Perry Rhodan 114: Die Sporenschiffe (Silberband) - Ernst Vlcek - E-Book

Perry Rhodan 114: Die Sporenschiffe (Silberband) E-Book

Ernst Vlcek

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Beschreibung

Vor Jahrmillionen verbreiteten sie das Leben im Universum - jetzt sind sie todbringende Waffen: die gigantischen Sporenschiffe der ehemaligen Mächtigen. Im Jahr 3587 stehen Perry Rhodan und seine Gefährten an Bord des Raumschiffes BASIS vor der unmittelbaren Konfrontation mit ihnen. Nur wenn die Besatzung der BASIS diesen Konflikt übersteht, kann die Mission fortgesetzt werden. Die Terraner an Bord müssen ihre Heimat vor dem drohenden Untergang bewahren und zu den Kosmokraten vorstoßen. Diese sind für die Manipulation des Kosmos verantwortlich - und damit für die Weltraumbeben, die in der Milchstraße zu fürchterlichen Zerstörungen führen. Rhodan muss auf :die andere Seite9 der mysteriösen Materiequellen gelangen, um mit den Kosmokraten in Kontakt zu treten. Doch jetzt droht ihm und seinen Begleitern in der weit entfernten Galaxis Erranternohre der Kampf gegen die Sporenschiffe ...

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Nr. 114

Die Sporenschiffe

Vor Jahrmillionen verbreiteten sie das Leben im Universum – jetzt sind sie todbringende Waffen: die gigantischen Sporenschiffe der ehemaligen Mächtigen. Im Jahr 3587 stehen Perry Rhodan und seine Gefährten an Bord des Raumschiffes BASIS vor der unmittelbaren Konfrontation mit ihnen.

Nur wenn die Besatzung der BASIS diesen Konflikt übersteht, kann die Mission fortgesetzt werden. Die Terraner an Bord müssen ihre Heimat vor dem drohenden Untergang bewahren und zu den Kosmokraten vorstoßen. Diese sind für die Manipulation des Kosmos verantwortlich – und damit für die Weltraumbeben, die in der Milchstraße zu fürchterlichen Zerstörungen führen.

1.

BASIS

Für Perry Rhodan schien es, als stünde die Zeit still. Vor Jahrmillionen hatten Diebe das Auge des Roboters Laire gewaltsam entwendet, und nun gehörte ihm dieses wertvolle technische Objekt. Es sollte ihm helfen, die Mächte jenseits der Materiequelle zu erreichen. Nur wenn er mit den Kosmokraten redete, konnte er vielleicht noch verhindern, dass die heimische Milchstraße und ihre Völker untergingen.

Rhodans Finger umschlossen das sieben Zentimeter durchmessende Mittelstück des Auges. Vorne endete es in einer diamantartig geschliffenen Rundung. Das andere Ende bildete der zwölfeckige Schwarzteil; mit seiner trichterförmigen Erweiterung war er das Herzstück des Geräts, in ihm herrschten Hyperraumbedingungen.

Rhodan hob das Objekt ein klein wenig höher. Er konnte und wollte den Blick nicht mehr abwenden. Schwärze umfloss ihn, für einen Moment spürte er sogar Furcht. Allerdings glaubte er nicht, dass die Finsternis, die jetzt nach ihm griff, schon der Eintritt in die gesuchte Materiequelle sein konnte.

Er zwang sich, das Auge wieder abzusetzen.

»Nun?«, hörte er den Arkoniden Atlan erwartungsvoll fragen. »Welchen Eindruck hattest du?«

»Nichts.« Rhodan lächelte. »Vielleicht beim zweiten Versuch ...«

»Sei vorsichtig, Perry!«, verstand er noch, dann griff erneut diese Schwärze nach ihm.

Er fiel in ein bodenloses Nichts. Sein Geist näherte sich einem fernen Ort, aber er war nicht in der Lage, darauf zu reagieren. Rhodan fühlte sich rasch schwächer werden; er hatte kaum mehr die Kraft, sich dem Einfluss des Auges zu entziehen. Nur unter größter Willensanstrengung sträubte er sich dagegen ...

Übergangslos stellte er fest, dass Atlan ihn stützte. »Leg eine Pause ein!«, mahnte ihn der Arkonide.

Perry Rhodan hatte Mühe, sein Zittern zu unterdrücken. »Ich mache später weiter«, erklärte er lapidar, als wäre nichts gewesen.

»Hast du die Materiequelle gesehen?« Die Frage kam zögernd.

Rhodan schaute auf und begegnete dem forschenden Blick seines Sohnes. Michael alias Roi Danton stand wenige Meter entfernt in dem Konferenzsaal.

»Ich habe einen sich bewegenden Abgrund gesehen ... gespürt ... wie auch immer«, antwortete der Terraner. »Nur weiß ich nicht, ob das die Materiequelle gewesen sein kann.«

»Geben Sie das Auge zur Untersuchung frei, Sir?« Ein junger, blass wirkender Mann drängte sich nach vorne. Er achtete nicht auf die Umstehenden, die Rhodan zu seinem Versuch eingeladen hatte – vielleicht, weil Payne Hamiller ihm folgte und vergeblich versuchte, ihn zurückzuhalten. Schließlich stoppte ein Wachroboter den jungen Mann.

»Weg da, ich bin ein Assistent von Hamiller«, herrschte er den Roboter an und wies seine ID-Marke vor. Der Roboter ließ ihn passieren.

»Na also.« Der Mann wandte sich erwartungsvoll an Rhodan. »Erlauben Sie uns, das Auge zu untersuchen? Ich habe da eine Theorie über das Zusammenspiel von Laires Auge mit der Materiequelle entwickelt und ...«

»Ich habe Sie noch nicht kennengelernt«, unterbrach der Aktivatorträger den Redeschwall.

»Das ist Tobias Doony, einer meiner hoffnungsvollsten Assistenten.« Hamiller stellte seinen Schützling vor.

»Dann lassen Sie Ihre Theorie hören!«, forderte Rhodan den Mann auf.

»Wie gesagt, es ist nur eine Theorie«, begann Doony ein wenig zurückhaltender als eben noch. »Eine Analyse des Auges könnte weitere Aufschlüsse geben. Ich gehe davon aus, dass die Materiequelle, ähnlich wie die Burgen der Mächtigen, in einem Mikrokosmos versteckt ist.«

»Das ist aber ein völlig neuer Aspekt!«, rief Reginald Bull mit gespielter Überraschung aus.

»Ihrer Bedeutung entsprechend muss die Materiequelle abgesichert sein«, sagte Doony zurechtweisend. »Was halten Sie davon? Die sieben Zusatzteile ergeben zusammen mit dem Auge nicht nur den Schlüssel zur Materiequelle, sondern sie lassen diese im Auge materialisieren. Mit anderen Worten: Die Materiequelle liegt in Laires Auge verborgen!«

Für eine Weile herrschte verblüfftes Schweigen.

»Nun höre sich das einer an!«, rief Bull und seufzte. »Laires Auge selbst als die Materiequelle – darauf wären wir nie gekommen. Leider kann ich mich nicht mit dieser epochalen Erkenntnis auseinandersetzen, auf mich wartet vergleichsweise läppische Routinearbeit.«

EDEN II

Der Felsen ES war ein vierzig Meter hoher Trapezoeder. Aus der Ferne erschien er dem Betrachter als dunkles Monument mit gratigen Kanten, und erst in unmittelbarer Nähe gaben die scheinbar glatten Seitenflächen ihr Geheimnis preis.

Schriftzeichen waren in den Stein gemeißelt, eingebrannt oder aufgemalt. Es gab geschwungene und ungelenke Handschriften, etliche kaum mehr lesbar, andere noch gestochen scharf. Alle diese Graffiti stammten von Konzepten, die den Felsen besucht hatten.

Da stand in großen Lettern und tief eingeschlagen die Urfrage, die alle Konzepte seit dem ersten Tag beschäftigte: Wohin gehen wir?

Nur wenige Handspannen davon entfernt zeigte ein Relief ein männliches Antlitz, das eindeutig Ellert/Ashdon erkennen ließ. Bei genauem Hinsehen war zu erkennen, dass die Gesichtszüge aus erhabenen Buchstaben bestanden: Ich habe ihn gekannt. Herkas.

Wir sind deine Kinder, besagte ein Graffito.

Hast du uns verlassen?, fragte ein anderes.

Maina kannte alle. Sie hatte lange am Felsen zugebracht und die Inschriften studiert. Allerdings hätte sie nicht zu sagen vermocht, wie viel Zeit vergangen war, seit sie hierhergekommen war – ebenso wenig wie sie die Zahl der in ihr vereinten Bewusstseine kannte. Egal wie viele, es zählte nur, dass sie zu einem starken Kollektiv verschmolzen waren. Maina dachte von sich als einer einzigen Person.

Die quadratische Hochfläche des Felsens trug nur eine Inschrift, aber diese war sehr tief eingegraben. Die Überlieferung besagte, dass es sich um eine Botschaft von ES handelte – eigentlich der Hilferuf, der Ellert/Ashdon zum Aufbruch bewogen hatte.

Vergeblich habe ich zu helfen versucht. Ich habe mich zu nahe herangewagt. Nun stürze ich in diese erloschene ...

Maina brachte es nicht fertig, den Wortlaut zu vervollständigen. Ihre Meditation war umsonst gewesen.

Wir sind eine werdende Superintelligenz, signalisierte eine Zeile auf einer der Trapezflächen. Das verriet die Absicht der Konzepte, alle Bewusstseine zu einer einzigen Wesenheit zusammenzuschließen. Diese Bestrebungen bestanden, seit EDEN II erschaffen worden war und ES die zwanzig Milliarden menschlichen Bewusstseine als Konzepte hier abgesetzt hatte. Aber es war ein fernes Ziel, dem sich die Konzepte nur langsam näherten.

Einer der Pilger hatte auf eine freie Fläche gekritzelt: Ellert/Ashdon, du hast uns geschwächt. Das war der Ausdruck seiner Resignation. Aber konnte das Fehlen eines einzigen Doppelkonzepts wirklich eine Schwächung bedeuten? Zwanzig Milliarden weniger zwei – was war das schon?

