Paulus und die Anfänge der Kirche - Daniel Kosch - E-Book

Paulus und die Anfänge der Kirche E-Book

Daniel Kosch

0,0

Beschreibung

Nach Jesu gewaltsamem Tod musste sich seine Jüngerschaft neu formieren und ihre Botschaft in Auseinandersetzung mit diesem Tod und im Licht der Auferweckungsbotschaft formulieren. Das Neue Testament belegt die unterschiedlichen Positionen dieser spannungsreichen Entwicklung. Briefe, Apostelgeschichte und Offenbarung zeigen, wie sich die ersten Gemeinden mit ihrer Botschaft ihren Platz im Gefüge der antiken Welt gesucht haben. In diesem Band werden neutestamentliche Schriften in ihrem zeitgeschichtlichen Kontext interpretiert. Die Anfänge der Jerusalemer 'Urgemeinde' werden dabei ebenso gewürdigt wie das Leben und Wirken des Völkerapostels Paulus, die Hauptthemen paulinischer Theologie ebenso wie ihre Nachgeschichte in neutestamentlicher und nachneutestamentlicher Zeit. Informationen zur Reihe: 'Studiengang Theologie' bietet einen fundierten Einblick in die gesamte Theologie - qualitativ hochstehend und schnell zugänglich. Die Reihe führt ein in die grossen Linien, die elementaren Methoden, die biblischen, systematischen sowie praktischen Grundfragen und in existenzielle theologische Fragen. Sie erleichtert das Selbststudium sowie die Vorbereitung auf Prüfungen. Ein mit jedem neuen Band mitwachsendes Online-Register macht die Reihe ausserdem zu einem dienlichen Nachschlagewerk.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 555

Veröffentlichungsjahr: 2012

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Studiengang Theologie

Herausgegeben von theologiekurse.ch

Redaktion:

Sabine Bieberstein, Dr. theol., Professorin für Exegese des Neuen Testaments und biblische Didaktik an der Fakultät für Religionspädagogik und Kirchliche Bildungsarbeit der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

Stephan Leimgruber, Dr. theol., Professor für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts an der Kath.-Theol. Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München und Rektor bei theologiekurse.ch

Felix Senn, Dr. theol., Studienleiter bei theologiekurse.ch in Zürich

theologiekurse.ch vermittelt als katholische Bildungsinstitution seit über einem halben Jahrhundert in ökumenischer Offenheit theologische Grundkenntnisse an interessierte Frauen und Männer in der deutschsprachigen Schweiz. Ihre Lehrgänge eröffnen den Zugang zu verschiedenen kirchlichen Funktionen und Berufen. Die kontinuierlich erneuerten Lehrunterlagen des vierjährigen berufsbegleitenden Studiengangs Theologie STh bilden die Grundlagen dieser Reihe.

Sabine Bieberstein, Daniel Kosch

Paulus und die Anfänge der Kirche

Band II,2 Neues Testament, Teil 2

Theologischer Verlag Zürich

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar.

Umschlaggestaltung: Simone Ackermann, Zürich

ISBN: 978-3-290-20081-7 (Buch) ISBN 978-3-290-20092-3 (E-Book)

|XX| Seitenzahlen des E-Books verweisen auf die gedruckte Ausgabe.

© 2012 Theologischer Verlag Zürichwww.edition-nzn.ch

Alle Rechte vorbehalten

|5| Geleitwort zur Reihe

Mit dieser Hinführung zum zweiten Teil des Neuen Testaments liegen nun sieben Bände der Reihe Studiengang Theologie vor. Damit gewinnt bereits das ganze Spektrum theologischen Fragens, das von den biblischen Grundlagen über die systematische Vergewisserung christlichen Glaubens und die Reflexion christlich-kirchlicher Praxis bis hin zur gelebten Spiritualität reicht, klarere Konturen. Entlang der wichtigsten Fächer des Theologiestudiums will die Reihe einführen in den aktuellen Stand theologischen Nachdenkens und dieses fruchtbar machen für suchende Menschen von heute. Herausgeber und Redaktionsteam freuen sich, dass die bisherigen Bände in der Öffentlichkeit ein gutes Echo gefunden haben.

Hervorgegangen ist die Reihe aus dem vierjährigen berufsbegleitenden Studiengang Theologie STh, den die katholische Bildungsinstitution theologiekurse.ch seit über fünf Jahrzehnten für theologisch interessierte Frauen und Männer in der deutschsprachigen Schweiz anbietet. Die kontinuierlich erneuerten Lehrunterlagen bilden die Grundlage dieser Veröffentlichung. Gründlich überarbeitet sollen sie hiermit allen Interessierten im deutschen Sprachraum zugänglich gemacht werden.

Obwohl in den letzten Jahren der Stellenwert der christlichen Kirchen im öffentlichen Bewusstsein abnimmt, ist das Interesse an elementarer Glaubensinformation und Theologie nach wie vor gross. Doch lassen sich heute manche interessierte Frauen und Männer besser über theologisch aktuelle und gehaltvolle Bücher erreichen als über zeitintensive Studienangebote. Voraussetzung ist freilich, dass der theologische Stoff interessant und gut lesbar vermittelt wird und in ökumenischer Offenheit einen verlässlichen Einblick in die Fragen, Problemstellungen und Antwortrichtungen heutiger Theologie gibt.

Theologisch interessierte Laien, Theologiestudierende an Hochschulen und Fakultäten sowie Lehramtsstudierende sollen sich nicht im Labyrinth der wissenschaftlichen Detaildiskussionen |6| verirren, sondern zunächst mit den grossen Linien, den elementaren Methoden, den biblischen, systematischen und praktischen Grundfragen und den existenziellen Herausforderungen theologischen Fragens vertraut werden. Kurz: Es geht um einen fundierten und zugleich gut verständlichen Einblick in den aktuellen Stand der Theologie in ihren einzelnen Fachdisziplinen.

Diesem Ziel ist die vorliegende Reihe verpflichtet. Sie erleichtert das Selbststudium wie die Vorbereitung auf Prüfungen im theologischen Grundstudium; sie richtet sich darüber hinaus an ausgebildete Theologinnen und Theologen, Lehrerinnen und Lehrer, die sich nach Jahren in der Praxis ein fachliches Update wünschen. Mit zwei Bänden jährlich bietet sie so im Laufe der nächsten Jahre gleichsam einen Studiengang Theologie zwischen Buchdeckeln.

Wir danken der Edition NZN beim Theologischen Verlag Zürich (TVZ) für den Mut zu diesem Projekt und für die angenehme Zusammenarbeit und der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) sowie der Katholischen Kirche im Kanton Zürich für die grosszügigen Zuschüsse an die Publikationskosten dieser Buchreihe.

Wir hoffen, dass der vorliegende Band und die Buchreihe insgesamt – die auch zu attraktiven Subskriptionskonditionen abonniert werden kann – vielen theologisch Interessierten einen Dienst erweisen und zu einem verantwortlichen Leben und Glauben in der heutigen pluralen Gesellschaft beitragen.

Zürich, Pfingsten 2012

Vorstand und Geschäftsstelle theologiekurse.ch Redaktionsteam der Reihe Studiengang Theologie

|7| Inhaltsübersicht

Titelei

Geleitwort zur Reihe

Inhaltsübersicht

Vorwort

1 Von Jerusalem nach Antiochia – Die Zeit des Anfangs (SB)

1.1 Die Katastrophe des Karfreitags

1.2 Erfahrungen, die alles verändern

1.3 Die Verkündigung des von Gott rehabilitierten Gekreuzigten

1.4 Frühe Jesusboten in Galiläa

1.5 Anfänge in Jerusalem

1.6 Samaria, Antiochia, Damaskus – Der Schritt zu «den Völkern»

2 Paulus und die paulinischen Gemeinden – Die Botschaft vom Messias Jesus gewinnt an Kontur (SB)

2.1 Die Quellen

2.2 Paulus, sein Leben und seine Arbeit – Spuren und Konturen

2.3 Paulus im Beziehungsgefüge der Gemeinden

3 Der Brief des Paulus an die Gemeinden in Rom – Theologie im Dienst der Dynamik des Evangeliums (DK)

3.1 Den Römerbrief lesen – mit welcher(n) Brille(n)?

3.2 Hinweise zur Lektüre des Briefes

3.3 Segen und Ohnmacht des Gesetzes

3.4 Bejahung des Lebens aller

3.5 Gott hat sein Volk nicht verstossen (11,2)

3.6 Unkonventionell und besonnen, eigenständig und einmütig

3.7 Rückblick: Die Dynamik des Evangeliums und der Ernst des Glaubens

4 Die Briefe an die Gemeinde von Korinth: Theologie, Lebensfragen und Gemeindeleben im Kontext einer antiken Grossstadt (SB)

4.1 Ein Blick in die quirlige Hafenstadt Korinth

4.2 Paulus und die Anfänge der Gemeinde von Korinth

4.3 Einblicke in die korinthische Gemeinde

4.4 Die paulinische Korrespondenz mit der Gemeinde von Korinth

4.5 Streitfragen in Korinth – Verkündigung im Kontext einer antiken Grossstadt

5 Die weiteren Briefe des Paulus – Dialoge zwischen Zorn und Enttäuschung, Freude und Hoffnung, Ermutigung und Trost (SB)

