Perry Rhodan Neo 135: Fluch der Bestie - Susan Schwartz - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan Neo 135: Fluch der Bestie E-Book und Hörbuch

Susan Schwartz

4,0

Beschreibung

2036 entdeckt der Astronaut Perry Rhodan auf dem Mond ein außerirdisches Raumschiff. Seither erlebt die Erde einen enormen Aufschwung; auch im Weltall erringt Rhodan Erfolge. Im Sommer 2051 leben die Bewohner der Erde in Frieden, alle Gefahren scheinen bewältigt. Die Menschheit kann weiter an ihrer Einigung arbeiten. Dann tauchen fremde Raumschiffe auf – es sind die Sitarakh. Mit überlegener Technik reißen sie die Macht an sich. Perry Rhodan entkommt mit seinen Mitstreitern ins All, wo er nach Hilfe sucht. Immerhin versprechen die mächtigen Liduuri ihre Unterstützung. Allerdings muss Rhodan auch ihnen helfen. Auf der Erde stellen sich Julian Tifflor und einige Mutanten den Besatzern entgegen. Gleichzeitig befällt eine unheimliche Krankheit die Menschheit. Die Widerstandskämpfer erleben den FLUCH DER BESTIE ...

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Zeit:5 Std. 34 min

Sprecher:Hanno Dinger

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Band 135

Fluch der Bestie

Susan Schwartz

Cover

Vorspann

1. LESLY POUNDER, 7. Juni 2051

2. Straßburg, 10. Juni 2051

3. SHOSHIDA CARDELI, 7. Juni 2051

4. SHOSHIDA CARDELI, 7. Juni 2051

5. Terrania, 10. Juni 2051

6. LESLY POUNDER, 7. Juni 2051

7. Terrania, 10. Juni 2051

8. LESLY POUNDER, 7./8. Juni 2051

9. Dubai, 11. Juni 2051

10. Terrania, 10. Juni 2051

11. Dubai, 11. Juni 2051

12. Terrania, 10. Juni 2051

13. Nahe Dubai, 11. Juni 2051

14. Nahe Dubai, 11. Juni 2051

15. Terrania, 10. Juni 2051

16. LESLY POUNDER, 8. Juni 2051

17. Nahe Dubai, 12. Juni 2051

Impressum

2036 entdeckt der Astronaut Perry Rhodan auf dem Mond ein außerirdisches Raumschiff. Seither erlebt die Erde einen enormen Aufschwung; auch im Weltall erringt Rhodan Erfolge.

Im Sommer 2051 leben die Bewohner der Erde in Frieden, alle Gefahren scheinen bewältigt. Die Menschheit kann weiter an ihrer Einigung arbeiten. Dann tauchen fremde Raumschiffe auf – es sind die Sitarakh. Mit überlegener Technik reißen sie die Macht an sich.

Perry Rhodan entkommt mit seinen Mitstreitern ins All, wo er nach Hilfe sucht. Immerhin versprechen die mächtigen Liduuri ihre Unterstützung. Allerdings muss Rhodan auch ihnen helfen.

Auf der Erde stellen sich Julian Tifflor und einige Mutanten den Besatzern entgegen. Gleichzeitig befällt eine unheimliche Krankheit die Menschheit. Die Widerstandskämpfer erleben den FLUCH DER BESTIE ...

1.

LESLY POUNDER, 7. Juni 2051

Der Weg zur Krankenstation kam Reginald Bull jedes Mal weiter vor. Vielleicht wurde auch sein Gang schleppender, bedingt durch die Sorgen, die zusehends schwerer auf seinen Schultern lastete.

Sie kamen nicht vorwärts, die Lage wurde bedrohlicher – und er hatte keinen Kontakt zum heimatlichen System, zu seiner Flotte. Wo er eigentlich sein sollte, als Chef der Verteidigung, als Hüter Terras, als derjenige, der den Sitarakh in den Hintern trat und sie damit nicht nur aus dem Solsystem, sondern am besten gleich aus der ganzen Milchstraße beförderte.

Die filmreifen Szenarien der mutmaßlich aktuellen Lage daheim, die der rothaarige Systemadmiral sich zusehends drastischer ausmalte, unterschieden sich zwar in ihren Geschehnissen deutlich voneinander, hatten jedoch alle eins gemeinsam: Sie gingen nicht gut aus.

Abgelehnt!

Zu gern wäre er nun der Regisseur dieses Films gewesen und hätte die entscheidende Wendung herbeigeführt, die alles zum Positiven änderte. Filme sollten überhaupt immer gut ausgehen, denn die Wirklichkeit war mies genug.