Etwas fehlte. Eine treibende Kraft, ein verbindendes Element ... So gesehen war es legitim zu spekulieren, dass ein ausgeprägtes Doppelkonzept wie Ellert/Ashdon jenes fehlende Bindeglied hätte sein können.

Die Zeit des Meditierens war für Maina vorbei. Sie würde ihre Erkenntnisse über EDEN II verbreiten. Mit einem Mal empfand sie das starke Gefühl, ES sehr nahe zu sein. Unter diesem Eindruck brannte sie ihre Worte in den Stein:

ES – wir kommen!

BASIS

»Bull wird bei uns an Bord erscheinen, sobald er meinen Bericht gelesen hat«, behauptete Hank Defoeld, der Kommandant der MEGALIS. »Er wartet doch nur auf eine Gelegenheit, die BASIS verlassen zu können.«

Die Korvette befand sich im Gleitflug durch die Atmosphäre des siebten Planeten. Defoeld hatte diese Welt wegen ihrer Ammoniak-Verbindungen »Ammon« genannt – nicht zuletzt auch deswegen, weil die mitfliegende Biologin bewiesen zu haben glaubte, dass der Planet auf dieser Basis Leben hervorgebracht hatte. Offenbar handelte es sich um eine primitive Lebensform von kristalliner Struktur.

Robotsonden hatten nachgewiesen, dass in der Atmosphäre ausgedehnte Ammoniak-Kulturen existierten, doch wegen ihres raschen Verfalls war es bislang nicht gelungen, ein solches Kristall-Gebirge aus der Nähe zu untersuchen. Die einzige Ausbeute waren einige winzige Kristalle, die Sheila Winter in einem Forschungstank mit natürlichen Umweltbedingungen künstlich am Leben erhielt. Die Biologin war zumindest fest davon überzeugt, dass die Ammoniakkristalle lebten.

»Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die Ammonier sogar eine gewisse Intelligenz besitzen«, behauptete sie. »Mehrere Kulturen wurden bei Tiefsttemperatur eingefroren, um ihr Diffundieren zu verhindern. Aber mir ist ein Fehler unterlaufen, die Kristalle tauten auf. Bevor sie sich auflösen konnten, habe ich jedoch schwache Mentalimpulse angemessen. Die Ammoniakkristalle denken, Hank!«

»Also gut«, sagte Defoeld. »Nehmen wir an, dass in den Kristallen gewisse Vorgänge ablaufen, die wir als Denken bezeichnen könnten. Ist es nicht trotzdem völlig übertrieben, schon von Intelligenzen zu sprechen?«

»Vergiss nicht, dass ich nur winzige Kristallkulturen zur Verfügung hatte. Versuche dir vorzustellen, welches Potenzial eines der riesigen Ammoniak-Gebirge haben müsste!«

»Das ist mir zu spekulativ«, wehrte der Kommandant ab. »Bring mir konkrete Messergebnisse über eines der Kristall-Gebirge, dann reden wir weiter.«

»Wie denn?« Die Biologin reagierte fast verzweifelt. »Sobald wir uns einem Kristall-Kollektiv nähern, diffundiert es sofort. Als würden sich die Ammonier lieber selbst vernichten, statt mit uns in Kontakt zu treten.«

»Hör auf mit diesem Unsinn!«, rief Defoeld ärgerlich. »Deine Rückschlüsse sind etwas zu weit hergeholt.«

»Gib mir einen Shift, dann werde ich versuchen, damit einer der Kristallkolonien nahe zu kommen«, bat die Biologin. »Vielleicht erschreckt die Ammonier die Größe der MEGALIS. Oder sie empfangen die Gedankenimpulse der gesamten Besatzung und werden davon eingeschüchtert.«

»Das wird immer schöner. Inzwischen dichtest du den Ammoniakkristallen schon eine Psi-Begabung an. Was noch alles?«

»Meine Vermutungen behalte ich lieber für mich.« Sheila Winter lächelte gewinnend. »Du könntest mich sonst wirklich für verrückt halten. Aber sag selbst: Was vergibst du dir, wenn du mir einen Shift zur Verfügung stellst?«

»Die Sache ist zu gefährlich. Die Atmosphäre ist ein regelrechter Mahlstrom.«

»Wenn du so in Sorge um mich bist, gib mir einen Piloten mit.«

»Was soll das Ganze bringen?«

Sheila kaute auf ihrer Unterlippe. »Das sage ich dir über Funk, sobald ich im Shift bin«, stellte sie schließlich fest. »Dann kannst du deinen Entschluss nicht mehr rückgängig machen.«

»Gib mir wenigstens einen Anhaltspunkt!«, verlangte Defoeld.

»Wollen wir Kemoauc finden oder nicht?«, fragte die Biologin.

EDEN II

Maina nahm das seltsame Flackern schon wahr, bevor sie die letzte Hügelkette erreichte, hinter der das Land Oskun lag. Oskun war ein Wüstengebiet, in dem Konzepte mit barbarischen Sitten lebten. Zwar strebten sie wie alle Konzepte die Vollkommenheit an, doch taten sie das auf eine wilde Art, die in anderen Ländern Entsetzen auslöste. Sie suchten den Zusammenschluss aller durch Kampfspiele zu erreichen. Dabei überließen die unterlegenen Konzepte ihre Bewusstseine dem Sieger – und Sieger wurde nur, wer den Körper des Gegenspielers tötete.

Maina war schon auf dem Weg zum Felsen ES durch dieses ungastliche Land mit seinen rauen Sitten gekommen. Die Kunstsonne über dem Felsen hing bereits weit hinter ihr und leuchtete nur noch schwach. In den Hügeln des Niemandslands herrschte ewiges Dämmerlicht.

Als Maina die letzte Hügelkuppe erreichte, stockte ihr der Atem. Eine scheinbar endlose Wasserfläche erstreckte sich bis zum Horizont. Die Kunstsonne hier flackerte und stand so tief, als würde sie im nächsten Moment versinken.

Die Wüste Oskun überschwemmt? Die einst heiß und gleißend strahlende Sonne am Ende ihrer Kraft?

Nach einer Weile stellte Maina fest, dass die Oskun-Sonne keine feste Position innehatte, sondern in einer weiten, kreisförmigen Bahn über dem Wasser schwebte.

Maina ging am Ufer des Meeres weiter und hielt nach Bewohnern der überschwemmten Region Ausschau. Dabei stellte sie fest, dass der Wasserspiegel sank. Ein Blick in Richtung der flackernden Sonne zeigte ihr die Ursache.

Die Sonne hatte ihren Rhythmus geändert, die Intervalle zwischen den Hell- und Dunkelphasen waren länger geworden. Das schien sich auf die Gravitation ausgewirkt zu haben, denn unter der unsteten Lichtquelle wölbte sich der Wasserspiegel auf, während am Ufer der überschwemmte Wüstenboden wieder trocken fiel.

Maina blieb stehen, als sich im nassen Sand etwas bewegte. Der Boden wurde von unten aufgeworfen, Risse bildeten sich, und der Sand rutschte zur Seite. Aus der entstandenen Öffnung zwängte sich ein Mann hervor.

Er war nackt, von gedrungener Statur – ein oskunischer Streiter, denn er nahm sofort Kampfhaltung ein. Da Maina die Spielregeln kannte, streckte sie ihm zum Zeichen ihrer Friedfertigkeit die leeren Handflächen entgegen.

Der Nackte knurrte, spuckte aus und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab. Wortlos deutete er auf eine Bodenerhebung, die nicht überschwemmt gewesen war. Maina kam der Aufforderung nach und ließ sich auf der Anhöhe auf einem Felsbrocken niedersinken. Der Oskuner setzte sich ihr gegenüber mit überkreuzten Beinen auf den Boden.

»Ich kenne dich, du bist Maina«, sagte er überraschend sanft. »Erinnerst du dich? Du hast mir den Kampf verweigert und mich aufgefordert, dir meine Bewusstseine freiwillig zu überlassen. Damals war unsere Sonne noch intakt und das Land noch nicht überschwemmt. Ich bin Fothus.«

»Ich habe so viele Streiter kennengelernt, dass ich mir nicht alle Gesichter merken konnte«, erwiderte Maina. »Ich komme gerade vom Felsen ES und habe jeglichen Zeitbegriff verloren. Wie lange liegt die Katastrophe zurück, die euer Land heimgesucht hat?«

Fothus kratzte sich auf der Brust, er wirkte ziemlich jung.

»Ich möchte gar nicht sagen, dass es eine Katastrophe war. Meine Mitstreiter fanden zu der Zeit allmählich Gefallen am Müßiggang. Sie nahmen eine fremde Lehre an, die behauptete, dass die Bildung von Bewusstseinsgruppen ohne Kraftproben mehr im Sinne von ES sei. Aber ES hat diesen Abtrünnigen die Flut geschickt. Viele mussten deshalb ihre Körper aufgeben, so konnte ich mich verstärken. Während der Flut gehe ich auf Tauchstation, wie alle anderen Oskuner auch. Bei Ebbe kommen wir heraus, um uns im Wettkampf zu messen.«

Fothus blickte den Strand entlang, offenbar auf der Suche nach einem würdigen Gegner. Aber nichts regte sich im Sand. Das Wasser wich immer noch weiter zurück.

»Wodurch wurde die Überschwemmung ausgelöst?«, fragte Maina.

»Durch den großen Sprung.«

»Was verstehst du darunter?«

Fothus sah sie überrascht an. »Hast du das verschlafen?«

»Ich habe meditiert.«

Verständnislos schüttelte der Oskuner den Kopf. »Handeln ist besser als Denken. Wir wollen alle, dass sich der Plan der Vollendung erfüllt. Die Konzepte müssen sich zu einem Multibewusstsein zusammenschließen. Aber das geht nur, wenn jeder aktiv mitarbeitet. Meditieren verunsichert nur.«

»Ich habe auf meine Weise trotzdem einiges erreicht«, erwiderte Maina. »Viele Pilger haben mir ihre Bewusstseine überlassen. Mit Worten und einem starken Willen habe ich vielleicht mehr geschafft, als dir im Kampf gelungen ist.«

»Ich bin ein Dreizehner!«

»Ich kenne die Zahl meiner Bewusstseine nicht genau, denn wir sind eins«, erwiderte Maina unbeeindruckt. »Aber zehnmal so viel, wie du besitzt, werden es schon sein.«

»Dann müsstest du mich besiegen können!«, rief Fothus und sprang auf.

