Perry Rhodan 3017: Terra Incognita - Susan Schwartz - E-Book

Perry Rhodan 3017: Terra Incognita E-Book

Susan Schwartz

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Beschreibung

Mehr als 3000 Jahre in der Zukunft: Längst verstehen sich die Menschen als Terraner, die ihre Erde und das Sonnensystem hinter sich gelassen haben. In der Unendlichkeit des Alls treffen sie auf Außerirdische aller Art. Ihre Nachkommen haben Tausende von Welten besiedelt, zahlreiche Raumschiffe fliegen bis zu den entlegensten Sternen. Perry Rhodan ist der Mensch, der von Anfang an mit den Erdbewohnern ins All vorgestoßen ist. Nun steht er vor seiner vielleicht größten Herausforderung: Die Rückkehr von seiner letzten Mission hat ihn rund 500 Jahre weiter in der Zeit katapultiert. Eine Datensintflut hat fast alle historischen Dokumente entwertet, sodass nur noch die Speicher der RAS TSCHUBAI gesichertes Wissen enthalten. Was sich seitdem ereignet hat, ist Perry Rhodan bisher nahezu unbekannt, da es zu fast allem mehrere unterschiedliche Aussagen und Quellen gibt. Nun macht er sich auf den Weg, Informationen am Ort des Geschehens nachzuspüren: im Solsystem, aus dem seine Heimatwelt geraubt wurde. Was er nun betritt, ist daher TERRA INCOGNITA ...

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Nr. 3017

Terra Incognita

Sie erreichen den dritten Planeten der Sonne – es ist eine fremde Welt

Susan Schwartz

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. THORA

2. Der Subkonsul

3. Eine erstaunliche Wendung

4. Der Anflug

5. Etwas, das so aussieht

6. Man schleicht sich an

7. Ankunft

8. Der See

9. Ja ... und nein

10. Die Forscher, nehme ich an?

11. Feuer und Diamanten

Fanszene

Leserkontaktseite

Glossar

Impressum

Mehr als 3000 Jahre in der Zukunft: Längst verstehen sich die Menschen als Terraner, die ihre Erde und das Sonnensystem hinter sich gelassen haben. In der Unendlichkeit des Alls treffen sie auf Außerirdische aller Art. Ihre Nachkommen haben Tausende von Welten besiedelt, zahlreiche Raumschiffe fliegen bis zu den entlegensten Sternen.

Perry Rhodan ist der Mensch, der von Anfang an mit den Erdbewohnern ins All vorgestoßen ist. Nun steht er vor seiner vielleicht größten Herausforderung: Die Rückkehr von seiner letzten Mission hat ihn rund 500 Jahre weiter in der Zeit katapultiert. Eine Datensintflut hat fast alle historischen Dokumente entwertet, sodass nur noch die Speicher der RAS TSCHUBAI gesichertes Wissen enthalten.

Was sich seitdem ereignet hat, ist Perry Rhodan bisher nahezu unbekannt, da es zu fast allem mehrere unterschiedliche Aussagen und Quellen gibt. Nun macht er sich auf den Weg, Informationen am Ort des Geschehens nachzuspüren: im Solsystem, aus dem seine Heimatwelt geraubt wurde. Was er nun betritt, ist daher TERRA INCOGNITA ...

Die Hauptpersonen des Romans

Reginald Bull – Der Resident der Liga Freier Galaktiker wirft die Macht seines Amtes in die Waagschale.

Perry Rhodan – Der Terraner betritt Terra Incognita.

Sholotow Affatenga, Osmund Solemani und Winston Duke – Die drei Freunde gehen wieder gemeinsam in den Einsatz.

Qad Boukkanatal – Der cairanische Subkonsul muss und darf eine Entscheidung treffen.

Rubart Tersteegen – Der Wissenschaftler staunt nicht schlecht.

1.

THORA

23. Oktober 2045 NGZ

»Bist du nervös?«, fragte Resident Bull.

»Warum sollte ich nervös sein?«, gab Perry Rhodan zurück.

Der rothaarige Freund grinste. »Stimmt. Bei dir ist es noch nicht so lange her wie bei mir.« Der ironische Unterton war nicht zu überhören.

