Passioniert für Alsterdorf - Georg Schade - E-Book

Passioniert für Alsterdorf E-Book

Georg Schade

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Beschreibung

In den Alsterdorfer Anstalten (ab 1988: Evangelische Stiftung Alsterdorf) von 1969 bis 1997 als leitender Mitarbeiter gewirkt zu haben, war für mich eine wichtige Lebensphase. Für mich war es eine Tätigkeit, der ich mich mit viel Einsatz und Leidenschaft 28 Jahre lang gewidmet habe. Viele andere Mitarbeiter haben in ganz ähnlicher Weise ihre Lebenskraft für diejenigen eingesetzt, die in der Anstalt leben mussten. Diese konnten ja nichts dafür, dass sie als behinderte Menschen geboren wurden und sich die Angehörigen nicht um sie kümmern konnten oder wollten. Die umgebende Gesellschaft sah es vielfach nicht als vordringliche Aufgabe an, Zuwendung und Finanzmittel für diese Arbeit bereitzustellen, der sich seit etwa 100 Jahren die christliche Diakonie widmete. Die Spannung zwischen dem begonnenen Wirtschaftswunder und den Bedingungen, unter denen christliche Nächstenliebe in Alsterdorf noch großenteils in Massenunterkünften und z.T. als Verwahrung praktiziert werden musste, hat Ende der 1960er / Anfang der 1970er Jahre zu Veränderungsanstrengungen geführt. In dieser Zeit also habe ich mich als 30-Jähriger den vielfältigen Herausforderungen gestellt. Über diese Zeit zu berichten, ist mir wichtig, weil von der jetzigen Stiftung 2018 ein Film produziert wurde, der die damaligen Anstrengungen ganz vieler Mitarbeiter geradezu verunglimpft. Es gab wirklich negative Seiten, die nicht so schnell oder vollständig in einem Sinne behoben werden konnten, der heutzutage als Inklusion bezeichnet wird. Durch unhistorische Darstellung und Bewertungen aus späterer Perspektive wird jedoch geradezu ein Zerrbild gezeichnet. Die positiven Erfahrungen, die es bei Bewohnern sowie Betreuenden gab und die dokumentiert sind, werden weitestgehend ignoriert. Es wird stattdessen die 'Skandalisierung' durch den sogenannten kleinen 'Kollegenkreis' 1979 als die entscheidende Wende dargestellt, die schließlich zur Auflösung der 'Verwahr-Anstalt' geführt hätte. Dieses Geschichtsbild ist so nicht korrekt und bedarf der Korrektur. Meine Familie und ich - ebenso wie viele aus der damaligen Mitarbeiterschaft - haben eine andere Wahrnehmung - insbesondere der Zeit vor 1979.

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Seitenzahl: 303

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Zum Inhalt:

In den Alsterdorfer Anstalten (ab 1988: Evangelische Stiftung Alsterdorf) von 1969 bis 1997 als leitender Mitarbeiter gewirkt zu haben, war für mich eine wichtige Lebensphase. Für mich war es eine Tätigkeit, der ich mich mit viel Einsatz und Leidenschaft 28 Jahre lang gewidmet habe. Viele andere Mitarbeiter haben in ganz ähnlicher Weise ihre Lebenskraft für diejenigen eingesetzt, die in der Anstalt leben mussten. Diese konnten ja nichts dafür, dass sie als behinderte Menschen geboren wurden und sich die Angehörigen nicht um sie kümmern konnten oder wollten. Die umgebende Gesellschaft sah es vielfach nicht als vordringliche Aufgabe an, Zuwendung und Finanzmittel für diese Arbeit bereitzustellen, der sich seit etwa 100 Jahren die christliche Diakonie widmete.

Die Spannung zwischen dem begonnenen Wirtschaftswunder und den Bedingungen, unter denen christliche Nächstenliebe in Alsterdorf noch großenteils in Massenunterkünften und z.T. als Verwahrung praktiziert werden musste, hat Ende der 1960er / Anfang der 1970er Jahre zu Veränderungsanstrengungen geführt. In dieser Zeit also habe ich mich als 30-Jähriger den vielfältigen Herausforderungen gestellt.

Über diese Zeit zu berichten, ist mir wichtig, weil von der jetzigen Stiftung 2018 ein Film produziert wurde, der die damaligen Anstrengungen ganz vieler Mitarbeiter geradezu verunglimpft. Es gab wirklich negative Seiten, die nicht so schnell oder vollständig in einem Sinne behoben werden konnten, der heutzutage als Inklusion bezeichnet wird. Durch unhistorische Darstellung und Bewertungen aus späterer Perspektive wird jedoch geradezu ein Zerrbild gezeichnet. Die positiven Erfahrungen, die es bei Bewohnern sowie Betreuenden gab und die dokumentiert sind, werden weitestgehend ignoriert. Es wird stattdessen die „Skandalisierung“ durch den sogenannten kleinen „Kollegenkreis“ 1979 als die entscheidende Wende dargestellt, die schließlich zur Auflösung der „Verwahr-Anstalt“ geführt hätte.

Dieses Geschichtsbild ist so nicht korrekt und bedarf der Korrektur. Meine Familie und ich – ebenso wie viele aus der damaligen Mitarbeiterschaft – haben eine andere Wahrnehmung – insbesondere der Zeit vor 1979.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Biografische Vorgeschichte

