PAX - Das Geisterkind - Åsa Larsson - E-Book

PAX - Das Geisterkind E-Book

Åsa Larsson

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Beschreibung

Aus einem harmlosen Halloween-Scherz wird beinahe tödlicher Ernst, als ein Dämon angreift . Alrik und Viggo haben eine fürchterliche Ahnung: Eine schwarze Hexe muss es gewesen sein, die das Geisterwesen zum Leben erweckt hat. Dann taucht ein fremdes Mädchen in Mariefred auf. Alrik kriegt Flugzeuge im Bauch, immer wenn er mit der geheimnisvollen Iris spricht. Doch bald findet er heraus: Iris kennt sich weit besser mit dunkler Magie aus, als sie zugibt.

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Åsa Larsson · Ingela Korsell

Das Geisterkind

Illustrationen von Henrik Jonsson

Aus dem Schwedischenvon Maike Dörries

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1. Auflage 2016

© 2016 der deutschsprachigen Ausgabe cbj Kinder- und Jugendbuch Verlag

in der Verlagsgruppe Random House, München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

© 2015 Åsa Larsson und Ingela Korsell

Illustrationen: © Henrik Jonsson

Erstmals erschienen 2015 unter dem Titel:

»PAX – Mylingen«

bei Bonnier Carlsen Bokförlag, Stockholm

Vermittelt durch Ahlander Agency

Übersetzung: Maike Dörries

Umschlaggestaltung: semper smile unter Verwendung einer Illustration von Henrik Jonsson

CK . Herstellung: Aj

Satz und Reproduktion: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-16692-2V001

www.cbj-verlag.de

KAPITEL 51Gefährlicher, als du es dir vorstellen kannst

Estrid presst das Ohr gegen die Tür. Der Streunerhund hängt schlaff über ihrer Schulter.

»Hört ihr das?«

Magnar, Viggo und Damir lauschen. Magnar hält Alriks leblosen Körper in den Armen. Viggo, der dicht neben Magnar steht, umklammert einen Zipfel von Alriks Pulloverärmel.

»Alrik«, flüstert er. »Alrik.«

Aber Alriks Kopf hängt herunter wie der einer Stoffpuppe. Sein Gesicht ist kreidebleich. Die Lippen sind blau angelaufen. Ein schreckliches Monster, ein Kirchengrimm, hat ihn angefallen. Das überlebt eigentlich keiner.

»Da ist jemand im Haus«, sagt Estrid mit gedämpfter Stimme. »Schhh!«

»Wir müssen in jedem Fall dort rein«, flüstert Damir. »Magie ist das Einzige, was Alrik retten kann. Wenn es nicht schon zu spät dafür ist. Was hast du für Heilkräuter, Magnar?«

»Ich habe Odinsklee, Spinnenwurz und Elfenkraut«, sagt Magnar. »Aber die befinden sich allesamt in der Bibliothek.«

Viggo sieht Damir an. Kann er Alrik retten? Und ist das da überhaupt Damir? Kann das sein? Der Damir, den Viggo und Alrik kennengelernt haben, war behaart und groß und stark. Aber jetzt, mit dem magischen Gleipnerstrick um den Hals, ist er völlig verwandelt. Sein Kopf ist kahl und die Augenbrauen sind so hell, dass sie auf der blassen Haut kaum zu sehen sind. Er sieht elend und geschwächt aus.

Magnar legt zwei Finger an Alriks Hals. »Er hat Puls, aber nur sehr schwach.«

»Könnt ihr mal still sein?«, sagt Estrid und legt den schlappen Hundekörper behutsam auf den Treppenabsatz.

Dann umklammert sie ihren Stab fester und drückt langsam den Türgriff nach unten. Die Tür öffnet sich mit einem Knarren.

»Was um alles in der Welt …?«, sagt sie.

In der Diele herrscht totales Chaos. Die Türen des Garderobenschrankes stehen offen, Schuhe und Kleider sind in einem einzigen Durcheinander auf dem Boden verteilt.

Estrid macht einen vorsichtigen Schritt hinein. Die anderen folgen ihr.

Auf dem Küchenboden liegen zerbrochene Gläser und Porzellan in einer Mischung aus Milch und Saft. Die Stühle sind umgeworfen. Zerschlagene Eier rinnen die Wände herunter. Und es ist still. Unheil verkündend still.

