Perry Rhodan 3094: Herz des Lichts - Kai Hirdt - E-Book

Perry Rhodan 3094: Herz des Lichts E-Book

Kai Hirdt

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Beschreibung

Mehr als 3000 Jahre in der Zukunft: Längst verstehen sich die Menschen als Terraner. Mit ihren Raumschiffen sind sie in die Tiefen des Universums vorgestoßen und dabei immer wieder außerirdischen Lebensformen begegnet; ihre Nachkommen haben Tausende von Planeten besiedelt und sich den neuen Umwelten angepasst. Perry Rhodan ist der Mensch, der den Terranern diesen Weg zu den Sternen eröffnet und sie seitdem begleitet hat. Nun steht er vor einer seiner größten Herausforderungen: Er wurde mit seinem Raumschiff, der RAS TSCHUBAI, vorwärts durch die Zeit in eine Epoche katapultiert, in der Terra und Luna verloren und vergessen zu sein scheinen. Mittlerweile hat er in einem Zwilling unseres Universums die beiden Himmelskörper wiederentdeckt und es mithilfe der Staubfürsten geschafft, sie in den Heimatzweig des "Dyoversums" zurückzubringen. Aus dem Mythos Terra ist wieder Realität geworden. Die Rückkehr Terras weckt aber nicht überall Freude: Die Cairaner, die derzeit in der Milchstraße den Ton angeben, hatten Terras Verschwinden einst unter großen Mühen bewerkstelligt, und setzen nun alles daran, die Heimatwelt der Menschen zu eliminieren. Offenbar geht es ihnen dabei aber primär um ihren Fluchtplan vor der Kandidatin Phaatom. Perry Rhodan sucht eine Lösung des Konflikts im HERZ DES LICHTS ...

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Nr. 3094

Herz des Lichts

Perry Rhodan erreicht das Sternenrad – eine riskante Operation beginnt

Kai Hirdt

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

Stellaris 78

Vorwort

»Eingedost« von Dieter Bohn

Leserkontaktseite

Glossar

Impressum

Mehr als 3000 Jahre in der Zukunft: Längst verstehen sich die Menschen als Terraner. Mit ihren Raumschiffen sind sie in die Tiefen des Universums vorgestoßen und dabei immer wieder außerirdischen Lebensformen begegnet; ihre Nachkommen haben Tausende von Planeten besiedelt und sich den neuen Umwelten angepasst.

Perry Rhodan ist der Mensch, der den Terranern diesen Weg zu den Sternen eröffnet und sie seitdem begleitet hat. Nun steht er vor einer seiner größten Herausforderungen: Er wurde mit seinem Raumschiff, der RAS TSCHUBAI, vorwärts durch die Zeit in eine Epoche katapultiert, in der Terra und Luna verloren und vergessen zu sein scheinen.

Mittlerweile hat er in einem Zwilling unseres Universums die beiden Himmelskörper wiederentdeckt und es mithilfe der Staubfürsten geschafft, sie in den Heimatzweig des »Dyoversums« zurückzubringen. Aus dem Mythos Terra ist wieder Realität geworden.

Die Rückkehr Terras weckt aber nicht überall Freude: Die Cairaner, die derzeit in der Milchstraße den Ton angeben, hatten Terras Verschwinden einst unter großen Mühen bewerkstelligt, und setzen nun alles daran, die Heimatwelt der Menschen zu eliminieren. Offenbar geht es ihnen dabei aber primär um ihren Fluchtplan vor der Kandidatin Phaatom. Perry Rhodan sucht eine Lösung des Konflikts im HERZ DES LICHTS ...

Die Hauptpersonen des Romans

Markul agh Fermi – Der Arkonide wirkt zögerlich.

Perry Rhodan – Der Terraner wirkt zielbewusst.

Gucky – Der Mausbiber wirkt als Eingreiftruppe.

Dupa Emuladsu

Prolog

»Das wäre ...« Markul agh Fermi besann sich, mit wem er sprach, und verzichtete auf die Worte »völliger Wahnsinn«. »... nicht klug«, brachte er seinen Satz zu Ende.

