Perry Rhodan 133: Die Ewigen Diener (Silberband) - Ernst Vlcek - E-Book

Perry Rhodan 133: Die Ewigen Diener (Silberband) E-Book

Ernst Vlcek

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Beschreibung

Sie sind ein Volk von Robotern, uralt und mächtig. Seit Äonen durchstreifen sie den Kosmos auf der Suche nach ihrem verschollenen Herrn und warten auf dessen Befehle. Eine neue Bestimmung erhalten sie von Vishna, einem mächtigen kosmischen Wesen. Vishna will die Heimat der Menschen zerstören - und die Roboter werden ihr dabei zu wertvollen Helfern. Das Ende für die Terraner scheint unaufhaltsam, obwohl sie sich auf den Angriff vorbereiten konnten. Die schiere Größe der Angreifer hat jedoch niemand erwartet. Dreißig Millionen Lichtjahre entfernt kämpft auch Perry Rhodan ums Überleben. Seine Flotte aus zwanzigtausend Raumschiffen wurde weit in der Galaxis M 82 verstreut. An Bord des Flaggschiffs BASIS folgt Rhodan einem der mysteriösen Silbernen - doch der Gegner lockt ihn in eine Falle ... Die in diesem Buch enthaltenen Originalromane sind: Brutstätte der Synchroniten (1123) von Ernst Vlcek; Das Armadafloß (1124) von Thomas Ziegler; Einsatzkommando Synchrodrom (1125) von H. G. Francis; Der Psi-Trust (1126) von H. G. Ewers; Die Ewigen Diener (1127) von Marianne Sydow; Weltraumtitanen (1128) von Kurt Mahr sowie Aufstand im Vier-Sonnen-Reich (1130) von Thomas Ziegler.

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Nr. 133

Die Ewigen Diener

Cover

Klappentext

M 82

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Milchstraße

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Nachwort

Zeittafel

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

Sie sind ein Volk von Robotern, uralt und mächtig. Seit Äonen durchstreifen sie den Kosmos auf der Suche nach ihrem verschollenen Herrn und warten auf dessen Befehle. Eine neue Bestimmung erhalten sie von Vishna, einem mächtigen kosmischen Wesen. Vishna will die Heimat der Menschen zerstören – und die Roboter werden ihr dabei zu wertvollen Helfern.

Das Ende für die Terraner scheint unaufhaltsam, obwohl sie sich auf den Angriff vorbereiten konnten. Die schiere Größe der Angreifer hat jedoch niemand erwartet.

M 82

1.

Perry Rhodan spürte Übelkeit, und ein Schwindelgefühl überkam ihn. Das Pochen in den Schläfen wurde heftiger. Er taumelte bei jeder Bewegung und wäre fast gestürzt. Zögernd griff er nach dem Zellaktivator an seiner Brust, als könne ihm das eiförmige, lebensspendende Gerät Halt bieten. Erleichtert registrierte er, dass keiner in der Kommandozentrale der BASIS den Schwächeanfall zu bemerken schien.

Bis eben hatte Rhodan sich an der Diskussion beteiligt. Doch das Gespräch war zunehmend abgeflacht, und mittlerweile ging es an ihm vorbei.

»Den Eingeborenen von Nand droht keine Gefahr mehr von den Armadaschmieden«, sagte Roi Danton. »Nach dem Debakel, das der Schmied Warckewn erlebt hat, wird er kaum länger versuchen, die Rohstoffe des Planeten auszubeuten.«

Perry Rhodan hatte das Gefühl, das alles schon mehrmals gehört zu haben.

»Folglich werden die Schmiede andere Welten heimsuchen«, bemerkte Waylon Javier.

Danton fiel dem Kommandanten in die Parade. »Wir können nicht alles verhindern«, erwiderte er.

Die Stimmen verhallten wie in weiter Ferne – das Dröhnen und Pochen in Rhodans Kopf schwoll an. Siedend heiß durchfuhr es ihn. Mit einem Mal schien sein Körper in Flammen zu stehen. Er wollte etwas sagen, um von seinem Zustand abzulenken, nur war er unsicher, ob er alle Gedanken in Worte hätte umsetzen können.

»Aktuell ist für uns das Wichtigste, dass wir mit Basis-One einen Stützpunkt haben, von dem die Armadaschmiede nichts ahnen.« Rhodan gewann den Eindruck, dass er nur ein Krächzen über die Lippen brachte. Das Pochen unter seiner Schädeldecke wurde heftiger. Sein Puls raste. Er stand kurz vor dem Zusammenbruch.

Was geschieht mit mir? Wirre Bilder tanzten vor seinen Augen. Oder entstanden sie direkt im Kopf? Rhodan glaubte, in einer engen Röhre zu liegen. In seinem kahl rasierten Schädel steckten Hunderte Nadeln, der Körper wurde von Strahlenschauern bombardiert. Eine Fülle von Leitungen verband ihn mit der inneren Röhrenwand.

Hitze und Kälte wechselten einander ab. Der Zellaktivator schaffte es nicht, den Ausgleich zu leisten. Rhodan fror und schwitzte zugleich.

»Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand die Vorgänge im Nandsystem mit der BASIS in Zusammenhang bringen wird«, meinte Danton.

Der Mausbiber Gucky räusperte sich. »Mich interessieren die Daten, die du aus dem Abbauroboter erbeutet hast. Wo bleiben die Ergebnisse?«

»Die Hamiller-Tube arbeitet noch daran«, erinnerte Javier. »Die Auswertungen werden in Kürze vorliegen. Vielleicht kann Jercygehl An vorab etwas dazu sagen.«

»Ihr habt euch die Armadaschmiede zu Feinden gemacht«, antwortete der Cygride. »Sie werden nicht ruhen, bis sie eure Flotte vernichtet haben.«

Rhodan musste sich beherrschen, dass er nicht aufschrie. Zum Glück versuchte in diesen Minuten keiner, ihn in das Gespräch einzubeziehen. Er stand in der geräumigen Kommandozentrale der BASIS und fühlte sich trotzdem beengt, in einer unheimlichen Röhre gefangen. Er ahnte die Bedeutung dessen, wollte es aber keinesfalls wahrhaben. Mit aller Kraft wehrte er sich dagegen.

»Perry, was ist los mit dir?«

»Du zitterst ...«

»... und du siehst um Jahrhunderte gealtert aus!«, platzte Gucky heraus.

Rhodan versuchte, dem misstrauischen Blick des Mausbibers auszuweichen, dabei verkrampfte er sich, um keinesfalls zu intensiv zu denken. Die beste Mentalstabilisierung half ihm nicht gegen den Telepathen, sobald er von sich aus seinen Zustand preisgab.

Jäh war alles vorbei. Rhodan fröstelte. Die körperliche Schwäche ließ seine Knie weich werden. »Wir warten das Ergebnis der Datenauswertung ab.« Er bemühte sich, seiner Stimme einen festen Klang zu geben. Dass ihm das kaum gelang, verriet die Reaktion der Umstehenden. Den Freunden konnte er wenig vormachen. Rhodan wandte sich ab. »Auf Basis-One wartet eine Fülle an Arbeit auf mich.«

Er wollte den prüfenden Blicken ausweichen. Außerdem war Gesil auf dem Planeten zurückgeblieben. Er brauchte sie in der Nähe. Gesil fragte nicht, ob es von ihm einen Synchroniten gab. Sie taxierte keinesfalls jede seiner Bewegungen und Handlungen und wollte nicht fortwährend wissen, ob er von einem geklonten Duplikat beeinflusst wurde.

2.

Stoccers Haltung war eine einzige Herausforderung. Der Sreaker trug volle Kampfausrüstung: äußere Arm- und Beinprothesen, die seine Reaktionsschnelligkeit und Schlagkraft vervielfachten, in die außerdem ein Schusswaffensortiment eingebaut war; dazu den eiförmigen Einsatzhelm mit Sensoren für Schutzschirme und Ortungsgeräte. Breitbeinig stand er da, die oberen beiden Arme in die Hüften gestemmt, die Innendaumen der achtfingrigen Hände des zweiten Armpaars in den Gürtel gehakt.

Er war mit eineinhalb Metern nur wenig größer als Vulambar, sein Kommandant, und eine richtige Kämpfernatur. Stoccers Kriegstagebuch war fast ebenso dick.

»Was hast du mir zu melden?«, fragte der Kommandant der Armadaeinheit 3773.

»Der Soldatenflicker ist ein Verräter!«

»Doc Lankar? Das ist eine ungeheure Anschuldigung. Hoffentlich kannst du sie beweisen.«

»Natürlich«, sagte Stoccer. »Er hat dich an die Schmiede verkauft. Wir wissen es von den Armadamonteuren, die an Bord gekommen sind. Lankar hat sie untersucht und für in Ordnung befunden. Aber mir ließ die Sache keine Ruhe, darum leitete ich eigenmächtig eine Analyse ein. Dabei stellte sich heraus, dass diese Monteure von den Silbernen manipuliert wurden und nur ihnen gehorchen.«

»Seitdem wissen die Schmiede, dass uns ihr Infiltrationsversuch bekannt ist?«

»Nein.« Stoccer verzog den violetten Mund zu einem Grinsen. »Wir haben die Demontage der Roboter als Unfall hingestellt. Bei der Auswertung sind wir schließlich auf besagte Information gestoßen. Ich habe die Speicherimpulse in Bildsignale umsetzen lassen. Interessiert dich das Holo? Es ist trotz schlechter Qualität überaus interessant.«

Vulambar gab seinem Assistenten durch einen Wink beider linken Arme zu verstehen, dass er das Bilddokument sehen wollte. Stoccer schaltete den Projektor auf Wiedergabe.

Zunächst wurden nur Farbflecken sichtbar. Erst allmählich fanden die Formen zueinander und zeigten ein Laboratorium, in dem kleinere Armadamonteure Handlangerdienste verrichteten. Das Kommando hatten längliche Wesen auf sechs schwarz behaarten Beinen und mit einem Paar ebenfalls behaarter Arme. »Das sind Schleicher, die Gen-Ingenieure der Armadaschmiede«, erklärte Stoccer.

Einer der Wurmartigen hantierte an einem großen röhrenförmigen Behälter. Nachdem er etliche Instrumente abgelesen hatte, ließ er von dem Armadamonteur, dessen Optik die Szene aufzeichnete, ein Schott öffnen. Der Monteur zog eine Trage aus der Röhre. Auf ihr lag eine nackte Gestalt – ein Sreaker ohne Armadaflamme.

