Passion und Auferstehung Jesu - Manfred Köhnlein - E-Book

Passion und Auferstehung Jesu E-Book

Manfred Köhnlein

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Beschreibung

Mit einer Phänomenologie des Leidens soll in diesem Band ein neuer Zugang zu den letzten Tagen Jesu in Jerusalem gefunden werden. Jesus gerät in der "Heiligen Stadt" zunehmend ins "politische" Leiden, in den psychischen Kummer, in die soziale Vereinsamung, in den physischen Schmerz, in die religiöse Anfechtung bis zu seinem letzten Schrei am Kreuz. Die Darstellung endet aber nicht beim Desaster des Todes, sondern wendet sich auch dem Bekenntnis der Auferstehung Jesu zu. Es fällt auf, dass Theologen heute als Erben der Entmythologisierung kaum noch eine Fortexistenz des Personkerns über den Tod hinaus zu verkünden wagen. Mit dem Verschweigen der Auferstehung aber wäre nach Paulus das christliche Glaubensbekenntnis "hohl" und das Leiden "hoffnungslos" (1 Kor 15,12ff.).

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Seitenzahl: 652

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Der Autor: Prof. em. Dr. Manfred Köhnlein, Pfarrer der Württembergischen Landeskirche, studierte Evangelische Theologie in Tübingen, Zürich, Erlangen, war Vikar in Stuttgart-Kaltental, Repetent am Tübinger Stift, Gasthörer an der Jesuitenfakultät in Innsbruck. Er promovierte in Erlangen über „Wort und Sakrament bei Gerhard Ebeling und Karl Rahner“. Von 1970-2001 lehrte er Evangelische Theologie/Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd. Als Studentenseelsorger, Kirchengemeinderat, Mitglied der Offenen Kirche, Betreuer im Frauengefängnis Gotteszell, Adoptionsberater bei Terre des Hommes, Leiter der Gmünder Asylantenhilfe, Gemeinde- und Kreisrat der Grünen, Gründer der Stiftung Sterntaler der Gmünder Lebenshilfe, Initiator der Hochschulpartnerschaft mit dem Levinsky College of Education in Tel Aviv, versuchte der Autor, Glauben, Lehre und Leben in Übereinstimmung zu bringen. Geboren 1936, aufgewachsen im Trümmerfeld der Stuttgarter Innenstadt war Köhnlein einer der Sprecher der Gmünder Friedensbewegung angesichts der Mutlanger Stationierung atomarer Massenvernichtungswaffen. Zusammen mit seiner Familie unterhielt er unter dem „offenen Himmel“ ein „offenes Haus“, in dem einheimische Bedürftige und Flüchtlinge „aus aller Herren Länder“ oft über längere Zeit mitwohnten. An der Hochschule versuchte der Autor in gemeinsamen Seminaren mit Kollegen anderer Fächer Theologie im Horizont der Erwachsenenbildung als alltagsrelevant zu erfassen. Zu den Zielgruppen seiner „Jesusbücher“ gehören kirchliche Mitarbeiter wie kirchenferne Zeitgenossen, die sich eine Übersetzung der Theologie ins gelebte Dasein wünschen.

 

Der Künstler: Der international hoch geschätzte jüdische Maler und Zeichner Jehuda Bacon wurde 1929 in Ostrava/Mährisch Ostrau geboren. Er durchlitt ab 1942 die vier Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau, Mauthausen, Gunskirchen mit ihren Krematorien, Meldeappellen, Todesmärschen, Hungerzeiten. Er verlor durch die Grausamkeit des Rassenwahns seine Eltern, seine Schwester, seine Freunde. Doch erzogen im chassidischen Glauben und nach seiner Befreiung im Mai 1945 von dem tschechischen Pädagogen Premysl Pitter aufgefangen, versuchte Bacon jedem Hass abzusagen und nach dem Motto zu leben: „Wer in der Hölle war, weiß, dass es zum Guten keine Alternative gibt“. 1946 wanderte der junge Mann nach Jerusalem aus, wo er großen Gestalten wie Martin Buber, Gershom Scholem, H. G. Adler, Leo Baeck begegnete, an der Bezaleel-Kunstakademie studierte und dort auch 1959 zum Professor berufen wurde. Er unterstützt bis heute die Aktion Sühnezeichen und interessierte sich sehr für das Kinderhilfswerk Terre des Hommes, über das er mit dem Autor zusammentraf. Es ist ein Wunder der Versöhnung, dass der sensible Künstler, der im Jerusalemer Eichmann-Prozess wie im Frankfurter Auschwitz-Prozess einer der wichtigsten Augenzeugen war, für ein christliches Buch „Szenen aus dem Leben Jesu“ in filigranen Lineamenten zeichnet.

Manfred Köhnlein

Passion und Auferstehung Jesu

Dimensionen des Leidens und der Hoffnung

Mit Zeichnungen von Jehuda Bacon

Verlag W. Kohlhammer

Zeichnungen © Jehuda Bacon, Jerusalem

Alle Schriftstellen sind entnommen aus:Lutherbibel, revidierter Text 1984; durchgesehene Ausgabe,© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

1. Auflage 2015

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Reproduktionsvorlage: Andrea Siebert, Neuendettelsau

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-023393-5

E-Book-Formate:

pdf:       ISBN 978-3-17-023455-0

epub:    ISBN 978-3-17-029619-0

mobi:    ISBN 978-3-17-029618-3

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich.

Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Der Schwund der Tradition

Zum Charakter der Passionsgeschichten

Teil I Die Passion Jesu

Dunkle Gefühle

1 Todesahnungen Jesu

Die Leidensweissagungen Mt 20,17–19

Das Leiden an den Verhältnissen

2 Das vermeintliche Spektakel

Jesu Einzug in Jerusalem (Mt 21,1–10)

3 Räuberhöhle oder Bethaus?

Die Tempelreinigung (Mt 21,12–17)

4 Das einzige Strafwunder Jesu

Der verdorrte Feigenbaum (Mt 21,18–22)

5 Der Hoheitsanspruch Jesu

Die Frage nach Jesu Vollmacht (Mt 21,23–27)

Die Frage nach dem Davidssohn (Mt 22,41–46)

6 Die Obrigkeit und der Oberste

Die Frage nach der Kaisersteuer (Mt 22,15–22)

Die Frage nach dem höchsten Gebot (Mt 22,34–40)

7 Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit

Von den ungleichen Söhnen (Mt 21,28–32)

Die Pharisäerschelte (Mt 23,1–5; 6–12)

Der psychische Kummer

8 Das drohende Weltende

Die Klage über Jerusalem und den Tempel (Mt 23,37–39; 24,1–5)

Die große Bedrängnis der letzten Zeit (Mt 24,6–8; 15–28)

Die Erscheinung des Weltenrichters (Mt 24,29–44)

9 Im Stich gelassen

Die Verleugnung des Petrus

Der innere Abschied (Mt 26,30–35)

Die Scham über sich selbst (Mt 26,57–58.69–75)

Die mitgekreuzigten Schächer (Mt 27,33.38.44; Lk 23,39–43)

Die Verspottung durch das Volk (Mt 27,39–43)

Die soziale Vereinsamung

10 Wahre und falsche Freunde

Die Salbung in Betanien (Mt 26,6–13)

Das „Komplott“ des Judas (Mt 26,14–16)

Judas und der „Jud“ (Mt 10,2–4)

Das Abendmahl (Mt 26,17–30)

Die Besorgung des Festsaals (Mt 26,17–19)

Die Bekanntgabe des „Verräters“ (Mt 26,20–25)

Die Kommunion von Brot und Wein (1 Kor 11,20f.)

Der Jüngerkreis als „Leib Christi“ (1 Kor 11,23–26)

Die Hostie als „Leib Christi“ (Mt 26,26–29)

11 Der Ohnmacht ausgeliefert

Der Zusammenschluss der Oberen (Mt 26,1–5)

Die Nacht der Entscheidung (Mt 26,36–46)

Von Angst gepackt (Mt 26,36–41)

Von Gott Abba gestärkt (Mt 26, 42–46)

Von Häschern umzingelt (Mt 26,47–56)

Leiden und Tod des Judas

Der Selbstmord des Judas ((Mt 27,3–10)

Der tödliche Unfall des Judas (Apg 1,16–20)

12 Spielball der Machthaber

Jesus vor dem Hohen Rat (Mt 26,57.59–68; 27,1f.)

Jesu Verhör durch Pilatus (Mt 27,11–14)

Die Frau des Pilatus (Mt 27,19)

Jesus und Barabbas (Mt 27,15–18.20–23)

Jesus vor Herodes (Lk 23,6–12)

Jesu Verurteilung durch Pilatus (Mt 27,22–26)

Der physische Schmerz

13 Voll Blut und Wunden

Jesu Geißelung (Mt 27,27–31)

Simon von Kyrene (Mt 27,32)

Jesu Kreuzigung (Mt 27,33–37)

14 Der leidende Gottesknecht

„Wie ein Lamm zur Schlachtbank“ (Jes 53,4f.7.11)

Die religiöse Anfechtung

15 Verlassen oder geborgen?

Die sieben Worte Jesu am Kreuz (Mk 15,34; Mt 27,46; Lk 23,34.46; Joh 19,26f.28.30)

16 Der letzte Schrei

Der Tod Jesu (Mt 27,45–50)

Spektakuläre Wunder beim Tod Jesu (Mt 27,51–53)

Ungewöhnliche Zeugen des Todes Jesu (Mt 27,54–56)

Die Grablegung (Mt 27,57–66)

17 Sinndeutungen des Todes Jesu

„Gestorben für uns“ (1 Kor 15,3–5)

„statt unser“

Der stellvertretende Sühnetod (Röm 4,25)

Der Loskauf von der Macht des Bösen (Gal 3,13)

Die Versöhnung mit Gott (2 Kor 5,19)

Die mystische Vereinigung (Gal 2,19f.)

Der Ratschluss Gottes (Apg 2,23)

„uns zur Mahnung“

Vorbild im Leiden (1 Petr 2,21)

Absolut gehorsam? (Phil 2,5–8)

„Überkreuz“ oder „Gleichkreuz“? (1 Kor 1,23)

Teil II Die Auferstehung Jesu

18 Die Verkündigung der Hoffnung

Das leere Grab (Mt 28,1–8)

Der Auferweckte zeigt sich den Frauen ((Mt 28,9f.)