Maina rührte sich nicht vom Fleck. »Bevor wir die Sache auf deine Weise austragen, musst du mir Informationen geben.«

»Wozu? Ob du mich besiegst oder ob ich mir deine Bewusstseine einverleibe, du erfährst ohnehin alles Wissenswerte.«

»Ich lege großen Wert auf das gesprochene Wort. Sage mir zuerst, was du unter dem ›großen Sprung‹ verstehst, erst dann sehen wir weiter.«

Fothus schüttelte wieder den Kopf. »Dass du davon nichts gemerkt haben willst ... Ganz EDEN II war in Aufruhr. Es hat eine regelrechte Völkerwanderung stattgefunden, und nach Oskun kamen Konzepte aus den entlegensten Gebieten. Sie wollten alle nach Kantrov. Manche sagen, dort sei das Herz von EDEN II. Aber für mich sind die Konzepte immer noch das Wichtigste. Auch ohne den Schutzschirm und die Kunstsonnen können wir Erfüllung finden. Die Technik von Kantrov ist nur eine Krücke, der Geist allein bedeutet Fortschritt ...«

»Du wolltest mir sagen, was der große Sprung ist«, erinnerte Maina. »Philosophieunterricht habe ich nicht nötig.«

Fothus knurrte etwas Unverständliches.

»Bald nachdem du unser Land verlassen hattest, verschoben sich die Sternkonstellationen über EDEN II«, erläuterte er. »Das deutete darauf hin, dass unsere Welt beschleunigte. Die Sterne wurden rasch zu Lichtstreifen und verschwanden schließlich. Vielleicht wegen der Beschleunigung wurde unsere Sonne instabil. Andere Kunstsonnen fielen sogar herab. Gravitationsschwankungen waren an der Tagesordnung, Oskun wurde von einem benachbarten Binnenmeer überflutet. Fast alle Konzepte glaubten, dass die Steuerzentrale von Kantrov die Kontrolle über unsere Planetenhälfte verloren habe. Darum strömten sie in Massen nach Kantrov, aber ein Schutzschirm ließ niemanden hinein. Die Roboter behaupteten nur, dass alles seine Ordnung habe. Wenn du zum Himmel aufblickst, siehst du wieder Sterne. Der Flug wurde inzwischen gestoppt; EDEN II ist am Ziel.«

»An welchem Ziel?«, fragte Maina.

Der Oskuner sah sie seltsam an. »Du willst am Felsen ES gewesen sein und hast dennoch keine Ahnung?«

Maina blickte hoch. Im flackernden Schein der Oskuner Kunstsonne waren die Sterne nur schwach zu sehen. Sie erschienen ihr fremd und nichtssagend, alles andere als eine Offenbarung.

»Hat der große Sprung viel Schaden angerichtet?«, erkundigte sie sich.

»Nur landschaftliche Veränderungen. Aber das war eher eine heilsame Erfahrung für die Konzepte. ES wollte uns ein Zeichen geben und sagen: Handelt im Sinne des Plans der Vollendung und treibt den Zusammenschluss zu einem einzigen großen Multibewusstsein voran!« Fothus straffte sich und schaute Maina herausfordernd an. »Handeln wir endlich im Sinn von ES. Stelle dich mir!«

Sie sah keine Möglichkeit mehr, die Auseinandersetzung noch länger hinauszuschieben. Im Grunde genommen musste sie Fothus' Bestrebungen befürworten, nur seine Methode gefiel ihr nicht. Wenn sie ihren Körper als Bezugspunkt verlor und in den von Fothus überwechselte, dann wäre sie nur ein Bewusstsein unter vielen und könnte ihr Vorhaben nicht mehr durchführen.

Der Zufall kam ihr zu Hilfe.

»Fothus!« Laut hallte der Ruf über den Strand. Der Kämpfer drehte sich geschmeidig um. Ein zweiter Mann hatte sich gerade erst aus dem Sand hervorgewühlt.

»Karon!«, antwortete Fothus donnernd. »Endlich hole ich mir deine neun Bewusstseine!«

Maina wartete nicht erst ab, bis die beiden Kontrahenten einander erreichten, sie nutzte die Gelegenheit sofort zur Flucht.

BASIS

Als Reginald Bull den Hangar betrat, war die dreiköpfige Besatzung schon an Bord der Space-Jet. Der Diskus hatte Starterlaubnis.

Bull staunte nicht schlecht, als er im Kommandostand unter den Panzertroplonkuppel Tobias Doony vorfand.

»Was, zum Kuckuck, haben Sie hier zu suchen?«, herrschte er Hamillers Assistenten an. »Glauben Sie mittlerweile, die Materiequelle sei ausgerechnet in dieser Space-Jet versteckt?«

»Das keineswegs«, antwortete Doony ernsthaft. »Ich bin nur zu der Überzeugung gelangt, dass Sie mich unterschätzen und dass ich Ihnen meine Fähigkeiten beweisen muss.«

»Wer hat Ihnen den Floh ins Ohr gesetzt?«

»Floh?«, tat Hamillers Assistent erstaunt. »Der Mausb...«

»Gucky!« Bull schlug mit der flachen Hand auf eine Konsole. »Der Kleine hat Sie also auf mich gehetzt?«

»Können wir starten?«, erkundigte sich der Pilot. »Das Hangarpersonal wird ungeduldig.«

»Ich übernehme!« Bull verwies den Piloten auf den Nebensessel. Er würde sich die Laune durch Guckys neuesten Streich nicht verderben lassen.

»Start minus fünfzehn Sekunden.«

Das war die kürzest mögliche Zeitspanne. Kaum hatte sich das Hangarschott geöffnet, stieß der Traktorstrahl das Diskusbeiboot in den Weltraum hinaus. Bull beschleunigte sofort.

»Unser Ziel ist Drink VII, wenn ich nicht irre«, meldete sich Doony aus dem Hintergrund. »Ich habe mich über die Gegebenheiten informiert: Typ Saturn, aber mit größerem Durchmesser und natürlich auch größerer Masse. Fünfmal so viel, wenn ich nicht irre? Sieben Monde, einer davon erdgroß, ein anderer wird durch die wechselnde Gravitation der übrigen Trabanten und des Mutterplaneten regelrecht durchgewalkt und verliert deshalb ständig an Masse. Diese wird von Drink VII geschluckt. Ist es so?«

»Ich nehme doch an, dass Sie lesen können«, sagte Bull gereizt.

Doony ignorierte die Bemerkung. »Was sind das für Entdeckungen, dass Sie sich sofort auf den Weg machen?«, fragte er.

»Das werden Sie früh genug erfahren.«

»Geheime Kommandosache?«

»Keineswegs.« Bull seufzte. »Die Mannschaft einer Korvette glaubt nur, auf Ammon, wie sie Drink VII nennt, eine Lebensform auf Ammoniak-Basis entdeckt zu haben.«

»Nicht auf Methan-Basis? Hat Methan nicht den größten prozentualen Anteil in der Atmosphäre? Oder irre ich?«

»Nein, Sie irren nicht.«

»Was also dann? Ammoniak oder Methan?«

Bull biss die Zähne zusammen.

»Soll ich ihn knebeln und fesseln?«, bot der Mann auf dem Kopilotensitz an. Bull winkte ab.

»Kennen Sie die Weißen Flecken des Saturn, Doony?«, fragte er.

»Klar«, behauptete Hamillers Assistent.

»Was wissen Sie darüber?«

»Die Weißen Flecken in der Atmosphäre des Saturn entstehen durch Eruptionen aus dem Planeteninnern. Dabei kommt es zu Exhalationen von Wasserstoff, der sich mit dem vorhandenen Stickstoff zu Ammoniakkristallen verbindet. Diese bilden im Entstehungszustand weiße Wolken mit starkem Reflexionsvermögen. Sie haben jedoch nur für kurze Zeit Bestand und verwittern bald wieder. Oder irre ich mich?«

»Wieso fragt er dauernd, ob er sich irrt, selbst wenn er aus Lehrdateien zitiert?«, erkundigte sich der Mann an der Funkanlage.

»Derselbe Vorgang ereignet sich auf Ammon«, sagte Bull, ohne den Einwand zu beachten. »Zu den Eruptionen kommt es durch Meteoriteneinschläge – Trümmer, die von dem durchgewalkten Mond stammen. Und allem Anschein nach gibt es einen eklatanten Unterschied zu den NH3-Kristallgebilden des Saturn ...«

»Vermutlich den, dass die Kristallwolken von Ammon intelligent sind, oder irre ich?«, fiel ihm Doony ins Wort.

»Exakt«, stimmte Bull zu. »Kein Irrtum.«

Die Space-Jet erreichte den siebten Planeten und schwenkte in einen Orbit ein. Reginald Bull versuchte, mit der MEGALIS Funkverbindung zu bekommen, empfing jedoch nur das Signal einer Relaisstation.

In der Planetenatmosphäre herrschten gefährliche Turbulenzen. Wirbelstürme tobten mit Geschwindigkeiten von weit mehr als tausend Kilometern in der Stunde. Methanwolken und Ammoniakschnee rotierten über Gebieten, die mehrfach größer waren als die Erde. Exakte Messungen zeigten sogar Sauerstofffelder in der oberen Atmosphäre, die sich mit dem frei vorhandenen Wasserstoff zu Wasser verbanden. Dieses gefror bei Temperaturen von unter minus 130 Grad Celsius und sank in Form von Eisbänken ab.

Nahezu eine halbe Stunde verging, bis sich die MEGALIS meldete.

»Kommen Sie mit der Korvette in den Orbit, damit wir an Bord gehen können!«, bat Bull. »Warum haben Sie unseren Anruf nicht sofort beantwortet?«

»Wir befanden uns in einem wichtigen Experiment, das alle Konzentration erforderte«, erklärte Defoeld. »Genau genommen ist es zu einer Rettungsaktion geworden. Ich fürchte, wir können die Planetenatmosphäre nicht verlassen, sonst ...«

»Was ist vorgefallen?«

»Wir haben einen Shift ausgeschleust und aus der Ortung verloren.«

»Mit Besatzung?«

»Ein Mann und eine Frau.«

»In dem Fall muss ich das Wagnis eingehen«, entschied Bull. »Geben Sie permanent Ihre Position durch. Wir steigen ab.«

»Ist das wirklich so gefährlich?«, erkundigte sich Doony.

