Perry Rhodan 3034: Ancaisin - Michael Marcus Thurner - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan 3034: Ancaisin E-Book und Hörbuch

Michael Marcus-Thurner

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Beschreibung

Mehr als 3000 Jahre in der Zukunft: Längst verstehen sich die Menschen als Terraner, die ihre Erde und das Sonnensystem hinter sich gelassen haben. In der Unendlichkeit des Alls treffen sie auf Außerirdische aller Art. Ihre Nachkommen haben Tausende von Welten besiedelt, zahlreiche Raumschiffe fliegen bis zu den entlegensten Sternen. Perry Rhodan ist der Mensch, der von Anfang an mit den Erdbewohnern ins All vorgestoßen ist. Nun steht er vor seiner vielleicht größten Herausforderung: Die Rückkehr von seiner letzten Mission hat ihn rund 500 Jahre weiter in der Zeit katapultiert. Eine Datensintflut hat fast alle historischen Dokumente entwertet, sodass nur noch die Speicher der RAS TSCHUBAI – seinem Raumschiff – gesichertes Wissen enthalten. Perry Rhodan ist in das geheimnisvolle und über 270 Millionen Lichtjahre entfernte Galaxien-Geviert aufgebrochen, das früher angeblich unter dem Schutz der VECU stand, einer bisher unbekannten Superintelligenz. Von dort stammen sowohl die Cairaner als auch die Ladhonen, die einen selbst ernannte Schutzherren, die anderen die räuberische Geißel der Milchstraße. Erstes Ziel Rhodans ist dabei die Heimatgalaxis der Cairaner: ANCAISIN ...

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Seitenzahl: 181

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Zeit:3 Std. 32 min

Sprecher:Tom Jacobs




Nr. 3034

Ancaisin

Sie erreichen die fremde Galaxis – und begegnen dem grauen Schleier

Michael Marcus Thurner

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Moquert – Damals

2. Perry Rhodan – Bordleben

3. Gry O'Shannon, eine Stunde zuvor: Der Ausblick

4. Perry Rhodan – Annäherung

5. Gry O'Shannon – Das fremde Schiff

6. Moquert – Begegnung mit den Hässlichen

7. Gry O'Shannon – Fremdartigkeit

8. Moquert – Der Bericht

9. Gry O'Shannon – Der Dämpfer

10. Perry Rhodan – Die Reise zurück

11. Moquert – Freude und Verzweiflung

12. Gry O'Shannon – Auf Laquass

13. Moquert – Was die Horchhaut sagt

14. O'Shannon – Sandspiele

15. Moquert – Im Dunklen Schwarz

16. O'Shannon – Die Wolke

17. Perry Rhodan – Danach

Journal

Leserkontaktseite

Glossar

Impressum

Mehr als 3000 Jahre in der Zukunft: Längst verstehen sich die Menschen als Terraner, die ihre Erde und das Sonnensystem hinter sich gelassen haben. In der Unendlichkeit des Alls treffen sie auf Außerirdische aller Art. Ihre Nachkommen haben Tausende von Welten besiedelt, zahlreiche Raumschiffe fliegen bis zu den entlegensten Sternen.

Perry Rhodan ist der Mensch, der von Anfang an mit den Erdbewohnern ins All vorgestoßen ist. Nun steht er vor seiner vielleicht größten Herausforderung: Die Rückkehr von seiner letzten Mission hat ihn rund 500 Jahre weiter in der Zeit katapultiert. Eine Datensintflut hat fast alle historischen Dokumente entwertet, sodass nur noch die Speicher der RAS TSCHUBAI – seinem Raumschiff – gesichertes Wissen enthalten.

Perry Rhodan ist in das geheimnisvolle und über 270 Millionen Lichtjahre entfernte Galaxien-Geviert aufgebrochen, das früher angeblich unter dem Schutz der VECU stand, einer bisher unbekannten Superintelligenz. Von dort stammen sowohl die Cairaner als auch die Ladhonen, die einen selbst ernannte Schutzherren, die anderen die räuberische Geißel der Milchstraße. Erstes Ziel Rhodans ist dabei die Heimatgalaxis der Cairaner: ANCAISIN ...

