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Humorvoll, romantisch, relatable – der neue Roman von Anna Dimitrova »Hier im Kartoffelland gibt's genau zwei Arten von Ausländern: die "Verrückten", die ihre Probleme einsehen und zur Therapie gehen, und die "Harten", die lieber heimlich in der Dusche weinen. Zu wem du gehören willst, musst du ziemlich früh entscheiden.« (aus »People Pleaser«) Nina ist die selbsternannte Therapeutin ihrer Freundesgruppe. Egal, was die anderen für ein Problem haben: Nina kann es mit einem Deeptalk lösen! Oder zumindest konnte sie das. Schon seit einer Weile macht ihre beste Freundin Teo eine schwere Zeit durch, möchte sich aber partout nicht helfen lassen. Als dann auch noch Aleks als wandelnde "Red Flag" in ihre Klasse kommt und Teo sich sofort schockverliebt, bleibt Nina keine andere Option: Sie muss Aleks therapieren und zum perfekten Boyfriend machen, bevor sich Teo auf ihn einlässt. Doch hinter Aleks' taffen Gym-Bro-Fassade steckt mehr, als Nina ahnt… Ein großartiger Jugendroman über Selbstliebe, People Pleasing und toxische Männlichkeit.
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Seitenzahl: 430
Veröffentlichungsjahr: 2025
Anna Dimitrova
Eine für alle und alle für sich
Roman
Liebe Leser:innen,
dieses Buch enthält potenziell belastende Themen, weshalb ihr am Ende des Buchs eine Inhaltswarnung findet, die Spoiler für das gesamte Buch enthält. Wir wünschen euch das bestmögliche Leseerlebnis.
Originalausgabe
1. Auflage
© Atrium Verlag AG, Imprint Arctis, Zürich 2025
Dieses Werk wurde vermittelt von der Literaturagentur erzähl:perspektive, München (www.erzaehlperspektive.de)
© Text: Anna Dimitrova
Coverillustration: Dana Lédl
GPSR (General Product Safety Regulation)-Kontakt: W1-Verlage GmbH, Semperstrasse 24, 22303 Hamburg, [email protected]
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.
Alle Rechte vorbehalten. Der Verlag untersagt ohne ausdrückliche schriftliche Zustimmung die Nutzung dieses Werkes im Sinne des §44b UrhG für das Text- und Data-Mining.
ISBN978-3-03880-197-9
www.arctis-verlag.com
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Für meine MamПонякога дори и валяците имат нужда от помощ
Hier im Kartoffelland gibt’s genau zwei Arten von Menschen: die »Verrückten«, die ihre Probleme einsehen und zur Therapie gehen, und die »Harten«, die lieber heimlich in der Dusche weinen. Zu wem du gehören willst, musst du ziemlich früh entscheiden.
Mir passierte es vor zwei Jahren, als ich eine Down-Phase hatte und nichts mit mir anzufangen wusste. Ich hatte zwei Optionen: den Ursachen auf den Grund gehen und mir eine Therapeutin suchen, oder den Pro-Tipp meines Onkels annehmen und mich für eine Ballsportart anmelden. Eine harte Wahl – vor allem, wenn man bedenkt, dass er nach jedem Fußballspiel einen Nervenzusammenbruch kriegt. Egal, ob sein Team gewinnt oder verliert.
Doch scheinbar steht es für meine Familie außer Frage, »Schwäche« zu zeigen und fremde Hilfe zu akzeptieren. Wir sind taff. Wir heulen nicht, wenn unsere Haustiere sterben und erst recht nicht, wenn unsere Partner uns verlassen. Nein, nein. Wir bleiben ruhig. Wir bleiben cool. Und wir tun so, als hätten wir was im Auge, während wir uns einen neuen Hamster kaufen und im Freundeskreis erzählen, dass Nick aus der B sowieso nicht der Richtige war.
Meine beste Freundin Teona ist ebenfalls eine große Verfechterin dieser Einstellung. Auf die Frage, wie es ihr geht, gibt es für sie nur eine richtige Antwort: gut! Es macht keinen Unterschied, ob sie gerade 40 Grad Fieber oder trotz ihrer Laktoseintoleranz drei Kugeln Schokoeis gegessen hat: Ihr geht’s immer super! Na ja, zumindest tut sie gern so, denn die Alternative wäre ziemlich bedrückend.
Teo wurde in eine junge rumänische Familie geboren, die leider nicht die Mittel hatte, um sie großzuziehen. Stattdessen gaben ihre Eltern sie in die Obhut ihrer Tante und ihres Onkels, die in Deutschland lebten und deutlich wohlhabender waren.
Anfangs hielt sich die kleine Teo noch für eine Superheldin – schließlich teilte sie dasselbe Schicksal wie Harry Potter und Spider-Man. Statt Superkräfte bekam sie allerdings Verlustängste, die sie seitdem nur allzu gerne unterdrückt.
Kein Wunder, dass sie regelmäßig Albträume hat und sich mitten in der Nacht in mein Zimmer schleicht. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal allein aufgewacht bin.
Heute Morgen liegt Teo wieder in meinem Bett und macht es mir mit ihrem penetranten Schnarchen unmöglich, weiterzupennen. Eine große Leistung, denn im Gegensatz zu ihr bin ich ein absoluter Pro im Schlafen und habe nie Albträume.
Ich lege mich auf die Seite, schiebe meinen rechten Arm unter das Kissen und sehe sie nachdenklich an.
Teo und ich leben den ultimativen Beste-Freundinnen-Traum. Wir wohnen in jeweils einer Doppelhaushälfte eines Zweifamilienhauses und haben sogar angrenzende Zimmer im Erdgeschoss. Weil ich mein Fenster abends immer offen lasse, kann sie jederzeit reinklettern, wenn sie nicht schlafen kann. Und in letzter Zeit passiert das ziemlich oft …
In unserer Kindheit war Teo so zaghaft und unsicher, dass sie sich immer hinter mir versteckt hat, wenn wir im Kaufland an der Kasse unsere Lieblingsgummibärchen – die Bärchenpärchen – gekauft haben. Aber diese Zeiten sind schon lange vorbei.
Inzwischen ist meine beste Freundin das bekannteste Mädchen der Schule. Sie ist lustig, laut und rebellisch. Alle kennen ihren Namen – vor allem die Schuldirektorin und die örtliche Polizei.
Jap, so schnell kann sich das unscheinbare Mäuschen in eine knallharte Gangsterbraut verwandeln. Meine Mutter hatte recht: Die Pubertät wirkt Wunder.
Beep. Beep. Beep.
Mein Wecker reißt mich aus meinen wirren Gedanken und auch Teo schreckt aus ihrem unruhigen Schlaf hoch. Ihre hellblauen Augen fixieren meine und weiten sich panisch, als wäre das der unangenehme Morgen nach einem One-Night-Stand, den sie zutiefst bereut.
Normalerweise steht sie vor mir auf und verschwindet durch das Fenster, um ja nicht in ein Gespräch mit mir verwickelt zu werden. Heute hat sie allerdings Pech.
Ich setze ein freundliches Lächeln auf. »Und? Was hast du geträumt?«
Teo hält sich die Nase zu. »Dass du kein’ Mundgeruch hast.«
»Sehr witzig.« Ich rolle mit den Augen und hauche sie an, was Teo dazu bringt, sich lachend unter der Bettdecke zu verstecken.
Sie wirkt so entspannt, dass man niemals vermuten würde, sie hätte die ganze Nacht Albträume gehabt. Die Alles-Cool-Maske trägt sie schon so lange, dass sie mittlerweile ein Teil ihres Gesichts geworden ist. Die Außenwelt kriegt nur die lässige Teo zu sehen. Nur ich weiß, was sich hinter der Fassade versteckt: unendliche Traurigkeit.
»Im Ernst. Wie geht’s dir?«, frage ich mitfühlend.
»Gut«, antwortet Teo und zuckt mit den Schultern, als wäre das Antwort genug. Daran, dass sie den Augenkontakt mit mir vermeidet, erkenne ich, dass ich heute mal wieder keine zufriedenstellende Antwort bekommen werde.
Stattdessen springt sie energisch aus dem Bett und steuert das Fenster an. Das Lächeln, das sie mir schließlich schenkt, könnte fast als fröhlich interpretiert werden. Fast.
»Es ist der letzte erste Schultag«, meint sie. »Besser kann’s mir doch gar nicht gehen.«
»Aha«, murmle ich, während ich besorgt beobachte, wie sie mühelos in den Garten springt.