»Ach wo«, antwortete der Kopilot. »Bloß ein Spaziergang. Aber vergleichbar dem Spaziergang von Siganesen auf dem Freiheitsplatz von Terrania während einer Massenkundgebung.«

Hamillers Assistent schluckte schwer. Als Bull mit der Space-Jet in die wirbelnde Atmosphäre hineinstieß, wurde er still und erstarrte schließlich geradezu.

Das Kopplungsmanöver wurde schwierig, doch Reginald Bull und der Pilot der Korvette meisterten die Herausforderung. Minuten später verband ein Energietunnel die beiden Schiffe. Die Mannschaft der Space-Jet setzte auf den Kugelraumer über.

EDEN II

Im Land nördlich von Kantrov herrschte ewige Nacht. Die Kunstsonne war erloschen, und die Roboter hatten sie nicht wieder entzündet. Die hier lebenden Konzepte hatten sich zusammengeschart und wanderten auf der Suche nach anderen Konzepten durch die Finsternis.

Es war Mainas unheimlichstes Erlebnis, als sie in diese Prozession geraten war und unzählige Hände nach ihr griffen, um sie nie wieder loszulassen.

»Festhalten! Festhalten!« Der monotone Singsang hallte noch nach Tagen in ihr nach. Irgendwie war es ihr schließlich gelungen, sich der Meute zu entwinden und Kantrov zu erreichen.

Nun lag Kantrov ebenfalls hinter ihr. Die große Stadt war entvölkert; alle einst hier lebenden Konzepte waren entstofflicht und nicht mehr zur Rematerialisation fähig. Weder von diesen Bewusstseinen noch von den Robotern hatte Maina erfahren, welche kosmische Bedeutung dem Ort zukam, den EDEN II erreicht hatte.

»Wer kann mir sagen, ob Ellert/Ashdon richtig gehandelt hat?«, fragte sie im Selbstgespräch, während sie ihren Weg fortsetzte. »Hat das Doppelkonzept ES mit seiner Flucht von EDEN II wirklich unterstützt?«

Vielleicht konnte ihr Herkas weiterhelfen – der Mann, der am Felsen aus einer Buchstabenreihe Ellert/Ashdons Antlitz geformt hatte. Maina wusste, dass er sich am Rand von Dommerjan niedergelassen hatte, etwa sechs Tagesmärsche von Kantrov entfernt an der Grenze zu Ikarien. Sie wählte den Weg über Tassuan, das Land der vier Schatten.

Auf der Hochebene schienen die Sterne zum Greifen nahe. Tassuan hatte kein eigenes Gestirn, sondern lag im Schein der Sonnen der vier angrenzenden Länder, die unterschiedlichen Tag-und-Nacht-Zyklen unterworfen waren. Nur zu gewissen Zeiten schienen diese Sonnen gleichzeitig, sodass in Tassuan jedes Ding vier Schatten hatte.

Eine solche Periode stand kurz bevor, als Maina die Hochebene erreichte.

Hier im Zentrumsbereich der Planetenscheibe war der die Welt umspannende Schutzschirm am höchsten, dennoch hatte Maina sich ihm nirgends sonst so nahe gefühlt.

Vor ihr erstreckte sich ein Wald aus verkrüppelten Sträuchern und Bäumen. Sie war an einigen ärmlichen Behausungen vorbeigekommen, kleinen Häuschen aus Fels, die selten mehr als einem Menschen Platz zum Schlafen boten. Sie waren alle verlassen gewesen, aber keineswegs verfallen.

Maina versuchte, sich in Erinnerung zu rufen, was sie über das abgeschiedene Bergvolk von Tassuan wusste. Keines ihrer Bewusstseine hatte jemals Kontakt zu den hier lebenden Konzepten gehabt. Ihr wurde nur klar, dass die Viersonnenperiode für die Tassuan-Konzepte von besonderer Bedeutung war.

Wo befanden sich die Bewohner? Drei Sonnen standen hell am Himmel, die vierte gewann allmählich an Intensität. Hatte das Schauspiel des entstehenden vierten Schattens die Konzepte aus ihren Hütten gelockt?

Maina verhielt ihren Schritt, als der stete Wind erstarb. Sie hatte den Wald hinter sich gelassen, und vor ihr lag eine felsige Ebene. Lange Reihen nicht einmal mannshoher Felsblöcke zogen sich scheinbar endlos über das Plateau. Sie erinnerten an die Menhir-Straßen von Carnac, wenngleich die Menhire hier behauen wirkten und an zusammengekrümmte Gestalten erinnerten.

Als Maina das erste dieser Gebilde erreichte, erkannte sie, dass es sich tatsächlich um kauernde Gestalten handelte. Es waren Tassuaner, in grobe Tücher gewickelt. Keines der in sich versunkenen Konzepte rührte sich; ihre Gesichter, von dem schweren Stoff fast verhüllt, wirkten wie gemeißelt.

Maina scheute sich, die Straßen dieser lebenden Monumente zu durchschreiten. Als sie zwischen zwei Kauernden einen freien Platz sah, ließ sie sich dort nieder. Sie fragte sich, was die Tassuaner mit dem stummen Verharren bezweckten. Offenbar waren sie nur Einer-Konzepte. Hofften sie, auf diese Weise den Zusammenschluss zu erreichen?

Maina ahnte, dass sie warten musste, bis eine der Sonnen wieder verblasste und die Starre von den Kauernden abfiel. Ihr machte das nichts aus, denn am Felsen ES hatte sie sehr viel länger in völliger Reglosigkeit ausgeharrt, wenn auch in tiefer Meditation. Hier blieb sie wach und aufmerksam.

Ihr entging nicht, dass die Konzepte im Schein der vier Sonnen zu den unbekannten Sternen aufsahen, und sie folgte dem Beispiel. Die Sternkonstellationen waren fremd, doch ging von ihnen eine eigenartige Faszination aus. Je länger Maina die fernen Sonnen betrachtete, desto stärker wurde ihr Gefühl, dass all dies von ungeheurer Bedeutung sein musste.

EDEN II war am Ziel angelangt!

Hier war die Heimat von ES, hierher hatte EDEN II kommen müssen, damit die Konzepte ihre Bestimmung erfuhren.

Aber ES war nicht da.

Maina fand fröstelnd in die Realität zurück und mit ihr Tausende Tassuan-Konzepte. Sie warfen nur noch drei Schatten, denn über Ikarien war die Nacht hereingebrochen.

BASIS

»Die Biologin startete unter denkbar ungünstigen Umständen«, erklärte Defoeld, bevor er die Aufzeichnung über Sheila Winters Expedition mit dem Shift projizieren ließ. »Von einem unserer Ortungssatelliten wurden lunare Eruptionen gemeldet und dass ein Trümmerregen auf Ammon niedergehen werde. Obwohl ihr ausgewähltes Operationsgebiet besonders exponiert war, ließ Sheila sich nicht zurückhalten. Sie war sogar der Ansicht, dass das Bombardement die Entwicklung von Ammoniakkristallen fördern würde. Sheila hält diese Kristalle nicht nur für eine einfache Lebensform, sondern sogar für intelligent.«

Die Pilotenkanzel des Shifts war in der Wiedergabe zu sehen. Die Biologin und der Pilot wirkten angespannt.

»Starte endlich, Panatheik!«, drängte die Frau. »Ich will Zeuge der Geburt neuer Ammonier werden!«

Der Pilot nickte schweigend. Durch die Panzertroplonkuppel war kurz darauf zu sehen, dass die Korvette hinter dem Shift in der brodelnden Atmosphäre verschwand.

»MEGALIS an Shift«, erklang Defoelds Stimme über Funk. »Bleibt im Umkreis von tausend Kilometern, damit die Verbindung garantiert ist. Wir haben euch deutlich in der Ortung – und möchten, dass es so bleibt.«

»Okay«, bestätigte der Pilot. »Wir nähern uns dem voraussichtlichen Einschlaggebiet der Mondtrümmer.«

»Der kritische Zeitpunkt kommt in zwei Minuten und siebenunddreißig Sekunden.«

»Geh tiefer, Pana!«, verlangte die Biologin. »Ich will höchstens drei Kilometer über der Oberfläche sein, wenn es passiert.«

»Welche Oberfläche meinst du? Die feste Planetenkruste tief unter uns oder den schwimmenden Bereich aus Flüssiggas und Treibeis?«

»Ich möchte möglichst nahe am Exhalationsherd sein. Geh bis an die Grenze des Vertretbaren.«

Eine Umblendung folgte. »Ich habe die unwichtigen Passagen weggelassen«, erklärte Defoeld dazu. »Die lückenlose Aufzeichnung steht selbstverständlich zur Verfügung. Zu meiner Rechtfertigung muss ich noch sagen, dass ich Sheila oft genug gewarnt habe. Aber sie wollte nicht hören und hat sogar meinen Rückzugsbefehl ignoriert.«

Bull schwieg. Die Aufzeichnung zeigte abwechselnd Totalaufnahmen des Operationsgebiets und Detailausschnitte, in denen der Shift zu erkennen war. Zumeist handelte es sich um Infrarot-Falschfarbenaufnahmen.

Jäh wurde das Bild von feurigen Streifen zerschnitten. Eingeblendete Kurzzeit-Momentaufnahmen ließen glühende Gesteinsbrocken erkennen.

»Ich bin gespannt, was Ammon gebiert«, war Sheila Winter zu hören. Gleich darauf rief sie: »Was machst du da, Pana?«

»Wir müssen raus aus dieser Hölle! Die Druckwelle wirbelt ganze Eisgebirge in die Höhe. Wenn wir nicht verschwinden, werden wir zwischen ihnen zermalmt.«

»Rückzug!«, erklang Defoelds Befehl. »Die Massetaster zeigen, dass sich rings um euch Eis verdichtet. Flieht mit Höchstbeschleunigung! Sofort!«

»Nein!«, widersprach die Biologin heftig. »Wir müssen tiefer, um unter diesen Brocken hindurchtauchen zu können.«

»Der Stau wird uns zermalmen!«

»Keineswegs, Pana. Sieh genau auf deine Instrumente, na, mach schon ...«

»Beschleunigt endlich!« Das war wieder Defoelds Stimme.