Die Hauptpersonen des Romans

Moquert – Der Quantam sehnt sich zurück.

Taquav – Der Ziehsohn sehnt sich nach Anerkennung.

Perry Rhodan – Der Terraner sehnt sich nach Erkenntnissen.

Gry O'Shannon

1.

Moquert

Damals

Das nächtliche Dreigestirn blieb jenseits des Dschungeldachs verborgen, wie so oft zu dieser Jahreszeit. Riesige Luhrbäume hielten ihre Äste wie schützend über Moquert, während er sich von Lianenschlaufe zu Lianenschlaufe fortbewegte und dabei dem Jagdgesang der Kraas lauschte.

Sie würden ihn nicht stören, nicht in dieser Nacht. Seiner ... letzten? ... Nacht.

Die Kraas waren verwirrt von den Geschehnissen. So, wie er verwirrt war.

Er hielt inne, wechselte in bequemer Hängehaltung auf die Isen-Arme und entspannte die Muskulatur seiner Hoves-Arme. Sein Körper war jung und kräftig, doch auch er benötigte ab und zu ein wenig Erholung.

»Nicht mehr weit«, sagte er und wiederholte ein wenig lauter: »Nicht mehr weit.«

Die Raumschiffssiedlung war bloß dreißig Hangelminuten entfernt. Sobald er sie erreicht hatte, würde sich alles ändern.

Moquert zögerte.

War er wirklich bereit zu gehen? Sollte er nicht lieber zurückbleiben und seinen Platz einem anderen überlassen?

Wind kam auf. Er fuhr durchs dichte Blätterwerk und erzeugte ein leises Rascheln. Unweit von ihm wuchs eine Gruppe von Schlagbäumen. Deren Blätter prallten so hart gegeneinander, dass sie jene Trommelgeräusche erzeugten, die Moquert so sehr liebte. Seit seinen ersten bewussten Tagen hatte er gerne ihrem Klang gelauscht. Manchmal hatte er gemeint, Melodien zu erkennen. Rhythmen. Das Wispern der Waldgeister ...

Der Wind ließ nach, gleich darauf meldeten sich erneut die Kraas zu Wort.

Moquert atmete tief durch und traf eine Entscheidung. »Sollen sie ruhig auf mich warten!«, sagte er leise. »Sie werden nicht ohne mich abfliegen. Oder sie finden Ersatz.«

Er zog sich mit den Hoves-Armen die Lianen hoch, bis er den moosbewachsenen Riesenast erreicht hatte, und legte seinen Kopf darauf. Der Bewuchs aus Pflanzen, Pilzen und Algen reagierte bloß schwach auf seine Horchhaut und gab ihm nicht viel zum Lauschen.

Immerhin reichte es, um mehr über die nächstgelegene Wasserpfütze zu erfahren. Sie war bloß fünf Hangelminuten entfernt.

Moquert machte sich auf den Weg, er beeilte sich. Sein Körper lechzte nach Wasser. Nach einer Suhle, in der er sich wälzen und in der er sich mithilfe der im Schlamm verborgenen Panzerzecken reinigen konnte.

»Es ändert sich alles viel zu rasch«, sagte er zu sich selbst. »Ich will das nicht!«

Es gab kein Entrinnen. Kluge Köpfe seines Volkes hatten vor einigen Jahrzehnten die Wälder verlassen und damit in den trockenen Ebenen die Weltraumforschung begonnen.

Das Volk hatte bald den ersten Schritt ins Weltall getan. Die Quantam waren zum Dreigestirn der Monde gelangt, hatten Spuren in den dortigen Sand gesetzt und Stationen samt künstlichen Hangelstrecken errichtet. Seit einigen Jahren lebten Quantam dort oben. Sie forschten und experimentierten. Sie bereiteten alles dafür vor, dass von den Monden aus größere und weiterentwickelte Raumschiffe eine Reise tiefer ins Weltall antreten konnten. Binnen fünfzehn Jahren sollten die technischen Voraussetzungen dafür geschaffen werden.