5.1 Der Brief des Paulus an die Gemeinden in Galatien – Das Evangelium steht auf dem Spiel

5.2 Der Brief des Paulus an die Gemeinde in Philippi: Freude, Zuversicht – und Irritationen

5.3 Der Brief des Paulus an die Gemeinde in Thessaloniki (1 Thess) – Stärkung und Trost in schwierigen Zeiten

5.4 Der Brief des Paulus an Philemon und die Gemeinde in seinem Haus – Testfall für eine befreiende Praxis

6 Gemeinden in der Tradition des Paulus – Die pseudepigrafischen Paulusbriefe (SB)

6.1 Der Brief nach Kolossä – Der kosmische Christus als Herr über Mächte und Gewalten

6.2 Der Brief nach Ephesus – Die Einheit von Israel und «den Völkern» in der Kirche

6.3 Der zweite Brief nach Thessaloniki: Diskussionen um die Parusie Jesu Christi – und die Folgen für die Lebensführung

6.4 Die Pastoralbriefe – Die rechte Verwaltung des «Hauswesens Gottes»

7 Der Hebräerbrief und die katholischen Briefe: Andere Kontexte – andere Traditionen (SB)

7.1 Der Hebräerbrief – Eine «Wolke von Zeugen» für den Glauben an den Messias Jesus

7.2 Der Jakobusbrief – Glauben und Handeln gehören zusammen

7.3 Der erste Petrusbrief – Stärkung für bedrängte Gemeinden

7.4 Der zweite Petrusbrief – Letzte Anweisungen des «Petrus»

7.5 Der Judasbrief – Unerbittlicher Kampf gegen falsche Lehren

7.6 Die drei Johannesbriefe: «Gott ist Liebe» – und was daraus folgt

8 Die Offenbarung des Johannes: Widerstand gegen die Verführungen der Macht (SB)

8.1 Visionen des Sehers Johannes

8.2 Die komplexe Situation der Gemeinden

8.3 Das Programm des Buches

Literaturverzeichnis

Karten

Abkürzungen

Detailliertes Inhaltsverzeichnis

Fussnoten

Seitenverzeichnis

|11| Vorwort

Wer sich auf die Suche nach den «Anfängen der Kirche» macht, ist im Neuen Testament zuallererst auf Paulus und die von ihm gegründeten Gemeinden verwiesen. Die Briefe des Paulus sind die ältesten erhaltenen Dokumente des Neuen Testaments, und sie geben vielfältige, faszinierende, mitunter überraschende Einblicke in die Welt der ersten messiasgläubigen Gemeinden. Sie tun dies nicht auf eine zusammenhängende Art und Weise; denn sie sind Gelegenheitsschriften, die meist auf Fragen oder Konflikte in den Gemeinden eingehen und daher stark auf diese konkreten Situationen bezogen sind. Doch gerade dies macht sie zu lebendigen Zeugnissen der Anfangszeiten der Gemeinden, ihrer Schwierigkeiten und Nöte, ihrer Hoffnungen und ihres gelebten Glaubens. Sie sind Teil eines Gesprächs zwischen Paulus und den Gemeinden, das zwar nur zur Hälfte überliefert ist, aus dem aber die Vielstimmigkeit der Diskussionen des Anfangs noch gut herauszuhören ist. Die Lebendigkeit dieser Zeugnisse, ihr hohes Alter und die grosse Bedeutung, die Paulus für die Ausgestaltung und Verbreitung der Christusbotschaft hatte, haben uns bewogen, Paulus und den von ihm gegründeten Gemeinden den grössten Teil dieses Buches zu widmen: In Kapitel 2 steht Paulus selbst mit seinem Leben und Arbeiten im Mittelpunkt. Kapitel 3 widmet sich dem Römerbrief und zentralen Themen paulinischer Theologie. Kapitel 4 beleuchtet die Briefe nach Korinth und einige der brennenden Fragen der Lebensgestaltung im Kontext einer antiken Grossstadt. Kapitel 5 führt in die Briefe des Paulus an die Gemeinden in Galatien, Philippi, Thessaloniki und im Haus des Philemon ein.

Paulus war nicht der erste, der die Botschaft vom Messias Jesus verkündet und messianische Gemeinschaften initiiert hat. Schon bald nach Ostern sind in Galiläa erste Verkündigerinnen und Verkündiger aufgetreten, die die Jesusbotschaft von Ort zu Ort getragen und die radikale Lebensweise Jesu und seiner Jüngerinnen und Freunde weitergeführt haben. Spuren ihrer Verkündigung sind in der Spruchquelle Q erhalten. Von den Anfangszeiten in Jerusalem erzählt die Apostelgeschichte. |12| Sie spannt einen grossen erzählerischen Bogen von der Zeit nach Ostern bis hin zur Ankunft des Paulus in Rom. Zwar ist die Apostelgeschichte erst um das Jahr 90, also lange nach diesen Anfangszeiten verfasst worden; doch gibt ihre Darstellung Einblicke in jene Anfänge zwischen Jerusalem, Damaskus und Antiochia. Ihnen ist das erste Kapitel dieses Buches gewidmet.

Das ausgehende erste Jahrhundert ist aber nicht nur die Zeit der Entstehung der Apostelgeschichte. Eine Reihe weiterer Briefe des Neuen Testaments ist in das letzte Drittel des ersten Jahrhunderts, um die Jahrhundertwende oder zu Beginn des zweiten Jahrhunderts zu datieren. Ein Teil dieser Briefe stellt sich in die Tradition des Paulus und gibt den Gemeinden der zweiten und dritten Generation mit der von Paulus geliehenen Autorität Hinweise für eine christgläubige Lebensgestaltung unter sich verändernden Bedingungen. Diese Briefe, die in Kapitel 6 dieses Buches gewürdigt werden, spiegeln einerseits die Wertschätzung des Paulus zu dieser Zeit und dokumentieren, wie man in veränderten Kontexten seine Botschaft verstanden und weitergeschrieben hat. Anderseits sind sie Zeugnisse für sich entwickelnde Gemeinden, in denen manche Fragen neu und anders verhandelt wurden, in denen bisweilen aber auch – so viel sei bereits an dieser Stelle gesagt – restriktive Tendenzen die Oberhand gewannen und manche diffamierende Töne gegenüber Andersdenkenden zu hören sind.

In die Tradition anderer Autoritäten stellen sich die «katholischen Briefe». Unter diesem Begriff werden Schriften aus verschiedenen Traditionen und Kontexten zusammengefasst, die sich weniger an eine konkrete Gemeinde als vielmehr an eine Allgemeinheit von Christinnen und Christen richten. Zu den in Anspruch genommenen Autoritäten, in deren Namen geschrieben wird, gehören neben Petrus auch Jakobus und Judas, die Brüder Jesu. Dagegen behaupten die drei Johannesbriefe nicht, von Johannes geschrieben zu sein; doch führen sie die Leserinnen und Leser in die ganz andere Welt der johanneischen Gemeinden und ihrer Theologie. Eines der immer wiederkehrenden Themen dieser Briefe ist das Leben als kleine und oftmals bedrängte Minderheit von Christgläubigen inmitten einer Gesellschaft, die |13| nach ganz anderen Regeln funktioniert als den eigenen. Doch fallen die Ratschläge und Hinweise, die in den verschiedenen Schriften gegeben werden, keineswegs einheitlich aus. Diese Gruppe von Briefen erhält gemeinsam mit dem anonymen Hebräerbrief in Kapitel 7 ihren Raum.

Das letzte Kapitel des Buches ist der Offenbarung des Johannes gewidmet. In apokalyptischer Sprache ruft der Verfasser dieser Schrift seine Adressatinnen und Adressaten dazu auf, nicht den Verlockungen des römischen Imperiums zu verfallen und sich nicht von den Vorteilen einer Anpassung an die römische Gesellschaft verführen zu lassen, sondern sich klar für Christus zu entscheiden und aus dieser Position Widerstand gegen die totalitären Ansprüche des Systems und seine täglichen Anforderungen zu leisten. Es ist eine irritierend harte Botschaft, die das letzte Buch des Neuen Testaments transportiert; doch sie lehrt, die je eigene Gegenwart im Licht des Glaubens kritisch zu hinterfragen.

Wer sich auf die Suche nach den «Anfängen der Kirche» begibt, sucht mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht nur historische Information, sondern erwartet aus der Lektüre über die Anfänge auch Impulse für die Gestaltung von Glaube und Kirche heute. Daher wird unsere Darstellung an vielen Stellen explizit oder implizit transparent für Fragen und Herausforderungen, vor denen wir heute immer noch oder neu stehen.

Ein solches Buch verdankt vieles den Forschungen jener, die sich vor uns mit diesen Dingen beschäftigt haben. Nur einen Teil davon konnten wir in den Fussnoten und im Literaturverzeichnis dokumentieren. Angesichts der Notwendigkeit, eine Auswahl aus der verfügbaren Literatur zu treffen, haben wir den Schwerpunkt auf gut zugängliche und auch für Nicht-Fachleute verständliche Veröffentlichungen gelegt. Am Ende jedes Kapitels gibt zudem die Rubrik «Zum Weiterlesen» ausgewählte Lesetipps zur Vertiefung.

Um die Lektüre zu erleichtern, haben wir oft markante biblische Texte zitiert. Soweit es nicht anders angegeben ist, geben wir die Texte nach der Einheitsübersetzung wieder. Allerdings haben wir den Wortlaut bisweilen leicht korrigiert, zum Teil, um in einem Detail präziser zu übersetzen, zum Teil, um Frauen und Männer explizit sichtbar zu machen oder vielfältigere Bilder für den Gottesnamen zu finden. An |14| manchen Stellen haben wir biblische Texte aber auch nach anderen Übersetzungen wie der Zürcher Bibel, der Bibel in gerechter Sprache, der Übersetzung von Fridolin Stier oder einer Kommentarübersetzung wiedergegeben und dies eigens vermerkt.

Dieses Buch geht zu einem Teil zurück auf ein Skript zu «Paulus», das Daniel Kosch für theologiekurse.ch verfasste. Für das vorliegende Buch hat Daniel Kosch (DK) einen Teil dieses Skripts zu einem umfassenden Kapitel zum Römerbrief ausgearbeitet (Kapitel 3). Alle anderen Kapitel dieses Buches wurden von Sabine Bieberstein (SB) neu geschrieben.

Das vorliegende Buch hätte nicht geschrieben werden können ohne die tatkräftige Unterstützung vieler. Monika Beil hat weite Teile des Manuskripts kritisch gegengelesen, viele kluge Hinweise gegeben und einige Literaturrecherchen übernommen. Prof. Dr. Klaus Bieberstein hat uns nicht nur einige Karten und Pläne, die er vor Jahren gezeichnet hatte, zur Verfügung gestellt, sondern stand uns darüber hinaus mit fachkundigem Blick auf das Manuskript zur Seite. Prof. Dr. Hermann Venetz war in allen Phasen der Manuskriptentstehung ein kompetenter Gesprächspartner, mit dem wir viele Fragen diskutieren konnten. Die Kollegen im Redaktionsteam der Reihe, Prof. Dr. Stephan Leimgruber und Dr. Felix Senn, haben mit grosser Sorgfalt und Sachkenntnis das Manuskript gelesen und zahlreiche weiterführende Hinweise gegeben. Felix Senn hat darüber hinaus als unermüdlicher Mahner und fachkundiger Gesprächspartner dazu beigetragen, dass das Manuskript den vorgegebenen Rahmen nicht noch mehr sprengt. Schliesslich haben wir dem Lektorat der Edition NZN bei TVZ für die sorgfältige Begleitung der letzten Phase der Buchentstehung zu danken.

Nun wünschen wir den Leserinnen und Lesern dieses Buches viele unerwartete Entdeckungen bei der Suche nach den «Anfängen der Kirche».