Rhodan schwieg deshalb. Ja, selbstverständlich war er nervös. Sie flogen Richtung Terra, ihrer Heimatwelt, die in der Galaxis mittlerweile nur noch ein – zumeist unbeliebter – Mythos war. Zum Solsystem, das seit langer Zeit isoliert hinter der cairanischen Barrikade lag und von dem keiner der beiden unsterblichen Terraner wusste, ob es noch die alte Heimat für sie war. Mit Ausnahme der Cairaner war wohl niemand mehr bekannt, was sich innerhalb der Sperrzone befand.

»Wir tun das Richtige, und kein Cairaner wird uns aufhalten!«, verkündete der Resident mit ungebrochener Zuversicht.

»Jedenfalls ist es notwendig. Wir werden sehen, was sich daraus ergibt«, sagte Rhodan. Sie hatten einiges ausgetüftelt, um ans Ziel zu gelangen.

Nur ... was würden sie vorfinden?

Terra und Luna jedenfalls waren nicht mehr dort ... nach dem als »Raptus« bezeichneten Ereignis vor rund 430 Jahren waren beide Himmelskörper verblasst und schließlich ausgetauscht worden, sodass es zumindest zu keinen massiven Störungen im Gefüge des Solsystems gekommen war.

An die Stelle des TERRANOVA-Schirms war ebenfalls etwas anderes getreten – das sogenannte Clausum.

Seither hielten die Cairaner den Daumen auf diese Zone. Bull hatte Rhodans Frage nicht konkret beantwortet, ob nachweislich die Cairaner für das Clausum verantwortlich wären, aber das war momentan nicht von vordringlicher Bedeutung – sie waren zumindest gegenwärtig diejenigen, die das Gebiet weiträumig besetzt hielten und in der Lage waren, den Schirm zu durchdringen.

Perry Rhodan hatte aufgrund seiner Rede vor dem Parlament der Liga das Mandat erhalten, nach Terra zu suchen. Dazu stand ihm nicht nur seine RAS TSCHUBAI zur Verfügung, sondern auch die THORA und die Rückendeckung der LFG – und ein Zeitraum von 25 Jahren.

Diese 25 Jahre schienen zunächst großzügig bemessen, aber niemand wusste, wie sich die Suche gestalten würde, und daher wollte Rhodan sie keinesfalls aufschieben.

Der Resident hatte Verständnis für sein Drängen gezeigt, und so waren sie übereingekommen, die Suche am besten an der Stelle zu beginnen, wo der Raptus geschehen und der Heimatplanet samt Trabant verschwunden war. Spuren und Hinweise waren dort mit der größten Wahrscheinlichkeit zu finden.

Leider standen dabei die Cairaner im Weg ...

*

Die gesperrte Raumsphäre durchmaß 17 Lichtjahre und schloss damit auch Proxima Centauri sowie Alpha Centauri A und B ein. Außer der THORA befand sich kein nicht-cairanisches Raumschiff in diesem Bereich. Freiwillig flog niemand in die streng abgeriegelte Zone.

Welchen Grund hätte es auch gegeben? Im weiteren Umkreis bestand keine Möglichkeit für Handel und Touristik, und was die Forschung betraf, so gab es interessantere Gebiete, selbst für jene, die hartnäckig dem Mythos auf der Spur bleiben wollten.

Außer den beiden Unsterblichen gab es niemanden unter der Besatzung, der wusste, dass Terra als Wiege der Menschheit kein Mythos war. Viele belächelten diese Vorstellung, andere ärgerten sich gar darüber, und einige wenige wollten gerne daran glauben – aber all das ersetzte kein Wissen. Die Beteuerungen von zwei Unsterblichen – einer davon sogar der Resident – konnten an der Unsicherheit nichts ändern.

Ein Vorwurf war niemandem zu machen, denn das hatte Gründe.

Die Zweifel waren nicht nur der Zeit geschuldet, in der selbst bedeutende historische Ereignisse zusehends verblassten. Es gab – abgesehen von den Zellaktivatorträgern – kaum überlebende Zeugen der Existenz Terras, und dank des Posizids schon gar keine verlässlichen Daten.

