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Butler Parker ist ein Detektiv mit Witz, Charme und Stil. Er wird von Verbrechern gerne unterschätzt und das hat meist unangenehme Folgen. Der Regenschirm ist sein Markenzeichen, mit dem auch seine Gegner öfters mal Bekanntschaft machen. Diese Krimis haben eine besondere Art ihre Leser zu unterhalten. Butler Parker ist seinen Gegnern, den übelsten Ganoven, auch geistig meilenweit überlegen. In seiner auffallend unscheinbaren Tarnung löst er jeden Fall. Bravourös, brillant, effektiv – spannendere und zugleich humorvollere Krimis gibt es nicht! Percival Bandersham saß allein im kleinen Salon und blickte den Butler betrübt an. »Sie ist einfach gegangen«, sagte er und deutete auf Agatha Simpsons leeren Sessel. »Dabei wollte ich sie nur um eine Gefälligkeit bitten. Immerhin ist Lady Agatha eine Cousine zweiten Grades meines Onkels Marmeduke.« Der junge Lord schwenkte seine Blicke auf Josuah Parker. »Eine peinliche Lage, in der ich stecke. Ich hatte mir von diesem Besuch eine finanzielle Zuwendung versprochen, Mister Parker. Draußen wartet mein Taxi, und der Fahrer hat noch keinen Penny bekommen.« »In der Tat eine unerfreuliche Situation, Mylord. Wären Euer Lordschaft geneigt, meiner bescheidenen Wenigkeit zu gestatten, den Chauffeur auszuzahlen?« »Nett von Ihnen, alter Knabe. Doch der Fahrer ist meine geringste Sorge. Ich brauche zehntausend Pfund, sonst kann ich mir eine Kugel in den Kopf jagen.« »Einem solchen Unterfangen wäre dringend abzuraten. Im allgemeinen sehen sich Leichen außerstande, größere Probleme zu lösen.« »Das sagen Sie so, Mister Parker. Ich habe gespielt und gewettet, und meine Gläubiger warten nur noch bis Mittag. Wie spät ist es?« Josuah Parker konsultierte seine Taschenuhr.
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Seitenzahl: 113
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Percival Bandersham saß allein im kleinen Salon und blickte den Butler betrübt an. »Sie ist einfach gegangen«, sagte er und deutete auf Agatha Simpsons leeren Sessel. »Dabei wollte ich sie nur um eine Gefälligkeit bitten. Immerhin ist Lady Agatha eine Cousine zweiten Grades meines Onkels Marmeduke.«
Der junge Lord schwenkte seine Blicke auf Josuah Parker. »Eine peinliche Lage, in der ich stecke. Ich hatte mir von diesem Besuch eine finanzielle Zuwendung versprochen, Mister Parker. Draußen wartet mein Taxi, und der Fahrer hat noch keinen Penny bekommen.«
»In der Tat eine unerfreuliche Situation, Mylord. Wären Euer Lordschaft geneigt, meiner bescheidenen Wenigkeit zu gestatten, den Chauffeur auszuzahlen?«
»Nett von Ihnen, alter Knabe. Doch der Fahrer ist meine geringste Sorge. Ich brauche zehntausend Pfund, sonst kann ich mir eine Kugel in den Kopf jagen.«
»Einem solchen Unterfangen wäre dringend abzuraten. Im allgemeinen sehen sich Leichen außerstande, größere Probleme zu lösen.«
»Das sagen Sie so, Mister Parker. Ich habe gespielt und gewettet, und meine Gläubiger warten nur noch bis Mittag. Wie spät ist es?«
Josuah Parker konsultierte seine Taschenuhr. »Noch zehn Minuten bis zwölf Uhr. Es wäre nicht übertrieben zu behaupten, daß die Zeit knapp wird, Mylord.«
»Wem sagen Sie das!« Bandersham blickte den Butler hoffnungsvoll an. »Sie haben wohl auch nicht zufällig zehntausend Pfund übrig, Mister Parker? Es handelte sich nur um ein mittelfristiges Darlehen.«
»Mylord wollen mein größtes Bedauern zur Kenntnis nehmen«, erwiderte Parker würdevoll. »Beträge dieser Größenordnung übersteigen die Möglichkeiten eines Butlers.«