Je öfter sie betont, dass alles gut ist, desto weniger glaube ich’s ihr.
Der letzte erste Schultag läuft nicht sonderlich anders ab als jeder andere. Nachdem ich meinen Lieblingspulli – grau, oversized, mit der Aufschrift »Klug war’s nicht, aber geil« – und meine Mom-Jeans angezogen habe, gehe ich in die Küche. Dort begrüßt mich meine Mutter, indem sie mir gestresst eine Packung Blätterteig in die Hand drückt und auf eine rechteckige Glasschale deutet. Der universelle Befehl für: »Bereite bitte die Banitsa zu!«
»Dir auch einen guten Morgen«, sage ich belustigt, während ich die Packung öffne. Banitsa ist ein traditionelles bulgarisches Gericht, das aus Eiern, Fetakäse und Blätterteig besteht. In meinem Freundeskreis ist es auch als »das bulgarische Börek« bekannt.
»Sorry, viel zu tun«, entschuldigt sich Mama und hüpft schnell rüber zu mir, um mir einen Kuss auf die Stirn zu geben, bevor sie eine bereits fertige Banitsa aus dem Ofen herausnimmt.
»Oha, hast du so viel Hunger?« Ich deute verwirrt auf die zwei Gerichte.
»Nee, nee, das ist nicht für uns«, erklärt Mama zügig. »Ich bring Ines was mit.«
Wer meine Mutter nicht kennt, würde davon ausgehen, dass Ines eine Verwandte oder eine enge Freundin von ihr ist. Falsch: Ines ist eine ältere brasilianische Frau, der meine Mutter letztens in der U5 begegnet ist. Als die beiden ins Gespräch kamen, stellte sich heraus, dass Ines inzwischen keine Familie mehr in Deutschland hat und ganz allein in einem kleinen Apartment in München-Ost lebt. Selbstverständlich hat sich meine Mutter also ihrem Wohl angenommen und teilt seitdem unser Essen mit ihr.
»Nice, Grüße gehen raus«, erwidere ich unbeeindruckt, während ich fünf Eier aufschlage und in eine leere Schüssel gebe.
Ich komme aus einer Familie von Frauen, die sich nie hinsetzen. Die Gäste wollen was zu trinken? Meine Uroma steht schon in der Küche! Der Nachbar hat einen Platten? Meine Großmutter holt das Flickzeug raus! Eine Fremde braucht Gesellschaft? Mama freundet sich mit ihr an! Tja, das Helfen ist für Osteuropäerinnen quasi ein Nationalsport.
Deswegen gibt es bei uns in Bulgarien auch ausschließlich Powerfrauen. Wir machen den Haushalt, gehen zur Arbeit, kümmern uns um den Nachwuchs, unterstützen die Nachbarn und erledigen alles, was noch so auf der Tagesordnung steht. Selbstverständlich beschweren wir uns darüber, dass alle Pflichten auf uns zurückfallen – fremde Hilfe würden wir aber trotzdem nie zulassen. Am Ende des Tages geht es schneller, wenn man einfach selbst anpackt …
Nachdem ich den Fetakäse zu den Eiern hinzugefügt und daraus eine Soße gemacht habe, verteile ich diese auf die verschiedenen Blätterteigschichten. Als Nächstes bedecke ich die Glasschale mit einer Alufolie und schiebe das Gericht für eine halbe Stunde in den Ofen.
Während ich auf die fertige Banitsa warte, wische ich über die Arbeitsfläche. Wenn ich eins von meiner Mama gelernt habe, dann, dass man jede Sekunde des Tages produktiv nutzen muss. »Ich ruhe, wenn ich tot bin«, sagt sie ständig und erwartet das Gleiche von mir. Etwas, das ich mir natürlich zu Herzen nehme.
Ich bin immer noch am Putzen, als mein kleiner Bruder den Raum betritt. Er setzt sich auf die Kücheninsel, die ich gerade abgewischt habe, und pfeift vor sich hin.
Ihm hat Mama nur das Chillen beigebracht. Keine Ahnung, was er später im Jenseits machen soll.
»Mein Mathebuch muss heute abgeholt werden«, berichtet Ivo beiläufig, während er ein Stück Fetakäse aus der Packung nimmt und in seinen Mund wirft. Er ist es gewohnt, To-dos anzukündigen, die er nicht selbst zu erledigen plant.
»Ah, stimmt!« Meine Mutter küsst auch Ivos Stirn zur Begrüßung, dann wendet sie sich mir zu. »Nina, holst du’s nachher ab?«
Ich schlage Ivos Hand weg, bevor er den ganzen Feta verschlungen hat. »Klar. Kein Ding.«
Mama strahlt. »Schön. Und danach kannst du ihm auch ein bisschen Nachhilfe geben.«
Während ich eifrig nicke, stöhnt Ivo auf. »Es ist der erste Schultag«, meckert er.
»Das ist mir ganz egal. Gute Noten kann man immer schreiben«, kontert Mama und beendet damit das Gespräch.
Mein Bruder findet das nervig.
Ich finde mich damit ab.
Kurz nachdem ich die Banitsa aus dem Ofen geholt habe, schneide ich drei Stücke ab und verteile sie unter den Anwesenden. Mama und Ivo greifen gierig zu und schmatzen genüsslich vor sich hin, während ich eine Tupperdose aus der Schublade herausnehme und meine Banitsa hineinlege. Kaum habe ich die Box in meinem Rucksack verstaut, klingelt es an der Tür.
»Okay, Leute! Ich muss los!« Ich küsse Mama und Ivo schnell auf die Wange und beauftrage sie, Papa von mir Tschüss zu sagen. Schließlich werfe ich meinen Rucksack über die Schulter und eile zur Tür.
Teo steht umgezogen vor mir. Sie trägt ein weißes Crop-Top, das ihr Bauchnabelpiercing zur Schau stellt, eine zerrissene Jeans, die ihre gebräunten Beine präsentiert, und einen leeren Jutebeutel, der beweist, dass sie für eine Fashion Show, aber definitiv nicht für die Schule vorbereitet ist. Während ich einen riesigen Ordner mit all meinen Notizen aus der Elften dabeihabe, hat sich Teo nicht mal um ein Blatt Papier gekümmert. Zum Glück habe ich mit diesem Szenario gerechnet und einen leeren Notizblock für sie eingepackt.
»Heißer Pulli«, kommentiert sie zwinkernd. Ich kriege immer nur Komplimente zu den Kleidungsstücken, die sie mir selbst geschenkt hat.
Ich zwinkere zurück. »Danke, hab ich von ’ner guten Freundin bekommen.«
»Ach ja? Die muss ’nen nicen Geschmack haben.«
»Voll. Aber nur in Bezug auf Fashion. Wenn du dir ihre Ex-Freunde anschaust …« Ich ziehe die Nase kraus und schüttle den Kopf.
Teo verdreht die Augen und stupst mich schmunzelnd an, wobei ich auf den Fahrradweg stolpere und beinahe von einer Rentnerin überfahren werde, die mit 50 km/h an uns vorbeirast. Je älter man wird, desto eiliger hat man’s in Deutschland.
Wir wohnen in Trudering, genau an der Grenze zu Neuperlach, wo sich sowohl unsere Schule als auch die Wohnungen unserer Freunde befinden. Viele Truderinger, die das Werner-von-Siemens-Gymnasium besuchen, kommen mit dem Fahrrad zur Schule, doch Teo und ich gehen lieber zu Fuß.
Unser Schulweg beträgt normalerweise fünf Minuten. Wenn wir auf Fahrrad fahrende Freunde treffen, laufen wir jedoch instinktiv schneller und kommen sogar früher an. So auch heute, als wir Felix und Luis begegnen.
»Hey, Leute!«, ruft Luis, der extra freihändig fährt, um uns zu beeindrucken. So richtig cool wirkt er dabei nicht, denn es sieht aus, als würde er jederzeit das Gleichgewicht verlieren. Ich gehe ein paar Schritte in seine Richtung, um ihn notfalls aufzufangen, bevor er sich den Hals bricht.
»Seid ihr heute Abend im Ostpark am Start?«, fragt Felix, der seine Hände zum Glück auf dem Lenker lässt. »Wir wollten grillen, Rage Cage zocken …«
Die Erwähnung des Trinkspiels erregt sofort Teos Aufmerksamkeit. »Safe, bin dabei!«, verkündet sie und checkt begeistert mit Felix ein.