2.1 Elternhaus

2.2 Ausbildung

2.3 Erste berufliche Station: Paul-Gerhardt-Kirche

Leitung im ‚männlichen Pflegegebiet‘ der AA

3.1 Beginn 1969 mit einer Hospitation in Rotenburg

3.2 Aufgabenbereiche in den AA

3.3 Was habe ich vorgefunden?

3.4 Chronischer Mangel in der Personalsituation

3.5 Orientierung

3.5.1 Die Technik

3.5.2 Wirtschaftsabteilung

3.5.3 Großküche

3.5.4 Fazit

3.5.5 Erste Probleme

3.6 Die Situation der Behinderten in den 1970er Jahren

3.6.1 Was gab es an Traditionen und Festlichkeiten?

3.6.2 Was es noch nicht gab

3.6.3 Bauliche Verbesserungen

3.6.4 Inhaltliche Verbesserungen ab 1970

3.7 Mit der Familie in die Alsterdorfer Straße Nr. 386

3.8 Stiftungsvorstand bzw. Stiftungsrat

Ausschnitte aus dem Berufsleben

4.1 Öffentlichkeitsarbeit - Fundraising

4.1.1 Schüler engagieren sich für die AA

4.1.2 Zwei Großveranstaltungen in der Alsterdorfer Sporthalle

4.1.3 Ein bunter Nachmittag in der Sporthalle am 14.10.1972

4.1.4 Sportplatz-Einweihung zugunsten des Freizeitzentrums

4.1.5 Öffentlichkeitsarbeit mit L. Schulz professionalisiert

4.2 Wohngruppen

4.2.1 Alsterdorfer Str. 384

4.2.2 Alsterdorfer Straße 386 und 355

4.2.3 Hermannsburg

4.2.4 Das Wohnhaus Barsbüttel

4.2.5 Haus Osterkamp

4.3 Personal

4.3.1 Versuche zur Personalwerbung

4.3.2 Ausbildung zum Heilerzieher

4.3.3 Umbruch ab ca. 1970

4.3.4 Polarisierungen und die „Goldene Krücke“

4.3.5 Verbesserung der Betreuung

4.4 Konzepte

4.4.1 Nachversicherung für Behinderte in den AA

4.5 Freizeitmaßnahmen

4.5.1 Das Freizeitzentrum im Herntrich-Haus

4.5.2 Minigolfbahn

4.5.3 Tischtennis auf dem Gelände ‚Alstertal‘

4.6 Therapie und Förderung

4.6.1 Musiktherapie

4.6.2 Reittherapie

4.6.3 Sprachtherapie

4.6.4 Euro-Matic-Kugeln

4.6.5 Bewegungsbad im Karl-Witte-Haus

4.6.6 Verkehrsübungsplatz

4.6.7 Fördergruppe für Schwerst- und Mehrfachbehinderte

4.6.8 Erwachsenenbildung

4.7 Besondere Ereignisse

4.7.1 Gott ist international (12.5.1974)

4.7.2 Das Jubiläumsjahr 1975

4.7.3 Der Sport und seine Möglichkeiten

4.7.4 Tätigkeiten im Stadtteil

4.8 Freizeiten und Reisen

4.8.1 Finanzierung von Reisen

4.8.2 Organisation von Reisen

4.8.3 Integrationsreisen mit dem CVJM

4.8.4 Nächstenliebe, „Normalisierung“ und Inklusion / Würde

Abgrenzung von der ESA-Geschichtsdarstellung

5.1 Das Jubiläumsjahr 2013

5.2 Das Buch „Mitten in Hamburg“

5.3 Der Film „Die Alsterdorfer Passion“

5.4 Einladung zum Mitmachen als Interviewpartner

5.5 Präsentation am 20.3.2018 und erste Reaktionen

5.6 Ausscheiden aus der Negativ-Darstellung

5.7 Motiv zur eigenen Darstellung

Zusammenfassender Rückblick

Dokumenten-Anhang aus der Dienstzeit 1969-1997

7.1 Vorstellung von Hans-Georg Schmidt 1967

7.2 Ausbildung zum Heilerziehungspfleger Ende 1971

7.3 Warum Freizeitzentrum? (10/1972)

7.4 Hausordnung für das Freizeitzentrum der AA

7.5 Artikel im Hamburger Abendblatt v. 2.2.1973

7.6 Zwei Briefe an Pastor Schmidt v. 30.6.1973

7.7 Einladungsschreiben für den 19./20.1.1974

7.8 Hausordnung für Alsterdorfer Str. 384

7.9 Bettenschlüssel 9.4.1975

7.10 Eine Einführung für Mitarbeiter (08/1976)

7.11 Zur Nutzung des Freizeitzentrums 01/1977

7.12 Zum Schlangengruben-Artikel in ‚Wir Helfen‘ 05/1979

7.13 Zeitungsausriss: ‚Skiurlaub in Zwiesel‘

7.14 Aufstellung zum Taschengeld vom 12.10.1982

7.15 Herausgeber-Notiz in ‚Wir Helfen‘ 4/1982 S.2

7.16 Mitarbeiterversammlung am 3.7.1990

7.17 Brief an die Bischöfin 1993 (zu HA 6.3.1993)

Dokumenten-Anhang zur Zeit 1997-2018

8.1 Mein Schreiben an Prof. Haas v. 18.9.2013

8.2 Antwortschreiben Prof. Haas an mich vom 28.10.2013

8.3 Beitrag im Jubiläums-Magazin 2013 von H.G. Krings

8.4 Schülerarbeit 2016/2017 u.a. über Vater Fritz Schade

8.5 Beitrag in der Evangelischen Zeitung vom 8.4.2018

8.6 Defizite in der Film-Darstellung (Lampe)

8.7 Gleßmer: Leserbrief für Ev. Zeitung zu Nr. 14 S. 13

8.8 RA M. Maul an ESA; Brief vom 27.4.2018

8.9 Leserbrief von A. Lampe vom 29.4.2018

8.10 Notizen zu Erfahrungen aus einer Betreuung 2000ff

Genutzte Materialien

9.1 Online-Materialien

9.2 Gescannte bzw. fotografierte Unterlagen:

Abkürzungen, Archivalien und Indices zu Personen, Orten und Themen

10.1 Abkürzungen

10.2 Archivalien

10.3 Kurztitel und Literatur

10.4 Personen-Index

10.5 Orts- und Straßennamen

10.6 Themen-Index

Zum Autor

Ich widme diese Erinnerungen all den ‚Ehemaligen‘ der Alsterdorfer Anstalten, die dort trotz schwieriger Umstände gelebt, gelitten, gearbeitet und sich in Freude und Leid, so gut es ging, leidenschaftlich eingebracht haben.

1 Vorwort

„Passioniert für Alsterdorf“ habe ich als Titel für diese Zusammenstellung deshalb ausgewählt, weil ich als Zeitzeuge die Einrichtung darstellen möchte, in der ich 28 Jahre engagiert gearbeitet habe. Aus einer Innenperspektive kann ich Sachverhalte berichten und Materialien bereitstellen, um ein einseitig gefärbtes Bild aus meinem Blickwinkel zu ergänzen. Denn am 20. März 2018 wurde ein Film unter dem Titel „Die Alsterdorfer Passion“ der Öffentlichkeit vorgestellt, in dem zwar auch Interviews von Zeitzeugen einen wichtigen Bestandteil bilden, dazu gehörten urspünglich – bzw. zwischenzeitlich – auch Pastor Alfred Lampe und ich. Allerdings waren die Beiträge, die auch von zahlreichen anderen Personen erfragt wurden, so ausgewählt und so zusammengestellt, dass sich insgesamt ein negatives Bild der Einrichtung ergibt, das nicht der Wirklichkeit der Zeit ab 1970 entspricht, die ich selbst erlebt habe. Der Filmtitel „Alsterdorfer Passion“ sollte wohl im Sinne von „Leiden in Alsterdorf“ verstanden werden. So hat es etwa die Evangelische Zeitung auch als Hauptbotschaft des Films in einem sehr unkritischen Beitrag dargestellt.1 Pastor Lampe und ich haben deshalb über einen Rechtsanwalt gebeten, unsere Interview-Beiträge aus dem Film wieder herauszunehmen.