Der Wettlauf der Jünger zum Grab (Joh 20,1–10)

Der Vertuschungsversuch der Obrigkeit (Mt 28,11–15)

19 Erscheinungen des Auferstandenen

Thomas, der rationale Zweifler (Joh 20,19f., 24–29)

„Berühr mich nicht!“ – Maria Magdalena (Joh 20,11–18)

Der Auferstandene am See Tiberias (Joh 21,1–14)

Petrus wird rehabilitiert (Joh 21,15–17)

20 Die „Auferweckung“ der ersten Christen

Der Gang nach Emmaus (Lk 24,13–24)

Gelitten gemäß der Schrift (Lk 24,25–27)

Erkannt am Brotbrechen (Lk 24,28–35)

An seinen Wunden identifiziert (Lk 24,36–49)

21 Die Sache Jesu geht weiter

Der Missionsauftrag (Mt 28,16–20)

Die Kette der Zeugen (1 Kor 15,3–8)

22 Der oberste Platz ist besetzt

Die Himmelfahrt Christi (Lk 24,50–53;Apg 1,1–4.8–11)

23 Das ideale Urchristentum

Die Jerusalemer Urgemeinde (Apg 1,12–14f.41–47)

Teil III Symbole der Hoffnung

24 Der Tod als „Tor“

Todesvorstellungen im Alten Testament (Jes 26,14.19)

Die Auferstehung als Kern des christlichen Glaubens (1 Kor 15,12–21)

Das apokalyptische Drama der Totenauferstehung (1 Thess 4,13–18)

Das Gleichnis vom Haus- und Kleiderwechsel (2 Kor 5,1–4)

Die Verwandlung des Samens zur Pflanze (1 Kor 15,35–40.42–44)

Die existenziale Metapher „Sein bei Christus“ (Phil 1,21–23)

Das emotionale Symbol: Geborgen in Gottes Hand (Ps 31,6.16)

25 „Siehe, ich mache alles neu!“

Der Tod als Erlösung (Jes 43,1)

Werden wir uns wiedersehen? (Offb 21,3–5)

Der Traum vom „himmlischen“ Jerusalem (Offb 21,1–5.10.18.25)

Vorwort

Das Feld ist bestellt! Die Reihe „Szenen aus dem Leben Jesu“ ist abgeschlossen. Es sind 6 Jesusbücher geworden. Der Autor ist mit ihnen gealtert. Schon von Kind an habe ich die biblischen Geschichten geliebt und mich dann von ihnen später in meinen Lehrgesprächen mit „gläubigen“ und „ungläubigen“ Studierenden an der Hochschule bereichern lassen. „Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens“ (Hebr 12,2) ist mein Lebensmotto geworden. Impulse von dem Prediger aus Nazaret empfangen, der Standhaftigkeit des „Gottessohnes“ im eigenen Leben nachfolgen, über den Schwund der kirchlichen Traditionen nicht jammern, sondern den Glauben immer wieder auffrischen, die Theologie mit Sozialarbeit verbinden, sind mir auch im Ruhestand die Aufgaben meines Lebens geblieben.

„Ecce homo – Seht, der Mensch!“ hieß die Reihe ursprünglich. Meine Absicht war, Phänomene des heutigen Lebens in den Erfahrungen Jesu gespiegelt zu sehen. Ich wollte die großen Felder der Religionslehrpläne abdecken: Die galiläischen Anfänge Jesu, sein Risiko der Liebe, seine Bergpredigt, seine Gleichnisse, seine Wunder und nun sein Leiden und seine Auferweckung. Das waren die Themen der Bücher, die 1999 im Kaufmann-Verlag begannen und ab 2005 im Verlag Kohlhammer fortgeführt wurden. Sie bieten der Lehrerschaft keine fertigen Stundenbilder und der Pfarrerschaft keine unmittelbaren Predigtvorlagen. Sie wollen nur zum eigenen Nachdenken und Kreativwerden anregen. Sie mögen als „Tertiärliteratur“ die „Sekundärliteratur“ der Universitätstheologie dem „Laienverständnis“ ein wenig zugänglich machen. Besonders hilfreich dabei war mir das sehr gelehrte, engagierte Kommentarwerk von Ulrich Luz „Das Evangelium nach Matthäus“ (EKK I/1–I/4).

Der angekündigte Erscheinungstermin dieses letzten Teilbandes zum Leben Jesu hat sich durch eine Erkrankung verzögert, was aber meiner Selbsterfahrung nicht geschadet hat. Sie ließ mich den ursprünglich vorgesehenen Untertitel des Buches „Zum Sinn des Leidens“ in „Dimensionen des Leidens und der Hoffnung“ neutralisieren. Die herkömmlichen Sinngebungen wie Strafe, Buße, Läuterung, Erziehung konnte ich nicht mehr übernehmen. Sie erschienen mir als kalt und höhnisch angesichts der Weltnachrichten, Krankenbetten und Trauerfeiern, die ich während des Schreibens erfahren musste.

Der Sinn des Leidens kann nur von den Leidenden selbst oder nie gefunden werden. Der Künstler Jehuda Bacon und mein Freund und Korrektor Ingo Wiesenfarth können von ihren Schicksalen her dazu mehr sagen als ich. Die Geduld des Kohlhammer-Lektors Jürgen Schneider war ein Geschenk. Ich hoffe nur, dass mir meine Frau mein ständiges Verschwinden im Studierzimmer verzeiht.

Schwäbisch Gmünd, Januar 2015

Manfred Köhnlein

Einleitung

 

Leiden hat viele Gesichter. Keiner leidet gleich. Leiden kann gesellschaftlich bedingt, persönlich verschuldet, ein kurzer oder ein langer Prozess sein. Es gibt körperliches, seelisches, soziales Leiden – Leiden an Krieg, an Hunger, an Katastrophen, an Krebs, am Verlust von Angehörigen, an Strukturen, an Schuld, an Gott, am Schicksal, an Mitmenschen, an sich selbst. Leiden wird verursacht, überfällt, quält. Es lässt sich vielleicht lindern, verdrängen, vermeiden, aber nicht allgemein gültig beschreiben. Darum fällt auch die Sinngebung von Leiden und Leid so schwer. Die wahren Sachkundigen des Leidens sind die Leidenden selbst, auch wenn sie ihre Leidenserfahrungen nur bedingt ausdrücken können.

Allein schon sprachlich lässt sich Leiden mit den unterschiedlichsten Präpositionen verbinden. So gibt es Leiden vor, nach, an, über, unter, wegen, trotz. Der Antrieb des Leidens ist der Schmerz und die Hoffnungslosigkeit seine Qual. Auch das Gegenteil von Leiden ist nicht klar bestimmbar. Wenn die Liebe den Hass, der Mut die Angst, der Frieden den Krieg als Gegenbegriffe haben, so kann der leidfreie Zustand ganz verschieden die Gesundheit sein, die Stärke, das Glück, die Hoffnung, der Trost. Der Verlust eines Kindes, eine sich dahin ziehende unheilbare Krankheit, ein unverschuldeter Unfalltod schmerzen die Hinterbliebenen besonders, weil kein Beileid, kein Trost die Frage nach dem Warum stillen kann. Mancher Leidende kennt sich selbst nicht mehr. Er spürt, dass ihm die Zeit davonläuft. Er will Unfertiges noch vollenden, Versäumtes, Verschuldetes wieder gutmachen. Doch es ist zu spät. Seine Glieder, seine inneren Organe verselbständigen sich und beginnen, über sein ganzes Dasein zu verfügen. Sein Gemüt irrt in Wechselstimmungen umher. Der Leidende ruft nach Ärzten, Schmerzmitteln, Therapien. Er verstummt oder wird bitter. Er ist dankbar für jeden Händedruck, jede einfühlsame Pflege. Er kann aber auch zum Tyrann werden, der sich an seinen Nächsten abreagiert. Er verliert den Glauben oder findet doch noch einen letzten Halt an ihm. Schwer leiden kann in der Hinnahme oder in der Aufbäumung enden. Vertrauen und Verzweiflung vereinen sich zum Schrei, der durch die Weltgeschichte hallt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!?“ (Mk 15,34; Mt 27,46).

Psychisch ist die Hoffnung das wichtigste Medikament im Leiden, solange der „Patient“ noch auf Wenden und Wunder setzt. Die Hoffnung mobilisiert Kräfte, hält sich an Beispiele gelungener Genesung, setzt auf den Fortschritt der Medizin, tröstet die Angehörigen und Freunde, denen das Mitleiden weh tut. Wer noch hoffen kann, gibt sich nicht auf. Er lässt die Selbstbemitleidung nicht zu. Er glaubt an eine höhere Macht und will nicht akzeptieren, dass ausgerechnet er nicht verschont werden soll. Wer hofft, ist überzeugt, dass das Sterben nur ein Durchgang ist zu einem friedlicheren und schöneren, „seligen“ Sein in der Nähe Gottes. Er fühlt sich geborgen in Gottes Hand. Der Tod ist für ihn keine Bedrohung, sondern eine Erlösung im doppelten Sinn: eine „Weg-Erlösung“ von Leid und Elend und eine „Hinein-Erlösung“ in die Ewigkeit.

