Perfection - Olcay Dinc - E-Book

Perfection E-Book

Olcay Dinc

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Beschreibung

»Der Weg rein ist leicht, der Weg raus ist tausendmal schwerer.« Magersüchtig werden ist nicht kompliziert, vor allem, wenn man es werden will. Zur Seite steht dir Ana, die Personifizierung der Anorexie. Als Maya anfängt mit Ana abzunehmen, um die endgültige Perfektion zu erreichen, ahnt sie, was für Auswirkungen es auf ihr Leben haben kann. Doch das schreckt sie nicht ab, Ana in ihr Leben zu lassen. Erst als es zu spät ist, merkt sie, wie hoch der Preis für das Perfekt sein wirklich ist. »Ja, natürlich geht es mir gut.« Maya

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Seitenzahl: 297

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Für alle, die an einer Essstörung leiden oder versuchen,

Essstörungen zu verstehen.

WARNUNG! Dieses Buch könnte triggernd wirken!

Beruht auf wahren Begebenheiten.

Namen und Orte wurden umgeändert, um die Anonymität zu gewährleisten.

Alle hier geschriebenen Angaben und Beträge zu Pro Ana oder Pro Mia wurden der Autorin von Betroffenen zugeschickt.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Prolog

Teil Eins: Anorexia Nervosa

1 (Ana)

Interview Fragen (Ana)

2 (Ana)

Interview Fragen (Ana)

3 (Ana)

Interview Fragen an (Ana)

4 (Ana)

Interview Fragen (Ana)

5 (Ana)

Interview Fragen (ATTE)

6 (Ana)

Interview Fragen (Ana)

7 (Ana)

Interview Fragen (Mia)

8 (Ana)

Interview Fragen (Mia)

9 (Ana)

Interview Fragen (Mia)

10 (Ana)

Teil zwei: Bulimia Nervosa

Interview Fragen (Mia)

11 (Mia)

Interview Fragen (an eine nicht Ana/Mia)

12 (Mia)

13 (Mia)

14 (Mia)

15 (Mia)

16 (Mia)

17 (Mia)

18 (Mia)

19 (Mia)

20 (Mia)

Epilog

Interview Fragen (Hauptperson)

Vorwort

Liebe Mädchen, Jungen, Eltern, Betroffene und andere Leser und Leserinnen,

Anorexia nervosa, bei uns besser bekannt als Magersucht oder Anorexie, gehört zu den Essstörungen, und hat in vielen Fällen mit einer verzerrten Selbstwahrnehmung zu tun.

Bekannt ist die Anorexie schon seit dem siebzehnten Jahrhundert, dokumentiert erst Ende des neunzehnten Jahrhunderts.

Seit einigen Jahren haben die Essstörungen Anorexie und Bulimie ganz andere Seiten angenommen. Pro Ana (Anorexia nervosa) und Pro Mia (Bulimia nervosa) wurde gegründet. Zwei Bewegungen, die diese ernsten Krankheiten als Lifestyle ansehen. In Pro Ana und Mia finden Betroffene eine Gruppe von Gleichgesinnten, die genauso denken wie sie und verstehen, was in ihnen vorgeht, was Außenstehende nur schwer können.

Das folgende Buch handelt von Maya und ihrer Erfahrung mit dieser kritischen Szene.

Prolog

Langsam tippte ich die letzten Sätze in den Laptop. Kurz hielt ich inne, um einen Schluck meines Kräutertees zu trinken. Ich mochte ihn zwar nicht, hatte mir aber dennoch angewöhnt ihn zu trinken.

Als ich nach draußen schaute, bemerkte ich, dass es schon dunkel war, und es schneite. Ich war alleine im Wohnzimmer, alle anderen Bewohner des Hauses schliefen schon.

Ich wandte mich wieder meinem Laptop zu und tippte weiter, wurde aber wieder unterbrochen, als mein Handy piepte.

Es war meine beste Freundin Pia, die das Buch, welches ich gerade fertig stellte, unbedingt lesen wollte:

Bist du schon fertig mit dem Manuskript, Maya?,fragte sie per WhatsApp nach.

Ich bin gleich fertig, dachte ich und legte das Handy zur Seite, um schnell den allerletzten Satz einzutippen.

Kurz stoppte ich und dachte nach, ob es so klang, wie ich es mir vorgestellt hatte, ob dieser letzte Satz auch passend war.

Ich entschied mich für ja. Dann tippte ich das letzte Wort ein und lehnte mich seufzend und erleichtert zurück.

Was war es für ein schönes Gefühl, wenn man eine Geschichte zu Ende schrieb!

Ich schrieb meiner besten Freundin eine Nachricht, dass ich fertig war, aber noch ein oder zwei Wochen zum Überarbeiten brauchen würde.

Ich stand von meinem gemütlichen Sofa auf, lief in die Küche und machte mir einen neuen Tee.

Dieses Mal einen Früchtetee, den ich mit etwas Honig süßte. Ich trank einen Schluck und schaute auf die Uhr.

Es war gerade mal kurz nach 21 Uhr. Ich hatte also noch Zeit, mir das Manuskript noch einmal durchzulesen und könnte theoretisch schon morgen mit der Korrektur beginnen.

Also setzte ich mich wieder auf das Sofa, wickelte mich in meine Patchworkdecke ein und zog meinen Laptop auf meinen Schoß. Dann begann ich zu lesen:

TEIL EINS ANOREXIA NERVOSA ODER AUCH ANA ...