»Das bin ich!«, rief Vulambar. Das Holo erlosch. »Wie ist das möglich? Ist die Ähnlichkeit zufällig, oder handelt es sich um einen Doppelgänger?«

»Es ist ein Synchronite von dir!«, antwortete Stoccer. »Mit seiner Hilfe können die Silbernen Einfluss auf dich nehmen und dich manipulieren.«

»Haben sie das schon getan?«

»Der Synchronite entsteht erst. Sobald er vollständig entwickelt ist, haben dich die Armadaschmiede allerdings in der Hand, Vulambar.«

»So weit werde ich es nicht kommen lassen!«, protestierte der Kommandant. »Wieso können die Schmiede überhaupt eine Kopie von mir erschaffen?«

»Der Soldatenflicker hat ihnen geholfen. Ich bin der Sache nachgegangen und habe den Vorgang rekonstruiert. Die Armadaschmiede brauchten nur eine Zellprobe von dir, um den Synchroniten klonen zu können. Die Probe hat ihnen Doc Lankar übergeben.«

»Wann und wie?«

Stoccer spreizte alle vier Arme ab. »Erinnere dich an deinen letzten Einsatz!«

Nach dem Durchgang der Endlosen Armada durch TRIICLE-9 herrschte heillose Verwirrung. Das Armadaherz war verstummt und Befehle blieben aus, jede Armadaeinheit war auf sich selbst gestellt. Einige verschollene Zylinderschiffe aus Vulambars Einheit sendeten Notsignale aus dem System eines roten Riesensterns.

Vulambar mobilisierte eine kleine Flotte und führte sie an. Das fremde Sonnensystem war bewohnt, die Eingeborenen hatten die versprengten Schiffe der Armadaeinheit 3773 angegriffen. Es kam zu einer Raumschlacht, in deren Verlauf die Sreaker zwar alle Gegner vernichteten, Vulambars Flaggschiff aber einen harten Treffer erhielt und er selbst schwer verletzt wurde.

Nach der Notoperation wandte sich Doc Lankar an den Kommandanten: »Tut mir leid, alter Kämpe, dein Lebensmotor hat versagt. Ich musste ihn gegen ein Kunstherz austauschen. Du hast die Dreißigprozentmarke erreicht.«

Mit anderen Worten: Vulambars Körper bestand nun zu 30 Prozent aus mechanischen Ersatzteilen. Der Armadakommandant nahm es leicht, denn die Kunstpumpe arbeitete besser als sein eigenes Herz.

»Doc Lankar hat dein Herz in eine Kühlbox verpackt und an die Schmiede veräußert«, erklärte Stoccer. »Er unterhält schon länger den Kontakt, und sie haben ihn in der Hand. Lankar übergab dein Herz an Armadamonteure, die es zum Synchrodrom MURKCHAVOR brachten. Dort klonten die Schleicher deinen Synchroniten. Gleichzeitig schickten die Schmiede zehn ihrer Monteure als eine Art Besatzungsmacht an Bord deines Flaggschiffs. Zum Glück konnten wir sie rechtzeitig entschärfen.«

Vulambar reagierte erschüttert. Vor Zorn hätte er die Einheit fast vorschnell Kurs auf das Synchrodrom nehmen lassen, um es zu vernichten. Seine Aggression wuchs so schnell, dass er einen Depressor schlucken musste. »Das ist ungeheuerlich«, empörte er sich schließlich.

»Was wirst du unternehmen?«, fragte Stoccer.

Vulambar dachte nach. »Mir geht es nicht allein um unser Volk und die Armadaeinheit. Das Schicksal der Endlosen Armada steht auf dem Spiel. Das Gerücht, dass die Schmiede ein Komplott planen, bewahrheitet sich. Da das Armadaherz schweigt, sehen sie ihre Stunde gekommen. Stell dir vor, Stoccer, sie könnten mich manipulieren und über mich unsere Flotte befehligen. Sie hätten damit eines der stärksten Kriegerpotenziale zur Verfügung und wären in der Lage, die Macht an sich zu reißen.«

»So weit solltest du gar nicht in die Zukunft blicken«, mahnte Stoccer. »Denk zuerst an dich. Was wirst du tun, um dich zu schützen?«

»Hat der Soldatenflicker die verdiente Strafe bekommen?«

»Er ahnt nicht einmal, dass wir sein Doppelspiel durchschaut haben.«

»Das ist gut. Sicherlich existiert auch von ihm ein Synchronite.«

»Anders ist es undenkbar, dass ein Sreaker sein Volk verrät.«

»Doc Lankar soll weiterhin in dem Glauben bleiben, dass für die Schmiede alles planmäßig verläuft.«

»Dafür sorge ich, Vulambar«, versprach Stoccer. »Doch was wirst du tun? Du musst handeln, um deine Beeinflussung zu verhindern.«

»Ich werde meinen Synchroniten eigenhändig vernichten. Ebenso den von Lankar. Eigentlich alle Synchroniten, die ich erreichen kann.«

»Du willst unsere Flotte gegen die Silbernen in den Krieg schicken? Das könnte unser Ende sein.«

»Ich bin kein solcher Heißsporn«, sagte Vulambar unter der Wirkung des Depressors. »Trotzdem habe ich einen Plan. Ich werde mit einigen Soldaten in MURKCHAVOR eindringen. Wo sind die zehn stillgelegten Armadamonteure?«

»An einem geheimen Ort in einem der Waffenarsenale«, antwortete Stoccer.

»Führ mich hin! Ich sehe sie mir an. Und ich will mit dem besten Waffenmeister unserer Einheit sprechen.«

Curovar war ein Veteran. Er hatte das dickste Kriegstagebuch der Armadaeinheit 3773. Und er war ein 70-Prozent-Cyborg, mehr Maschine als Sreaker. Gerade dieser Umstand machte ihn zum besten Waffenmechaniker. Seit er nicht mehr kämpfen durfte, weil er die Fünfzigprozentmarke überschritten hatte, ging er in seinem Beruf auf.

Unter strengster Geheimhaltung wurde Curovar auf das Flaggschiff AANHOR gebracht. Nachdem der Waffenmeister ausreichend Zeit gehabt hatte, sich mit den zehn abgeschalteten Robotern zu befassen, klärte Stoccer ihn darüber auf, dass diese Monteure von den Schmieden umprogrammiert worden waren.

»Das habe ich auf einen Blick erkannt.« Curovars Kunstaugen blieben ausdruckslos, sein Plastikgesicht zeigte keine Regung. »Was soll ich mit den Renegaten? Habt ihr mich geholt, damit ich sie auf armadatreu rückprogrammiere?«

»Der Kommandant wird dir selbst sagen, was er von dir erwartet.«

Vulambar ließ nicht auf sich warten. »Ich kenne deine Soldatengeschichte und weiß, wann und wo du deine Glieder verloren hast und wie lange dein geniales Gehirn schon in dem Kunstkopf untergebracht ist«, sagte er zur Begrüßung. »Gestatte mir deshalb, dass ich sofort zur Sache komme.«

»Ich mag sowieso keine Heldenlieder.« Curovar konnte es sich erlauben, mit dem Kommandanten der Einheit so zu reden. »Mich interessiert nur, was du von mir erwartest.«

Vulambar deutete mit beiden linken Armen auf die Armadamonteure. »Kannst du sie so umbauen, dass in jedem ein Sreaker Platz findet?«

»Wenn diese Leute nicht größer sind als du.«

»Mich musst du ebenfalls unterbringen«, sagte Vulambar. »Ich muss einen der Roboter steuern und kontrollieren können.«

»Das lässt sich machen.«

»Der Roboter muss darüber hinaus alle Funktionen behalten.«

»Sogar das wird möglich sein.«

»Ich wusste, dass es kein Problem für dich ist«, sagte Vulambar anerkennend. »Diese Monteure, die von den Schmieden umprogrammiert wurden, müssen den Anschein erwecken, dass sie weiterhin loyal sind.«

»Das lässt sich ebenso realisieren – falls ihr Programm nicht gelöscht wurde«, versicherte Curovar.

»Wir haben die Monteure desaktiviert, nicht demoliert«, sagte Stoccer.

»Umso besser«, bemerkte der Waffenmeister.

»Erkennst du, worauf es mir ankommt?«, fragte Vulambar. »Diese Monteure müssen allen Sicherheitskontrollen der Armadaschmiede standhalten. Sie sollen sich im engeren Machtbereich der Silbernen frei bewegen können.«

»Das ist mir klar«, bestätigte Curovar. »Trotzdem: Was du verlangst, ist eigentlich undurchführbar. Armadamonteure sind überaus komplexe Maschinen. Wenn es leicht wäre, diese Technik zu handhaben, hätten einige Armadavölker das längst getan.«

»Die Schmiede sind in der Lage, die Monteure zu manipulieren«, hielt Stoccer dagegen.

»Was die Silbernen fertigbringen, kann ich ebenfalls«, sagte Curovar. »Nur kann ich nicht garantieren, dass meine Kontermanipulation unbemerkt bleiben wird.«

»Wie schätzt du die Chancen ein?«

»Gut, sogar sehr gut. Ich denke, dass diese Armadamonteure als Sreaker-Träger nicht durchschaut werden, solange sie kein eklatantes Fehlverhalten entwickeln. Mit anderen Worten: Viel hängt von dem jeweiligen Insassen ab, der den Roboter steuert.«

»Ich verstehe«, sagte Vulambar. »Mehr habe ich nicht erwartet. Es wird genügen, um unbemerkt ins Synchrodrom einzudringen.«

»Wie viel Zeit habe ich?«, fragte Curovar.

»Gib dein Bestes in der kürzestmöglichen Spanne! Das Schicksal unseres Volks, vielleicht der Endlosen Armada, wird von dir abhängen.«

Der Armadaschmied Verkutzon beendete seinen Rundgang durch MURKCHAVOR vorzeitig. Er war unzufrieden mit dem Ergebnis der Inspektion. Die Schleicher hatten ihr Plansoll erfüllt, jedoch nicht mehr. Sie waren gute Gen-Ingenieure, bessere würde er in der Endlosen Armada kaum finden. Aber sie gaben sich im positiven Sinn passiv. Darunter verstand der Schmied, dass sie weder aggressiv noch aufrührerisch reagierten, alle Befehle befolgten und sich an die Richtlinien hielten. Sie entwickelten nur keine Eigeninitiative.

