My Lady - Günter Dönges - E-Book

My Lady E-Book

Günter Dönges

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Beschreibung

Butler Parker ist ein Detektiv mit Witz, Charme und Stil. Er wird von Verbrechern gerne unterschätzt und das hat meist unangenehme Folgen. Der Regenschirm ist sein Markenzeichen, mit dem auch seine Gegner öfters mal Bekanntschaft machen. Diese Krimis haben eine besondere Art ihre Leser zu unterhalten. Butler Parker ist seinen Gegnern, den übelsten Ganoven, auch geistig meilenweit überlegen. In seiner auffallend unscheinbaren Tarnung löst er jeden Fall. Bravourös, brillant, effektiv – spannendere und zugleich humorvollere Krimis gibt es nicht! Butler Parker saß am Steuer seines parkenden Wagens und wartete auf die Rückkehr Lady Agathas, die unterwegs war, um sich einen neuen Hut zu kaufen. Er wußte, daß es unter Umständen noch lange dauern konnte. Langeweile war ihm allerdings nicht anzusehen. Stocksteif, als habe er einen Ladestock verschluckt, hielt er sich auf dem Sitz seines hochbeinigen Monstrums. Um sich die Zeit zu vertreiben, hatte er das Wagenradio eingeschaltet. Ein Vortrag über Futterpflanzen in Schottland war nicht geeignet, sein Interesse zu wecken. Auf einer anderen Welle verbreitete sich eine professorale Stimme über Metaphysik in der neuen Musik. Auf einer dritten Frequenz erzählte eine sympathische Frauenstimme ein Märchen, in dem ein Frosch die Hauptrolle spielte. Josuah Parker fühlte sich nicht angesprochen, suchte weiter und hörte dann eine leise, tränenerstickte Stimme, die von Selbstmord sprach ... Der Butler reagierte kaum, so echt und eindringlich diese Frauenstimme auch klang. Auch ein spannendes Hörspiel konnte ihn jetzt nicht in die richtige Wartestimmung versetzen. Ihm schwebte Musik vor, sanfte Weisen, die seine Nerven beruhigten. Inzwischen war der Butler nämlich leicht ungeduldig geworden. Der Hutkauf schien diesmal den Nachmittag zu füllen. Als Parker nach dieser Musik weitersuchen wollte, merkte er, daß er bereits das Ende der Skala erreicht hatte. Plötzlich wurde er hellhörig, drehte automatisch zurück und schaltete sich noch mal in die Frauenstimme ein, die in hemmungsloses Schluchzen übergegangen war. Parker kam der Verdacht, daß er hier auf eine private Sendung gestoßen war. Das Schluchzen klang zu echt, war einfach zu verzweifelt. Hinzu kam die Tatsache, daß so weit rechts auf der Skala kaum ein Sender zu empfangen war. Er regulierte noch mal fein nach und drückte dann einen Umschaltknopf, der unter dem Radio angebracht war.

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Seitenzahl: 136

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Butler Parker – 308 –My Lady

Günter Dönges

Butler Parker saß am Steuer seines parkenden Wagens und wartete auf die Rückkehr Lady Agathas, die unterwegs war, um sich einen neuen Hut zu kaufen. Er wußte, daß es unter Umständen noch lange dauern konnte. Langeweile war ihm allerdings nicht anzusehen. Stocksteif, als habe er einen Ladestock verschluckt, hielt er sich auf dem Sitz seines hochbeinigen Monstrums.

Um sich die Zeit zu vertreiben, hatte er das Wagenradio eingeschaltet.

Ein Vortrag über Futterpflanzen in Schottland war nicht geeignet, sein Interesse zu wecken. Auf einer anderen Welle verbreitete sich eine professorale Stimme über Metaphysik in der neuen Musik. Auf einer dritten Frequenz erzählte eine sympathische Frauenstimme ein Märchen, in dem ein Frosch die Hauptrolle spielte.

Josuah Parker fühlte sich nicht angesprochen, suchte weiter und hörte dann eine leise, tränenerstickte Stimme, die von Selbstmord sprach ...