»Mister Bull«, empfing ihn der Chefarzt Dr. Volker Manz, als er schließlich angekommen war. »Sie hätten doch einfach den Bordfunk verwenden können – sogar mit Bild.«

»Ich möchte lieber einen persönlichen Besuch abstatten«, versetzte der Systemadmiral. Was hatte er schon zu tun? Zu verteidigen gab es momentan nichts. Perry und die Arkoniden hatten ihren – zugegeben zweifelhaften – Spaß auf der Weißen Welt Ca, sprich: Sie waren aktiv, wohingegen man ihn zum Nichtstun verdonnert hatte.

Selbstverständlich hatte Rhodan es anders begründet: »Wir brauchen dich hier als Reserve, sollten wir angegriffen werden. Dann hast du das Kommando ...« Über einen lächerlichen Haufen Korvetten, Space-Disks und Dragonflys gegen fünfhundert Meter lange Sitarakhschiffe des Feinds. Phantastische Ersatzflotte! Nicht mal geeignet, um die Rotblasen-Pötte zu kitzeln, bis die Sitarakh sich zu Tode gelacht hatten.

»Kommen Sie in der Hoffnung, durch Handauflegen eine Veränderung herbeizuführen? Nur zu! Ich durchstöbere gerade unser Archiv nach einem geeigneten Tanz mit Zimbeln und Rasseln, weil mir nichts anderes mehr einfällt. Meinen Namen kann ich schon, aber wie geht das doch gleich auf Liduurisch?«

Bull fiel keine passende Erwiderung ein; ausnahmsweise einmal war ihm sein Humor abhandengekommen. Selbst die dazugehörigen Spielarten Galgenhumor, Sarkasmus und Ironie hatten Pause. Er trat vor die Liege in dem speziell eingerichteten und abgeschirmten Abteil. Unablässig piepten Geräte, zeigten diverse Schirme Messdaten.

»Kann man das eigentlich abstellen?« Bull wies im Rund auf die fest installierten Terminals und die mobilen Medoeinheiten, die in verschiedenen Höhen rings um die Antigravliege arrangiert waren und jene verschiedenen, leisen Töne von sich gaben.

»Selbstverständlich kann man das«, antwortete der Arzt. »Aber es hat sich herausgestellt, dass die Besucher zwar allgemein davon genervt sind, es trotzdem eine positive Wirkung auf sie ausübt. Was piept, lebt noch. Stille heißt, die Geräte sind abgeschaltet. Und wenn die Schirme noch so gute Biowerte zeigen – es ändert nichts. Still ist der Tod.«

Bull legte den Kopf leicht schief, dachte nach – und stellte fest, dass Manz recht hatte. Das Erste, worauf er beim Betreten der Medostation geachtet hatte, war das gleichmäßige Piepsen gewesen. Dann erst hatte er sich darüber mokiert. Und zuletzt einen Blick auf die Anzeigen geworfen.

»Die Geräuschkulisse kann sich sogar positiv auf bewusstlose Patienten auswirken, um sich leichter zu orientieren, zurückzufinden, was auch immer. Aber wenn es Sie zu sehr stört, kann ich ...«

»Nein, schon gut, lassen Sie. Wer weiß, ob Avandrina es hören kann und sich daran festhält.« Bull blickte auf die Liduuri hinunter, die seit der Annäherung an die Weiße Welt in ein unerklärliches Koma gefallen war.

Avandrina di Cardelah sah aus wie eine fein modellierte Porzellanpuppe, die glatte Haut unnatürlich bleich; ihr Körper wirkte zierlicher denn je. Ihre Augen waren geschlossen, und ihr Gesicht besaß keinerlei Ausdruck – weder friedlich noch gepeinigt. Ohne die Geräte hätte Bull nicht geglaubt, dass sie lebte, denn ihr Brustkorb hob und senkte sich kaum merklich.

»Hat sich ihr Zustand verändert?« Eine dämliche Frage, aber was sollte er sonst sagen? Noch dümmer wäre die Frage, was man tun könne.

»Nicht in den vergangenen zwei Stunden«, lautete die Antwort. »Alles wie gehabt. Ihre Hirnströme sind weiterhin flach. Wir suchen ununterbrochen nach einem Weg, sie irgendwie zu stimulieren, zu reizen, um sie zurückzubringen, doch sie reagiert auf nichts.«

Manz holte aus dem Automaten zwei Kaffee und reichte Bull einen Becher. Der Chefarzt schlürfte mit gieriger Miene einen Schluck, dann noch einen. Die tiefen Ringe unter seinen Augen zeigten, dass er dringend Schlaf benötigte. Seit der Flucht von der Erde war er fast ununterbrochen im Einsatz. Ein dritter Schluck, und er blinzelte die Müdigkeit aus seinen Augen.