Bamberg und Zürich, im April 2012

Sabine Bieberstein und Daniel Kosch

1|15| Von Jerusalem nach Antiochia – Die Zeit des Anfangs (SB)

1.1 Die Katastrophe des Karfreitags

Der Tod Jesu am Kreuz hätte das Ende der Jesusbewegung sein können. Sowohl in römischer wie auch in jüdischer Perspektive musste Jesus als desavouiert, sein Anliegen als gescheitert gelten. Denn sein Tod war in römischer Perspektive der Tod eines Aufständischen, ein entwürdigender Sklaventod. Und in jüdischer Perspektive galt ein Gekreuzigter als von Gott verflucht (vgl. Dtn 21,22–23) – wenn er nicht als Märtyrer angesehen wurde, der wegen seines jüdischen Glaubens einen solchen Tod erlitten hatte,1 was die Mehrheit der zeitgenössischen Jüdinnen und Juden bei Jesus nicht so sah. Alles andere lag also näher, als ausgerechnet Jesus, der auf diese Weise ums Leben gebracht worden war, als Messias Gottes zu interpretieren und an seiner Botschaft festzuhalten.

Entsprechend gibt es in den neutestamentlichen Texten Anzeichen für einige Auflösungserscheinungen unter der Anhängerschaft Jesu nach dessen Kreuzestod. So spricht Mk 14,50–52 in drastischer Weise von der Flucht «aller» anlässlich der Verhaftung Jesu. Am Kreuz stehen nach dem Zeugnis des Markus- und Matthäusevangeliums weder die Zwölf noch andere herausragende Figuren der Anhängerschaft Jesu, sondern übrig geblieben ist allein eine Gruppe von Frauen, die zur Nachfolgegemeinschaft gehörte, unter ihnen an erster Stelle Maria aus Magdala (Mk 15,40 f.). Nach Lukas gibt es daneben noch eine Gruppe nicht näher bestimmbarer «Bekannter» (Lk 23,49), eine Notiz, die wohl der Aufnahme eines Motivs aus den Klagepsalmen (Pss 38,12; 88,9) geschuldet sein dürfte, bemerkenswerterweise aber die Zwölf nicht nennt. Einige Traditionen von Erscheinungen |16| des Auferstandenen sind in Galiläa lokalisiert (Mk 16,7; Mt 28,16–20; Joh 21). Dies alles spricht dafür, dass massgebliche Jünger nach der Verhaftung oder spätestens nach dem Tod Jesu Jerusalem verlassen haben und nach Galiläa zurückgekehrt sind.

Wir wissen heute, dass es nicht bei diesen Auflösungserscheinungen geblieben ist. Der Tod Jesu am Kreuz war nicht das Ende der Jesusbewegung. Die Anhängerinnen und Anhänger Jesu müssen vielmehr Erfahrungen gemacht haben, die sie zur Überzeugung brachten: Jesus aus Nazaret ist nicht im Tod geblieben, sondern Gott hat ihn auferweckt. Das bedeutete auch, dass all die Erfahrungen, die sie mit Jesus gemacht hatten, seine Worte, die sie überzeugt hatten, die Geschichten, die über ihn erzählt wurden, nicht hinfällig geworden waren, sondern ihre Überzeugungskraft behielten. Diese Erfahrungen machten aus der verstörten und verstreuten Gruppe der Jesusanhängerinnen und -anhänger eine kraftvolle Bewegung, die die Botschaft vom Gekreuzigten und von Gott Auferweckten in bemerkenswert kurzer Zeit über die Grenzen Judäas und Galiläas hinaus in weite Gebiete des Mittelmeerraumes verbreitete und rasch eine erstaunliche Zahl von Menschen für ihre Botschaft gewinnen konnte.

Exkurs

Menschen, die von Jesus in die Nachfolge gerufen wurden oder sich der Jesusbewegung angeschlossen haben, werden im Neuen Testament mit dem griechischen Wort mathetai bezeichnet. Es lässt sich verschieden übersetzen: als «Schüler, Schülerinnen» in Anlehnung an die rabbinische Tradition, als «Jünger, Jüngerinnen» nach gewohnterem kirchlichen Sprachgebrauch, als «Nachfolger, Nachfolgerinnen» oder auch «Anhänger, Anhängerinnen». Jedes deutsche Äquivalent macht jeweils andere Aspekte des griechischen Wortes sichtbar. Um einseitige Festlegungen zu vermeiden und den griechischen Begriff von möglichst vielen Seiten her zu beleuchten, verwenden wir in diesem Buch die genannten deutschen Übersetzungen nebeneinander. Wenn bisweilen von Freunden oder Freundinnen Jesu die Rede ist, ist dies vom Johannesevangelium inspiriert (Joh 15,15).

Eine besondere Gruppe innerhalb der Jünger- bzw. Anhängerschaft Jesu ist der Zwölferkreis. Er wird vor allem im Lukasevangelium und in der Apostelgeschichte mit den Aposteln gleichgesetzt. In den paulinischen Briefen dagegen werden darüber hinaus noch andere Menschen wie Junia, Andronikus (Röm 16,7) oder Paulus als Apostel bezeichnet.

1.2|17| Erfahrungen, die alles verändern

Als Auslöser für und treibende Kraft hinter dieser neuen und unerhörten Botschaft werden seit den ältesten neutestamentlichen Texten «Erscheinungen» des Auferstandenen vor einzelnen oder Gruppen seiner Anhängerinnen und Anhänger genannt. Schon das vermutlich älteste Glaubensbekenntnis des Neuen Testaments hält als Kern des christlichen Glaubens fest:

«Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäss der Schrift, und ist begraben worden.

Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäss der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf.» (1 Kor 15,3b–5)

Das Bekenntnis ist zweigeteilt, signalisiert durch das zweimalige «gemäss der Schrift». Auf diese Weise wird einer Aussage über den Tod Jesu eine Aussage über seine Auferweckung an die Seite gestellt, und beides, Jesu Tod wie auch seine Auferweckung, wird als schriftgemäss qualifiziert. Jede der beiden Aussagen wird jeweils in einem zweiten Schritt nochmals bekräftigt: der Tod Jesu durch das Begräbnis, seine Auferweckung durch das Erscheinen.

Letzteres ist bemerkenswert; denn es wird nicht auf eine mögliche Bestätigung der Auferweckung durch ein leeres Grab verwiesen, sondern auf Begegnungen verschiedener Personen mit dem von Gott Auferweckten, und das heisst: auf Erfahrungen dieser Menschen. Die Liste derer, denen eine solche Erscheinung des Auferstandenen zuteilwurde, wird im Anschluss an den wiedergegebenen Text noch fortgesetzt. Nach Petrus und dem Zwölferkreis wird eine Gruppe von 500 Glaubensgeschwistern genannt, sodann Jakobus sowie die Apostelinnen und Apostel. Schliesslich reiht sich Paulus selbst in die Liste dieser Auferstehungszeuginnen und -zeugen ein (1 Kor 15,6–8).

Leider wird nicht konkretisiert, was sich genau hinter der Ausdrucksweise «er erschien» (wörtlich: «er liess sich sehen», «er zeigte sich») verbirgt. Darüber, was hier geschehen ist und welcher Art diese Erfahrungen waren, ist viel gerätselt und auch gestritten worden. Vorausgesetzt scheint eine visuelle |18| Erfahrung, eine wie auch immer zu fassende Vision und/oder Audition, die die Genannten als auf sie zukommend erfuhren und durch die sie zur Überzeugung kamen, dem auferweckten Jesus begegnet zu sein.

1.3 Die Verkündigung des von Gott rehabilitierten Gekreuzigten

Grundlage und theologischer Interpretationsrahmen dieser Überzeugung ist die jüdische Hoffnung auf die Auferweckung der Toten durch Gott, die sich, wie ausserbiblische und biblische jüdische Texte zeigen, im Ringen um Gottes Gerechtigkeit und Treue auf der Grundlage vielfältiger früherer Bilder und Aussagen der Hebräischen Bibel seit etwa 300 v. Chr. entwickelt hatte.2 Diese Hoffnung wurde zwar nicht von allen jüdischen Gruppierungen des ersten Jahrhunderts geteilt – so standen nach Ausweis der Quellen vor allem die Sadduzäer und die Samaritaner dieser theologischen Entwicklung ablehnend gegenüber –, doch hatte sie eine wichtige Basis bei den Pharisäern sowie bei den Qumran-Essenern.

Im Horizont dieser Hoffnung, dass Gott seine Gerechten nicht im Grab lässt, sondern ihnen Gerechtigkeit schafft, konnte Jesus als ein solcher von Gott auferweckter Gerechter verstanden werden. Dies zeigt sich besonders deutlich in den ältesten Formeln, die den Osterglauben ins Wort brachten. Diese versprachlichen das Geschehen fast ausschliesslich als ein Handeln Gottes an Jesus in der Grundform: «Gott hat Jesus auferweckt» (z. B. Röm 10,9). Sprachlich kann dies auf verschiedene Weise variiert werden, zum Beispiel als partizipiale Gottesprädikation («der Jesus erweckende Gott», z. B. Röm 4,24) oder als passivische Formulierung («Jesus wurde [d. h. von Gott] erweckt», z. B. 1 Kor 15,4).

Bemerkenswert ist nun, dass einige dieser alten Auferweckungsformeln behaupten, Gott habe Jesus «aus [den] Toten» – also aus einem Kollektiv – auferweckt (Röm 10,9), oder auch, Jesus sei der «Erstling der Entschlafenen» (1 Kor 15,20) |19| bzw. der «Erstgeborene aus den Toten» (Kol 1,18), dem – so die Logik dieser Aussagen – die anderen Toten folgen würden. Solche Aussagen deuten darauf hin, dass die neutestamentlichen Texte die Auferweckung Jesu im Horizont der frühjüdischen Hoffnungen als ein endzeitliches Geschehen interpretieren.3 Denn die Mehrheit der jüdischen Zeugnisse versteht die Totenauferweckung als ein Geschehen im Kontext des «Jüngsten Tages». Wenn die Freundinnen und Freunde Jesu nun behaupten, Jesus sei bereits auferweckt worden, deuten sie die Auferweckung Jesu als Teil dieser erwarteten und ersehnten endzeitlichen Ereignisse. Dies konnten sie gut mit der Reich-Gottes-Botschaft in Einklang bringen, die sie mit Jesus teilten. Jesus war davon überzeugt, dass Gott seine Herrschaft endgültig angetreten hatte und dass die Zeit erfüllt und qualifiziert war von Gottes Gegenwart. Dies hatte Jesus nicht nur in seinen Worten, sondern vor allem in immer neuen symbolischen Handlungen sichtbar und erfahrbar gemacht. Im Lichte dieser Reich-Gottes-Botschaft konnte nun die Auferweckung Jesu als entscheidende Etappe des grossen Umwälzungsprozesses der endgültigen Durchsetzung der Gottesherrschaft verstanden werden. Mit Jesu Tod war diese Reich-Gottes-Botschaft also keineswegs falsifiziert, sondern seine Auferweckung musste als eine Bestätigung dieser Botschaft und damit auch als eine Bestätigung und Rehabilitierung der Person Jesu selbst gesehen werden.