Die christliche Tradition verweist die Leidenden an den „schmerzensreichen“ Christus. Sie preist den gekreuzigten Jesus als unüberbietbares Identifikationsangebot und verkündet den „Sohn Gottes“ als Urbild des verlassenen und verzweifelten, aber dann doch erlösten Opfers. Die Passion Christi gilt in der Geschichte des Christentums als Grundmuster aller Qualen, in die ein Leidender geraten kann. Am leidenden Christus konnten seit eh und je die verschiedenen Dimensionen1 des Leidens betrachtet werden. Eine erste Dimension ist die geistige Enttäuschung, der Ärger, der intellektuelle Zorn. Jesus reibt sich an verkrusteten Traditionen auf. Er leidet an der Herzenshärte der Machthabenden (Mt 19,3), an ihrer Sturheit und Gefühllosigkeit. So wagt er es, die akute Hilfe für einen Not leidenden Mitmenschen über die strikte Einhaltung des Arbeitsverbots am Sabbat zu stellen: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen“ (Mk 2,27). Er vertreibt in großer Erregung vom Tempelgelände die Händler (Mt 21,12–17), die aus der Religion einen Wirtschaftsbetrieb machen. Eine zweite Dimension des Leidens ist der psychische Kummer. Jesus wird verkannt, verraten, verhöhnt, beschuldigt. Eine dritte Dimension des Leidens ist der physische Schmerz. Der gefangen genommene Jesus wird gefesselt, geschlagen, ans Kreuz genagelt. Eine vierte Dimension ist die soziale Vereinsamung. Die Verwandten ziehen sich zurück, die Freunde melden sich nicht mehr. Jesus wird selbst von Anhängern verleugnet, im Stich gelassen. Eine fünfte Dimension schließlich ist die religiöse Anfechtung. Jesus schreit am Kreuz in letzter Verzweiflung nach dem anscheinend an seinem Schicksal desinteressierten Gott Abba.

Die so schematisierten Leidensdimensionen müssen nicht unbedingt in der aufgezählten Reihenfolge eintreffen. Sie können ihren Platz tauschen, über sich selbst nicht hinauskommen, ineinander übergehen. Solange das Leiden erst in einer oder in zwei Dimensionen verweilt, mag man ihm vielleicht noch entrinnen. Breitet es sich aber darüber hinaus in mehreren Dimensionen aus, wird es zum Unheil und endet schließlich im Zusammenbruch. Den Evangelien zufolge gerät Jesus in seinen letzten Tagen in Jerusalem nach und nach in die völlige Mehrdimensionalität des Leidens. Er erfährt Ärger, Schmerz, Verhöhnung, Verrat, Vereinsamung, Verzweiflung – alle Leidensphänomene brechen über ihn in der einen Karwoche herein.

Damit gehören die Passionsgeschichten der Evangelien zu den existenziell dichtesten Dramen der Weltliteratur. Sie gewähren Einblicke in Ursachen und Abläufe des Leidenmüssens. Sie werfen wie kein anderes „Schauspiel“ die Schuldfrage auf: Wer war schuld am Tod dieses „Gerechten“2? Das Volk, der Hohe Rat, Judas, Pilatus, Jesus selbst, Gott? Die Antwort liegt nicht so klar und eindeutig auf der Hand, wie frühere Generationen meinten. Wir nähern uns ihr nur, wenn wir sorgfältig Schicht um Schicht der Evangelien untersuchen und uns zuallererst hermeneutisch3 vergewissern, mit welchem Vorverständnis wir überhaupt den religionsgeschichtlichen „Kriminalfall Jesus von Nazaret“ betrachten.

Was ist die Eigenart der Evangelien, die uns über die letzten Tage Jesu in Jerusalem Auskunft geben wollen? Es ist schwierig, den tatsächlichen Verlauf der Passionswoche aus ihnen zu erheben, weil die Evangelisten immer beides in ihrer Berichterstattung miteinander verweben: die Ereignisse und ihre persönliche Betroffenheit. Vor allem die Frage, wer nun eigentlich die Verantwortung für das Leiden und die Kreuzigung Jesu trägt, kann unter verschiedenen Blickwinkeln gestellt werden. Da ist zuerst die historische Sicht. Wer war damals überhaupt an der Gefangennahme, Verurteilung und Hinrichtung Jesu beteiligt? Wer gab letztlich den Ausschlag für sein Scheitern? War Jesus selbst an seinem tragischen Ende schuld, weil er seine Umgebung mit seiner manchmal scharfen Kritik von Gewohnheiten und Gesetzen provozierte? Hat er seinen „Opfergang“ nach Jerusalem bewusst selbst inszeniert? Oder ist die Schuld an seinem Tod dem ganzen jüdischen Volk beziehungsweise dessen Führern zuzurechnen, wie es die christlichen Prediger traditionell jahrhundertelang behaupteten? Waren es nicht eher die Römer, die Jesus kaltherzig „liquidierten“, weil nur sie als Besatzungsmacht das Recht zur Verhängung der Todesstrafe hatten? Ist vielleicht in einer zweiten Perspektive die Festnahme Jesu psychologisch der „Hinterlist“ des „Verräters“ Judas Ischariot und der „Feigheit“ seiner Freunde zuzuschreiben, die ihn am Ende schmählich verließen? Oder ist nicht sogar Gott selbst in dritter Hinsicht dogmatisch für das grausame Ende Jesu haftbar zu machen, weil er als der Allmächtige den Tod seines „Sohnes“ nicht verhinderte, sondern ihn nach seinem höheren Ratschluss „dahingab“ um der Erlösung der Sünder willen, wie die Apostel später immer wieder betonten (Röm 4,25; 8,32)? Schließlich ließe sich auch existenzialtheologisch argumentieren, dass im übertragenen Sinn überhaupt jeder Mensch die Schuld am Tod Jesu „mitträgt“, sobald er einen anderen Mitmenschen „kreuzigt“, quält, verlässt, verrät.

Der Schwund der Tradition

Das Rätsel um das, was damals in Jerusalem wirklich geschah, ist groß, die Überlieferung vielschichtig und die historische Entfernung weit. Die schreckliche Judenvernichtung im Holocaust des 20. Jahrhunderts verbietet uns heute jede Deutung des Todes Jesu, die auch nur andeutungsweise einen antisemitischen Ton anschlägt. Der Karfreitag als Todestag Jesu hat im nachchristlichen Abendland gesellschaftlich erheblich an Beachtung und Bedeutung verloren. Er gilt zwar immer noch offiziell als hoher kirchlicher Feiertag, aber praktisch spricht seine Botschaft die heutigen Zeitgenossen kaum noch an. Es sei denn, sie wären kunstgeschichtlich an den Passionsgemälden der Gotik, musikalisch an der barocken Matthäus- oder Johannespassion von Johann Sebastian Bach oder an den volkstümlichen Oberammergauer Passionsspielen interessiert. Der Kirchgang am Karfreitag ist zum Traditionsrest verkümmert und Ostern hat sich in ein Frühlings- und Freizeitfest verwandelt. Das Kreuzchen an der goldenen Halskette ist bloßer Schmuck und das Plastik-Kruzifix, das am Innenspiegel der Autos baumelt, nichts anderes als ein Amulett. An den Feldwegkreuzen bleibt kaum noch jemand stehen. Passion, Tod und Auferstehung Jesu als Sinngebung des Leidens, als ewiger Widerspruch gegen Tötung und Tod sind zumindest in den westlichen Gesellschaften kein allgemeines Kulturgut mehr.

Warum ist es so weit gekommen? Warum verblasst die christliche Tradition mehr und mehr? Lag und liegt es an der trockenen, dogmatischen Darstellung der Passion Jesu in Predigt und Unterricht, an der allgemeinen Verdrängung von Tod und Trauer, an der Übersättigung durch die alltäglichen Schreckensbilder der modernen Medien? Muss das Kreuz Christi überhaupt das Überkreuz über allem Leid und Elend der Welt sein? Steht es vielmehr nicht nur als eine der vielen Kreuzigungen in der Weltgeschichte gleich groß zwischen Millionen anderer Opferschicksale? Nicht die Einmaligkeit und Einzigartigkeit, sondern die „Normalität“ des Leidenmüssens sollte heute an der Passion Jesu demonstriert werden. Jesus von Nazaret war eben nicht der, der „ein für allemal“ als Letzter „ungerecht“ gelitten hat (1 Petr 3,18), sondern nur ein besonders prominentes Glied in der langen, unüberschaubaren Kette der unschuldig Umgebrachten, die sich durch die Jahrtausende zieht. Die Menschheit hat trotz der vielen Karfreitagspredigten nicht aufgehört, Unschuldige und Schwache mit ihren Aggressionen zu terrorisieren. Sollen wir also das Atypische oder das Typische von Leid und Grausamkeit betonen, wenn wir versuchen, uns der Passion Jesu zu nähern? Was wissen wir überhaupt Verlässliches über die letzten Tage Jesu?

Zum Charakter der Passionsgeschichten

Die christliche Geschichtsschreibung hat alles getan, den Zugang zu den „wahren“ Geschehnissen in jener einen Passionswoche Jesu um das Jahr 30 (n. Chr.) in Jerusalem zu erschweren; wobei mit dem schillernden Begriff „wahr“ sowohl das faktisch Passierte, wie auch das existenziell Berührende gemeint sein kann. Jesus selbst hat keine Notizen von eigener Hand hinterlassen. Seine relativ kurze Wirksamkeit gab ihm für Memoiren keine Zeit. Und wie steht es mit anderen Berichterstattern? Die damaligen „heidnischen“, römischen oder griechischen Schriftsteller hatten kein besonderes Augenmerk für das, was in einer der hintersten Ecken des römischen Weltreichs unter Kaiser Tiberius4 geschah. Nur aus dem Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. findet sich bei dem römischen Historiker Tacitus im Zusammenhang seiner Darstellung des Brands von Rom, den Nero den Christen in die Schuhe geschoben haben soll, die Notiz, der Name „Christen“ stamme von „Christus, den der Prokurator Pontius Pilatus unter der Herrschaft des Tiberius zum Tode verurteilt hatte“5. Mehr schreibt der Römer Tacitus nicht über das Schicksal des Stifters des seiner Ansicht nach „abscheulichen Aberglaubens“ der Christen. Hingegen würde man eigentlich mehr Informationen über Leben und Tod Jesu von dem jüdischen Schriftsteller Flavius Josephus6 erwarten können, der sich zwar in seinem breiten Geschichtswerk „Jüdische Altertümer“ auch mit Johannes dem Täufer befasst, aber den Namen „Jesus“ nur beiläufig erwähnt, als er auf Prozess und Steinigung des „Jakobus, des Bruders Jesu, der Christus genannt wird“. zu sprechen kommt.7 Damit ist durch außerchristliche Schriftsteller nur belegt, dass es einen „Jesus von Nazaret“ gab, aber bei der Frage nach dessen Passion und deren Bedeutung sind wir ganz und gar auf innerchristliche Autoren, auf die Apostel und Evangelisten, angewiesen.