Dass es auch Leid in Alsterdorf sowohl für Menschen mit Behinderungen als auch für diejenigen gab, die ihnen zur Seite standen, steht außer Frage. Aber es gab auch viele leidenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie deren Familien, für die es gilt, das Bild zurechtzurücken, das der Film zeichnet. Dadurch werden zwar die damaligen Schattenseiten in Alsterdorf nicht „wegargumentiert“, aber es kommt hoffentlich ein realistischeres Gesamtbild zustande.

Wenn ich versuche, jetzt einen Einblick aus meiner Perspektive zu geben, so kann es auch nicht vollkommen „objektiv“ geschehen. Aber für diejenigen, die zwar in der Zeit in Alsterdorf wohl Vieles mit erlebt haben, wie etwa meine Angehörigen, kann ich Sachverhalte durch die Dokumente belegen, was ihnen sonst nur vom Hörensagen oder z.T. nur aus Tischgesprächen, also ggf. aus der Angehörigen-Perspektive bekannt ist. Auch für andere Interessierte wird es leichter sein, ein historisch ausgewogeneres Bild zu gewinnen, als es aus manchen Veröffentlichungen aus Alsterdorf sowie durch den Film „Alsterdorfer Passion“ erscheint.

Ich werde dazu auch versuchen, meinen eigenen Werdegang und Blickwinkel zu beschreiben, um auch die zeitlichen Dimensionen der Veränderungen und Bezugsgrößen in meiner Biografie kenntlich zu machen. – Die ersten Vorarbeiten für eine eigene Darstellung sind schon im April 2018 entstanden, als ich all die Dinge noch einmal gesichtet hatte, die von mir für das Film-Interview zusammengestellt worden waren und die ich auch dem Rechtsanwalt zur Information über den Sachverhalt vorgelegt habe. Alfred Lampe und ich haben daneben gegenseitig weiteres Material ausgetauscht. U.a. habe ich von ihm auch die vielen Quellentexte für seine frühere Publikation zu „Kirchgebäude in den Alsterdorfer Anstalten“ in digitaler Form erhalten, die ich so am Computer zu Hause studieren konnte.2 Vieles Alte habe ich im letzten halben Jahr auf diese Weise auch über die Alsterdorfer Anstalten (= AA) neu gelesen bzw. was die Geschichte vor meiner Dienstzeit betrifft und sich etwa in zahlreichen Heften der „Briefe und Bilder aus den Alsterdofer Anstalten“ (= BuB) findet, die Pastor Lampe alle noch hatte. Aber auch die anderen periodischen Berichte (wie „Wir helfen“ oder „Umbruch“) aus meinem eigenen Bestand waren mir z.T. sehr nützlich, um etwa Jahreszahlen genauer zu bestimmen, die in meinem Gedächtnis nicht so genau abgelegt waren, wie sie sich zum Teil schwarz auf weiß gedruckt finden. So ist der Umfang dessen, was ich beschreiben möchte, immer weiter angewachsen. Im Herbst ist glücklicherweise ein engerer Kontakt mit Uwe Gleßmer zustande gekommen, der mir dann auch geholfen hat, alles zur vorliegenden Dokumentation in Word-Dateien mit Bildern so zusammenzufügen, dass es druckbar wurde. Außerdem hat er mir auch noch bei der weiteren Recherche nach Texten geholfen. Deren Quellen finden sich jetzt in zahlreichen zusätzlichen Fußnoten. Bei manchen meiner Textblöcke hat er mir Vorschläge zur Veränderung und ggf. Einfügung bereitgestellt. Diese bilden für die am Schluss in Kapitel 5 von mir artikulierte Abgrenzung von der Geschichtsdarstellung, wie sie der Film von 2018 bietet, eine wichtige Vorarbeit.

Mit Alfred Lampe und Uwe Gleßmer, die sich ja bereits zuvor intensiv mit Fragen zur Alsterdorfer Geschichte befasst hatten, konnten außerdem viele inhaltliche Fragen an Vorversionen des Textes diskutiert und verbessert werden, um auch für Außenstehende – hoffentlich – von meinem persönlichen Erleben verständlich zu berichten. Insgesamt sind es zwar meine „Passioniert-für-Alsterdorf-Texte“, aber ohne das Zusammenwirken hätte ich es wohl nicht geschafft, bis zum 80. Geburtstag alles zum Abschluss zu bringen, wie ich es mir vorgenommen hatte.

Auch meinem alten Freund Willi Eckloff bin ich besonders dankbar, dass er geholfen hat, eine größere Anzahl von älteren Dia-Originalen in digitale Form zu überführen, die wir jetzt an manchen Stellen mit abbilden können. Nicht zuletzt meiner Familie möchte ich besonders dafür danken, dass alle mich entlastet haben, als mir im Frühjahr 2018 der emotianale Pegel in Kombination mit unseren gesundheitlichen Problemen zu sehr zu schaffen machte.

Manche Dinge habe ich auch aus Platz- und Zeitgründen nicht beschrieben, für die sich in meinen Unterlagen noch weitere Details finden. Ich möchte diese auf einer DVD zusammenstellen, damit Ihr gelegentlich die originalen Papiere entsorgen könnt und Euch nicht damit zu belasten braucht…

1 Siehe dazu unten auch die Leserbriefe.

2 Gleßmer / Lampe (20162).

2 Biografische Vorgeschichte

Am 6. April 1939 wurde ich als ältester Sohn von vier Kindern geboren; meine Schwester Mechthild (1941), mein Bruder Gotthard (1943) und mein Bruder Friedrich Michael (1950). Wir Geschwister nannten ihn nur Michael und nicht Friedrich. Ob wir den Namen nicht so schön fanden – oder, ob es so war, damit kein Missverständnis entstand, wenn unser Vater gemeint war?

Mechthild wurde Krankenschwester und lebt als Ehefrau von Keith Johnson mit drei Kindern in England. Sie hatte ihren Mann Keith im Rahmen der Evangelischen Jugendarbeit in Wandsbek anlässlich einer Jugendreise kennen und lieben gelernt. Gotthard, der zunächst als Missionar in Äthiopien und später aus dortigen politischen Gründen als Pastor in Deutschland tätig war, lebt seit seiner Pensionierung mit Ehefrau Renate, geb. Scheffler, in Hermannsburg, Kreis Celle. Aus der Ehe gingen acht Kinder hervor.

Aus Hermannsburg kommen auch die Vorfahren unserer Mutter. Der Gründer der Hermannsburger Mission, Ludwig Harms (1808-1865) war ihr Großonkel.