Wenn sich auf diese Weise die Reich-Gottes-Botschaft verifizierte, erhielt damit auch die gesamte vorösterliche Reich-Gottes-Praxis, die aus dieser Kraft der Gegenwart der Gottesherrschaft lebte, eine Bestätigung. Das heisst wiederum: Sicherlich sind – neben dem Glauben an die Leben schaffende Macht Gottes – auch die ermutigenden, bewegenden und lebensvollen Erfahrungen, die die Jesusgruppe zu Lebzeiten Jesu gemacht hatte, eine nicht zu unterschätzende Basis für die Formulierung des Osterglaubens. Damit hat der Osterglaube eine bedeutende Wurzel in der überzeugenden Praxis Jesu selbst. Und es ist klar: Auf diesem von Jesus begonnenen Weg sollten seine Jüngerinnen und Freunde weitergehen.

|20| Der Osterglaube, so wie er zuerst in der paulinischen Briefliteratur bezeugt ist, wird in den späteren neutestamentlichen Schriften auf vielfältige Weise ausgestaltet. In den Evangelien findet er seinen Niederschlag in den Erzähltraditionen über die Auffindung des leeren Grabes sowie über die Erscheinungen des Auferstandenen. In diesen Erzählungen spielen, dies sei wenigstens kurz erwähnt, die Frauen aus der Nachfolgegemeinschaft Jesu eine prominente Rolle. Bemerkenswerterweise verweist die markinische Erzählung von der Auffindung des leeren Grabes die Jüngerinnen und Jünger nach Galiläa (Mk 16,7). Damit kommt auch in dieser Traditionslinie die Reich-Gottes-Praxis Jesu, die in Galiläa begonnen hatte, wieder ins Spiel, und die Erzählung lädt (auch) dazu ein, auf dem von Jesus begonnenen Weg der Reich-Gottes-Praxis weiterzugehen.4

Die frühe Überlieferung zeigt zum einen, dass die Nachfolgerinnen und Jünger Jesu – entsprechend der engen Verknüpfung der Auferweckungsbotschaft mit der Reich-Gottes-Praxis Jesu – die Sache Jesu weitertrugen und seine Botschaft weiter verkündigten. Dazu sind vor allem die Traditionen der Spruchquelle Q zu nennen (vgl. Lk 10,9). Zum anderen ist eine bedeutsame inhaltliche Verschiebung zu beobachten: Ins Zentrum der Verkündigung rückt die Person Jesu selbst sowie die Tat Gottes an ihm. Verkündigt wird nun der Gekreuzigte und von Gott Auferweckte, und das heisst: die Rehabilitation des als König der Juden Hingerichteten durch Gott selbst.5 Verbunden damit sind beginnende bekenntnishafte Aussagen zur Einsetzung Jesu in himmlische Herrschaftspositionen: als «Sohn Gottes» und «Herr» (vgl. Röm 1,3–4), als «Menschensohn», der zur Rechten Gottes seinen Platz erhält (vgl. Dan 7,13; Mk 14,62) und natürlich als «Christus» bzw. «Messias», womit Jesus in die messianische Tradition Israels gestellt wurde.6

1.4|21| Frühe Jesusboten in Galiläa

Ein Teil der frühen nachösterlichen Verkündigung ist dabei zunächst in Galiläa angesiedelt. Vor allem die Trägergruppen der Spruchquelle Q müssen schon relativ bald nach dem Tod Jesu in Galiläa und in angrenzenden Gebieten Palästinas und Syriens zu wirken begonnen haben.

Exkurs

Als Spruch- oder Redequelle Q bezeichnet man eine frühe Sammlung von Reden und Aussprüchen Jesu. Nach der Zweiquellentheorie, die die Entstehung der Evangelien erklärt, schöpften das Matthäus- und das Lukasevangelium unabhängig voneinander einerseits aus dem Markusevangelium und anderseits aus dieser Spruchquelle Q. Daneben hatten sie noch je eigene Traditionen, das Sondergut, zur Verfügung.

Die Spruchquelle Q ist nicht als Dokument erhalten. Aber man kann ihren Inhalt aus denjenigen Partien des Matthäus- und des Lukasevangeliums rekonstruieren, in denen diese beiden Evangelien übereinstimmen, aber für die es keine Vorlage im Markusevangelium gibt.7

Es waren wohl zunächst Wanderprediger, die die Jesusbotschaft von Ort zu Ort trugen und dabei dem radikalen jesuanischen Ethos noch sehr nahestanden, das durch Heimatlosigkeit (Q/Lk 9,58), Familiendistanz (Q/Lk 9,60 f.), Besitzkritik (Q/Lk 6,20 f.) und Gewaltlosigkeit bzw. Feindesliebe (Q/Lk 6,27 f.35c–d) geprägt war. Im Zentrum dieser Verkündigung stand bei ihnen allerdings weniger der von Gott Auferweckte. Dies zeigt sich auch darin, dass die Spruchquelle Q völlig ohne eine Passions- und Auferstehungserzählung auskommt. Im Zentrum standen vielmehr die Worte Jesu, der vor allem mit prophetischen, aber auch mit weisheitlichen Zügen gezeichnet ist und der eines gewaltsamen Todes gestorben war wie zahlreiche Propheten vor ihm. Dabei wusste sich die Q-Trägergruppe mit ihrer Botschaft zwar zu Israel gesandt, stiess damit jedoch keineswegs überall auf offene Ohren und reagierte im Gegenzug mit heftiger Polemik gegen «diese Generation» (vgl. Q/Lk 11,47–51). Auch gegen Jerusalem werden harte Worte gesprochen:

|22| «Jerusalem, Jerusalem, die die Propheten tötet und die zu ihr Gesandten steinigt! Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, wie eine Henne ihre Küken unter die Flügel sammelt, und ihr habt nicht gewollt. Siehe, euer Haus wird euch verlassen [werden].. Ich sage euch, ihr werdet mich nicht mehr sehen, bis [‹der Tag› kommen wird, da] ihr sagt: Gesegnet, der im Namen des Herrn kommt!» (Q 13,34 f.)8

In diesen Worten klingt das gewaltsame Prophetenschicksal Jesu an. Sie sind aber auch ein Echo darauf, dass die Verkündigung der Q-Leute unter den Jüdinnen und Juden weitgehend nicht von Erfolg gekrönt war. Dabei deutet die Formulierung «siehe, euer Haus wird euch verlassen (werden)» bereits auf eine spätere Redaktionsphase des Spruchevangeliums Q während des jüdischen Krieges, als entweder das Ende des Jerusalemer Tempels unmittelbar bevorstand oder als bereits auf die Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahr 70 n. Chr. zurück geblickt wurde.9

Auch wenn sich einige Q-Sprüche also äusserst kritisch mit Israel auseinandersetzen, sind diese Sprüche doch keinesfalls antijüdisch zu lesen, sondern als Zeugnisse innerjüdischer Auseinandersetzungen um die Bedeutung des Propheten Jesus und den Ernst der Entscheidungssituation. Wohl soll Israel mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zur Umkehr gerufen werden; doch dürfen diese Texte noch nicht als Hinweise auf eine bereits erfolgte Trennung der in Q vertretenen Jesus-Nachfolger vom Judentum verstanden werden. Noch ist diese Jesusgruppe in die vielfältigen jüdischen Richtungen des ersten Jahrhunderts einzuordnen, auch wenn die Texte zeigen, dass sich eine eigene Identität der Jesusbewegung – zum Teil in Abgrenzung von anderen jüdischen Gruppierungen – herauszubilden beginnt.10

1.5|23| Anfänge in Jerusalem

Eine etwas andere Perspektive auf die nachösterlichen Aufbrüche bietet die Apostelgeschichte des Lukas (Apg). Dieses Werk ist zwar erst um das Jahr 90 n. Chr. entstanden, doch stellt es als einziges uns zur Verfügung stehendes Werk einen erzählerischen Zusammenhang zwischen dem Wirken Jesu und der Zeit nach Ostern her.

Wie andere historische Quellen muss dabei auch das lukanische Doppelwerk kritisch auf die historischen Ereignisse hin befragt werden. Denn der Verfasser des lukanischen Doppelwerkes – der hier mit der kirchlichen Tradition und exegetischen Konvention Lukas genannt wird – tritt nach seiner eigenen Selbstdarstellung als ein akribisch arbeitender Forscher auf, der vorliegende Quellen auswertet, um auf deren Grundlage eine eigene Darstellung der Jesusgeschichte und der Geschichte seiner «Apostel» zu schreiben (vgl. Lk 1,1–4; Apg 1,1 f.). Geschichte zu schreiben heisst nach den Konventionen der griechischen Antike, «die Kräfte zum Vorschein [zu] bringen, die geschichtliche Abläufe vorantreiben.»11 Diese bewegende Kraft ist nach Überzeugung des Lukas der Heilige Geist. Die Kraft dieses Heiligen Geistes war nach Lk 24,49 den in Jerusalem versammelten Jüngerinnen und Jüngern vom Auferstandenen zugesagt worden, und bereits von Beginn der Apostelgeschichte an wird die Bedeutung des Heiligen Geistes als die hinter all den Ereignissen stehende Kraft kenntlich gemacht (Apg 1,2). Der Auferstandene wiederholt nach Apg 1,8 gegenüber der Jüngergruppe die Verheissung der Geistausgiessung. Zugleich wird hier das erzählerische Programm der Apostelgeschichte deutlich:

«Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde.» (Apg 1,8)

In seinem zweiten Band will Lukas demnach erzählen, wie sich das Evangelium von Jerusalem über Judäa und Samaria «bis an die Grenzen der Erde» ausbreitet und wie dies von der |24| Kraft des Heiligen Geistes bewirkt und unterstützt wird. Dieses Programm ist zu bedenken, wenn wir uns im Folgenden der Darstellung der «Anfänge der Kirche» in der Apostelgeschichte zuwenden. Es gilt also, die Darstellung der Apostelgeschichte auf die Intentionen des Verfassers hin zu befragen und mit Hinweisen aus (den spärlichen) anderen Quellen kritisch zu kombinieren.