»Diese Erfolglosigkeit ist frustrierend, wie Sie sich denken können.« Manz wiegte leicht den Kopf. »Ich sage dennoch nicht: Ich weiß nicht mehr weiter, denn das käme einem Aufgeben gleich, und das lehne ich grundsätzlich ab.«

»Das sehe ich genauso – deshalb sind wir ja auch an Bord dieses Schiffs.« Bull nickte und klopfte Manz kurz auf die Schulter. »Dann kehre ich mal wieder auf meinen Beobachtungsposten zurück. Danke für den Kaffee.«

»Sie sind eingeladen.«

»Nächstes Mal revanchiere ich mich.«

Sie lächelten sich kurz zu, und Bull machte sich auf den Weg zurück.

Er musste sich bewegen, weil er nicht ständig in der Zentrale still verharren und diskutieren oder abwarten konnte. Unterwegs hatte er Gelegenheit, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen, nach neuen Auswegen und Möglichkeiten zu suchen, sich eine Strategie zu überlegen. Und sich zu fragen, ob er richtig entschieden hatte. Gewiss, Perry hatte das letzte Wort gehabt, dennoch ... Es wäre besser gewesen, nicht schon zu Anfang auf derartige Hürden zu stoßen. Das zermürbte auf Dauer.

Und weil ich nicht mitdurfte!

»Das Wort scheitern existiert nicht im arkonidischen Wortschatz«, hatte Thora vor langer Zeit einmal zu ihm und Perry gesagt. An den Anlass konnte er sich nicht mehr erinnern, denn es hatte so viele gegeben. »Also auch nicht in eurem.«

»Ich erinnere mich aber ...«, hatte er angesetzt.

Sie hatte ihn unterbrochen: »Das gilt natürlich nicht für andere Versager!«

Still lächelnd ging Bull weiter. Motivation war alles. Deshalb straffte er seine Haltung und zeigte eine optimistische, energiegeladene und zugleich harte Miene, als er die Zentrale betrat und Kommandant Conrad Deringhouse zunickte.

*

Eric Leyden schritt ruhelos im Raum umher und raufte sich theatralisch die Haare. »So kommen wir nicht weiter!«

Sein neues-altes Team reagierte mit Gleichmut. Die übrigen Wissenschaftler betraten das Labor aus Protest nicht, sie verhielten sich loyal zur brüskierten Chefin der Abteilung. Aber das war dem Team ohnehin lieber – sogar nach zwei Jahren Trennung waren sie noch immer eingespielt und wollten niemanden sonst dabeihaben. Der Erfolg gab ihnen recht. Denn auf ihre ureigene Weise hatten sie mittlerweile ein Muster – genauer gesagt, eine retrograde Fibonacci-Folge – zu den Weißen Welten entwickelt und nahmen anhand der Hinzuziehung des Maya-Kalenders und der liduurischen Entsprechungen an, dass Ca, der Planet, in dessen Orbit sich die LESLY POUNDER zurzeit befand, die Funktion eines »Gleichrichters« hatte. Eine bisher noch unbewiesene These, aber mehr hatten sie in der kurzen Zeit nicht herausfinden können. Was immer das Ganze genau bedeuten mochte – und wie sie diese »Gleichrichtung« wiederherstellen konnten.

»Du kommst nicht weiter«, stellte Abha Prajapati unverblümt fest. »Und Hermes kann dir im Moment auch nicht als Inspirationsquelle helfen. Du hast dich ja bei unseren Wissenschaftskollegen hier so unbeliebt gemacht, dass sie den Kater in deine Kabine verbannt haben – weil er angeblich den Betrieb durcheinanderbringt.«

»Ja! Streue Salz in die Wunde!«, klagte der Astrophysiker.

Abha grinste. »Ich will nur gut zu dir sein, damit alles wieder so ist wie früher. Dann kannst du besser arbeiten.«

Belle McGraw seufzte. »Als hätte es die vergangenen zwei Jahre nie gegeben. Toll.«

»Freust du dich etwa nicht?«, wandte sich Abha an sie.

Sie zuckte die Achseln.

Als Abha daraufhin fragend Luan Perparim ansah, hielt diese sofort die Hände abwehrend hoch. »Ich äußere mich dazu gar nicht, Freundchen.«

»Aber wir hatten doch auch schöne Zeiten, oder?« Abha lächelte sie breit an.

