Perry Rhodan 3121: Das versteinerte Schiff - Michelle Stern - E-Book

Perry Rhodan 3121: Das versteinerte Schiff E-Book

Michelle Stern

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Beschreibung

In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem 6. Jahrtausend nach Christus, genauer dem Jahr 5658. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat. Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen. Terraner, Arkoniden, Gataser, Haluter, Posbis und all die anderen Sternenvölker stehen gemeinsam für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, womöglich umso stärker, seit ES, die ordnende Superintelligenz dieser kosmischen Region, verschollen ist. Als die Liga Freier Galaktiker durch drei Deserteure erfährt, dass in der Nachbarschaft der Milchstraße ein sogenannter Chaoporter gestrandet sei, entsendet sie unverzüglich ihr größtes Fernraumschiff, die RAS TSCHUBAI. Denn von FENERIK geht wahrscheinlich eine ungeheure Gefahr für die Galaxis aus. Perry Rhodan begibt sich in Cassiopeia, einer Andromeda vorgelagerten Kleingalaxis, auf die Suche nach dem Chaoporter. Doch dessen Agenten sind bereits aktiv. Eine Meute hat sich auf die Fährte von Dienern der Kosmokraten gesetzt, zwei Besatzungsmitgliedern der LEUCHTKRAFT. Ehe sie gemeinsam den Planeten Ghuurdad verlassen können, benötigen sie nur noch eines: DAS VERSTEINERTE SCHIFF ...

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Nr. 3121

Das versteinerte Schiff

Unter dem Gharsischen Diktat – ein tödlicher Wettlauf beginnt

Michelle Stern

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Prolog: Sternenruf

1. Zerronnen

2. Verloren

3. Vermisst

4. Gejagt

5. Verborgen

6. Gefunden

7. Verspielt

8. Enthüllt

9. Vergiftet

10. Schrittweise

11. Aufgespürt

12. Zersplittert

Epilog: Zerschlagen

Fanszene

Leserkontaktseite

Impressum

In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem 6. Jahrtausend nach Christus, genauer dem Jahr 5658. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat.

Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen.

Terraner, Arkoniden, Gataser, Haluter, Posbis und all die anderen Sternenvölker stehen gemeinsam für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, womöglich umso stärker, seit ES, die ordnende Superintelligenz dieser kosmischen Region, verschollen ist.

Als die Liga Freier Galaktiker durch drei Deserteure erfährt, dass in der Nachbarschaft der Milchstraße ein sogenannter Chaoporter gestrandet sei, entsendet sie unverzüglich ihr größtes Fernraumschiff, die RAS TSCHUBAI. Denn von FENERIK geht wahrscheinlich eine ungeheure Gefahr für die Galaxis aus.

Perry Rhodan begibt sich in Cassiopeia, einer Andromeda vorgelagerten Kleingalaxis, auf die Suche nach dem Chaoporter. Doch dessen Agenten sind bereits aktiv. Eine Meute hat sich auf die Fährte von Dienern der Kosmokraten gesetzt, zwei Besatzungsmitgliedern der LEUCHTKRAFT. Ehe sie gemeinsam den Planeten Ghuurdad verlassen können, benötigen sie nur noch eines: DAS VERSTEINERTE SCHIFF ...

Die Hauptpersonen des Romans

Perry Rhodan – Der Missionskommandant will ein Beiboot finden.

Troparod – Der Munuam droht die Beherrschung zu verlieren.

Masurosh – Die Munuam ist bereit, alles für ihr Ziel zu geben.

Kemur – Der Paddler muss sich bei seinen neuen Verbündeten bewähren.

Shema Ghessow – Die Mutantin befindet sich im Zentrum des Geschehens.

Tihomir

»Ich will, dass du verstehst,

dass ich es tue, weil es sein muss.

Wenn ich nicht gehen würde,

warum sollten dann andere gehen?

Und wenn niemand gehen würde,

würden die Bösen gewinnen,

die uns die Freiheit nehmen wollen.

Und das darf niemals geschehen.«

Jakob Rhodan zu seinem Sohn Perry

Prolog

Sternenruf

Reginald Bull lehnte sich im gepolsterten Sitz des Passagiergleiters zurück und massierte sich die Schläfen. Sein Mund war trocken. Er hatte Durst, doch er wollte mit dem Trinken warten, bis er in der Solaren Residenz angekommen war. Nachdenklich presste er die Lippen zusammen. Sein in der Scheibe gespiegeltes Gesicht wirkte hagerer als sonst, die roten Haarstoppel blass. Er kam sich dünner vor, obwohl er nicht abgenommen hatte. Als wäre etwas in ihm weniger geworden.

Was sollte er der Anruferin erzählen, die sich unverhofft bei ihm gemeldet hatte, um ihm die gleiche unangenehme Frage zu stellen, die mehrmals am Tag in seinem Kopf kreiste, ohne je wirklich einen Landeplatz zu finden?