Vater: Fritz Schade (1905-1972)

Wappen: Schade ∞ Ruschenbusch3

Mutter: Anna,4geb. Ruschenbusch (1907-1982)

Friedrich, genannt Michael, wurde Erzieher, danach Dipl. Sozialpädagoge und Sonderschullehrer. Von 1983 an war er einige Jahre in den Alsterdorfer Anstalten in der von mir gegründeten Erwachsenenbildung unter der Leitung der Heilerzieherin A. Maibauer tätig, später als gewählter Vorsitzender der Mitarbeitervertretung (MAV). Heute ist er im Ruhestand und engagiert sich insbesondere für Migranten im Stadtteil Harburg. Im Hamburger Abendblatt ist am 12.11.2016 ein ausführlicher Artikel unter dem Titel „Michael Schade ist der Erfinder des Refugio“ erschienen.5 Ihm ist auch der Stolperstein mit zu verdanken, der für die Cousine der Mutter in Hermannsburg als Opfer der NS-T4-Aktion gesetzt wurde:

„Irmgard (1896-1942) litt leider an einer unheilbaren psychischen Krankheit. Sie wurde während der Herrschaft des Nationalsozialismus von verbrecherischen Ärzten in der Nervenheilanstalt Hadamar umgebracht.“6

Von diesem Sachverhalt wusste ich allerdings jahrzehntelang nichts. Durch meinen Bruder Michael und andere Familienmitglieder sind jedoch vor einigen Jahren die Details in Erfahrung gebracht, sowie das Gedenken an das 45-jährige Opfer, das zuvor 20 Jahre in Lüneburg in einer Klinik lebte, veranlasst worden. Ob meine Eltern über die Ahnungen der Verwandtschaft und die damalige Familien-Trauerfeier etwas gewusst haben, ist leider noch nicht klar. Als meine Mutter 1982 starb, war die Verstrickung der AA in die T4-Aktion noch nicht aufgearbeitet, was ja erst 1987 erfolgt ist, und ich damals mit großer Betroffenheit gelesen habe.7 Vor dem Tod der Mutter war das Thema noch nicht ein Gesprächsanlass, um darüber mit ihr zu sprechen.

2.1 Elternhaus

Wir Kinder sind sehr dankbar dafür, dass wir solche Eltern hatten und in solch einem Elternhaus groß werden durften. Geboren wurden wir alle in Ochsenwerder. Ochsenwerder ist ein Dorf in den Hamburger Vier- und Marschlanden, wo unser Vater, Friedrich (genannt Fritz), als Gemeindepastor für die St. Pankratiuskirche tätig war.8

Wir wurden christlich erzogen und mit Sicherheit dadurch auch für das Leben geprägt. Unsere Eltern waren laut vielen Zeitzeugen als Pastorenehepaar authentisch und glaubwürdig. Unser Haus war ein offenes Haus für alle, für die sogenannten „Brüder der Landstraße“, für Freunde der Familie und später nach dem Krieg für etwa 10 Flüchtlinge, die mit im Pfarrhaus wohnten.

moderne Aufnahme des Pfarrhauses von 2011 durch den Fotografen Flamenc aus Valencia.

Nach dem Wechsel unseres Vaters 1952 in seine Heimat Wandsbek an die Kreuzkirche waren auch immer mal wieder Bewohner aus den Alsterdorfer Anstalten am Mittagstisch. Sie kamen mit Frau Ziegler. Sie besuchte und betreute die Bewohner Franz Joseph, Harry und Herbert ehrenamtlich in den Alsterdorfer Anstalten. Frau Ziegler, eine fromme Frau, war eine Freundin des Hauses und die Witwe des damaligen Bürgermeisters von Wandsbek, Dr. Friedrich Ziegler (1887-1952).9 Durch Frau Ziegler hatten wir Kinder, inzwischen Jugendliche, schon früh Kontakt mit Menschen aus den Alsterdorfer Anstalten.

Am Mittagstisch in Ochsenwerder, später in Wandsbek, waren es in der Regel 10 bis 15 Personen, die von unserer Mutter bekocht wurden. Vor dem Essen war es üblich, dass wir zunächst alle hinter den alten Stühlen mit hoher Lehne standen und erst nach dem Tischgebet unseres Vaters die Plätze einnehmen konnten. Nach dem Essen wurde ein Dankgebet gesprochen und der Refrain von „Wir pflügen und wir streuen“ gesungen:

„Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn“.10

Abgesehen von den dunklen und schrecklichen Jahren des Krieges hatten wir eine wunderbare Kinder- und Jugendzeit. Es ist für uns ein Wunder, dass wir als Familie den Krieg überlebt haben. Um unser Haus waren sieben Fliegerbomben niedergegangen. Dabei wurde der Scheunenanbau getroffen; so mussten wir noch in der Nacht über den Friedhof in den Keller der Kirche umziehen, um dort mit den Nachbarn und den Bewohnern unseres Hauses Schutz zu suchen.

Obwohl damals noch sehr klein, erinnere ich mich noch sehr genau an die Nächte in den Luftschutzkellern und an die Ängste um unseren Vater, der während der Gottesdienste von den Nazis abgehört wurde und sich der Bekennenden Kirche verbunden fühlte, so dass er auch eine Abmahnung durch den Bischof erhielt.

Ihm zur Ehre wurde deshalb am 8. Oktober 2012 der „Fritz-Schade-Weg“ benannt. Eines der den Namen erläuternden Straßenschilder trägt als Aufschrift neben den Lebensdaten auch das Motto: „Aufrecht in schwerer Zeit“. Über diese Ehrung und das dadurch zu Stande gekommene Treffen der Anwohner, Freunde, Familie und Nachkommen wurde u.a. auch in seiner zweiten Heimat Wandsbek berichtet und das folgende Bild veröffentlicht:11

In dem Sammelband „Das Gedächtnis der Stadt“ wird über diesen Straßennamen ein Artikel bereitgestellt, der z.T. auf der Beschreibung in der Bergedorfer Zeitung basiert, in der es hieß:

„Dass es heute einen Fritz-Schade-Weg gibt, ist dem Kirchenvorstand in Ochsenwerder zu verdanken. Dr. Kurt Schröder hatte im Archiv der Landeskirche die Personalakte von Fritz Schade erforscht und sich gemeinsam mit Rüdiger Schröder und Peter Burmester für den mutigen Pastor als Namensgeber eingesetzt.“12

Neben diesen Mitgliedern der Ochsenwerder Gemeinde wird auch sein damaliger Konfirmand erwähnt, den ich selbst aus der Zeit in Ochsenwerder noch kannte und der für meinen Werdegang dann später eine große Rolle spielte:

„Hans-Georg Schmidt, Pastor im Ruhestand und ehemaliger Leiter der Alsterdorfer Anstalten, war Konfirmand bei Fritz Schade. Schmidt erinnerte in seiner Ansprache bei dem Empfang im Pastorat an den couragierten Mann, den er als ‚gebildeten Theologen‘ in guter Erinnerung hat.“13