»Deine Meinung ist irrelevant«, beschied ihm Sherusa Tagg. Die Stimme der Kristallbaronin von Tschirmayn war so kalt, wie es die im Nichts erfrierende Stammwelt ihrer Baronie schon bald sein würde. »Du bist Befehlsempfänger.«

Agh Fermi war so verzweifelt, dass er hätte lachen mögen. So viele Jahre hatte er im Flottendienst verbracht. So oft hatte er auf das unfähige Flottenkommando geschimpft, dem Adelsrang und Einflussspielchen wichtiger waren als ihre wirkliche Aufgabe: die Verteidigung der Vereinigten Baronien. Die vergangenen Monate hatten sein Leben auf den Kopf gestellt. Er war selbst in den Hochadel erhoben und zum zweiten Mann in der Flottenhierarchie befördert worden. In der militärischen Befehlskette standen nur der Mascant Atlan da Gonozal und der Thantur-Baron selbst über ihm; Atlan war allerdings verschollen. Damit war Markul agh Fermi der ranghöchste Soldat der gesamten arkonidischen Flotte und nur einem Mann verpflichtet: Larsav da Ariga, dem Thantur-Baron der Vereinigten Sternenbaronien.

Und was nutzte es ihm? Da Ariga war der Holokonferenz ebenfalls zugeschaltet, direkt aus seinem Kristallpalast auf Zalit. Doch der Baron schwieg zu dem Irrsinn, den seine Amtskollegin von Tschirmayn forderte: einen Angriff auf die Cairaner.

»Über dreißigtausend Einheiten hast du!«, hielt die Baronin ihm vor. »Mehr als doppelt so viel wie deine Gegner! Und da kannst du diese Gefahr nicht beseitigen? Willst du Arkon zum Gespött der Galaxis machen?«

»Baronin, die taktische Lage ist unverändert. Die Flottenstärke ist vollkommen ...«

»Die Lage hat sich sehr wohl geändert!«, unterbrach ihn Tagg. »Die Cairaner sind derzeit durch die Ereignisse rund um das Solsystem abgelenkt! Ein fähiger Kommandant hätte diese Schwäche schon ausgenutzt!«

Agh Fermi musste sich einmal mehr zusammenreißen, um der Baronin nicht einfach die Meinung zu sagen. Es stimmte zwar: Irgendetwas war am Solsystem geschehen. Aber was?

Angeblich war Terra zurückgekehrt, die angeblich verschollene Welt, an deren Existenz agh Fermi nicht glaubte. Angeblich war Perry Rhodan von den Toten auferstanden – der Mann, der im Sagenschatz der Terraner eine ähnliche Rolle einnahm wie der Heroe Tran-Atlan in den Mythen der Arkoniden. Atlan hatte behauptet, Rhodan existiere wirklich. Aber dieser Atlan war selbst eine Fälschung gewesen, ein Doppelgänger, ein Produkt der Cairaner.

Sicher war nur eines: Jemand, der sich Perry Rhodan nannte, hatte sich in einer Funkansprache an die Bevölkerung der ganzen Milchstraße gewandt. Dieser Jemand hatte behauptet, gesichertes Wissen aus der Zeit vor der Datensintflut mitzubringen und Frieden anzustreben. Das klang gut, unterschied sich aber nicht wesentlich von den Behauptungen, mit denen die Cairaner ihre Eroberungen rechtfertigten.

»Es ist wahr«, bestätigte er, »dass die Cairaner einige Einheiten abgezogen und Richtung Sol geschickt haben. Das ist aber völlig irrelevant, solange das Sternenrad vor Ort ist. Selbst wenn das Rad weit und breit die einzige Einheit der Cairaner wäre, könnten wir nichts gegen sie ausrichten.«

Das muss dir doch vor allen anderen klar sein!, fügte er in Gedanken hinzu. Das Sternenrad hat deine Heimatwelt ins Nichts verfrachtet!