1.5.1 Die Rückkehr nach Jerusalem

Nach der Darstellung der Apostelgeschichte (und schon des Lukasevangeliums) bleiben die Jüngerinnen und Jünger – gemäss der Anweisung des Auferstandenen in Lk 24,49 – während der Passions- und Osterereignisse in Jerusalem. Dem entsprechend werden nicht nur im Lukasevangelium, sondern auch in der Apostelgeschichte die Erscheinungen des Auferstandenen in und um Jerusalem angesiedelt, und auch die so genannte Himmelfahrt, die endgültige Aufnahme des auferstandenen Jesus in den Himmel, wird in Betanien bzw. auf dem Ölberg nahe der Stadt Jerusalem lokalisiert (Lk 24, 50–53; Apg 1,9–12). So entsteht das Bild einer ununterbrochenen Präsenz der Jesusgruppe in Jerusalem über Karfreitag und Ostern hinweg.

Doch ist es demgegenüber historisch durchaus wahrscheinlich, dass viele der massgeblichen Jesusanhängerinnen und -anhänger nach der Verhaftung und Kreuzigung Jesu zunächst aus Jerusalem geflohen und nach Galiläa zurückgekehrt sind (vgl. Mk 14,50 f.).12 Auch einige der Erscheinungstraditionen deuten, wie bereits erwähnt, nach Galiläa als Ort visionärer Jesusbegegnungen nach Ostern (Mk 16,7; Mt 28, 16–20; Joh 21).

Allerdings muss ein Teil der Jesusanhängerschaft – darunter Mitglieder des Zwölferkreises und andere Repräsentanten, nicht jedoch die Q-Gruppe – aus Galiläa dann doch wieder nach Jerusalem zurückgekommen sein. Vielleicht gründet deren Motivation darauf, dass sie die Auferweckung Jesu als Teil des endzeitlichen Umwälzungsprozesses interpretierten, der zur endgültigen Durchsetzung der Gottesherrschaft führen |25| würde.13 Denn nach jüdischen Traditionen wurden die Ereignisse der Endzeit in Jerusalem erwartet, so dass es nachvollziehbar wird, dass die Jesusanhänger mit ihren hohen Erwartungen dort sein wollten, um «selbst den Platz der Parusie besetzt zu halten, gleichsam als eschatologische Vorposten, als die Wächter auf den Zinnen der Stadt, die der Welt und insbesondere den Zerstreuten das Kommen des himmlischen Königs künden sollten, wenn es soweit war (Jes 52,8)»14.

1.5.2 Eine aussergewöhnliche Erfahrung am Anfang

In seiner Pfingstgeschichte (Apg 2,1–13) erzählt Lukas, wie die von Jesus verheissene Geistausgiessung (Apg 1,8) sich realisierte: Die in Jerusalem versammelte Jesusgruppe wird am Pfingsttag von dieser Geistkraft erfüllt und verändert. Damit steht auch nach der Darstellung der Apostelgeschichte eine aussergewöhnliche Erfahrung am Anfang der Ausbreitung der Jesusbotschaft. Das Geschehen wird zunächst als ein hörbares Phänomen beschrieben, indem von einem Brausen wie von einem Sturm die Rede ist (Apg 2,2), es ist aber auch visuell erfahrbar: Es wird von Zungen wie von Feuer gesprochen, die sich auf alle verteilen (Apg 2,3). Und schliesslich ist die Wirkung auf die Anwesenden mehr als erstaunlich, denn alle reden nun in fremden Sprachen (Apg 2,4). Vielleicht hat Lukas in Apg 2,1–4 eine ältere Tradition verarbeitet, die von ekstatischen Erfahrungen erzählte, die zu einem geistgewirkten Zungenreden führten.15 Auch die Erscheinungstraditionen in 1 Kor 15,3–7 sprechen von aussergewöhnlichen Erfahrungen, von denen sich eine vor einer Gruppe von 500 Glaubensgeschwistern ereignet habe. Die johanneische Tradition spricht ebenfalls von einer Geistübermittlung durch den Auferstandenen am Ostertag (Joh 20,21–23). Zwar sind diese durchaus unterschiedlichen Traditionen keinesfalls in eins zu setzen; doch weisen sie auf aussergewöhnliche Erfahrungen der Jesusanhängerinnen und -anhänger bald nach |26| dem Tod Jesu hin, die sie als endzeitliche Ereignisse deuteten und in deren Folge sie sich, von neuer Kraft erfüllt, zur Verkündigung des Gekreuzigten und von Gott Auferweckten gesandt wussten.

Bei der erzählerischen Ausgestaltung jener Erfahrungen stehen prophetische Texte im Hintergrund, die für die Endzeit die Ausgiessung des Geistes erwarten und an die in der Pfingsterzählung angeknüpft wird (Joël 3,1–5; Jes 59,21; Ez 36,23–28; 39,29). Damit werden auch diese Jerusalemer Anfangsereignisse in den Horizont eschatologischer Erwartungen gestellt. Möglicherweise klingen auch Motive der Sinaioffenbarung an, wie eine Schrift des jüdischen Theologen und Philosophen Philo von Alexandria (geboren ca. 15/10 v. Chr.) über den Dekalog und speziell zu Ex 19,16 ff. nahelegen könnte:

«Eine Stimme ertönte darauf mitten aus dem vom Himmel herabkommenden Feuer […], indem die Flamme sich zu artikulierenden Lauten wandelte, die den Hörenden vertraut waren, wobei das Gesprochene so deutlich klang, dass man es eher zu sehen als zu hören glaubte.»16

Auch wenn bei den Augenzeugen des von Lukas gestalteten Sprachenwunders in der Pfingsterzählung an Jüdinnen und Juden aus der Diaspora gedacht ist, so klingt in den verschiedenen Sprachen, von denen hier die Rede ist, bereits die Ausbreitung der Christusbotschaft «bis an die Enden der Erde» (Apg 1,8) an, wie es die Apostelgeschichte im Anschluss erzählen und dabei auf Schritt und Tritt deutlich machen wird, wie sehr dieser Weg von eben dieser Geistkraft bewirkt und begleitet wird.

1.5.3 Christusgläubige Gemeinden in Jerusalem

Aus den Traditionen, die Lukas in seiner Apostelgeschichte verarbeitet hat, lassen sich einige bemerkenswerte Aspekte aus dem Leben der ersten Jesusgemeinschaft in Jerusalem gewinnen, sowohl was das Gemeindeleben angeht als auch was ihre Aktivitäten im Kontext der Stadt Jerusalem betrifft. So gehen die Texte wie selbstverständlich davon aus, dass sich |27| die Zwölf und die anderen Mitglieder der Gemeinde im Jerusalemer Tempel aufhalten. Bereits das Lukasevangelium hatte damit geendet, dass die Jüngerinnen und Jünger, nachdem der Auferstandene in der Nähe von Betanien unweit von Jerusalem von ihnen geschieden war, nach Jerusalem und speziell in den Tempel zurückkehrten:

«Dann führte er sie hinaus in die Nähe von Betanien. Dort erhob er seine Hände und segnete sie. Und während er sie segnete, verliess er sie und wurde zum Himmel emporgehoben; sie aber fielen vor ihm nieder. Dann kehrten sie in grosser Freude nach Jerusalem zurück. Und sie waren immer im Tempel und priesen Gott.» (Lk 24,50–53)

Ähnlich geht auch die Apostelgeschichte von Anfang an davon aus, dass sich die Jesusanhängerschaft regelmässig im Tempel aufhält (Apg 2,46 u. ö.). Explizit wird erwähnt, dass man sich «zum Gebet» in den Tempel begibt (Apg 3,1; 21, 26 ff.), dass die Apostel auf dem Tempelareal verkündigten (Apg 3,11–26; 5,20 f.42 u. ö.) und Heilungen vollbrachten (Apg 3,2–10). Das Tempelareal ist aber auch Ort von Konflikten mit jüdischen Behörden (Apg 4). Einerseits ist in diesem Erzählzug ein spezifisch lukanisches Darstellungsinteresse zu beobachten, der dem Tempel in seinen Schriften insgesamt eine besondere Bedeutung zuweist.17 Anderseits sind darin auch historische Erinnerungen enthalten. Ob sich die Jesusgruppe auch mit eigenen Opfern am Tempelkult beteiligte, ist den Texten nicht eindeutig zu entnehmen; doch könnte die kleine Szene in Apg 21,26, die selbstverständlich davon ausgeht, dass für Paulus und seine Begleiter nach der vorgeschriebenen Reinigung Opfer dargebracht werden, auf eine solche anfängliche Opferpraxis der Jerusalemer Jesusgemeinschaft hindeuten.18

Zunehmende Bedeutung als Versammlungsorte der entstehenden Gemeinschaften gewannen private Häuser, in denen man sich zum «Gebet» (Apg 1,14 u. ö.) sowie zum «Brotbrechen» traf (Apg 2,42 u. ö.). Gemeinsame Mähler gehörten von Anfang an zur Praxis in der Jesusnachfolge und |28| bildeten den Ausgangspunkt auf dem Weg zur Herausbildung der spezifischen urchristlichen Gottesdienstpraxis.19

Die von Lukas so betonte Gemeinschaft und die gemeinsamen Mähler haben auch einen konkreten sozialen Hintergrund: Die ersten Jesusanhängerinnen und -anhänger entstammten nicht den wohlhabenden Schichten, sondern gehörten zu den relativ und absolut Armen.20 Paulus spricht in Röm 15,26 explizit von den «Bettelarmen» (ptochoi) in der Gemeinde von Jerusalem, denen sein umfangreiches Kollektenprojekt zugutekommen sollte.21 In einem solchen Kontext sind gemeinschaftliche Mähler von kaum zu überschätzender lebenspraktischer Bedeutung, ganz ähnlich wie dies bereits in der ersten Jesusbewegung der Fall gewesen war. In jenen Mählern Jesu, die ihm die Beschimpfung als «Fresser und Weinsäufer» (Lk 7,34) eingebracht hatten, war die Wirklichkeit des Reiches Gottes konkret zu erleben, und zwar sowohl was die Fülle der für alle zur Verfügung stehenden Speisen betraf als auch im Blick auf die alle menschengemachten Grenzen überschreitende Gemeinschaft.