Der Butler reagierte kaum, so echt und eindringlich diese Frauenstimme auch klang. Auch ein spannendes Hörspiel konnte ihn jetzt nicht in die richtige Wartestimmung versetzen. Ihm schwebte Musik vor, sanfte Weisen, die seine Nerven beruhigten. Inzwischen war der Butler nämlich leicht ungeduldig geworden. Der Hutkauf schien diesmal den Nachmittag zu füllen.

Als Parker nach dieser Musik weitersuchen wollte, merkte er, daß er bereits das Ende der Skala erreicht hatte. Plötzlich wurde er hellhörig, drehte automatisch zurück und schaltete sich noch mal in die Frauenstimme ein, die in hemmungsloses Schluchzen übergegangen war.

Parker kam der Verdacht, daß er hier auf eine private Sendung gestoßen war. Das Schluchzen klang zu echt, war einfach zu verzweifelt. Hinzu kam die Tatsache, daß so weit rechts auf der Skala kaum ein Sender zu empfangen war. Er regulierte noch mal fein nach und drückte dann einen Umschaltknopf, der unter dem Radio angebracht war. Er schnitt dieses Schluchzen mit und überspielte es auf eine Kassette. Sein Wagen war mit allen technischen Raffinessen ausgerüstet.

Eine beruhigend klingende Männerstimme überlagerte nun das Schluchzen und redete eindringlich auf die Frau ein. Sie gab sich alle Mühe, der Frau den geplanten Selbstmord auszureden. Das Schluchzen wurde leiser und hörte endlich auf. Die Frau redete den Mann mit »Doktor« an und versprach schließlich, keine Dummheiten zu machen. Ihre Stimme klang endlich gefaßt und auch ein wenig zuversichtlich.

Für Parker stand es inzwischen fest, daß er auf die Sendefrequenz einer sogenannten »Wanze« gestoßen war. Irgendwo im näheren Umkreis dieses Parkplatzes war solch ein Gerät installiert worden und übertrug Intimes aus der Praxis eines Arztes.

Für den Butler war das ungeheuerlich. Wer konnte ein Interesse daran haben, solche Gespräche anzuzapfen? Diskret, wie Parker nun mal war, hätte er das Radiogerät am liebsten ausgeschaltet, doch nun ging es nicht mehr um sein Taktgefühl. Er hoffte herauszuhören, um welche Praxis es sich handelte, welcher Arzt da abgehört wurde. Die Arbeit der »Wanze« mußte so schnell wie möglich abgestellt werden. Dieser Arzt mußte umgehend erfahren, welche Zeitbombe in seiner Praxis tickte.

Was die Frau bedrückte, erfuhr Parker wenig später. Mit einer schon fast monoton zu nennenden Stimme erzählte sie von einem Seitensprung ihres Mannes und von dessen Freundin. Sie befürchtete, daß ihr Mann sie früher oder später verlassen würde, steigerte sich wieder in ihre Erregung hinein und weinte.

Butler Parker verließ den Wagen, ohne das Gerät jedoch auszuschalten. Er drückte die Tür zu und schritt gemessen zwischen den abgestellten Wagen umher. Unauffällig spähte er nach dem Empfänger dieser Spezialübertragung aus. Seiner Schätzung nach befand er sich in einem der parkenden Wagen. Eine bessere Position dafür ließ sich kaum vorstellen. Hier vom Parkplatz aus konnte man die vielen Büro- und Geschäftshäuser an diesem Platz gut beobachten. Ein Risiko war so gut wie ausgeschlossen. Hinzu, kam der ungestörte Empfang. Es gab keine störenden Hochhäuser oder Brandmauern.

Parker hoffte, diesen heimlichen Empfänger bald zu finden. Er nahm sich vor, die Übertragung nachhaltig zu stoppen. Für ihn stand es bereits fest, daß er ausnahmsweise mal auf seine gute Erziehung verzichten würde.

Nun, Josuah Parker entdeckte in wenigstens einem Dutzend Wagen männliche und weibliche Fahrer, die mehr oder weniger ungeduldig darauf warteten, endlich wieder starten zu können. Einige lasen Zeitung, einige rauchten und trommelten mit ihren Fingerspitzen ungeduldig auf den Lenkrädern herum, andere wieder hatten sich weit zurückgelehnt und genossen die wärmende Sonne dieses Nachmittags. Solch ein herrliches Wetter bot London schließlich nicht alle Tage.