»Nein ... Sheila hat recht«, sagte nun auch der Pilot. »Wir dürften uns im genauen Zentrum befinden. Hier ist es ungewöhnlich ruhig, die Druckwelle läuft von uns fort ...« Die Tonübertragung aus dem Shift erstarb, für geraume Zeit waren neben Defoelds heiseren Befehlen nur statische Störungen zu hören.

Eine Totalaufnahme zeigte den Eruptionsherd. Hunderte Kilometer im Umkreis türmten sich gewaltige Eisfelder empor. Reginald Bull gewann den Eindruck einer exotischen Blume, die ihre Blütenblätter entfaltete. Und aus dem Kelch stieg eine riesige dunkle Wolke wie ein Atompilz auf, die sich mit enormer Geschwindigkeit ausbreitete. Die eingeblendeten Messwerte zeigten die Stärke der tobenden Naturgewalten.

Abermals gab es einen größeren Schnitt. Defoelds aufgeregte Stimme, als er die Shiftbesatzung aufforderte, sich zu melden, nahm Bull nur mehr unterbewusst wahr, denn die Bilder schlugen ihn völlig in ihren Bann.

Zwischen den aufwachsenden Bergen war ein Gebilde erschienen, das die Restlichtverstärkung als grünlich glitzernden Kristall wiedergab. Mit Zeitraffer und Vergrößerung wurde erkennbar, dass Gaswolken von dem Kristall angezogen wurden und sich ebenfalls in kristalline Strukturen verwandelten. Als der Shift am linken Bildrand erschien, wirkte er neben dem funkelnden Gebirge wie ein Staubkorn.

»Hier Shift!«, meldete sich Sheila Winter endlich. »Bei uns alles in Ordnung. Wir beginnen mit der Analyse des Ammon-Kollektivs. Was ergibt die Fernortung?«

»Wir müssten näher kommen, um das Ding genauer untersuchen zu können«, antwortete Defoeld.

»Unter keinen Umständen!«, wehrte die Biologin ab. »Wir wissen doch, dass die Ammonier scheu sind und sich angesichts des Unbekannten sofort verflüchtigen. In dem Shift scheinen sie keine Bedrohung zu sehen. Lass mich nur machen, Hank.«

Wieder ein Schnitt.

Das Kristallgebirge war kilometergroß. Es schien zu dampfen, von seiner Oberfläche stiegen Wolken sich rasch verflüchtigender Gase auf.

»Mentalströme positiv – die Ammoniakkristalle denken!«, meldete Winter. »Ich versuche, die Impulse zu entschlüsseln ...«

»Das Ding wird kleiner«, fiel ihr der Kommandant ins Wort. »Es schmilzt förmlich. Zieht euch zurück!«

»Ein Trugschluss«, widersprach die Biologin. »Aus der Nähe stellt es sich anders dar. Sicher, das Ammoniak-Kollektiv wird kleiner, aber das ist mehr ein Gesundschrumpfen. Es stößt nur die nicht lebensfähigen und unintelligenten Kristalle ab.«

Bilder von betörender Schönheit waren zu sehen. Die Frau durchleuchtete das Kristallgebilde nach allen Regeln der Kunst. Jede neue Perspektive zeigte andere Facetten des Ammoniakkristalls.

»Ich glaube, ich habe Kontakt!«, rief Sheila Winter atemlos. »Die Ammonier haben eine unserer Impulsfolgen in umgekehrter Reihe wiederholt. Das Kollektiv ist für eine Verständigung bereit. Weißt du, was das bedeutet, Hank?«

»Ist damit die Intelligenz der Kristalle bewiesen?«

»Und ob! Zeichne alles auf! Der Alte wird Augen machen, sobald er an Bord kommt.«

Der »Alte« blickte zu Defoeld und erwiderte dessen entschuldigendes Grinsen mit einem nachsichtigen Lächeln. Bull wartete immer noch auf die sensationellen Enthüllungen, die ihm der Kommandant angekündigt hatte. Die Entdeckung wahrscheinlich vernunftbegabter Kristalle ließ ihn keineswegs in Jubelrufe ausbrechen. Er erwartete mehr, und Defoelds Andeutungen hatten seine Gedanken in ganz bestimmte Bahnen gelenkt.

»Was ist das?« Die Stimme des Kommandanten in der Aufzeichnung ließ Bull aufmerken.

»Was ist was?«, fragte die Biologin zurück.

»Du hast uns soeben ein Bild übermittelt, das den Anschein erweckte, als verberge sich etwas in dem Kristall. Kannst du das wiederholen?«

»Klar, Hank. Ich wiederhole die Testreihe rückläufig.«

»Passen Sie auf!«, flüsterte Defoeld neben Bull. »Jetzt kommt es.«

Der Aktivatorträger konzentrierte sich auf die Bilder. Im Zentrum des Kristalls erschien ein eiförmiges Gebilde. Obwohl die Farben permanent wechselten, zeichnete sich doch ein Objekt von einer gewissen Beständigkeit ab.

»Was sehen Sie?«

Bull antwortete nicht sofort. Er betrachtete das eiförmige Ding. Zuerst hatte er den Eindruck, dass es eine formlose Masse barg, aber das war nur eine durch die Farbveränderung hervorgerufene optische Täuschung. Dann war er auf einmal sicher, dass es sich um eine zugekrümmte, annähernd humanoide Gestalt handelte.

»Gefahr!«, erklang Defoelds Stimme aus der Aufzeichnung. »Auf der Oberfläche hat eine neuerliche Exhalation von Wasserstoff stattgefunden, ungeheure Gasmengen werden frei. Da ihr euch in einem stark mit Stickstoff angereicherten Gebiet befindet, muss das zur Bildung von Ammoniak-Gebirgen führen. Kehrt zur MEGALIS zurück!«

»Papperlapapp.« Die Biologin lachte amüsiert. »Verrate mir lieber, was du von dem Fötus in unserem Kristall hältst ...«

»Ein Fötus!«, rief Bull in plötzlicher Erkenntnis aus. »Jawohl, die Gestalt in dem Ei sah aus wie der Fötus eines Humanoiden.«

Er hatte den Satz kaum ausgesprochen, da erlosch die Projektion.

»Seitdem haben wir keine Verbindung mehr zum Shift«, erklärte Defoeld. »Der Flugpanzer verschwand mit dem kleineren Kristall hinter dem aufstrebenden Ammoniak-Gebirge. Ein heftiger Zyklon zwang uns, die Suchaktion abzubrechen.«

2.

EDEN II

»Dommerjan ist ein einsames Konzept!«

Dieser Ausspruch war erstaunlich, da ihn ein Tassuaner machte, der selbst nur ein Bewusstsein trug. Das Konzept aber, von dem die Rede war, vereinigte sämtliche Bewusstseine des Gebietes in sich, nach dem es benannt war. Dazu kam, dass die Tassuaner auch sonst Einzelgänger waren. Im Hochland an der Grenze zu Kantrov lebten sie jeder für sich und verkrochen sich in ihren Steinbehausungen.

»Man kann auch unter Millionen einsam sein«, fügte der Tassuaner Adros erklärend hinzu.

»Ich verstehe schon«, sagte Maina. »In Tassuan ist sich jeder selbst genug. Aber denkt ihr nicht an den Plan der Vollendung?«

»Doch, zur Zeit der vier Schatten.«

»Diese Periode ist stets kurz, darüber hinaus seid ihr allein. Wieso wehrt ihr euch gegen den Zusammenschluss?«

»Tun wir das?«, antwortete Adros mit einer Gegenfrage. »Vielleicht warten wir auf die Erleuchtung. Noch haben wir kein Konzept getroffen, das mit absoluter Sicherheit behaupten konnte, dass der Zusammenschluss das von ES angestrebte Ziel sei. Oder kannst du das sagen?«

»Es ist eine logische Schlussfolgerung, dass wir am Ende unserer Entwicklung zu einem Multibewusstsein werden sollen.«

»Diese Folgerung entspringt der menschlichen Logik. Aber wer kann sagen, dass ES danach handelt?«

»Das sind Spitzfindigkeiten, Adros.« Maina winkte ab.

»Sieh dich um! In dem Bestreben, sich zu Mehrfachbewusstseinen zusammenzuschließen, gehen Konzepte die seltsamsten Wege. Kann es da falsch sein, darauf zu warten, dass ES uns sagt, was zu tun ist?«

»ES ist nicht hier.«

»ES wird kommen, denn ES ist hier beheimatet.«

Maina musste diese Einstellung akzeptieren, denn es gab keinen vorgezeichneten Weg und kein neues Zeichen. Der Tassuaner zog sich in seine Hütte zurück, und sie setzte ihre Wanderung fort. Nur noch zwei Sonnen beleuchteten ihren Weg.

Maina hielt sich am Rand der Hochebene.

Stunden später, als eine bleierne Schwäche in ihr aufstieg, suchte sie sich eine verlassene Hütte. Aber trotz ihrer Erschöpfung lag sie lange wach. Ihre Gedanken kreisten um die Probleme von EDEN II. Irgendwann wurde sie doch von der Müdigkeit übermannt. Ihr Schlaf war traumlos; als sie erwachte, fühlte sie sich frisch und wieder stark.

»Hallo«, sagte eine Kinderstimme. Neben ihr saß ein etwa zehnjähriger Junge. »Ich hoffe, du hattest in meiner Hütte einen guten Schlaf. Ich bin Jan.«

»Oh«, machte Maina schuldbewusst. »Habe ich dich etwa von deinem Schlafplatz verdrängt?«

»Macht nichts«, erwiderte der Junge leichthin. »Du kannst ruhig einziehen. Mich hält hier nichts mehr.«

»Ich bin nur auf der Durchreise. Aber was ist mit dir? Wieso willst du fort?«

»Dieses Land ist langweilig – ich stamme eigentlich von dort.« Der Junge deutete in Richtung von Dommerjan. »Anfangs dachte ich, als Einer-Konzept sei ich hier richtig, darum wanderte ich nach Tassuan aus. Nun weiß ich, dass das Leben hier ebenso wenig die Erfüllung ist.«

»Wir könnten ein Stück des Weges zusammen gehen«, schlug Maina vor.