Doch was brachte ihnen die Reise durchs Dunkle Schwarz, wenn ihre Heimat Maquantam selbst nicht einmal zur Gänze erforscht war?

Moquert hörte das Wasser. Es rieselte durch den feuchten, moosigen Untergrund und sammelte sich in länglichen Treibpfützen. Deren Bäche erreichten letztlich jene Schlammseen, für die die Gegend rings um die Raumschiffssiedlung bekannt war.

Er streifte mit dem Kopf über die Sudfläche eines dünneren Astes und fühlte sich in die Umgebung ein.

»Danke, Vater Baum«, sagte Moquert nach einer Weile, hangelte sich einige Meter vorwärts, hängte seinen Rucksack an einer Liane ab – und ließ sich in die Tiefe fallen. Einfach so.

Er genoss das Gefühl des freien Falls. Seine Horchhaut hatte ihm die absolute Sicherheit gegeben, dass er in die tiefste Stelle des Schlamms plumpsen würde – und so geschah es.

Moquert hielt die Luft an. Er tauchte metertief ein, ohne den Boden unter seinen Beinen zu spüren. Mit kräftigen Armbewegungen brachte er sich zurück an die Oberfläche.

Die Panzerzecken hatten die Erschütterung bemerkt. Aus allen Richtungen eilten sie heran, kamen auf ihren tellerförmigen Füßen herbei, schritten graziös über die Pfütze. Die größten Zecken waren handtellergroß. Sie gediehen ausgezeichnet in den Schlammseen.

Moquert stellte die Ruderbewegungen mit den kräftigeren Armen ein und wartete geduldig, bis sich die Panzerzecken an seinen Leib geschmiegt hatten und saugten. Sie forderten ein klein wenig Blut dafür, dass sie seine Haut säuberten und vor allem die Horchhaut nach Schädlingen absuchten.

Moquert genoss das Gefühl der Reinigung. Er meinte, die Gier und die Leidenschaft der Panzerzecken zu fühlen.

Er drehte sich auf den Rücken und trieb so ruhig wie möglich dahin. Über ihm war ein Stück freier Himmel zu sehen. Laquass, der größte Mond, trieb Bomquill und Koruqua scheinbar vor sich her. Laquass leuchtete grell und majestätisch. Er beherrschte das Firmament, seine beiden Begleiter waren bloß Beiwerk.

»Wie wird es sein ohne euch?«, fragte Moquert. »Werden wir in den Raumschiffen überleben können?«

Ihre Freunde hatten versprochen, dass die Reise nur etwa zwei Jahre in Anspruch nehmen würde.

Nur?

Zwei Jahre ohne frische Luft. In enge Räumlichkeiten gequetscht. Den Blick stets gegen stabile Wände gerichtet, die nie weiter als zehn Körperlängen entfernt waren. Ohne die Gerüche und die Geschmäcker der Heimat.

Man hatte Moquert ausgesucht, weil er bei Tests besonders gut abgeschnitten hatte. Man sagte, dass sein Geist robust und seine mentale Stärke hervorragend wären. Außerdem besäße er eine gediegene Ausbildung auf seinem Fachgebiet.

Warum saß er im Schlammbad und wollte es partout nicht verlassen, obwohl sein Schiff bereits startbereit war und wartete?

Die Horchhaut seines Kopfs machte sich bemerkbar. Sie teilte ihm ein Gefühl der Unruhe mit. Ganz in der Nähe liefen die Startvorbereitungen in der Raumschiffssiedlung. Moquert blieb nicht mehr viel Zeit.

Mit größtem Unbehagen löste er die Panzerzecken von seinem Körper und schleuderte sie beiseite, ehe sie ihre Arbeit vollständig erledigt hatten. Moquert vermisste das Gefühl der Reinheit, das sich sonst stets nach einem Schlammbad einstellte.