Luan winkte ab. »Vergangenheit ist Vergangenheit. Fang bloß nicht wieder damit an.«

Eric baute sich vor seinen Freunden auf. »Sagt mal, denkt ihr eigentlich noch an unser Problem?«

»Andauernd«, versicherte Belle. »Aber ab und zu eine Pause sei uns gestattet. Vor allem, da wir für den Moment festsitzen.«

»Die Anchet hat uns auf ihr Schiff gelassen und uns einiges gezeigt ...«, setzte Eric an.

Abha fiel ihm ins Wort. »Richtig. Einiges. Gerade so viel, dass wir nichts, aber auch gar nichts ohne sie damit anfangen können! Sie hat lediglich beweisen wollen, dass sie über die nötigen Gerätschaften verfügt, um die Planeten wieder zu aktivieren. Um uns hierherzulocken! Und dann ... fällt sie um, und wir stehen dumm da.«

»Dumm will ich nicht gehört haben!«, ereiferte sich Eric. »Und ich ...« Er wurde erneut unterbrochen.

Conrad Deringhouse meldete sich: »Die SD 1 kehrt soeben zurück! Alle sind wohlbehalten an Bord. Doktor Leyden, ich soll Ihnen von Rhodan ausrichten, dass Atlan eine Probe des Hyperkristalls Auta Rek Redej mitbringt.«

»Her damit!«, kreischte Eric, doch Deringhouse hatte die Verbindung bereits getrennt.

Eric hibbelte nervös durch das Labor, was die anderen so nervte, dass sie sich noch einmal der Aufstellung der verbliebenen fünf Weißen Welten zuwandten. Wenn sie recht hatten mit der Fibonacci-Folge, stellten diese fünf Planeten den untersten noch möglichen Wert zur Kalibrierung des Hyperschwalls dar. Explodierte eine weitere Welt, waren Achantur und das dort verborgene liduurische Volk nicht mehr zu retten.

Das bedeutete, sie mussten sich beeilen. Das Hyperschwall-System der Weißen Welten war inzwischen derart instabil, es konnte jederzeit wieder geschehen. Ganz abgesehen von den bereits entstandenen Schäden, die exponentiell zunahmen.

Luan stellte sich vor die große Holowand, in der jene Tabelle leuchtete, die alle bisherigen Erkenntnisse und Spekulationen des Leyden-Teams zusammenfasste. Nachdenklich tippte sie mit der Fingerkuppe an die Unterlippe.

»Ca/Cimi – der Weltenüberbrücker ... die Gleichrichtung«, murmelte sie. »So muss es einfach sein, es klingt so schlüssig ...«

Dann gab es noch Kan/Etznab – der Spiegel und somit die Reflektion. Uac/Oc, der Hund: Hier war von den infrage kommenden Bedeutungen nur die Vitalenergie stimmig. Lahun/Ix, der Magier. Passte hierzu die Vibration als Auswirkung der »magischen« Strömung? Ja, wenn man Lahca/Ik, den Wind, mit der Kommunikation belegte. Was nahelag, schließlich »flüsterte« der Wind ja oft und brachte Nachricht von dort, wo er herkam.

Belle stellte sich neben sie. »Gleichrichten. Wie eine Waage? Oder die zentrale Verbindung?«

Sie wandten sich um, als die Tür zur Seite glitt und Perry Rhodan eintrat. Der Protektor ließ es sich nicht nehmen, die von Atlan geborgene Probe persönlich zu überreichen.

Eric riss ihm den Behälter förmlich aus der Hand und stürzte augenblicklich zu den Analysegeräten. Er bedankte sich nicht einmal, sondern murmelte aufgeregt vor sich hin, während er den weiß schimmernden Hyperkristall entnahm.

»Sie kennen ihn ja«, meinte Luan verlegen lachend, weil Rhodan verdattert dastand.

»Ja«, sagte er und nickte dann fast resigniert. »Ich kann mich noch gut erinnern.«

Der Lautsprecher wurde aktiviert. »Krankenstation an den Protektor – Mister Rhodan, Sie sollten sofort kommen.«

Rhodan sprach in die Gegenverbindung am Türterminal. »Doktor Manz, ich bin auf dem Weg. Geht es um Avandrina?«

»Ihr Zustand hat sich schlagartig verschlechtert.«

Rhodan nickte dem Team kurz zu. »Jetzt kommt es auf Sie an.« Damit war er draußen.

Belle war blass geworden. Abha kommentierte lakonisch »wieder mal«, und Luan ging zu Eric, um wenigstens etwas zu tun.