Larsav da Ariga räusperte sich. Endlich bezog der Baron Stellung. Er musste diesen Wahnwitz stoppen. »Mir scheint, der Stellvertreter unseres verschollenen Mascanten hat insoweit recht, dass ein Angriff mit einem hohen Risiko einherginge.«

Agh Fermi atmete erleichtert die Luft aus. Er hatte gar nicht gemerkt, wie angespannt er gewesen war

Leider hatte der Baron nicht fertig gesprochen. »Meine Amtskollegin jedoch hat insofern recht, dass es Dinge gibt, die militärisch nicht ratsam, politisch jedoch opportun sind. Die Evakuierung von Tschirmayn ist weit vorangeschritten, die Cairaner sind abgelenkt, und das Volk dürstet nach Rache. Vielleicht können wir das Sternenrad nicht besiegen. Aber wir benötigen ein Zeichen, dass wir den Cairanern nicht hilflos ausgeliefert sind.«

»Mit Verlaub, Baron: Wenn die Cairaner abgelenkt sind, kann uns nichts Besseres passieren! Sie jetzt anzugreifen und sie wieder auf uns aufmerksam zu machen, wäre ...« Wieder musste agh Fermi sich mäßigen. »... nicht klug.«

Da Ariga bedachte ihn mit einem Blick, dessen Frostigkeit jenem von Sherusa Tagg in nichts nachstand.

Agh Fermi musste sehr vorsichtig sein, das war ihm klar. »Wir forschen mit Hochdruck daran, wie man den Weißen Schirm des Sternenrads durchdringen kann. Bis wir so weit sind, sollen die Cairaner sich aufs Solsystem konzentrieren. Jeder Tag, den sie damit verbringen, ist ein Tag, an dem sie keine Welten der Baronien vernichten.«

»Verweigerst du einen direkten Befehl deines Barons?«, fragte Tagg.

»Ich habe keinen direkten Befehl erhalten«, gab agh Fermi zurück. »Aber ja: Ich würde ihn verweigern. Ich habe einen Eid geschworen, die Baronien zu schützen. Ich werde keinen Angriff auf uns provozieren, gegen den wir uns nicht verteidigen können. Wenn euch Opportunität so wichtig ist, setzt einen Opportunisten auf diesen Posten.«

»Was maßt du dir an, du degenerierter ...«

Erneut räusperte sich da Ariga. Die Baronin verstummte inmitten ihrer Tirade.

»Unser Flottenoberbefehlshaber«, sagte der Baron, »bringt etwas ganz und gar Einzigartiges in seine Amtsführung ein. Er dürfte wohl in Zehntausenden Jahren arkonidischer Geschichte der einzige Oberkommandierende sein, der seinen Posten wirklich und wahrhaftig so schnell wie möglich loswerden möchte, statt sich mit Zähnen und Klauen daran zu klammern. Das ermöglicht ihm einige erfrischend offene Aussagen.«

Da Ariga sah ihn ernst an. »Aber denk daran: Die Amtsenthebung ist nicht die übliche Sanktion für Befehlsverweigerung. Darauf stehen höhere Strafen.«

Agh Fermi wusste das allzu gut. Er fand, dass sein Kopf und sein Körper gerne noch einige Jahrzehnte länger in Verbindung bleiben durften. Trotzdem war er nicht bereit, eine Schlacht anzuzetteln, die seiner Ansicht nach nicht zu gewinnen war.

»Baronin Tagg kann leicht einen Angriff fordern«, erklärte er. »Ihre Heimatwelt haben die Cairaner bereits in ein kaltes Grab verwandelt, da kann es nicht viel schlimmer kommen. Ich werde tun, was ich tun muss, um Zalit dasselbe Schicksal zu ersparen.«

Er starrte den Baron an, nicht bereit, einen Fingerbreit zurückzustecken. Wenn Larsav da Ariga seinen eigenen Amtssitz mit einem unsinnigen Befehl in Gefahr bringen wollte, konnte agh Fermi ihn nicht daran hindern. Aber er würde nicht das Werkzeug sein, dass dieses Unheil in die Welt brachte.