Butler Parker wechselte zur zweiten Parkgasse hinüber und wurde auf einen Morris aufmerksam, dessen Vordersitze besetzt waren. Es handelte sich um zwei Männer, die etwa fünfundzwanzig bis dreißig Jahre alt waren. Sie trugen Sonnenbrillen und reagierten auf den Butler recht merkwürdig.

Der Mann vor dem Lenkrad wurde plötzlich von einer unerklärlichen Nervosität erfaßt, beugte sich vor und ließ den Motor anspringen. Sekunden später preschte er in verbotenem Tempo aus seiner Parklücke, bog mit kreischenden Reifen in die Gasse ein und jagte davon.

Josuah Parker blieb stehen und zog einen seiner vielen Kugelschreiber aus der Westentasche. Er opferte das strahlende Weiß seiner linken Hemdmanschette und notierte sich sicherheitshalber das Wagenkennzeichen. Es konnte wirklich nicht schaden, sich nach dem Besitzer des Morris zu erkundigen.

Parker behielt den Kugelschreiber in der Hand und ruinierte seine Manschette. Er notierte sich jetzt auch noch die Wagennummern, deren Fahrer oder Fahrerinnen ihm verdächtig vorgekommen waren. Das war eine reine Routinemaßnahme. Josuah Parker war schon immer ein eifriger Sammler von Informationen gewesen.

Er näherte sich wieder seinem Wagen und stutzte. Er wußte genau, daß er die Tür geschlossen hatte, doch jetzt stand sie weit auf. Parker beschleunigte seine Schritte, ohne dabei auch nur eine Spur seiner Würde zu verlieren, erreichte den Wagen und wußte Sekunden später, daß er bestohlen worden war.

Die schmale Kassette im eingebauten Recorder war verschwunden. Während seiner Abwesenheit hatte ein Liebhaber sich für sie interessiert.

Josuah Parker war drauf und dran, ein wenig aus der sprichwörtlichen Rolle zu fallen. Er ärgerte sich ungemein über seinen Leichtsinn, schalt sich einen Narren und verlor dann noch die Selbstkontrolle über sich, was in seinem Leben bisher kaum passiert war. Deutlicher Ausdruck dieses Sichgehenlassens war das Aufstoßen seines Universal-Regenschirms auf den Asphalt des Parkplatzes. Bruchteile von Sekunden später aber hatte Josuah Parker sich bereits wieder in der Gewalt, wie es seiner Art entsprach.

*

»Nein, ich weigere mich, das zu glauben«, sagte Agatha Simpson und schüttelte hartnäckig den Kopf. »So etwas kann doch nur einem grünen Anfänger passieren, Mister Parker.«

»Mylady sehen meine bescheidene Wenigkeit völlig zerknirscht«, entschuldigte Josuah Parker sich noch mal. Er hatte seiner Herrin gerade von dem Diebstahl berichtet, was ihm schwer genug gefallen war.

Lady Agatha, eine große, stattliche Dame von etwa sechzig Jahren, schien das Mißgeschick ihres Butlers zu genießen. Spöttisch blitzten ihre wachsamen, dunklen Augen, ihre faltigen Wangen hatten sich rosa eingefärbt.

Lady Agatha Simpson, passionierte Detektivin, trug ihr übliches Tweedkostüm, dessen Rock weit über die stämmigen Waden reichte. Ihre Füße befanden sich in bequemen, aber ausgetreten aussehenden Schuhen. An ihrem linken Handgelenk baumelte ein altertümlicher Pompadour, der mit Perlen bestickt war.

Die Dame war eine majestätische Erscheinung, die man nicht übersehen konnte. Sie war immens reich und leistete sich Extravaganzen. Mit dem Blut- und Geldadel verschwistert, war sie in Gesellschaftskreisen gefürchtet. Sie nahm fast nie ein Blatt vor den Mund, war boshaft und ironisch. Ihre Spezialität war die ungeschminkte Wahrheit, die sie stets lautstark äußerte.