Im Anschluss drehen sich alle Köpfe fragend zu mir.
»Äh …«, stammle ich. »Ich muss mal schauen. Kann ich euch später Bescheid geben?«
Luis und Felix nicken einstimmig. »Klar, bis dann!«
Sie biegen nach links zur Ampel ab, um ihre Bikes im Fahrradkeller abzustellen, während Teo und ich geradeaus zum Hinterhof gehen.
»Was machst du später?« Teos Augen verengen sich skeptisch, als würden sie mich in eine Falle locken wollen.
»Therapie«, gebe ich ehrlich zu.
Richtig. Als mich mein Onkel damals vor die Wahl gestellt hat, habe ich mich ganz klar für die Therapeutin entschieden. In Ballsportarten habe ich ohnehin nie brilliert und außerdem wollte ich mich ja um meine mentale Gesundheit kümmern, nicht auch noch meine physische Gesundheit in Gefahr bringen.
Die Reaktion meiner Familie war … gewöhnungsbedürftig, um es mild auszudrücken. Meine Mutter hielt die Therapie für eine reine Zeitverschwendung und zählte energisch auf, was ich in diesen fünfzig Minuten pro Woche stattdessen alles hätte leisten können. Mein Vater wollte wissen, ob ich jetzt auch modern sein will. Und meine Großeltern haben das Wort »Psychologin« mit dem Wort »Psychiaterin« verwechselt und gehen seitdem davon aus, dass ich »in der Klapse« bin. Progressiv sind sie jedenfalls nicht.
Überraschenderweise gab es aber auch zwei neutrale Rückmeldungen. Ivo meinte, dass ich doch in meiner Freizeit machen kann, was ich will. Und Teo gab mir zu verstehen, dass sie zwar selbst nicht an Therapien glaubt, mir aber trotzdem viel Erfolg wünscht.
Deswegen ist sie jetzt auch nicht sonderlich überrascht von meinen Plänen. »Ich weiß«, sagt sie. »Aber deine Stunde geht doch nur bis drei. Was machst du danach?«
Damit kommen wir zum Teil des Gesprächs, den ich gerne auslassen würde. Weil das nun keine Option mehr ist, seufze ich resigniert. »Ich gehe ins PEP.«
Das PEP ist das größte Einkaufszentrum im Viertel. Es beinhaltet einen McDonald’s, einen Nordsee und sogar eine Dönerbude. Selbstverständlich verbringen meine Freunde und ich unsere Mittagspause immer dort.
»Warum musst du ins PEP?«, wundert sich Teo.
»Um ein Buch für Ivo abzuholen«, gestehe ich. »Und danach muss ich ihm Nachhilfe geben.«
Teo nickt sich selbst zu, als hätte sie schon geahnt, womit ich heute beschäftigt sein werde. »Und warum kann der Dude sein Buch nicht selber holen? Und allein lernen?«
»Er hat Basketball. Und du kennst seine Noten.«
Ich weiß nicht, warum sie sich in mein Leben einmischt, anstatt an ihre eigenen Probleme zu denken.
»Na, und? Du bist nicht seine Mutter.«
»Nee, aber seine Schwester«, erinnere ich sie. »Egal jetzt. Ich versuch nachher zu kommen, wenn du willst.«
»Klar«, murrt sie gereizt.
Ich lasse ihre Verärgerung unkommentiert, denn wir haben mittlerweile den Schulhof erreicht.
Die Raucher stehen etwas abseits am Straßenrand und unterhalten sich über ihre Sommerferien. Die Streber haben sich direkt vor den geschlossenen Türen versammelt, als gäbe es einen heimlichen Wettbewerb, wer als Erstes im Klassenzimmer ankommt. Die Sportler spielen Fußball auf der Nordwiese, die Kiffer kicken einen Hacky Sack hin und her und unsere Freunde Cem und Eminem sitzen lachend auf den Tischtennisplatten. Migranten-Kids und Deutsche sind hier ziemlich gut durchmischt – wie es sich auf dem WSG eben gehört.
»Yo, Nina! Gib mal Hausaufgabe!«, schreit Eminem über den gesamten Hinterhof. Eigentlich sieht er aus wie eine deutsche Kartoffel und heißt Karl. Weil er jedoch in Neuperlach aufgewachsen ist, macht er einen auf Assi-Deutscher und versucht, als Rapper durchzustarten. Natürlich erfolglos.
»Yes, Sir!«, salutiere ich scherzhaft. Die Aussage hört sich zwar sarkastisch an, aber wir wissen beide, dass ich ihm gleich meinen Ordner überreichen werde. Dafür habe ich die Hausaufgaben schließlich gemacht.
Zur Begrüßung werden Teo und ich in eine dicke Gruppenumarmung mit unseren Freunden verwickelt. Doch während Cem und ich uns bereits nach wenigen Sekunden zurückziehen, weigert Eminem sich, Teo loszulassen. Dass er auf sie steht, wissen wir seit der sechsten Klasse. Dass sie seine Gefühle niemals erwidern wird – seit der Fünften.
Cem muss sich gerade das Gleiche gedacht haben, weil sein Grinsen mindestens genauso verschmitzt ist wie meins. Wir teilen einen heimlichen Wir-wissen-Bescheid-Blick, sagen aber nichts. Wenn Teo und Eminem die wilden Kids der Truppe sind, dann spielen Cem und ich die Rollen der vernünftigen Erwachsenen. Mit einem kleinen Unterschied: Er ist offen, charismatisch und beliebt. Ich bin ängstlich, schüchtern und streberhaft.
Und wenn wir schon beim Thema sind …
»Nina? Hausaufgabe?« Eminem blickt mich bettelnd an. Teo hat sich inzwischen aus seiner Umarmung befreit und setzt sich auf die Tischtennisplatte. Dort dreht sie sich eine Kippe und schenkt unserem Kumpel keine Aufmerksamkeit mehr, weswegen er wohl wieder an seine eigentlichen Prioritäten gedacht hat: das Bestehen der zwölften Klasse.
Ich öffne meinen Rucksack, hole den Ordner heraus und deute auf die passende Stelle. Weil Eminem nicht gerade booksmart ist, mache ich die Deutsch-Hausaufgabe immer zweifach. Ein Gedicht – zwei Interpretationen. All das, damit Frau Dausch nicht merkt, dass er bei mir abgeschrieben hat.
Im Gegensatz zum restlichen Kollegium ist unsere Deutschlehrerin echt streng. So streng, dass sie jeden Plagiatsversuch aufdeckt und uns sogar Hausaufgaben für die Sommerferien aufgibt.
»Blau ist meins, Rot ist deins«, erkläre ich und zeige auf die farbig markierten Passagen. Über die Jahre habe ich zwei verschiedene Schreibstile entwickelt, damit meine eigene Stimme nicht in Eminems Aufsätzen erkennbar ist. Manchmal gebe ich mir bei seinen Hausaufgaben sogar so viel Mühe, dass er bessere Noten bekommt als ich. Aber das stört mich nicht – das Schreiben macht Spaß. Und das Helfen noch mehr.
»Hey, was ist mit mir?« Cem wirft mir einen sehnsüchtigen Blick zu. Wer den gestiefelten Kater aus Shrek süß findet, muss definitiv Cem kennenlernen. Mein Kumpel macht ihm ernsthafte Konkurrenz.
»Du kriegst Frühstück«, erwidere ich schmunzelnd und hole die Tupperdose mit der Banitsa aus meinem Rucksack heraus. »Frische Banitsa extra für dich.«
Cem sabbert fast vor Aufregung, als er das Stück entgegennimmt. »Danke, Mann! Viel besser als Börek!«
Obwohl ich weiß, dass er das jetzt sagen muss, verziehen sich meine Lippen zu einem breiten Lächeln. Ich mag einfach dieses Gefühl, wenn sich jemand bei mir bedankt.
Zumindest in den meisten Fällen. Manche Leute sind es schon so gewohnt, Unterstützung von mir zu bekommen, dass sie die Hilfe gar nicht mehr wertschätzen.
»Mann, warum krieg ich kein Frühstück?«, beschwert sich Eminem. »Ich mag Banitsa auch.«
»Tja, ich mag sie lieber«, gibt Cem grinsend zurück und beißt genüsslich in sein Stück.
»Aber …«
»Hey!« Teo sieht Eminem finster an. Ihre Stimme ist so scharf, sie könnte die Luft zwischen uns zerschneiden. »Du bedankst dich jetzt für die Hausaufgabe bei Nina und hörst auf, wie ’n kleines Baby rumzuheulen, ja?«
Ha!