»Es müssen ja nicht die vollen Zehntausend sein! Holen Sie mal Ihren Sparstrumpf, und wir werden nachsehen, was zusammenkommt.«
»In finanziellen Dingen folgt meine bescheidene Wenigkeit Myladys Beispiel. Beträge über zehn oder zwölf Pfund werden den Banken anvertraut. Gleichwohl ist man bereit, Eurer Lordschaft nach Kräften behilflich zu sein. Man weist auf die Möglichkeit, ... hm, Gläubiger durch mündliche Verhandlungen auf einen späteren Zahlungstermin einzustimmen.«
»Zwecklos, Mister Parker. Punkt zwölf Uhr muß ich zahlen«, sagte Percival Bandersham düster. »Ich frage mich, in was für einer Welt wir leben. Die Burschen haben versprochen, mir ein Ohr abzuschneiden, falls sie ihr Geld nicht pünktlich bekommen.«
»Angesichts der in Frage stehenden Summe ist Eurer Lordschaft Ohr bedeutend mehr wert«, erklärte Butler Parker. »Man darf hinzufügen, daß gewisse Kreise neuerdings gern zu derartigen Drohungen greifen. Demgegenüber sei die Bemerkung gestattet, daß ein abgeschnittenes Ohr nur ungern von den Banken revalutiert wird.«
»Sie sind ein Spaßvogel, Mister Parker! Ich würde das Ohr ja noch opfern, besonders das linke, auf dem ich schwerhörig bin! Aber was sollen meine Freunde sagen? Nächste Woche beginnt in Ascot die neue Saison. Beim Pferderennen ist der graue Zylinder Vorschrift. Das Ding würde mir halb über den Schädel rutschen, und ich würde aussehen wie ein Narr.«
Von diesem Zustand war Percival Bandersham ohnehin nicht weit entfernt. Josuah Parker vermochte bei aller Wertschätzung für den jungen Lord nicht gutheißen, daß ein Mitglied des britischen Adelsstandes das herrschaftliche Personal anpumpte.
»Da Mylady sich außerstande sehen, Eure Lordschaft aus der vorübergehenden Verlegenheit zu helfen, steht es meiner bescheidenen Person nicht zu, dem zuwiderzuhandeln, Mylord.«
»Zufällig weiß ich verdammt genau, daß zehntausend Pfund ein lächerlicher Betrag für Sie sind. Sie haben an der Börse verdient, als der Dollarkurs stieg. Und ich habe zur gleichen Zeit Dollars mit geliehenem Geld gekauft. Inzwischen ist der Dollar im Keller – genau wie ich.«
»Eine höchst bedauerliche Tatsache, Mylord. Es scheint ein Irrtum zu sein, ein Hunderennen mit Devisenspekulationen gleichzusetzen.«
»Das brauchen Sie mir nicht zu sagen, Mister Parker. Geben Sie mir wenigstens das Geld für mein Fluchttaxi.«
»Mit dem größten Vergnügen, Mylord. Meine Wenigkeit wird Sie hinausbegleiten und den Fahrer entlohnen.«
»So möchte ich das nicht, Mister Parker. Geben Sie mir hundert oder zweihundert Pfund. Es wäre mir peinlich, wenn der Fahrer dahinterkäme, daß ich von einem Butler ausgehalten werde.«
Josuah Parker verzog keine Miene, nickte würdevoll, wandte sich kurz beiseite, um seiner Brieftasche einige Banknoten zu entnehmen, und überreichte das Produkt seiner Hilfsbereitschaft. »Hier sind fünfzig Pfund, Mylord. Im Großraum London dürfte es unmöglich sein, an einem Vormittag an Taxigebühren mehr als diesen Betrag herauszufahren.«
»Das unterscheidet Sie von Tante Agatha, Mister Parker. Ich habe zwanzigtausend von ihr verlangt, in der Hoffnung, sie würde mir fünftausend geben, was ein Viertel ausmachen dürfte. Von Ihnen wollte ich zweihundert nehmen, und Sie bieten mir veritable fünfzig Pfund. Das ist sehr charaktervoll gehandelt, alter Knabe.«
»Mylord...«
»Keine Umstände«, sagte Percival Bandersham. »Ich finde schon allein hinaus.« Er lehnte ab, sich von Butler Parker zum Portal des Fachwerkhauses geleiten zu lassen.