Sie waren der Anchet seinerzeit als Erste begegnet – und wieder einmal war Eric Leydens Kater Hermes der Vermittler gewesen. »Bastet« hatte sie ihn genannt, und er hatte ihre Streicheleinheiten sichtlich genossen.

»Wir müssen es schaffen, Eric!«, drängte Luan, obwohl ihr gewiss bewusst war, dass der Physiker sein Bestes gab – wie immer, und in diesem Fall sicherlich mit noch mehr Einsatz.

»Das sind wir ihr schuldig«, murmelte Belle.

»Und ob«, brummte Abha.

Sie hatten sich vor zwei Jahren in der Jupiterstation SAG-ME-GAR aufgehalten. Die durch Taal wahnsinnig gewordene Stationsintelligenz Me-Sechem war gerade dabei gewesen, das Leyden-Team mit allen erdenklichen Mitteln aus dem Weg zu räumen. Die Passage von Avandrina di Cardelahs Ym hatte verschlimmernd einen kurzzeitigen Zusammenbruch der Energieversorgung verursacht, und die Station war ins Trudeln sowie in Gefahr geraten, von den Stürmen des Riesenplaneten zerrissen zu werden. Avandrina hatte die Transmitterstation stabilisiert und Me-Sechem ausgeschaltet.

Eric war schier aus dem Häuschen gewesen, einer lebendigen Angehörigen aus dem legendären Volk der Liduuri zu begegnen, aber auch die anderen hatte Avandrina fasziniert. Nach all den Fährnissen und Rätseln zuvor hatte sich herausgestellt, dass es die Vorfahren, die vor über fünfzigtausend Jahren von der Erde ausgewandert waren, tatsächlich noch gab ... und es kam sogar zu einer persönlichen Begegnung!

Diesen einzigartigen Moment würde keiner von ihnen jemals vergessen.

»Ich kann schon mal ein Ergebnis mitteilen«, warf Eric Leyden in den Raum, während er den Kristall, den er auf der Spitze eines Stabs gelagert hatte, von allen Seiten messen, scannen, wiegen und belasten ließ. Vier Geräte waren dafür im Einsatz, zehn Holos waren hochgefahren, in denen die unterschiedlichen Analysen herunterratterten. Zudem wurde eine virtuelle die Reise ins Innere des Kristalls gezeigt, bis in die Molekülzusammensetzung hinein und noch weiter.

Eric arbeitete dabei nicht eigenhändig mit dem Kristall, sondern hatte ihn unter allen gebotenen Sicherheitsvorkehrungen in der Abschirmung eines gläsernen Analysebehälters platziert.

»Ja?« Abha Prajapati war sofort bei der Sache und blickte ihm über die Schulter.

»Dieser Quarz ist anders als jegliche sonstigen, uns bislang bekannten Hyperkristalle. Und zwar so was von anders, dass ich keine vergleichende Analyse anstellen kann. Als Wissenschaftler ist mir dieser Begriff eigentlich verboten, dennoch möchte ich behaupten, dass er in seiner Beschaffenheit einzigartig ist.«

»Das ist nicht gut.« Belle McGraw zog düster die Brauen zusammen. Ihre Hand tastete suchend in der Hosentasche und förderte einen kleinen Schokoriegel zutage, der in einer Spezialverpackung steckte, die ein Schmelzen verhinderte.

»Ich dachte, du hast aufgehört?«, fragte Luan Perparim und stieß sie leicht in die Seite.

»Habe ich doch. Sieht man das nicht?« Belle hatte gut fünf Kilo abgenommen. Sie öffnete die Verpackung und biss hinein. »Aber ich habe für Notfälle wie diesen trotzdem etwas dabei.« Sie legte die Stirn in Falten, als sie Luans Blick bemerkte. »Willst du auch einen?«

»Ich ebenso«, gestand Abha, ohne Luans Antwort abzuwarten. »Ich brauche jetzt Nervennahrung.«

Belle lächelte. »Ich habe nur noch einen – den müsst ihr euch leider teilen.«

»In guten wie in schlechten Zeiten«, sagte Abha daraufhin fröhlich, wohingegen Luan erneut die Augen verdrehte, während sie den Riegel teilte und ihm wortlos eine Hälfte reichte.