Teil Eins

ANOREXIA NERVOSA

Oder auch:

Ana

Die anorektische Frau lehnt das Essen ab und beschäftigt sich doch mehr damit als die meisten Gourmets.

- Alexa Franke: Wege aus dem goldenen Käfig – Anorexie verstehen und behandeln.

1 (Ana)

Die Sonne strahlte auf mein Gesicht und ich spürte, wie mein Körper das Vitamin D aufnahm, wie meine Poren regelrecht die Strahlen einsogen.

Sicher reflektieren meine Haare das Sonnenlicht, wie die meiner Mutter, wenn sie sich bewegte.

Zum ersten Mal hatte ich dies letztes Wochenende am See bemerkt.

Zufrieden lehnte ich mich zurück. Es hatte schon lange kein so herrliches Wetter mehr gegeben, ich liebte die Sonne und die Wärme.

In meiner Hand hatte ich ein Glas Cola mit Eiswürfeln, die langsam in der Hitze schmolzen und die Cola kühl hielten.

Ich hatte ein Buch auf dem Schoß und saß auf unserer Terrasse, auf einem Stuhl, und genoss das schöne Wetter. Jetzt, in den Ferien, hatte ich mehr Zeit zum Lesen.

Meine Bücher waren in letzter Zeit viel zu kurz gekommen, wegen des Unterrichts und den Unternehmungen mit meinen Freundinnen.

Neben mir saß mein Vater, er war Biologielehrer an einem Gymnasium und bereitete jetzt schon den Unterricht für das nächste Schuljahr vor.

Nie machte er eine Pause, er musste immer Arbeiten! Egal wo er war, sein Tablet hatte er immer dabei und arbeitete.

Ich krauste die Nase. Langsam ging mir das ziemlich auf die Nerven. Er war zu einem Smombie mutiert, wie die Jugendlichen mit ihren Handys. Sprach man sie an, antworteten sie erst drei Minuten später, nur das mein Vater sein Tablet statt seines Handys hatte. Okay, ich machte das auch manchmal, aber wer hat noch gleich behauptet, ich wäre perfekt? Außerdem war er durch seine ganze Arbeit ziemlich gestresst und wir, meine Schwester und ich, bekamen dies ab. Es gab Tage, da durften wir keinen Lärm machen, sonst wurde er sauer. Wir schwiegen beide, waren ganz in unsere Sachen vertieft und genossen das Schweigen, welches zwischen uns herrschte.

Meine Mutter kam gut gelaunt mit ein paar Schälchen und einer Eisbox durch die Terrassentür. Aus war es mit der Stille.

»Möchte jemand eine Portion Eis?«, fragte sie fröhlich. Ihre schwarzen Locken wippten, während sie auf uns zu tänzelte. Wie ich geahnt hatte, funkelten ihre Haare unter der Sonne.

Mit einer Leichtigkeit, die an eine Fee erinnerte, stellte sie die Box auf dem Metalltisch ab und machte den Deckel auf. Sie füllte sich etwas cremiges Erdbeereis in eine Schüssel und aß es langsam.

»Später«, murmelte ich.

»Ein bisschen bitte«, sagte mein Vater, knapp fünf Minuten später. Er sah dabei lächelnd von seinem Tablet auf, bevor er sofort wieder seinen Blick senkte. »Maya, du auch?«, fragte sie.

»Ich nehme mir gleich«, wiederholte ich Augen verdrehend, denn ich war gerade wunderbar in meinem Buch vertieft gewesen, und sie hatte mich aus der Geschichte gerissen.

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie meine Mutter sich aufrichtete und den Kopf ins Haus steckte.

»Emilia! Willst du Eis?«

Ich hörte, wie oben im Haus eine Tür laut aufging und dann wieder zugeschlagen wurde. Fast zeitgleich polterte meine kleine Schwester die Treppe herunter und stürmte heraus.

»Wir werten das mal als ja«, kommentierte ich nüchtern, als Emilia sich zappelnd auf den Stuhl setzte und wartete, bis unsere Mutter ihr Eis in eine Schüssel schaufelte.

Ich las noch mein Kapitel zu Ende, bevor ich mein Lesezeichen zwischen die Seiten steckte und mein Buch weglegte. Dann griff ich nach dem Löffel und schaufelte mir ein richtig großes Stück Eis in meine kleine Schüssel. Meine Mutter beobachtete mich dabei.

»Willst du wirklich so viel essen?«, fragte sie mich kritisch und zeigte mit ihrem Löffel auf mein Schälchen. Ich schaute auf das rosa Erdbeereis in meiner Schale. Sie war bis zum Rand voll.

»Was ist verkehrt daran?«, fragte ich zurück. Meine Mutter und mein Vater wechselten einen Blick, sagten aber nichts mehr dazu. Ich starrte wieder auf mein Eis und fing dann an zu Essen, ohne mir weiter Gedanken über den Kommentar meiner Mutter zu machen.

In dem Moment klingelte es an der Tür. Emilia sprang sofort auf und lief hin.

»Jenny!«, jubelte Emilia und fiel unserer Tante um den Hals.

»Emilia, hör auf so zu schreien!«, rief ich ihr hinterher. Jenny lachte und ging mit Emilia am Arm hängend durch das Haus, zu uns auf die Terrasse.

»Hallo«, begrüßte sie uns. Jenny war eine kleine Frau, mit braunen Haaren, bis zu den Schultern. Manchmal trug sie eine Brille, aber sie mochte diese nicht und setzte, öfter als sie sollte, ihre Kontaktlinsen ein. Dass der Augenarzt ihr geraten hatte, diese nicht jeden Tag zu tragen, ignorierte sie. Sie fand es mit Kontaktlinsen angenehmer.