Selbstverständlich brachte der Butler den Gast dennoch bis zum Eingang und reagierte auf Bandershams leutseliges Winken mit einer knappen Verbeugung.
Seine Lordschaft stolperte die Auffahrt hinab und schien dabei Parkers milde Gabe durchzuzählen. Am Gittertor befand sich allerdings kein Taxi. Dennoch – Bandersham hatte nicht gelogen. Das schwarze Gefährt mit dem typischen Aussehen eines Londoner Morris-Taxis hielt gegenüber. Die überdachte Gepäckabstellfläche links neben dem Fahrer war nicht zu erkennen, weil der Wagen in Fahrtrichtung Shepherd’s Market stand.
Der einzige Nachteil des Wagens bestand in der Tatsache, daß das Fahrgastabteil besetzt war. Sollte der Lord etwa Freunde zu seiner mißlungenen Inkasso-Tour eingeladen haben?
Josuah Parker dachte noch über die sonderbare Handlungsweise jenes Neffen dritten Grades seiner Herrin nach, als es von der Taxikabine her mehrmals aufblitzte. Die dumpfen »Plopps« folgten Sekundenbruchteile später. Parker identifizierte das Ereignis eindeutig als feindselige Handlung aus Feuerwaffen.
Percival Bandersham stürzte, rollte zur Seite und blieb auf der zu Lady Agatha Simpsons Besitz gehörigen Auffahrt liegen.
In diesem Augenblick bedauerte Josuah Parker, daß er nicht seinen vorsintflutlichen Colt zur Hand hatte. Wäre dies der Fall gewesen, hätte er es den Rowdies im Taxi schon gezeigt. So aber beschränkten sich Parkers Aktivitäten darauf, unter Ausnutzung der sich bietenden Deckung bis zu Lord Bandersham vorzudringen, um Hilfe zu leisten.
Josuah Parker mußte auf die Besatzung im Taxi wirken wie ein hin und her hüpfender riesiger schwarzer Vogel. Der Mann am Steuer aktivierte den Motor und brachte das Gefährt rasch außer Sicht.
Es gab noch zwei, drei dumpfe »Plopps« – dann herrschte Ruhe. Parker fand es bemerkenswert, daß nirgendwo Spuren von Geschoßeinschlägen erkennbar waren.
*
»Haben Euer Lordschaft sich verletzt?« erkundigte sich der Butler und beugte sich über den reglosen Adligen.
»Sind sie weg, Mister Parker?« Percival Bandersham blinzelte in die Helligkeit und gab es auf, sich tot zu stellen.
»Die sonderbaren Gentlemen haben es vorgezogen, sich zu verflüchtigen, Mylord. Ohnehin sollte und müßte erwähnt werden, daß es sich zweifelsohne um Platzpatronen handelte, mit denen geschossen wurde. Es dürfte der Verdacht naheliegen, daß es sich um einen Scherz handelte, inszeniert von Freunden Eurer Lordschaft?«
»Wer hier scherzt, sind Sie, Mister Parker... Helfen Sie mir auf. Ich muß mir den Knöchel verknackst haben, als ich mich hin warf. Verdammte Gangster!«
»Belieben Euer Lordschaft diesen Ausspruch auf die Gentlemen zu beziehen, die in menschenfreundlicher Absicht Knallkörper zur Detonation gebracht haben?«
»Ich kann nicht mehr laufen. Tante Agatha muß mich aufnehmen, bis ich körperlich wieder fit bin. Bringen Sie mich ins Haus zurück, Mister Parker. Ich brauche Ihre Hilfe.«
»Mylady dürfte wenig davon angetan sein, Verwandtschaft im Hause zu beherbergen.. Allerdings scheinen Euer Lordschaft in der Tat ernstlich verletzt zu sein. Mit Verlaub, das Fußgelenk ist angeschwollen.«
»Das hat nichts zu bedeuten, Mister Parker, aber behalten Sie das für sich. Ich bin beim letzten Polo-Match vom Pferd gefallen. Mit meinem Knöchel war’s schon vorher nicht zum besten, doch das muß meine Tante nicht unbedingt wissen. Ich rechne fest auf Ihre Verschwiegenheit, Mister Parker. Bringen Sie mich jetzt ins Haus – ich muß mich ein wenig ausruhen.«
»Wie Euer Lordschaft belieben. Die fünfzig Pfund scheinen in Anbetracht der eingetretenen Umstände nicht mehr vonnöten zu sein.«
»Welche fünfzig Pfund?« sagte der Lord in scheinbar ehrlichem Erstaunen.