»Wohin willst du?«

»In das Dreiländereck, wo Ikarien, Tassuan und Dommerjan aneinandergrenzen. Kennst du dich dort aus?«

»Klar, ich komme aus der Gegend.«

»Dann hast du vielleicht schon von einem Konzept namens Herkas gehört?«

»Ein guter Freund von mir«, behauptete Jan. »Was willst du von ihm?«

»Er kannte Ellert/Ashdon, falls dir dieser Name etwas sagt. Darüber will ich mit Herkas sprechen. Führst du mich zu ihm?«

»Ellert/Ashdon«, murmelte der Junge sinnend. »Dieser Kontakt hat Herkas kein Glück gebracht ... In Ordnung, ich zeige dir den Weg.«

»Was hältst du von Dommerjan?«, fragte Maina.

»Ich stamme von dort ...«

»Ich meine das Konzept gleichen Namens.«

»Alles nur Gerüchte«, behauptete der Junge. »Dommerjan ist noch gar nicht erschlossen, und ein Konzept dieses Namens hat es nie gegeben.«

»Aber du bist nur ein Einer?«, fragte sie.

»Wäre ich sonst nach Tassuan gegangen?«

Maina glaubte ihm nicht. Selbst wenn das Leben auf EDEN II den Jungen abgeklärt hatte, würde er sich als Zehnjähriger anders verhalten. Er war mindestens ein Doppelkonzept. Vielleicht hatte er sich nur als Einer ausgegeben, um die Lage in Tassuan auszukundschaften.

Sie wechselte das Thema.

»Wie hast du das heute Morgen mit der unglücklichen Beziehung von Herkas zu Ellert/Ashdon gemeint?«

»Herkas war irregeleitet – und vermutlich ist er es noch immer. Er hat das abtrünnige Doppelkonzept für einen Auserwählten gehalten und aus seiner Meinung eine Religion gemacht. Dabei wissen wir heute, dass Ellert/Ashdons Flucht uns allen geschadet hat. Du wirst schon sehen, was ich meine: Herkas ist ein Sektierer.«

Jan lief davon. Maina kam das wie einstudiert vor, als ob er sich darauf besonnen hätte, dass er als Einer eigentlich einen zehnjährigen Jungen zu mimen hatte.

Er ließ sich von nun an auf keine Diskussion mehr ein. Auf Fragen über Herkas gab er nur noch alberne Antworten.

Schließlich erreichten sie ein schmales Tal. Die Sonne Dommerjans war bereits im Abnehmen begriffen, und der Junge erklärte, dass sie die Unterkunft von Herkas und seiner Gefährtin nicht mehr bei Tageslicht erreichen könnten.

»Wennschon, wir wagen trotzdem den Abstieg«, entschied Maina. Das nahe Ziel spornte sie an.

Der Abstieg von der Hochebene wurde indes beschwerlicher, als sie erwartet hatte. Noch bevor sie das Tal erreichten, brach die Nacht herein. Da die Berge die Sonnen von Ikarien und Veron verdeckten, wurde es ziemlich dunkel. Außerdem zog Nebel auf.

»Ich finde den Weg sogar mit geschlossenen Augen.« Jan nahm Maina an der Hand. Sie merkte, dass er bei der Berührung leicht zu zittern begann. Wie nebenbei fragte er: »Wie viele Bewusstseine besitzt du?«

»Habe ich dir noch nicht gesagt, dass ich es nicht weiß?«

»Sind es fünfzig oder mehr?« Das klang, als wolle ein kleiner Junge seine Neugierde stillen.

»Mehr als fünfzig bestimmt.«

»Hundert?«

»Schon möglich.«

Es waren noch mehr; Maina hatte bei zehn Dutzend zu zählen aufgehört. Aber das wollte sie Jan nicht verraten.

»Du musst sehr weise sein«, sagte der Junge beeindruckt.

Sie lachte leise und ein wenig amüsiert. »Ich bin nicht klüger als zuvor. Ja, manchmal ist mir, als wüsste ich sogar noch weniger als am Anfang. Zuerst war ich voll Enthusiasmus und glaubte, wir könnten den Plan der Vollendung im Sturm verwirklichen. Aber jetzt ...«

»Du zweifelst?«

»Ich bin verunsichert, sagen wir es so. Ich suche nach der Wahrheit.«

Darauf erwiderte Jan nichts. Er hielt Mainas Hand fester und führte sie zielstrebig durch den Nebel.

»Wir sind gleich da ...«

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als ein Schatten aus dem Nebel trat und weitere folgten. Jäh waren sie von einem halben Dutzend Gestalten umzingelt. Es waren fünf Frauen und ein Mann. Die Frauen wirkten jugendlich, der Mann hingegen alt und gebrechlich. Trotzdem war er der Wortführer.

»Halt!«, befahl er mit überraschend fester Stimme. »Wer seid ihr? Woher kommt ihr und wohin wollt ihr?«

Maina stellte sich und den Jungen vor. »Wir suchen Herkas, der das Doppelkonzept Ellert/Ashdon gekannt hat«, fügte sie hinzu.

»Was wollt ihr von ihm?«

»Ich will hören, was er über ES' Botschaft weiß.«

»Du glaubst daran?« Der Alte musterte sie durchdringend.

»Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Ich suche nach der Wahrheit«, erwiderte Maina.

Eine der Frauen trat vor. »Ich bin Pamela, Herkas' Gefährtin. Bei ihm wirst du die Wahrheit finden. Komm mit!«

Die Gruppe setzte sich in Bewegung. Maina kannte eine Legende, in der ein Mädchen namens Pamela vorkam. Angeblich hatte ihr Vater bei dem Versuch, die in ihm integrierten Bewusstseine gleichzuschalten, den Verstand verloren. Auch dieses Mädchen sollte Ellert/Ashdon kennengelernt haben.

»Lebst du mit Herkas im Haus deines Vaters?«, erkundigte sich Maina.

»Ich habe keinen Vater mehr.«

»Ist – er tot?«

»Er ist für mich gestorben«, erwiderte Pamela.

Bevor Maina weitere Fragen stellen konnte, erreichten sie ein mittelgroßes Haus. Licht fiel aus den Fenstern. Maina sah mehr als dreißig Gestalten im Garten, und hinter dem Haus befanden sich offenbar weitere Personen.

»Was sind das für Leute?«

»Unsere Getreuen«, antwortete Pamela. »Wartet hier! Ich rede zuerst allein mit Herkas. Vielleicht empfängt er euch.«

Maina fand das seltsam, aber sie fügte sich.

»He!« Jan zupfte an ihrer Seite. »Glaubst du mir jetzt, dass das Sektierer sind?«

»Ich habe mir noch kein Urteil gebildet.«

»Aber ich weiß Bescheid«, flüsterte der Junge weiter. »Diese Fanatiker werden uns zwingen, ihre Lehre anzunehmen. Es ist besser, wenn ich mich im Hintergrund halte.« Er ließ sie los, und als Maina sich nach ihm umdrehte, war er bereits zwischen den Bäumen verschwunden.

»Willst du eine von uns werden?« Mehrere Gestalten kamen näher. Die Fragestellerin war eine Frau in mittleren Jahren.

»Sind wir denn nicht alle Konzepte?«, fragte Maina zurück.

Die Frauen und Männer schüttelten wie auf Kommando die Köpfe. »Konzept ist nicht gleich Konzept«, sagten sie im Chor, und die Sprecherin fügte hinzu: »Die anderen haben irrige Ansichten. Nur wir können Ellert/Ashdons Prophezeiungen deuten, wissen die Wahrheit und kennen unsere Bestimmung.«

»Das lässt mich hoffen, dass Herkas mir helfen kann«, sagte Maina.

Die Umstehenden wirkten auf einmal erleichtert, sie lächelten. »Willkommen in unserem Kreis, Schwester.« Die Sprecherin kam heran und umarmte sie. Nacheinander drückten auch die anderen Maina an sich, die außerstande war, den offensichtlichen Irrtum aufzuklären.

»Lasst Maina in Ruhe!«, erklang plötzlich Pamelas Stimme. »Komm ins Haus, Herkas empfängt dich. Wo ist der Junge?«

»Ich nehme an, die vielen Leute haben ihn erschreckt und er ist davongelaufen«, sagte Maina.

»Das geht nicht!«, rief Pamela außer sich. »Sucht ihn! Er darf euch nicht entkommen!«

Die Konzepte kamen dem Befehl sofort nach und verstreuten sich in alle Richtungen.

Maina wurde von Pamela ins Haus geführt. Im Wohnraum saß ein einziger Mann am Tisch.

»Wo ist der Junge?«, fragte er sofort.

»Die anderen werden ihn schon finden ...«

Herkas hieb die Faust auf den Tisch. »Wie konnte er euch entwischen? Ich habe dir gesagt, dass er gefährlich ist! Wahrscheinlich hat er spioniert. Seine Beschreibung passt genau auf jenen Bengel, der sich schon vor Wochen hier herumgetrieben hat. Wie nannte er sich?«

»Jan«, antwortete Maina. »Er ist ein Einer.«

»Das konnte er dir erzählen, aber ich weiß, dass er ein Spion von Dommerjan ist«, herrschte Herkas sie an. »Jan – Dommerjan, das passt zusammen.«

Das war auch Maina schon aufgefallen, nur hatte sie dem keine Bedeutung beigemessen.

»Du brauchst mit mir nicht so zu schreien, Herkas.« Sie setzte sich zu ihm an den Tisch. »Ich bin keiner deiner Jünger, die du herumkommandieren kannst, und ich denke auch nicht daran, meine Eigenständigkeit aufzugeben. Ich vereinige in mir mindestens so viele Bewusstseine, wie du Leute um dich geschart hast.«

Herkas lachte. »Dann bist du gekommen, um uns zu bekehren?«, fragte er belustigt.

