Perry Rhodan 2993: Das bittere Aroma der Gestirne - Susan Schwartz - E-Book

Perry Rhodan 2993: Das bittere Aroma der Gestirne E-Book

Susan Schwartz

0,0

Beschreibung

Gut dreitausend Jahre in der Zukunft: Perry Rhodan hat nach wie vor die Vision, die Milchstraße in eine Sterneninsel ohne Kriege zu verwandeln. Der Mann von der Erde, der einst die Menschen zu den Sternen führte, möchte endlich Frieden in der Galaxis haben. Davon ist er in diesen Tagen des Jahres 1552 Neuer Galaktischer Zeitrechnung allerdings weit entfernt: In der von der Superintelligenz ES verlassenen Milchstraße machen sich Boten anderer Superintelligenzen breit, ebenso alte Feinde von ES und neue Machtgruppen. Das größte Problem der Milchstraße ist dabei gewiss der Weltenbrand, den sich der skrupellose Adam von Aures für seine weitreichenden Pläne zunutze machen will. Beigelegt scheint indes der Konflikt mit den Thoogondu, einst ein von ES unterstütztes Volk, das von der Superintelligenz verbannt wurde und seit Jahrtausenden in der fernen Galaxis Sevcooris auf seine Rückkehr wartet. Mittlerweile ist mit der neuen Herrscherin ein neues Zeitalter angebrochen, und friedliche Koexistenz und Partnerschaft rücken in greifbare Nähe. Bleiben die Gemeni als Repräsentanten der schlafenden Superintelligenz GESHOD, die angeblich ein Mündel von ES ist. Aber wie passt das Verhalten der Gemeni zu dieser Aussage? Perry Rhodan sucht den Kontakt zu den Gemeni – und schmeckt beinahe selbst DAS BITTERE AROMA DER GESTIRNE ...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 153

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Nr. 2993

Das bittere Aroma der Gestirne

Ein besonderer Spross erscheint – Segen oder Fluch der Gemeni?

Susan Schwartz

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. In Memmunyet

2. Schlechte Nachrichten

3. RAS TSCHUBAI

4. Memmunyet

5. Sie leben

6. HYPATIA

7. RAS TSCHUBAI

8. Ein Angebot und eine Einladung

9. Die Saat ist ausgebracht

10. Wir wählen anders

11. Wir helfen euch

12. Die Fakturgrube

13. Ich fliege

14. OCCNATTAR: Das Sein der Gemeni

15. Schwestern

16. Der Schock der Wahrheit

17. HYPATIA

Nachruf auf Achim Mehnert

Leserkontaktseite

Glossar

Clubnachrichten

Impressum

Gut dreitausend Jahre in der Zukunft: Perry Rhodan hat nach wie vor die Vision, die Milchstraße in eine Sterneninsel ohne Kriege zu verwandeln. Der Mann von der Erde, der einst die Menschen zu den Sternen führte, möchte endlich Frieden in der Galaxis haben.

Davon ist er in diesen Tagen des Jahres 1552 Neuer Galaktischer Zeitrechnung allerdings weit entfernt: In der von der Superintelligenz ES verlassenen Milchstraße machen sich Boten anderer Superintelligenzen breit, ebenso alte Feinde von ES und neue Machtgruppen.

Das größte Problem der Milchstraße ist dabei gewiss der Weltenbrand, den sich der skrupellose Adam von Aures für seine weitreichenden Pläne zunutze machen will.

Beigelegt scheint indes der Konflikt mit den Thoogondu, einst ein von ES unterstütztes Volk, das von der Superintelligenz verbannt wurde und seit Jahrtausenden in der fernen Galaxis Sevcooris auf seine Rückkehr wartet. Mittlerweile ist mit der neuen Herrscherin ein neues Zeitalter angebrochen, und friedliche Koexistenz und Partnerschaft rücken in greifbare Nähe.