»Ein typischer Fall von temporärer Amnesie«, äußerte sich Josuah Parker. »Falls Euer Lordschaft geruhen, in die rechte Seitentasche des Jacketts zu greifen, werden Mylord unschwer Banknoten im Gesamtbetrag von fünfzig Pfund entdecken, die dem Besitz meiner bescheidenen Wenigkeit entstammen.«
»Jetzt behaupten Sie nur noch, Sie hätten mir Geld geliehen!«
»Sollten Seine Lordschaft sich nicht mehr daran zu entsinnen vermögen, wird meine Wenigkeit den fraglichen Betrag unter ›Sonstiges‹ verbuchen.«
»Das dürfen Sie halten, wie Sie mögen, Mister Parker. Im Vertrauen – ich mag es nicht, mit Forderungen belegt zu werden, die ich nicht zu verantworten habe.«
»Ein gesundes Prinzip, Mylord. Es erleichtert mancherlei Rückzahlungsmodalitäten. Sind Euer Lordschaft in der Vergangenheit mit vergleichbaren Forderungen ähnlich verfahren?«
»Wie kommen Sie auf die Idee? Ich zähle mich zu den ehrlichsten Schuldnern des Vereinigten Königreichs. Sie haben ja erlebt, was einem Ehrenmann absolute Ehrlichkeit einbringt. Man hat auf mich geschossen.«
»Mit Platzpatronen, wie es den Anschein hatte, Mylord«, erwiderte der Butler. »Sollte es mal ernst werden, würde meine bescheidene Wenigkeit sich glücklich schätzen, in Mylords Nähe zu verweilen.«
»Sie sind eine treue Seele, Parker. Ich komme gerne auf Ihr Angebot zurück, denn die Kerle geben so schnell nicht auf. Sie sind gewissenlose Eintreiber, die sich den Teufel drum scheren, ob man flüssig ist oder nicht.«
»Nehmen Euer Lordschaft an, daß jene zweifelhaften Gentlemen sich der Mühe unterzogen haben, mit aufgeschraubtem Schalldämpfer zu feuern, obwohl es sich einwandfrei um Platzpatronen handelte? Das ergibt meines, wenn auch unmaßgeblichen Erachtens keinen Sinn.«
»Sie haben es doch erlebt, Parker. Es war die letzte Warnung! Beim nächsten Mal wird scharf geschossen, hol’s der Teufel. Ich verlange Asyl. Tante Agatha kann mir nicht abschlagen, mich so lange aufzunehmen, bis sich die Aufregung gelegt hat.«
»Myladys diesbezügliche Ansicht wird nicht in der gewünschten Art ausfallen, Mylord. Dies steht zu befürchten.« Josuah Parker hatte, seine Lordschaft stützend, den Eingang des herrschaftlichen Hauses erreicht.
»Das soll sie zahlen«, sagte Percy Bandersham. »Wenn sie mir die zwanzigtausend Pfund gibt, wird sie mich heute noch los.«
In der verglasten Vorhalle war Agatha Simpson inzwischen erschienen. Wie eine Walküre stand sie da, stattlieh und kampflustig. »Du schon wieder, Percy? Habe ich dir nicht gesagt, du sollst mein Haus nie wieder betreten? Deine Bettelei ist widerlich. Jetzt redest du auch noch mit Mister Parker über deine finanziellen Torheiten.«
»Mit Verlaub, Mylady«, sagte der Butler. »Mylord wurde beschossen und hat sich verletzt. Mylady können Seiner Lordschaft nicht Asyl und Schutz verweigern.«
»So? Kann ich nicht?« Lady Agathas Stimme sank grollend ins Baritonale. »In diesem Haus bestimme ich!«
Parker und Bandersham reagierten gleichzeitig.