Selbst all das zusammengenommen würde allerdings normalerweise nicht ausreichen, die Erde in den Bereich des Mythos zu entrücken. Aber etwa ein Jahr nach dem Raptus hatte das später als »psychoplastische Deformation« definierte Phänomen eingesetzt. Nicht nur den Terranern wurden die eigenen Erinnerungen auf einmal fremd und wichen einem Eindruck des Hörensagens. Sogar Mentalstabilisierten wie Reginald Bull kamen ab und zu Zweifel, ob diese »Erinnerungen« nicht etwa nur Träume waren oder eine Geschichte, die er mal irgendwo gehört oder gelesen hatte.

Jemand hatte sehr gründliche Arbeit geleistet, die Identität der Terraner zu vernichten, und der Effekt hielt an.

Rhodan machte sich deshalb keine Illusionen, dass seine Suche schnell zum Erfolg führen könnte.

Er hatte nach der ersten Ankunft auf der THORA vor der Mannschaft eine Ansprache gehalten und beteuert, dass er kein Mythos sei und dass die Terraner – oder vielmehr alle Völker der Galaxis – einer jahrhundertelangen Lüge aufgesessen wären. Damit waren Skepsis und Bedenken keinesfalls ausgeräumt.

Es wäre zu schön gewesen, wenn er wie in einem Trivid-Heldenabenteuer auf die galaktische Bühne zurückgekehrt wäre und nur mit seinen Worten sofort die Zustimmung aller gehabt hätte, auch vor dem Parlament. Er hätte den heutigen Terranern und den übrigen Völkern der Galaxis gern nahegebracht, wie sehr sie seit Jahrhunderten manipuliert wurden.

Keine Frage – Rhodans Stand war schwer, er musste sich seinen Platz erst wieder erkämpfen – und Vertrauen und Unterstützung gewinnen. Das Parlament hatte mehrheitlich für ihn gestimmt, aber es hatte viele Enthaltungen gegeben.

Es war schwer für den Terraner, dass er einerseits auf bekanntem Terrain unterwegs war, andererseits aber fünfhundert Jahre Entwicklung verloren hatte. Vieles war ihm fremd geworden, und bedingt durch die aktuellen Verhältnisse hatte er eine Art »Kulturschock« erlitten.

So war auch das Wiedersehen mit Reginald Bull nicht leicht gewesen. Einerseits waren sie immer noch die herzlich verbundenen Freunde und hatten sich über das Wiedersehen gefreut. Andererseits gab es so vieles, was die beiden durch den unterschiedlichen Kenntnis- und Entwicklungsstand voneinander trennte. Die Kluft der Jahrhunderte war nicht zu leugnen, so sehr sie sich bemühten.

Es gab zudem so manches, das Bull bislang nicht offenbart hatte, vorgeblich mangels Gelegenheit. Rhodan war nicht sicher, ob es nur daran lag oder ob sein Freund einige Geheimnisse für sich behalten wollte.

Rhodan fühlte sich emotional ständig hin- und hergerissen. Er hatte sich auf der THORA zum ersten Mal »angekommen« gefühlt; dennoch geriet er immer wieder in Zweifel, die er nicht definieren konnte. Es waren reine Gefühle, die ihn beherrschten, diese Unsicherheit, was er versäumt und was sich verändert hatte, und was andererseits doch noch vertraut war. Das bezog den Residenten mit ein.

Die verstohlenen Blicke spürte er durchaus, manche drückten Bewunderung oder Staunen aus, die meisten aber waren eher verwirrt – und all das zusammen spiegelte durchaus seine eigene widersprüchliche Gefühlslage.

Als ob er im Leerraum zwischen zwei Welten schwebte und noch nicht herausgefunden hatte, welche nun die seine war.

Das Wiedersehen mit Bull hatte alles statt leichter irgendwie schwieriger werden lassen. Trotz einiger Informationen war die Lage nicht klarer geworden.

Konzentration. Er zwang sich zur Rückkehr in die aktuelle Situation. Zum Grübeln war auch später Zeit.

Vielleicht löste sich ja alles in Wohlgefallen auf, sobald sie in das Solsystem eingeflogen waren.

Vielleicht fanden sich dort die Lösungen auf die meisten Fragen.

Vielleicht aber auch nicht.

Nein ... Wahrscheinlich eher nicht. Die jahrtausendelange Erfahrung lehrte einen das.

Also: Konzentration!