»Sag einfach, wenn es dir ungelegen kommt.« Sichu Dorksteiger lächelte ihn als Holo an und zeigte dabei goldfarbene Zähne. Die bezaubernd schöne Ator mit der grünen Haut blickte direkt in die Kamera, als könnte sie ihm in die Augen sehen.

Bull brummte. »Es kommt nicht ungelegen. Ich freue mich immer, wenn du dich meldest.«

»Und? Was macht der Sternenruf? Hat sich etwas verändert?«

»Nein.« Er zögerte. War das eine Lüge?

»Sicher?«, hakte Sichu nach. Sie zog die Augenbrauen zusammen. »Oder verschweigst du mir etwas? Du hast diesen Gesichtsausdruck, als ob du mir sagen müsstest, dass meine Forschungsmittel gestrichen werden.«

»Ich verschweige dir nichts. Ich überlege bloß. Manchmal denke ich, die Stimme wird intensiver, dann wieder weiß ich nicht, ob ich mir das einbilde. Bevor du angerufen hast, bin ich die Tagesordnung für die anstehende Sitzung durchgegangen. Da hat es wieder in mir geraunt. In einer fremden Sprache, irgendwo im Hintergrund meines Bewusstseins.«

»Was hat die Stimme gesagt?«

»Es war kein klarer Satz. Mehr ... ein Schrei. Ohne dass es wirklich einer war. Es ist schwer zu erklären. Die Eindringlichkeit hat zugenommen. Womöglich war es Gelächter, und diese vermaledeite Stimme verspottet mich.«

»Aber jetzt hörst du nichts?«

»Nein. Es ist alles in Ordnung.«

»Halt mich auf dem Laufenden, ja?«

»Na klar.« Als ob er nichts lieber tun würde, als ständig über dieses Thema nachzudenken.

Verdrossen sah Bull aus dem Fenster. Die Solare Residenz kam in Sicht. Das schwebende Wahrzeichen Terranias thronte erhaben über dem Residenzpark und der beeindruckenden Metropole. Die 1100 Meter hohe Orchidee aus Stahl mit den fünf oberen Blütenblättern und der unteren Landeplattform war ein vertrauter Anblick, wie Bull ihn schon Tausende Male erlebt hatte, seitdem er Resident war.

Doch Bull hatte den Eindruck, dass er sich verändert hatte.

Die Stimme verunsicherte ihn. Ihr wiederkehrendes Auftauchen zerrte an seinen Nerven.

Sichus Holo löste sich auf. Bull blieb allein zurück. »Es ist alles in Ordnung«, murmelte er.

»Während du suchst,

kannst du nicht finden.«

Vimuin Lichtschlag

1.

Zerronnen

Ghuurdad, 2066 NGZ

Tihomir Junca nahm die letzte Schaltung am R-1200-GS vor.

Der selbst zusammengebastelte Modulroboter zeigte volle Betriebsbereitschaft. Mehrere Dioden an dessen schlankem Körper leuchteten türkisfarben, die flexiblen Ankertentakel verlängerten sich. Ein leises Sirren erfüllte die nahezu sternklare Nacht, vermischte sich mit dem Rauschen des Flusses.

Tihomir hatte das Gefühl, die treue Maschine würde darauf brennen, endlich abzutauchen und mit der Arbeit loszulegen. Das Abenteuer konnte beginnen.

Beide Monde standen am Himmel und leuchteten mit seltener Klarheit um die Wette. Ihr Licht fiel auf bewaldete Bergrücken, rauschendes Wasser und die weißen Planken hoch über Tihomir, die zur Nujac-Brücke gehörten.

Es war eine Nacht, in der die Schicht aus Rußwolken dünn war, wie gemacht für die leichtsinnigen Touristen aus Akkudpar, die sich von mit Dämpfen benebelten Führern ins Hochgebirge von Kodkorord bringen ließen, um dort auf Erlebnistour zu gehen. Die Reiseleiter brachten die Narren auf eigenen Wunsch zur legendären Nujac-Schwingbrücke, die kein Geländer hatte. Es galt als Mutprobe, von einer Seite zur anderen zu balancieren. Oft genug unterschätzten die Städter die Gefahren von Nässe und Wind und überschätzten ihr akrobatisches Können.

Es war aber auch eine Nacht, die Tihomir zeigte, wie wundervoll sein Leben war. Er hätte mit niemandem auf ganz Ghuurdad tauschen mögen, egal ob es ein Grek-1, ein hohes Tier in der Verwaltung oder ein Konduktor der Traumarenen war.

Über ihm blühten ferne Sonnen in ihrer ganzen Pracht. Die Natur sparte nicht, und das Meer aus Sternen war ein überbordendes Gewimmel. Mitten zwischen den vertrauten, näheren und ferneren Konstellationen stand wie hinter einem fernen Fenster das Sternenband Karahols mit seinem charakteristischen braunen Einfärbungen.