Bleiben die Gemeni als Repräsentanten der schlafenden Superintelligenz GESHOD, die angeblich ein Mündel von ES ist. Aber wie passt das Verhalten der Gemeni zu dieser Aussage? Perry Rhodan sucht den Kontakt zu den Gemeni – und schmeckt beinahe selbst DAS BITTERE AROMA DER GESTIRNE ...

Die Hauptpersonen des Romans

Perry Rhodan – Der Terraner sucht den Kontakt zu den Gemeni.

Gucky – Der Mausbiber präsentiert seine Fähigkeiten im Einsatz.

Shanny und Shescuran – Zwei Merakylan, die auffallen.

Fabienne LaPlata und Graeme Riesman

1.

In Memmunyet

27. April 1552 NGZ

»Gepriesen sei Hilo-Gar, begrüßt alle den Morgen und die Gründerin, betet um den Frieden des Tages!«

Die Mannona stand auf dem Podest, die Arme erhoben, und führte den Gesang an. Der Chor antwortete ihr und vollzog die rituellen Bewegungen.

Die ganze Stadt war auf den Beinen, überall standen die Merakylan auf Emporen, Dächern und Balkonen, drängelten sich in den Straßen. Nicht alle waren Einwohner, sondern für viele war die Feier Anlass, in die Hauptstadt zu kommen und die Sieben Wahrzeichen zu besuchen.

So wurde aus dem melodiösen Gesang bald ein gewaltiger Krach, als das Echo von den Häuserwänden zurückschallte und die Klangstärke nicht nur vervielfachte, sondern auch einen mehrstimmigen Kanon schuf, der in der Reihenfolge völlig durcheinandergeraten war. Verstärkt wurde dies durch das rhythmische Fußstampfen und Händeklatschen.

Sämtliche Merakylan trugen an diesem Tag ihre schönsten, wallenden Seidengewänder, die in allen nur möglichen Farben schillerten. Unter den halb durchsichtigen Stoffen schimmerten die individuellen Muster der normalerweise hellblauen Schuppen, die sich ebenfalls in prächtigen Schattierungen präsentierten.

Die langen und gebogenen, blauschwarzen Krallen an den Zehen der in wadenhohen Schnürsandalen steckenden Füße waren auf Hochglanz poliert.

Shanlandiri, die weiße Lebensspenderin, läutete den Sommerbeginn mit strahlendem Schein und angenehmen Temperaturen ein.

Je höher sie stieg, desto mehr streckten die Merakylan die Zungen zum Schmecken heraus, was sie nicht im Kehlkopfgesang behinderte. Manche hielten sich an den hoch erhobenen Händen und tanzten durch die Straßen. es gab keinerlei Verkehr, alles stand im Zeichen des Sommerfestes, des Neujahrsbeginns.

Nachdem die Lobpreisungen beendet waren, bewegten sich die Merakylan fröhlich durch die Straßen. Die Fabriken, Montagehallen, Büros und Geschäfte hatten geschlossen, lediglich die Straßenhändlerinnen boten ihre Waren feil und machten die besten Geschäfte des Jahres. Sie empfanden diesen Tag nicht als Arbeit, sondern als Vergnügen.

Vor allem der Markt von Nashnapar stand ganz im Zeichen der Energie. Schuppenfärbemittel, die feinsten Stoffe, Krallenpolituren, Krallenaufsätze für die Finger, Verwöhnschlammbäder, Schmuck, Fruchtbarkeitshelfer, Brut- und Nestpflegemittel, Klangbäume, Zirptuten, Sensorgongs, Lichtschmeckintensivatoren, und dazu Nahrungsmittel, roh und gegart in Hülle und Fülle, von der gesamten Südhalbkugel herbeigeschafft. Und für dampfende Vielfarbcocktails durfte das einzigartige Nordeis nicht fehlen, aus jener Region, in der ewiges Dunkel herrschte. Das Sommereis war in der Konsistenz cremiger, das Wintereis hingegen zu klaren Würfeln gepresst.