Aber auch sie, die so genannten „Urchristen“, waren keine direkten Augenzeugen des Hochverratsprozesses Jesu, sondern erst spätere Sammler der ihnen überlieferten mündlichen Berichte über Leiden und Tod Jesu. Sie waren subjektiv voreingenommene „Prediger“ des „Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes“ (Mk 1,1). Sie verstanden sich nicht als objektive Strafprozessreporter. Die Apostel, besonders Paulus und seine Schüler, gaben in den ersten 20–40 Jahren nach Jesu Kreuzigung nur dogmatische Briefnotizen über die Bedeutung des Todes Jesu an ihre Gemeinden weiter. Gerade von ihnen, die Jesus zeitlich noch am nächsten standen, hätte man breite authentische Schilderungen seines Lebens erwarten können. Doch wozu hätten sie auch das Auftreten Jesu erzählerisch entfalten sollen, wo sie doch bewegt von der Botschaft seiner Auferstehung Jesu bereits in fünf, zehn, fünfzehn Jahren seine „Parusie“8, seine apokalyptische Ankunft als Weltenherr auf den Wolken des Himmels, erwarteten9, und darum nicht mehr lange auf das Leben des irdischen Jesus von Nazaret zurückschauen wollten? Doch die baldige Wiederkunft Jesu als verherrlichter Christus blieb aus. Die „Naherwartung“ verzögerte sich. Die Urchristen erkannten mehr und mehr, dass Gottes Zeitrechnung nicht die der Menschen ist. Sie mussten sich auf die Dauer unter großer Enttäuschung und unter Absage an jeden weltflüchtigen Enthusiasmus als Gemeinden „in der Welt“ einrichten (Joh 16,33b). Einige Gleichnisse erzählen noch allegorisch davon: „Als nun der Bräutigam lange ausblieb …“ (Mt 25,5).

Neue Generationen traten in die Gemeinden ein, hochgestellte und niedrige Männer und Frauen, aber auch ganze Familien mit ihren Kindern. Besonders für den Taufunterricht brauchte man Erzählungen „von all dem, was Jesus von Anfang an tat und lehrte“ (Apg 1,1), damit er den neu Missionierten in den Ländern rund um das Mittelmeer ein „lebendiger“ Herr und Meister wurde. Es wurde gefragt, wie und warum Jesus abgelehnt und hingerichtet wurde. Gelegentliche apostolische Rundbriefe allein hielten die Gemeinden nicht zusammen. Es mussten Bücher zum Vortragen im Gottesdienst wie auch zum Erklären im „Religionsunterricht“ geschrieben werden. Ein Lesepublikum kam auf, besonders unter den gebildeten „Gottesfürchtigen“, wie die nichtjüdischen Gottesdienstbesucher genannt wurden, die von anderen Kulten herbeikamen, weil sie sich von der „edlen“ Figur des messianischen Propheten Jesus von Nazaret angezogen fühlten, aber nicht gleich zum Christentum übertreten, sondern zunächst einmal als Gäste die christlichen Zusammenkünfte beobachten und sich von der „Frohen Botschaft“ beeindrucken lassen wollten.

So kam es aus missionarischen und katechetischen Gründen zu den Evangelien als biographisch aufgezogenen Berichten über die Wanderungen Jesu, seine Heilungen, Austreibungen, Speisungen, Streitgesprächen, Gleichnissen, Reden, wobei wohl zuallererst seine Leidenstage in Jerusalem als zusammenhängender Erzählkomplex festgehalten wurden. Die Urchristen lebten ja nicht wie wir heute im weltanschaulich neutralen, mehrheitlich religiös desinteressierten Europa gesellschaftlich unangefochten, sondern gerieten bald in die Wellen der staatlichen Verfolgung, bei der ihnen immer wieder die Glaubensverleugnung oder gar das Märtyrertum aufgezwungen wurde. Der römische Kaiserkult empfand den christlichen Messiasglauben paradoxerweise als unerträgliche „Gottlosigkeit“. „Entweder Caesar oder Christus!“ lautete die Parole der römischen Besatzungsmacht. „Atheoi“, Atheisten, Götterlose, lautete das Schimpfwort der polytheistischen Zeitgenossen für die Christen, auch wenn die Religionsgeschichte inzwischen diese Front umgekehrt hat. Die Urchristen, die sich um ihres Glaubens willen auspeitschen, den Löwen vorwerfen, kreuzigen ließen, suchten zu ihrer seelischen Stärkung ein Märtyrerbild, an das sie sich halten konnten. Sie deuteten ihr eigenes Leiden als „Mitleiden mit Christus“, so dass es ihnen paradoxerweise zur Auszeichnung wurde: „Sind wir aber Kinder (Gottes), so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch zur Herrlichkeit erhoben werden“.10 Wenn aber die Erinnerungen unter den Urchristen nicht ausreichten und ihre eigenen Deutungen der Passionsereignisse um Jesus, den „Sohn Gottes“, nicht befriedigten, suchten sie sich mit ergänzenden Entnahmen aus der Hebräischen Bibel in deren griechischen Übersetzung, der so genannten „Septuaginta“11, zu helfen. Dabei wurden vor allem Sprüche aus den Psalmen12, den Propheten Deuterojesaja13 und Sacharja herangezogen. Die Gemeindeprediger griffen auf alte Weissagungen zurück, die die Geschehnisse um Jesus von Nazaret legitimieren und in den „Heilsplan“ Gottes einordnen sollten, damit Jesu Leiden und Sterben nicht mehr nur als willkürlich von den Menschen veranstaltet wirkten: „So steht’s geschrieben …“ (Lk 24,46). Das schriftstellerische Schema „Verheißung und Erfüllung“ entstand: „Auf dass die Schrift erfüllt wurde …“14 Jesu Leiden wurde als ‚gottgewollt‘ betrachtet: „Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?“ fragten die frühen Christen einander (Lk 24,26.46).

So ist die Auslegung der Passionsgeschichten der Evangelien nicht nur durch die Unsicherheit der historische Faktenlage und die dogmatische Überhöhung der Texte belastet, sondern auch durch die textkritische Überlegung erschwert, wie weit die Erzählungen der Evangelisten schriftgelehrte Konstrukte sind, die sich der Anregung durch alttestamentliche Texte verdanken. Die heutige Auslegung muss Kapitel um Kapitel den wahrscheinlichen „Sitz im Leben“ der Texte beachten. Mit diesem theologischen Fachbegriff ist die Forschungsfrage gemeint, wie weit die Passionsgeschichten von den eigenen Verfolgungserfahrungen der Urgemeinden „eingefärbt“ wurden. Die Evangelisten konnten ja die Überlieferung nicht einfach nur in distanzierter Sachlichkeit weitergeben. Dazu waren sie viel zu sehr vom Schicksal Jesu bewegt. Sie haben Bericht und Deutung ineinander verwoben und in den Rückblick „Was geschah damals?“ zugleich die Aktualisierung „Was bedeutet das für uns heute?“ hineingeschrieben. Die Urchristen wollten nicht nur wissen, wie alles gekommen war. Sie hatten vor allem das seelsorgerliche Bedürfnis nach einem Beispiel, wie der Glaube auch in Leidenssituationen durchzuhalten war: „Christus hat gelitten für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen“ (1 Petr 2,21). Die Passionsgeschichten der Evangelien berichten also nicht unbedingt objektiv den Leidensgang Jesu, sondern spiegeln in ihm zugleich subjektiv das Verhältnis der Urchristen zu den damaligen staatlichen Behörden wie zu den jüdischen Gemeinden, aus denen sie ausgetreten waren. Der „Opfertod“ Jesu wurde als Gottes Wille überhöht und das mystische „Mitsterben“15 mit Christus als Stärkung der Widerstandsfähigkeit im eigenen Leiden verkündigt. Dennoch blieb in den Berichten der Evangelisten „unterhalb“ der dogmatischen Glaubensantworten auch die Frage nach den irdischen Tätern der Passion Jesu erhalten, wenngleich sie auch zunehmend polemisch beantwortet wurde.

Nicht zuletzt sind auch bei der Auslegung der Passionsgeschichten die in ihnen angelegten Wurzeln des späteren Antisemitismus kritisch zu würdigen. Schon Paulus schreibt in seinem frühesten Brief, „die Juden“ hätten „den Herrn Jesus getötet“16. Und weil der „kyrios Jesus“ als Gottes wesenseiner Sohn verehrt wurde, entstamd aus dem „Herrenmord“ der „Gottesmord“, wobei Paulus versuchte, diesen schlimmen Vorwurf auch noch zusätzlich mit Parolen des allgemeinen antiken Antijudaismus zu begründen: „… die Juden gefallen Gott nicht und sind allen Menschen feind“17. Gewiss stand hinter dieser Verunglimpfung der eigenen Landsleute die praktische Erfahrung des Missionars Paulus, dass ihn seine jüdischen Volksgenossen in den griechischen Städten immer wieder daran hinderten, „den Heiden zu predigen“, was ihn sehr verärgerte.18 Es wäre unsinnig, Paulus vorzuwerfen, er sei der erste „Antisemit“ gewesen, wo er doch selbst ein Semit, ein geborener Jude, war. Er konnte aber manchmal die von ihm so empfundene „Halsstarrigkeit“ und Unbelehrbarkeit seiner Volksgenossen gegenüber seinen Missionsbemühungen einfach nicht mehr ertragen (2 Kor 11,24–26). Dennoch sind die verbalen Entgleisungen des Apostels, mit denen er seinen Landsleuten Hass gegen das Menschengeschlecht und Verworfensein durch Gott vorhielt, unentschuldbar, auch wenn er später in seinem letzten Brief, dem Römerbrief, geradezu gegenteilig schreiben konnte, die Christen seien die „Ölzweige“, die in den Ölbaum Israel eingepfropft worden seien, von dessen „Wurzel und Saft“ sie „Teil bekommen“ hätten (Röm 9,17).