»Ich kann es einfach nicht fassen«, redete Agatha Simpson grimmig weiter. »Da bietet sich nun ein wahrscheinlich sehr interessanter Kriminalfall an, aber Sie, Mister Parker, verspielen ihn leichtfertig.«

»Mylady dürfen versichert sein, daß ich mich schäme«, gestand Josuah Parker.

»Bestimmt wäre das auch ein Thema für meinen Bestseller gewesen«, erwiderte die ältere Dame aufgebracht. Sie suchte seit Jahr und Tag nach solch einem einmaligen Thema. Sie hatte sich nämlich vorgenommen, eine gewisse Agatha Christie in den Schatten zu stellen. Agatha Simpson war davon überzeugt, eines Tages die literarische Welt überraschen zu können. Sie brauchte diesen Bestseller nur noch zu Papier zu bringen, fand aber immer neue Ausflüchte, um sich an der Niederschrift vorbeizudrücken.

»Hoffentlich können Mylady mir noch mal verzeihen.« Josuah Parker deutete eine leichte Verbeugung an. »Zudem möchte ich andeuten, daß die Spuren erfreulicherweise nicht völlig verwischt wurden.«

»Das möchte ich mir auch ausgebeten haben, Mister Parker.« Lady Simpson sah ihren Butler streng an.

»Ich war so frei, mir die Kennzeichen einiger verdächtiger Wagen aufzuschreiben, Mylady.«

»Das läßt hoffen, Mister Parker.« Agatha Simpson war versöhnungsbereit.

»Meiner bescheidenen Ansicht nach müßte sich die Praxis des erwähnten Arztes in einem der diesen Parkplatz säumenden Häuser befinden.«

»Das ist doch schon etwas«, stellte die ältere Dame erleichtert fest. »Handelt es sich Ihrer Ansicht nach um einen praktischen Arzt?«

»Diese Frage, Mylady, wage ich nicht zu beantworten.«

»Papperlapapp, Mister Parker. Das lasse ich nicht gelten. Da ist eine völlig verzweifelte Frau, die Ehekummer hat, weil ihr Mann eine Liaison hat. Diese Frau sprach von Selbstmord. Wird sie also zu einem praktischen Arzt gegangen sein?«

»Diese Wahrscheinlichkeit, Mylady, dürfte recht gering sein.«

»Eben, Mister Parker. Sie wird ihren Psychiater aufgesucht haben. Sie sollten sich angewöhnen, logisch zu denken.«

»Sehr wohl, Mylady.« Parker hatte selbstverständlich an diese Möglichkeit gedacht, es aber Lady Simpson überlassen, zu diesem Schluß zu kommen. Die ältere Dame brauchte schließlich ihre Erfolgserlebnisse.

»Der Fall wird immer einfacher«, freute sich Agatha Simpson. »Ja, er ist eigentlich schon fast gelöst.«

»Wie Mylady meinen.« Parker war erheblich anderer Meinung, hütete sich jedoch, sie zu äußern.

»Finden Sie diesen Psychiater«, verlangte die resolute Detektivin. »Das kann ja wohl nicht schwer sein, oder?«

»Falls Mylady erlauben, werde ich mich sofort an die Ermittlungen machen«, antwortete Josuah Parker gemessen. »Sie werden aber möglicherweise etwas Zeit kosten.«

»Nur, wenn Sie noch länger herumreden«, fand Parkers Herrin grimmig. »Fangen Sie dort drüben im Hampton House an! Da wimmelt es ja nur so von Ärzten.«

»Mylady wollen hier im Wagen warten?«

»Sie finden mich drüben in der Boutique«, schloß Lady Agatha Simpson und marschierte bereits los. »Vielleicht finde ich endlich den Hut, den ich mir vorstelle.«

*

Josuah Parker hatte unwahrscheinliches Glück.

Er stand in der Halle des Hampton House und orientierte sich an den vielen Hinweistafeln neben den beiden Fahrstuhltüren, als sich eine dieser Türen öffnete und eine schlanke, etwa fünfundvierzigjährige Dame heraustrat.