Das Überleben und Zusammenleben der Jerusalemer Jesusgemeinschaft wurde nach dem Bild, das die Apostelgeschichte zeichnet, ganz konkret durch Gütergemeinschaft ermöglicht (Apg 2,45; 4,32–37). Gewiss entwirft Lukas dadurch ein idealisierendes Bild von den Anfängen der Jerusalemer Gemeinde. Nicht zuletzt zeigen gerade die positive Hervorhebung von vorbildhaften Einzelfiguren wie Barnabas (Apg 4,36 f.) auf der einen Seite sowie Negativerzählungen wie diejenige über den Betrug von Hananias und Sapphira (Apg 5,1–11) auf der anderen, dass es wohl nicht immer so ideal zugegangen ist. Dennoch: Historisch gesehen lässt gerade das Beispiel des Barnabas, der als ein aus der Diaspora zugewanderter Jude charakterisiert wird, auf einen innergemeindlichen Güteraustausch schliessen, bei dem wohlhabendere Gemeindemitglieder vornehmlich aus der Diaspora die |29| ärmeren aus Galiläa stammenden Jesusnachfolger sowie Witwen und andere Mittellose materiell unterstützten.22

Wenn Lukas also von der Gütergemeinschaft der Jerusalemer Jesusgemeinschaft spricht, greift er damit zwar auch jüdische und griechische Sozialutopien auf und stellt seiner Leserschaft ein idealisiertes Bild der Anfänge vorbildhaft vor Augen, um sie zu einer ähnlichen Praxis zu motivieren. Doch können wir seiner idealisierenden Darstellung durchaus einen historischen Kern entnehmen, wonach «das gemeinsame Leben der Ekklesia nicht nur durch religiösen, sondern auch durch einen gewissen ökonomischen Austausch bestimmt war.»23

1.5.4 Leitungsstrukturen und Führungsfiguren

1.5.4.1 Der Zwölferkreis

Nach dem Bild der Apostelgeschichte liegt der Ursprung der Jerusalemer Jesusgemeinschaft beim Zwölferkreis, der durch Frauen, Brüder bzw. Geschwister Jesu sowie die Mutter Jesu ergänzt wird. Die Gruppe derer, die sich nach der Aufnahme Jesu in den Himmel im «Obergemach» versammelte, wird folgendermassen beschrieben:

«Als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig blieben: Petrus und Johannes, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Simon, der Zelot, sowie Judas, der Sohn des Jakobus. Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern.» (Apg 1,13 f.)

Manches spricht dafür, dass der Zwölferkreis nach seiner Rückkehr nach Jerusalem24 dort zunächst eine führende Funktion in der entstehenden Jesusgemeinschaft eingenommen hat. Allerdings wird eine wirkliche Leitungsfunktion des Zwölferkreises nur in Apg 6,2 vorausgesetzt: Hier treten die |30| Zwölf als diejenigen auf, die aufgrund der Konflikte bei der Versorgung von Witwen die gesamte Jüngerschaft einberufen, um nach einer Lösung zu suchen. Ansonsten scheinen sie eher eine symbolische Bedeutung gehabt zu haben, indem sie die Hoffnung auf die Wiederherstellung des Zwölfstämmevolkes verkörperten.25

Für die Darstellung des Lukas ist es von grosser Bedeutung, dass der Zwölferkreis nach dem Ausscheiden des Judas durch eine Nachwahl wieder vervollständigt wird (Apg 1,15–26); denn dieser Zwölferkreis garantiert für ihn die Kontinuität von der Zeit des Lebens Jesu über den Bruch des Karfreitags hinweg bis in die Zeit der beginnenden Kirche. Dies zeigt besonders deutlich die Erzählung über die Wahl des Matthias in den Zwölferkreis; denn als Aufnahmebedingung für das nachzuwählende Mitglied dieses Kreises wird die Präsenz während der gesamten Zeit des Wirkens Jesu bis hin zu seiner Aufnahme in den Himmel gefordert. Als besondere Aufgabe wird das Bezeugen der Auferstehung Jesu genannt:

«Einer von den Männern, die die ganze Zeit mit uns zusammen waren, als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging, angefangen von der Taufe des Johannes bis zu dem Tag, an dem er von uns ging und (in den Himmel) aufgenommen wurde, – einer von diesen muss nun zusammen mit uns Zeuge seiner Auferstehung sein.» (Apg 1,21 f.)

Dabei setzt Lukas den Zwölferkreis mit dem Kreis der Apostel gleich (Apg 1,25 u. ö.). Historisch müssen der Zwölferkreis und die Gruppe der Apostel allerdings als zwei zumindest nur teilweise deckungsgleiche Personengruppen mit unterschiedlichen Funktionen betrachtet werden. Während der Zwölferkreis mit einiger Wahrscheinlichkeit auf Jesus selbst zurückgeht und als lebendiges Zeichen für die Hoffnung auf die Wiederherstellung Israels fungieren soll, wissen sich die Apostel von Gott bzw. dem Auferstandenen zur Verkündigung ausgesandt. Auch das (vorpaulinische) Glaubensbekenntnis in 1 Kor 15,3b–7 nennt den Zwölferkreis und die Apostel als zwei unterschiedliche Gruppen. Lukas identifiziert diese beiden Gruppen. Deshalb wird in der Apostelgeschichte nicht |31| einmal Paulus mit dem Aposteltitel bedacht – mit der einzigen und fast versehentlichen Ausnahme von Apg 14,4 f.14.

Exkurs

Paulus selbst vertritt in seinen Briefen ein dezidiert anderes Apostelverständnis. So kann er in Röm 16,7 mit Andronikus und Junia einen Mann und eine Frau, die in keiner Weise mit dem Zwölferkreis in Verbindung zu bringen sind, als Apostel – und sogar als «hervorragend unter den Aposteln» – bezeichnen. Auch beansprucht Paulus den Aposteltitel für sich selbst, und mit Vehemenz setzt er sich dagegen zur Wehr, dass ihm einige Mitglieder der korinthischen Gemeinde diesen Titel streitig machen wollen (1 Kor 9).

Lukas macht an den Aposteln, die er mit dem Zwölferkreis gleichsetzt, die Glaubwürdigkeit der Botschaft Jesu und der Botschaft über Jesus fest. Sie stehen für die Kontinuität von der Zeit des Wirkens Jesu bis in die nachösterliche Zeit und erhalten die Funktion eines Fundaments, das in diesen Anfangszeiten gelegt wird. Interessant ist, dass gemäss der Apostelgeschichte nach jener ersten Ersatzwahl kein weiteres Mitglied des Zwölferkreises mehr ersetzt wird, auch nicht als Jakobus, der Bruder des Johannes, den Märtyrertod stirbt (Apg 12,1–2).

«Das Apostelamt ist für Lukas nicht übertragbar. Es gibt auch hier keine ‹Nachfolger der Apostel›. Die Apostel sind für die Kirche eben so etwas wie das ‹Fundament›. Das Fundament kann nicht beliebig erweitert oder verändert werden.»26

1.5.4.2 Jakobus, Petrus und Johannes

Überraschend schnell scheint der Zwölferkreis also aus dem Blickfeld des frühen Christentums geraten zu sein. Das zeigt auch ein Blick in die Briefe des Paulus. Während im vorpaulinischen Glaubensbekenntnis in 1 Kor 15,3–5 Petrus und der Zwölferkreis als die ersten Adressaten einer Erscheinung des Auferstandenen genannt werden und also eine herausgehobene Bedeutung haben27, spielt der Zwölferkreis in den Berichten des Paulus über seine Besuche in Jerusalem (Gal 1,18 f.; 2,1–10) |32| keine Rolle mehr.28 So ist es wahrscheinlich, dass der Zwölferkreis – historisch gesehen – nur eine kurze Zeit in Jerusalem zusammenblieb.29

Sowohl die Darstellung der Apostelgeschichte als auch Äusserungen des Paulus zeigen, dass neben den Zwölferkreis bald weitere Gruppen und Personen traten, die impulsgebende Funktionen in der Jerusalemer Urgemeinde übernahmen. Dazu gehört Petrus, der zwar in den Evangelien bereits als Wortführer der Zwölf während der Zeit des Wirkens Jesu erscheint, dessen Autorität nun aber dadurch neu begründet wird, dass ihm in einigen Traditionssträngen die Erstvision des Auferstandenen zugesprochen wird (1 Kor 15,5; Mk 16,7; Lk 24,34). Seine Bedeutung für die Gesamtkirche, die an seinem Beinamen als «Fels» (Mt 16,18) anschaulich gemacht wird, wird allerdings erst viel später, in der Gemeinde des Matthäus, die wahrscheinlich im syrischen Antiochia beheimatet ist, zum Ausdruck gebracht.30

Neben Petrus erhielten auch Johannes, der Sohn des Zebedäus, sowie Jakobus, der Bruder Jesu, der zunächst der ganzen Sache noch distanziert gegenübergestanden hatte, zunehmende Bedeutung. Paulus bezeugt in Gal 1,18 f. die besondere Funktion des Petrus und des Herrenbruders Jakobus in der Jerusalemer Gemeinde bereits in den ersten Jahren nach seiner eigenen Lebenswende, also bereits Ende der 30er Jahre. In Gal 2,9 bezeichnet Paulus diese beiden gemeinsam mit Johannes als die «Säulen», die «Ansehen geniessen». Nach der Darstellung des Paulus waren es diese drei, die als Führungsfiguren der Gemeinde von Jerusalem mit ihm selbst und Barnabas die besonderen Vereinbarungen zur Verkündigung des Evangeliums an Menschen jüdischer und nichtjüdischer Herkunft besiegelten. Demnach scheinen diese drei in den 40er Jahren eine Art Dreierkollegium zur Leitung der Jerusalemer Gemeinde gebildet zu haben, wobei die Bezeichnung als «Säulen» zudem auf eine heilsgeschichtliche Funktion in der eschatologischen Neukonstituierung des Gottesvolkes |33| hin deutet.31 Eine solche Funktion ist allerdings nur vorstellbar, wenn der Zwölferkreis diese Hinweisfunktion mittlerweile verloren hatte. Eine solche Entwicklung ist nach dem gewaltsamen Tod des Zebedäussohnes Jakobus unter Herodes Agrippa I. (Apg 12,1 f.) durchaus vorstellbar. Mit einiger Wahrscheinlichkeit ist Mk 10,35–45 als ein Hinweis auf den Martertod auch des Johannes, des Bruders des Jakobus, zu verstehen. In der Folge scheint auch Petrus Jerusalem verlassen zu haben, so dass nun allein Jakobus, der Bruder Jesu, als Leitungsfigur der Jerusalemer Gemeinde übrig blieb.