Manchmal fragte sich Verkutzon, ob es für die Armadaschmiede vorteilhafter wäre, wenn die Schleicher mehr Temperament entwickelten. Er empfand jedenfalls einen starken Widerwillen, als er die Labors und die Synchronitenstation mit seinen beiden Begleitern kontrollierte und ihm die Schleicher von allen Seiten ihre Unterwürfigkeit demonstrierten.

Eigentlich gab es nur eine Sache, die sie aus der Reserve locken konnte, das war ihre Ahnenforschung. Sie betrieben einen fanatischen Ahnenkult, der mitunter bizarre Blüten zeigte. Verkutzon hatte damit ein Druckmittel gegen sie, das er nur nicht überstrapazieren durfte. Wann immer er die Gen-Ingenieure zu rascherer Arbeit zwingen musste, erinnerte er sie an sein Versprechen, ihnen Einblick in die Armadachronik zu gewähren. Sie waren versessen darauf, in der Chronik nach dem Ursprung ihres Volks zu suchen.

Natürlich dachte Verkutzon nicht daran, sein Versprechen jemals einzulösen. Seit seiner Rückkehr nach MURKCHAVOR vor vierzehn Tagen schien das Zauberwort »Armadachronik« einiges an Wirkung eingebüßt zu haben. Wie auch immer, er war mit den Ergebnissen der Ingenieure unzufrieden.

In MURKCHAVOR gab es 326 Synchroniten in den verschiedensten Entwicklungsstadien. Sie waren die Basis für die geplante Machtentfaltung der Armadaschmiede, hauptsächlich Duplikate wichtiger Mitglieder der Endlosen Armada. Und MURKCHAVOR war nur eines von mehreren Synchrodromen, in denen Tausende Synchroniten heranreiften. Alle gleichzeitig im Einsatz, würden sie das Grundgefüge der gigantischen Flotte in weiten Teilen erschüttern ...

Verkutzons Überlegungen stockten, denn einer der Roboter in seiner Begleitung meldete ihm, dass Schovkrodon eine Verbindung wollte.

Verkutzon und Schovkrodon waren gleich groß, von identischer Statur und derselben puppenhaften Glätte. Ihre silbern schimmernde Haut, die sich über das maskenhafte Gesicht und den kahlen Schädel spannte, war porenlos wie eine Kunststoffschicht. Jeder von ihnen hätte Mann oder Frau sein können. Die schwarze, bis zum Hals geschlossene Kombination ließ keine Unterscheidungsmerkmale erkennen.

Wer sehr genau hinsah, fand in Schovkrodons Gesicht einen stärker ausgeprägten Zug der Verbitterung. Verkutzon hingegen zeigte eine gewisse Verschlagenheit. Beide wirkten lauernd und misstrauisch.

Nachdem sich Schovkrodons Holoprojektion stabilisiert hatte, eröffnete er das Gespräch. »Ich habe von den Schwierigkeiten an Bord der Boje GRUNDAMOAR gehört. Immerhin konntest du dich im letzten Moment dem Zugriff der Terraner entziehen. Wir sind zu wenige und dürfen uns keinen Ausfall leisten. Doch unterhalten wir uns über deine Arbeit: Was ist in der Boje vorgefallen?«

Emotionslos berichtete Verkutzon, dass er von dem »befleckten« Weißen Raben die Zellprobe des Kommandanten der Galaktischen Flotte, Perry Rhodan, erhalten hatte. »... Kurz darauf wurde die GRUNDAMOAR von den Terranern gestürmt. Ich zerstörte beide Geräte, die die Terraner dem Befleckten als Preis für eine Armadaflamme übergeben hatten, um ihnen zu demonstrieren, wie wertlos sie für uns sind.«

»War das klug?«

»Es war eine notwendige Machtdemonstration. Für die Terraner waren ›Laires Auge‹ und der ›Ring der Kosmokraten‹ Wunderwaffen. Ihre Zerstörung muss sie annehmen lassen, dass wir über wirkungsvollere Waffen verfügen.«

»Weiter!«

»Das ist alles«, sagte Verkutzon. »Ich brachte Rhodans Genprobe hierher. Die Schleicher arbeiten an seinem Synchroniten.«

»Wann werden wir die Kopie einsetzen können?«, fragte Schovkrodon.

»Einen genauen Zeitpunkt kann ich kaum nennen. Es gibt gewisse Schwierigkeiten, was aber nicht weiter schlimm ist. Schließlich steht uns Perry Rhodans Gewebeprobe weiterhin zur Verfügung, wir können also jederzeit neue Synchroniten von ihm erschaffen.«

»Was sollte schiefgehen?«

»Die Entwicklung des Rhodan-Doppels verläuft nicht ganz nach Wunsch. Die Schleicher meldeten mehrfach Rückschläge. Ich bin mit der Materie nicht so vertraut und muss mich auf die Aussagen der Gen-Ingenieure verlassen. Es scheint, dass es mit dem Zellmaterial Probleme gibt. Dabei geht es wohl um einen genetischen Kode, der bislang nicht entschlüsselt werden kann.«

»Das missfällt mir«, wandte Schovkrodon ein. »Aber ich werde MURKCHAVOR ohnehin einen Besuch abstatten.«

»Du könntest den Reifungsprozess weder beschleunigen noch ihn optimaler steuern als die Schleicher.«

»Ich will deine Arbeit keineswegs kontrollieren«, stellte Schovkrodon klar. »Der Grund, warum ich zum Synchrodrom komme, ist ein anderer. Ich konnte ein weiteres Schiff der Galaktischen Flotte aufspüren und von dessen Kommandanten eine Gewebeprobe bekommen. Einzelheiten darüber später. Ich bringe dieses Zellmaterial ins Synchrodrom, damit deine Gen-Ingenieure einen Synchroniten klonen. Das solltest du als Vertrauensbeweis sehen.«

»Ich fühle mich geehrt«, versicherte Verkutzon. »Und welchen Hintergedanken hast du?«

3.

Der Brutbezirk schloss sich ringförmig um den Kuppelbau, in dem die fertigen Synchroniten untergebracht waren. Dort wurden sie an die Steuerung angeschlossen, die es den Armadaschmieden ermöglichte, die Originalkörper zu manipulieren.

Der Gen-Ingenieur Dam-Krasseur missbilligte die Methoden der Schmiede zwar, hatte indes selbst keine Gewissensbisse oder moralischen Bedenken hinsichtlich seiner Arbeit. Die Originale der Synchroniten blieben für ihn anonym, Schicksale kannte er nicht. Zudem wuchsen die Kopien nur als Zerrbilder ihrer Originale heran, ohne Individualität und vor allem ohne Geist oder Seele. Mit den Manipulationen hatte Dam-Krasseur außerdem wenig zu tun, diese Kontrollfunktion oblag den Schmieden.

Derzeit war der Zytologe für einen einzigen Synchroniten verantwortlich. Verkutzon drängte darauf, dass dessen Fertigung vorangetrieben wurde. Doch es gab unerwartete Schwierigkeiten. »Wie geht es unserem PR?«, erkundigte sich Dam-Krasseur bei seinen Assistenten Hek-Maldoon und Por-Vorschier im Brüter. Die genaue Bezeichnung des Klon-Objekts lautete Perry Rhodan, Terraner/Mensch, Galaktische Flotte, Nicht-Armadist. Das war für den Sprachgebrauch zu lang, deshalb verwendeten die Schleicher die Abkürzung PR.

»Unverändert«, antwortete Hek-Maldoon. »Wir haben von der Anaphase in die Telophase übergeleitet. Der Körper reagiert nur zögernd, der Wachstumsprozess wird trotz wiederholter Beschleunigung weiterhin gehemmt. Es ist das alte Problem: Die meisten Zellen sterben sofort nach der Teilung wieder ab.«

Dam-Krasseur verzog die Atemschlitze, um sein Missfallen zu zeigen.

»Wir sollten Verkutzon bitten, uns neue Originalzellen zur Verfügung zu stellen, damit wir noch einmal beginnen können«, sagte Por-Vorschier.

»Daran liegt es nicht, das wisst ihr beide so gut wie ich«, widersprach Dam-Krasseur. »Das Rätsel, warum die Zellteilung keinen normalen Verlauf nimmt, ist in den Originalzellen selbst begründet. In den Genen muss eine Fehlinformation gespeichert sein, die das Wachstum hemmt. – Lasst mich allein!«

Dam-Krasseur schaltete den Monitor ein, der das Innere des Brüters zeigte. PR war noch weit vom Status eines ausgereiften Synchroniten entfernt. Er wies zwar die groben Merkmale des Originals auf, einen länglichen Rumpf mit einem Kopf und zwei obere sowie zwei untere Extremitäten mit je fünf Fingern oder Zehen, doch waren diese wenig ausgeprägt. Das Gesicht erschien als glattes Oval, in dem sich die verschiedenen Sinnesorgane kaum abzeichneten.

Der Brüter ermöglichte es dem Gen-Ingenieur, die genetischen Informationen jeder Zelle auszulesen. Nach der Entschlüsselung des DNS-Kodes wurde es möglich, das Wesen bildhaft zu rekonstruieren, dem die Urzelle entstammte.

Die Rekonstruktion zeigte einen stattlichen Zweibeiner in aufrechter Haltung, mit starkem Knochengerüst, sehnig und muskulös. Der am oberen Ende dicht behaarte Kopf trug ein Gesicht mit zentralisierten Sinnesorganen, die eine ausdrucksstarke Physiognomie bildeten. PR würde jedoch nie so werden wie das Original.

In der Prophase, also im embryonalen Zustand, waren keine Mängel erkennbar gewesen. Bis dahin hatte das Duplikat sich normal entwickelt. Aber schon die erste Zellprobe hatte gezeigt, dass in den Genen eine Fehlinformation steckte. Es lag gewiss nicht daran, dass es sich bei dem Ausgangsmaterial um Hautzellen handelte.

Dam-Krasseur hatte dem geklonten Duplikat Testmaterial entnommen und daraus eine omnipotente Zellbasis geschaffen. Das Ergebnis war niederschmetternd. Im Gentext sämtlicher Zellen steckte die Information, dass sie uralt seien. Der Synchronite trug den Nachweis eines hohen Alters in sich – seine Zellen »fühlten« sich sozusagen Jahrhunderte alt, deshalb starben viele bald nach der Teilung ab.