Die frühen Auseinandersetzungen zwischen den Urgemeinden und den Synagogen haben sich dann auch in den Evangelien niedergeschlagen, die ein bis zwei Generationen nach Paulus verfasst wurden.19 Dabei hat Markus als der älteste Evangelist sein Verhältnis zu den „Juden“ noch relativ neutral gehalten. Er ließ Jesus dem Statthalter Pilatus von den Hohen Priestern nur „aus Neid überantworten“ und „verklagen“ (Mt 27,12f.18) und das Volk „nur“ zweimal kurz schreien: „Kreuzige ihn!“ (Mk 15,13f.), während die anderen Evangelisten die „Schuld“ der Juden viel stärker betonten. Markus war vermutlich noch kurz vor der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. mit seiner Gemeinde in das ostjordanische Pella ausgewandert, wo nur einige wenige jüdische Kaufleute angesiedelt waren und deshalb auch der jüdisch-urchristliche Konflikt niedrig gewesen sein dürfte. Matthäus hingegen war mit seiner Gemeinde an einen nicht näher bekannten Ort im syrisch-palästinensischen Grenzgebiet geflohen, wo es größere jüdische Exilgemeinden gab, so dass es dort auch zu größeren Reibereien zwischen der älteren und der jüngeren Religion kam. Diese Animositäten haben sich wohl in der matthäischen Darstellung der Passion Jesu niedergeschlagen, denn der zeitlich zweite Evangelist lässt wie kein anderer das „Volk“ in Jerusalem weit über das „Lass ihn kreuzigen!“ hinaus blind vor Empörung schreien: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ (Mt 27,22.25). Lukas hingegen, der Arzt und dritte Evangelist (Kol 4,14) urteilt, obwohl er ein enger Mitarbeiter des Apostels Paulus gewesen sein soll20, wieder etwas milder über den Anteil der “Juden“ an der Hinrichtung Jesu. Er steigert zwar den Ruf des Volkes „Kreuzige ihn!“ zu einem zweimaligen „großen Geschrei“ (Lk 23,31), wiederholt aber nicht die schreckliche Selbstverfluchung des Volkes, wie sie im Matthäusevangelium steht und im Lauf der späteren Jahrhunderte zum titulus iuris, zum angeblichen Rechtsanspruch auf die Judenpogrome stilisiert wurde. Johannes gar, der vierte und jüngste Evangelist, übersteigt noch Matthäus mit dem allerschlimmsten antijudaistischen Vorwurf, wenn er Jesus auf dem Jerusalemer Tempelgelände behaupten lässt: „Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Gelüste wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang an …“ (Joh 8,44). Dieses Zitat konnte dann später der Judenhetzer Julius Streicher in der ersten Nummer der nationalsozialistischen Parteizeitung „Der Stürmer“, veröffentlicht im „Jahre des Heils, Nürnberg 1934“, aufgreifen und damit seine Hetzparolen geradezu biblisch begründen.21 Dass Johannes an anderer Stelle seines Evangeliums auch bekennen konnte: „Das Heil kommt von den Juden“ (Joh 4,22) unterschlug der NS-Chefpropagandist.

So sind die Passionsgeschichten der Evangelien ein schier unentwirrbares Konglomerat aus Verkündigung, Dogmatik, Bibelkunde, Zeitgeschehen, Gemeindebedürfnis, Wirkungsgeschichte. Es können bei ihrer Auslegung nur Annäherungen an die Umstände des Prozesses Jesu und die Bedeutung seines Todes und seiner Auferstehung versucht werden. Ein historischer Fixpunkt dürfte aber sein, dass Jesus von Nazaret schon nach relativ kurzem Auftreten durch „Justizirrtum“ starb und seine Anhänger seinen Tod als nach Gottes Willen “für uns“ geschehen verkündigten, wie auch immer dieses „pro nobis“22 verstanden werden mag: als „stellvertretend“ für uns oder nur als „uns berührend, uns betreffend“. Es hängt beim Verstehen der Passion Jesu alles davon ab, welche „Hoheit“ wir dem Wanderprediger Jesus beimessen. War er der übernatürlich ausgestattete „Sohn Gottes“ und damit wie sein „Vater im Himmel“ allmächtig und allwissend, oder war er nur als „Menschensohn“ ein Mensch schlechthin und damit letztlich auch wie wir ohnmächtig und leidensfähig? Hat Jesus seine Verhaftung und Hinrichtung selbst provoziert oder wurde er von seiner Festnahme und Verurteilung überrascht? Es ist ratsam, das spätere Glaubensbekenntnis der kirchlichen Konzilien zur „Doppelnatur“ Christi „wahrer Mensch und wahrer Gott“ zunächst von der Auslegung der Passionsgeschichten fernzuhalten und nach dem Ergehen des „besonderen“ charismatischen und von Visionen und Glaubensstärke getragenen Menschen Jesus von Nazaret zu fragen. Hat Jesus seine Passion wirklich selbst angekündigt?

Es ist zuerst die Entscheidung zu treffen, welches der vier Evangelien die Grundlage unserer Auslegung der „Letzten Tage Jesu“ sein soll. Bei den früheren Bänden unserer Kommentarreihe zum Leben und Wirken Jesu haben wir uns für das Markusevangelium als die zeitlich früheste „Biographie“ Jesu zum exegetischen Leitfaden entschieden.23 Für die Passions- und Auferstehungserzählungen greifen wir jedoch zum Matthäusevangelium als Haupttext, weil der zweite Evangelist das Ende Jesu in Jerusalem am breitesten schildert. Es ist zwar schon Markus gewesen, der die Passionstage Jesu in ein Wochenschema gebracht hat, vom Einzug Jesu in Jerusalem am Palmsonntag bis zur Entdeckung des leeren Grabes Jesu am folgenden Sonntag. Er hat auch die wichtigsten Stationen des Wochenablaufes vorgegeben. Jedoch Matthäus hat mit seinen antijüdischen Tendenzen wirkungsgeschichtlich leider am stärksten ausgestrahlt. Gerade dies in Predigt und Unterricht einzuräumen, ist eine unerlässliche Folge des Holocausts, der sich jeder Exeget stellen sollte.

1      Lat.: dimensio, Ausmaß, Ausdehnung. Verwendung des Begriffs angeregt von D. Sölle, Leiden, 1980, 21–25.

2      Mt 27,24; Apg 3,14; 1 Petr 3,18.

3      Hermeneutik (griech.), Lehre vom Auslegen und Verstehen und Prüfung der meist unbewussten Denkvorurteile.

4      Tiberius Claudius Nero, 14–37 n. Chr.

5      Publius Cornelius Tacitus, ca. 55 – nach 116 n. Chr., Annalen 15,44.

6      37 n. Chr. – ca. 100 n. Chr.

7      Antiquitates Judaicae, XX,9,1, 93–94 n. Chr.; erwähnt bei G. Bornkamm, Jesus von Nazareth, 21957, S. 24ff.

9      Z. B. 1 Thess 4,15–17.

10    Röm 8,17; Phil 1,29; 1 Petr 4,13.

11    Septuaginta (lat. „die Siebzig“), in Zahlzeichen: LXX, das griechische Alte Testament, legendär im 3. Jh. v. Chr. im ägyptischen Alexandria von 72 jüdischen Gelehrten in 72 Tagen aus dem Hebräischen ins Griechische übersetzt.

12    Besonders aus Ps 22 + 69.

13    (griech.) „Der zweite Jesaja“; vor allem aus den so genannten „Gottesknechtsliedern“, Jes 42; 49; 50; 52; 53.

14    Mt 26,54.56; Lk 4,21; Joh 13,18; Apg 18.28; Röm 1,2; 1 Kor 15,3; Gal 3,22, u. a.

15    Röm 8,6; 2 Tim 2,11.

16    1 Thess 2,14–16; vgl. auch Lukas in Apg 7,52.

17    W. Reinbold wehrt den Entschuldigungsversuch ab, diese üble Bibelstelle sei erst sehr viel später von unbekannter Hand in den paulinischen Brief eingefügt worden, um sie mit der Autorität des Apostels abzudecken, in: ders., Der Prozess Jesu, 2006, S. 129.

18    W. Reinbold, a. a. O.

19    Grob geschätzt entstanden die Evangelien chronologisch im Abstand von Dekaden. So schreibt Markus etwa um 70 n. Chr., Matthäus um 80 n. Chr., Lukas um 90 n. Chr. und Johannes um 100 n. Chr.

20    Phil 24; 2 Tim 4,11.

21    Fund im Zeitschriftenarchiv der Landesbibliothek Stuttgart.

22    1 Kor 15,3. Das zweideutige „für uns“ wird in der theologischen Fachterminologie in seinem lateinischen Wortlaut „pro nobis“ diskutiert.

23    M. Köhnlein, Ecce homo – Der Ruf, 1999; Das Risiko der Liebe, 2000; Die Bergpredigt, 2005, 22011; Gleichnisse Jesu – Visionen einer besseren Welt, 2009; Wunder Jesu – Protest- und Hoffnungsgeschichten, 2010.

Teil I   Die Passion Jesu

 

Bei der Besprechung der Passionsgeschichte nehmen wir uns allerdings die Freiheit, nicht exakt nach der chronologischen Reihenfolge der Kapitel des Matthäusevangeliums vorzugehen, sondern seine Perikopen manchmal im Vorgriff, dann wieder im Rückgriff auf bereits überblätterte Abschnitte abzurufen, weil unser Auswahlprinzip die verschiedenen Phänomene des Leidens sind, wie sie im Inhaltsverzeichnis dieses Buches aufgelistet sind und dazu mal hier und mal da exegetisches „Material“ vorliegt. Die Evangelisten selbst haben in eigener freier Entscheidung für ihre Stoffe verschiedene Stellungen im Aufriss ihrer Bücher gewählt, wenn man die Evangelien miteinander synoptisch vergleicht. Der eine bringt eine Rede oder ein Gleichnis Jesu früher, der andere später im Ablauf seines „Lebens Jesu“. Im Grund genommen haben alle vier Evangelisten variabel nach dem Bausteinprinzip gearbeitet und die einzelnen Traditionsstücke nur lose miteinander durch wenige Rahmenangaben zum Ort und zur Zeit der berichteten Ereignisse verbunden. Wir beginnen unsere Auslegung mit den Ahnungen und Gefühlen Jesu zu Beginn seiner letzten Tage.