Auch der Bruder Jesu starb eines gewaltsamen Todes. Dies legt zumindest eine kurze Notiz des jüdischen Historikers und Theologen Flavius Josephus (geboren 37/38 n. Chr.) in seinem Werk über die Geschichte des jüdischen Volkes (Antiquitates) nahe, die den Tod des Jakobus in die Zeit des römischen Statthalters Albinus (62–64 n. Chr.) datiert:

«Er (= Albinus) versammelte daher den Hohen Rat zum Gericht und stellte vor dasselbe den Bruder des Jesus, der Christus genannt wird, mit Namen Jakobus, sowie noch einige andere, die er der Gesetzesübertretung anklagte und zur Steinigung führen liess.»32

1.5.4.3 Der Siebenerkreis und die Gemeindemitglieder aus der Diaspora

Mit dem Zwölferkreis und dem Dreierkollegium aus Petrus, Johannes und Jakobus standen im vorherigen Abschnitt die Jesusanhänger aus Galiläa im Zentrum des Interesses. Zu dieser galiläischen Gruppe gehörten neben dem Zwölferkreis und den genannten herausragenden Figuren noch weitere Personen, darunter so markante Jüngerinnen wie Maria aus Magdala.

Es ist in Abschnitt 1.5.3 aber schon deutlich geworden, dass die Jerusalemer Jesusgemeinschaft nicht nur aus diesen Rückkehrern aus Galiläa bestand, sondern auch aus Jüdinnen und Juden, die aus der Diaspora stammten und sich in Jerusalem niedergelassen hatten. Als eine vorbildhafte Einzelfigur wurde bereits der aus Zypern stammende Josef mit dem Beinamen Barnabas genannt. Dieser spielte nach der Darstellung |34| des Lukas bei der gerechten Verteilung des Besitzes, wie sie in der Jerusalemer Gemeinde praktiziert wurde, eine rühmliche Rolle (Apg 4,36 f.).

Diese verschiedenen Gruppierungen innerhalb der Jesusgemeinschaft werden mit ihren Unterschieden besonders in Apg 6–8 sichtbar. Neben den Aramäisch sprechenden Jesusanhängerinnen und -anhängern aus Galiläa, die in Apg 6,1 «Hebräer» genannt werden, werden hier «Hellenisten» erwähnt, also Griechisch sprechende Mitglieder der Gemeinschaft. Meist werden diese als jene Jüdinnen und Juden näher identifiziert, die aus der Griechisch sprechenden Diaspora stammten, sich in Jerusalem niedergelassen hatten und dort mit der Botschaft vom Messias Jesus in Kontakt gekommen waren. Es ist aber auch denkbar, dass einige von ihnen aus Palästina stammten; denn auch hier war im Laufe der wechselvollen Geschichte unter verschiedenen Fremdherrschaften das Griechische in den städtischen Gebieten vor allem in der Verwaltung und im Handel zu einer verbreiteten Sprache geworden.33

Dennoch: Einige Namen und Herkunftsbezeichnungen in der Apostelgeschichte zeigen, dass nicht wenige dieser «Hellenisten» aus der Diaspora stammten. Apg 6,9 nennt mit der Kyrenaika, mit Alexandria, Kilikien und der Provinz Asia einige Herkunftsgegenden dieser Jüdinnen und Juden. In Jerusalem hatten sie ihren religiösen Ort in den Diasporasynagogen, die religiöse und kulturelle Zentren für Jüdinnen und Juden aus bestimmten Regionen darstellten und zugleich als Gottesdienstraum, Schule und Herberge für Jerusalem-Wallfahrer dienten.34 Mit der so genannten Theodotus-Inschrift, einer Spenderinschrift für einen Synagogenneubau in Jerusalem, die wohl noch vor 70 n. Chr. zu datieren ist, ist auch ein archäologisches Zeugnis über eine solche Diasporasynagoge und ihre Funktionen erhalten:

«Theodotus, (Sohn des) Vettenus, Priester und Synagogenvorsteher, Sohn eines Synagogenvorstehers, Enkel eines Synagogenvorstehers, baute die Synagoge zur Unterrichtung im Gesetz und zur Lehre der |35| Gebote sowie die Herberge und die Nebenräume und die Wasseranlagen zum Aufenthalt für die aus der Fremde, die (eine Herberge) benötigen; diese hatten gegründet seine Väter und die Ältesten und Simonides.»35

Mit den verschiedenen Sprachen waren unterschiedliche soziale Milieus und kulturelle Prägungen verbunden. Da ist es kaum verwunderlich, dass es zwischen diesen Gruppen auch zu Konflikten kam. Die Apostelgeschichte erzählt von Differenzen anlässlich der Versorgung der Witwen des Griechisch sprechenden Gemeindeteils. Zwar gelten gemeinhin die Griechisch sprechenden Diasporajuden als der sozial bessergestellte Teil der Jesusanhängerschaft; doch sind es hier gerade die Witwen des Griechisch sprechenden Gemeindeteils, die bei der Versorgung zu kurz kamen. Mag sein, dass dies damit zusammenhängt, dass die Verteilung der Gelder dem Aramäisch sprechenden Gemeindeteil und speziell den Aposteln anvertraut war; denn nach Apg 4,37 und 5,2 wurde der Erlös aus den Verkäufen «den Aposteln zu Füssen gelegt».

Anlässlich dieses Konflikts um die Versorgung der griechischen Witwen wird nach der Darstellung der Apostelgeschichte ein Siebenerkollegium der «Hellenisten» eingerichtet, das sich um die Versorgung der Witwen kümmern sollte:

«In diesen Tagen, als die Zahl der Jüngerinnen und Jünger zunahm, begehrten die Hellenisten gegen die Hebräer auf, weil ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen wurden. Da riefen die Zwölf die ganze Schar der Jüngerinnen und Jünger zusammen und erklärten: ‹Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und uns dem Dienst an den Tischen widmen. Brüder und Schwestern, wählt aus eurer Mitte sieben Männer von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit; ihnen werden wir diese Aufgabe übertragen. Wir aber wollen beim Gebet und beim Dienst am Wort bleiben.› Der Vorschlag fand den Beifall der ganzen Gemeinde, und sie wählten Stephanus, einen Mann, erfüllt vom Glauben und vom Heiligen Geist, ferner Philippus und Prochorus, Nikanor und Timon, Parmenas und Nikolaus, einen Proselyten aus Antiochia. Sie liessen sie vor die Apostel hintreten, und diese beteten |36| und legten ihnen die Hände auf. Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jüngerinnen und Jünger in Jerusalem wurde immer grösser» (Apg 6,1–7).

Allerdings tritt dieses Siebenerkollegium im weiteren Verlauf der Apostelgeschichte gar nicht in dieser Funktion in Erscheinung. Vielmehr agieren prominente Mitglieder dieses Kreises wie Stephanus und Philippus als Verkündiger des Evangeliums und Wundertäter (Apg 6,8–15; 8,4–8.26–40). Ausserdem deutet einiges darauf hin, dass Stephanus und Philippus auch inhaltlich andere Akzente setzten als die Aramäisch sprechenden Gemeindemitglieder: Stephanus tritt massiv mit Kritik an Tempel und Tora auf – und erleidet dafür den Märtyrertod (Apg 6–7). Und Philippus ist mit der Taufe des gottesfürchtigen äthiopischen Kämmerers der erste im Erzählverlauf der Apostelgeschichte, der einen Nichtjuden in die Jesusgemeinschaft aufnimmt (Apg 8,26–40).

Sozialgeschichtlich betrachtet scheint es also nicht nur um eine Funktionsteilung gegangen zu sein, bei der das Siebenerkollegium die caritativen Funktionen und der Zwölferkreis die Aufgaben der Verkündigung übernahm. Vielmehr werden unterschiedliche Gemeindeteile sichtbar, die unterschiedliche Leitungsstrukturen herausbildeten. Dabei fungierte der Siebenerkreis – analog zu den Leitungsstrukturen, die aus Diasporasynagogen bekannt sind – als Leitungsgremium des Griechisch sprechenden Gemeindeteils.36

Die Bedeutung dieses Griechisch sprechenden Gemeindeteils für die weitere Entwicklung des «Christentums» kann kaum hoch genug eingeschätzt werden.37 Nicht nur, dass die Begüterten unter ihnen zur Versorgung der gesamten Jerusalemer Jesusanhängerschaft entscheidend beitrugen und auch Versammlungsmöglichkeiten für den Aramäisch sprechenden Gemeindeteil zur Verfügung stellten. Sie entwickelten auch theologische und christologische Ansätze, die sich als anknüpfungsfähig für die Verkündigung der Christusbotschaft unter Nichtjuden erwiesen. Sie trugen entscheidend |37| zur Transformation der Christusbotschaft in griechisch geprägtes Denken bei.

«Die hellenistischen Judenchristen sind sozusagen die Brücke zwischen Jesus und Paulus.»38

Die frühe und schnelle Verbreitung der Christusbotschaft in verschiedene Städte Nordafrikas, Syriens, Kleinasiens, Griechenlands und bis hin nach Rom ist sicher zu einem guten Teil den Verbindungen dieser Diasporajuden in ihre Herkunftsstädte zu verdanken.

Wenn die Apostelgeschichte in 8,1 von der Flucht der Gemeindemitglieder aus Jerusalem wegen einer Verfolgung nach der Ermordung des Stephanus erzählt – «mit Ausnahme der Apostel» –, dann sind hier vor allem diese Griechisch sprechenden Gemeindeteile und ihre Repräsentanten im Blick. Als Folge dieser Flucht beginnt die Apostelgeschichte im Anschluss von der Verbreitung des Christusglaubens auch ausserhalb von Judäa zu erzählen. Den ersten Schritt nach Samaria und sodann in die Küstenebene macht sie dabei bezeichnenderweise an Philippus fest, einem Mitglied des Siebenerkollegiums (Apg 8,4–40). Vermutlich haben die Mitglieder des Siebenerkreises nach dem einschneidenden Ereignis der Tötung des Stephanus die Stadt verlassen.39 Von nun an geraten mit Damaskus und Antiochia zwei bedeutende Städte ins Blickfeld des Interesses, in denen entscheidende Weichen für die weitere Entwicklung des Christusglaubens gestellt wurden.