Belle fragte sich, wie die beiden wohl zum Liebespaar geworden waren – und vor allem, warum. Einfach mal ausprobiert? Das hätte sie durchaus auch gern getan. Doch diese Illusion hatte sie nahezu von Anbeginn gestrichen, das war besser so. Sie waren nun wieder ein Team, da durfte so etwas erst recht nicht im Raum stehen. Umso mehr war sie über Luan und Abha erstaunt: Abgesehen von seinen unverblümten Anzüglichkeiten war nichts davon zu merken, dass sie jemals eine intime Beziehung geführt hatten. Belle war darüber sehr froh. Sie war zwar ihren eigenen Weg gegangen, doch sie hatte ihre Teamkollegen als Freunde vermisst, und es wäre für sie schwer geworden, wenn es dadurch Unstimmigkeiten geben würde.

Es war so, als wären sie nie getrennt gewesen; der Umgang war unbefangen und wie früher, jeder in seiner gewohnten Rolle.

Und genau wie früher lief ihnen die Zeit davon. Doch diesmal ging es nicht primär um ihr eigenes Leben, sondern um das einer wichtigen Persönlichkeit, die ebenfalls so etwas wie ein Freund war. Und der sie ihr Leben verdankten.

Für einen Moment war Belle hin- und hergerissen, ob sie auf die Krankenstation gehen sollte, um Avandrina unmittelbar beizustehen, denn hier konnte sie zurzeit nichts tun.

Dort allerdings auch nicht, sie war schließlich kein Arzt.

»Was sagt er da?« Luan riss Belle aus ihren Gedanken. Sie merkte, dass Eric vor sich hin murmelte.

»... internale Loopfähigkeit, dazu virtuelle Speicherareale und nanowinzige, gleichflussfähige sogaffine Hyperenergiekanaltrichter ...«

»Hä?«, machte Abha. »Kann mir das mal einer buchstabieren?«

»Jetzt hat er sich selbst übertroffen«, stellte Luan fest, die linguistisch gut im Sattel saß.

Eric wandte sich ihnen zu. »Soll ich es euch erklären?«

»Kann's nicht erwarten!«, äußerte Abha.

Der Teamleiter rieb sich die Hände, wie ein Dozent, der gleich mit einer fulminanten Vorlesung loszulegen beabsichtigte, die alle Studenten in den Bann schlagen würde. »Mein erster Punkt ist sehr einfach, und den habt ihr euch sicherlich schon längst gedacht, anhand der Informationen, die Avandrina uns gegeben hat. Ich bestätige lediglich die Aussage. Der Kristall ist programmierbar.«

»Das ist nicht außergewöhnlich«, bemerkte Abha.

»Zum Zweiten: Er wiederholt das Programm in einer Endlosschleife.«

»Das ist schon ein bisschen schwieriger ...«

»Und schließlich der bedeutendste Punkt: Diese Kristalle zapfen eigenständig die benötigte Energie aus dem Hyperraum.«

Nun pfiff Abha zwischen den Zähnen hindurch. »Das sind allerdings eine Menge nützliche Eigenschaften. Damit ist nachvollziehbar, was Avandrina uns erklärt hat.«

»Und was ist jetzt das Problem?«, wollte Luan wissen.

»Genau. Das Problem ist ein Problem, und zwar in doppelter Hinsicht. Der Kristall hat ein Problem, und wir haben das Problem, dass wir nicht wissen, wie wir selbiges lösen sollen.«

»Aber Avandrina könnte es?«, fragte Belle.

»Genau das hoffe ich«, antwortete Eric. »Sonst, meine lieben Freunde, sind wir alle am Arsch. Und das meine ich wörtlich.« Er wies auf den Hyperkristall, der unschuldig in einem Fesselfeld auf dem Stab ruhte. »Der Speicher kontaminiert sich selbst. Ich habe keine Ahnung, wie und warum. Dennoch, salopp ausgedrückt, ist etwas darin in Unordnung.«

»Die Schwingung ist außer Takt geraten?«, mutmaßte Belle. Als Geologin kannte sie sich damit aus, denn die geophysikalische Folge bei so etwas waren Erdbeben.

»Ich denke, das beschreibt es am zutreffendsten«, pflichtete Eric ihr bei. Er nickte so heftig, dass ihm eine blonde Strähne ins Gesicht fiel, die er aus dem Mundwinkel wegblies. »Dadurch wurde das Urprogramm beschädigt. Oder es wurde durch einen äußeren Einfluss sabotiert.«

Abha stampfte mit dem Fuß auf und stieß einen Fluch aus. Ihm wurde ebenso wie den anderen die Konsequenz daraus unmittelbar bewusst.

Luan begann: »Und woran dieser Kristall leidet ...«

»... das trifft auf alle Vorkommen auf der Weißen Welt zu«, schloss Belle.

2.