Die Millitontas zogen sich.

Schließlich nickte der Baron. »Behalt die Lage im Auge. Wir brauchen einen Sieg, ein Zeichen der Hoffnung. Nicht unbedingt heute, aber bald. Du bist dafür verantwortlich.«

»Zu Diensten, Baron.« Markul agh Fermi neigte das Haupt und beendete die Verbindung.

*

»Untätigkeit ist deine Methode, die Welt zu retten?« Mit spöttischem Lächeln schlenderte Mava da Valgathan, die Kommandantin von agh Fermis Flaggschiff, in seinen Arbeitsraum. Sie hatte sich in den vergangenen Wochen zu seiner wichtigsten Beraterin entwickelt, daher hatte er ihr gestattet, das Gespräch mitzuhören.

»Wir brauchen ein Zeichen der Hoffnung«, äffte er den Baron nach. »Das Einzige, was mir da einfällt, wäre, das Sternenrad zu verjagen. Aber das Ding kann unsere ganze Flotte in kürzester Zeit vernichten, wenn es will. Und mit dieser Aussicht soll ich angreifen? Nur ein Idiot beginnt eine Schlacht, von der er weiß, dass er sie nicht gewinnen kann.«

»Oder ein Held«, korrigierte die Kommandantin.

Agh Fermi brummte. »Ein Held ist nichts anderes als ein Idiot, der Glück gehabt hat.«

Da Valgathan lächelte fein und wechselte das Thema. »Während du gesprochen hast, sind zweihundert weitere gatasische Einheiten zu uns gestoßen, die bei Tschirmayn nicht mehr benötigt werden. Die Solidarität aller wichtigen galaktischen Machtblöcke ist uns sicher.«

Agh Fermi überschlug die Flottenstärke im Kopf: 28.000 arkonidische Einheiten, 1800 Posbi-BOXEN, inzwischen 300 Gataserschiffe. Nach wie vor 300 Haluterschiffe, davon 30 mit den neuen, hocheffektiven Intervalldopplerkanonen ausgerüstet. 1300 terranische Schiffe inklusive der THORA. Reginald Bulls Flaggschiff stand aktuell unter dem Kommando des Ilts Gucky. Eine beachtliche Streitmacht. Dazu kamen nun 200 weitere Gataserraumer.

»Weißt du, was ein Frosch ist?«, fragte er da Valgathan.

Die Kommandantin sah ihn kopfschüttelnd an.

Er seufzte. »Das Wort ist im terranischen Funkverkehr aufgetaucht, ich habe es nachgeschlagen. Ein Wassertier von ihrer sagenhaften Heimatwelt, die ja angeblich zurückgekehrt ist.«

»Und das ist wichtig, weil ...« Da Valgathan ließ den halb fertigen Satz in der Luft hängen.

Agh Fermi rang sich ein Lächeln ab. »... es in diversen Sprichwörtern der Terraner eine Rolle spielt. Es gibt die Geschichte, dass ein Frosch aus einem Topf mit heißem Wasser herausspringt, wenn man ihn hineinwirft.«

»Kluges Tier.« Da Valgathan verzog keine Miene.

»Die Geschichte geht weiter. Setzt man den Frosch in kaltes Wasser, bleibt er sitzen. Erhitzt man den Topf langsam, bemerkt er es nicht, bis es zu spät und er fast gar ist.«

»Dummes Tier. Ich nehme an, diese Vorlesung in Exobiologie hat einen Sinn?«

Agh Fermi lächelte. »Die Cairaner haben die Unterstützung der Naats verloren. Das hat die Anzahl ihrer Einheiten beim Sternenrad fast halbiert. Unsere Flotte hingegen wächst – langsam, aber stetig. Ich bezweifle allerdings, dass die Cairaner es wie der Frosch machen und untätig zusehen, während wir unsere Kräfte sammeln. Wann haben wir so viel militärische Stärke, dass die Cairaner sich bedroht fühlen und zurückschlagen? Gibt es vielleicht einen Zeitpunkt, an dem wir diesen politisch opportunen Angriff erfolgreich versuchen dürfen? Liegt er zeitlich vor dem zu erwartenden Präventivschlag der Cairaner? Solange das alles unbekannt ist, muss ich dem Baron diesen Unfug ausreden. Solange Arkon nichts tut und die Cairaner nichts tun, überleben wir alle einen weiteren Tag.«