Er schwamm mit kräftigen Armschlägen bis ins seichtere Schlammwasser und griff nach einer Lianenschlaufe in Reichweite. Er streifte widerwillig zwei Panzerzecken ab, die wieder zugebissen hatten, und hievte sich höher. Um Schwung zu holen, das Körperschwergewicht zu verlagern und zu jener Liane zu schwingen, an der er seinen Rucksack zurückgelassen hatte.

Er würde die darin befindliche Kleidung anziehen müssen, sobald er den Dschungelrand erreicht hatte und auf eine der künstlichen Hangelstrecken wechselte. Im Raumschiff wurde erwartet, dass er Bordbekleidung trug.

Er schickte einen Gruß an das Dreigestirn am Firmament und machte sich auf den Weg. Die Aufregung der Horchhaut wurde drängender und intensiver.

Moquert suchte nach einem Gefühl des Stolzes in sich. Schließlich war er auserwählt worden, als einer von wenigen, die heimatliche Welt zu verlassen.

2.

Perry Rhodan

Bordleben

»Wie sieht es mit Hyperfunkverkehr aus?«, fragte Perry Rhodan.

»So weit draußen darf man nicht viel erwarten. Aber mehr als das hier auf jeden Fall. – Also: negativ. Ich zeig's dir.« Lit Olwar, der Imarter, zauberte mit wenigen Handbewegungen einige Holos herbei, die Seifenblasen glichen.

Die Holos waren so gut wie leer. Nur einige Datenzeilen dokumentierten kosmisches Hintergrundrauschen und hyperphysikalische Phänomene.

»Das ist alles, was wir empfangen«, sagte Olwar. »Es ist, als wäre jegliches Leben in Ancaisin erloschen.«

Icho Tolot ließ ein zustimmendes Brummen vernehmen. »Sehr ungewöhnlich.«

Rhodan ließ sich seine Irritation nicht anmerken. »Na schön. Wir müssen für belastbare Aussagen näher ran.«

»Sobald die Reparaturen abgeschlossen sind.« Olwar nahm über Bordfunk Kontakt mit einer der vielen Stabsstellen auf, die für die Wartung der RAS TSCHUBAI verantwortlich zeichneten.

Ein Schott öffnete sich, und Sichu Dorksteiger betrat die Zentrale. Die Chefwissenschaftlerin begab sich sogleich zu ihrem Ehemann und Expeditionsleiter – Perry Rhodan.

»Wir haben's geschafft«, sagte Sichu und stellte sich hinter Rhodan. »Wir sind im Galaxien-Geviert. Der Wiege der Cairaner.« Sie berührte ihn kaum wahrnehmbar an der Seite und erzeugte ein wohliges Gefühl in ihm. »Wir haben Millionen Lichtjahre überbrückt. In Rekordzeit. Innerhalb von nicht einmal neun Monaten. Und jetzt sind wir im Perseus-Haufen.«

Rhodan lächelte. »Dieser alte Kahn ist sein Geld allemal wert. Ich würde die RAS TSCHUBAI um keinen Preis der Welt gegen ein neues Raumschiff eintauschen wollen.«

»Sagt der Mann, der früher angeblich die Schiffe rascher wechselte als seine Socken.«

Icho Tolot, der jedes Wort der Unterhaltung mitgehört hatte, lachte verhalten, sodass Rhodan sich bloß die Ohren zuhalten und nicht auf schallschluckende Schutzfelder zurückgreifen musste.