Selbst die Ärmsten der Armen kamen auf ihre Kosten: Wer bedürftig war, bekam alles kostenlos und mit guten Worten. Manche aufstrebenden Firmen nutzten den Tag als Börse, um neue Mitarbeiterinnen zu gewinnen; mit Gongs und Hupen machten sie auf ihre großen Tafeln aufmerksam.

*

Shanny und Shescuran hatten sich am Gebet beteiligt und streiften über den Markt, um von den zahlreichen Angeboten an Naschwerk zu kosten und die eine oder andere Verlockung zu erstehen.

Die ersten Betrunkenen torkelten umher, kichernd und feixend. Shescuran geriet in das Visier einer Gruppe aus vier Frauen, die, den bunten Schuppenfarben nach zu urteilen, auf Bräutigamschau waren. Das Neujahr läutete die Fortpflanzung ein. Auch sie hatten schon einiges intus, wirkten aber eher beschwipst als volltrunken.

»Hallo, Süßer«, flöteten sie im Chor mit vibrierendem Kehlkopf. Normalerweise konnte kein Mann dieser Aufforderung widerstehen. »Wärst du bereit, für unser Gelege zu sorgen? – Ist dir das genehm, Schwester?«, wandten sie sich an Shanny.

Shanny zeigte durch eine Handbewegung – mit zwei der vier Krallenfinger zu einem Bogen geformt – an, dass sie kein Problem damit hatte. »Er ist mein Dauerbegleiter.« Dann giggelte sie. »Und aus gutem Grund, Schwestern! Ich kann Shescuran nur anpreisen.«

»Wie lange bist du denn schon Mann, bester Shescuran?« Eine der Frauen näherte sich ihm nun. Sie hatte die Lippenschuppen ihrer hübschen schmalen Schnauze dunkelblau gefärbt und die Wulstschuppen über ihren vier schmalen, orangefarbenen Augen betont. Sie trug viele Ketten und Armbänder und mehrere Piercingringe im Gesicht.

»Schon immer«, antwortete er.

Ihr gezackter Kopfkamm stellte sich leicht auf. »Willst du behaupten, so geboren zu sein?«

Alle lachten, einschließlich des Mannes. Das war ein guter Witz, denn Merakylan vermehrten sich hauptsächlich parthenogenetisch. Selbst wenn einmal ein Mann am Gelege beteiligt war, gab es immer nur lebende weibliche Nachkommen. Eier mit männlichen Geschlechtsanlagen lösten sich noch im Mutterleib auf.

»Ich habe bereits mit der Geschlechtsreife gewechselt«, antwortete Shescuran, nachdem sich die allgemeine Heiterkeit gelegt hatte. »Es erschien mir richtig.«

Das brachte die Werberinnen zum Staunen.

»Und wie das richtig war«, trillerte Shanny. »Er hat bereits mehrere Hundert Schwestern gezeugt!«

Merakylan waren in der Lage, ihr Geschlecht zu jedem Lebenszeitpunkt ab der Reife zu wechseln. Meistens wurde der Drang dazu durch ein besonderes Ereignis ausgelöst – das konnte eine bestimmte Wetterlage sein, aber auch ein außergewöhnliches Mahl oder eine isolierte Gemeinschaft, die genetische Auffrischung benötigte und diese nicht durch Nahrungsumstellung herbeiführen konnte. Allerdings kam das nur sehr selten vor, ein Mann kam auf hunderttausend Frauen in der Hauptstadt, in ländlichen Gegenden gab es weitaus weniger.

Die Chance, einen Mann wie Shescuran zu treffen, lag bei eins zu einer Million – im besten Fall. Die Frauen umringten ihn nun und schnupperten mit ihren langen, röhrenartigen und geschmeidigen Zungen.