»Mylady?«
»Tante, was regst du dich auf? Zwanzig große Scheine sind für dich doch kein Problem, oder?«
»Ich schränke mich ein und existiere vom Allernotwendigsten, während du fremdes Geld verjubelst, Percy. Diese Leichtfertigkeit werde ich keinesfalls unterstützen. Von mir bekommst du keinen Penny. Wenn du darauf bestehst, hier zu bleiben, wird Parker dir eine Dachkammer anweisen. Für deine Beköstigung hast du selbst zu sorgen, Gott helfe mir.«
»Amen«, sagte Percival Bandersham erleichtert und grinste zufrieden. Immerhin hatte er es geschafft, in Agatha Simpsons viktorianischem Fachwerkhaus Logis zu bekommen.
*
Red Carboun war die Karriere eines erfolgreichen Bankiers versagt geblieben. Deshalb war er in einen anderen Zweig des Geldgeschäfts übergewechselt.
Er vergab kurzfristig Darlehen an die Besucher von Pferde- oder Windhundrennen, finanzierte illegale Pokerpartien und half auch gern dem Mittelstand mit Bargeld aus, zu einem Zinssatz von 1% – pro Tag allerdings.
Red Carbouns Geschäfte florierten. Alle drei Monate verdoppelte sich sein Kapital, wobei die Eintreibungskosten stets zu Lasten seiner Kundschaft gingen.
Red Carboun war das, was man in einschlägigen Kreisen als Kredithai bezeichnete. Er fühlte sich wohl in seinem selbstgewählten Beruf und genoß es, höchste Schichten der Gesellschaft zu seinen Kunden zählen zu dürfen und im Bedarfsfall unter Druck setzen zu können. Red Carboun beherrschte den Finanzmarkt, verlieh und ließ eintreiben, schacherte, wucherte und mehrte seinen Besitz.
Er verfügte über Eintreiberkolonnen, die jeweils zu dritt arbeiteten. In dieser wenig zu einem Gentleman passenden Tätigkeit fanden alte Freunde Carbouns ihr Ein- und Auskommen. Alle Mitarbeiter beherrschten die Kunst der abgestuften Eskalation.
Näherte sich der Zeitpunkt der vereinbarten Rückzahlung, wurde der betreffende Kunde aufgesucht und freundlich auf seine Terminverpflichtung hingewiesen. Dies war die erste Stufe. Carboun gewährte seinen Schuldnern in aller Regel eine Nachfrist von drei Tagen, und diese Großzügigkeit stellte die zweite Stufe dar.
In der dritten Stufe wurde der Kunde nochmals aufgesucht und ermahnt, seiner Verpflichtung binnen 24 Stunden nachzukommen. Fruchtete auch dies nicht, besaß Red Carboun eine ganze Palette von Möglichkeiten und Verfahrensweisen, den Schuldner zahlungswillig zu machen.
So auch im Fall Percival Bandersham. Ihm drohte der Verlust eines Ohres. Ehe man jedoch zu dem chirurgischen Eingriff schritt, wurde die monetäre Forderung gegen seine Person noch mal deutlich bekräftigt.
Man lauerte ihm auf und bediente ihn mit künstlich gedämpften Detonationen von unscharfen Geschossen.
Zumeist beeindruckte dies den Schuldner so stark, daß alles darangesetzt wurde, sich der Zahlungsverbindlichkeit nebst aufgelaufener Zinsen zu entledigen, selbst wenn dies die Verlegenheit einschloß, Freunde oder Verwandte um den fraglichen Betrag zu bitten.
»Wir sind Bandersham seit dem frühen Morgen nachgefahren, Boß«, erklärte Charles Fever, der Chef des auf seine Lordschaft angesetzten Eintreibungskommansos. Jimmy Pepper und Oleg Mashnikow vervollständigen das Trio.
»Bandersham hat wirklich erste Adressen aufgesucht, Boß«, fuhr Charles Fever fort. »Mit dem britischen Adel ist nichts mehr los.»Bandershams Gesicht wurde von Mal zu Mal länger. Zum Schluß war er bei dieser Mistreß Simpson.«
Carboun richtete sich in seinem Schreibtischsessel auf. Viel brachte das nicht, denn Carboun war von Natur aus kein Riese. Was ihn auszeichnete, war sein ausladendes Haupt, weshalb man ihn auf der Public School in Hammersmith auch »Wasserkopf« genannt hatte. »Mistreß Simpson hat mehr Kohle, als sie verbraten kann«, berichtigte er. »Außerdem ist sie eine Lady. Lady Agatha Simpson, Fever! Man muß die Form wahren, mein Junge.«