Dunkle Gefühle

Es ist ungewöhnlich, von Jesu Emotionen zu reden. Der Versuch einer Einfühlung in seine Gedanken, ob er sich bewusst war, was alles ihm in Jerusalem drohen konnte, wenn er es wagte, dort in der aufgeheizten Paschastimmung zu seiner Botschaft über „mehr Gerechtigkeit“ und konsequenter Gewaltlosigkeit zu stehen (Mt 3,15; 6,20), wird allzu leicht als Psychologisierung abgetan. Dabei wird jedoch in der herkömmlichen Darstellung der Karwoche durchaus Psychologie getrieben, wenn auch weniger bei der Berichterstattung des Leidens Jesu als vielmehr bei der Schilderung der Wirkung seiner Leiden auf die Gläubigen. Die meisten klassischen Passionspredigten und Passionslieder versenken sich geradezu ausschweifend in die Schuldgefühle der Gläubigen angesichts des Gekreuzigten, der „für uns“ leiden und sterben musste. Ein Höhepunkt dieser Mystik war schon immer in den protestantischen Gemeinden das Gesangbuchlied von Paul Gerhardt „O Haupt voll Blut und Wunden“24, ohne das es für die Evangelischen „nicht Karfreitag wird“. Der Christ steht mit seinem Gewissen erschüttert unter dem Kreuz seines „Heilands“. Er erschrickt über das „schimpfierte“ Angesicht Jesu25 und bezieht das Leiden Jesu unmittelbar auf sich selbst: „Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last; ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast.“26 Dabei ist es bibelkundlich durchaus gerechtfertigt, von inneren Bedenken und Befürchtungen Jesu zu reden, wenn wir die Inkarnationslehre ernst nehmen und den „Sohn Gottes“ wirklich als Menschen geboren sein lassen, der weder eine bloße Ikone, noch eine kühle Statue war, sondern ein Herz und eine Seele hatte wie wir, wenn auch in größerer Tiefe und Weite.

1          Todesahnungen Jesu

Die Leidensweissagungen Mt 20,17–19 (Mk 10,32–34; Lk 18,31–33); Mt 17,22f. (Mk 9,30.32); Mt 16,21 (Mk 8,31–33; Lk 9,22)

17 Und Jesus zog hinauf nach Jerusalem und nahm die zwölf Jünger beiseite und sprach zu ihnen auf dem Wege: 18 Siehe, wir ziehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird den Hohenpriestern und Schriftgelehrten überantwortet werden; und sie werden ihn zum Tode verurteilen 19 und sie werden ihn den Heiden überantworten, damit sie ihn verspotten und geißeln und kreuzigen; und am dritten Tage wird er auferstehen.

Der schimpfliche Kreuzestod Jesu muss für seine Jünger und Jüngerinnen, die mit ihm nach Jerusalem „hinaufgezogen“ waren27, eine gruppendynamische und seelische Katastrophe gewesen sein28, welche die Evangelisten zumindest für die Leserschaft ihrer Bücher abzumildern versuchten, indem sie Jesus bereits in Galiläa schon lange vor seinem Pilgerzug in die Hauptstadt Jerusalem dreimal ankündigen ließen, dass ihm dort Unheil drohe. Niemand sollte meinen, der „Sohn Gottes“ sei unwissend und blind in seinen Untergang hineingestolpert. Die Evangelisten ließen Jesus dabei auch gleich die Vorhersagen seines Todes mit der Aufforderung zur Nachfolge verknüpfen, um ihren Mitchristen am Vorbild Jesu Mut zu machen, das Leidenmüssen nicht als Widerspruch zu ihrem Glauben an Jesus, sondern als einen integrativen Teil ihres eigenen christlichen Lebens zu verstehen.29 Aber wenn wir sagen „die Evangelisten ließen …“, klingt das so, als wäre das Vorherwissen Jesu ihre eigene Konstruktion, die sie ihm in den Mund legten. Dürfen oder gar müssen wir das annehmen?

Die zitierte letzte der drei Leidensweissagungen Jesu, die er auf seinem Pilgerweg nach Jerusalem seinen Jüngern offenbart haben soll, wird von allen drei Synoptikern überliefert. Sie ist die ausführlichste und soll deshalb auch für die beiden vorangegangenen stehen.30 Sie liest sich wie eine Chronik der Passionswoche. Das hat viele Exegeten dazu verleitet, sie und auch die beiden vorausgehenden Weissagungen als „vaticinia ex eventu“31, als nachträglich aus den geschehenen Ereignissen heraus konstruierte Prophezeiungen zu erklären, denn sie würden ja bereits beim irdischen Jesus ein göttliches Vorherwissen bis hin zu den Details „verspotten, geißeln, kreuzigen“ und vor allem die Kenntnis seiner Auferstehung voraussetzen (V. 19). Die Mehrheit der Ausleger hält heute die Leidensweissagungen Jesu für nachträglich konstruiert. Sie seien Jesus von den Schreibern der Evangelien in den Mund gelegt worden, um seine gottgleiche Begabung der Allwissenheit hervorzuheben. Aber gerade damit hätten die Evangelisten das Menschsein Jesu geschwächt. Hätte nämlich Jesus schon im Voraus genau gewusst, welches Martyrium auf ihn zukäme, hätte er sein Leiden nur durchhalten, aber nicht wahrhaft an ihm und Gott verzweifeln müssen, wie es sein Verlassensschrei am Kreuz bezeugt (Mt 27,46). Seine Passion wäre aufgrund seiner übernatürlichen Ausstattung im strengen Sinn nur eine Scheinpassion, aber kein wirkliches Leiden gewesen. Jesus wäre sich bereits vor seiner Kreuzigung seiner Auferstehung sicher gewesen (V. 19), so wie später die Urchristen aufgrund der Verkündigung der Auferstehung Jesu ihrer eigenen Auferweckung gewiss sein durften. Wohl werden Leidende zu allen Zeiten von Todesahnungen umgetrieben. Der moderne „Kult“ um die „Letztwilligen Verfügungen“ macht das Sterbenmüssen nur scheinbar zu einem rational bewältigbaren notariellen Akt. Niemand weiß im Voraus, wie seine letzte Stunde aussehen und was sein Bewusstsein im Sterben alles durchmachen wird. Im Grunde genommen sprechen die Vorhersagen Jesu nur die Weisheit aus, die schon ein alttestamentlicher Psalm formulierte: „(Herr), lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ (Ps 90,12). Wahrscheinlich wollten die Evangelisten ihrer Leserschaft mit den genauen Angaben der kommenden Passionsereignisse in Jesu Mund schon in der Mitte ihrer Bücher signalisieren, dass das tragische, schimpfliche Ende Jesu nicht willkürlich war, sondern Jesus (und hinter und über ihm Gott) durch sein Vorherwissen bis hin zum Ereignis der Auferstehung stets Herr der Lage blieb. Die irdischen Richter und Henker Jesu sollten für die Leser zu keinem Zeitpunkt über die Initiative des Geschehens verfügen.

„Und Jesus zog hinauf …“ (V. 17). Der „Rabbi“ aus Nazaret hat seine galiläischen Wanderungen beendet und beschließt nun, mit seinem Anhang über das Jordantal von Jericho aus den steilen Aufstieg hinauf zur Hauptstadt Jerusalem zu gehen (Mt 19,1; 20,29). Ein frommer Jude, zumal einer, der wie Jesus „Rabbi“ genannt wurde32, sollte jährlich zumindest eine Wallfahrt zum Jerusalemer Tempel unternehmen; wenn möglich an Pessach (Auszug aus Ägypten) oder an einem der beiden anderen großen, traditionellen Feste Schawuot (Wochenfest) oder Sukkot (Laubhüttenfest). Entsprechend feierlich war die Stimmung der Pilger beim „Hinaufziehen“ zum geographisch hoch gelegenen Jerusalem (V. 17) – ein Anlass, miteinander unterwegs Erwartungen und Fragen auszutauschen. Topographische Angaben haben in der Symbolsprache der Bibel nicht selten einen übertragenen Sinn. So kann mit „auf dem Wege“ (V. 18) hintergründig auch das geistige Unterwegssein, das Suchen nach Wahrheit und Gewissheit angedeutet sein. Mit welchem Selbstbewusstsein trat Jesus den Gang nach Jerusalem an? Schon beim Betreten des Jordantals bei Caesarea Philippi hatte Jesus seine Jünger gefragt: „Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?“ (Mt 16,13), als sei er sich selbst seiner Identität und Sendung unsicher gewesen. Petrus hatte ihm dabei als Sprecher der Jünger vollmundig geantwortet: „Du bist Christus (Messias), des lebendigen Gottes Sohn“, als wäre die Selbstbezeichnung Jesus als „Menschensohn“ nicht der Rede wert gewesen,33 woraufhin ihm Jesus die erste Leidensweissagung entgegenhielt, die aber Petrus nicht hören wollte34, weil sie nicht in seine Vorstellung eines herrscherlichen Messias passte.

Daraufhin war ein heftiges Streitgespräch zwischen dem Meister und seinem Schüler entbrannt, bei dem Jesus Petrus vorwarf, wenn er sich das Leidenmüssen nicht als zum „Menschensohn“ gehörig vorstellen könne, sei er geradezu ein „Satan“35 – als sei es eine der schlimmsten Versuchungen in der Nachfolge Jesu, das Leiden um jeden Preis zu scheuen. Und auch jetzt hier bei der dritten Leidensweissagung, nimmt Jesus wieder die Zwölf aus der Menge derer, die ihm nachfolgten36, „beiseite“ (V. 17), um ihnen vertraulich seine Todesahnungen mitzuteilen. Seine weitere Anhängerschaft und vor allem das Volk brauchten sie noch nicht zu wissen, weil Jesu Leiden keine Show werden sollte und nur ein Leidender selbst – und vielleicht noch seine Angehörigen – die Tiefe seines Leidens ermessen können. Doch auch beim dritten Mal seiner Leidensahnungen nehmen ihm die „Seinen“ nicht ab, dass eine äußerste Erniedrigung zum Schicksal eines „Messias“ gehören könne, denn anschließend macht sich die Mutter des Jakobus und Jakobus während des Aufstiegs nach Jerusalem an Jesus heran, um von dem „Messias“ das Versprechen von „Ministerposten“ für ihre Söhne in seiner kommenden Königsherrschaft über Israel zu erhalten (Mt 20,20–23), als ginge es auch in der Nachfolge Jesu, wie immer in der Welt, nur um Macht und Herrschaft. Es war also offensichtlich auch für die Jüngerinnen und Jünger Jesu undenkbar, dass Jesus sehenden Auges ins Leiden gehen wollte; und auch später, nach Ostern, blieb es für die Urchristen ein Schock, dass der „Menschensohn überantwortet“ worden war (V. 18f.).