Für die Erinnerungskultur in den Vier- und Marschlanden ist diese Straßenbenennung ein wichtiger Anhaltspunkt:

Schüler einer Schule aus Bergedorf haben darüber unter dem Titel

„Von Gott und der Welt verlassen?“ im Rahmen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten geforscht und ihre Arbeit 2017 als Broschüre herausgegeben. Das Deckblatt ist links abgebildet. Der entsprechende Abschnitt über das Wirken von Fritz Schade ist unten im Anhang vollständig zitiert.14

Natürlich erinnern wir uns auch in der Familie gern an unseren guten Vater. Oft durfte ich ihn auf dem Sozius seines 98iger Kleinkraftrades durch die zerstörten Stadtteile Rothenburgsort und Billstedt nach Hamburg begleiten. Nicht vergessen auch die Fahrten durch Ochsenwerder zur Elbe, wenn er Besuche in Moorwerder durchführte. Am Ufer gab es eine Glocke, die man anschlug, wenn der Fährmann am anderen Ufer darauf hingewiesen werden sollte, dass jemand übergesetzt werden möchte. Als es noch eisige Winter gab, gingen wir zusammen übers Eis zur anderen Seite.

Da unsere Eltern nie Urlaub machten oder machen konnten, weil sie dafür keine Zeit hatten, taten sie alles, um uns Kindern Freude zu bereiten. Nicht vergessen der kleine Zirkus, der auf der Kirchenwiese gastieren durfte und deren Besitzer uns auf den Pferden reiten ließ. Aber auch die Radtouren in die Nachbardörfer oder das Rudern mit dem Kahn auf dem sogenannten „Pasta Brack“, sowie die Spiele im großen Garten des Pfarrhauses sind uns auch heute noch in guter Erinnerung.

Erwähnt werden muss aber auch, dass unser Vater natürlich nicht ohne Fehler war. Er war nicht sehr ordentlich und gut organisiert, was vielleicht nicht so tragisch war. Aber es konnte auch vorkommen, dass er auch schon mal recht böse werden konnte, wenn wir irgendeine Dummheit gemacht hatten. Nach einer Tracht Prügel, natürlich ganz selten, kam er am Abend an mein Bett oder an das Bett meiner Geschwister und entschuldigte sich mit dem Hinweis, dass es eine Schwäche von ihm sei, leicht jähzornig zu werden. Er entschuldigte sich bei uns und bat gewissermaßen um Vergebung. Diese Ehrlichkeit hat uns beeindruckt. Deshalb können wir heute verstehen, dass er nach Kriegsende einen Nazi davor bewahrt hatte, gelyncht zu werden und anderen bei der Entnazifizierung geholfen hat.

2.2 Ausbildung

Nach dem Umzug unserer Familie 1952 vom Dorf Ochsenwerder in die Stadt nach Hamburg-Wandsbek gelang die Umstellung ohne große Schwierigkeiten.

Die weitere Entwicklung von uns Kindern war geprägt durch die Jugendarbeit der Kreuzkirchen-Gemeinde mit Diakon Wolfgang Schulz. Er verstand es hervorragend, die Jugend von der Straße zu holen und in das Gemeindeleben einzubinden. Da gab es den Posaunenchor, die Tischtennisplatte mit den Turnieren, die Jungschar- und Jugendkreise sowie die Ferienlager am Stocksee oder Plöner See mit über 100 Jungen und Mädchen ebenso die Laienspielgruppe und viele weitere Angebote für uns Jugendliche.

Diakon Schulz stattete mir überraschend zu meinem 25-jährigen Diakonen-Jubiläum 1987 einen Besuch ab.

Herr Schulz bildete mich zum Posaunenbläser und Laienspieler aus. Fast jeden Tag versammelten wir uns nach der Schule im Gemeindehaus in der Kedenburgstraße.

Diese Jahre in der Gemeinde führten bei mir zu dem Entschluss, mich im Rauhen Haus für eine Diakonenausbildung zu bewerben. Nach bestandenem Eingangstest und einem Bewerbungsgespräch durfte ich mit 18 Jahren die 5-jährige Ausbildung zum Diakon und Sozialpädagogen beginnen.

Die Zeit der Ausbildung begann mit einem einjährigen Praktikum im Rauhen Haus und in einem Kinder- und Altenheim in Cuxhaven. Danach wurde ich sofort mit dem Erziehungsdienst betraut.

Im Haus „Fischerhütte“, einer großen Holzbaracke aus der Nachkriegszeit, waren wir mit drei bis vier Mitarbeitern für etwa 15 Kinder im Alter von 8 – 13 Jahren zuständig und verantwortlich.15

Das gemeinsame Leben für Kinder und uns Betreuer fand primär in einem großen Tagesraum statt. Dort wurden an kleinen Tischen die Schulaufgaben gemacht und beaufsichtigt. Zu den Mahlzeiten musste ein anderes Haus aufgesucht werden. In der Nacht schliefen alle zusammen in einem gemeinsamen Schlafraum, wo Einzel- und Stockbetten aus Metall nebeneinander aufgestellt waren. Weiterhin zur Gruppe gehörten ein großer Waschraum und drei Toiletten. Für die Mitarbeiter gab es noch ein kleines Dienstzimmer von etwa 6 m2.

Heute könnte man leicht sagen, das war doch alles unverantwortlich. Damals 1958 waren diese Zustände jedoch nicht ungewöhnlich, sondern ein Spiegelbild der damaligen Situation und Gesellschaft. Wir Mitarbeiter wurden von den Kindern mit „Bruder“ angesprochen. Der Gründer des Rauhen Hauses, Johann Hinrich Wichern, wollte, dass die angehenden Diakone wie „Brüder“ mit den Kindern in einer Gemeinschaft leben.

Der Tagesablauf verlief so, dass die Kinder sehr früh geweckt und für die Schule vorbereitet wurden. Wenn die Kinder das Haus verlassen hatten, dann begann für uns der Unterricht im Rahmen unserer Ausbildung. Zunächst stand die Ausbildung zum Wohlfahrtspfleger an. Dozenten, unter anderem aus der Jugendbehörde, der Arbeits- und Sozialbehörde sowie ein Jurist und ein Volkswirt aus der Bürgerschaft, ein Psychologe und der Schulleiter, R. Höllenriegel, führten uns nach zwei Jahren zum Examen. Die damalige Leiterin der Prüfungskommission, Frau Oberschulrätin Klages, nahm unser Examen ab. Später durfte ich mit ihr in den Alsterdorfer Anstalten, wo sie die Leitung der Heilerzieherschule übernommen hatte, zusammenarbeiten.

Nach der Ausbildung zum heutigen Dipl. Sozialpädagogen wurde die Ausbildung zum Diakon fortgesetzt. Das Examen zum Diakon fand 1962 unter Leitung von Bischof Witte statt.