Illustration: Swen Papenbrock

Da Valgathan bekam eine Nachricht und sah auf ihr Multikom. »Ein weiteres Schiff kommt an.«

»Gataser?«, fragte agh Fermi.

Die Kommandantin schüttelte den Kopf und projizierte das Ortungsbild.

Markul agh Fermi riss die Augen auf. Es war nicht irgendein Schiff, das da angekommen war. Es war gigantisch, durchmaß drei Kilometer und war damit größer als jede Einheit der Cairaner und sogar deutlich größer als die mächtigen GAUMAROL-Kelche der Arkoniden. Der Neuankömmling war die gewaltigste und wahrscheinlich schlagkräftigste Einheit in dieser Raumsektion – sah man vom Sternenrad selbst ab.

Wer da gekommen war, daran konnte es keinen Zweifel geben. In der ganzen Milchstraße war nur ein einziges Schiff bekannt, das in diesem eigentümlichen Blauton schillerte. Terranisch-Blau, hatten die Menschen diese Farbe ganz unbescheiden getauft. Dies war die RAS TSCHUBAI, das Schiff der Sagengestalt Perry Rhodan.

»Glaubst du, er ist auch hier, um nichts zu tun?«, fragte da Valgathan.

1.

Die Nacht tauchte Goinad ins Halbdunkel. Keine Sterne standen am Himmel. Der ferne Schimmer des Weißen Schirms füllte das Firmament. Jenseits wartete ein ganzes Universum, unsichtbar und unerreichbar.

Dupa Emuladsu machte es nichts aus. Sie war im Sternenrad aufgewachsen, sie kannte es nicht anders. Die Terraner jedoch, die mit ihr auf die Insel geflohen waren, haderten damit. Sie konnten sich nachts bei Dunkelheit besser erholen, und diesen Luxus hatten sie nun schon seit Wochen nicht mehr gehabt. Man merkte deutlich, dass sie reizbar wurden.

Sogar Chione McCathey, die zu Beginn ihrer Bekanntschaft einen unerschütterlichen Optimismus zur Schau getragen hatte. Von ihrer notorisch guten Laune war gegen Ende der mittleren Wachschicht nichts mehr zu spüren.

Dazu trug sicher auch ihre erzwungene Tatenlosigkeit bei. Sie alle verbargen sich seit zwölf Tagen 150 Kilometer vor der Küste auf der beinahe verlassenen Insel Goinad, die ihren Namen mit der einzigen Stadt darauf teilte. Abgelegen, von der Welt vergessen und somit der perfekte Ort, um sich vor der Jägerin Nuanit Takkuzardse zu verstecken.

Das hatte offenkundig funktioniert, nur hatte in der Hektik des Überlebenskampfes auf dem Weg hierher niemand überlegt, wie es nun eigentlich weitergehen sollte. Letztlich brauchten sie eine Möglichkeit, aus dem Sternenrad zu fliehen. Doch auf Goinad wohnten seit der Aufgabe des zoologischen Forschungszentrums nur noch ein paar Einsiedler, höhere Technik gab es nicht. Damit wurde ihr Ziel zumindest gegenwärtig ein reiner Wunschtraum.

Chione kam herübergeschlendert. Eigentlich sollte sie vom Südbalkon aus Richtung Kontinent blicken und auf Flugobjekte achten. Doch der Haluter Bouner Haad hatte sich am Strand ein Versteck gebaut und tat genau dasselbe; deshalb war es akzeptabel, den Posten kurzzeitig zu verlassen. Besser, man konnte bei der Nachtwache kurz mit jemandem sprechen, als dass die Gedanken fortwährend drifteten.