»Ich erinnere mich an die durchnummerierten CREST-Modelle, die du im Laufe der Jahre verschlissen hast.«

»Es waren Jahrhunderte, alter Freund. Und mehr als dreizehn Schiffe dieses Namens. Aber wir sollten uns auf die Gegenwart konzentrieren. – Lit, was ist mit den InSos?«

»Die Sonden sind bereit. Dreihundert, wie du es wolltest«, antwortete Lit Olwar. »Willst du sie wirklich jetzt schon aussetzen? Die Reichweite ...«

»Nein, halte sie einfach bereit. Sobald wir uns Ancaisin weiter angenähert haben, schicken wir sie los. Mindestens auf 500 Lichtjahre müssen wir ran, sonst können sie nicht zurückkehren. Ich bin gespannt, ob sie halten, was Bully uns versprochen hat.«

Olwar schmunzelte. »Verstehe. Der große Rhodan ist neugierig auf unsere Investigator-Sonden.«

»Gestatte einem alten Mann menschliche Regungen«, gab Rhodan zurück. »Ja, ich bin neugierig. Schon von Berufs wegen.«

»Ich auch«, sagte Sichu. »Dazu muss man kein alter Mann sein.«

Die Investigator-Sonden, die viele nur InSos nannten, waren multifunktionale Geräte, die von der Größe her nicht als Sonden, sondern eher als kleine Raumschiffe durchgingen. Sie maßen 35 Meter in der Länge und waren im Ephelegonsystem neu aufgenommen worden. Die zigarrenförmigen InSos waren auf autonomen Betrieb ausgelegt. In ihnen steckten ein Linear- und ein Transitionsantrieb. Sie waren mit Ortungs- und Tarnmodulen versehen, die dem modernsten Stand der Technik entsprachen. Darüber hinaus fanden sich im ultrakompakt verbauten Innenleben ein leistungsstarker Hyperfunksender samt neuester Dechiffrierungstechnologie, Translatoren, die Aggregate für einen HÜ-Schirm, schwache offensive Bewaffnungseinheiten sowie unzählige anderen Messgeräte, die für die präzise Erforschung eines Raumbereichs unabdingbar waren.

»Neugierig sind wir alle.« Olwar nickte verstehend, und damit hakte Rhodan das Thema Erkundung vorerst ab und richtete seine Aufmerksamkeit auf die Instandsetzungsarbeiten.

Die RAS TSCHUBAI hatte ihre Reise über mehr als 270 Millionen Lichtjahre bemerkenswert gut überstanden, trotzdem gab es Reparaturbedarf, zumeist Bagatellschäden: Verschleißteile wurden soeben ersetzt, die Hyperkristalllager gesichtet, statische Kontrollberechnungen angestellt, während die Semitronik ANANSI sich kritischen Belastungstests unterzog.

Obwohl überall gearbeitet wurde, war es in der Zentrale bemerkenswert ruhig. Die Stimmung wirkte gedrückt. Dies war zwar nicht der erste Kontrollaufenthalt seit ihrem Abflug von Rudyn. Doch bislang hatten stets die Reise und die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen im Zentrum ihrer Überlegungen gestanden. Nun war es das Galaxien-Geviert, insbesondere die Galaxis Ancaisin, in terranischen Sternenkatalogen als NGC 1259 geführt.

Sie blickten nach vorne, auf eine unbekannte Gefahr, die angeblich so groß war, dass Zemina Paath sich geweigert hatte, die Reise mitzumachen.

Eine rothaarige Frau betrat die Zentrale. Rhodan lächelte verschmitzt, er erinnerte sich nur allzu gut an sie.

»Interessierst du dich für Materialwissenschaftlerinnen allgemein oder für Gry O'Shannon speziell? Muss ich mir Sorgen machen?«, fragte Sichu neben ihm, die seine Blicke sehr wohl bemerkte.

»Um unseren Kommandanten«, sagte Rhodan und lächelte breiter.

»Du willst mir nicht allen Ernstes einreden, Holonder wäre verliebt?«, fragte Sichu mit todernster Miene.

»So würde ich es nicht nennen. Aber er ist ihr vollkommen ausgeliefert. – Ich freue mich schon auf die kommende Unterhaltung.«

Die Frau – Gry O'Shannon – ging tatsächlich schnurstracks auf Kommandant Holonder zu. Jener bemühte sich tunlichst, sie zu ignorieren. Es gelang ihm nicht.