Für meine Enkel würde ich auch gern noch darauf hinweisen, dass es während meiner Zeit im Rauhen Haus neben der Unterbringung und der Verpflegung pro Monat ein Taschengeld von 30 DM gab. Eine 40-Stundenwoche gab es nicht. Ebenso heute nicht mehr vorstellbar wurde während meiner Zeit ein Karzer für die Jugendlichen eingerichtet, die besonders renitent und aggressiv waren. Man nannte diese Einrichtung allerdings nicht Karzer, sondern „Besinnungsraum“. Einer meiner Kollegen wurde zum Beispiel von einem Jugendlichen mit einem Messer so schwer verletzt, dass der aggressive Jugendliche von mehreren Brüdern vorübergehend in solch einen Besinnungsraum gebracht werden musste.

Die Jugendbehörde Hamburg ging in dieser Zeit mit sogenannten „schwererziehbaren“ Jugendlichen in solchen Fällen ähnlich um.

Jugendgerichtliche Unterbringung (JGU)

„Das Jugendgerichtsgesetz sieht die Möglichkeit vor, Jugendliche zur Sicherung der Hauptverhandlung oder zur Abwendung von Untersuchungshaft in geeigneten Einrichtungen der Jugendhilfe unterzubringen. Mit der Jugendgerichtlichen Unterbringung (JGU) steht den Bezirksjugendgerichten ein spezialisiertes Angebot mit neun Plätzen zur Verfügung. Die Einrichtung bietet bis zur Hauptverhandlung eine stabilisierende Betreuung über Tag und Nacht, einen strukturierten Alltag und Vorbereitung auf ein selbstständiges Leben ohne Straftaten.“16

Heute gibt es zum Glück neue Möglichkeiten und Entwicklungen im Bereich der Heimerziehung.

Die Ausbildung im Rauhen Haus hat mich ebenso wie die Jugendarbeit in der Kreuzkirchen-Gemeinde Wandsbek für mein weiteres Leben geprägt und mit Dankbarkeit erfüllt. Dankbar deshalb, weil ich aus heutiger Sicht sehe, dass ich zu Beginn der Ausbildung noch sehr unreif und mit Sicherheit nicht selten überfordert war. Dankbar aber auch, wenn man heute noch von ehemals betreuten Jugendlichen hört und sieht, dass damals nicht alles umsonst war.

2.3 Erste berufliche Station: Paul-Gerhardt-Kirche

Von 1963 bis 1969 war ich in der Paul-Gerhardt-Kirchengemeinde tätig.17

Pastor H. G. Schmidt (Jg. 1930), den ich aus Ochsenwerder kannte, hatte uns darauf hingewiesen, dass in der Paul-Gerhardt-Kirche in Winterhude eine Diakonenstelle frei werden würde.

Nach erfolgreicher Bewerbung zogen meine Frau Renate und ich mit den Kindern Matthias und Katharina in die Ohlsdorfer Str. 2 in eine 4,5 Zimmerwohnung in den dritten Stock eines Hochhauses. Am Tag des 21. Mai 1967, als ich gerade mit mehreren Bussen zu einem Gemeindeausflug nach Geesthacht unterwegs war, wurde unsere Tochter Katharina geboren. Erwähnen muss ich, dass meine schwangere Frau noch mehrere Programmtafeln für den Tag gestaltet hatte, und ich durch die Anspannung an dem Ausflugstag der Gemeinde auch noch die Geburt unserer Tochter über Lautsprecher mit dem falschen Namen „Doris“ bekannt gab –, eigentlich sollte unsere Tochter ja Katharina heißen. Ein Beispiel dafür, dass die Frau eines Diakons immer auch mit beteiligt ist und oft viel zu ertragen hat.

Die Paul-Gerhardt-Gemeinde liegt in der Nähe des Stadtparks und war damals geprägt durch ein Rentnerheim und viele Seniorenstiftungen im näheren Umkreis. Dort lebten die alten Menschen selbstständig in kleinen Wohnungen. Sie waren in der Regel ganz auf sich gestellt.

In Notfällen konnten sie sich an unsere Gemeindeschwester Gertrud wenden. So war uns bei Dienstantritt schnell klar, dass hier ein Schwerpunkt unseres Aufgabengebietes liegen würde. So richteten meine Frau und ich einen Seniorenkreis ein, der alle 14 Tage im Martin-Rinckart-Saal mit ca. 100 Gästen zu einem Thema und einer Kaffeetafel zusammenkam. Für diese Veranstaltungen gab es einen Helferkreis von 4 bis 5 rüstigen Damen und 2 Jugendlichen, die mit viel Eifer für einen guten Ablauf sorgten. Ein Problem bei den älteren Menschen war besonders die Einsamkeit im Alter. So richteten wir daneben zusätzliche Angebote ein, das heißt, wir verliehen in der Gemeinde gebrauchte Fernseher, wir führten einen monatlichen Beratungsdienst mit einem Mitarbeiter aus dem Bezirksamt Nord und unserer Gemeindeschwester durch. Ebenso richteten wir mit der Unterstützung des Bauamtes der Landeskirche einen Anbau an das Gemeindehaus für die Männer aus den Rentnerheimen ein. Dort traf man sich vor allen Dingen zum Skat spielen.

Eine Maßnahme gegen die Einsamkeit war ebenfalls die sogenannte Stadtranderholung. In den Sommermonaten wurden ca. 40 angemeldete Seniorinnen und einige Senioren eine Woche lang täglich mit einem Bus in die Heide in ein leerstehendes Schulgebäude gefahren, um sich dort einen Tag aufzuhalten und zu erholen. Es wurden Programme, wie gemeinsames Singen oder Wandern, sowie ein Mittagessen und eine Kaffeetafel geboten.

Neben der Senioren- und Sozialarbeit gehörte die Jugendarbeit zu meinem Aufgabengebiet. Diese Aufgabe schien mir zunächst eine Überforderung zu sein. Die Gemeinde war bekannt durch ihre gute Jugendarbeit, die von der Gemeindehelferin Susanne Abegg und Diakon Unverricht geprägt war. Mein Vorgänger, W. Unverricht, dessen Nachfolge ich übernommen hatte und der die letzten Jahre seiner Dienstzeit in den Verwaltungsdienst der Gemeinde ging, sah den Schwerpunkt seiner Jugendarbeit bei den christlichen Pfadfindern. Da ich so gut wie keine Erfahrung mit der Pfadfinderarbeit hatte, gab es die für mich gute Lösung dadurch, dass die Pfadfinder sich selbstständig organisierten und ich eine so genannte „Wölflingsgruppe“ aufbaute und mit den Konfirmanden nach der Konfirmation Jugendgruppen mit Pastor Schellenberg und Frau Abegg einrichtete.