Kwatsch!, macht es unter Estrids Fuß. Sie ist auf einen von Magnars Apfelkrapfen getreten, das Apfelmus quillt heraus.

In der nächsten Sekunde kreischt es: »Stäärben, stärben!«

Zwei Impe sitzen oben auf einem der Schränke. Der eine trägt eine aus einem Katzenkopf gefertigte Mütze. Sie stemmen sich von der Wand ab, um den schweren Schrank umzustoßen.

»Achtung!«, ruft Viggo.

Magnar kann gerade noch rechtzeitig einen Schritt zur Seite ausweichen, als der Schrank mit lautem Getöse nach vorne kippt. Er hält Alrik fest an sich gedrückt. Die Impe sind weiter auf das Tellerregal über der Spüle gehüpft.

»Platt!«, schreit der Imp mit der Katzenmütze und zeigt auf Magnar. »Wie Pfannkuchen! Du!«

»Raus!«, ruft Estrid Magnar zu. »Du musst Alrik schützen!«

Magnar stürzt zurück in die Diele. Der Imp wirft eine Suppenschüssel nach ihm, aber Estrid pariert das Wurfgeschoss mit ihrem Stab und es zerspringt in tausend Scherben.

Der andere Imp wirft ein Kochbuch auf den Herd und dreht das Gas auf. Eine blaue Flamme lodert auf und das Kochbuch fängt Feuer. Die Impe bombardieren Estrid, Damir und Viggo mit Gewürzdosen, Flaschen und Küchenmessern.

Estrid versucht zurückzuschlagen, aber die Impe sind zu schnell. Sie springen zwischen den Schränken hin und her, schwingen sich an der Deckenlampe durch den Raum, klettern auf der Gardinenstange herum und werfen mit Gegenständen. Teekannen, Nudelhölzer und Kerzenständer schwirren durch die Luft. Damir und Viggo halten Tabletts als Schutzschilde vor sich und versuchen, die Küche zu durchqueren.

Endlich gelingt Estrid ein Treffer. Watsch! Der Imp ohne Katzenmütze klatscht gegen die Kacheln über dem Herd. Leblos fällt er auf das brennende Kochbuch. Die Flammen lecken über den unbehaarten Körper. Die Haut platzt wie bei einem Grillhähnchen. Es zischt und raucht.

»Alrik!«, ruft Magnar aus der Diele. »Alrik … Er atmet nicht mehr!«

Als Viggo Magnars Worte hört, will er zu Alrik in die Diele stürzen, aber Damir hält ihn am Arm fest.

»Wir müssen runter in die Bibliothek«, sagt Damir. »Das ist die einzige Chance, deinen Bruder zu retten.«

Als sie sich zur Kellertreppe umdrehen, kommt ihnen eine dicke Glasscherbe entgegengeflogen und sie hören aufgeregte Impstimmen. Viele Stimmen.

»Stäärben! Ihr!«

»Viele! Wir!«

Ein Scherbenschauer schießt Viggo und Damir entgegen.

»Der ganze Keller ist voller Impe!«, ruft Estrid. »Sie müssen alle Marmeladengläser kurz und klein geschlagen haben! Passt auf! Die Scherben sind lebensgefährlich.«

Estrid bleibt in der Küche stehen und wehrt die Kochtöpfe ab, die der Imp mit der Katzenmütze abfeuert. Der Stab in ihren Händen scheint wieder ein Eigenleben zu führen. Jeder Schlag ein Treffer. Er schnurrt herum und stößt zu. Estrid hat alle Mühe, ihn festzuhalten.

Viggo und Damir halten die Tabletts als Schutz gegen die Scherbenattacke vor sich. Die Angst krallt sich wie eine Faust um Viggos Magen. Alrik darf nicht sterben. Das darf nicht passieren.

Auf dem Herd brennt der tote Imp. Dicker schwarzer Rauch füllt die Küche.