Bislang war der Versuch gescheitert, die Gene zu verjüngen. Dam-Krasseur wusste nicht, wie alt Terraner werden konnten, doch war der spontane Alterungsprozess unnatürlich. Die Auswirkungen häuften sich mit fortschreitendem Reifeprozess des Duplikats. Mittlerweile bezweifelte der Zytologe, dass es ihm je gelingen würde, einen vollwertigen Synchroniten Rhodans zu erschaffen.

Diese Befürchtungen sprach er gegenüber Verkutzon natürlich nicht offen aus. Zumal der Armadaschmied das Problem des Terraners endlich lösen wollte. Verkutzon brauchte den Synchroniten, um Rhodan steuern zu können.

»Er muss schon während der Prophase seiner Kopie Auswirkungen an sich selbst wahrgenommen haben«, erklärte Dam-Krasseur. »Je weiter die Entwicklung des Duplikats fortschreitet, desto öfter wird Rhodan unter psychischen und physischen Ausfallerscheinungen leiden.«

»Mich interessieren solche Zufallstreffer nicht«, brauste Verkutzon auf. »Ich will den Kommandanten der Galaktischen Flotte beherrschen. Entweder lieferst du mir innerhalb einer letzten Frist den einsatzfähigen Synchroniten, Schleicher, oder ...« Der Armadaschmied ließ die Drohung offen, aber er sprach das Wort Schleicher wie eine Beschimpfung aus. Und das war es letztlich auch, nicht der Name von Dam-Krasseurs Volk, sondern eine Bezeichnung, die ihnen die Schmiede gegeben hatten, weil sie sich auf den Fußballen ihrer drei Beinpaare absolut lautlos bewegten.

Dam-Krasseur entschloss sich impulsiv, den Wachstumsbeschleuniger auf volle Leistung zu schalten.

Curovar war ein Genie. Der Waffenmeister hatte aus den Armadamonteuren perfekt getarnte Transportmittel für Sreaker gemacht. Am meisten war Kommandant Vulambar davon beeindruckt, dass er seinen Kraftverstärker mitnehmen konnte. Das Kampfskelett war in alle Bestandteile zerlegt und in den Roboter integriert. Diese Veränderungen deckten sich mit dem manipulierten Wissen der Monteure. Demnach waren sie nach ihrem Eintreffen in der Armadaeinheit 3773 an Bord des Flaggschiffs AANHOR versehentlich von Soldaten für Zielübungen verwendet worden. Die Waffenmeister der Sreaker hatten sie danach provisorisch zusammengeflickt.

Die Monteure verfügten weiterhin über ihre originalen Goon-Blöcke, mit denen sie die Entfernung von knapp achthundert Lichtjahren bis MURKCHAVOR im Linearflug zurücklegen konnten.

Obwohl der Flug nicht lang dauerte, wartete Vulambar ungeduldig. Nach dem Ende des Überlichtmanövers befahl er den Soldaten Funkstille und die Einnahme eines Kurzzeit-Depressors. Er konnte es kaum erwarten, seinen Synchroniten zu zerstören, musste sich bis dahin aber beherrschen.

Vulambar fand das Synchrodrom wenig beeindruckend. Es hatte Pilzform. In der Mitte einer runden, etwa 1200 Meter durchmessenden Plattform wölbte sich eine transparente Kuppel. Sie durchmaß um die 400 Meter. Der breite Außenring diente als Landefläche. Zehn kleinere Armadaschlepper standen dort verankert; Roboter erledigten Wartungsarbeiten. Unterhalb der Landeplattform saß eine dicke Röhre und aus dieser ragte ein schlankerer Zylinder weiter nach »unten«. An dem Zylinder waren rundum Goon-Blöcke angeflanscht.

Die Daten erhielt Vulambar von »seinem« Armadamonteur, der die Bezeichnung Murkcha-624 trug. Insgesamt gab es in MURKCHAVOR über zweieinhalbtausend Monteure und mehr als 1400 Gen-Ingenieure.

Abgesehen davon, dass Vulambar die wurmartigen Schleicher als persönliche Feinde ansah, interessierte ihn nur, wie er und seine Leute ins Synchrodrom eindringen und ein Versteck finden konnten. Sein Roboter hatte die Spitze übernommen und überflog die Kuppel. Vulambar sah in der Tiefe ein Gewirr aus technischen Anlagen, zwischen denen sich Armadamonteure und eine Vielzahl unterschiedlichster Wesen bewegten. Keines dieser Geschöpfe trug eine Armadaflamme! Das irritierte Vulambar, doch von seinem Träger erfuhr er, dass es sich um Synchroniten handelte. Sie hatten nie eine Armadaflamme, selbst wenn sie die Kopie von Armadisten waren.

Murkcha-624 landete an der Basis der Kuppel, vor einer Luftschleuse. Nacheinander trafen alle zehn Monteure ein. Gemeinsam identifizierten sie sich an der Schleuse und konnten passieren.

In einem Schacht glitten die Sreaker-Träger in die Tiefe bis zu einer Kontaktstelle des Zentralrechners. An diese schlossen sie sich an. Nach der kurzen Routineüberprüfung schwebten die Armadamonteure in eine Gerätekammer und nahmen Ruhestellung ein.

Vulambar öffnete sein Versteck. Vorsichtig verließ er den Roboter, darauf bedacht, mit der Armadaflamme nirgendwo anzustoßen. Sein größtes Problem war ohnehin gewesen, im Sreaker-Träger ausreichend Platz für die Armadaflamme zu haben, die konstant über ihm schwebte.

»Soldaten, tretet hervor!«, befahl er.

Seine Leute nahmen vor den Trägern Aufstellung.

»Rührt euch!«, gestattete er ihnen. »Wir operieren im Feindgebiet und werden darauf verzichten, in Formation zu kämpfen. Wer von der Gruppe getrennt wird, muss sich eigenständig durchschlagen. Ziel des Einsatzes ist es, mindestens zwei genau definierte Synchroniten zu zerstören. Ich nehme mir das Recht, sie eigenhändig zu vernichten. Darüber hinaus, sobald wir dieses Hauptziel erreicht haben, werden wir die Schmiede schwächen. Wenn nötig, vernichten wir das Synchrodrom. Dabei dürfen wir uns nicht der Fluchtmöglichkeit berauben. Montiert nun eure Verstärker.«

Vulambar tat es ebenfalls. Zuletzt installierte er die Waffen. Als Linkshänder heftete er die beiden Ministrahler an die Unterarmstützen des linken Armpaars. Im Unterarmschaft der oberen Rechten brachte er den Granatwerfer unter. Die sandkorngroßen Granaten entwickelten nur geringe explosive Wirkung, setzten aber eine starke Störstrahlung frei. Das hatte sich beim Entern von Raumschiffen längst tausendfach bewährt.

Vulambar verzog den violetten Mund. Bei diesem Einsatz mussten sie ohne Kampfhelme auskommen, für die in den Trägern kein Platz gewesen war. Doch er plante ohnehin einen Blitzschlag. Es würde mehr Zeit in Anspruch nehmen, später bei der Eintragung ins Kriegstagebuch die knappste Formulierung zu finden.

»Arnibon, hast du die Bombe?«

Der Mineur deutete auf den linken Schuh seines Verstärkers, aus dem ein kurzes Rohr ragte. »Ist abschussbereit, aber noch nicht geschärft!«

Vulambar hob zwei Fäuste als Anerkennung. Er schlüpfte in seinen Verstärker, ließ die Verschlüsse zuschnappen, prüfte den Sitz und schaltete die Energiezufuhr ein. Mit einem Sprung über fünfzehn Meter erreichte er den Ausgang. Die Beinverstärker federten den Aufprall ab. Er stieß die Gleittür auf – und sah sich unerwartet einem Armadamonteur gegenüber. Vulambar reagierte gedankenschnell, schleuderte den Roboter mit einer heftigen Bewegung der linken Arme gegen die Wand und zerstrahlte ihn. Damit habe ich meinen Soldaten den Weg vorgezeichnet, dachte er, und genau so wollte er es im Kriegstagebuch formulieren.

Ich fühle mich ausgezeichnet, mein Verstärker funktioniert wie nie zuvor. Es ist, als pumpe mein mechanisches Herz das Blut nicht durch die Adern, sondern durch das Verstärkerskelett. Ich könnte dieses verdammte Synchrodrom im Alleingang niederreißen. Soll ich es tun? Aber ich habe Erbarmen mit den Soldaten. Sie freuen sich auf den Kampf, da darf ich sie keinesfalls enttäuschen. Zwei Armadamonteure erscheinen – nein, es muss Schmiedemonteure heißen, denn sie stehen nicht im Dienst der Endlosen Armada. Die Schmiede sind machtbesessene Außenseiter. Tod ihnen!

Ich weiche aus, damit die Soldaten freie Bahn haben. Sie schießen gezielt und dosiert. Die ersten beiden Schützen lassen sich zurückfallen und sichern die Flanken, das nächste Glied in der Reihe kommt zum Schuss. Alarm im Synchrodrom! Wir wurden entdeckt und als Eindringlinge eingestuft, das ruft die Schmiedemonteure auf den Plan. Ein Roboter, der den Korridor in der Breite ausfüllt, verstellt den Weg. Er ist ein einziges Waffenarsenal und stinkt nach Panikstrahlung und Individualdemolitoren. Trotzdem hat er keine Chance, denn wir decken ihn mit Dauerfeuer ein. Er verschanzt sich im Schutz eines Energiefelds. Ein Zweitexemplar erscheint plötzlich hinter uns und versperrt uns den Rückweg. Wir zwingen auch diesen Roboter mit permanentem Beschuss zur Passivität. Zugleich schaffen wir uns in der Seitenwand einen Ausgang. Die Soldaten dringen zuerst durch. Ich warte kurz, dann feuere ich Salven in beide Richtungen in den Korridor und folge meinen Leuten. Hinter mir beweisen zwei Explosionen, dass ich die Monteure richtig eingeschätzt habe; sie sind leicht auszurechnen. Diese Roboter mussten einfach ihre Schutzschirme abschalten, als sie nicht länger unter Beschuss standen. Und ich brauchte nicht einmal richtig zu zielen, um sie zu treffen.

Meine Soldaten stehen inzwischen vor einem vertikalen Schacht. Wir müssen nach oben, denn unter der Kuppel sind die Synchroniten. Aber wir haben keine Helme und daher auch keine Antigravaggregate. Das nächste Deck liegt gut sechs Sreakerlängen über uns. Ein Sprung über eine Höhe von neun Metern ist kein Problem, leider durchmisst der Schacht nur sieben Meter, und das macht die Situation schwierig.