»Wenn sie uns noch suchen würde, hätte sie auf unser Scheinultimatum geantwortet«, sagte Chione ohne Einleitung.

»Glaube ich nicht«, sagte Emuladsu. »Sie ahnt, dass ihr mich nicht wirklich entführt habt, sondern dass ich freiwillig hier bin. Deshalb verschwendet sie keine Energie darauf, eure Spielchen mitzuspielen. Sie wartet, um euch nervös zu machen.« Sie musterte McCathey im schwachen Licht der Nacht. Die Terranerin war blass und hatte dunkle Ränder unter den Augen. »Mit Erfolg.«

»Allmählich müsste es wieder sicherer ...«

Emuladsu lachte leise. »Du bist keine Agentin, man merkt es immer wieder. Ungeduld bedeutet Tod. Wenn sich nichts Gravierendes ändert, sollten wir unsichtbar bleiben.«

»Da ist ein Licht«, sagte McCathey.

Emuladsu fuhr herum und blickte aus dem Fenster. Die Terranerin hatte recht. Emuladsu griff nach einem Fernglas, das sie bei der Durchsuchung des alten Gebäudes entdeckt hatten. »Sonden!«, rief sie halblaut. »Fünf Stück, sie fliegen ein Suchmuster. Alle halten auf die Stadt zu, eine genau auf uns!«

McCathey ging still aus dem Raum, um die anderen zu wecken: den Hyperphysiker Lionel Obioma, die Kopfgeldjäger Dancer und Schlafner und den Haluter Kro Ganren, falls dieser gerade schlief. Und Aipu, Emuladsus Sohn.

Ein oft besprochener, aber nie geübter Notfallplan lief an. Der TARA-Psi, dieser wundersame Roboter, teleportierte und holte die Sonde vom Himmel, die genau auf sie zukam. Noch in der Luft teleportierte er ein zweites Mal und verschwand außer Sicht.

Emuladsu wusste genau, wohin der Roboter verschwunden war: Er brachte den Flugkörper zu Bouner Haad. Der Haluter würde ihn untersuchen. Sollte es der Sonde gelingen, ein Notsignal abzustrahlen, lag die Aufmerksamkeit nicht sofort auf ihrem Gruppenversteck.

Der Rest ihrer Gruppe bereitete derweil die Flucht vor. Dancer und Schlafner bezogen an den Fenstern Stellung. Sie würden Feinde auf Distanz zum Gebäude halten, während Emuladsu, Aipu und Obioma flohen – nicht durch die gegnerischen Reihen hindurch, sondern per Teleportation, sobald der Roboter zurückgekehrt war.

Leider stand dieser Weg dem Haluter Kro Ganren nicht offen. Er war zu massig für die Teleportation und musste sich tatsächlich durchkämpfen. Einerseits war das kein Problem für einen Kämpfer seiner Statur, andererseits auch nicht gerade unauffällig. Ein heimliches Entkommen war nicht möglich.

McCathey kam mit dem zerzausten Obioma zurück. Die beiden trugen den reglosen Aipu.

Emuladsu erschrak.

»Er ist in Ordnung«, beruhigte sie McCathey sofort. »Er wacht nur wieder mal nicht so leicht auf.«

Der TARA-Psi kehrte zurück. »Wer als Erstes?«

Obioma kletterte in den Transportkorb auf dem Rücken des Roboters.

Emuladsu stürzte zu McCathey, um Aipu als Zweiten fluchtbereit zu machen. Am Ziel konnte Obioma ihn in Empfang nehmen.

Doch der TARA-Psi sprang nicht. »Ich empfange eine Nachricht von Bouner Haad«, informierte er die Gruppe. »Er hält es für äußerst unwahrscheinlich, dass es sich um einen Angriff handelt. Die Sonde ist einige Jahrzehnte alt und besteht aus billigsten Komponenten. Und sie war lange einer salzhaltigen Atmosphäre ausgesetzt, befindet sich also wohl schon lange auf der Insel.«

Der Roboter wartete ab, während er anscheinend weitere Informationen von dem Haluter bekam. »Sie hat ein minderwertiges Sensorium. Eine Normal- und eine Wärmebildkamera von geringer Auflösung, schwache Sendeleistung, keine Verschlüsselung. Das ist ...«

»Feindkontakt!«, rief Schlafner. »Jemand kommt!«

»Bring Aipu weg!«, rief Emuladsu.