Der Titel „Menschensohn“ und das Verb „überantwortet werden“ sind entscheidende Pfeiler der christlichen Passionsdogmatik. Sie bedürfen deshalb einer genaueren Betrachtung. Die Jünger und Apostel konnten das qualvolle Ende Jesu nur verkraften, indem sie es mit Gottes Willen begründeten und Jesus sein Martyrium bis in alle Einzelheiten vorherwissen ließen. Für sie war im nachösterlichen Rückblick der irdische Jesus bereits mit dem auferstandenen Christus des Glaubens identisch. Sie schrieben ihm schon als Wanderprophet übernatürliche Eigenschaften zu und sahen ihn schon zu seinen Lebzeiten mit der Glorie des himmlischen Gottessohnes versehen. Doch ist es glaubhaft, dass schon der irdische Jesus von Nazaret geradezu göttliche Wesenseigenschaften hatte? Ein Ja oder Nein entscheidet sich daran, was man unter dem seltsamen Begriff „Menschensohn“ verstehen darf. Drückte Jesus damit seine Hoheit oder seine Niedrigkeit, sein „Übermenschentum“ oder seine „Normalität“ aus? Konnte das Leidenmüssen Jesus wirklich schmerzen oder prallte es an seiner „übernatürlichen Ausstattung“ ab, falls er je eine solche besaß?

„Menschensohn“ (V. 18) ist die am häufigsten benützte Selbstbezeichnung Jesu. Sie ist innerhalb der Leidensweissagungen der einzige Anker, um vielleicht doch belegen zu können, dass Jesus sich tatsächlich seines kommenden Leidens bewusst war und die kommenden Ereignisse im internen Kreis seiner Jünger bereits auf ihrem gemeinsamen Weg nach Jerusalem angesprochen hat.37 Die Urgemeinden haben in ihrer Verkündigung nie den Titel „Menschensohn“ für Jesus benützt bzw. ihn immer nur Jesus selbst aussprechen lassen. Der Titel „Menschensohn“ war ihnen wohl zu schlicht für einen Messias. Sie bevorzugten „Christus“, der Gesalbte, im Sinne des Königs auf dem Thron. Aber selbst dann, wenn „Menschensohn“ eine höchsteigene Selbstbezeichnung Jesu war, bleibt umstritten, was Jesus darunter verstand und welche Identität er sich mit diesem Begriff gab. Es lassen sich nämlich drei Rollenverständnisse damit verbinden, die sich am besten darstellen lassen, wenn man auf ihre sprachlichen Wurzeln zurückgeht.38 Ein erster Gebrauch von „Menschensohn“ leitet sich aus dem aramäischen Begriff Bar-Enosch ab und hebt Jesus hoch hinauf. Er bezieht sich gemäß Dan 7,13f. auf ein apokalyptisches Weltende und versteht Jesus als den künftig kommenden, auf den Wolken des Himmels thronenden Weltenrichter. Würde dieses Verständnis in die Leidensweissagungen Jesu eingetragen, entstünde das Paradox, dass gerade der Mächtigste am meisten leiden musste. Die zweite Rückübersetzung des Begriffs „Menschensohn“ geht auf die hebräische Rollenbezeichnung „Ben-Adam“ im alttestamentlichen Buch Hesekiel zurück, wo der „Menschensohn“ als prophetischer Überbringer von Gottessprüchen verstanden wird (Ez 2,1; 3,17). Eine dritte Möglichkeit ist der Bezug auf das vulgäraramäische „Barnasch“ als generelle Bezeichnung für „jedermann, irgendwer, Mensch schlechthin“, gewissermaßen als „Menschenbruder“ im existenzphilosophischen Sinn, wozu der jüdische Exeget Schalom Ben-Chorin neigt. Nach ihm hätte sich Jesus mit der Selbstbezeichnung „irgendein Mensch, jedermann“ ganz und gar unter die Menschen und nicht über sie gestellt. Er hätte damit bekannt, dass auch zu seinem Dasein Leidenserfahrungen wie Heimatlosigkeit, Hunger, Missverstanden- und Verhöhntwerden gehören konnten. Auch wir neigen zu dieser dritten Deutung.39

Wahrscheinlich hat Jesus überhaupt glorifizierende Hoheitstitel abgelehnt und sich solidarisch mit seinen Mitmenschen mit einfachen Anreden wie Rabbi, Heiler, Helfer, Freund, Diener begnügt; zum Beispiel, wenn er sagte: „Der Größte unter euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht“ (Mt 23,11f.). Die Leidensweissagungen wurden wohl von den Urchristen nachösterlich in der Rückschau auf Jesu Leben mit seinen Leidensstationen ausgestattet, wobei die Selbstbezeichnung „Menschensohn“ als Kern noch die „Demut“ anklingen lässt, mit der es Jesus an erster Stelle nicht um seine Person, sondern um seine Botschaft und sein Wirken ging. Wenn er mit seinen treuesten Anhängern überhaupt über das Risiko seines störenden Verhaltens sprach, dürfte er sich gewiss gewesen sein, wie sehr er die Herrschenden mit seiner Kritik an Macht und Herrlichkeit provozierte: „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme“ (Mt 19,24). Oder: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene …“ (Mt 20,28). Jesus ahnte wohl bereits beim „Hinaufzug“ nach Jerusalem, dass ihm an diesem Pascha nichts Gutes bevorstand, ohne im Voraus sein Schicksal genau abzusehen. Ob er allerdings sogar mit einem todbringenden „Übergebenwerden40 als Gotteslästerer und Revolutionär bis hin zum „Gekreuzigtwerden“ rechnete, lässt sich historisch nicht nachweisen.

Es bleibt offen, ob Jesus das Zusammenspiel zwischen den jüdischen und römischen Oberen in Jerusalem vorausahnen konnte, wie es in dieser dritten matthäischen Leidensweissagung beim „Hinaufstieg“ in die Heilige Stadt beschrieben wird. Matthäus benennt in diesem Text die „Hohenpriester und Schriftgelehrten“ als die Verantwortlichen der jüdischen Seite im Prozess gegen Jesus (V. 18). Dabei ist verwunderlich, dass die „Ältesten“ aus unbekanntem Grund fehlen, die der Evangelist sonst ebenfalls zu den Gegnern Jesu zählt.41 Sie setzten sich aus den Angehörigen des Priester- und Gutsbesitzeradels zusammen, versuchten sich mit den Römern gut zu stellen und folgten sadduzäischen Ansichten. Ebenso fehlen die Pharisäer in allen drei Leidensweissagungen. Sie werden während der Jerusalemer Passionstage Jesu nur als theologische, aber nicht auch als prozessuale Gegner erwähnt.42 Ob sie sich während der Verhöre Jesu neutral oder gar insgeheim sympathisierend verhielten, wird noch zu erörtern sein.43 Noch auffallender ist, wie andere nichtjüdische Beteiligte in den Leidensweissagungen aufgeführt werden. In der ersten Weissagung lassen nur die jüdischen Oberen Jesus „viel leiden“, während für das „getötet werden“ überhaupt keine Verursacher genannt werden (Mt 16,21). In der zweiten Leidensweissagung heißt es dann geradezu merkwürdig allgemein: „Der Menschensohn wird überantwortet werden in die Hände der Menschen, und sie werden ihn töten“ (Mt 17,22). Die dritte Leidensweissagung zählt dann auch noch die römischen Besatzer zu den Schuldigen. Sie werden verächtlich als „Heiden“ apostrophiert, denen Jesus „überantwortet wird, damit sie ihn verspotten und geißeln und kreuzigen“ (V. 19). Zusammengefasst werden also in den drei Leidensweissagungen vier der eingangs genannten möglichen Schuldigen am Tod Jesu angesprochen: die jüdischen Oberen, die römische Besatzungsmacht, die Menschen überhaupt und Jesus selbst, indem er bewusst in sein Jerusalemer Leiden „hinaufzog“; nur dass Matthäus vorerst noch nicht kollektiv von der Schuld des ganzen jüdischen Volkes und auch noch nicht von Gottes Willen hinter dem Passionsgeschehen spricht.44 Die drei Leidensweissagungen sind in ihren Details so verschieden, dass man geradezu vermuten könnte, Matthäus habe in ihnen ein Hin- und Herschwanken der Befürchtungen Jesu über sein Ende spiegeln wollen. Viel Lebenszeit hat Gott seinem „Sohn“ nicht gelassen. Die öffentliche Wirksamkeit Jesu verlief beispiellos rasch, wenn man bedenkt, dass sein gesamtes Auftreten wahrscheinlich nur ein Jahr und seine Passion in Jerusalem nur ein paar Tage dauerten. „Gedrängter“ hat keine andere bis heute wirksame Persönlichkeit der Religionsgeschichte gelebt.

24    Evangelisches Gesangbuch (EG), 11996, Nr. 85.

25    A. a. O., Strophe 1.

26    A. a. O., Strophe 4.

27    Mk 10,32f.; 15,41; Mt 20,17.

28    Mt 26,56; Mk 14,50; Lk 24,21.

29    Mk 8,34–41; Mt 16,24–28; Lk 9,23–27.

30    Eine vierte, kurz gehaltene Leidensankündigung, die Jesus dann noch später direkt in Jerusalem geäußert haben soll, bringt nichts Neues mehr (Mt 26,2).

31    (lat.) wörtlich: Weissagungen aus dem Vorfall.