Ich unterdrücke ein Grinsen. Teo macht vielleicht einen auf Bad Ass, aber sie hält mir immer den Rücken frei.
»Sorry. Danke, Nina. Du bist echt die Beste«, sagt Eminem etwas verunsichert und fängt an, den Aufsatz abzuschreiben.
»Ja, echt so. Ohne dich wären wir verloren«, fügt Cem kauend hinzu und schenkt mir ein strahlendes Lächeln.
Und da ist sie. Die Bestätigung, die sich wie eine warme Welle durch meinen Körper ausbreitet. Ich fühle mich gesehen, ich fühle mich gebraucht, ich fühle mich, als würde ich eine Daseinsberechtigung haben – genau wie alle anderen.
Ich hätte dieses High gerne länger genossen, doch genau in diesem Moment ertönt laute Musik. Wir blicken alle zur Straße und sehen dabei zu, wie ein schwarzer BMW mitten auf dem Bordstein parkt und die Feuerwehrzufahrt blockiert. Scheinbar hat das Auto seine finale Parkposition erreicht, denn anschließend schwingt die Fahrertür auf, die Musik verstummt und Aleks Simić steigt aus dem Wagen. In Zeitlupe schließt er die Tür, sperrt den BMW ab und wirft sich seine Lederjacke über die Schulter. Was als Nächstes passiert, kann nur als GNTM-Bewerbung interpretiert werden, denn Aleks läuft wie auf einem Catwalk dramatisch auf den Schulhof zu und … bleibt direkt neben uns stehen.
Fuck.
Mir werden mehrere Dinge gleichzeitig klar:
Einer der größten Unruhestifter der Schule ist beim Abi durchgefallen und muss nun die Zwölfte in unserem Jahrgang wiederholen.
Seine Gym-Gang mitsamt seinem besten Freund Ozan haben den Absprung geschafft und können ihm keine Gesellschaft mehr leisten.
In unserer Jahrgangsstufe kennt Aleks nur noch Ozans Bruder und wird höchstwahrscheinlich mit ihm abhängen.
Ozans Bruder ist Cem.
»Hey, Mann, was geht?« Aleks checkt lässig mit meinem Kumpel ein. »Nice, dass du da bist.«
»Nice, dass du da bist«, entgegnet Cem lachend.
»Was soll ich sagen, Alter, doppelt hält besser.« Aleks lacht ein bisschen zu laut über seinen eigenen Witz, bevor er sich in der Runde umschaut. Seine rabenschwarzen Augen wandern von Eminem über zu mir bis hin zu …
»Hi.« Teo setzt ihr charmantestes Lächeln auf und nimmt dadurch sogar mir den Wind aus den Segeln. »Ich bin Teo.«
Wenn ich könnte, würde ich jetzt laut fluchen. Was ich vorhin über Teos Ex-Freunde gesagt habe, war kein Scherz: toxischer hätten sie nicht sein können. Schon seit einer Weile sucht sich meine beste Freundin die hohlsten Jungs als Partner aus.
Erst war da Korbinian alias Kippi. Schlimmer Name, noch schlimmerer Typ. Als Kippi Teo das erste Mal geküsst hat, hat er sie nett darum gebeten, sich nicht in ihn zu verlieben. Er steht nicht so auf »emotionale Weiber«, hat er gemeint. Kein Problem für Teo. Sie hat ihre Gefühle für ihn so gut versteckt, dass er irgendwann die Krise gekriegt hat. Er hat ihr vorgeworfen, eine eiskalte Bitch zu sein, um sich dann ebenso eiskalt von ihr zu trennen.
Red Flag Nummer eins.
Dann war da Blaze. Auch hier – der Name sagt alles. Blaze hatte nur eine einzige Leidenschaft: das Kiffen. Er hat so oft einen durchgezogen, dass ihm kaum Zeit für Teo blieb. Zum Geburtstag hat er ihr einen Center-Shock-Kaugummi geschenkt und ich bin mir ziemlich sicher, dass er bis zum Ende ihrer einjährigen Beziehung dachte, sie würde mit Vornamen Theodora heißen.
Red Flag Nummer zwei.
Und zuletzt war da noch Schulz. Wer denkt sich diese Namen eigentlich aus?!
Schulz war mit Abstand der belastendste von allen. Er war auf einem krassen Egotrip und hat Teo gesagt, dass er sie nur datet, weil sie ihm ähnlich sieht.
Aus Spaß hat meine beste Freundin dann ihre Haare abgeschnitten und auch noch Schulz’ Kleidungsstil kopiert. Irgendwann sahen sie sich wirklich ähnlich – mit dem kleinen Unterschied, dass Teo deutlich hübscher war. Damit ist der Typ natürlich gar nicht klargekommen und hat sie kurzerhand verlassen. Spoiler-Alarm: Seine nächste Freundin sah ihm überhaupt nicht ähnlich.
Red Flag Nummer drei.
Tja. So wirklich ernst hat Teo ihre Beziehungen nicht genommen. Aber warum kommt sie dann überhaupt immer mit solchen Typen zusammen? Das kann ich bis heute nicht sagen. Ich weiß nur, dass Aleks leider perfekt in ihr Beuteschema passt.
Und er sieht sie gerade an, als wäre es andersherum genauso. »Teo wie … Teona Costescu?«
»Wow, bin ich schon so fame?«
Aleks grinst. »Ich würd nie den Namen des Mädchens vergessen, das Frau Dausch zum Heulen gebracht hat.«
»Oh, äh …« Teos Wangen werden knallrot. »Ich war halt ein bisschen zu fies und hab …«
»… uns allen ’nen Gefallen getan«, beendet Aleks ihren Satz. »Die Alte hat’s verdient.«
Teo nickt und sieht Aleks so intensiv in die Augen, dass man denken könnte, er hätte etwas Wertvolles gesagt. Aber nein – er hat eine Lehrerin beleidigt.
Ich verstehe wirklich nicht, was meine beste Freundin an ihm findet. Denn hinter den kurzen, schwarzen Haaren, der messerscharfen Kieferpartie und den ausgeprägten Armmuskeln versteckt sich ein großes Klischee. Er ist bestimmt einer dieser aufgepumpten Gym-Bros, die von ihrem Vater nie gelernt haben, dass Männer auch Gefühle zeigen dürfen. Harte Schale, weicher Kern und so ein Scheiß. Wie originell.
Eminem, der meine Unzufriedenheit bezüglich Teos und Aleks’ Annäherung bemerkt, unterbricht das spannungsgeladene Schweigen. »Ähm. Dann schreib ich mal weiter ab.«
Er widmet sich wieder meinem Ordner, doch Aleks macht leider das Gleiche. »Digga, wer schreibt hier so krank neurotisch?«
Eminem blickt entschuldigend zu mir, sagt aber nichts. Dafür gibt es auch keine Zeit, denn Aleks ist schon dabei, ihm den Ordner aus der Hand zu reißen und ihn schockiert durchzublättern.
»Hä?«, wundert er sich. »Warum gibt’s die Hausaufgaben immer doppelt?«
Shit. Ich hätte jetzt gern eine schlagfertige Antwort parat, aber mein Gehirn ist leider leer. Daher fixiere ich den Boden und schweige, während Eminem die Gesprächsführung für mich übernimmt.
»Äh, Nina hilft mir immer ein bisschen. Sie schreibt einmal ihren Aufsatz, einmal meinen.«
Aleks’ Augenbrauen fliegen in die Höhe. »Junge, hat die nichts Besseres zu tun, oder was?« Er lacht. »Ich wär auch gern so hobbylos.«
»Aber dafür bist du wahrscheinlich zu busy, oder? Mit dem Durchfallen und so?« Die Worte verlassen meinen Mund, bevor ich mich aufhalten kann. In der Regel bin ich mit Fremden eher zurückhaltend, aber irgendwas an diesem Typen bringt eine neue Seite von mir hervor.
»Ach, du bist diese Nina.« Aleks checkt mich einmal kurz von oben bis unten ab. »Ich dachte, du wärst hässlicher.«
»Denken ist ja scheinbar nicht gerade deine Stärke.« Ich setze ein kühles Lächeln auf. »Wie oft willst du die Zwölfte wiederholen? Einmal? Zweimal? Dreimal?«
Aleks wirkt überhaupt nicht beleidigt, sondern höchst unterhalten. »Einmal wird schon reichen«, versichert er mir grinsend. »Vor allem mit deiner Hilfe.«
Er holt die rot markierte Gedichtanalyse aus dem Ordner heraus, faltet sie und steckt sie dann in seine Hosentasche.