Emilia kicherte, um Jennys Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Jenny sah lächelnd auf Emilia herab.

»Emilia«, sagte sie erfreut und grinste breit. »Wie groß und schlank du geworden bist!«

Ich stand auf, um meine Tante ebenfalls zu begrüßen.

Wir lächelten uns an und Jennys Blick wanderte kurz über meinen Körper und dann wieder hoch zu meinem Gesicht. »Maya! Deine Haare, sind sie etwa länger geworden?«

Nein waren sie nicht. Oder etwa doch? Ich nahm mir vor das später vor dem Spiegel zu prüfen, ich wollte unbedingt lange Haare haben. Lange Haare waren wunderschön.

Jenny nahm mich ebenfalls in den Arm, bevor sie sich zu meinen Eltern setzte. Ich setzte mich auch wieder in den Terrassenstuhl und aß mein Eis. Dabei las ich mein Buch weiter, denn es war gerade sehr spannend. Doch weil Jenny und meine Mutter redeten, konnte ich mich nur schlecht auf die Handlung konzentrieren. Also schnappte ich mir mein Eis und meine Cola, klemmte mir mein Buch unter den Arm und lief die steile Treppe hoch in mein Zimmer.

Da es mittags war, schien die Sonne erbarmungslos in mein Zimmer, weswegen ich die Vorhänge zuzog, damit es nicht so blendete.

Es war sehr heiß, also öffnete ich ein Fenster, aber viel brachte es auch nicht. Ich warf mich auf mein Bett und fing erneut an zu lesen. Zu meinem Pech strahlte tagtäglich die Mittagshitze in mein Zimmer herein und verwandelte es in einen Ofen.

Ich beschloss, meine Hose und mein Shirt durch ein Kleid zu ersetzten. Die Hose war sowieso sehr eng und drückte unangenehm.

Sobald ich den obersten Knopf meiner Hose öffnete, seufzte ich zufrieden. Es war so eine Erleichterung, als hätte man mir ein Korsett umgeschnallt und es nun wieder geöffnet. Vielleicht hätte ich doch eine Größe größer nehmen sollen. Größe Zweiundvierzig passte mir schon bald nicht mehr ...

Als ich mir ein Kleid übergezogen hatte, warf ich mich auf mein Bett und fing an zu lesen, doch die Stimmen meiner Eltern und meiner Tante drangen zu mir hoch, so dass ich mich immer noch nicht auf mein Buch konzentrieren konnte. Also gab ich es auf und schnappte mir lieber mein Handy.

Ich ging in Online-Shops und schaute nach neuen Sommerklamotten. Ich brauchte dringend einen neuen Bikini, für den Urlaub. Wir flogen in ein paar Wochen nach Barcelona und ich brauchte neue Sachen. Ein Kleid zum Beispiel. Ich fand auch ein paar schöne Kleider und merkte sie mir, damit ich sie bald in der Stadt im Laden kaufen konnte.

Später kam ein Freund meines Vaters, Tobias, mit seiner Frau Yade vorbei und wir wollten gemeinsam essen.

Die beiden kannte ich schon mein ganzes Leben lang, weil mein Vater und Tobias alte Schulfreunde waren.

Nach einer Stunde rief mich Jenny, weil sie Hilfe beim Zubereiten des Abendessens brauchte.

Mein Vater und Tobias standen am Herd und brieten Fleisch und (was richtig lieb war) Zucchini und Pilze für mich, da ich Vegetarierin war.

Zwischendurch hatte ich auch schon probiert mich vegan zu ernähren, aber ich liebte Käse einfach zu sehr dafür! Vielleicht später, aber gerade konnte ich mir das nicht vorstellen.

Tobias machte Bratkartoffeln in Pommesform, die köstlich rochen und auch noch gut schmeckten, wie ich feststellte, nachdem ich eine genascht hatte.

»Jetzt wird alles total fettig«, seufzte Mutter und fing direkt an, das Chaos, welches mein Vater veranstaltet hatte, zu beseitigen.

Jenny und Yade schnitten einen Salat und unterhielten sich über irgendetwas, allerdings hörte ich nicht zu, denn ich war in meinen eigenen Gedanken versunken.

Ich schnitt ein paar ungerade Brotscheiben und ärgerte mich, dass sie nicht gleichmäßig wurden. Es war ein Tick von mir. Für mich musste alles gleich sein. Berührte ich mit einem Finger einen Stein, musste ich es mit dem anderen Finger gleich tun. War eine Seite der Gurke angeschnitten, schnitt ich die andere Seite an, damit sie gleich aussahen. Manchmal konnte das ziemlich nervig sein. Vor allem, wenn ich auf einem Pflasterweg ging. Schaute ich auf den Boden, musste ich in regelmäßigen Abständen laufen und durfte die Linien nicht betreten. Deswegen schaute ich (so gut es) ging, nicht auf den Boden, wenn ich lief.

»Maya, deck bitte den Tisch«, sagte meine Mutter und riss mich zurück in die Realität.

Schnell machte ich mich an die Arbeit. Ich hatte Hunger und je schneller der Tisch fertig war, desto schneller konnten wir beginnen zu essen.