»Das ist nicht meine Absicht. Ich habe dich aufgesucht, weil ich mir erhoffe, dass du die Botschaft von ES entschlüsseln kannst. Deine Leute haben angedeutet, du wüsstest, was sie bedeutet.«

»Das weiß ich allerdings«, sagte Herkas wieder ruhiger. Er starrte vor sich ins Leere, als er fortfuhr: »Als ich damals das Doppelkonzept kennenlernte, dachte ich, dass es sich um einen Spinner handele. Inzwischen bin ich überzeugt, dass Ellert/Ashdon wirklich Kontakt zu ES hatte. Und er hat richtig gehandelt, als er EDEN II verließ, um ES zu helfen. Ich hätte damals mitkommen sollen ... aber es ist noch nicht zu spät.«

»Kannst du konkret erklären, in welcher Gefahr sich ES befindet?«

Herkas schüttelte den Kopf. »Das ist doch unmaßgeblich. ES ist in Gefahr, und nur das zählt. Ich habe meine Getreuen versammelt, um eine Rettungsaktion zu starten. Das war während der langen Flugphase von EDEN II; aber man ließ uns in Kantrov nicht ein. Als uns nach dem Ende des Fluges der Vorstoß doch gelang, gab es dort keine Raumschiffe mehr. Alle waren zerstört.«

»Ihr wolltet EDEN II wirklich verlassen?«

»Um ES zu helfen. Aber da es auf unserer Welt keine Raumschiffe mehr gibt, müssen wir einen anderen Weg gehen. Wir werden das Kommando über EDEN II übernehmen und uns mit der Planetenhälfte auf die Suche nach ES machen. Leider sind wir noch nicht stark genug für eine solche Rettungsaktion. Ich werde viel mehr gleich gesinnte Konzepte um mich scharen müssen, um die Steuerzentrale übernehmen zu können. Deshalb ziehen wir bei Tagesanbruch nach Ikarien. Ich hoffe, dort genügend Konzepte anwerben zu können ...«

»Genug!«, unterbrach Maina den Redeschwall. »Ich will dir den guten Willen nicht absprechen, aber ich fürchte, du vergeudest deine Kräfte für ein nutzloses Unterfangen. Weißt du noch nicht, dass EDEN II ins Zentrum der Mächtigkeitsballung vorgedrungen ist? Wir sind am Ziel der langen Reise.«

Herkas blickte sie mitleidig an. »Wo ist ES?«, fragte er.

Maina zuckte mit den Schultern.

»Eben«, sagte Herkas. »Wenn ES nicht da ist, befindet ES sich weiterhin in Gefahr. Wir müssen handeln!«

»Dann aber planvoll und gezielt.« Maina seufzte. »Und ich habe angenommen, du wüsstest wirklich, was mit ES los ist.«

»Ich weiß nur, dass das Warten keinen Sinn hat. Und ich werde EDEN II auf einen neuen Kurs bringen.«

»Herkas!« Der Ruf erklang von draußen, eine geisterhaft hohle Stimme, die aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen schien. »Herkas, kannst du mich hören? Weißt du, wer ich bin?«

Der alte Mann versteifte sich. Langsam richtete er sich auf und ging zur Tür.

»Warum antwortest du nicht?« Die gespenstische Stimme ließ ein höhnisches Lachen folgen.

Herkas stieß die Tür auf. Breitbeinig stellte er sich in den Eingang. »Hier bin ich, Dommerjan!«

Maina blickte überrascht zu Pamela, die sich neben der Tür an die Wand drückte. »Ich dachte, das Konzept Dommerjan sei nur eine Legende«, sagte sie.

Pamela schüttelte den Kopf. »Vater ...« Sie räusperte sich. »Mein Vater hat dieses Konzept begründet. Er hielt sich im Zustand völliger geistiger Verwirrung für die treibende Kraft auf EDEN II und glaubte, alle Bewusstseine in sich aufnehmen zu müssen, um wie ES zu werden. Er hat es geschafft, Dommerjan praktisch zu entvölkern. Nur wir, die wir uns um Herkas geschart haben, bieten ihm Widerstand. Vater ... Dommerjan ist unzurechnungsfähig, er ist die Inkarnation der düsteren Periode unseres Landes ...«

Maina hörte wieder die geisterhafte Stimme, aber da sie sich auf Pamela konzentrierte, entging ihr die Bedeutung der Worte.

»Wenn du so mächtig bist, dann stelle dich mir, Dommerjan!«, rief der Alte. »Was hast du hier zu suchen?«

»Ich will euch alle – und ich hole mir eure Bewusstseine!«, rief die seltsam hohle Stimme zurück.

»Versteckst du dich neuerdings hinter Kindern?«

»Mir genügt ein Körper, und eines Tages werde ich auch diesen aufgeben. Du kannst Pamela ausrichten, dass ihr Vater ausgedient hat. Für mich hat eine neue Ära begonnen, und ich bin fester denn je entschlossen, das ursprüngliche Ziel zu erreichen. Aber ich bin auch bereit, einen Kompromiss zu schließen.«

»Mit dir gehe ich keinen Handel ein«, erwiderte Herkas.

»Höre dir erst meinen Vorschlag an. Wenn du mir Maina überlässt, garantiere ich euch freies Geleit bis zur Grenze von Ikarien. Deine Jüngerschar gegen diese Missionarin, das ist doch ein Geschäft.«

Maina schauderte.

»Warum liegt dir so viel an diesem Konzept?«, fragte Herkas. »Und warum hast du es dir noch nicht einverleibt?«

»Maina ist eine starke Bewusstseinsballung, und ich verabscheue Gewaltanwendung!«, rief Dommerjan. »Aber dieses eine Mal bin ich bereit, von meinen Prinzipien abzuweichen. Du hast viele Helfer, die Maina gefügig machen könnten. Halte sie für mich fest und gib mir die Möglichkeit, sie mir zu unterwerfen. Dann lasse ich euch ziehen.«

Maina war jetzt sicher, Jans Kinderstimme zu erkennen, obwohl er sich verstellte.

»Ich schachere nicht mit Konzepten!«, rief Herkas zurück. »Aber ich frage Maina, was sie will, und ihre Entscheidung werde ich akzeptieren.«

Herkas wandte sich um. »Was wählst du, Maina? Uns oder Dommerjan?«

Sie war außerstande, nur einen Ton von sich zu geben. Es kostete sie sogar übermenschliche Anstrengung, den Arm zu heben und auf Herkas zu deuten. Sie hätte nie geglaubt, dass etwas ihr solchen Schrecken einflößen könnte wie die Aussicht, von einem Kinderkörper aufgesaugt zu werden.

»Maina bleibt!« Herkas schlug die Tür zu. Er wandte sich in den Raum und sagte: »Beim ersten Glimmen der Dommerjan-Sonne brechen wir auf.«

In dieser Schlafperiode machte Maina kein Auge zu. Als Herkas in der Dämmerung des neuen Morgens zum Aufbruch mahnte, stellte sich heraus, dass zwei seiner Anhänger verschwunden waren. Maina wusste, dass für ihr Verschwinden nur das Konzept Dommerjan verantwortlich sein konnte.

Während des ersten Tagesmarschs verlor Herkas zwei weitere Konzepte, und noch bevor sie nach der ersten Nachtrast einem Ikarier begegneten, war ihre Zahl um insgesamt acht auf fünfundsechzig geschrumpft.

»Lass mich allein weitergehen«, schlug Maina ihm vor. »Da Dommerjan es vor allem auf mich abgesehen hat, wird er euch dann in Frieden lassen.«

Herkas lehnte ab. »Wenn du für Dommerjan wertvoll bist, dann bist du es ebenso für uns«, erklärte er.

Ikarien war das Land der Vulkane und unberechenbaren Naturphänomene. Verkohlte Baumstümpfe und Ruinenfelder kündeten jedoch davon, dass das nicht immer so gewesen war.

»Vor dem großen Sprung war Ikarien ein fruchtbares Land«, erzählte Pamela. »Viele Dommerjaner sind während der Wirren in unserem Land hierher ausgewandert. Die Ikarier haben weniger auf eine Verschmelzung ihrer Bewusstseine hingearbeitet, sondern mehr auf Bewusstseinserweiterung. Sie schulten ihren Geist in parapsychischen Disziplinen und wollten latente Psi-Fähigkeiten wecken.«

Als Maina den ersten Ikarier sah, hielt sie ihn für einen Riesenvogel. Erst Pamelas Hinweis, dass es sich um eines der hier heimischen Konzepte handelte, ließ sie genauer hinsehen. Der Ikarier schwebte auf künstlichen Schwingen so majestätisch wie ein Vogel und stieg in einer Spirale höher. Etwas weiter entfernt entdeckte Maina einen zweiten Ikarier, aber er entschwand bald ebenfalls ihren Blicken.

»Wie machen sie das?«, fragte Maina.

»Sie nutzen Gravitationsschwankungen aus«, antwortete Pamela. »Es gibt Gebiete, in denen herrscht zu gewissen Zeiten beinahe Schwerelosigkeit. Dazu kommt, dass Aufwinde an den Vulkanhängen den Flug begünstigen. Mit etwas Übung könntest du das ebenso schaffen. Aber ich warne dich, Maina: Schlage dir diese Fluchtmöglichkeit aus dem Kopf. Du könntest der Sonne zu nahe kommen.«

Maina verstand nicht ganz, was Pamela ihr damit sagen wollte. Sie kannte die Legende von Ikarus, der verbrannte, als er der Sonne zu nahe kam, und sie konnte sich vorstellen, dass der Name der Ikarier davon abgeleitet war. Aber was hatte das mit ihr zu tun?

»Achtung! Gravitationsloch!«

Herkas vollführte einen Riesensprung, während er die Warnung rief. Er legte mit einem Schritt gut fünf Meter zurück und hatte einige Mühe, seinen Sprung abzufangen.

Die Gruppe kam zum Stillstand. Einige versuchten seitlich auszuweichen, aber ihnen erging es dennoch wie ihrem Anführer. Die geringere Schwerkraft schien wie eine Welle über dieses Gebiet hinwegzurollen, sogar Maina fühlte sich plötzlich ganz leicht.

»Sucht euch Felsbrocken, die groß genug sind, um euch zu eurem normalen Gewicht zu verhelfen!« Herkas hob bereits einen Lavablock auf, der unter den üblichen Schwerkraftbedingungen mehrere Zentner gewogen hätte. »Wenn ihr spürt, dass sich die Gravitation wieder normalisiert, lasst die Steine einfach fallen ... He, Maina, was tust du da? Du kannst dir auch bei einem Zehntel das Genick brechen.«

Maina hatte sich mit einem kraftvollen Satz vom Boden abgestoßen und schwebte über die Köpfe der verblüfften Herkas-Anhänger hinweg. Sie flog etwa dreißig Meter weit, und die Genugtuung darüber ließ sie alle Probleme vergessen.