32    Mt 26,25.49; Mk 9,5; 11,21; 14,45; Joh 1,38.49; 3,2.26; 4,31; 6,25; 9,2; 11,8.

33    Eine ausführliche Auslegung dieses so genannten Messiasbekenntnisses des Petrus bei Caesarea Philippi findet sich in: M. Köhnlein, Ecce homo – Seht der Mensch, Band 1: Der Ruf, 1999, S. 119–126.

34    Mt 16,21–23.

35    Mt 16,23. Es wird im heutigen Katholizismus meist verschwiegen, wie wenig „unfehlbar“, ja geradezu wie in die Irre gehend Petrus als erster „Stellvertreter Christi auf Erden“, um nicht zu sagen als erster „Papst“, bei seinen dogmatischen Aussagen in den Evangelien dargestellt wird. War es nicht schon immer eine „Sünde“, dass die Kirchen in Versuchung gerieten, sich mit Glanz und Gloria zu schmücken, anstatt niedrig und gering „auf dem Weg“ der Kreuzesnachfolge zu bleiben?

36    Mt 19,2; 20,29.

37    M. Müller, in: RGG4 (Lexikon für Religion in Geschichte und Gegenwart), Band 5, Sp. 1098f.; vgl. Mt 17,22.

38    Klar dargestellt hat der jüdische Exeget Schalom Ben-Chorin die drei möglichen Interpretationen des „Menschensohns“ in seinem Taschenbuch „Bruder Jesus – Der Nazarener in jüdischer Sicht“, dtv 1253, 41981, S. 108–110.

39    Vgl. Schalom Ben-Chorin, a. a. O., S. 110. Dabei wäre allerdings zu prüfen, wie weit Ben-Chorin als jüdischer Ausleger hermeneutisch gehindert war, Jesus als Messias oder Prophet zu sehen.

40    Zum Verständnis dieses Begriffs vgl. unten S. 112.181.

41    Mt 16,21; 21,23; 26,3+57; 27,1; 27,12; 28,12.

42    Mt 23,2; 23,23; (Lk 11,39).

43    Vgl. unten S. 162.

44    Vgl. oben S. 19.

Das Leiden an den Verhältnissen

Alle vier Evangelisten sind sich darin einig, dass Jesus in der kurzen Zeit der „Karwoche“45 mehrere Leidensdimensionen durchleiden musste. Dabei begann sein „Leiden“ wohl schon am Palmsonntag während seines Einzugs in Jerusalem. Jesus „litt“ gewissermaßen geistig. Er war nicht damit einverstanden, was um ihn herum geschah, versuchte aber zunächst, es zu ertragen. Er hörte sich den Jubel der Menge mit stummem Unbehagen. an. Er „litt“ am Missverständnis des Volkes, er sei der „Sohn Davids“ in der Rolle des nationalen, königlichen Thronprätendenten. Er wollte aber nur der einfache „Menschensohn“ sein, der humane Mitmensch, der sich von Gott angenommen und beauftragt fühlt, die Liebe und die Gerechtigkeit zu verkündigen. Er verstand sich als Helfer der Armen und Heiler der Kranken. Dieses geistige Leiden, missdeutet zu werden, setzte sich dann noch an diesem ersten Tag in Jerusalem fort in seinem Ärger über den Missbrauch des Tempelvorhofs als Basar und entlud sich am Montagmorgen in seiner Enttäuschung über den unfruchtbaren Feigenbaum, den er als Symbol der „unfruchtbar“ gewordenen Religiosität Israels ansah.

Im weiteren Verlauf des Montag bis hin zum Mittwochabend trat Jesus dann in Jerusalem als der vollmächtige „Lehrer“ Israels auf (Mt 22,16). Er nahm in Gleichnissen, Streit- und Schulgesprächen Stellung zu Gesetzes- und Steuerfragen, zum Liebesgebot, zur Wachsamkeit des Glaubens, zum Schicksal Jerusalems, zur Auferstehung, zum endzeitlichen Weltgericht und anderem mehr (Mt 21,18–25,46). Und so wie die Themen rasch wechselten, lösten sich auch die Gesprächspartner Jesu einander ab, so dass nach Meinung des Matthäus keiner der Verantwortlichen Israels später sagen konnte, er habe sich kein Bild von Jesus von Nazaret machen können.

2          Das vermeintliche Spektakel

Jesu Einzug in Jerusalem

Mt 21,1–10 (Mk 11,1–10; Lk 19,28–38; Joh 12,12–19)

1 Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus 2 und sprach zu ihnen: Geht hinein in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! 3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. 4 Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sach 9,9): 5 „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir

sanftmütig und reitet auf einer Eselin (!) und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers.“ 6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, 7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf.

8 Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg, andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. 9 Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe!

10 Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und fragte: Wer ist der? 11 Die Menge aber sprach: Das ist Jesus, der Prophet aus Nazaret in Galiläa!

Die Passionsgeschichten46 gelten in der Bibelwissenschaft als der älteste zusammenhängende Komplex der Evangelien. Sie umfassen im Matthäusevangelium 8 Kapitel, die Auferstehungsgeschichten miteinbezogen (Kap. 21–28). Bereits 1892 hat der Theologe Martin Kähler die Passionsgeschichten so sehr als Kern der Jesusüberlieferung angesehen, dass er die ganzen Evangelien als „Passionsgeschichten mit ausführlicher Einleitung“ bezeichnete.47 Dabei fügen die Evangelisten – vielleicht auch schon die mündliche Überlieferung vor ihnen – die letzten Tage Jesu in das Schema einer einzigen Woche ein, die dann später in der christlichen Tradition die Bezeichnung „Karwoche“48 erhielt. Die Evangelisten setzen diese Woche nicht mehr nach jüdischer Kalenderart von einem Sabbat bis zum nächsten Sabbat an, sondern gemäß dem neuen christlichen Wochenanfang von einem ersten „Sonntag“ bis zu einem zweiten „Sonntag“. Wir folgen bei unseren Auslegungen diesem Wochenschema Tag für Tag, so wie Matthäus die Themen und Begegnungen in seinem Evangelium aufeinander abfolgen lässt, auch wenn wir gelegentlich aus Gründen des thematischen Bezugs auf frühere Perikopen zurückgreifen müssen.

Am ersten „Sonntag“ lassen die Synoptiker den Einzug Jesu ins irdische Jerusalem stattfinden, am zweiten „Sonntag“ die Auferstehung Jesu in die Welt des himmlischen Jerusalem.49 Lukas „baut“ dann allerdings als einziger Evangelist zwischen die Auferstehung und die Himmelfahrt Jesu noch eine vierzigtägige Erscheinungszeit Jesu auf Erden ein (Lk 24,51; Apg 1,19). Wollten die Evangelisten mit dem Schema der einen Woche eine zweite Schöpfungsgeschichte andeuten? So wie Gott, der Herr, nach der jüdischen Tradition die Welt in sieben Tagen erschuf, so bewirkte Jesus mit seinem Leiden, Sterben und Auferstehen in einer Woche die Grundlegung des christlichen Glaubens an die Erlösung?

Der Einzug Jesu in Jerusalem kommt in der Predigtordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland zweimal vor: einmal als Grundlage für den Palmsonntag, aber auch als Perikope für den 1. Advent. Das eine Mal soll erinnert werden, dass der „Herr“ bereits gekommen ist, das andere Mal, dass er eines Tages wiederkommen wird. Der „Einzug in Jerusalem“ war den Urchristen offensichtlich so wichtig, dass ihn alle vier Evangelisten berichten. An diesem Ereignis kam keine der Urgemeinden vorbei. Dabei gestalteten die Evangelisten die Schauplätze, die „Mitspieler“, die Aktionen und Reaktionen verschieden. Auch später in der Kirchengeschichte entfaltet der Einzugsbericht in der Katechese, im Liedgut, im Brauchtum der Kirchengemeinden eine große Wirkung. Noch heute lassen sich in einigen Kirchen hölzerne oder steinerne Palmesel besichtigen, die einmal bei Psalmsonntagsprozessionen auf Brettern mit Rädern durch die Ortschaften gezogen wurden.50 Auch gibt es noch hier und da die kirchliche Sitte, sich am Palmsonntag im Gottesdienst „Palmzweige“ weihen zu lassen, die dann mit nach Hause genommen werden. Generell aber wird heute der Palmsonntag zum ersten großen, kirchenfernen Frühlingsausflug benützt. Die palmsonntägliche Erinnerung an den Einzug Jesu ist als Auftakt zur Karwoche kein besonderes religiöses Erlebnis mehr. Aus dem Einzug der Pilger in die heilige Stadt ist der Auszug der Wanderer und Fahrer in die Osterferien geworden. Sollten darum die Kirchen den heutigen Zeitgenossen die Bedeutung des Palmsonntags wieder stärker in Erinnerung rufen als Beispiel dafür, wie rasch eine Gesellschaft ihre Stimmung vom „Hosianna!“ zum „Kreuzige ihn!“51 umschlagen lassen kann? Aber kann dieser Stimmungswechsel überhaupt historisch belegt werden? Wer hat eigentlich diese Rufe erschallen lassen? War damals tatsächlich die „ganze Stadt“ Jerusalem auf den Beinen (V. 10), als der Wanderprophet aus Nazaret auf einem Esel in die Stadt einritt?

„Und als er in Jerusalem einzog …“ (V. 10). Matthäus zielt in seinen Passionsgeschichten auf Kontraste ab. Vom Ölberg her reitet Jesus frei wie ein König in die Stadt ein, am Ölberg wird er im Garten Gethsemane wie ein Verbrecher in Fesseln gelegt. Anfänglich hält Jesus scharfe Reden und Streitgespräche im Tempelbezirk52, dann aber verstummt er während seines Prozesses mehr und mehr. Dem äußeren Applaus, der ihm zunächst entgegengebracht wird, steht zunehmend der Rückzug in die Innerlichkeit entgegen. Auch die Kulissen wechseln zwischen hellen Tagen und dunklen Nächten. Den offenen Ohren der Menschen folgen taube Ohren, dem Verständnis das Unverständnis, dem Treueversprechen der „Verrat“. Der „Messias“ des Volkes wird am Ende als „Verbrecher“ ans Kreuz genagelt.