»Du könntest die Impe töten, oder, Damir?«, sagt Viggo. »Wenn du den magischen Strick ablegst!«

»Aber dann verwandle ich mich wieder in einen Wolf«, antwortet Damir. »Und jedes Mal, wenn ich mich in einen Wolf verwandle, bekomme ich eine neue Wolfspersönlichkeit. Es hat mich sieben Jahre gekostet, den letzten Wolf in mir zu zähmen. Während der ersten Jahre mussten die Hexenbrüder mich nachts in einen Käfig sperren.«

»Aber du musst uns helfen!«, schreit Viggo.

»Ich bin als Wolf gefährlicher, als du es dir vorstellen kannst«, sagt Damir. »Auch für euch.«

»Das glaube ich«, sagt Viggo. »Hast du vergessen, wie du mich in der Bibliothek gejagt hast?«

Viggo greift nach dem Gleipnerstrick, der um Damirs Hals hängt. »Lass es uns trotzdem tun«, drängt er. »Danach lege ich dir den Strick auch so schnell wie möglich wieder an, versprochen.«

Damir nickt, die Augen vor Angst aufgerissen.

»Auf drei«, sagt Viggo. »Stell dir einfach vor, wie toll es ist, die kleinen Impe totzubeißen! Eins … zwei … DREI!«

Mit einem Ruck zieht er den Strick von Damirs Hals.

KAPITEL 52Braver Hund!

Brüllend stürzt Damir die Treppe nach unten, worauf die Glasscherbenattacke von unten augenblicklich abbricht. Viggo hört, wie sich Damirs Kläffen und Knurren mit den Schreien und dem Winseln der Impe mischt.

»Braaaver Hund!«

»Platzzzz!«

»Braaav, Pfööötchen!«

Nach und nach verstummen die Schreie.

Als der Imp mit der Katzenmütze seine Kumpane im Keller hört, flieht er. Mit einem Satz ist er in der Diele und rast an Magnar und Alrik vorbei zur Tür hinaus.

»Was ist passiert?«, ruft Magnar.

Viggo antwortet nicht, er hat keine Zeit mehr zu verlieren. Er hebt eine Zimtdose vom Boden auf. Er und Alrik haben den magischen Gleipnerstrick aus Seidentüchern zusammengeknotet, die sie aus Laylahs Kommode gemopst haben. Er knotet das eine Ende des Stricks um die Zimtdose, um eine Schleuder daraus zu machen.

Ein weiterer Impschrei tönt aus dem Keller. Und ein Geräusch, als wenn etwas zerreißt. Dann absolute Stille.

Das war der letzte Imp, denkt Viggo. Dann hört er ein tiefes Knurren. Das ist Damir. Damir, der Wolf. Der weiter töten will.

Ganz ruhig, spricht Viggo sich Mut zu. Das schaffst du! Mit schweißnasser Hand schwingt er den Gleipnerstrick.

In der nächsten Sekunde kommt Damir die Treppe hochgeschossen.

Ein komplett veränderter Damir. Ein Wesen mit Wolfskopf und Schwanz. Seine Finger sind messerscharfe Krallen. Seine gelben Augen sind auf Estrid geheftet, er hat die Schnauze weit aufgerissen, bereit, sie zu zerfleischen.

Estrid hebt ihren Stab. Aber genauso gut könnte sie sich mit einem Zahnstocher verteidigen.

Ich habe eine Chance, denkt Viggo und schwingt den Gleipnerstrick über dem Kopf. Eine einzige Chance.

Er schleudert das Ende mit der Zimtdose nach vorne. Der Strick vollführt einen perfekten Bogen und schlingt sich um Wolf-Damirs Hals. Vor dem oberen Treppenabsatz geht Damir in die Knie und verwandelt sich wieder in den dünnen, unbehaarten Mann.

Damir hebt den Blick und sieht Viggo an. Er legt die Hand an den Gleipnerstrick um seinen Hals.

»Danke«, murmelt er und erhebt sich schwankend. »In die Bibliothek«, sagt er. »Sofort! Hoffentlich können wir Alrik noch retten!«

KAPITEL 53Wolltest du mich töten, Damir?

Alrik schlägt die Augen auf. Er liegt auf dem Steintisch in der Bibliothek. Von der Decke rieselt ihm Putz ins Gesicht.

Viggo steht neben ihm und drückt fest seine Hand.