»Spann mich nicht auf die Folter«, flüsterte Sichu. »Worum geht es?«

»Wahrscheinlich um dasselbe wie beim letzten Mal: O'Shannon will raus, um die Hülle der RAS zu inspizieren.«

»Das ist kein abwegiger Gedanke für eine Materialwissenschaftlerin. Wo liegt das Problem?«, fragte Sichu.

»Darin, dass es nur eine Ausrede ist. Sie will sich den Leerraum um die Nase wehen lassen und den Ausblick ungefiltert genießen«, antwortete Rhodan. »Aber sie gibt es nicht zu, sondern sucht Ausflüchte. Holonder kann das nicht durchgehen lassen.«

Sichu kicherte. »Ihr Männer ... ihr kämpft gerne auf verlorenem Posten, was?«

Sie hatte recht, wie so oft: Gry O'Shannon war eine bestimmende und überaus hartnäckige Person. Sie würde sich keinesfalls abschütteln lassen. Das tat sie nie. Sie redete, bis sie bekam, was sie wollte.

»Willst du Cascard denn nicht unterstützen?«, stichelte Sichu. »Du weißt, dass er nicht allein mit ihr fertig wird.«

»Das weiß ich.«

»Das weißt du und bleibst so ruhig? Wie war das mit nicht durchgehen lassen?«

Perry Rhodan beobachtete möglichst unauffällig, wie O'Shannon auf Holonder einredete und dieser krampfhaft versuchte, so zu tun, als wäre er völlig in die Arbeit an seinen Skizzen vertieft. Es war ein keineswegs alltägliches und darum besonders spektakuläres Bild. Und es lenkte ihn von den Sorgen ab, die ihn immer wieder beschlichen.

»Weil sie keinen Schaden damit anrichtet und ihren Willen ohnehin bereits bekommen hat. Vor nicht ganz zwei Stunden. Dass sie wieder hier ist, kann nur zweierlei bedeuten: Sie berichtet Holonder von ihren Erlebnissen und bereitet dadurch ihre baldige Forderung vor, einen weiteren Außenspaziergang machen zu dürfen.«

»Sehr schön.« Sichu folgte seinen Blicken. »Du hast also endlich begriffen, dass ein Mann am besten das tut, was seine Frau möchte. Auch wenn Cascard Holonder nicht ihr Mann ist.«

Das Gesprächzwischen der Materialwissenschaftlerin und dem Kommandanten endete mit einem strahlenden Lächeln O'Shannons und einem nicht besonders überzeugten Nicken Holonders. Rhodan war sicher, dass er innerlich seufzte.

Mit einem Wink entließ der Kommandant O'Shannon aus der Zentrale, die umgehend davoneilte. »Bis bald!«, erklang ihre Stimme, dann war sie verschwunden.

»Perry?« Holonder winkte ihn zu sich. »Tolot?«

»Ich warte hier«, sagte Sichu und nahm sofort ihr Armbandkom zum Mund. Für die Wissenschaftlerin gab es keine Langeweile.

Der Terraner und der Haluter traten zum Kommandanten, der sie darüber informierte, dass O'Shannon einen grauen Schleier gesehen haben wollte, der sich vor Ancaisin schob. Aber die Instrumente zeigten nichts. War sie einem Irrtum aufgesessen?

Perry Rhodan war unsicher. Wieso hätte O'Shannon sich das einbilden sollen? Aber wieso hätte nur sie das Phänomen wahrgenommen und sonst niemand?

Nach einer kurzen Diskussion bot Icho Tolot sich an, die Daten zu prüfen und die Sensoren feiner einzustellen.

Rhodan ging zurück zu Sichu Dorksteiger.

»Ehe du dich wieder von einer anderen Frau ablenken lässt, kommen wir zum Anlass meines Besuchs«, begrüßte sie ihn und wedelte ein schallschluckendes Feld um sie beide herbei. »Es geht erst einmal nur dich an.«

»Ist etwas passiert?«, fragte er, plötzlich von einem unguten Gefühl heimgesucht.