Doch der TARA-Psi sprang noch immer nicht. »Die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Gegner so vorgehen ...«

»... ist mir egal!«, schrie Emuladsu. »Es geht um meinen Sohn!«

Spätestens in diesem Moment musste die halbe Stadt gehört haben, dass sich jemand in der verlassenen Station aufhielt. In der Stille der größtenteils verlassenen Gebäude trug ihre Stimme kilometerweit.

»Hey!«, erklang eine Antwort von draußen. Die Stimme klang ... alt. Alt und vertraut.

»Stehen bleiben, oder ich schieße!«, rief Schlafner. »Und du: Spring endlich!«

»Haad hat die Analyse abgeschlossen«, beharrte der TARA-Psi. »Es handelt sich ...«

»Stehen bleiben, habe ich gesagt!« Schlafner gab einen Schuss ab, eine gleißende Strahlbahn im Halbdunkel.

»Hey!«, erklang die Stimme erneut. Nicht ängstlich, nicht kämpferisch – eher empört. »Seid ihr verrückt?«

»Identifizier dich!«, rief Schlafner.

»Identifizier dich selber!«, kam die Antwort. »Das ist meine Insel, verdammt, und ihr seid in meiner alten Station!«

»Es handelt sich«, setzte der TARA-Psi seinen unterbrochenen Satz fort, »um eine billige Nahdistanz-Beobachtungssonde mit der Kennung einer Vogelwarte auf Goinad. Wir haben einem Ornithologen sein Werkzeug gestohlen. Wahrscheinlich will er nur fragen, ob wir etwas darüber wissen. Und versteht die Welt nicht mehr, weil plötzlich auf ihn geschossen wird.«

»Besonders ängstlich klingt er nicht«, sagte Chione.

»Ich schicke euch die Sicherheit auf den Hals!«

Emuladsu, Obioma, Dancer und Schlafner tauschten Blicke. Das war nun wahrlich nicht die Drohung eines Elite-Überfallkommandos, wie es der Jägerin Takkuzardse zur Verfügung stand.

Emuladsu begriff. Die Spannung fiel so plötzlich von ihr ab, dass sie lachen musste. »Steck die Waffe weg! Haad hat recht, ich kenne diese Stimme. Das ist Shepardt Wilzukudu.« Sie legte alle vier Hände übers Gesicht, als sie begriff, wen sie da beinahe erschossen hatten. »Er war ein Freund meiner Mutter, die hier ihre letzten Jahre verbracht hat. Der stellvertretende Leiter dieser Station. Anscheinend ist er hiergeblieben, als sie geschlossen wurde.«

»Bist du sicher?«, fragte Schlafner misstrauisch.

»Bouner Haad und ich halten diese These für hochwahrscheinlich«, meldete sich der TARA-Psi.

Emuladsu stellte sich ans Fenster und rief: »Komm herein, Shepardt. Bitte, verzeih den Irrtum. Wir haben jemand anderen erwartet.«

»Widerrechtlich eingedrungen seid ihr! Ich werde euch melden!«

»Entschuldige dich!«, forderte Emuladsu.

»Was?«, fragte Schlafner.

»Sag ihm, es tue dir leid. Dass es ein Versehen war.«

Der Terraner sah sie entgeistert an, dann zuckte er kurz mit den Achseln. »Bitte verzeih mir. Der Schuss hat sich versehentlich gelöst. Wir wollten uns nur schützen, man weiß ja nicht, wer hier nachts unterwegs ist.«

»Das will ich meinen, junger Mann, das will ich meinen! Genau das frage ich mich nämlich auch. Wer seid ihr also?«

»Du hast meine Mutter gekannt«, rief Emuladsu. »Ihr wart Freunde.«

2.