Sarlag stellt sich für einen Test zur Verfügung. Ohne zu überlegen, springt er. Sein Verstärker schnellt in die Höhe, doch er verfehlte das obere Deck knapp und stürzt in die Tiefe. Er landet zehn Meter unter uns auf einer Plattform, die mit Ersatzteilen und einem Monteur aufgestiegen ist. Der Roboter hat die Fahrt gestoppt, nimmt uns unter Beschuss. Noch während Sarlags Außenskelett den Aufprall abfedert, zerstrahlt der Soldat den Monteur. Er fährt die Transportplattform zu uns herauf, und wir springen zu ihm über. Sein Verstärker ist angeschlagen, deshalb schicke ich ihn zurück. Sarlag soll bei den Trägern auf uns warten und die Flucht vorbereiten. Es tut mir leid für ihn, aber er hat nur mehr ein Viertel unserer Durchschlagskraft und wird damit zum Hindernis. Neun Sreaker sollten ohnehin genug sein, das Unternehmen zum Erfolg zu führen.

Vulambar sprang von der Plattform, kaum dass sie das obere Schachtende erreichte und anhielt. Hier bewegten sich die Sreaker auf dem Niveau des Landebereichs und der Synchronitenkuppel. Und hier begegneten sie dem ersten Gen-Ingenieur. Vulambar wusste schon, wie er dieses Wesen in seinem Kriegstagebuch beschreiben würde: Es hat einen schwabbeligen Wurmkörper auf sechs schwarz behaarten Beinen. Darauf ein Kugelkopf, in dem vier starre Augen schillern, rund um die Kugel verteilt. Er hat wie ein Sreaker acht Finger an jeder Hand, aber nur zwei dünne Arme. Die acht Zehen an jedem Bein sind zu Pfötchen geballt, richtige Leisetreter ...

Vulambar packte den Schleicher mit einem Bruchteil seiner Kraft und drückte ihn an die Wand.

»Du bist einer von denen, die Synchroniten züchten?« Er lockerte den Würgegriff, dabei achtete er darauf, dass die von zuckenden Hautlappen umrahmte Mundöffnung unterhalb des Kopfes frei blieb. »Ich könnte dich zerquetschen, Schleicher, und das werde ich tun, falls du dich wehrst. Hast du mit den Synchroniten zu schaffen?«

»Ich bin Zytologe«, antwortete der Wurm schrill. »Ich beaufsichtige den Klonprozess, mit den fertigen Synchroniten bin ich nicht befasst.«

»Sieh mich an!«, verlangte Vulambar. »Hast du auch von mir einen Doppelgänger in Arbeit?«

»Du musst der Sreaker aus Brüter 40 sein«, stammelte der Schleicher.

»Sehr wohl, ich bin der Sreaker Vulambar«, grollte der Kommandant der Armadaeinheit 3773. »Führe mich zu diesem Brüter!«

»Ich habe dienstfrei und bin hungrig ...«

»Sind tote Schleicher noch hungrig?« Vulambar drückte seinem Opfer die Projektormündungen der Strahler unter die Atemschlitze.

»Verkutzon wird niemals zulassen, dass ...« Der Zytologe verstummte, weil die Soldaten das Feuer auf mehrere Armadamonteure eröffneten, die einen Überraschungsangriff versuchten.

Vulambar stieß in Siegerpose die linken Fäuste in die Luft. »Verkutzon muss sich zurückhalten, sonst atomisieren wir sein Synchrodrom«, sagte er verächtlich.

»Das würdet ihr nicht wagen.« Der Schleicher ächzte.

»Führ uns endlich zum Brüter 40!«, verlangte Vulambar. Die phlegmatische Haltung des Schleichers machte ihn rasend. »Beeil dich! Wozu hast du sechs Beine? Wie heißt du überhaupt?«

»Dam-Krasseur«, antwortete der Wurmartige. »Ich bin Armadist wie ihr, deshalb verlange ich eine angemessene Behandlung.«

»Ihr Gen-Ingenieure seid die Totengräber der Endlosen Armada. Eure Armadaflammen gehören ausgelöscht. Was ihr im Auftrag der Schmiede tut, ist eines der abscheulichsten Verbrechen.«

»Ich bin Wissenschaftler. Mich interessieren allein die medizinischen Aspekte.«

»Mach es dir nicht zu leicht!« Vulambar versetzte dem vor ihm Gehenden einen Tritt. »Ihr ermöglicht es, dass die Schmiede freie Armadisten nach Belieben steuern können. Hast du nie darüber nachgedacht?«

Dam-Krasseur schwieg.

Vulambar überließ es seinen Soldaten, ihren Weg abzusichern. Er zuckte nicht einmal mit den Daumen, als wieder Armadamonteure erschienen und sie mit Hypnosuggestoren zu beeinflussen versuchten. Nach einem kurzen Schusswechsel herrschte erneut Ruhe. Danach erfolgten keine weiteren Angriffe. Vermutlich hatte Verkutzon befohlen, Kämpfe zu vermeiden, um die wertvollen Anlagen nicht zu gefährden.

Sie erreichten einen Ringkorridor, in dem die großen zylinderförmigen Behälter standen, die Vulambar schon aus Stoccers Holo kannte.

»Wie viele solcher Brüter gibt es?«

»Hundert«, antwortete Dam-Krasseur. »Aber nur ein Bruchteil davon ist in Betrieb ... Du kannst uns Gen-Ingenieure nicht für das verantwortlich machen, was in den Synchrodromen geschieht. Würden wir die Arbeit niederlegen, wäre das unser Tod, und andere müssten für uns einspringen. Uns trifft keine Schuld.«

»Trotzdem werdet ihr zur Verantwortung gezogen«, sagte Vulambar wütend. »Bald wird das Armadaherz sein Schweigen brechen. Dann wird Ordoban euch richten.«

»Die Schmiede sind Ordobans Söhne«, erwiderte Dam-Krasseur, als sei das Rechtfertigung genug. »Sie können nichts Unrechtes tun.« Er blieb vor einem der Zylindergefäße stehen. »Das ist der Brüter 40.«

»Öffnen!«, befahl Vulambar. Er war bereit, seinen Synchroniten zu zerstrahlen und damit den Startschuss für einen Vernichtungsfeldzug zu geben, wie ihn die Armadaschmiede nie erlebt hatten.

Dam-Krasseur zögerte, schließlich löste er den Verschluss. Als die Klappe offen stand, wurde eine Trage ausgefahren. Sie war leer.

»Was soll das?« Vulambar feuerte blind drauflos. »Warum ist der Brüter verlassen?«

»Das kann nur bedeuten, dass dein Synchronite die Interphase erreicht hat und zur Synchronitenstation gebracht wurde«, antwortete Dam-Krasseur. Wie um jede Schuld von sich zu weisen, fügte er hinzu: »Ich habe selbst nichts damit zu tun.«

Vulambar stellte das Feuer ein. Es erleichterte ihn ein wenig, dass der Brüter nun unbrauchbar war. »Was bedeutet das im Klartext?«, fragte er.

Der Zytologe zögerte erneut, bevor er weiter redete: »Das kann nur bedeuten, dass dein Synchronite an die Steuerung angeschlossen wird und danach jederzeit zum Einsatz kommen kann ...«

Zum Einsatz kommen kann ..., hallte es in Vulambar nach, als würde er den Satz schon ins Kriegstagebuch übernehmen.

Es war um den letzten Rest seiner erzwungenen Zurückhaltung geschehen. Er musste den Sturmlauf befehlen. Egal, ob er seinen Synchroniten eigenhändig zerstören konnte oder ob die Kopie mitsamt dem Synchrodrom in einer Explosion vergehen würde. Doch vorher wollte er den verbrecherischen Schleicher hinrichten. Vulambar hob die Waffen – aber er schoss nicht. Er befahl auch nicht den Angriff.

»Ich glaube, wir stehen an einem Punkt, der ein Umdenken erforderlich macht«, sagte er zu seinen Soldaten. Ein Zittern durchlief ihn. »Uns bleibt keine andere Wahl – wir müssen mit Verkutzon verhandeln.«

4.

Perry Rhodan fand auch auf Basis-One keine Ruhe. Natürlich nicht. Warum sollten ihn die Impulse seines Synchroniten auf dem Planeten nicht erreichen?

So schlimm wie diesmal war es vorher in keinem Fall gewesen. Die Rückkopplung wurde so intensiv, dass Rhodan fürchtete, sein Bewusstsein werde in den Körper des Synchroniten gesogen. Oder war alles nur Einbildung? Genügte schon der Verdacht, dass von ihm eine Kopie existierte, für derartige Wahnvorstellungen?

Er kam nicht dagegen an. Rhodan empfand eine seltsame Art von Schmerz. Mit Gesil hatte er längst darüber gesprochen: »Ist es denkbar, dass zwischen dem Synchroniten und mir eine ähnliche Verbindung existiert wie zwischen eineiigen Zwillingen? Sogar über viele Lichtjahre hinweg?«

»Warum nicht«, hatte Gesil geantwortet und beschwichtigend hinzugefügt: »Du solltest nicht ständig an deinen Synchroniten denken. Womöglich ist alles nur ein Bluff.«

Daran konnte Rhodan nicht glauben.

Und nun hatte er Gewissheit, denn die Rollen wurden sozusagen vertauscht. Er sah mit einem Mal durch die Augen seines Duplikats, und die Bilder waren deutlicher als zuvor.

Er hatte die unheimlich enge Röhre verlassen, die ihm klaustrophobische Zustände verursachte. Jemand stieß ihn zu Boden. Er schrie vor Schmerz. Seine Haut war extrem schmerzempfindlich, als lägen alle Nerven blank – die leichteste Berührung tobte wie Feuer durch seinen Körper. Außerdem stimmte etwas nicht mit den Augen, er sah trüb und verschwommen. Der Kopf war derart schwer, dass er ihn kaum heben konnte. In den Ohren summte und dröhnte es.

»Gesil!«, wollte er rufen, doch nur der Gedanke formte sich; der Synchronite brachte lediglich einen unartikulierten Laut über die Lippen. Ein schemenhaftes Wesen huschte davon. Es war grün, lief auf zwei Beinen und schien vier Arme zu haben. Kaum, dass es sich ihm zeigte, war es wieder verschwunden.

»Perry, was ist?«, hörte er die Frau, die mit ihm einen Ehevertrag eingegangen war, über Lichtjahre hinweg sagen. »Wach auf!«

Ja, aufwachen, aber wie?