»Danke noch mal.« Er zwinkert mir zu, bevor er uns den Rücken zudreht und im Schulgebäude verschwindet.
Eminem findet seine Aktion genauso scheiße wie ich. »Krieg ich jetzt stattdessen Frühstück, oder …?«
Weil das Universum uns bestrafen will, ist unsere erste Stunde heute Deutsch.
Frau Dausch sieht Teo eisig an, während wir den Raum betreten, und ich bekomme zur Sicherheit auch noch einen Killerblick zugeworfen. Als engste Freundin ihrer Endgegnerin verdiene ich kein Vertrauen – obwohl ich seit der fünften Klasse die (fast) unangefochtene Jahrgangsbeste bin.
»Nikolina.«
Als hätte er meine Gedanken gehört, kommt Finn Becker auf mich zu – der Grund für das fast.
Seit wir auf dieses Gymnasium gehen, kämpfen Finn und ich um den Titel der Jahrgangsbesten. Er hat in der Fünften, Siebten und Neunten gewonnen, ich in der Sechsten, Achten, Zehnten und Elften. Hoffentlich nutze ich den aktuellen Höhenflug und schreibe auch ein besseres Abi als er. Das wird ihn kaputt machen.
Finn ist vielleicht ein arroganter Streber, der sich für etwas Besseres hält, aber er passt leider nicht zu hundert Prozent in das typische Nerd-Klischee: Er hat nicht nur ein hübsches Gesicht und schöne, grün-braune Augen, sondern auch eine sympathische Ausstrahlung. Das heißt im Endeffekt, dass er gute Noten schreibt und auf Partys eingeladen wird. Die einzige Person, der er auf die Nerven geht, bin ich.
»Finn«, murmle ich genervt. Ich hasse es, dass er ständig meinen vollen Namen verwendet, um mich zu ärgern, während ich immer nur »Finn« erwidern kann. Hätten seine Eltern ihm nicht einen langen, hässlichen Namen geben können? Es gibt in Deutschland so viel Auswahl!
Finn bemerkt meine Frustration, woraufhin sich seine Mundwinkel instinktiv nach oben ziehen. »Wie sehr wünschst du dir gerade, meine Eltern hätten mich Friedebrecht genannt?«
»Auf einer Skala von eins bis zehn?«, frage ich. »Zwölf.«
»Ach, also genau die Punktzahl, die du dieses Jahr in Deutsch kriegst.«
Für die meisten wäre das ein Kompliment. Für mich: eine absolute Beleidigung.
»Wohl eher die Zahl deines geistigen Alters«, feuere ich zurück.
»Pff, wenn ich zwölf bin, dann bist du …« Finn wird von Teo unterbrochen, die schnell dazwischengeht.
»Ja, wir haben’s verstanden. Ihr seid beide mega-erwachsen. Bla, bla …«, murmelt sie gelangweilt, wobei sie meine Hand nimmt und mich zu unserem Tisch in der letzten Reihe zieht.
Ehrlich gesagt hätte ich mich gerne nach vorne zu Finn hingesetzt. Einerseits, weil er der Einzige ist, der im Unterricht wirklich aufpasst. Andererseits, weil ich seit einer Weile etwas kurzsichtig geworden bin. Aus den letzten Reihen sehe ich fast gar nicht, was an der Tafel steht. Ziemlich ungünstig, vor allem, wenn man bedenkt, dass Frau Dausch dort ihre Lieblingsfragen aufschreibt.
Natürlich könnte ich mit meinen Eltern zum Optiker gehen und mir eine Brille verschreiben lassen, aber als ich herausgefunden habe, wie viel das kostet, habe ich mir die Idee gleich wieder abgeschminkt. Unmöglich, meine Mutter nach so viel Geld zu fragen. Stattdessen habe ich mich für einen Job beim Lidl um die Ecke beworben und fange nächste Woche dort an. In einem Monat kommt dann das erste Gehalt und damit auch meine brandneue Brille. Bis dahin muss ich es nur vermeiden …
»Frau Apostolova«, ruft Frau Dausch mich auf. »Kennen Sie vielleicht die Antwort?«
Erschrocken blicke ich auf und sehe, dass eine Frage an der Tafel steht. Eine Frage, die ich leider überhaupt nicht lesen kann.
»Ähm.« Ich beschließe, mich dumm zu stellen. »Was war noch mal die Frage?«
»Steht an der Tafel«, erwidert Frau Dausch und verschränkt genervt die Arme vor der Brust. »Sie können doch lesen, oder?«
»Klar.« Mein Herz pocht immer lauter und die Umgebung verschwimmt langsam. Ich verenge die Augen, um die Buchstaben besser zu fokussieren, sehe aber trotzdem nichts. Ich habe keine Ahnung, was an der Tafel steht.
Teo beginnt hektisch unter dem Tisch mein Deutschbuch durchzublättern, um nach der richtigen Antwort zu suchen. Finn dreht sich irritiert um, weil er sich wundert, warum ich die gestellte Frage nicht beantworten kann. Und Frau Dausch schüttelt enttäuscht den Kopf.
»Passen Sie auf, Frau Apostolova. Enge Freunde färben ab.« Sie fixiert Teo. Und obwohl sie nichts mehr dazu sagt, weiß die ganze Klasse, was sie meint.
Der restliche Schultag läuft ab wie jeder andere. Ethik ist einfach, Wirtschaft ist schwer, Sport geht gar nicht. Danach mache ich mich auf den Weg nach draußen.
Teo und ich verabschieden uns mit einem High-Five – freiwillige Umarmungen vergibt sie schon seit Jahren nicht mehr –, bevor sie zurück nach Trudering geht und ich mit der U-Bahn in die Stadt fahre.
Drei Stationen später steige ich wieder aus, betrete die wohlbekannte Praxis und setze mich auf das Sofa gegenüber meiner Therapeutin, die mich erwartungsvoll anblickt.
»Und?« Frau Tempel holt ihr Notizbuch heraus und legt es auf ihren Schoß. »Wie war der erste Schultag?«
»Na ja«, erwidere ich nervös. »Der Morgen hat beschissen angefangen.«
Ich schlucke.
»Ich hatte heute wieder einen Albtraum.«
Das war keine Lüge.
Ich hatte vor zwei Jahren wirklich eine Down-Phase und wusste nichts mit mir anzufangen. Der Grund dafür war nur nicht der, von dem die meisten Menschen ausgegangen sind.
Ich war nicht depressiv, ich hatte keine Panikattacken oder Angstzustände. Mir ging’s schlecht, weil es Teo schlecht ging.
Auch wenn sie es nie laut zugab, wusste ich, dass sich etwas verändert hatte. Früher konnte Teo nicht aufhören zu lächeln. Alles, was sie tat, bereitete ihr Freude. In der Schule schrieb sie nur Einser und nutzte die Pausen, um den anderen Kindern mit ihren Hausaufgaben zu helfen. Nach dem Unterricht ging sie am liebsten zum Ballett-Training und nahm sogar an internationalen Wettbewerben teil. Und die wenigen freien Stunden, die ihr am Ende des Tages blieben, verbrachte sie mit mir.
Wir schlenderten durch die Nachbarschaft und besuchten unser Lieblingshaustier: den rot gestreiften Kater von Frau Tepelmann, der uns hasste wie die Pest. Ihm gefiel es ganz und gar nicht, dass wir ihn mit unseren klebrigen Lolli-Händen streicheln wollten, und rannte immer vor uns weg. Seine verzweifelte Flucht machte es aber nur noch lustiger, ihm hinterherzusprinten.
Ganze Abende lang liefen Teo und ich durch das Viertel, in der Hoffnung, den Grinch zu fangen. So hatte Frau Tepelmann ihren Kater genannt. Er hasste nicht nur uns, sondern auch Weihnachten.
Wenn ich an meine beste Freundin denke, denke ich an die alte Teo. Die schüchterne, warmherzige, hilfsbereite Teo, die alle ins Herz schloss.
Doch diese Teo verschwand eines Tages plötzlich.