»Hui.« Cascard Holonder, der ertrusische Kommandant der RAS TSCHUBAI, verzog keine Miene. »Ich wusste nicht, dass wir hier so viele Fans haben.«

Perry Rhodan runzelte die Stirn. Schon Sekunden, nachdem die RAS zwischen Bleisphäre und Sternenrad erschienen war, prasselten Funkanfragen auf sie ein, erst Dutzende, inzwischen Hunderte. ANANSI, die Semitronik und gleichermaßen Gehirn und guter Geist des Schiffs, hatte zwei als besonders wichtig markiert: Der arkonidische Flottenoberbefehlshaber agh Fermi und die cairanische Konsulin Satim Tainatin verlangten Rhodan persönlich zu sprechen.

»Kein Kontaktversuch durch die THORA?«, wunderte sich Rhodan. »Ich wollte gerne mit Gucky sprechen, bevor ich einigen wichtigen Leuten den Tag vermiese. Aber wenn der Prophet nicht zum Berg kommt ...« Er nickte Lit Olwar zu, dem Leiter der Funk- und Ortungsstation. »Bau bitte eine Verbindung auf!«

Der Oberstleutnant zeigte ein wortloses Grinsen.

Rhodan seufzte. »Er steht schon hinter mir, oder?«

Guckys helle Stimme erklang in seinem Rücken. »Bis du Berg dich in Bewegung setzt, ist dieser Prophet schon zweimal durch die halbe Galaxis teleportiert.«

Rhodan drehte sich um und blickte lächelnd zu seinem pelzigen Freund hinunter.

Der Ilt sah erwartungsvoll zurück. Im Mausgesicht blitzte treuherzig der Nagezahn, der Biberschwanz patschte einen ungeduldigen Rhythmus auf den Boden. »Was ist? Werd ich jetzt endlich gekrault oder was?«

»Sehr wohl«, meldete Rhodan im besten Kadettenton und streckte die Hand aus, um Gucky durchs Kopffell zu wuscheln.

Als er ihn berührte, veränderte sich übergangslos die Umgebung. Rhodan fand sich in einer Medostation wieder – und starrte in die Läufe mehrerer Strahlwaffen, die zwei TARA-Kampfroboter auf ihn richteten.

Gucky war sofort weitergesprungen und betrachtete Rhodan nun durch eine Glassitscheibe in der Wand. Seine Stimme drang nur noch aus einem Akustikfeld.

»Reine Vorsichtsmaßnahme«, sagte der Ilt. »Ich bitte um Entschuldigung, aber ich muss sichergehen, dass du du bist und nicht eine von diesen cairanischen Kopien. Auf die bin ich nämlich nicht besonders gut zu sprechen.«

Rhodan hob die Hände und setzte sich auf eine Untersuchungsliege. »Volles Verständnis. Ich freue mich auch, dich zu sehen. Was passiert jetzt?«

»Wir checken deinen Kopf. Wenn du kein shenpadrisches Organoid im Hirn hast, werde ich meinen ganzen Charme spielen lassen, um dich diesen peinlichen Vorfall vergessen zu machen.«

Rhodan war sich sehr sicher, diesen Test zu bestehen. Um ein »andernfalls« hätte er sich also keine Sorgen machen müssen. In der Praxis fiel das schwer, solange er in die glimmenden Abstrahlöffnungen von Waffenarmen starrte.

»Dann mal los!«, forderte er.

Ein Medoroboter schwebte heran und beleuchtete Rhodans linke Schläfe mit einem Scanner. Sekunden später ließen die TARAS ihre Waffen sinken, die Tür öffnete sich, und Gucky watschelte herein. »Tut mir leid, Großer. Aber nach allem, was wir wissen, bist du in einer anderen Galaxis unterwegs. Und da die Cairaner mit ihren elenden Bioplikaten Verwirrung stiften, lag die Vermutung nahe ...«