*

Die Haupt- und Nebenarbeitsstationen waren voll besetzt, die meisten befanden sich ebenso wie das Kommandopodest innerhalb des zentralen Hologlobus.

Das 2200-Meter-Ultraschlachtschiff wurde von der Ferronin Sillini Veéntor über die SERT-Haube zielsicher pilotiert. Genau wie alle anderen Mitglieder der Zentralemannschaft war sie eine Spezialistin mit hervorragenden Fähigkeiten.

Holger Bendisson, der 55 Jahre alte Kommandant, wurde wegen seiner geringen Größe von nur 1,59 Meter von Fremden auf den ersten Blick gern unterschätzt, noch dazu, da er durch sein konstantes leichtes Lächeln stets freundlich wirkte. Doch das täuschte. Hinter dem Lächeln ruhte ein messerscharfer Verstand, der blitzschnell Entscheidungen treffen konnte.

Rhodan sah, dass Bendisson sämtliche Arbeitsstationen ununterbrochen im Blick hatte, und das wusste das Team ebenso, denn alle Anwesenden wirkten hoch konzentriert und beschäftigten sich ausschließlich mit ihren Aufgaben. Kein Flüstern, keine Unruhe, kein Austausch von vielsagenden Blicken.

Das Flugziel hatte niemand infrage gestellt. Zumindest nicht laut, Gedanken darüber machte sich gewiss jeder.

Vor allem angesichts des gewaltigen Aufmarsches cairanischer Augenschiffe, die sich im Holo zeigten. Fünftausend hatten die Sensoren bisher aufgespürt.

Und zweihundert waren gerade unterwegs zur THORA.

*

»Man will uns offensichtlich beeindrucken«, stellte Rhodan fest.

»Möglich«, stimmte Bull zu. »Aber nehmen wir's doch lieber als Respektsbekundung!«

»Wir werden gerufen«, meldete der Erste Offizier, der die Kommunikationszentrale zusammen mit der Ortung und Navigation leitete.

»Auf Empfang gehen, Ausschnitt ausschließlich auf mich, einseitige Privatsphäre, Hintergrund akustisch und optisch ausgeblendet«, ordnete Bull an.

»Hast du ...«, setzte Rhodan an.

»Natürlich habe ich ihn desaktiviert!«, polterte Bull. »Und du?«

»Nicht.« Rhodan hielt das rechte Handgelenk mit dem tiefblau schimmernden Armband hoch.

Der Vitalimpuls-Tarner verhinderte, dass die Impulse seines Zellaktivators angemessen werden konnten.

Wenn sich Bull zu erkennen gab, durfte er seinen VI-Tarner nicht aktiv halten, es sei denn, er wollte die Cairaner auf eines der bedeutendsten Geheimnisse der Liga aufmerksam machen.

»Und ehe du mich wie eine besorgte Gouvernante fragst: Sehen kann man ihn ebenfalls nicht«, fügte der Resident hinzu und hielt seine Hände hoch. Er trug dünne schwarze Handschuhe.

Das Bild eines Cairaners erschien im Hologlobus; der Ausschnitt reichte bis zur Hüfte. Ein eher gedrungener Rumpf, die Schultern an den Armgelenken waren verdickt. Die goldfarbene Haut war gefleckt, vor allem auf dem kahlen Schädel. Anatomisch am auffälligsten waren die Handpaare mit zwei Innenfingern und Daumen an jeder Hand.

Rhodan wusste, dass die kräftigeren Außenhände für grobmotorische Aktivität gedacht waren, wohingegen die feingliedrigen Gespür- oder Sensorhände beispielsweise zur Steuerung der Augenraumer eingesetzt wurden.

Trotz des rein virtuellen Kontaktes trug der Cairaner Handschuhe, eine übliche Prozedur gegenüber Fremdwesen wie den Terranern. Vor allem »nackte« Sensorhände galten als äußerst intim und wurden nie öffentlich gezeigt. Also würden die Cairaner Bulls verhüllte Hände als Geste der Höflichkeit ansehen.