Ich stellte Ketchup und Mayonnaise auf den Tisch und holte noch für alle Gläser, außer für mich selbst. Ich trank nie etwas, wenn ich aß, außer in Restaurants, sonst wurde ich immer zu schnell satt und konnte das Essen nicht richtig genießen.

Als ich fertig war, half ich dabei das Essen auf den Tisch zu tragen und setzte mich auf meinen Platz. Meine Mutter begann direkt mit dem aufräumen der Küche, bevor sie auch nur daran dachte, zu essen. Jenny und mein Vater halfen ihr.

Sobald die Küche endlich wieder vorzeigbar war, setzten sich die anderen zu Tobias, Yade und mir und wir fingen plaudernd an zu essen.

Ich spürte die ganze Zeit Yades Blick auf mir. Als ich mir noch einen dritten Teller mit Bratkartoffeln, Ketchup und viel Mayonnaise füllte, sah ich, wie sie die Stirn runzelte, aber sie sagte nichts.

Am Abend gingen Jenny, Tobias und Yade nach Hause, weil Yade und Tobias morgen arbeiten mussten, da sie keine Ferien wie wir hatten.

Ich half meinen Eltern, das übergebliebene Geschirr wegzuräumen, und schrieb danach kurz mit meinen Freundinnen, die fragten, wie die Ferien bei mir verliefen, und verabredete mich dabei mit meiner anderen Freundin Veronica. Dann verschwand mein Handy in meiner Gesäßtasche und ich ging zu meiner Familie ins Wohnzimmer.

Wir machten einen kleinen Familienabend und schauten gemeinsam einen Blockbuster an. Dafür machte meine Mutter uns Popcorn mit Butter und Zucker. Ich liebte süßes, gebuttertes Popcorn!

»Übermorgen hat Yade Geburtstag. Sie will mit uns feiern«, sagte meine Mutter mitten im Film.

»Und?«, fragte ich.

»Ich habe gesagt, dass das kein Problem ist.«

»Kommt sie dann zu uns?«, fragte Emilia und sah nicht sehr begeistert aus. Emilia war mit ihren fünf Jahren jemand, der nicht gerne unter Leuten war. Wahrscheinlich würde sie später einmal als eine Einzelgängerin enden. Wobei ... Eigentlich war sie das auch jetzt schon. Sie hatte zwar Freunde, aber sie war lieber alleine in ihrem Zimmer und spielte für sich.

Das verrückte war, die Aufmerksamkeit unserer Eltern und teilweise auch von unseren Verwandten und Freunden gefiel ihr dann doch.

Ich war gerne mit anderen Menschen zusammen und hatte kein Problem mit Besuch. Besonders Erwachsene mochte ich. Sie hatten schon sehr viel erlebt und kannten die besten Geschichten! Natürlich war ich auch gerne mit Leuten zusammen, die in meinem Alter waren, aber anders als andere fand ich Erwachsene nun mal nicht langweilig.

»Ja wir wollen grillen, gemeinsam mit anderen Freunden«, sagte Mama und lächelte Emilia an. Emilia sagte nichts mehr, sondern konzentrierte sich auf den Film. Sie wirkte aber nicht sehr begeistert.

Das Popcorn war schon bei der Hälfte des Filmes alle.

Also lief ich in die Küche und holte noch eine Tüte Chips. Als ich den Inhalt in die leere Popcornschüssel kippte, griff meine Mutter ein: »Wir haben doch gerade Popcorn gegessen, jetzt willst du auch noch Chips?«

Ich warf ihr einen verwirrten Blick zu.

»Und?«

»Sieh mal, Maya, Schätzchen, du wirst noch dick.«

Meine Hand wanderte in die Chips Schüssel und ich suchte nach dem größten Chip und nach den Umgeklappten.

»Und? Mein Gewicht interessiert mich nicht. Wie kommst du denn jetzt plötzlich darauf?«

Meine Mutter seufzte.

»Mir geht das schon länger durch den Kopf. Außerdem meinten Yade und Tobias heute auch, dass du schon pummelig aussiehst und aufpassen sollst.« Dann mischte sich auch noch mein Vater mit ein.

»Sie haben schon recht, Maya. Du solltest jetzt zwar keine Diät anfangen, aber aufpassen musst du.« Ich versuchte, beide zu ignorieren und schob mir einen Chip in den Mund.

»Maya, du hörst nicht zu!«

»Mama lass mich doch! Ich bin zufrieden mit mir, okay? Und das ist doch das Wichtigste, sagst du das denn nicht immer?«

»Weil es selbst andere schon sagen«, versuchte sie noch einmal.

»Wieso sprichst du überhaupt mit anderen über mich? Die sollen sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern und sich nicht in mein Leben einmischen. Mein Leben, mein Körper, okay? Sei doch lieber froh, dass ich nicht magersüchtig bin!« Danach sagte niemand mehr etwas.

Ich aß die Chips alleine auf, denn Emilia war gegen Ende des Films eingeschlafen, und meine Eltern wollten nicht.

Nachdem Abspann murmelte ich ein Gute Nacht und lief nach oben um mich Schlafen zu legen.

In meinem Zimmer blieb ich vor meinem neuen, großen Spiegel stehen, den ich erst seit ein paar Tagen besaß.

Mir war es irgendwann zu blöd geworden, immer nach unten gehen zu müssen, wenn ich mich im Spiegel anschauen wollte. Also hatte ich meinen Vater solange genervt, bis er mir einen Spiegel besorgt und ihn für mich aufgehängt hatte. Er war groß und breit und man konnte sich komplett darin sehen.

