden Frauen nicht. Papier raschelte. Im nächsten Moment regneten Brösel auf den Boden. »Hmmm. Lecker.« Deniz leckte sich einen Klecks Zuckerguss aus dem Mundwinkel. »Früher war mein Bruderherz ein richtiger Hippie. Glaubt ihr mir nicht, was?«
Die beiden Freundinnen tauschten Blicke.
»Schwer vorstellbar«, sprach Elena das laut aus, was Fee dachte.
»Hat er euch nie von seiner Zeit als Straßenkünstler erzählt? Aber ich weiß schon.« Er winkte ab. »Die Feuerspucker-Nummer macht er nur, wenn er vier, fünf Bier intus hat.«
Ein schrilles Quietschen zerriss die Luft. Milan rollte durch die Tür. Er war auf dem Weg zu einem Patienten gewesen, als die Wortfetzen über den Flur wehten.
»Deniz? Was machst du denn hier?« Freude sah anders aus.
»Bruderherz! Da bist du ja!« Deniz stopfte den Rest der Quarktasche in den Mund, beugte sich hinunter und presste Milan an sich. »If wollte den Füfen hier gerade erfählen, wie …«
»Man spricht nicht mit vollem Mund!« Mit Gewalt befreite sich Milan aus der Umarmung.
Deniz schluckte brav.
»Ich wollte den beiden Süßen hier gerade erzählen, wie wir splitterfasernackt im Freibad …«
»Das interessiert die beiden Damen mit Sicherheit nicht«, fiel Milan seinem kleinen Bruder wütend ins Wort.
Fee überlegte nicht lange.
»Also, ich würde die Geschichte schon gern hören«, erwiderte sie. Sie stieß Elena in die Seite. Wenn das nicht genau die richtige Therapie gegen Liebeskummer war!
»Das kommt überhaupt nicht in Frage.« Milan packte seinen Bruder am Arm. »Komm! Wir gehen!«
»Tut mir leid, Schatzis.« Deniz konnte gerade noch winken, ehe Milan ihn aus dem Schwesternzimmer zerrte.
»Bist du total übergeschnappt?«, zischte der Neurochirurg auf der Suche nach einem Zimmer, in dem sie ihre Ruhe hatten.
Mit einem Ruck machte sich Deniz los und blieb stehen.
»Meine Güte! Immer noch derselbe Spießer!« Er machte ein Gesicht, als litte sein Bruder an einer unheilbaren Krankheit. »Hallo erst einmal. Ich freue mich auch, dich zu sehen.«
»Ja, ja, schon gut.« Milan Aydin packte die Greifräder und schob an.
Kurz bevor er um die Ecke verschwand, nahm Deniz die Verfolgung auf. Sein Blick glitt über die großformatigen Fotos an den Wänden. Die indirekte Beleuchtung. Den Vinylboden in Schiffsoptik.
»Cooler Schuppen hier«, keuchte er.
»Stimmt. Eine angenehme Arbeitsatmosphäre.« Ein Handgriff, und der Rollstuhl driftete um die Ecke.
»Jetzt bleib doch mal stehen!«, rief Deniz seinem Bruder nach. »Ich habe dir auch was mitgebracht.« Wieder holte er Milan ein. Seine Hand verschwand in der Tasche. Zog und zerrte, ehe er ein T-Shirt ans Tageslicht beförderte. »Na, wie gefällt’s dir? Selbstgemacht. Das ist gar nicht so schwer«, erklärte er atemlos. »Du brauchst nur Computer und Drucker, ein Transferpapier und ein Bügeleisen. Wenn du willst, zeige ich es dir.«
Endlich tat Milan ihm den Gefallen und hielt an. Er betrachtete die weiße Silhouette eines Cannabisblattes auf dem schwarzen Stoff.