Sie hielt ein Taschentuch in der Hand und tupfte sich gerade Tränen aus den geröteten Augenwinkeln.

Der Butler war alarmiert.

Die Frau, die er suchte, stand vor ihm. Für ihn gab es überhaupt keinen Zweifel. Sie hatte geweint, schien sich inzwischen beruhigt zu haben und kam sicher von ihrem Psychiater. Sie setzte sich jetzt eine Sonnenbrille auf und ging dicht an dem Butler vorbei. Parker hatte einen prüfenden Blick auf die Qualität ihres Jackenkleides geworfen. Es war sehr gut geschnitten und mußte teuer gewesen sein. Diese Dame stammte mit Sicherheit nicht’ aus ärmlichen Verhältnissen.

Parker wechselte sofort seine Taktik.

Der Psychiater, nach dem er suchte, hatte noch Zeit. Er mußte herausfinden, wer diese Frau war. Wahrscheinlich stand ihr Wagen drüben auf dem Parkplatz. Josuah Parker folgte ihr also gemessen und hatte erneut Glück. Sie ging tatsächlich zum Parkplatz hinüber und setzte sich an das Steuer eines kleinen italienischen Sportwagens. Parker bemühte noch mal seinen Kugelschreiber und die Manschette. Er notierte auch das Kennzeichen dieses Wagens.

Der Dame mißfiel das offensichtlich.

Temperamentvoll kletterte sie aus dem Wagen und kam mit schnellen, energischen Schritten auf ihn zu. Parker lüftete höflich seine schwarze Melone.

»Was soll das?« fragte sie mit scharfer, unangenehm schriller Stimme.

»Madam?« Parker tat ahnungslos.

»Warum verfolgen Sie mich? Warum schreiben Sie sich meine Wagennummer auf?« Erfreulich klang ihre Stimme überhaupt nicht. Sie paßte so gar nicht zu dem sanften, leidenden Aussehen dieser Dame, auch nicht zu der Stimme, die Parker über die »Wanze« gehört hatte. Ihm kam ein schrecklicher Verdacht. Sollte sein Glück gar nicht so groß gewesen sein?

»Ein Mißverständnis, Madam«, behauptete Parker, innerlich zum schnellen Rückzug entschlossen.

»Dann scheren Sie sich zum Teufel! Oder soll ich die Polizei rufen?«

»Auf keinen Fall, Madam«, bat Parker und lüftete erneut seine Melone. Er wußte inzwischen, daß er auf die falsche Spur gesetzt hatte. Er schien keinen sonderlich erfolgreichen Nachmittag zu haben.

Die Dame, die in Parkers Augen keine war, musterte ihn noch mal empört durch ihre Sonnenbrille und wollte sich wieder in den Wagen setzen, wandte sich dann aber noch mal zu dem Butler um. Sie lächelte plötzlich, wodurch ihr Gesicht schief wirkte.

»Was brauchen Sie, um mich zu vergessen?« fragte sie und bemühte sich um Sanftheit in ihrer Tonlage.

»Ich fürchte, Madam nicht zu verstehen«, gab der Butler zurück.

»Nun sagen Sie schon, was Sie verlangen!« Die Stimme wurde wieder unangenehm.

»Madam sehen einen ratlosen Menschen vor sich.« Im Gegensatz zu seiner Behauptung kam Parker ein Verdacht. Wahrscheinlich hielt sie ihn für einen Privatdetektiv, der sich auf ihre Spur gesetzt hatte. Diese Dame hatte etwas zu verbergen...

»Na, gut, rufen Sie mich an«, sagte sie scharf. »Es ist besser für Sie, wenn wir uns einigen. Denken Sie darüber nach! Sie erreichen mich ab zwanzig Uhr.«

Sie tauchte in Ihren kleinen Sportwagen und fuhr scharf an. Josuah Parker hüstelte ein wenig und kam sich überfordert vor. Innerhalb der vergangenen halben Stunde war er mit Informationen förmlich überschüttet worden.