»Bleib ruhig, es geht nur darum, dich auf den aktuellen Erkenntnisstand in Sachen Organoid zu bringen. Matho Thoveno kümmert sich schließlich in jeder freien Minute um das Gerät.«

»Der wäre welcher?« Rhodan atmete tief durch.

Er wollte eigentlich nicht an das stecknadelkopfgroße Ding erinnert werden, das ihm Dancer und Schlafner im Habitat Gongolis unbemerkt implantiert hatten. Erst Wochen später war es wieder entfernt worden. Und aus den Gegnern waren Verbündete geworden. Die allerdings kaum etwas über das Organoid sagen konnten.

Sichu ließ ein Holo über ihrem Armbandkom erscheinen. Es zeigte das herzförmige Organoid, es drehte sich langsam in der Darstellung und schimmerte dabei in einem warmen Rotton. »Unser Chefmediker weiß mittlerweile, dass es nicht nur deine Vitalstruktur ausgelesen und die Informationen in regelmäßigen Abständen als geraffte Hyperfunkbotschaft abgesendet hat.«

»Was kann es denn noch?«

»Es imitiert darüber hinaus eine bestimmte Drüsenfunktion. Es steuert Stoffwechselprozesse.«

»Welche?«

»Thoveno und ich vermuten, dass es eine Art chronobiologische Funktion hat. Es beeinflusst das Zeit- und Zeittaktempfinden.«

»Ich erinnere mich nicht, falsche Zeitwahrnehmungen gehabt zu haben.«

»Vielleicht hast du es zu kurz getragen, um seine Wirkung zu spüren – oder aber du hast es schlichtweg nicht bemerkt. Was durchaus im Sinne des Organoidschöpfers gewesen sein dürfte.«

Rhodan nahm es hin. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, das man versucht hätte, ihn zu manipulieren. »Und wie geht ihr weiter vor?«

»Thoveno will mit Zellkulturen arbeiten. Er hat einen der Matten-Willys an Bord, einen gewissen Ventali Thee, gebeten, ihn dabei zu unterstützen. Die Posbis helfen ebenfalls mit.«

»Ihr wollt also wissen, wie das Organoid reagiert, sobald es mit biologischem Leben in Berührung kommt.«

»Richtig. Thoveno ist der richtige Mann dafür. Er ist der präziseste, umsichtigste Mediker, dem ich jemals begegnet bin. Außerdem hat er mit den Posbis geeignete Partner für seine Experimente zur Hand.«

»Dennoch sind es Experimente, deren Ausgang wir nicht kennen. Was, wenn das Organoid weitere unbekannte Eigenschaften zeigt?«

»Thoveno arbeitet unter größtmöglichen Sicherheitsvorkehrungen. – Du fürchtest dich doch nicht etwa, Perry?«

»Vorsicht ist der bessere Teil der Tapferkeit, heißt es nicht so? Wir haben es immerhin mit einer unbekannten Technologie zu tun.«

»Das hatten wir schon öfter. Furcht hattest du davor aber nie.«

»Die habe ich auch jetzt nicht. Ich versuche lediglich, alle Risiken zu bedenken.«

»Du wirst nie alle Risiken ausschalten können, und das weißt du auch sehr genau.« Sichu verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. »Es geht um ...«

»... die Vergangenheit. Die RAS TSCHUBAI und wir sind seit Posizid und Datensintflut der einzige Hort gesicherten Wissens, den wir kennen. Wenn jemand daran herumpfuscht ...«

»Darauf deutet nichts hin. Zur Sicherheit haben wir unsere Archive auch auf unsere vier alten MARS-Kreuzer und auf Positroniken im Ephelegonsystem übertragen.«