»Ja, er riecht intensiv«, stellten sie fest. »Und seht mal, seine schönen glatten Schuppen. Und dieses Algenblau ...«

Ihre Kopfkämme stellten sich aufgeregt halb auf und fielen klappernd wieder zusammen. »Du musst es tun!«, flehten sie.

»Das werde ich gerne«, erwiderte er. »Aber wir müssen zuerst die Sieben Wahrzeichen besuchen.«

Memmunyet war nicht nur die größte Stadt des Kontinents, sondern auch die berühmteste. Ihr Gründungsdatum reichte fast zweitausend Jahre zurück, und die Zahl der Legenden, die sich um sie rankten, war hoch.

*

Die Sieben Wahrzeichen verteilten sich auf die Altstadt und waren eine Verpflichtung für alle Besucher. Wer sie nicht beschreiben konnte, dem wurde abgesprochen, jemals in der Hauptstadt gewesen zu sein. Außerdem waren sie Teil des Rituals bei allen Feierlichkeiten, denn es hieß, dass Glück und Frieden nur so lange halten konnten, wie ihnen gegenüber Dankbarkeit bezeugt wurde.

Da gab es die Wasserkunst, ein zu Anbruch des frühen technischen Zeitalters raffiniert ausgeklügeltes System, um ober- und unterirdisch die ganze Stadt von einer einzigen Zentrale aus zu versorgen. Obwohl achthundert Jahre alt, funktionierte es weiterhin einwandfrei.

Das zweite Wahrzeichen war der Wechselbalg, der von einer Neidschwester in die Wiege der Nachbarin gelegt worden war. Dieses Sinnbild befand sich direkt neben dem Eingang des immer noch existierenden Kugelhauses.

Wahrzeichen drei war die orranische Zwitterfrau mit dem tödlichen Blick, die man besser nicht verärgerte. Man wusste ihren ungefähren Aufenthaltsort und hatte ihn markiert, doch gesehen hatte sie niemand seit Entstehung der Legende.

Dann gab es die blaue Säule des Zunfthauses der Weberinnen und Schneiderinnen, das in vielen stilisierten Falten wie ein geschwungener Vorhang gebaut und gelb gestrichen war, doch diese eine Stützsäule wurde nach jedem Anstrich auf unbekannte Weise wieder blau.

Ein unheimlicher Ort, überwuchert und dicht umrankt von giftigen Kräutern, war das »Haus« des dunkelgrünen Orrum, des Herrn der Nacht und Schöpfer der gleichnamigen zehnbeinigen Fliegspinner, einer schlimmen Plage der Frühzeit. Ein dunkles Loch bildete das Zentrum, das Mutige dazu aufforderte, die Hand hineinzuhalten – doch das wagte kaum jemand.

Das Haus der Sieben Dächer war einzigartig, der erste Tempel der Hilo-Gar; jedes Dach versinnbildlichte die bedeutenden Lebenszentren der Merakylan.

Und zuletzt die Skulptur der Hilo-Gar selbst, Forscherin und Gründerin der Stadt, die zugleich über sagenhafte Heilkräfte verfügt und ein ungeheures Wissen besessen haben sollte. So deuteten es zumindest die vielen erhaltenen Schriften an, die sie hinterlassen hatte.

Mit ihr war der Morgen einer neuen Zeit heraufgedämmert – und sie war es auch gewesen, die den Schrecken des bis dahin allmächtigen dunklen Orrum bannte. Die Fliegspinner waren zwar weiterhin eine Plage, gefährlich und giftig, doch die Merakylan hatten dank Hilo-Gar gelernt, sich gegen sie zu wehren. Bei dem heroischen Kampf gegen Orrum hatte Hilo-Gar einen Finger verloren, weswegen die Zahl Sieben seither die höchste Heilige Zahl war.