Die Umgebung schien zu schwanken, als er – eigentlich sein Synchronite – mühsam auf die Beine kam. Ringsum war alles düster. Bedrohlich anmutende Apparaturen und Behälter schimmerten metallen. Was war das für ein Ort?

Der Synchronite gab ein animalisches Krächzen von sich. Es steigerte sich zum Brüllen. Was wollte er sagen? Was konnte er nicht sagen?

Rhodans Schmerz wurde unerträglich. Über ihm erschien Gesils Gesicht. Er wollte sie von sich stoßen, denn er brauchte den engen Kontakt mit dem Synchroniten. Die Schmerzen, das ahnte er, würden in dem Fall wieder nachlassen. Gesil verschwand von selbst – und kam in Begleitung eines Medoroboters zurück. Beruhigend redete sie auf ihn ein; Rhodan hörte es nicht, er erkannte es an ihren Lippenbewegungen. Zugleich senkte sich die Kanüle für eine Hochdruckinjektion in sein Gesichtsfeld. Gesils Konterfei verschwamm ...

Da war ein anderer Mann, er mochte Terraner sein. Jedenfalls hatte er keine Armadaflamme, war nackt. Sein lappiges Fleisch hing faltig vom Körper und wabbelte bei jeder Bewegung. Bei Zweihundertjährigen, die sich nicht geriatrisch behandeln ließen, gab es solche Erscheinungen ...

Der Medoroboter setzte die Injektion an. Rhodan versuchte instinktiv, die Kanüle abzuwehren. Gesil riss erschrocken den Mund auf. Der Greis, den Rhodan zugleich sah, tappte unbeholfen davon, während der Roboter die Spritze ein zweites Mal ansetzte. Rhodan schrie; Gesil schüttelte den Kopf. Weinte sie? Er wollte dem vergreisten Humanoiden folgen, holte ihn aber nicht ein. Inzwischen legte Gesil dem Medoroboter die Hand auf den Kanülenarm, der Roboter wandte sich daraufhin ab.

Der Zweihundertjährige taumelte gegen eine Wand und stützte sich daran ab. Rhodan, wieder fester im Körper des Synchroniten, kam dem anderen Terraner näher.

Perry Rhodan auf Basis-One lag zuckend da, bäumte sich auf, wurde von dem Medoroboter und von Gesil festgehalten. Eine Träne fiel aus ihrem Augenwinkel auf sein Gesicht und löste neuen pochenden Schmerz aus.

Der Synchronite näherte sich dem weiter alternden zweiten Terraner, erreichte ihn, griff nach ihm. Rhodan schrie erneut auf, weil er sah, dass die Haut seines Synchroniten ebenfalls schon wie die eines Zweihundertjährigen ohne geriatrische Behandlung war.

Er legte dem anderen seine Hand auf die Schulter – die Hand war geradezu mumifiziert. Wenn ein Mensch auf natürliche Weise uralt werden konnte, dann musste er so aussehen. Der andere, inzwischen gut tausend Jahre alt, drehte sich langsam um. Rhodan war gespannt darauf, in dessen Gesicht zu blicken. Erwartungsvoll starrte er durch die Augen seines rasch verfallenden Synchroniten, die immer mehr ihre Sehkraft verloren ... Es wurde dunkel um ihn.

Sein Schmerz ebbte allmählich ab, klang nur noch in schwachen Eruptionen nach.

Wenn ich das alles schon durchmachen musste, warum durfte ich nicht wenigstens das Gesicht des anderen sehen? Falls es sich um den Synchroniten eines Terraners gehandelt hatte, hätte er ihn vielleicht erkannt, auch wenn jener zu einem Zweitausendjährigen gealtert war.

5.

Manche Pflichten waren Verkutzon zuwider, doch die Arbeit mit den Synchroniten bereitete ihm Vergnügen. Es war die reine Freude, auf der Klaviatur des zentralen Steuerpults zu spielen und die Duplikate zu lenken und ihre Gegenreaktionen auszuwerten. Der Armadaschmied war der Virtuose, der die Seelenlosen zum Tanzen brachte. Endlich war Generalprobe.

Verkutzon hatte sich das für später aufheben wollen, aber Schovkrodons baldiges Eintreffen machte es nötig. Er musste Bilanz ziehen und womöglich diesen oder jenen Synchroniten eliminieren. Denn Schovkrodon war bekannt dafür, dass er seine Nase in alles steckte. Und wenn er lange suchte, war es durchaus möglich, dass er einiges aufspürte, das nicht im allgemeinen Interesse der Schmiede lag – zum Beispiel Nashtar, Kommandant der Armadaeinheit 103. Bei den meisten würden kleinere Korrekturen genügen, ihre Synchronizität wiederherzustellen. Nicht bei dem Haploiden Nashtar. Er gehörte dem Volk der Weisen an, die sich selbst die »Einfachen« nannten.

Einfach waren sie nicht nur, weil sie ein genügsames Leben führten und geringe Ansprüche an die Technik und andere Errungenschaften stellten, sondern weil ihr Organismus haploid war. Sie besaßen nur eine einzige Extremität, die ihnen zur Fortbewegung und ebenso als Greifwerkzeug diente. Auch nur ein Sinnesorgan, mit dem sie sehen, riechen, hören und sich artikulieren konnten. Ihr Geist arbeitete allerdings mehrspurig; sie waren großartige Denker, eben Weise.

Verkutzon streckte die Arme aus und vollführte mit den Fingern Lockerungsübungen. Physisch fühlte er sich gut, mental war er nicht in der Lage, sich zu entspannen. Trotz kleinerer Rückschläge wie mit dem Duplikat Perry Rhodans hatten sich die Synchroniten bewährt. Sie waren eine solide Basis für die Stunde X, wenn die Schmiede die Herrschaft über die Endlose Armada übernehmen würden.

327 fertige Synchroniten waren an die Steuerung angeschlossen. Bald würden es nur noch 326 sein. Aber bevor sich Verkutzon mit Nashtar beschäftigen wollte, nahm er sich die leichteren Fälle vor.

Es ging nicht allein darum, die Kopien über die Steuerung zu manipulieren. Das hätte die Mühen des Klonens keinesfalls gelohnt. Verkutzon war vielmehr in der Lage, mittels der Steuerimpulse das Gehirn jedes Originalkörpers zu erreichen. Entfernungen spielten dabei keine Rolle, denn alle Impulse wurden in überlichtschnelle Signale umgewandelt. Auf diese Weise war es möglich, jedes intelligente Lebewesen zu manipulieren, von dem ein Synchronite existierte, es zu bestrafen und nötigenfalls zu töten.

Damit nicht genug, fand zwischen Original und Synchronite eine Rückkopplung statt. Das bedeutete, dass aus den Reaktionen eines Duplikats zu erkennen war, wie der Ursprungskörper reagierte. Etliche Synchroniten hatte Verkutzon so beeinflusst, dass sie nur dann Befehle an ihre Originale weiterleiteten, wenn er einen Kode verwendete. Diesen Kode musste Verkutzon nun löschen, damit Schovkrodon ihm nicht auf die Schliche kam. Später konnte er den Zustand wiederherstellen.

Verkutzon kam schnell voran. Nur der Fall des Nashtar-Synchroniten war kompliziert. Er hatte den Haploiden zu seinem persönlichen Kriegsstrategen gemacht, und das würde Schovkrodon keineswegs gefallen. Deshalb lenkte er die Kommandoplattform in den entsprechenden Sektor und verankerte sie.

Der Synchronite des Haploiden hatte eine unterentwickelte Extremität, er konnte damit weder gehen noch greifen. Sein Körper war eine unförmige Fleischmasse und ruhte in einer Schale mit einer Aussparung für den ständig zuckenden Fortsatz. Das Sinnesorgan war ebenfalls verkümmert und gab unartikulierte Laute von sich.

Verkutzon hatte den Synchroniten selbst erschaffen und während des Klonens gewisse Gen-Deletionen vorgenommen, die diese physischen Deformationen verursacht hatten. Nur das Gehirn des Synchroniten entsprach in jeder Hinsicht dem Original.

Verkutzon schaltete die Automatik aus, stellte die direkte Verbindung mit Nashtar her und aktivierte die Rückkopplung. Die unförmige Masse in der Schale zitterte. Das an der höchsten Körperstelle eingebettete Multiorgan öffnete sich und setzte eine gelbliche Flüssigkeit frei.

Der Kontakt zu Nashtar war hergestellt. Verkutzon las die Werte der Rückkopplung ab und ließ sie in Bilder und Töne umsetzen. Ein Schattenriss erschien auf dem Monitor, ein Phantombild des Originalkörpers, der bewegungsunfähig in einem fahrbaren Untersatz ruhte. Dieses körperliche Gebrechen war durch Rückkopplung vom Synchroniten aus übertragen worden. Verkutzon hatte das nicht beabsichtigt, es aber auch nicht verhindern können.

»Ach, Verkutzon hat sich meiner wieder erinnert«, erklang es aus dem Lautsprecher. Der Haploide war einer der wenigen, mit denen Verkutzon über das Duplikat akustische Verbindung aufnehmen konnte. »Welche Weisheit wird diesmal von mir verlangt? Willst du hören, was du tun musst, um Ordobans Platz einzunehmen?«

»Der Spott wird dir bald vergehen«, schimpfte Verkutzon. »Du hast so gut wie ausgelitten. Es sei denn, du ersinnst eine Möglichkeit, wie ich die Patenschaft über dich auch ohne Synchroniten beibehalten kann.«

Aus der Datenfülle las Verkutzon ab, dass sich der Haploide mit seinem Raumschiff im Zentrum seiner Armadaeinheit aufhielt. Nashtar selbst hielt sich mit seiner Fahrhilfe in der Kommandozentrale auf und war umgeben von einer Vielzahl anderer Haploiden.

»Ich wüsste schon, wie du dich meiner ohne den Vermittler weiterhin bedienen könntest«, sagte Nashtar nach einer etwas längeren Pause. Sein Synchronite erstarrte dabei zur Bewegungslosigkeit. »Du könntest meinen Körper, oder auch nur mein Gehirn, zum Wachsen bringen. Ich bin sicher, dass ihr Armadaschmiede das Geheimnis der Hypersomie kennt. Habt ihr nicht einst Kruste Magno, Kruste Vendor und all die anderen Krusten erschaffen?«

Verkutzon gab darauf keine Antwort. Er registrierte, dass der Synchronite in konvulsivische Zuckungen verfiel, als Nashtar schwieg. Dann redete der Haploide erneut, sein Synchronite wurde starr.