Nun nutzte ich das Prachtstück, um mich kritisch zu betrachten.

Ich hob mein Shirt an und betrachtete meinen Bauch. Ich fand nicht, dass er dick aussah, vielleicht nur ein wenig rund, aber das war auch okay so. Also zuckte ich mit den Achseln und legte mich Schlafen.

Am nächsten Morgen, stand ich früh auf. Es war Freitag und morgen war Yades Geburtstag.

Ich hatte versprochen ihr einen Kuchen zu backen, aber dafür brauchte ich nicht viel Zeit. Yade liebte einen einfachen Pflaumenkuchen, also wollte ich den für sie machen.

Meine Mutter und Emilia waren schon wach und machten Frühstück.

»Morgen«, murmelte ich noch etwas verschlafen.

»Guten Morgen mein Häschen«, sagte meine Mutter und gab mir einen Kuss auf die dunklen, leicht welligen und platten Haare. Die Haarfarbe hatte ich von meinem Vater und die Wellen von meiner Mutter. So lockig wie ihre, waren meine aber nicht.

Meine Großmutter sagte immer, meine Haarfarbe sähe aus wie geschmolzenes Nougat. Ich fand sie waren eher ein helles Ziegenbraun aus, aber das war Ansichtssache und das Licht spielte dabei auch eine große Rolle.

Ich machte mich sofort an die Arbeit und begann schon mal die Pflaumen zu waschen, die wir selber geerntet hatten. Wir wohnten mitten in der Stadt. Mit dem Fahrrad war man in zwei Minuten in der Neustadt, was echt praktisch war.

Wir hatten einen kleinen Garten, der gerade groß genug für einen Pflaumenbaum, eine Terrasse und einen kleinen Schuppen war. Platz für Rasen oder Blumenbeete hatten wir leider nicht. Dafür Blumenkübel, mit großen Pflanzen und das meiste waren Brombeeren, die dieses Jahr besonders aufblühten und Früchte trugen.

Eigentlich war die Terrasse groß genug, so dass man vielleicht die Hälfte davon abbauen und ein Beet daraus machen könnte. Ich hatte das auch mal vorgeschlagen, aber wir hatten nie die Gelegenheit gehabt, es umzubauen, eigentlich war es so wie es gerade war auch ganz hübsch.

Als die Pflaumen geputzt waren, half ich meiner Mutter und meiner kleinen Schwester schnell den Tisch zudecken.

»Ich mache den Kuchen später weiter, ich habe Hunger und mit leeren Magen lässt sich schwer arbeiten.«

Meine Mutter nickte nur und wollte etwas sagen, aber Emilia lenkte ihre Aufmerksamkeit auf sich.

»Schau mal Mama!« Emilia streckte die Hände aus und machte einen Handstand, der ihr sogar recht gut gelang. Emilia versuchte immer die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, früher hatte mich das richtig sauer gemacht. Mittlerweile probierte ich diese Eigenschaft einfach zu ignorieren. Irgendwann würde sie von selber damit aufhören.

Ich stellte die Nutella, die Marmelade und den Käse auf den Tisch. In dem Moment kam mein Vater die Treppe herunter.

»Wir sollten die Treppe mal umbauen. Sie ist zu steil«, sagte er mit gerunzelter Stirn.

»Genau das sage ich dir auch immer«, sagte meine Mutter und zählte alle negativen Seiten der Treppe auf. Ich fand die Treppe eigentlich ganz in Ordnung, aber ich mochte generell steile Treppen. Sie erinnerten mich an die alten Wendeltreppen, die es in alten Burgen gab und in geheime Türme führten. Ich mochte Burgen gerne. Sie sahen so majestätisch und prachtvoll aus.

Als ich klein war, stellte ich mir vor, dass ich eine Prinzessin in einer Burg wäre und unsere Treppe, die Treppe in mein königliches Zimmer wäre.

Tagelang hatte ich so getan, als wäre ich eine Prinzessin, habe Kleider angezogen und bin immer mit einer Krone herum gelaufen. Meine Eltern hatten immer mit gespielt und haben so getan, als wären sie der König und die Königin. Meine Kindheit war eine sehr schöne Zeit gewesen und ich vermisse sie manchmal.

Als wir alle gemeinsam am Esstisch saßen, frühstückten wir sehr schweigsam.

Meine Mutter aß wie immer ein großes Sandwich mit extra viel Gouda. Sie mochte Käse so gerne, wie ich.

Ich beschmierte mir gerade die zweite Hälfte Brötchen mit Marmelade. Ich aß immer eine Hälfte mit Käse und die zweite mit Marmelade. So hatte ich es schon immer gemacht und ich würde es auch weiterhin so machen.

Heute sagte niemand etwas zu meinen Essgewohnheiten. Was wohl daran lag, dass wir generell alle viel zum Frühstück aßen.

Es war ja nicht so, als wäre es gestern zum ersten Mal gewesen, dass meine Eltern etwas zu meinem Essensverhalten sagten. Egal was und wie viel ich aß, ich aß immer zu ungesund und zu viel. Dabei aß ich weniger Süßigkeiten als Emilia! Wenn ich dann einmal eine Tüte Chips aufmachte, musste meine Mutter immer wieder meckern.

Ich war doch nicht dick! Ich mochte meine Figur und wusste nicht, was meine Mutter hatte.

Hungrig biss ich in mein Brötchen und kaute. Ich würde mir nicht meinen Tag durch solche Kleinigkeiten vermiesen lassen. Das nächste Mal, wenn meine Mutter mich auf mein Gewicht ansprechen würde, würde ich einfach wieder abblocken, so wie immer.