*

Es war nicht leicht, durch das Gewimmel vorwärtszukommen, denn neben all den Besucherinnen, Pilgern und Feiernden tummelten sich auch die Kinder und Halbwüchsigen.

Abgesehen von den vier Hauptstraßen verliefen die Nebengassen sehr chaotisch, denn jede Merakylan stellte ihr Haus gerade dort hin, wo es ihr passte, und formte es nach ihrem eigenen Geschmack. Da gab es Nadeln, Bögen, Halbkugeln, Netze, Blöcke, Säulen, Würfel und vieles mehr, und wegen der zunehmenden Platzenge wirkte die Stadt immer mehr wie eine Ansammlung in abenteuerlicher Weise übereinandergestapelter Gebäude. Alle in den buntesten Farben, jedes individuell.

Garniert wurde dieses architektonische Chaos durch viele Leitungen und Kabel, die auf Mastbäumen entlangliefen und Zeugnis davon ablegten, dass sich der technische Fortschritt nicht aufhalten ließ. Elektrisches Licht, Fernheizung, Gasenergie, Fernsprecher, sogar Bildübertragungen waren seit Neuestem möglich. Auch über das Land wurden Hochkabel gezogen, an denen entlang Züge die schnellstmöglichen Verbindungen zwischen den Städten bildeten. Zu ihnen gesellten sich neben den nach wie vor gängigen Zugtierfahrzeugen mittlerweile zahlreiche Vehikel für wenige oder sogar nur einzelne Personen, die mit allerlei Destillaten betrieben wurden und dampfend auf befestigten Straßen dahinratterten.

In den Städten selbst waren wegen der drangvollen Enge sämtliche Gefährte verboten, die Waren für die Märkte mussten per Handkarren, die zumeist von kleinen, kräftigen vierbeinigen Leguuns gezogen wurden, bedient werden. Im selben Maße, wie der Warentransport zunahm, blühten im Umland Waren- und Frachthäuserkomplexe auf, die sämtliche Waren empfingen und dann auf viele Austrägerinnen entsprechend weiterverteilten.

Das tägliche Verkehrschaos war unbeschreiblich, aber irgendwie funktionierte der Betrieb trotzdem. An diesem besonderen Tag war zumindest die Auslieferung verboten, sonst wäre es zum Kollaps gekommen.

Auf dem Land bildeten sich seit ein paar Jahren zügig Dörfer der Erfinderinnen, die an immer neuen Maschinen und Energieerzeugern tüftelten, man munkelte von geheimnisvollen Flugmaschinen. Hinzu kamen Fabriken für Serienfertigungen und Rohstoffverarbeitungen, für Papierherstellung und Druck. In den chemischen Labors flog immer mal das eine oder andere in die Luft, aber das konnte keine Forscherin entmutigen.

Merakylan pflegten einen recht pragmatischen Umgang mit dem Tod. Es gab immer neues Leben.

*

Während sie sich durch die Stadt bewegten, fiel Shanny auf, dass an manchen Orten eine gewisse Unruhe auftrat. Es war wie eine Gegenschwingung zu dem fröhlichen Chaos, was diese Plätze asynchron und dunkler erscheinen ließ.

Shanny versuchte Shescuran darauf aufmerksam zu machen, aber ihr Partner war viel zu beschäftigt mit den vier attraktiven Verehrerinnen. In kleinen oder größeren Gruppen standen Frauen beisammen, die ihre Zungen steil hochgereckt hielten, manchmal hatten sie noch einen Arm erhoben und zeigten zum Himmel. Oder vielmehr zu Shanlandiri. Dabei wiegten sie sich seitlich hin und her.

So etwas hatte Shanny nie zuvor bemerkt, und es beunruhigte sie. Dieses Bild passte überhaupt nicht zu dem, was sie bisher in der Stadt erlebt hatte.