Daneben bildete ich junge Menschen zu Bläsern für einen Posaunenchor aus. Daraus wurde ein Posaunenchor, der in seiner besten Zeit aus 20 Bläsern bestand.

Regelmäßig wirkte er am Gemeindeleben in den Gottesdiensten und Feiern mit. Unvergessen dabei auch die Jugendreisen durch Deutschland, nach England und Finnland. Immer dabei der Posaunenchor.

Einige Bläser, die mit mir auch an den Deutschen Kirchentagen teilnahmen, haben bis heute Kontakt untereinander und ein besonders freundschaftliches Verhältnis. Sie besuchen sich neuerdings ca. einmal im Jahr, dabei auch mich in Schutschur 2017.

„Ehemalige Bläser des Posaunenchores der Paul-Gerhardt-Kirche, Winterhude“

Ein besonderer Höhepunkt während meiner Dienstzeit waren spezielle Gemeindetage mit verschiedenen Aktionen in der Paul-Gerhardt-Gemeinde. Vom Amt für Öffentlichkeitsdienst wurde ein organisierter Besuch fast aller Bewohner der Gemeinde durchgeführt sowie ein Festgottesdienst mit einer Dialogpredigt. Die Predigt wurde von dem damaligen Bischof Witte und Helmut Schmidt über den Vers aus Jeremia 29,7 „Suchet der Stadt Bestes“ gehalten.

Die Bilanz meiner ersten beruflichen Station hätte nicht besser sein können. Es war eine schöne Zeit mit vielen Erlebnissen und Freundschaften. Zum Team der Gemeinde gehörten damals drei Pastoren (Schmidt, Schellenberg, bis Herbst 1962 Baldenius), ein Küster, drei Raumpflegerinnen, ein Kantor, eine Gemeindehelferin, eine Gemeindeschwester mit Helferin und zwei Diakone.

Allein durch diese Personalausstattung wird deutlich, dass man die damalige Zeit in einer Gemeinde mit der heutigen nicht mehr vergleichen kann. Es war eine sehr schöne Zeit, für die ich besonders auch Pastor Schmidt, Pastor Schellenberg und allen Mitarbeitern sehr dankbar bin.

3 Zu den Daten der Familie und den genealogischen Ausarbeitungen siehe die Webseiten unter www.arendi.de/_Ruschenbusch/Generation_10.htm zu Georg Ludwig Ulrich Gotthard Ruschenbusch (1867-1965), der die Tochter Anna Wilhelmine Adelheid Harms (1866-1941) des Direktors der Hermannsburger Mission Theodor Harms 1904 geheiratet hatte, deren Tochter 1938 nach der Heirat mit Fritz Schade als dessen Ehefrau Anna unsere Mutter wurde.

4 Siehe zu Anna Schade und ihrem 70. Geburtstag 1977 mit Gästen und der Wohngruppe in der Alsterdorfer Straße in BuB (1977) S. 6 den Bericht und Bilder „Geburtstag bei Mutter Anna“.

5https://www.abendblatt.de/hamburg/harburg/article208701003/Michael-Schade-ist-der-Erfinder-des-Refugio.html.

6 Text in den genealogischen Daten in dem Bericht der Enkelin von Dr. Ernst Ruschenbusch unter http://www.arendi.de/_Ruschenbusch/Ruschenbusch,%20Ernst.htm; zum Stolperstein siehe https://www.kirchliche-dienste.de/arbeitsfelder/ikdr/Presse/Ein-stolperstein-fuer-irmgardruschenbusch.

7 Damals wurde das Buch von Wunder / Genkel / Jenner (19882) vom derzeitigen Direktor Mondry beworben und vergünstigt auch an die Mitarbeiterschaft abgegeben. – Aus der Rückschau kann ich auch die Pionierarbeit zur Euthanasie von 1983 und das Lebenswerk von Ernst Klee (1942-2013) ganz anders würdigen (siehe Pehle (2015) Manuskript), als es mir nach den persönlichen Erfahrungen mit diesem bewusst in der Zuspitzung und beleidigend provozierenden Mann bei der Preisverleihung der „Goldenen Krücke“ 1979 der Fall war (siehe dazu den Abschnitt 4.3.4 „Polarisierungen und die „Goldene Krücke““).

8 Als Lebensdaten sind im Verzeichnis „Hamburger Pastorinnen und Pastoren seit der Reformation“ bei Schade_v (2009) S. 224 angegeben: 20.7.1905 bis 19.11.1972 sowie ab 1932 Pastor in Ochsenwerder, ab 1952 in Wandsbek Kreuzkirche, ab 1966 in Hinschenfelde Emmauskirche.

9 Zu ihm vgl. die Angaben im Buch „Wandsbek in Wort und Bild“ von Fricke / Pommerening / Röpke (2000).

10 EG Nr. 508.

11 In einem Artikel von Fricke (2013) Wandsbek informativ 2/2013 S. 20.

12www.bergedorfer-zeitung.de/printarchiv/vier-und-marschlande/article169678/Ehrung-einesmutigen-Pastoren.html

13Bake (2015ff) Bd. 3 S. 474. Zu H.G. Schmidt und seinem Bezug zu Ochsenwerder siehe auch die autobiografische Skizze „Mein Weg nach Alsterdorf“ in BuB (1967/68) S. 13-15 (= Anhang 7.1 „Vorstellung von Hans-Georg Schmidt 1967“.

14 Siehe im Abschnitt 8.4 „Schülerarbeit 2016/2017 u.a. über Vater Fritz Schade“.

15 Bild aus dem Archiv des Rauhen Hauses, wofür der Mitarbeiterin Sabine Grothe sowie dem Archivar besonders zu danken ist.

16 Quelle: https://www.hamburg.de/basfi/start-jgu/. .

17 Die Gemeinde bestand seit 1933 als „Winterhude-Nord“ (mit einer kleinen Paul-Gerhardt-Kapelle) und bekam 1962 ein eigenes gleichnamiges Kirchengebäude (siehe dazu die „Kirchenführung“ von Anne Benz https://www.kirche-hamburg.de/fileadmin/gemeinden/paul-gerhardt-gemeinde-zu-hamburg-winterhude/PDFs/Kirchenfuehrung.pdf).

3 Leitung im ‚männlichen Pflegegebiet‘ der AA

Pastor Hans Georg Schmidt war 1968 Direktor der Alsterdorfer Anstalten geworden.18 Eines der Fotos von ihm aus seiner Anfangszeit möchte ich voranstellen, um auch zugleich die Bezeichnung „weibliches Pflegegebiet“ zu erläutern.

Pastor Schmidt hatte im Februar 1971 die zwischen 1966 und 1971 als Oberin amtierende Herta Ernst zu verabschieden. Sie hatte die letzten fünf Jahre den „weiblichen Bereich“, also den Bereich, in dem Mädchen und Frauen wohnten, geleitet.