Von heute auf morgen änderte sich meine ganze Welt. Von heute auf morgen hatte Teo keine Lust mehr auf die Schule. Sie hörte auf zu lernen, bekam nur schlechte Noten, schwänzte den Unterricht und ging allen Lehrkräften auf die Nerven. Die Ballettstunden ließ sie immer öfter sausen und traf sich stattdessen mit den Unruhestiftern zum Saufen. Und ihre Freizeit … die verbrachten wir kaum noch miteinander. Lieber ging Teo mit ihren toxischen Boyfriends aus, als mit mir und Grinch herumzuhängen.
Es wirkte fast so, als würde sie sich selbst bestrafen wollen. Doch ich wusste nicht, warum.
Als ich damals versuchte, mit ihr darüber zu sprechen, machte Teo immer dicht und gab mir zu verstehen, dass ich mich lieber nicht einmischen sollte. Aber was für eine Freundin wäre ich gewesen, wenn ich nichts getan hätte, um sie zu unterstützen?
Ich wusste, dass sie professionelle Hilfe braucht, jedoch keine annehmen würde. Deswegen beschloss ich, mich selbst für eine Therapie anzumelden und diese zu nutzen, um Teos Probleme mit einer Expertin zu besprechen. Der Plan war, die Tipps der Therapeutin beiläufig – und unbemerkt – an Teo weiterzuleiten und meiner besten Freundin den richtigen Weg zu zeigen.
Es gab nur zwei Hindernisse:
Es dauerte über ein Jahr, einen Therapieplatz zu finden.
Als ich diesen endlich hatte, stellte ich fest, dass Therapeuten einzig ihre Patienten, und nicht deren Freundeskreis beraten.
Nervig, ich weiß.
Doch genau aus diesem Grund muss ich in der Therapie bis heute noch so tun, als wären Teos Sorgen meine Sorgen. Eine Taktik, die an manchen Tagen eindeutig besser funktioniert als an anderen.
»Um was ging es in dem Albtraum?«, fragt Frau Tempel mich nun interessiert. Ihr Stift wartet nur darauf, meine Antwort festzuhalten.
Wüsste ich auch gerne, denke ich, und nehme mir Zeit zum Überlegen. Damit die Therapie funktioniert, darf ich Frau Tempel keine falschen Informationen weitergeben. Gleichzeitig habe ich aber keine Ahnung, was sich in Teos Unterbewusstsein abspielt, und muss meine Antworten oft ziemlich vage halten.
»Weiß ich nicht mehr so genau«, berichte ich deshalb vorsichtig. »Aber ich bin danach wieder zu meiner besten Freundin ins Zimmer und hab bei ihr übernachtet.«
»Aha.« Die Therapeutin notiert sich etwas, bevor sie mich undurchdringlich ansieht. »Fühlt sich das sicherer an?«
»Klar«, erwidere ich ohne zu zögern. Natürlich fühlt sich Teo bei mir sicher. Ich bin ihr Zuhause und sie ist meins. »Ich übernachte voll gerne bei ihr.«
»Und was sagt sie dazu?«
»Sie ist echt nett. Sie fragt dann immer, was ich geträumt hab, wie es mir geht …« Ich verstumme, als ich daran denke, dass ich die Situation aus Teos Sicht schildern sollte. Ich finde mich zwar selbst sehr nett, meine BFF freut sich jedoch selten über meine konstanten Nachfragen. Deshalb schüttle ich den träumerischen Unterton schleunigst ab. »Manchmal find ich’s aber auch nervig. Wie sie immer alles wissen will und so.«
»Warum ist das nervig?«
Das frage ich mich auch. Ich will doch offensichtlich nur helfen. Was ist daran falsch?
Bevor ich meine Gedanken versehentlich laut ausspreche, halte ich inne und versetze mich in Teos Lage hinein. Oft wirkt sie, als könnte sie meine Hilfe kaum noch aushalten. »Hmm, vielleicht ist sie manchmal zu nett zu mir?«
Frau Tempel bietet mir ein warmes Lächeln an. »Wird es dann gefährlich? Wenn jemand zu nett ist?«
Ich zögere. »Was heißt gefährlich?«
»Na ja. Ich frage mich gerade, ob Zuneigung und Nähe vielleicht ein bestimmtes Gefühl hervorrufen. Angst? Oder Scham?«
»Keine Ahnung«, murmle ich. Dazu verrät Teo zu wenig über ihr Innenleben. »Was denkst du?«
»Was denken Sie«, korrigiert sie schmunzelnd.
Ich zucke leicht zusammen. In meiner Vorstellung sind wir gute Freundinnen. Wir sehen uns jede Woche, reden über unsere Gefühle, lachen ein wenig zusammen … Ich habe schon öfter gefragt, ob ich sie auch duzen darf, aber Frau Tempel hält das für keine gute Idee. Genauso unsinnig fand sie auch meinen Vorschlag, 25 Minuten über sie und 25 Minuten über mich zu sprechen. Dabei behauptet sie, dass Balance etwas Gutes ist. Pff.
»Ähm … Sie?«, stammle ich jetzt. »Was denken Sie?«
Normalerweise stellt sie mir fast immer nur Rückfragen, damit ich meine Worte und Handlungen selbst hinterfragen und analysieren muss. Doch dieses Mal teilt sie mir tatsächlich ihre Meinung mit.
»Ich denke, dass eine große Verlusterfahrung, so wie deine, manchmal zu Selbstzweifeln führen kann.« Mit Verlusterfahrung meint sie die Tatsache, dass Teos Eltern sie einfach bei ihren Verwandten in Deutschland abgesetzt und nie wieder abgeholt haben. Wenn das nicht traumatisch ist, weiß ich auch nicht. »Oft gibt man sich die Schuld für Dinge, auf die man gar keinen Einfluss hat. Und in solchen Fällen tauchen Gedanken auf wie: Bin ich es wert, von netten Menschen umgeben zu sein? Habe ich diese Zuneigung überhaupt verdient?«
Oh, Mann. Das würde auf jeden Fall erklären, weshalb sich Teo von den guten Dingen in ihrem Leben distanziert. Sie hat das Gefühl, sie nicht zu verdienen.
»Und wie kommt man … äh, wie komme ich da wieder raus?«, will ich eifrig wissen.
Meine Therapeutin lacht laut auf. »Wenn diese Frage mit einem Satz beantwortet werden könnte, hätte ich keinen Job«, sagt sie amüsiert.
»Oh. Tut mir leid.« Ich schäme mich zwar ein wenig für meine Naivität, muss aber am Ball bleiben. Je schneller ich das Problem löse und die alte Teo zurückgewinne, desto besser. »Aber gibt’s etwas, was man sofort machen könnte? So … einen Schritt in die richtige Richtung?«
»Klar. Aber der richtige Schritt ist für jeden ein anderer. Wir handeln alle ganz individuell.«
»Und wie handle ich, würdest du … äh … würden Sie sagen?«
Frau Tempel schreibt sich erneut etwas auf und beantwortet erst im Anschluss meine Frage. Mit einer anderen Frage. »Was denkst du, wie du handelst?«
»Ja, scheinbar nicht gut. Sonst wär ich nicht hier.«
»Wirklich?« Frau Tempel betrachtet mich, als würde sie sich über etwas bewusst sein, was ich nicht checke. »Ich würde behaupten, dass du definitiv etwas richtig machst, wenn du hier vor mir sitzt.«
»Ach so. Weil die Einsicht der erste Schritt zur Besserung ist«, murre ich leise. Wenn sie nur wüsste, dass die echte Teo ihre Probleme überhaupt nicht einsieht …
»So ist es.«
»Aber … was passiert nach der Einsicht?«, erkundige ich mich neugierig. »Sagen wir mal, ich sehe ein, dass ich an mir zweifle. Und dass ich keine Zuneigung aushalten kann. Was kommt dann?«
»Hängt davon ab. Kennst du die Gründe, weshalb du dich so fühlst? Liegt es daran, dass du tiefe Bindungen mit einer traumatischen Erfahrung verknüpfst? Oder eher daran, dass …«
»Das erste!«, rufe ich begeistert. Ich fühle mich wie bei einer Gameshow, die ich gerade gewonnen habe. Statt einer Million Euro kriege ich allerdings die mentale Gesundheit meiner besten Freundin ausgezahlt. »Es muss das erste sein!«
Frau Tempel schmunzelt. »Okay. Und was denkst du, kann man dagegen machen?«
Ich zerbreche mir den Kopf. Das Niveau des Gesprächs ist ziemlich hoch, vor allem, wenn man bedenkt, dass ich meine ganzen Therapie-Kenntnisse aus Sex Education habe. Die Antwort wirkt jedoch trotzdem ziemlich naheliegend.