»Maina, Achtung!«, rief ihr Pamela noch zu, als sie auf einen scharfen Grat aus Lavagestein herabsank. Auf einmal fühlte sie sich schwerer werden.

Sie konnte nur noch Arme und Beine schützend von sich strecken, dann folgte ihr Aufprall. Ein heftiger Schmerz durchzuckte ihre Gliedmaßen, sie überschlug sich, schürfte sich dabei die Haut ab und wurde von einem Felsvorsprung schmerzhaft gebremst. Schwärze wogte vor ihren Augen, aber sie raffte sich auf und stieß sich gleich wieder aufs Geratewohl vom Boden ab. Im Schwebeflug stellte sie fest, dass ihre Hände bluteten. Doch das nahm sie in Kauf, um Herkas' Willkür entgehen zu können; sein Weg war nicht der ihre.

»Ihr nach!«, hörte sie Ellert/Ashdons einstigen Weggefährten rufen. »Ihr müsst sie einfangen, koste es, was es wolle. Verteilt euch! Wer sich verirrt oder sonst wie von der Gruppe getrennt wird, versucht auf eigene Faust, nach Askosan zu kommen. Werbt so viele Ikarier wie möglich an. Je mehr wir sind, desto stärker sind wir auch bei den Verhandlungen mit den anderen Konzepten ...«

Im Augenblick galt für Maina, ihren Verfolgern zu entkommen. Sie lernte schnell, sich unter der geringen Schwerkraft fortzubewegen. Dabei hatte sie auch Glück, dass sie nicht wieder in eine Zone mit stärkerer Gravitation kam.

Kühn sprang sie über einen meterhohen Felsbrocken hinweg. Doch hinter dem Hindernis gähnte ein gut hundert Meter tiefer Abgrund. Ein Sturz in diese Tiefe bedeutete auch bei einem zehntel Gravo den sicheren Tod.

Maina schrie. Zum ersten Mal hatte sie wirklich Angst davor, ihren Körper zu verlieren. Sie stürzte in die Tiefe.

Von links kam ein Schatten heran. Sie erkannte einen Ikarier, der ungestüm mit seinen künstlichen Flügeln flatterte. Es schien ein junger Mann zu sein – das erkannte sie noch, ehe er sie erreichte und seine Beine im Flug um ihren Körper schlang. Unter ihrem Gewicht sackte er einige Meter ab, geriet dann jedoch in eine Thermik und flog auf eine ferne Felsspitze zu.

Die Felsnadel stach aus einer zerklüfteten Ebene einige hundert Meter hoch in den Himmel. Schon im Anflug erkannte Maina, dass die schroffen Felswände von Ikariern bevölkert waren. Die meisten hatten ihre Flügel abgeschnallt.

Ihr Retter landete etwa hundert Meter unter dem Gipfel auf einer natürlichen Plattform.

»Danke, Fremder«, sagte Maina. »Du hast mich davor bewahrt, dass ich mich gegen meinen Willen Andersgesinnten unterordnen muss.«

»Ich heiße Soomasen.« Der Ikarier schnallte seine Flügel ab, klappte sie zusammen und stellte sie in eine Felsnische. »Ich war einfach zur richtigen Zeit am rechten Ort. Minuten später hätte ich schon nichts mehr für dich tun können, denn die schwerelose Woge war im Abklingen. Dann wäre dein Bewusstsein ins Reservoir eingegangen.«

Viele Konzept-Stämme glaubten, dass ein Bewusstsein auf EDEN II beim Tod des Körpers in das Sammelbecken zurückfließe, aus dem sie alle gekommen waren. Maina erinnerte sich nicht gern an diese Zeit, als sie in quälender Enge mit Milliarden anderen Bewusstseinen zusammengepfercht gewesen war.

»Ich bin ein Mehrfachkonzept«, sagte sie.

»... und ich bin ein Neuner«, erwiderte Soomasen. »Ich habe schon daran gedacht, freiwillig in das Reservoir von ES zurückzukehren. Aber nun hat die Sonne dich geschickt, und alles sieht wieder anders aus. Würdest du mich als Tauschpartner akzeptieren?«

»Möchtest du in mir aufgehen?«, fragte Maina vorsichtig zurück.

»Nein, so nicht!«, rief der Ikarier lachend. »Als dein Retter habe ich das Recht, die Spielregeln zu bestimmen.«

»Und wie lauten sie?«

Soomasen, der im Schneidersitz neben ihr gehockt hatte, robbte auf seinen muskulösen Armen bis zum Rand der Plattform vor. Erst jetzt bemerkte Maina, dass seine Beine verkrüppelt waren. Sie sah zwar kräftige Muskelstränge, und da er die Beine beugen und strecken konnte, besaßen sie auch einige Gelenkigkeit, doch er gebrauchte sie nicht zum Gehen.

»Wer nicht gehen kann, der schwebt«, erklärte Soomasen, als er Mainas Blick merkte.

»Entschuldige«, sagte sie schuldbewusst.

Der junge Mann ließ wieder sein unbekümmertes Lachen hören. »Wir Ikarier waren nie Fußgänger. Vor dem großen Sprung haben wir uns kraft unseres Geistes fortbewegt. Aber ES wollte es anders und schickte uns in Wellen die Schwerelosigkeit. Seitdem fliegen wir eben.«

Er deutete über die Ebene hinaus. Zwei Ikarier schwebten in beachtlicher Höhe. Maina verspürte ein unangenehmes Ziehen im Körper, weil die normale Schwerkraft vollends zurückkehrte.

»Unter den veränderten Schwerkraftbedingungen werden die beiden abstürzen«, sagte sie erschrocken.

»Keine Angst«, beruhigte Soomasen sie. »Die Männer sind hoch genug, um alle Aufwinde nutzen zu können. Sie werden die Sonne erreichen.«

»Aber dann werden sie verbrennen.«

Der Ikarier gab keine Antwort. Fasziniert beobachtete er die beiden Segler, die noch höher stiegen. Das grelle Sonnenlicht machte ihm nichts aus. Maina hingegen musste die Hand schützend über ihre Augen halten.

»Sie heißen Arlon und Cervai und kennen sich noch gar nicht lange«, erklärte Soomasen. »Eine tiefe Verbundenheit ist zum Bewusstseinssegeln gar nicht nötig. Auch Fremde haben sich schon gefunden. Wer von den beiden, glaubst du, wird gestärkt aus dem Wettflug hervorgehen?«

»Arlon ist um einige Körperlängen voran, ich tippe auf ihn.«

Maina hatte es kaum gesagt, als Cervai auf einmal schnell höher stieg und Arlon überholte. Letzterer schwang ungestüm mit seinen Flügeln, wie um den anderen noch einzuholen. Cervai schien einen Aufwind im richtigen Moment genützt zu haben und flog auf die schon nahe Kunstsonne zu.

Mainas Augen tränten, trotzdem zwang sie sich, den Blick nicht abzuwenden. Cervai war nur mehr ein winziger Punkt, bei Arlon hingegen konnte sie deutlich erkennen, dass er wie verrückt mit den Flügeln ruderte.

»Warum unternimmt Arlon so verzweifelte Anstrengungen, obwohl er einsehen muss, dass er Cervai nicht mehr einholen kann?«

»Die Kunst des Bewusstseinssegelns ist es nicht, die Sonne zu erreichen, sondern sich ihrer Anziehung zu widersetzen«, erläuterte Soomasen. »Arlon hat sich erfolgreicher dagegen gewehrt.«

Maina zuckte zusammen, als sie sah, wie Cervai im Glutball der Kunstsonne verschwand. Arlon war inzwischen tiefer gesunken; ruhig und majestätisch, ohne einen einzigen Flügelschlag, schwebte er zur Felsnadel zurück.

»Arlon hat Cervai in sich aufgenommen.«

Erst jetzt verstand Maina die Bedeutung des Bewusstseinssegelns in ihrer ganzen Tragweite. Die Ikarier näherten sich stets paarweise der Sonne. Es ging darum, sich ihrer Anziehungskraft zu widersetzen und den anderen ins Verderben zu treiben, um dann, wenn er in der künstlichen Lichtquelle verglühte, sein Bewusstseinspotenzial aufnehmen zu können. Es war nicht anders als bei den Oskunern, nur die Methode unterschied sich.

»Wie ist es mit uns?«, fragte Soomasen.

»Ich fürchte, ich kann dir nicht folgen«, sagte Maina.

»Dann geh!« Der Ikarier wies in die Tiefe.

»Ich will dir erklären ...«

»Verlasse diesen Horst.«

Maina fröstelte, als sie sich der Höhe bewusst wurde, in der sie sich befand. Der Abstieg über die steile Felswand war ein beschwerliches Unterfangen, und die Möglichkeit, in den Tod zu stürzen, war größer als die Chance, die Ebene lebend zu erreichen. Aber sie wollte lieber dieses Risiko eingehen. Die Alternative, die Soomasen ihr bot, war gegen ihre Überzeugung.

»Soomasen«, versuchte sie noch einmal, den Ikarier umzustimmen. »Jeder bemüht sich auf seine Weise, im Sinn von ES zu handeln. Deshalb sollte jeder die Haltung des anderen achten.«

»Du hast meine Hoffnung genommen, also nimm auch meine Flügel«, erwiderte der Ikarier unerbittlich. »Verlasse diesen Horst.«

3.

BASIS

»Folge dem Kristall, Pana!«, verlangte Sheila Winter erregt. Sie hielt den in das Ammoniak-Gebilde eingebetteten Fötus in einer optischen Vergrößerung fest.

»Die Funkverbindung zur MEGALIS ist unterbrochen«, erklärte der Pilot. »Wir müssen zurück, sonst sind wir in dem Mahlstrom verloren.«

»Ich will dieses Geheimnis ergründen«, beharrte die Frau. »Es muss eine Erklärung dafür geben, wie ein humanoides Lebewesen in das Ammonier-Kollektiv kommt. Fliege ihm nach!«