Als Pastor Schmidt mich 1969 mit der besonderen Anfrage anrief, ob ich mich nicht in den Alsterdorfer Anstalten für die Leitung des sogenannten „männlichen Pflegegebietes“ bewerben wolle, sollte Oberin Ernst mein Pendant in Bezug auf den „weiblichen Bereich“ werden. Vielleicht ist es angemessen, zwei Anekdoten, voranzustellen, die ich über das Begrüßungsklima in Alsterdorf von beiden zu hören bekam:

Ein Original in Alsterdorf sei Ernst Sp.; er habe die neue Oberin Herta Ernst mit den Worten begrüßt: ‚Du kannst ruhig Du zu mir sagen, ich heiße auch Ernst.‘

Ähnlich unkompliziert war auch seine Empfehlung, die dann der neue Direktor bekam:

Ernst Sp. begrüßt den neuen Direktor Pastor Schmidt mit den Worten: ‚Dat Eine will ick Di seggen: Kop hoch, Ohren stief, und allens andre geit Di nix an.‘

Ob solche Ratschläge für mich auch kommen würden? – Obwohl in der Paul-Gerhardt-Gemeinde sehr glücklich, beheimatet und zufrieden, habe ich mich nach langer Überlegung – trotz mancher Warnungen – für eine Bewerbung in den AA entschlossen. Dafür gab es vor allen Dingen drei Gründe. Erstens waren es die guten Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Pastor Schmidt. Zweitens glaubte ich, mich in den Alsterdorfer Anstalten spezialisieren zu können: In der Gemeindearbeit war man sowohl für die Sozialarbeit, Seniorenarbeit, für die Gestaltung der Schaukästen, für die Kinder- und Jugendarbeit, die Ausbildung und Leitung eines Posaunenchores und die Verkündigung tätig, gewissermaßen ein „allroundman“. Mein damaliger Irrglaube war, dass ich mich im Bereich der Behindertenarbeit besonders hätte spezialisieren können.

Schließlich wurde uns in der Gartenstadt Alsterdorf ein freiwerdendes Haus im Falle eines Wechsels zur Miete angeboten. Natürlich hatte diese Aussicht einen zusätzlichen Reiz, mit unseren drei Kindern vom dritten Stock eines Hochhauses in ein Haus mit Garten zu ziehen.

Meine Bewerbung in den Alsterdorfer Anstalten wurde nach einem graphologischen Gutachten positiv bewertet, so dass ich im September 1969 offiziell meinen Dienst in den Alsterdorfer Anstalten aufnehmen konnte.

Das in Aussicht gestellte Haus in der Gartenstadt konnten wir aus verschiedenen Gründen nun doch nicht beziehen, so dass wir weiter in Winterhude wohnten. Für Pastor Schmidt und auch für mich war wichtig, dass ich vor Dienstantritt in den Alsterdorfer Anstalten zunächst die Möglichkeit bekomme, für einige Wochen in einer anderen Einrichtung zu hospitieren, um den Stand und die Möglichkeiten der damaligen Behindertenarbeit in der Bundesrepublik kennen zu lernen.

3.1 Beginn 1969 mit einer Hospitation in Rotenburg

Vier Wochen durfte ich in den Rotenburger Anstalten hospitieren, also in einer durch die Innere Mission getragenen und durch eine Diakonissenschaft ähnlich konzipierten Einrichtung wie Alsterdorf. Eingesetzt wurde ich primär in einer Abteilung für Schwerst- und Mehrfachbehinderte. Dort erlebte ich das Engagement und die Hingabe der meisten Mitarbeiter. So freute sich z.B. ein Mitarbeiter darüber, dass er seinen Bewohnern neben der Anstaltsverpflegung am Abend Bratkartoffeln mit Spiegelei zubereiten konnte. – Hinzu kamen Kurzhospitationen in zwei anderen Gruppen und Führungen durch die gesamte Einrichtung.

3.2 Aufgabenbereiche in den AA

Nach diesen vier Wochen begann ich meinen Dienst in den Alsterdorfer Anstalten. Dazu möchte ich zuerst einen allgemeineren Überblick geben, um dann unten im Abschnitt „Orientierung“ einige der speziellen Probleme des Anfangs in den Alsterdorfer Anstalten zu beschreiben.

Im Haus „Goldener Apfel“ befanden sich die Büroräume der Pflegedienstleitung. Kommissarischer Leiter und Pflegevorsteher war Herr Emil Wendt, ca. 60 Jahre alt. An seiner Seite Erwin Schultze, Ehrhard Ruff und Hubert Haefke, ein psychisch belasteter Bewohner, der vor einer großen und alten Schreibmaschine saß und darauf wartete, die wöchentlichen Dienstpläne für den Aushang abzuschreiben.

Im Flur stand eine große Bank für etwa vier Behinderte, die als Boten Briefe und Dienstpläne und Mitteilungen für die Verwaltung auszutragen hatten.

Für den Pflegevorsteher, Herrn Wendt, der für einige Monate die vakante Stelle der Pflegedienstleitung auszuführen hatte, muss es eine besondere Herausforderung gewesen sein, dass nun ein junger Mann im Alter von 30 Jahren als sein Vorgesetzter eingestellt wurde. Herr Wendt war seit vielen Jahren leitend tätig und musste immer wieder neu erleben, dass meine Vorgänger im Amt nur kurz in der Einrichtung blieben und wieder wechselten, und er jeweils erneut mit der Leitung des sogenannten männlichen Pflegedienstes kommissarisch betraut wurde.

Heute rechne ich es Herrn Wendt hoch an, dass er trotz dieser für ihn nicht schönen Situation mit mir loyal zusammengearbeitet hat.

3.3 Was habe ich vorgefunden?

Zum männlichen Pflegegebiet gehörten über 700 leicht-, schwer- und mehrfach Behinderte vom Jugend- bis zum Seniorenalter. Betreut, primär pflegerisch, wurden die Männer in Häusern von Pflegehelfern, Krankenpflegehelfern und Krankenpflegern. Die Häuser wurden von Oberpflegern geleitet, die in der Regel eine dreijährige Ausbildung zum Krankenpfleger absolviert hatten. Hinzu kamen Zivildienstleistende, die nach ihrer Dienstzeit oft in der Einrichtung blieben, um eine Ausbildung zu machen.

Die Behinderten lebten in den Häusern Wartburg, Wittenberg, Haus Gottesschutz, Carlsruh, Haus Friedenshort, Haus Hohenzollern, Haus Bismarck, Haus Heinrichshöh.

Weiter zum Pflege- und Verantwortungsbereich gehörte das Paul-Stritter-Haus, eine psychiatrische Abteilung des Ev. Krankenhauses, das von Oberpfleger