»Ja, dann müsste man anfangen, tiefen Bindungen eine neue Bedeutung zu geben. Eine positive.«
»Okay. Und wie geht das?«
Ich strahle.
Zum ersten Mal kenne ich die Antwort ganz genau.
Nachdem meine fünfzig Minuten zu Ende sind, machen Frau Tempel und ich einen neuen Termin aus und betreten schließlich das Foyer. Auf dem Weg zur Tür laufen wir am Wartezimmer vorbei, in dem ich einen Blick auf den nächsten Patienten erhasche – jemand, der gerade seinen gesamten Oberkörper hinter einer großen Zeitschrift versteckt. Alles, was ich von ihm erkenne, ist eine ausgeblichene Jeanshose und ein Paar Vans, auf denen einige Charaktere aus den Marvel-Comics abgebildet sind.
Irgendwie kommen mir die Schuhe bekannt vor.
Instinktiv mache ich einen Schritt aufs Wartezimmer zu, doch meine Therapeutin stellt sich dazwischen und deutet freundlich auf die Ausgangstür. »Wir sehen uns dann nächste Woche.«
»Äh, ja. Bis dann«, entgegne ich zögerlich, bevor ich die Praxis verlasse.
Auf dem Weg zurück nach München-Ost rede ich mir ein, dass das ein Zufall sein muss. Auch wenn die goldene Zeit der Marvel-Filme langsam vorüber ist, gibt es in Deutschland noch genug Menschen, die solche Fan-Artikel tragen. Es ist also fast unmöglich, dass ich die Person aus dem Wartezimmer kenne.
Ja, beschließe ich. So muss das sein.
Nach einer kurzen U-Bahn-Fahrt steige ich am Neuperlach Zentrum aus und fange an, meine To-dos zu erledigen. Aus der Stadtbibliothek hinter dem PEP hole ich Ivos Schulbuch. Der türkische Laden im Perlach Plaza versorgt mich mit frischer Baklava. Und im Supermarkt kaufe ich noch zwei Bärchenpärchen-Packungen, von denen es leider nur eine bis nach Hause schafft.
Was soll ich sagen? Helfen macht hungrig.
Wie mit Mama besprochen, gebe ich schließlich meinem kleinen Bruder Nachhilfe und sorge dafür, dass er die linearen Funktionen zumindest zum Teil kapiert. Dieses soziale Experiment dauert zwei Stunden, verkürzt mein Leben jedoch um zwei Jahre.
Um 19 Uhr bin ich endlich fertig und darf mich zu guter Letzt meinem neuen Projekt widmen. Arbeitstitel: »Nina zeigt Teo die Vorteile von tiefen Bindungen auf.« Dazu packe ich die Snacks, eine Decke und zwei Ferngläser in eine große Tüte, gehe die Treppe bis zum obersten Stock hoch und klettere aus dem Fenster. Auf dem Dach gestalte ich eine Art Picknick und mache Teos Lieblingsmusik an: K-Pop.
Ich drehe den ersten Song – »Butter« von BTS – laut auf und warte geduldig, bis die Melodie ihr Ziel erreicht hat. Drei Minuten später höre ich das Quietschen des Dachbodenfensters. Teo blickt sich neugierig um und lächelt immer breiter, je klarer ihr meine Intention wird.
»No way«, flüstert sie begeistert, als ihre Augen auf den Ferngläsern landen. »Nachbarn-Safari?«
Ich grinse. »Was sonst?«
Als wir zehn Jahre alt waren, hatten Teo und ich die brillante Idee, uns auf dem Dachboden vor unseren Familien zu verstecken. Wir haben gewartet und gewartet –, aber niemand ist gekommen. Aus Langeweile haben wir also das Fenster geöffnet und versucht, auf das Dach zu klettern. Nach mehreren gescheiterten Anläufen hat es endlich geklappt und wir konnten den gesamten Abend auf dem Dach verbringen.
Auf den ersten Blick ist die Aussicht vielleicht nicht besonders atemberaubend. Wir wohnen letztlich nicht auf der Zugspitze, sondern direkt gegenüber einem zehnstöckigen Hochhaus. Doch je länger man hinsieht, desto spannender wird’s. Denn von unserer Aussichtsplattform aus kann man ziemlich gut das Leben der Nachbarn beobachten. Früher haben Teo und ich so getan, als wären die Fenster kleine Fernseher, die verschiedene Shows abspielen. Diese haben wir uns fasziniert angeschaut und inhaltlich analysiert: wie zwei echte Filmkritikerinnen.
Genau das habe ich auch heute vor.
»Bärchenpärchen?« Ich halte die Packung schmunzelnd hoch.
Teo nickt aufgeregt und setzt sich schnell zu mir, bevor sie die Süßigkeiten aufmacht. Sie holt das erste Pärchen heraus: Der eine Bär ist blau, der andere rot. Nachdem sie den blauen abgebissen hat, wirft Teo den roten in die Luft, damit ich ihn mit dem Mund auffangen kann.
Das Besondere ist, dass das eine Bärchen sauer, und das andere süß ist. Unsere absolute Lieblingskombi, weil sie genau unseren Geschmack trifft: Während ich saure Gummibärchen liebe, mag Teo eher die süßen.
Überraschend, ich weiß. Ihr Gummibärchengeschmack weicht stark von ihrem Männergeschmack ab.
»Wie kamst du drauf?«, fragt sie mich nun kauend.
Ich zucke lässig mit den Schultern. »Keine Ahnung, ich hatte einfach Bock auf Snacken.«
»Snacken oder Stalken?« Teo deutet grinsend auf das gegenüberliegende Hochhaus.
»Hmm. Vielleicht beides?«
»Ja, dann los.«
Während die Sonne hinter dem Hochhaus verschwindet, gehen nach und nach die Lichter in den Wohnungen an. Aus dem Augenwinkel beobachte ich Teo, deren Blick von einem leuchtenden Fenster zum nächsten gleitet. Die weiß-gelben Rechtecke spiegeln sich in ihren blauen Augen wider, während ihre roten Haare den Sonnenuntergang matchen.
»Okay. Was ist, denkst du, bei dem los?« Mit ihrem angeknabberten, blau lackierten Fingernagel zeigt Teo auf eine Gestalt, die ich dank meiner Kurzsichtigkeit nicht klar erkennen kann.
Kurzerhand greife ich nach einem der Ferngläser und erblicke dadurch einen Mann mittleren Alters, der vor einer geschlossenen Balkontür steht und darin sein Spiegelbild betrachtet. Er trägt eine schwarze Trainingsjacke, gepaart mit einer dunklen Jogginghose.
»Er geht gleich zum Sport«, behaupte ich überzeugt. »Vielleicht ist er einer von denen, die so ’nen harten Selbsthass schieben, dass sie ständig joggen gehen.«
»Nee, glaub nicht.« Teo spricht mit der Überzeugung von jemandem, der dieses Gefühl kennt. »Er würde keinen Outfit-Check machen, wenn er irgendwo allein hingeht.«
»True. Dann ist es vielleicht ein Teamsport. Was Spießiges – Federball oder so.«
»Oder Darts – noch besser.«
»Er könnte auch einer von diesen Typen sein, die bei so Der-Boden-ist-Lava-Meisterschaften mitmachen.«
Teo prustet los. »OMG, ja!«
Unsere Vermutungen werden jedoch schon kurz darauf widerlegt, denn der Mann verschwindet für ein paar Minuten in der Wohnung und kehrt danach in einem brandneuen Outfit zurück. Die Trainingsjacke hat er durch ein schickes Hemd ersetzt und untenrum trägt er mittlerweile eine gebügelte Anzughose.
»Hä?!« Teo sieht mich verwirrt an. »Wie fancy sind diese Meisterschaften?«
Dieses Mal bin ich an der Reihe zu lachen. »Kein Plan, ich werd nie eingeladen.«
Wir beugen uns vor, um dem Mann näher zu kommen, und versuchen ihn mit unseren intensiven Blicken zu durchschauen.
»Okay, ich hab’s«, kündigt Teo an. »Er hat ’n Date.«
Ich kneife skeptisch die Augen zusammen. »Meinst du?«
»Klar. Deswegen checkt er die Möglichkeiten aus. Er hat sich überlegt, leger hinzugehen. In Jogginghose. Und jetzt schaut er mal, wie der elegante Look ankommt.«
»Damn. Wenn jemand bei mir in Anzughose aufkreuzen würde, wär ich direkt raus.«
»Geh du erst mal auf ein Date, dann sehen wir, wie’s läuft«, kontert Teo herausfordernd, aber ich lasse mich zu nichts verleiten. Ich habe alle Hände voll damit zu tun, sie zu therapieren.