Straßburg, 10. Juni 2051

»W... was ... wie ... Freunde ...«, stotterte der junge Chinese mit den wirr abstehenden, vielfarbigen Haaren.

Julian Tifflor hob die Hände und drehte sich leicht im Kreis. »Ruhig, meine Freunde, ruhig«, sagte er mit souveränem, selbstsicherem Tonfall, wobei nicht ganz ersichtlich war, wen er meinte – die dunklen Schatten, die sich der kleinen Gruppe näherten, oder seine Begleiter.

Wahrscheinlich beide.

Soeben waren sie in der Nähe von Straßburg aus dem Altrhein gekrabbelt, auf der Flucht vor den Sitarakh. Das Naturschutzgebiet lag hinter ihnen, und der Wald lockerte sich zusehends auf, bis er im Agrarland endete.

Einige Schatten blieben in der Dunkelheit, die Waffen im Anschlag. Drei lösten sich jedoch davon und kamen langsam näher. Noch waren sie nicht identifizierbar, und das wussten sie sehr wohl. Ihre Schusswaffen indes waren klar zu erkennen.

»Zeigt alle eure Hände, dass wir sie sehen können!«, drang eine Stimme durch die Düsternis.

»Welch ein Misstrauen«, bemerkte Julian und hob lächelnd die Hände noch höher. Er nickte seinen Begleitern zu, dasselbe zu tun.

»Wir kennen dich, aber nicht die anderen, und noch wissen wir nicht über eure Konstellation und vor allem den Grund eurer Anwesenheit Bescheid«, erwiderte dieselbe dunkle, männliche Stimme.

»Na, der Grund liegt auf der Hand – wir sind auf der Flucht, und dreimal darfst du raten, vor wem. Hier gibt es keine Bank, also sind wir keine Bankräuber.«

»Aber vielleicht Baumräuber? Na schön, wir geben euch eine Chance. Aber vorher wollen wir trotzdem eure Hände sehen. Nicht nur deine, die von euch allen.«

»Ist das wirklich okay?«, wisperte Anne Sloane.

»Vertrau mir«, gab Julian raunend zurück.

Da erst erhoben die vier Mutantinnen die Hände. Vizeadministratorin Cheng Chen Lu tat es ihnen mit stumpfer Miene gleich.

Lediglich Tai Ho Shan zögerte. »Ich will nicht ...«

»Alles gut, Junge – glaub mir.« Julian sprach diesmal laut und ruhig, damit es auch die Schatten hörten. »Dir wird nichts geschehen. Ich verspreche es. Wir sind hier unter genau den Freunden, denen wir vertrauen können. Die uns helfen werden.«

Für einen kurzen Moment herrschte Stille.

Dann: »Tiff, du selbstmörderischer Irrer, was zur Hölle hast du denn da für ein merkwürdiges Sammelsurium mitgebracht?«

»Alles Freunde, alle auf der Flucht«, wiederholte Julian. »Verdammt, Martin, jetzt komm schon endlich her und schließ uns in die Arme! Wir sind am Ende und brauchen Hilfe.«

»Tod den Sitarakh!«, fügte der junge Chinese hinzu, ließ die Hände nach wie vor unten. Doch das wurde nicht mehr als Provokation aufgefasst.

»Free Earth schläft nicht«, fügte Lu hinzu.

Da trat endlich der erste Schemen näher heran, sodass seine gedrungene, kräftige Gestalt deutlicher erkennbar wurde, dazu ein kantiges Gesicht mit dunklen Augen und Menjou-Bärtchen. Er musterte die junge Chinesin intensiv. »Da fress ich doch ein Wildschwein«, sagte er. »Sie ist es wirklich.«

Zwei weitere Personen verließen die Schatten. Eine davon war sehr klein, eine dunkelhaarige Frau, die andere ein großer, schlanker Mann mit strahlend blauen Augen, schulterlangen, blonden Haaren und kräftigem Schnauzbart.

»Die Vizeadministratorin?«, fragte die Frau mit rauchiger Stimme. In ihrem Mundwinkel hing ein Glimmstängel, allerdings erloschen.

»Namens Cheng Chen Lu, ja«, antwortete die Vizeadministratorin kurz angebunden.

»Es gibt eine Menge Gerüchte, und irgendwie wollten wir nicht so recht daran glauben.« Die Frau kam zu Julian und streckte den Arm aus, damit er sich beugte und sie ihn umarmen konnte.

»Petite!«, sagte er liebevoll.