»Du könntest der Schöpfer von Kruste Nashtar werden und sie zu einer uneinnehmbaren Festung ausbauen«, behauptete der Haploide. »Mein Gehirn in Raumschiffgröße. Und mein Genie in dieser Größenordnung potenziert! Du würdest mächtiger sein als das Armadaherz.«

»Ein verlockender Gedanke«, bestätigte Verkutzon. Gleichzeitig nahm er eine Reihe von Berechnungen vor. Der Synchronite zuckte heftiger. Jäh stieß er sich mit seiner Extremität aus der Schale und fiel zu Boden. Verkutzon stellte erschrocken fest, dass der Impuls dafür von Nashtar gekommen war.

»Was hast du vor, verdammter Haploide?«

»Ich?«, fragte Nashtar zurück. »Was sollte ich tun können? Ich bin dein Sklave, dir auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ...« Er verstummte, und der Synchronite tobte wieder – so sehr, dass sich diesmal einige Kontakte lösten.

Verkutzon erkannte die Absicht. Es war Nashtar gelungen, vermutlich durch eine Einrichtung seiner Fahrhilfe, Gedankenbefehle an die Synchroniten-Steuerung zu schicken und auf den Klon zu übertragen, kurzum, die Rückkopplung umzukehren.

»Du sagst es, Nashtar, ich kann Verderben über dich bringen!« Verkutzon löste den Tötungsimpuls aus.

Der Synchronite bäumte sich noch einmal auf. Für einen Moment stand er auf seiner Extremität, obwohl alle Körperfunktionen angehalten waren, dann brach er leblos zusammen.

Nashtars Schattenbild löste sich auf, die Gehirnströme verebbten. Der Haploide war zeitgleich mit seinem Duplikat gestorben.

Das Problem Nashtar existierte für Verkutzon nicht mehr. Ihm war unklar, ob der Haploide in der Lage gewesen wäre, das Synchrodrom zu gefährden. Aber schon die Tatsache, dass er Macht über seinen Synchroniten bekommen hatte, flößte Verkutzon Unbehagen ein. Er würde sich vorerst von jedem Haploiden fernhalten und sich später besser absichern müssen.

Alarm klang auf. Zuerst glaubte Verkutzon an einen Fehler, der durch den Zwischenfall mit dem Haploiden ausgelöst worden war. Doch Armadamonteure meldeten ihm, dass Eindringlinge das Synchrodrom stürmten. Sie hatten sich auf Höhe der Goon-Blöcke Zutritt in die Station verschafft und bahnten sich mit Waffengewalt einen Weg nach oben.

Die Überwachung lieferte die ersten Bilder. Verkutzon sah, dass die Angreifer in einem Materialschacht auf einer Transportplattform aufwärts schwebten und sich dem Deck mit den Synchronitenbüchern näherten. Dass es sich um Armadisten handelte, überraschte ihn. Sie waren kleinwüchsig und grünhäutig, hatten vier Arme und zwei Beine. Statt Kampfanzügen trugen sie eine Art Metallskelett, in das Waffen eingebaut waren.

»Sreaker!« Verkutzon zweifelte nicht daran, dass er es bei den Eindringlingen mit Mitgliedern des Soldatenvolks der Armadaeinheit 3773 zu tun bekam. Die Sreaker waren Kämpfernaturen, wie man sie kaum ein zweites Mal in der Endlosen Armada fand.

Nicht umsonst hatten die Schmiede größten Wert darauf gelegt, Synchroniten der führenden Sreaker zu erschaffen. Verkutzon entsann sich, dass man den Biotechniker Lankar und neuerdings auch den Kommandanten Vulambar manipulieren konnte. Umso mehr verblüffte es ihn, dass ausgerechnet Sreaker in MURKCHAVOR eindrangen.

Das würde Konsequenzen für die Armadaeinheit 3773 haben. Doch bevor sich Verkutzon sich darüber Gedanken machte, stellte er den Kontakt zu dem Vulambar-Synchroniten her. Die Kommandoplattform brachte ihn zu jener Sektion, in der das Duplikat des Sreaker-Kommandanten erst kürzlich an die Steuerung angeschlossen worden war. Verkutzon musste feststellen, dass die Steuerung zwar aktiviert, aber noch nicht programmiert war.

Ein Monitor zeigte, dass die Sreaker das Deck mit den Brütern erreichten und einen Schleicher als Geisel nahmen. Ausgerechnet Dam-Krasseur, den Zytologen, der für Perry Rhodans Synchroniten verantwortlich war.

Verkutzon befahl den Armadamonteuren, Kämpfen vorerst aus dem Weg zu gehen, um die Brüter nicht zu gefährden. Danach stellte er den Synchronkontakt zu Vulambar her, um von ihm zu erfahren, was der Überfall bedeutete. Diese Sturmtruppe handelte keinesfalls ohne das Wissen ihres Kommandanten.

Der Kontakt stand sofort. Verkutzon bemerkte schon bei der Auswertung der ersten Impulse, dass etwas anders verlief als erwartet. Sie waren unglaublich stark, als befände sich der Sender in nächster Nähe ...

Vulambar hielt sich im Synchrodrom auf und führte die Soldaten an! Er ließ sich von Dam-Krasseur zum Brüter 40 bringen, in dem sein Doppel herangewachsen war. Natürlich war der Brüter leer. In seinem Zorn richtete Vulambar die Waffen gegen den Schleicher, da schaltete sich Verkutzon ein. Der Synchronite gab den Befehl weiter, die Waffen zu strecken.

In der Situation wurde das Eintreffen Schovkrodons gemeldet.

»MURKCHAVOR sieht aus wie ein Schlachtfeld«, sagte Schovkrodon zur Begrüßung. »Was war los?«

»Ein Armadist hat versucht, an seinen Synchroniten heranzukommen und ihn zu zerstören«, berichtete Verkutzon. »Die Angelegenheit ist bereinigt.«

»Trotzdem – dass so etwas überhaupt geschehen konnte«, tadelte Schovkrodon.

»Ich fertige ein Protokoll über den Vorfall an«, sagte Verkutzon. »Bei der nächsten Sitzung soll darüber befunden werden, ob ich mich einer Nachlässigkeit schuldig gemacht habe. MURKCHAVOR ist eines der am besten gesicherten Synchrodrome.«

Schovkrodon winkte ab. »Wir haben Wichtigeres zu tun. Ich erinnere dich an die Gewebeprobe, die von einem der terranischen Kommandanten stammt. Ich will, dass der Klonprozess sofort begonnen und extrem beschleunigt wird. Die Entwicklung soll dem des Rhodan-Synchroniten angeglichen werden.«

»Ich habe den Brüter neben Rhodan räumen lassen, um beide Synchroniten parallel entwickeln zu können«, erklärte Verkutzon. »Die Vorarbeiten übernehme ich selbst.«

»Höre ich recht?« Schovkrodon stutzte. »Ich dachte, du hältst auf deine Schleicher große Stücke. Trotzdem machst du die Arbeit selbst?«

Verkutzon zögerte, bevor er den wahren Grund für seine Handlungsweise eingestand. »Dam-Krasseur, der Gen-Ingenieur, der den Rhodan-Synchroniten betreut, hat dienstfrei. Er hat eine Gefährtin gefunden, und beide haben sich zu einem gemeinsamen Sohn entschlossen. Das Zeremoniell ist derzeit im Gang.«

»Ich kritisiere dich nicht gern, aber du lässt den Schleichern zu viele Freiheiten. Ein Wunder, dass sie überhaupt Zeit für die Synchroniten finden. Nun nimmst du sogar auf ihre Familienplanung Rücksicht, obwohl ein Dringlichkeitsfall vorliegt. Das geht zu weit!«

»Meine Schleicher leisten perfekte Arbeit, du wirst keine besseren Gen-Ingenieure finden«, widersprach Verkutzon. »Sie sind so gut, weil ich gewisse Zugeständnisse an ihre Sitten mache. Und die Familienplanung, über die du spottest, sorgt für ein Ausleseverfahren. Das ist Genetik in Vollendung. Jede neue Schleichergeneration bringt mehr Genies hervor als die vorangegangene. Davon profitieren wir.«

»Ich fürchte, dass du darüber die Kontrolle verlierst, und das wäre schlimm für uns alle«, sagte Schovkrodon. »Nimm sie fester in den Griff! Als geniale Gen-Spezialisten könnten sie für Nachkommen mit den Fähigkeiten sorgen, sich gegen uns zu erheben. Diktiere ihnen, welche Veranlagung ihre Retortenkinder haben sollen!«

Dam-Krasseur wandte sich dem Positronenmikroskop zu. Der Monitor zeigte die eingelegte Gewebeprobe in starker Vergrößerung.

Der Gen-Ingenieur hatte einige Experimente eingeleitet, um die Reaktionen des Zellgewebes auf harte Strahlung und andere Reize zu erkennen. Er wollte eine Mitose einleiten, aber die Zellen teilten sich nicht, sie waren abgestorben. Dasselbe Ergebnis hatte der Versuch bei der Rhodan-Probe ergeben. Warum reagierten die Zellen der Terraner so extrem? Sie waren unberechenbar.

Wenigstens konnte Dam-Krasseur die Erfahrungswerte mit dem Rhodan-Synchroniten beim Klonen des anderen Terraners einsetzen. Deshalb hatte er unter Einsatz des Wachstumsbeschleunigers rasch die ersten drei Entwicklungsstadien überwunden. Nun ging es in die nächste Phase.

Dam-Krasseur war bei seinem letzten Blick in den Brüter zutiefst erschrocken. Das halb fertige Gesicht des neuen Terraner-Synchroniten zeigte narbenähnliche Wucherungen – als seien die Hautzellen zu bösartigen Krebsgeschwüren entartet. Eine Untersuchung im Labor ergab jedoch, dass es sich um keine unkontrollierte Mutation handelte. In den Genen war die Information für diese Narben gespeichert. Der Terraner musste irgendwann an einer Seuche erkrankt sein, die ihn fast das Leben gekostet hatte. Seitdem trug das Original diese Narben. Die Infektionsträger waren in den Zellen eingelagert, wenngleich so abgekapselt, dass sie keine erneute Infektion hervorrufen konnten.

Dam-Krasseur nannte den neuen Terraner-Synchroniten »Narbengesicht«.