Nachdem Frühstück war ich pappsatt. Ich half beim Abdecken und machte mich dann fertig für die Stadt.

Gestern hatte ich im Internet ein Kleid gesehen, dass ich unbedingt haben wollte.

Also zog ich mir meine Hose von gestern an, die leider etwas zu klein war und ein oranges Top.

»Willst du nicht erst Backen?«, rief meine Mutter, als ich mit Schuhen und meiner Tasche an der Tür stand.

»Ja, mach ich gleich. Ich will nur dieses Kleid kaufen, bevor es weg ist«, rief ich zurück.

»Gut, dann bis später.«

Ich machte die Tür hinter mir zu, schwang mich auf mein Fahrrad und war in weniger als zwei Minuten in der Stadt. Dort schloss ich mein Rad an einem Fahrradständer ab und mischte mich unter die Menschen.

Es war zwar gerade mal Elf Uhr, aber da es mitten in den Ferien war, war die Stadt schon früh voll.

Ich ging in den Laden, in dessen Online-Shop ich das Kleid gesehen hatte. Eine Weile musste ich suchen, aber dann fand ich es doch. Sogar in meiner Größe! Ich wollte es dennoch einmal anprobieren. Ich fragte eine Verkäuferin, wo sich denn die Umkleidekabinen befanden.

»Hinten rechts«, sagte sie freundlich und lächelte mich an. Es wirkte aber eher einstudiert und gestellt, als hätte sie gar keine Lust auf ihren Job, was ich ihr nicht verübelte. Es war voll, heiß und Ferien und sie musste hier arbeiten. Ich musste ein paar Minuten warten, bis eine Kabine frei war, aber dann war ich dran.

Da ich keine Lust hatte meine Schuhe auszuziehen, ließ ich meine Hose an und zog nur das Top aus. Dann streifte ich mir das Kleid über. Das Kleid war aus einem schwereren, geblümten Spitzenstoff. Die Träger musste man an der Schulter zubinden und waren so noch mal ein zusätzliches Accessoire. Man konnte das Kleid aber auch ohne Träger tragen, denn der Ausschnitt wurde von einem straffen Gummiband gehalten, der sich etwas in mein Fleisch schnitt. Es machte mir aber nichts aus.

Das Kleid passte, also zog ich es wieder aus, streifte mir mein Top über und lief zur Kasse, um zu bezahlen.

Interview Fragen (Ana)

Name: Elisa (14 Jahre)

Kannst du in deinen Worten Beschreiben, was ATTE/Mia/Ana ist und was es für dich bedeutet?

Ana ist so was wie die Abkürzung bzw. der Spitzname von Anorexie und es wird einfach Ana genannt, weil es für die meisten wie eine Freundin ist, die dich kontrolliert. Für mich spielt Ana eine große Rolle in meinem Leben, weil ich einfach nicht mehr aufhören kann wenig zu essen und Ana hat mich sozusagen unter Kontrolle.

Wie lange bist du schon ATTE/Mia/Ana?

Das ganze hat bei mir vor ca. 3-4 Monaten angefangen.

Bist du es freiwillig geworden?

Habe erst eine Diät gemacht (Freiwillig) und dann mit Absicht immer weniger gegessen.

War Ana/Mia/ATTE der Anfang bei dir oder hattest du davor schon Mia/Ana/ATTE oder etwas anderes?

Nein, Ana war der Anfang, eine kurze Zeit lang kam Mia dazu, aber habe dann damit aufgehört.

Was denkst du über die anderen Pro Anas; Mias ; ATTE's und die normalen die keine Essstörung haben?

Na ja, ich kann sie ja verstehen und weiß auch wie sie damit zu leben haben und es verdammt schwer ist da wieder raus zukommen. Über ATTE's kann ich nicht wirklich sagen, da ich mich damit nicht so auskenne. Und die, die keine Essstörung haben, da bin ich um ehrlich zu sein bisschen neidisch sogar, weil sie ja normal essen können und sie sich (Gott sei dank) keine Sorgen über Kalorien etc. machen.

2 (Ana)

»Das Kleid ist schön«, meinte meine Mutter, als ich ihr es zeigte.

»Bist du dir aber sicher das es passt?« Genervt stöhnte ich auf.

»Ja, ich habe es doch anprobiert.« Ich nahm es ihr weg und ging in den Flur. Warum musste sie immer wieder so viel Stress machen?

Immer wieder schaffte sie es, mit einem einzigen Satz mir die Laune zu verderben. Ich liebte meine Mutter, wirklich sehr! Doch langsam machte mich das wütend. Das Kleid stopfte ich zurück in die Tüte und hängte sie an der Garderobe auf.

Ich stand vor meinem Kleiderschrank und zog mir meine zweit liebste Hose an. Meine Lieblingshose war schon in der Wäsche.

Diese Hose war grau und schon etwas verwaschen, sah aber dadurch viel besser aus. Da wir noch einiges zum Vorbereiten hatten, zog ich mir ein T-Shirt an. Später wollte ich mich nochmal umziehen, etwas Schickeres. Dann stellte ich mich vor den Spiegel und betrachtete mich kritisch.

Ich fand mich nicht wirklich schön, das musste ich zugeben.