Die kleine Gruppe kam schließlich bei Hilo-Gars Tempel an. Sie wollten gerade bei der Skulptur der Siebenfingrigen ihren Segen der Fruchtbarkeit erbitten, als eine der Frauen abrupt stehen blieb. Ihre Zunge schoss hervor und reckte sich der im Zenit stehenden Lebensspenderin entgegen.

»Das ist nicht gut«, drang es rau aus ihrer Kehle.

Die anderen wackelten mit den Köpfen, fuhren dann die Zungen ebenfalls aus und zogen sie wieder ein. Dann zuckten sie zusammen und entrollten sie zu voller Länge, tasteten damit in der Luft.

Shanny und Shescuran taten es ihnen gleich, züngelten herum, zusehends beunruhigt – wie die Schwestern auch.

»Es ... es schmeckt nach ...«

»Orrumsaft!«

Das milchartige Sekret der Fliegspinner, das mittlerweile industriell genutzt wurde – die Rache der Merakylan für die Hunderttausende Toten, die die aggressiven Netzschwinger einst gefordert hatten.

»Nein ... so schrecklich nicht.«

»Doch! Es ist fürchterlich!«

»Ein grässlicher, bitterer Beigeschmack, der wie Metall ist und immer schärfer wird. Was ist das nur?«

Die Frauen bekamen es mit der Angst zu tun. Völlig ernüchtert drehten sie sich im Kreis, ihre dünnen, aber starken und sehr beweglichen Schwänze peitschten hin und her.

»Hilo-Gar, beschütze uns ...«, flüsterten sie im Chor und verschwanden im Tempel, um dort in Andacht zu gehen.

Shanny und Shescuran blieben draußen.

2.

Schlechte Nachrichten

Shanny zog Shescuran mit sich, weg vom Hauptplatz in eine kleine Gasse, in der momentan kein Betrieb herrschte. Alles konzentrierte sich auf den Markt, die Sieben Wahrzeichen und die vielen Festivitäten ringsum.

In dem Moment, in dem Shanny den Deflektorschirm aktivierte, hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden, obwohl sie vorher ausgiebig ringsum gesichert hatte. Dumme Sache, wenn sie sich nicht täuschte, aber es war zu spät.

»Das tut gut«, sagte Shescuran erleichtert. »Am Vormittag ging es noch, aber jetzt ist es unerträglich in den Augen. Hängt das mit dem Sommeranfang zusammen? Ich brauche jedenfalls einen Schutz.«

Shanny aktivierte den Multikom. »HYPATIA, hier Kommandantin Fabienne LaPlata.« Diese Förmlichkeit war bei einem Außeneinsatz wie diesem grundsätzlich Vorschrift bei einer Meldung außerhalb der vereinbarten Zeit. »Ihr habt angerufen?«

»Hier Stellvertretender Kommandant Bernhard Walther«, kam es zurück. »Wir haben schlechte Nachrichten. Sehr, sehr schlechte Nachrichten. Es wäre besser, die heutige Aktion sofort abzubrechen und aufs Schiff zurückzukehren.«

Die beiden Terraner starrten einander durch die Masken an.

»In Ordnung, wir kommen. LaPlata Ende.«

*

Die EX-4156 HYPATIA war ein Schwerer Kreuzer der LUNA-Klasse mit 300 Metern Durchmesser. Anstelle der Beiboote war das Schiff mit zahlreichen Labors, Frachträumen, Sensoren, Ortungsgeräten und Ausrüstungen für Expeditionen aller Art ausgestattet. Passend dazu war die Namenspatin des Schiffes die spätantike Astronomin, Mathematikerin und Philosophin Hypatia von Alexandria.

Das Forschungsschiff war vor zwei Jahren in den Einsatz gegangen, um den Sektor rund um den Dadion-Sonnentransmitter zu erkunden und nach Spuren der Lemurer zu suchen. Vor einem Jahr hatten die Wissenschaftler das Intelligenzvolk der Merakylan auf der Welt Shestmak entdeckt, 19 Lichtjahre von dem Sonnen-Trio entfernt.