Das heißt natürlich nicht, dass ich noch nie einen Crush hatte. Hin und wieder fällt mir eine Person ins Auge, die ich spannend finde, aber meine Schwärmereien sind nie von Dauer. Meistens bin ich so konzentriert auf Teo, dass mir gar keine Zeit bleibt, mich auf meine romantischen Interessen einzulassen. Doch das macht mir nichts aus. Lieber bin ich ein Dauer-Single und für meine Freunde da, als ein Beziehungsmensch, der sich von ihnen abkapselt.
»Im Ernst jetzt«, sage ich, um mich von meinen eigenen Gedanken abzulenken. »Er sieht aus, als würd er gleich ’nen Antrag machen wollen.«
»Stimmt schon. Er muss die goldene Mitte finden.«
Als hätte er Teos Ratschlag gehört, zieht sich der Fenster-Typ wieder um und präsentiert uns zwei weitere Kleidungsstücke: ein weißes T-Shirt und eine stinknormale Jeans. Die Kombi steht ihm erstaunlich gut.
»Perfekt!«, ruft Teo, in der Hoffnung, dass unser Nachbar sie hört.
»Geh so hin!«, füge ich schreiend hinzu.
Was als Nächstes passiert, erfahren wir allerdings nicht, denn der Mann kehrt nicht mehr zur Balkontür zurück und schaltet stattdessen das Licht in seiner Wohnung aus. Unsere erste Show ist leider vorerst beendet.
Ich beiße ein saures Gummibärchen ab und reiche Teo seinen süßen Partner. »Meinst du, er klärt sich?«
»Vielleicht«, erwidert meine beste Freundin etwas abgelenkt. Daran, dass sie ihre Stimme unbewusst ein paar Oktaven höher schraubt, erkenne ich, dass etwas faul ist. »Hey, bin ich dumm, oder ist das Aleks Simić?«
Allein die Erwähnung seines Namens verwandelt meine gute Laune in latente Wut. »Wo?«
»Äh, warte.« Sie zählt leise auf Rumänisch, bevor sie mir dann auf Deutsch antwortet. »Fünfter Stock, das achte Fenster von links.«
Ich blicke durch das Fernglas in die besagte Wohnung und muss mit leichtem Entsetzen feststellen, dass Teo recht hat. Aleks’ bekannte Gestalt steht direkt vor einem Fenster und diskutiert ziemlich leidenschaftlich mit einer älteren Dame – seiner Mutter.
Was die beiden zu besprechen haben, interessiert mich gar nicht. Doch wie es aussieht, geht es Teo da anders. Eine Sorgenfalte bildet sich auf ihrer Stirn und die Fröhlichkeit, die sie bisher ausgestrahlt hat, verpufft.
»Streiten sie?«
Ich verdrehe die Augen. Sie kennt den Typen seit zwei Sekunden und macht sich jetzt schon Gedanken über seine familiären Probleme, oder wie?
»Nee, ihm geht’s bestimmt gut«, überrede ich sie. »Lass lieber ’n anderes Fenster finden.«
Doch egal, was ich vorschlage: Teos Blick bleibt weiterhin an derselben Stelle haften. Es gibt wohl nur einen Weg, um sie zu beruhigen und gleichzeitig unser Spiel fortzusetzen.
»Wie, du warst wieder sieben Stunden lang im Gym?!«, sage ich mit verstellter Stimme, in dem Moment, in dem Aleks’ Mutter sich an ihren Sohn wendet. »Ich meinte, du sollst zur Bank, nicht zum Bankdrücken.«
Ein Mini-Lächeln schleicht sich auf Teos Lippen und motiviert mich, weiterzumachen.
»Sorry, Mama, aber so geht’s einfach nicht«, vertone ich nun auch Aleks’ Teil der Konversation. »Du weißt doch, wie es ist: Every day is leg day.«
Teos Mini-Lächeln wächst und verwandelt sich in echtes Grinsen. Und je länger ich mein kleines Theaterstück aufführe, desto belustigter erscheint sie. Irgendwann muss sie so heftig lachen, dass sie sogar ein Grunzen von sich gibt. Das finde ich wiederum ultrawitzig und schließe mich ihrem Lachflash an.
Nachdem wir uns beruhigt haben, sehen wir uns gegenseitig in die Augen.
»Alter, ich liebe uns«, verkünde ich, zufrieden, dass ich sie an die guten alten Zeiten erinnert habe. Vielleicht bin ich ja damit dem Beweis, dass tiefe Bindungen auch schön sein können, einen Schritt nähergekommen. Vielleicht werden wir in Zukunft öfter solche Abende miteinander verbringen.
Vielleicht habe ich mir das aber auch nur eingebildet, denn als unser Lachen verstummt und die dunkle Stille uns umgibt, zieht Teo sich zurück. Die altbekannte Maske sitzt wieder auf ihrem Gesicht und löscht alle echten Emotionen nacheinander aus. Es wirkt fast, als hätte sie eine innere Alarmanlage, die jedes Mal anspringt, wenn sie glücklich ist. Und das penetrante Piepsen verstummt erst, nachdem sie die Person, die für diese Gefühle zuständig war, weggestoßen hat.
Frau Tempel bezeichnet das als »Heiß-Kalt-Verhalten«. In einem Moment hat Teo die beste Zeit ihres Lebens, im nächsten kommt die Traurigkeit hoch. Abends schleicht sie sich in mein Zimmer, morgens läuft sie wieder weg.
»Fuck, ist schon spät«, murmelt sie, den Blick auf den Boden gerichtet. »Wir müssen los.«
Ich nicke und versuche zwanghaft, die Enttäuschung zu verstecken, die sich in mir ausbreitet. Mir geht’s so dreckig, dass ich’s nicht mal lustig finde, als der Mann von vorhin in seinem T-Shirt-und-Jeans-Outfit aus der Eingangstür tritt – mit einer Sporttasche und einem Federballschläger in der Hand.
Meine beste Freundin hat viele Regeln:
Niemals in der Öffentlichkeit heulen.
Niemals einem Typen double-texten.
Niemals »Ich liebe dich« zuerst sagen.
Und so weiter
und so fort.
Eine der wichtigsten Vorschriften lautet: Niemals pünktlich zu einer Party kommen. Wenn es nach Teo ginge, würden wir immer mindestens zwei Stunden zu spät auftauchen. Die einzige Ausnahme sind Tage wie heute, an denen sie es kaum erwarten kann, meine Gesellschaft durch die der Truderinger Saufcrew zu ersetzen.
Deswegen besteht sie darauf, nicht wie üblich zu Fuß zum Ostpark zu gehen, sondern Fahrrad zu fahren. Und da ihres schon seit Jahren einen Platten hat, sitzt sie nun auf meinem Gepäckträger, während ich mühsam den Ostparkberg hochstrample.
Zehn Minuten und zwanzig Schweißflecken später erreichen wir die Grillwiese, auf der sich bereits ein Großteil unserer Oberstufe versammelt hat. Teo springt elegant von meinem Rad runter und schließt sich Luis, Felix und Eminem an, die um einen langen Bierpong-Tisch herum stehen.
»Yo, du hast bestimmt Bälle dabei, oder?«, vermutet Eminem, während er Teo umarmt.
»Nee. Ihr auch nicht, oder wie?«
»Uh-uh. Felix hat die vergessen«, berichtet Luis.
»Hä? Du wolltest die mitbringen!«
Ich beobachte aus der Ferne, wie sie sich gegenseitig die Schuld zuweisen. Nach kurzer Zeit finden sie jedoch schon einen Kompromiss: Rage Flip, eine Kombination aus den Trinkspielen Rage Cage und Flip Cup. Grob gesagt bedeutet das, dass die Spieler keinen Tischtennisball in einem roten Plastikbecher versenken, sondern einen Cup erfolgreich flippen müssen.
»Nina, spielst du mit?«, ruft Eminem, der gerade mehrere Becher mit Bier füllt.
»Äh …« Ich sehe zu Teo, die schon ein Helles trinkt, bevor das Spiel überhaupt angefangen hat, und schüttle langsam den Kopf. Lieber bleibe ich nüchtern, um sie später nach Hause zu bringen, als bei Rage Flip mitzumachen. »Nee, erst mal nicht. Danke.«