Meine Haare waren platt und hatten kaum Volumen. Meine Augenfarbe war Braun, aber kein Schönes Schokoladenbraun, sondern eher Maikäferbraun. Meine Haut hatte einen leichten Olivstich, der nicht zu meinen Haaren passte. Vielleicht wurde ich ja in Barcelona etwas brauner, dann wäre es etwas ausgeglichener.

Das Einzige, was mir an mir gefiel, waren meine Nägel. Ich hatte vor kurzem damit aufgehört, an ihnen zu kauen, weswegen sie sich wieder neu generierten. Sie waren wieder lang gewachsen und wenn ich meine Nägel lackieren würde, könnte man sie auch für Kunstnägel halten.

Selbst meine Klamotten waren schräg. Ich war noch dabei, meinen Stil zu finden, und manchmal übertrieb ich es etwas mit zu knalligen Farben oder zu viel Schmuck. Oft hatte ich mit meiner Mutter schon geredet, was ich an mir verändern könnte. Einmal hatte ich sogar darüber nachgedacht meine Haare schwarz zu färben, weil ich dachte, dass würde besser an mir aussehen, als das dunkle Braun, aber das durfte ich nicht. Wenigstens hatte ich keine Brille oder eine Zahnspange.

Meine Eltern waren noch am Kochen, für das Mittagessen.

Als ich meine Zimmertür öffnete, wehte ein leckerer Essensgeruch zu mir herüber, doch ich hatte mehr Lust auf etwas Süßes. Ich lief die Treppe herunter und klaute mir eine Tafel Schokolade, ohne dass es meine Eltern merkten. Leider merkte Emilia es und verpetzte mich.

»Mama, Maya isst Schokolade, warum darf ich das nicht?« Wie sie mich nervte!

»Maya, leg die Tafel weg! Du wirst noch übergewichtig!«, rief Mutter. Ich beachtete sie nicht und ging weiter, mit der Tafel in der Hand.

Dann holte ich das neue Kleid aus der Tüte und lief nach oben.

In meinem Zimmer setzte ich mich auf mein Bett und starrte auf die Schokolade. Warum sagte jeder, dass ich dick war? Mutter, Vater, Yade, Jenny ... Es verletzte mich doch mehr, als ich dachte. Übergewichtig hatte meine Mutter gesagt. Ich zuckte zusammen, als ich wieder daran dachte. Wenn ich dick oder übergewichtig war, war ich hässlich. Möglicherweise empfand ich mich ja nicht als schön, weil ich tatsächlich dick war.

Ich zog mein T-Shirt aus und ging vor den Spiegel. Dann drehte ich mich hin und her. In dieser Hose sah ich in der Tat dick aus.

Mein Hosenbund hatte sich in mein Bauch gedrückt und eine hässliche Speckrolle hatte sich über der Hose gebildet.

Kein Wunder, dass es so gekniffen hatte. Die Hose war zu klein, weil ich dick war.

Du bist dick, dachte ich. Maya du bist dick, du musst abnehmen.

Meine Mutter hatte sehr untertrieben. Ich war nicht nur etwas dick, ich war fett! Ich war ein fetter Wal! Schnell zog ich mich bis auf die Unterwäsche aus und starrte erschrocken auf meinen Körper. Ich drehte mich und betrachtete mich von allen Seiten.

Es war, als würde bei jedem Atemzug mein Körper mehr aufblähen und immer dicker werden. Immer mehr Speckrollen entstanden dort, wo ich sie zu beginn nicht gesehen hatte.

Schließlich kniff ich mir in den Bauch, in die Oberarme und in die Oberschenkel. Ich verzog das Gesicht und hatte plötzlich eine Ekelgefühl. Zum ersten Mal in meinem Leben ekelte ich mich vor mir selber. Wie konnte ich nur mit diesem ganzen Fett herum laufen? Wie konnten mich die anderen nur ansehen, ohne sich übergeben zu müssen?

Ich musste dringend abnehmen! Schnell zog ich mir das neue Kleid über, dass meinen ganzen Speck verdeckte. Nur meine fetten Wurstbeine konnte man noch sehen. Doch das Kleid war locker und dadurch sah ich leider nur noch dicker aus.

Mist, mist, mist!

Noch mehr Schamgefühl wuchs in mir, als ich weiter auf mein Spiegelbild starrte. Ich war hässlich in dem Kleid. Hässlich mit dem Fett an meinem Körper. Abnehmen musste sein, sonst konnte ich nie schön sein.

Abnehmen, um schön zu sein.

Ich ließ mich auf mein Bett fallen und dachte nach.

Wie konnte ich nur so blind gewesen sein und nicht sehen können, dass ich dick war? Gut, ich habe meine Beine schon immer dick gefunden, weswegen ich einen Sommer lang sogar nicht im Freibad gewesen war, weil ich mich so geschämt habe.

Wenn jemand früher mein Gewicht angesprochen hatte, habe ich immer abgeblockt (Es war mir irgendwie unangenehm, als hätte mich ein Junge nach meiner Periode gefragt) oder schnell das Thema gewechselt ... Aber das Fett an meinem Bauch habe ich nie gesehen, die Beine ja, aber ich fuhr viel Fahrrad, das konnte auch davon kommen und nur Muskeln sein. Doch als ich meine Muskeln anspannte und in mein Fleisch kniff, stellte ich fest, dass vieles Fett war.

Ich griff nach meinem Handy und sah mir Fotos von mir an. Auf den Fotos sah ich nicht so schlimm aus, nur wenn ich neben meinen Freunden stand, sah man den Unterschied. Ich wurde wütend auf meine Freunde, warum haben sie mir nicht gesagt, dass ich fett bin? Machen das Freunde nicht so? Weil es deine Freunde sind. Sie wollen dich nicht verletzen.