Die wechselwarmen Echsenwesen standen am Beginn der technischen Revolution, die sie mit großem Eifer verfolgten. Insbesondere um nachts beheizbare Behausungen ging es dabei, vorrangig sogar vor Licht und Telekommunikation, damit sie in den eisigen Winternächten nicht mehr in die Starre gezwungen wurden, aus der sie sich sonst erst am kommenden Vormittag mühsam befreien konnten. Sie waren zwar bereits ab fünf Grad Celsius gut beweglich, aber was darunter lag, zwang sie zur Ruhe. Brennstoffe in Feueröfen waren für sie wegen der wachsenden Städte längst nicht mehr die bevorzugte Wärmequelle, sie testeten Gas und Erdwärme, tüftelten an guten Dämmmaterialien bei den Baustoffen und vielem mehr.

Shestmak war der vierte Planet der weißen Sonne Shanlandiri, seine Bahn war exzentrischer als die Terras. Bedingt dadurch gab es klimatische Schwankungen, hinzu kam die starke Achsneigung. Der Großteil der nördlichen Halbkugel lag fast durchweg in Dunkelheit und war vollständig kilometerdick vereist. Auf der Südhalbkugel gab es heiße Sommer und eisige Winter. Die je zwei Pol- und Äquatorialkontinente waren von einem seichten, gleichmäßig temperierten Meer umgeben, dem Sudshilt. Auf ihm bewegten sich riesige Floßstädte zwischen den Kontinenten, deren Bewohner sich den Reichtum an Flora und Fauna zunutze machten und mit den Erzeugnissen Handel trieben.

Im Äquatorialbereich gab es vor allem zu den Übergangszeiten heftige Stürme, jedoch war das Klima insgesamt ausgeglichener als an den Polen.

Die Merakylan verfügten über eine einzigartige Gabe – ihre Zungen waren photo-gustatorisch und konnten im wörtlichen Sinne Licht schmecken. Das Sonnenlicht war für sie dabei kräftig, mit vollem Aroma, wohingegen das Licht der fernen Sterne ein zartes, stimulierendes Aroma aufwies.

Sie drückten ihre Empfindungen darüber in Musik und Gedichten aus und philosophierten über fremdes Leben draußen im All, das bestimmt angesichts der gewaltigen Ausdehnung vielfach existierte, und wie es aussehen und agieren mochte. Vielleicht würden die Merakylan sogar eines Tages selbst dorthinaus fliegen, um es festzustellen?

Es gab so etwas wie eine »Welt-Religion«, basierend auf der Stadtgründerin Hilo-Gar als quasi erleuchtetes, göttliches Wesen, aber je nach Region weitere Nebenzweige davon mit eigenständigen Auslegungen und Ergänzungen. Diese Glaubensgemeinschaften schickten oft Vertreterinnen in die großen Städte, um dort zu missionieren. Es gab die eine oder andere Strömung, deren Anhänger fest davon überzeugt waren, dass es Sternenreisende gab. Für die einen Segen, für die anderen Fluch, je nach Vorstellung.

Und es konnte weit darüber hinausgehen. Bei ungewöhnlichen Wetterphänomenen traten als Erstes solche Spinner öffentlich auf, die von der Heimsuchung böser Invasoren mit schrecklichem Geruch faselten, die auf Shestmak landeten mit dem Ziel, die Gehirne der Merakylan zu fressen. Und die die merakylanischen Zungen als besondere Trophäen erachteten, aus denen sie Instrumente bauten, die Musik schmeckbar machten.

Aus all diesen Philosophien und auch Verschwörungstheorien war ersichtlich, dass die Echsenwesen durchaus in kosmischen Dimensionen denken konnten, sich viel mit Astronomie beschäftigten und für das Leben außerhalb ihrer Welt interessierten.