Der lippenlose, verhornte Mund des Cairaners bewegte sich kaum beim Sprechen. »Mein Name ist Ozoemena Onochie, ich bin Kommandant des Verbands Clausum-5. Dies ist bekanntlich Sperrgebiet, was ist dein Begehr?«

»Hier spricht Reginald Bull, Resident der Liga Freier Galaktiker«, antwortete der rothaarige Terraner förmlich. Sicherlich ging er wie Rhodan davon aus, dass er allein durch seinen Zellaktivator längst identifiziert worden war – er war auch nicht nach seinem Namen gefragt worden. »In meiner Funktion verlange ich Zugang zum Solsystem als Teil des Liga-Territoriums.«

Die ockerfarbenen Augen mit den waagerechten Pupillen verengten sich. »So plötzlich? Was ist der Grund?«

»Es haben sich neue Erkenntnisse bezüglich des Raptus ergeben ...«

»Welche sollten das wohl sein? Uns ist nichts dergleichen bekannt. Du hast das Sperrgebiet bisher respektiert – weshalb auf einmal nicht mehr? Vor allem hast du deine Ankunft nicht formell angekündigt oder gar den hierfür erforderlichen Antrag gestellt.«

Rhodan fiel auf, dass er begleitend zu seinen Worten mit den Doppelhänden gestikulierte. Und er sah, dass auch Bull seine Hände wie einstudiert bewegte.

»Es ist keineswegs mein erster Versuch«, erwiderte der Resident. »Das mag dir möglicherweise nicht bekannt sein, denn ich habe diese Position gewiss länger inne, als du Lebensjahre zählst. Überdies ist es vollkommen irrelevant. Als Regierungsoberhaupt der LFG bin ich dir gegenüber keinerlei Rechenschaft schuldig. Ich verlange, deinen Vorgesetzten zu sprechen.«

Onochie zögerte kurz, dann schien er zuzustimmen. »Das ist eine Aufgabe für die Gespürhand«, sagte er in höflichem Tonfall. »Einen Augenblick bitte.«

Auf Rhodans fragenden Blick hin gab Kommandant Bendisson Auskunft: »Ein cairanisches Sprichwort, es bedeutet, dass hier Diplomatie gefragt ist.«

»Also erst fragen, dann schießen?«

»Außergewöhnlich, nicht wahr? Aber so ist es manchmal bei den Cairanern. Mit mir will man es sich in den unteren Rängen nicht gleich verscherzen – zudem scheint das hier ein Frischling zu sein, der seinen Posten durch eigenmächtiges Handeln nicht so schnell wieder verlieren will.« Bull zeigte ein kurzes, von Augenzwinkern begleitetes Grinsen.

Wenige Sekunden später meldete sich der Kommandant zurück. Er erhob die behandschuhten Sensorhände, eine eindeutig friedliche Geste. »Subkonsul Qad Boukkanatal ist bereit, mit dir über dein Ansinnen zu sprechen.«

»Und es abzuschmettern«, brummte Bendisson im Hintergrund. Da nur Bulls Stimme übertragen wurde, konnte er den Einwurf wagen.

»Das ist ein Anfang«, zeigte der Resident sich erfreut. »Wo werde ich ihn treffen?«

»Bei APPCAID. Wir werden dich dorthin eskortieren. Du hast Diplomatenstatus.«

»Keine Sorge, ich werde die Waffensysteme nicht aktivieren, solange ihr es nicht tut. Ich mache mein Anliegen besser mit Worten deutlich. Wir sind nicht in kriegerischer Absicht hier.«

»Ich lasse die Flugroute übermitteln. Weise deinen Piloten an, exakt die vorgegebenen Koordinaten und die Geschwindigkeit einzuhalten.«

»Verstanden und akzeptiert.«

2.

Der Subkonsul

Eine scheibenförmige Konstruktion von zwanzig Kilometern Durchmesser und zwei Kilometern Dicke parkte dicht bei dem Roten Zwerg Proxima Centauri. Wie bei den cairanischen Raumschiffen befand sich in der Mitte ein gigantisches Energieauge, sodass die Raumstation bei der Annäherung ein weithin leuchtendes Fanal bildete.

Gesichert wurde die Station durch zweitausend Augenraumer der Flotte.

»Achtung, THORA«, erklang eine klare Stimme, und ein weiterer Cairaner zeigte sich im Holo. »Hier spricht Kommandantin Nuetuuru Passkershana von APPCAID. Ich übermittle die Warteposition, bis Subkonsul Qad Boukkanatal eintrifft.«

»Verstanden«, gab Kommandant Bendisson zurück.