»Louise, wenn ich bitten darf, mon chou.« In die Runde sagte sie – sie war nur wenig über einsfünfzig groß: »Louise Rebichon, und ich hasse meinen Spitznamen aus begreiflichen Gründen.« Dann klopfte sie dem ehemaligen und wieder aktivierten Freiheitskämpfer gegen die Brust. »Tiff, wer hätte das je gedacht! Die Kanäle sprudelten nur so über, dass du wieder im Einsatz wärst – aber keiner konnte herausfinden, wo genau du dich aufhältst! Nie hätten wir damit gerechnet, dass wir dich einfach aus dem Fluss fischen. Du hast eine Menge gelernt, mon minet.« Sie lachte kehlig und zündete ihre Zigarette an.

»Also gut«, sagte der Dunkelhaarige, den Julian mit Vornamen angesprochen hatte. »Fürs Protokoll: Ich bin Martin Maillard, Anführer der Gruppe Straßburg, und das sind meine engsten Vertrauten, Louise ›Petite‹ Rebichon und Roux Gaultier, ein Gallier, wie er im Buche steht. Es ist uns eine Ehre, die Vizeadministratorin zu treffen, und ...«

Julian ließ ihn nicht ausreden, weil ihm das zu lange dauerte, sondern holte mit dem Arm schwungvoll aus, um seine eigenen Gefährten vorzustellen. »Betty Toufry, Anne Sloane, Rabeya Khatun, Sue Mirafiore und unser neuestes Mitglied, Tai Ho Shan.«

Die drei Rebellen pfiffen anerkennend. »Soso, das ist wohl die Spitze der cadres supérieurs«, bemerkte Martin launig. »Dann kommt mal mit, ihr Verschwörer, zu unserem Quartier, wir haben Rotwein und Käse und Flammkuchen.«

Bald darauf fanden sich die völlig erschöpften und durchnässten Flüchtlinge in einem safe house wieder, das von einem Freund, der im Presseamt im Regierungspräsidium arbeitete, zur Verfügung gestellt worden war: eines jener mehrstöckigen, alten Häuser an der Stadtgrenze, wie sie in Europa außerhalb der Metropolregionen noch anzufinden waren. Ein gepflegter, kleiner Garten mit alter, brusthoher Mauer, Büschen, zwei Apfelbäumen und einer alten Kastanie.

Das Haus war auf Gäste eingestellt, denn die beiden oberen Stockwerke waren umgebaut worden und wiesen je sechs kleine Zimmer auf, in denen nicht viel mehr als zwei Betten Platz hatten, sowie zwei Bäder auf jeder Etage. Das Erdgeschoss bestand hauptsächlich aus einem Gemeinschaftsraum, in den die Küche integriert war, und Nebenräumen für Vorräte, Lager, ein hochtechnisiertes Büro und dergleichen mehr. Neben dem Haupteingang gab es zwei weitere Türen nach draußen, die zu Fluchtwegen führten.

Es duftete verführerisch, als sie eintraten. Es waren weitere Widerstandskämpfer anwesend. Routiniert wiesen sie den Neuankömmlingen die Zimmer zu. Kurze Zeit später bekam Tifflors Gruppe zudem intakte Kleidung, uniformähnliche Outdooranzüge, wie sie auch die Franzosen trugen.

Nach einer wiederbelebenden Dusche trafen sich alle unten. Die Gäste stürzten sich hungrig auf die angebotenen Köstlichkeiten. Gäste und Gastgeber tauschten ihre Informationen aus; viel Neues gab es nicht, sie waren annähernd auf dem gleichen Stand. Auf allen Kontinenten fanden weitere Bauvorhaben der Sitarakh statt, und man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Invasoren es ziemlich eilig hatten.

»Was von Mildred gehört, ob sie auch wieder dabei ist?«, fragte Julian Tifflor zwischendrin.

»Anzunehmen«, antwortete Petite achselzuckend. »Orsons lässt sich das bestimmt nicht entgehen. Ich glaube aber nicht, dass sie in Europa ist. Zumindest habe ich nichts dergleichen erfahren.«

Julian nickte. »Ich bisher auch nicht.«

»Ihr habt euch getrennt, oder?«

»Ja, vor elf Jahren. Seither hatten wir keinen Kontakt. Es hätte ja sein können.«

»Mhm. Hab ja gleich gewusst, dass das nichts wird.«

Julian ging nicht darauf ein, schob den leer gegessenen Teller zur Seite und lehnte sich zurück. »Zu etwas anderem, was mich viel mehr beschäftigt. Wie kommt es, dass ihr nicht wie Zombies herumlauft? Das Cortico-Syndrom betrifft zwar nicht jeden, aber so viele Ausnahmen auf einmal sind mir bisher nicht begegnet.«