»Uff«, stöhnt Alrik und richtet sich mühsam auf. Bei der Bewegung fühlt sich sein Kopf an, als wollte er in tausend Stücke zerspringen.

Magnar und Estrid sind auch da. Sie sehen erleichtert und besorgt zugleich aus.

Ein blasser, dürrer Mann drückt klebrig braune Blätter auf seinen Bauch und murmelt Worte in einer Sprache, die er nicht versteht. Er hat den Gleipnerstrick um seinen Hals gewickelt.

»Heb die Arme«, sagt der blasse Mann.

Mit Magnars Hilfe wickelt er Mullbinden um Alriks Brustkorb und Bauch.

Alrik legt eine Hand an seinen schmerzenden Kopf. Er ertastet einen schmierigen Fleck auf der Kopfhaut und schaut sich seine Finger an. Das sieht aus wie grüner Schleim.

»Heute Nacht wirst du damit schlafen müssen«, sagt der Blasse. »Aber morgen früh kannst du dir die Haare waschen. Bis dahin sollten die Bisswunden verheilt sein.«

»Wer sind Sie?«, fragt Alrik.

»Erkennst du mich nicht?«, fragt der Blasse und sieht ihn mit einem schiefen Lächeln an.

Alrik schaut ihm in die Augen.

»Damir?«

Jetzt hält Viggo es nicht länger aus. Er sprudelt so laut drauflos, dass Alrik ganz wirr wird. Erstaunlich, wie lange er den Mund gehalten hat, bestimmt mehr als eine Minute.

»Es ist genau, wie ich gesagt habe!«, ruft Viggo. »Damir ist ein Gestaltenwandler. Ein Wolfsmensch, sozusagen. Er hat gegen den Grimm gekämpft. Otto war der Grimm! Maggie Migränes kleiner Zottelhund Otto!«

»Du bist an Magnars Telefon gegangen«, sagt Alrik zu Damir. »Und hast einfach aufgelegt.«

»Ich habe nicht aufgelegt«, sagt Damir. »Der Akku war plötzlich leer. Danach habe ich Magnar und Estrid gesagt, dass sie so schnell wie möglich zur Ruine gehen sollten, um euch zu helfen. Ich bin hiergeblieben, habe meinen eigenen Krieg auszufechten.«

»Gegen deine Drachen«, sagt Viggo.

»Ja. Ich wollte mich aus eurem Streit raushalten. Aber hier hatte ich auch keine Ruhe. Ich hab mir ernsthaft Sorgen gemacht. Am Ende musste ich euch einfach helfen.«

»Irgendwo in Mariefred gibt es eine Schwarzhexe«, redet Viggo weiter. »Vielleicht ist es auch ein Hexer. Das hat Damir mir erklärt. Dieser Hexer hat den Grimm geweckt. Und deinen dicken Pullover geklaut und dem Grimm gegeben, damit er dich aufstöbert! Was hat er vor? Und warum ist er so scharf auf die Bibliothek?«

»Vor allem anderen geht es Schwarzmagiern um Ehre und Reichtum«, antwortet Damir und tunkt einen Pinsel in eine durchsichtige, dampfende Flüssigkeit. »Erst danach um Macht. Sie haben ein schwarzes Loch im Herzen, das immer weiter wächst. Und irgendwann beginnen sie alle, sich nach dunklen Dingen zu sehnen. Nach Krieg und Gewalt. Nach den alten Göttern.«

Damir pinselt die Wunden in Alriks Gesicht mit der Flüssigkeit ein. Alrik stöhnt. Es brennt wie Feuer. Magnar legt Pflaster auf.

»Eins noch«, sagt Viggo. »Wolltest du mich eigentlich töten in der Bibliothek, Damir?«

»Viggo!«, sagt Estrid streng. »Hör auf, solchen Unsinn zu reden und zieh deinen Pullover aus, damit Damir deine Wunden auch einpinseln kann. Zum Glück bist du nicht ernsthaft verletzt worden.«

Damir nickt. »Ja«, sagte er. »Möglicherweise hätte ich dich getötet. Ich bin froh, dass du so schnell laufen kannst. Die Hexen und Hexer in meinem Kriegerring verfügen allesamt über extreme Kräfte. Wir sind keine gewöhnlichen Wald- und Wiesenmagier, die Liebestränke brauen und Zauberformeln gegen Rückenschmerzen sprechen. Als ich an dem verbotenen Bücherschrank gestanden habe …«

Damir vermeidet den Blick zu dem Schrank, in dem die gefährlichen Bücher eingeschlossen sind.