Äußerlich waren die zweigeschlechtlichen Cairaner für Rhodan nicht voneinander zu unterscheiden – aber bei einer persönlichen Begegnung konnte er den unterschiedlichen Geruch wahrnehmen, den die Goldhäutigen verströmten. Männer rochen grundsätzlich leicht rauchig, der Duft der Frauen hingegen erinnerte an Sandelholz. Der individuelle Geruch entstand durch Pheromone, die über sogenannte Aromamünder an den Schläfenpartien abgesondert wurden.

Natürlich konnte der Subkonsul von überall Funkkontakt aufnehmen, doch für die Diplomatie war es wichtig, wenn schon kein persönlicher Kontakt stattfand – wovon Bull nicht ausging, wie er Rhodan gegenüber erwähnte –, dass man sich wenigstens per Raumschiff quasi »Auge in Auge« befand. Sich persönlich herzubemühen war eine Sache der Höflichkeit.

*

Sie warteten etwa eine halbe Stunde, dann wurde die Annäherung eines großen Augenraumers gemeldet, der sich als GISHKORAI identifizierte.

Ohne Umwege ließ Subkonsul Qad Boukkanatal sich mit dem Residenten der LFG verbinden. Seine perlmuttfarben schimmernde Kombination wies einige Insignien auf, die vermutlich seinen Status kennzeichneten.

»Subkonsul Qad Boukkanatal entbietet im Namen des Cairanischen Friedensbundes dem Residenten der LFG, Reginald Bull, seine Grüße. Ich bin ein wenig überrascht über diese unkonventionelle Vorgehensweise deines unangekündigten Fluges hierher. Haben unsere Botschafter sich nicht ausgetauscht?«

Illustration: Dirk Schulz

»Nein«, antwortete Bull. »Aufgrund gegebener Ereignisse muss ich dringend um Genehmigung ersuchen, das Solsystem anfliegen zu dürfen.«

»Du weißt, dass das nicht möglich ist, denn ...«

»Vielleicht muss ich mit deinem Vorgesetzten sprechen, der befugt ist, solche Entscheidungen zu treffen?«

»Der Konsul des Sternwestlichen Konsulats, Aiharra Haio, hat mir umfassende Vollmacht erteilt. Ich lasse sie dir augenblicklich übermitteln. Ich kann dein Ansinnen ohne Rücksprache mit ihm ablehnen. Es steht dir jedoch frei, einen Termin mit ihm zu vereinbaren, um dein Anliegen direkt vorzubringen.«

»Diese Zeit habe ich nicht«, bekräftigte Bull. »Dafür sind mir die bürokratischen Bearbeitungszeiten zu lang. Bei uns Terranern sind die Amtswege kurz.«

Der Subkonsul schnippte mit drei Fingern. Rhodan konnte diese Geste nicht deuten, aber an dem sich zusehends verfinsternden und sich rötenden Gesicht des Freundes war zu ersehen, dass dieser das sehr wohl tat und nicht erfreut war.

Bull antwortete mit einer knappen Geste, indem er die flache Hand mit gestreckten, aneinandergelegten Fingern einmal scharf von oben nach unten bewegte.

»Resident Bull«, sagte der Cairaner steif und förmlich, »es ist nicht erforderlich, mir den Druck der Außenhand zu spüren zu geben.«

Bendisson stellte sich neben Rhodan und soufflierte. »Das Fingerschnippen ist eine herablassende Geste und bedeutet ungefähr was willst du, kleiner Wicht?, und Reginalds Antwort entspricht einer weiteren cairanischen Redewendung, die so viel bedeutet wie Ich werde dichhart anfassen – Bull hat damit deutlich gemacht, dass er durchaus anders kann und dazu bereit ist.«

Allein gegen fünftausend, dachte Rhodan. Aber offenbar keine falsche Strategie, da der Cairaner das Gespräch weiterführte und nicht etwa abbrach. Es war sicherlich wichtig, als Regierungsoberhaupt der LFG Autorität zu zeigen. Wahrscheinlich war das der einzige Weg, um überhaupt ernst genommen zu werden.

»Das liegt nicht in meinem Interesse«, fuhr Bull unterdessen fort. »Jedoch bitte ich nachdrücklich um die Erlaubnis, in das Solsystem einzufliegen.«