Es war bald nach der Gefangennahme der Eindringlinge. Auf dem Weg in seine Unterkunft kam Dam-Krasseur in den Trakt der Sreaker. Der Gen-Ingenieur wunderte sich nicht, dass ihm Vulambar begegnete. Er wusste, dass der Kommandant der Armadaeinheit 3773 unter dem Einfluss seines Synchroniten stand und deshalb keine Bewachung nötig war.

»Ich erkenne dich wieder, Dam-Krasseur«, sagte Vulambar, der ohne sein stützendes Metallskelett gebeugt und mit schleppendem Schritt ging. Zu dieser Körperhaltung trug allerdings auch der Einfluss des Synchroniten bei.

Dam-Krasseur empfand auf einmal Mitleid mit dem Soldaten. Genau genommen war er an Vulambars Schicksal schuld – er und alle anderen Gen-Ingenieure, die Duplikate erschufen.

»Ich trage dir nichts nach«, fuhr Vulambar fort. Die Armadaflamme folgte der schwankenden Bewegung seines Kopfes. »Ich weiß nun, dass die Schmiede hochgesteckte Ziele haben. Sie können die Endlose Armada vor dem Untergang retten, und dafür müssen wir alle Opfer bringen.«

Dam-Krasseur krampfte sich zusammen. Er fühlte sich elend. Am Schicksal des Sreakers, an dessen körperlichem und geistigem Verfall, konnte er erst ermessen, welches Verbrechen die Gen-Ingenieure mit ihrer Arbeit an aufrechten Armadisten begingen. Ohne seinen Synchroniten wäre Vulambar ein stolzer Kämpfer gewesen, der sich nicht scheute, gegen die Armadaschmiede Krieg zu führen. Wäre Vulambar Herr über sich selbst geblieben, hätte er seinen Sturmlauf durch das Synchrodrom fortgeführt.

»Ihr Gen-Ingenieure seid die Totengräber der Endlosen Armada!«, hatte Vulambar bei ihrer ersten Begegnung gesagt. Dieser Vorwurf arbeitete seitdem in Dam-Krasseur und ließ ihm keine Ruhe.

»Bist du nicht mehr der Meinung, dass wir Ingenieure unter dem Mantel der Wissenschaft ein abscheuliches Verbrechen begehen?«, fragte er.

»Dieser Meinung kann ich nie gewesen sein«, antwortete der Sreaker. »Sobald ich zu meiner Armadaeinheit zurückkehre, werde ich die Soldaten für den Feldzug der Armadaschmiede rüsten. Die Zeit des Armadaherzens ist vorbei.«

Nachdenklich ging Dam-Krasseur zu seiner Arbeit zurück.

Er wagte es nicht, noch einmal persönlichen Kontakt mit den Sreakern aufzunehmen. Aber in einer anonymen Botschaft ließ er sie wissen, wo ihre Verstärker untergebracht waren und dass sie mit ihrer Befreiung rechnen konnten.

Dam-Krasseur arbeitete einen Plan aus. Viel schneller als erwartet, sah er den Zeitpunkt gekommen, sein Vorhaben zu verwirklichen.

Er hatte gewartet, bis Verkutzon sich zur Besprechung mit Schovkrodon zurückzog. Von den Armadamonteuren drohte ihm keine Gefahr, sie identifizierten ihn und ließen ihn passieren. Deshalb erreichte Dam-Krasseur ungehindert den Sektor, in dem der Vulambar-Synchronite an die Steuerung angeschlossen war.

Was für eine erbärmliche Kreatur!, dachte er. Dieses Duplikat sah dem Originalkörper noch weniger ähnlich als andere, weil es keinerlei Prothesen an sich hatte. Vulambars Körper bestand zu 30 Prozent aus mechanischen Ersatzteilen, und diese ließen sich nicht klonen. So wurde, getreu der Gen-Information der Sreaker-Zelle, ein rein organisches Wesen erschaffen – eine ganz und gar erbärmliche Kreatur. Dam-Krasseur schämte sich für seine Tätigkeit. Er war in der Tat so etwas ein Totengräber der Endlosen Armada ...

»Ich bin es gewesen«, berichtigte er sich.

Er ging zur Steuerung und löste einen wichtigen Kontakt. Anschließend unterbrach er alle Zuleitungen von der Versorgungseinrichtung und sabotierte die Energiezufuhr für die Bestrahlung. Er wartete einige Atemzüge, weil er sehen wollte, wie der Sreaker-Synchronite immer mehr verfiel. Zuletzt verursachte er einen Kurzschluss, der einen Brand auslösen und alle Spuren der Sabotage verwischen würde.

Schließlich kehrte Dam-Krasseur an seinen Arbeitsplatz zurück. Er fühlte sich gelöst und erleichtert. Vielleicht hatte er soeben den Grundstein für ein Umdenken seines Volks gelegt.

Vulambar fühlte sich auf einmal frei, wie von einer unsäglichen Qual erlöst. Ein wenig müde war er noch, und sein Lebensmotor war offenbar durch Fernsteuerung gedrosselt worden. Aber als er sich seiner Lage bewusst wurde, erwachte allmählich wieder die Aggression. Er musste einen Depressor schlucken, um sich nicht durch den aufwallenden Bewegungsdrang zu verraten.

Er wusste nicht genau, was die Gen-Ingenieure mit ihm angestellt hatten. Immerhin vermutete er, dass er seine überwundene Lethargie dem Synchroniten zuschreiben musste.

Es war keineswegs zu spät, den Klon zu vernichten ... Aber welchem Umstand verdankte er die wiedergewonnene Freiheit? Oder handelte es sich um eine Falle der Armadaschmiede?

Vulambar suchte den Gemeinschaftsraum auf, in dem die Soldaten untergebracht waren. Er wunderte sich, dass vor der Tür kein Armadamonteur Wache hielt. Als er öffnete und eintreten wollte, stürzte sich ein Sreaker in voller Kampfausrüstung auf ihn. Der Verstärker verlieh dem Angreifer eine solche Geschwindigkeit, dass Vulambar nicht einmal für eine Abwehrbewegung Zeit fand. Er wurde in den Raum gezerrt und in den Kreis seiner Leute gestellt. Alle trugen ihre Verstärker.

Aber sie waren nur acht. Vulambar blickte in die Runde. »Wo ist Sarlag?«, drängte er.

»Sarlag wartet bei den Träger-Monteuren auf uns«, antwortete der Mineur Arnibon. »Du selbst hast ihn zurückgeschickt. Erinnerst du dich nicht?«

»Hast du die Bombe?«, fragte Vulambar.

»Wir haben unsere gesamte Ausrüstung in dem Versteck gefunden«, antwortete Arnibon. »Nur die Bombe fehlte. Wir haben auch deinen Verstärker, Vulambar. Schade, dass du ihn nicht tragen wirst. Wir wissen, dass du von dem Synchroniten beherrscht wirst. Darum werden wir dich betäuben, bis ...«

»Idiot!«, fuhr Vulambar den Mineur an. »Kapierst du nicht, dass ich frei bin?« Er holte mit dem oberen Armpaar aus, um Arnibon ins Gesicht zu schlagen. Aber der Verstärker verhalf dem Mineur zu extremer Reaktionsschnelligkeit, er wich dem Schlag aus.

»Mehr Disziplin, Sreaker!«, herrschte Vulambar die Soldaten an. »Ihr benehmt euch wie ein Haufen Wilder. Gut, dass ich rechtzeitig eingetroffen bin, um das Kommando zu übernehmen. Gebt mir meinen Verstärker.«

»Wie ist das möglich?«, fragte Lannam misstrauisch. »Wie konntest du dich dem Einfluss des Synchroniten entziehen?«

»Wie seid ihr an die Verstärker gekommen?«, fragte Vulambar zurück.

»Wir bekamen einen anonymen Hinweis und brauchten sie nur abzuholen«, antwortete Penkerol.

»Dann überlegt endlich, wer unser Gönner sein könnte«, fuhr Vulambar auf. »Haben wir einen einzigen Freund in diesem Synchrodrom? Nein. Wer kann also daran interessiert sein, dass wir fliehen? Mir fällt nur Verkutzon ein.«

»Warum sollte der Armadaschmied deinen Synchroniten ausschalten und uns zur Flucht verhelfen?«, fragte Nangera.

»Wenn es heißt, dass Soldaten nicht zu denken brauchen, dann ist damit gemeint, dass sie Befehle zu akzeptieren haben«, sagte Vulambar giftig. »Manchmal dürfen sie ihr Gehirn allerdings einsetzen. Glaubt ihr nicht, dass diese miesen Schleichen von uns allen Zellproben genommen haben? Wahrscheinlich arbeiten sie längst an unseren Duplikaten. Verkutzon lässt uns zu unserer Einheit zurückkehren, und irgendwann werden die Synchroniten uns allen seinen Willen aufzwingen. Das ist der Plan der Silbernen.«

»Was sollen wir dagegen tun?«, fragte Arnibon.

»Was schon?«, spottete Vulambar. »Wir räumen in diesem Synchrodrom ordentlich auf. Selbst wenn wir MURKCHAVOR nicht sprengen können, werden die Schmiede nach unserem Angriff vor Ruinen stehen.«

Die Sreaker brachen in Triumphgeheul aus.

Ihr Freudentaumel wurde vom Alarm unterbrochen.

»Gilt das uns?«, fragte Penkerol.

»Und wenn schon.« Vulambar fühlte sich so stark, dass er glaubte, das Synchrodrom allein erobern zu können. Dieser Einsatz würde einige Seiten in seinem Kriegstagebuch füllen.

Wir öffnen die Gefängnistür. Zwei Soldaten stürmen hinaus, um eventuelle Gegner abzulenken. Die nächsten zwei folgen, geben den vorangegangenen Rückendeckung. Aber da sind keine Monteure der Armadaschmiede zu sehen. Der Alarm hat also nicht uns gegolten. Rätselraten. Vielleicht hat Stoccer Verstärkung geschickt und greift mit einer kleinen Flotte das Synchrodrom an. Doch dafür gibt es keine Anzeichen.

Wir stürmen durch den verlassen wirkenden Wohnbezirk. Es hat keinen Sinn, länger hier unten herumzuirren. Wir müssen hinauf zu den Brütern, der Synchronitenstation und zu Verkutzons Hauptquartier. Ein Zweikampf gegen einen Armadaschmied! Wann erhält ein Sreaker schon diese Gelegenheit?