1.6 Samaria, Antiochia, Damaskus – Der Schritt zu «den Völkern»

Kennzeichnend für die Ausbreitung der Christusbotschaft nach dem Martyrium des Stephanus ist nach dem Bild, das die Apostelgeschichte entwirft, die Aufnahme von Menschen nichtjüdischer Herkunft in die Gemeinschaft der Jesusnachfolge. Mit Samaria kommt zunächst ein aus Jerusalemer Perspektive nicht als «richtig» jüdisch anerkanntes Gebiet in den |38| Blick. Mit Philippus verkündet ein Mitglied des Siebenerkreises als erster in dieser Region (Apg 4,5–8). Nach Ausweis der Apostelgeschichte tat er dies mit einigem Erfolg. Es scheint, dass mit dem Christusglauben sich den Samaritanern eine Möglichkeit der gleichwertigen Zugehörigkeit zum Gottesvolk bot.40 Philippus ist es auch, der sich nach Apg 8,40 der Küstenebene und damit einem Gebiet mit griechischer Bevölkerungsmehrheit zuwandte. Und er ist derjenige, der nach der Apostelgeschichte zum ersten Mal einen Nichtjuden ohne Beschneidung und allein durch die Taufe in die Jesusgemeinschaft aufnimmt (Apg 8,26–39).

Exkurs

Zwar wird der äthiopische Eunuch (in den Übersetzungen meist als «Kämmerer» wiedergegeben), der von Philippus getauft wird, in Apg 8,27 als jemand gekennzeichnet, der nach Jerusalem gekommen war, «um Gott anzubeten», und er liest in seinem Reisewagen auch in den jüdischen Heiligen Schriften, genauer: im Buch Jesaja. Doch dürfte mit dieser Charakterisierung kaum gemeint sein, dass er als Proselyt anzusehen ist, also als jemand, der im vollumfänglichen Sinne zum Judentum konvertiert ist. Denn nach Dtn 23,2 konnte ein Eunuch gar nicht vollgültig Jude werden. Vielmehr erscheint der Eunuch hier als ein Gottesfürchtiger, also als einer, der mit dem Judentum zwar sympathisierte und sich im Umkreis der Synagoge bewegte, jedoch den letzten Schritt des Übertritts, der für Männer die Beschneidung bedeutete, nicht vollzogen hatte.41

Wie die Verkündigungsarbeit des Philippus in Apg 8,4 als eine Folge der «Zerstreuung» nach dem Martyrium des Stephanus dargestellt worden war, so wird in Apg 11,19 auch die Verkündigung in weiteren Gebieten als eine Folge jener «Zerstreuung» dargestellt. Dabei wird die syrische Grossstadt Antiochia als diejenige hervorgehoben, in der das Evangelium gezielt und offenbar in grossem Umfang auch Griechen verkündet wurde, und zwar von Jesusgläubigen aus der Diaspora:

«Bei der Verfolgung, die wegen Stephanus entstanden war, kamen die Versprengten bis nach Phönizien, Zypern und Antiochia; doch verkündeten sie das Wort nur den Juden. Einige aber von ihnen, die aus Zypern |39| und Zyrene stammten, verkündeten, als sie nach Antiochia kamen, auch den Griechen das Evangelium von Jesus, dem Herrn.» (Apg 11,19 f.)

In der Folge ist es Barnabas, der, von der Gemeinde in Jerusalem nach Antiochia gesandt, als massgeblicher Verkündiger in Antiochia hervortritt. Er ist es auch, der den mittlerweile vom Christusglauben überzeugten Saulus aus Tarsus wieder nach Antiochia holt und gemeinsam mit ihm dort eine erfolgreiche Arbeit leistet (Apg 11,22–26). Und in Antiochia erhielten die Jesusgläubigen zum ersten Mal eine Bezeichnung durch Aussenstehende, die sie als eine eigene Gruppe neben der jüdischen Gemeinschaft kennzeichnete: christianoi, Christen (Apg 11,26).

Antiochia war zu jener Zeit eine Grossstadt von ausserordentlicher Bedeutung, wenngleich die Stadt des ersten Jahrhunderts noch längst nicht die Grösse und den Glanz der spätantiken Stadt erlangt hatte. Seit 27 v. Chr. war es die Hauptstadt der römischen Provinz Syrien und Sitz des römischen Statthalters. Es zählte neben Rom und Alexandria zu den «Weltstädten» des Römischen Reiches, und der jüdische Historiker Flavius Josephus gibt dieser Stadt «wegen ihrer Grösse und ihres allgemeinen Wohlstandes unwidersprochen den dritten Platz in der von den Römern beherrschten Welt»42.

Exkurs

Die genauen Einwohnerzahlen antiker Städte sind nur schwer zu ermitteln. Im Falle von Antiochia wird aufgrund verschiedener Zahlenangaben in antiken Quellen zumeist von der für eine antike Stadt enormen Grösse zwischen 300 000 und 600 000 Einwohnern ausgegangen.43 Doch sind die Zahlenangaben der antiken Autoren insgesamt recht inkonsistent. Wenn man die Grösse des antiochenischen Stadtareals der frühen Kaiserzeit mit einbezieht, sind die in der heutigen Diskussion gängigen Zahlen eher nach unten zu korrigieren. So geht Frank Kolb für die frühe Kaiserzeit von höchstens 250 000 Einwohnern der Stadt aus, was allerdings für die Antike immer noch eine beachtliche Grösse darstellt.44

|40| Antiochia lag ausserordentlich günstig am Knotenpunkt des kleinasiatischen und orientalischen Strassennetzes, und sein Hafen eröffnete Handelswege in das gesamte Mittelmeergebiet. Doch war die Stadt nicht nur eine Wirtschaftsmetropole, sondern als Provinzhauptstadt auch ein Zentrum der römischen Verwaltung. Griechisch war die dominierende Sprache, insbesondere im Handel und in allen Bereichen der Politik. Dagegen sprach die einheimische Bevölkerung Syrisch.

Eine lange Tradition hatte die dortige jüdische Gemeinde, die zwar als eine der bedeutendsten der Diaspora gilt,45 über deren genaue Grösse aus den Quellen allerdings kaum konkrete Angaben zu erhalten sind.46 Der jüdische Historiker Flavius Josephus betont die Grösse und Bedeutung der jüdischen Präsenz in Antiochia, die zudem von den seleukidischen Königen gefördert worden sei, und er hebt die Offenheit der antiochenischen jüdischen Gemeinde und ihre einladende Haltung gegenüber der nichtjüdischen Bevölkerung der Stadt hervor.47

Dieses Milieu derer, die mit dem Judentum sympathisierten, jedoch den letzten Schritt des Übertritts nicht getan hatten, wird in der Folge von grösster Bedeutung für die Ausbreitung der Christusbotschaft. Denn die aus Jerusalem kommenden Griechisch sprechenden Jesusverkündiger, die ja selbst Jüdinnen und Juden aus der Diaspora waren, waren rechtlich Teil der örtlichen Judenschaft und fanden ihren ersten Ort selbstverständlich in den Synagogen Antiochias. Dezidiert sprachen sie mit ihrer Jesusbotschaft aber nicht nur Jüdinnen und Juden, sondern auch Menschen nichtjüdischer Herkunft und insbesondere jene Sympathisantinnen und Sympathisanten im Umkreis der Synagoge (die «Gottesfürchtigen») an und nahmen sie durch die Taufe in die messianisch-jüdische Gemeinschaft auf. Für diese Gottesfürchtigen war damit ein Weg eröffnet, dem Judentum anzugehören, ohne dass sich die Männer beschneiden lassen mussten. Dies |41| war für viele attraktiv. Allerdings musste diese Praxis bei den örtlichen Synagogengemeinden auf Misstrauen und Widerstand stossen; denn die Gottesfürchtigen waren für die Synagogengemeinden wegen ihrer rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Stellung im Beziehungsgefüge der Stadt von ungeheurer Bedeutung. Wenn diese einflussreichen Personen durch ihre Taufe für die Synagogengemeinde «verloren» zu gehen drohten, waren Konflikte mit den Jesusverkündigern vorprogrammiert. So deutet die Notiz in Apg 11,26, dass in Antiochia die Anhängerinnen und Anhänger des «neuen Weges» als «christianoi» bezeichnet worden seien, auf eine wohl schon von aussen wahrnehmbare Differenz zwischen den messiasgläubigen Jüdinnen und Juden, die als «Christianer» bezeichnet wurden, und den Jüdinnen und Juden, die dem Messiasglauben nicht anhingen. Mit der antiochenischen Praxis, auch Menschen «aus den Völkern» durch die Taufe in die messiasgläubige Gemeinschaft aufzunehmen, war allerdings der Weg vorgezeichnet, auf dem sich die Christusbotschaft auch in anderen Städten verbreiten würde.48

Eine weitere Stadt, die in diesen Anfangszeiten von grosser Bedeutung war, ist Damaskus. Wie das Evangelium dort hingekommen war, erzählt die Apostelgeschichte allerdings nicht. Bereits beim gewaltsamen Wüten des Paulus49 gegen die christusgläubigen Gemeinschaften war Damaskus als ein Ort genannt worden, in dem solche Gemeinschaften zu finden waren (Apg 9,2), und auch im weiteren Verlauf der Erzählung über die Christusbegegnung des Paulus nahe bei Damaskus werden Jesusanhängerinnen und -anhänger in dieser Stadt vorausgesetzt. Damaskus ist die Stadt, in der Paulus in den Glauben an den Messias Jesus eingeführt wurde, und von hier hat er zentrale Ideen für sein künftiges Wirken mit auf den Weg bekommen. Bereits hier wird er die Öffnung der Jesusgemeinschaft gegenüber Menschen nichtjüdischer |42| Herkunft hautnah erlebt haben, was für seine gesamte weitere Arbeit von prägender Bedeutung wurde.50

Damit ist die Darstellung bei der Figur angelangt, die für die Ausbreitung der Christusbotschaft über Syrien hinaus von allergrösster Bedeutung war: Paulus aus Tarsus. Seiner Person, seiner Arbeit im Beziehungsgefüge der frühen Gemeinden und seiner Theologie ist das folgende Kapitel gewidmet.

Zum Weiterlesen

Ebner, Martin: Von den Anfängen bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts, in: Möller, Bernd (Hg.): Ökumenische Kirchengeschichte, Bd. 1: Von den Anfängen bis zum Mittelalter, Darmstadt 2006, 15–42.

Frankemölle, Hubert: Frühjudentum und Urchristentum. Vorgeschichte – Verlauf – Auswirkungen (4. Jahrhundert v. Chr. bis 4. Jahrhundert n. Chr.) (Studienbücher Theologie 5), Stuttgart u. a. 2006, 222–267.

Schenke, Ludger: Die Urgemeinde. Geschichtliche und theologische Entwicklung, Stuttgart u. a. 1990.

Vouga, François: Geschichte des frühen Christentums (UTB 1733), Tübingen 1994.

Zeller, Dieter: Die Entstehung des Christentums, in: ders. (Hg.): Christentum I. Von den Anfängen bis zur Konstantinischen Wende (Die Religionen der Menschheit 28), Stuttgart u. a. 2002, 58–123.