Da war sie, diese Stimme. Diese unterbewusste Stimme, die mir auch gesagt hatte, ich wäre dick.

Frustriert dachte ich nach, wie ich am besten Abnehmen wollte. Mit einer Diät? Oder einfach Kalorien zählen? Wie verlor man schnell an Gewicht? Vor ein paar Jahren hatte ich schon einmal eine Diät begonnen, aber die war missglückt.

Ich schnappte mir mein Handy und googelte Dünne Frauen.

Mir wurden sofort schlanke, hübsche Frauen gezeigt, mit einem Hammer durchtrainierten Körper. Sie waren alle so schön! Ich wollte auch so aussehen ... Doch davon war ich weit entfernt.

Ich könnte wirklich anfangen Kalorien zu zählen. Das hatte ich damals nicht gemacht und vielleicht war deswegen meine Diät missglückt.

Mir war bewusst, dass man mit Diäten aufpassen musste. Ich hatte einmal ein Buch über ein Mädchen mit Magersucht gelesen. In der Schule gab es ein Mädchen, die einen Vortrag über Pro Ana gehalten hatte, aber ich wusste nicht mehr genau, was es war.

Es hatte mit Magersucht zu tun, dass ich wusste ich noch. Magersucht. Mir lief es kalt über den Rücken hinunter. Magersucht konnte jeder bekommen und davor hatte ich Angst. Ich gab Pro Ana als Suchbegriff bei Google ein.

Als Definition stand auf einer Seite: Pro Ana Foren werden von magersüchtigen Mädchen gegründet, die ihre Krankheit nicht als Krankheit, sondern als Lifestyle ansehen. Die Ana's, wie sie sich nennen, unterstützen sich gegenseitig beim Abnehmen und treiben sich bewusst in den Tod.

Okay, da wollte ich nicht enden. Magersüchtig sein kam für mich überhaupt nicht in Frage! Ich wollte nur abnehmen, mehr nicht, aber das Thema Pro Ana war schon sehr interessant.

Fasziniert klickte ich mich weiter durch und stieß dann auf einen Pro Ana Blog. Ein Mädchen hatte ihren Gewichtsverlauf gepostet, ihren Tagesablauf, Belohnungen, Rezepte und Diäten. Bei den Diäten stockte ich. Schnell tippte ich drauf und sah sie mir genauer an. Es waren teilweise Kalorienangaben, aber auch Diäten, die angaben, was man an einem Tag essen durfte.

Keiner dieser Diätpläne hatten mehr als eintausend Kalorien. Musste ein Mensch nicht mindestens zweitausend Kalorien am Tag essen? Das hier war doch ungesund! Gleichzeitig klangen zweitausend Kalorien an einem Tag so viel.

Ich machte ein neues Fenster auf und googelte das. Jeder Mensch hatte einen eigenen Kalorienbedarf am Tag. Das war vom Gewicht und der Größe abhängig. Ein Pop-up Fenster öffnete sich und warb für einen Diätcoach zum gesunden Abnehmen, ohne Hungern.

Ich tippte drauf und schaute mir die Seite an.

Die Kaloriengrenze lag bei eintausendeinhundert Kalorien.

Das klang so viel, wie nahm man da denn ab? Im Vergleich zu Pro Ana, waren es sehr viele Kalorien.

Ich ging wieder zurück auf die Pro Ana Seite. Ich hatte nicht vor eine Ana zu werden, aber Abnehmen wollte ich.

Vielleicht wäre es ja möglich, mit "Hilfe" von Pro Ana abzunehmen und dann aufzuhören, bevor man magersüchtig wurde. Ja, dass klang gut!

Abnehmen und dann aufhören. Ich würde schon aufpassen, nicht in die Magersucht rein zu rutschen ... Abnehmen um schön zu sein. Mit Ana. Es war riskant, aber ich würde aufpassen.

Ich stöberte noch mehr auf Pro Ana Seiten herum und fand ein Video, das erklärte, was Pro Ana war. Allerdings klang das, was im Video gezeigt wurde, sehr schrecklich.

Sie erzählten über die Mädchen dort, dass sie Ana als eine richtige Person ansehen. Als wäre sie ihr Gott oder so. Wie in einer Sekte schoss es mir durch den Kopf und genau das sagten die Dokumentationen auch; online Magersucht Sekten.

Ich beneidete diese Mädchen ein wenig. Sie hatten so viel Durchhaltevermögen und Disziplin.

Als Nächstes googelte ich Pro Ana Körper Bilder und erschrak.

Die Mädchen waren so unfassbar mager, dass es einfach nur krank aussah. So dünn wollte ich nun auch nicht wieder werden. Ich wollte nur einen flachen Bauch und dünnere Beine. Kopfschüttelnd klickte ich weg und googelte noch einmal Pro Ana. Auf einem Blog, postete jemand zwei Artikel unter den Namen: Die zehn Gebote und Ana's Brief.

Die 10 Gebote

Wenn ich nicht dünn bin, bin ich nicht attraktiv!

Dünn sein ist wichtiger als gesund sein.

Ich muss alles tun, um dünner auszusehen!

Ich darf nicht essen ohne mich schuldig zu fühlen!

Ich darf nichts essen ohne danach Gegenmaßnahmen zu ergreifen!

Ich muss Kalorien zählen und meine Nahrungszufuhr dementsprechend gestalten!