Da war zuerst mal die Übertragung dieser »Wanze« gewesen, dann die auffällig hastige Flucht der beiden jungen Männer im Morris und nun auch noch diese Dame, die sich wohl bespitzelt gefühlt hatte. Das alles war kompliziert und vielversprechend zugleich. Parker kam sich vor, als habe er zu nachdrücklich in ein Wespennest gegriffen. Noch hatte sich zwar nichts getan, doch mit Stichen war mit Sicherheit zu rechnen.

Er schüttelte die Gedanken daran aber erst mal ab. Noch hatte er den abgehörten Psychiater nicht gefunden. Agatha Simpson erwartete Resultate. Parker schritt zurück zum Hampton House, um seine eigentliche Suche fortzusetzen. Die Praxisschilder neben den beiden Fahrstühlen wiesen ja schließlich nur ein gutes Dutzend Namen auf. Ob er sich allerdings auch im richtigen Haus befand, stand noch längst nicht fest. Der geplante Hutkauf der Lady Agatha Simpson weitete sich zu einem neuen Fall aus, das stand für den Butler inzwischen unumstößlich fest.

*

Agatha Simpson wartete sehr ungeduldig auf die Rückkehr ihres Butlers.

Sie war in der Boutique gewesen, hatte dort aber nichts gefunden, was auf ihren Kopf paßte. Um sich die Zeit zu vertreiben, wechselte sie hinüber in ein angrenzendes kleines Ladenlokal, in dem antiquarische Bücher angeboten wurden. Die Detektivin schritt an den Regalen und Büchertischen vorüber und wußte selbst nicht, wonach sie suchte. Wie gesagt, es ging ihr nur darum, sich abzulenken.

Das Antiquariat war ein langer Schlauch, der vollkommen unübersichtlich eingerichtet war. Querregale schufen eine Art Labyrinth. Im Halbdunkel des hinteren Drittels befanden sich die Bedienungstheke und die Kasse.

Agatha Simpson fand schnell heraus, daß das Angebot an alten Büchern miserabel war. Es waren fast ausschließlich gebrauchte Taschenbücher und die Exemplare einiger bekannter Büchergemeinschaften ausgestellt. Normalerweise hätte Lady Agatha diesen Laden sofort wieder verlassen und dem Inhaber dieser Nichtigkeiten ein paar unverblümte Wahrheiten gesagt. Da sie jedoch auf ihren Butler wartete, verkniff sie sich diesen Wunsch, zumal sie in diesem Augenblick auf einen Sammelband stieß, in dem sich Kurzgeschichten einer gewissen Agatha Christie befanden.

Ein wenig herablassend blätterte die ältere Dame in dem Sammelband und wurde dann gegen ihren Willen von dem Beginn einer Kriminalgeschichte gefesselt. Nicht gerade begeistert räumte sie ein, daß diese Frau eigentlich doch recht interessant schrieb. Gewiß, sie war keine Wundererscheinung, wie die Kritik sie pries, aber sie ließ sich durchaus lesen.

Agatha Simpson, die diese Schriftstellerin früher oder später völlig in den Schatten stellen wollte, ließ sich jedoch leicht ablenken. Ihr fiel auf, daß in dieser langen, schlauchartigen Buchhandlung erstaunlich viele Herren erschienen, die ihre Käufe sehr schnell tätigten.

Sie betraten das Antiquariat, schlenderten an dem langen Regal rechts an der Wand entlang, griffen nach einem der Taschenbücher und bezahlten dann hinten an der Kasse. Der Umsatz an Taschenbüchern mußte beachtlich sein.

Agatha Simpson war stets in Sorge, etwas verpassen zu können. Also wechselte sie den Standort und suchte sich an einem der Querregale einen Platz, von wo aus sie das Längsregal besser einsehen konnte. Dabei blätterte sie natürlich wieder scheinbar interessiert in einem Band, den sie sich aus dem Regal gegriffen hatte.

Ein neuer Künde erschien gerade.

Agatha Simpson sah deutlich, daß dieser etwa vierzigjährige Mann wirklich wahllos nach einem Taschenbuch langte. Die Detektivin hatte Glück und konnte mit ihren guten Augen sogar den Titel erkennen. Demnach interessierte dieser neue Kunde sich für einen »Kurzen Abriß der Psychoanalyse.«