»Das weiß ich alles, Sichu. Aber ich frage mich, was hinter all den Lügen und Verfälschungen steckt, die über die Milchstraße hereingebrochen sind. Einen Gegner aus Fleisch und Blut kann man bekämpfen. Wir aber treten gegen Lügen, Manipulation, Unsicherheit und Vergessen an. Gegen eine ungreifbare, unsichtbare Macht. Wie besiegt man sie?«

Sie umfasste sein Gesicht mit beiden Händen. »Du bist Perry Rhodan. Und ich bin deine Frau. Ich verstehe deine Ängste. Aber sie sind unbegründet. Das Organoid ...«

»Die Organoide sind eines von vielen Objekten, mit deren Hilfe ein Großteil der Milchstraßenbevölkerung kontrolliert und beeinflusst wird. Du sagst selbst, dass ihr noch nicht wisst, was es kann und was es bewirkt. Ich will, dass Thoveno bei jedem einzelnen Untersuchungsschritt vorsichtig bleibt. Und du ebenfalls. Vor allem du.«

»Selbstverständlich, Perry.« Sichu beugte sich vor und hauchte ihm einen Kuss auf den Mund. »Ich mag es, wenn du auf deine sonderbar altmodische Weise fürsorglich bist.«

»Ich stamme nun mal aus einer anderen Zeit.«

»Wir anderen mittlerweile auch. Aber deine liegt noch weiter zurück. Weißt du, manchmal wünschte ich, ich hätte dich in deinen jungen Jahren kennengelernt, als du ins All aufgebrochen bist. Und diese Thora.«

»Ich glaube nicht, dass ihr euch sonderlich gut verstanden hättet.«

»Da kannst du dir sicher sein. Ich hätte ihr gründlich die Augen ausgekratzt. Aber vorher hätte ich mich mit ihr über dich unterhalten.« Sichu nickte ihrem Ehemann mit grimmigem Lächeln zu und verließ die Zentrale.

3.

Gry O'Shannon, eine Stunde zuvor:

Der Ausblick

Es war Gry O'Shannons erster Spaziergang, seit die RAS TSCHUBAI in Sichtweite Ancaisins gelangt war. 800 Lichtjahre trennten sie von der Galaxis ... Sie hatte zwar schon bei zwei Zwischenstopps Ausflüge auf die Schiffshülle gemacht, diese hatten aber ausschließlich ihrer Arbeit als Materialkundlerin und damit der Schiffshülle der RAS TSCHUBAI gegolten. Nun aber ...

Gry O'Shannon hatte diesen privaten Rundgang lange herbeigesehnt. Im luftleeren Raum spazieren zu gehen, ohne Sorgen und ohne über technische Probleme nachdenken zu müssen – das war ihr sehnlichster Wunsch gewesen.

Sie hatte die Oberflächenlegierung aus Ynkalkrit mehrfach überprüft. Um ein Gefühl für das Schiff zu bekommen. Um ihrem Beruf als Werkstofftechnikerin und Materialwissenschaftlerin mit einer Spezialisierung auf seltene Metalle so gut wie möglich nachkommen zu können.

All die Mühen, ihr Bitten und Betteln und vor allem ihre Hartnäckigkeit bei Cascard Holonder hatten sich gelohnt. Nun, da der Flug kurz unterbrochen war, hatte sie tatsächlich die Erlaubnis des Kommandanten erhalten, das Rund des Kugelraumers zu überprüfen.

»Aber ausschließlich aus beruflichen Gründen!«, hatte er streng gefordert.

O'Shannon hatte eifrig genickt und Holonder damit angelogen.

Sie bewegte sich abwärts, dem Südpol der RAS TSCHUBAI entgegen. Das Schiff hatte eine stationäre Position eingenommen und blieb in relativer Ruhe zu ihrem wichtigsten Bezugspunkt: der Galaxis Ancaisin, die den Endpunkt ihrer Reise markierte.

Die Hangarbucht der TATJANA MICHALOWNA kam in Sicht. Da und dort blinkten Positionslichter. Einige Posbis stapften über die Schiffshülle.