»Ich war noch nie so kurz davor, mich in einen Schwarzmagier zu verwandeln«, spricht er weiter. »Ich habe noch nie so eine Gier nach Macht und Reichtum in mir gespürt wie da. Der Wolf in mir hat die Übermacht bekommen.«

»Ist das der Grund, weshalb ihr nichts besitzt?«, fragt Viggo und lässt zu, dass Magnar seinen Pullover hochzieht. »Damit ihr nicht in Versuchung geratet? Bei unserer ersten Begegnung hast du erzählt, du würdest einem … einem … besitzlosen Kriegerring angehören. Au! Au!«

Es brennt, als Damir Viggos Wunden einpinselt.

»So ist es«, sagt Damir. »Außer meinem Motorrad besitze ich nur, was ich bei mir tragen kann. Ein Buch und ein paar Kleider.«

»Wie ein Alkoholiker«, sagt Alrik. »Die dürfen auch nicht den kleinsten Tropfen Alkohol kriegen, weil sie sonst immer wieder rückfällig werden.«

Alrik sieht Viggo an. Beide denken an ihre Mutter.

»Genau«, sagt Damir.

»Ihr geht jetzt besser nach Hause«, sagt Estrid. »Magnar muss hierbleiben. Es ist Zeit für mich, etwas zu tun, worin ich eine Meisterin bin, was Magnar aber überhaupt nicht kann.«

»Was ist das?«

»Lügen«, sagt Magnar und lächelt seine Schwester stolz an.

Magnar schließt die Tür hinter Estrid und den Jungen und dreht sich zu Damir um. Damir ist in einen Sessel gesunken. Er sieht todmüde aus.

»Was sagst du zu dem armen Köter?«, fragt Magnar.

»Eine mutige und treue Gefährtin«, sagt Damir und richtet sich auf, »die es verdient hat, dass wir es wenigstens versuchen.«

Alrik, Viggo und Estrid gehen durch den langen unterirdischen Gang und die dreizehn Stufen hinauf zu der Geheimtür im Keller. Alrik traut seinen Augen nicht, als er Magnars und Estrids Wohnung betritt. Es sieht aus, als wäre eine Bombe eingeschlagen. Tote Impe, Glassplitter überall, umgekippte Möbel.

Vor dem Haus auf der Treppe liegt der leblose Körper des Streunerhundes.

Estrid legt ihre Hand auf Alriks Schulter, als sie an ihm vorbeigehen.

Alrik ist fast froh, dass ihm alles wehtut. Das lenkt vom Schmerz in seinem Herzen ab.

»Wir haben uns schreckliche Sorgen gemacht«, sagt Laylah, als sie zu Hause ankommen.

Sie und Anders nehmen die Jungen in den Arm.

»Mannomann!«, sagt Anders. »Wir waren drauf und dran, die Polizei zu alarmieren.«

Und da kommt Estrid mit der perfekten Lüge. Sie erzählt, dass ein paar ältere Jungs Alrik und Viggo gezwungen hätten, in der Kirchenruine rumzuklettern, und ihnen mit Prügel drohten, falls sie sich weigern würden. Das hätte tragisch enden können. Sie sind beide abgestürzt und haben sich ordentlich blaue Flecken geholt. Alrik am schlimmsten.

»Ihr dürft nicht mit den beiden schimpfen«, sagt Estrid zum Schluss.

Viggo entschuldigt sich. Darin ist er Spezialist. Alrik weiß, dass es nur leere Phrasen sind, die er ganz automatisch daherredet. Manchmal entschuldigt Viggo sich sogar im Schlaf.

Alrik sagt nichts. Er würde sich gerne richtig entschuldigen, aber die Worte bleiben in ihm stecken.

Laylah drückt die Jungen noch einmal an sich. »Gott sei Dank ist es noch mal gut gegangen«, sagt sie.

»Aber jetzt ab ins Bett«, sagt Anders. »Morgen ist Schule.«