Fernweh packte Tihomir. Der Tefroder liebte die Sterne. Vielleicht würde er bald aufbrechen, Ghuurdad hinter sich lassen und von seinen erbeuteten Schätzen leben. Womöglich blieb er aber, um die gewonnenen Reichtümer zu stiften oder sozial zu investieren.

Niemand in diesem Landstrich wusste, wie viel Gold er wirklich aus dem Fluss geholt hatte, und das war ein Segen. Die meisten dachten, die Bagger und Magnetschwebesauger hätten die Vorkommen sämtlicher Bäche und Flüsse bereits vollkommen erschöpft, und es wären lediglich winzige Nuggets übrig. In diesem Glauben wollte Tihomir sie lassen, sonst war er seinen Claim schneller los, als er »Gold« sagen konnte.

»Trotzdem!«, rief er und rieb sich die Hände.

Schluss mit dem Träumen! Es war Zeit, loszulegen.

Im Schutz der Dunkelheit kletterte er zur einzigen Stelle am Ufer, an der er in diesem Flussabschnitt ins Wasser kommen konnte. Der Schutzanzug lag schwer auf Tihomir, ebenso wie der Lufttank und der Tornister mit der mechanischen Waschtrommel, die einen eventuellen Fund für ihn vorsortieren würde. Nur nostalgische Romantiker und Touristen stellten sich mit einem Waschpfannenset oder gar Tierhäuten ans Ufer.

Kaum steckte er die Füße ins Wasser, riss die Strömung an ihm, als wollte sie ihn ins Verderben ziehen. Keinen Kilometer flussabwärts stürzte der Dagir-Fall in die Tiefe – ein Grund mehr, warum er diesen Claim überhaupt bekommen hatte, trotz der prominenten, malerischen Lage unterhalb der legendenumrankten Nujac-Brücke. Die meisten dachten, das Gold würde weder liegen bleiben noch herauszuholen sein, doch Tihomir war Historien-Ingenieur, gelernter Konstruktionsmechaniker und geschickter Handwerker. Was andere sich zu schier unbezahlbaren Preisen kaufen mussten, konnte er sich besser und preiswerter fertigen. Von seiner Ausrüstung hing sein Leben ab.

Er schloss den Helm. Ein letztes Mal prüfte er die Anzeigen für den Lufttank und die zahlreichen Messgeräte. Der R-1200-GS und sein Anzug waren bereit. »Sichern an Ankerplatz Drei!«

Vier der sechs Tentakel krochen los. Sie schoben sich am Grund in die Tiefe, wo die Strömung am geringsten war. Drei Minuten später kam das Klarsignal. Tihomir ließ sich rückwärts in den Fluss fallen. Sofort fühlte er sich leichter. Er hing an seinem Roboter, wurde von ihm gehalten und nach unten gezogen. Im Helmvisier erkannte er die vier Ecken von Ankerplatz Drei, an denen sich die Tentakel in den steinigen Boden gearbeitet hatten. Es gab nur wenige Stellen im Fluss, die ein sicheres Arbeiten erlaubten.

Sobald sie am Grund waren, fuhren dünne Schläuche aus dem R-1200-GS und gruben sich in die Rinnen und Senken hinter großen Steinen. Speziell angefertigte Sonden suchten nach Metall. Sobald sie etwas fanden, verfeinerten sie die Suche.

Erhärtete sich die Wahrscheinlichkeit auf einen Goldfund, saugten die Schläuche den Grund ein, damit er im Tornister analysiert werden konnte. Wenn Tihomir Glück hatte, würde eine ordentliche Menge zusammenkommen. Die Route Richtung Ankerplatz Vier hatte er lange nicht mehr genommen. Sie war gefährlicher als die anderen, lag mittiger in dem Bereich, in dem immer wieder Baumstämme, Äste und andere größere Treibgüter passierten. Während die Strömung im oberen Drittel bestialisch war, verminderte sie sich nach unten hin.

Tatsächlich dauerte es keine 20 Minuten, bis er mitten im Fluss, in der tiefsten Rinne, fündig wurde.

»Hallo, mein Schatz«, murmelte Tihomir. »Wer hätte gedacht, dass ich dich ausgerechnet hier finde?«

Der Cajuna war ein Fluss, der immer noch Gold aus oberen Regionen nachspülte. Selbst wenn es lange keinen Fund mehr von mehr als einem Kilogramm gegeben hatte, war die Menge, die sich da an kleineren Nuggets in der Rinne abgelagert hatte, ein Grund für ein Freudenfest. Die meisten Sucher hatten in ihrem ganzen Leben nicht mehr gefunden.

Der Spezialtornister saugte die vorsortierten Fundstücke in einen abgetrennten Teil seines robusten Leibs. Er bot zusätzlichen Stauraum für solche besonderen Fälle.

Ein heller Ton fiepte im Helm auf.

Die Gefahrenortung!

Tihomir fuhr herum. Er erwartete, einen Ast oder Baumstamm zu sehen. Doch es war nichts Totes, das der Fluss auf ihn zutrieb, sondern eine schemenhafte, wild um sich rudernde Gestalt! Sie war zu einem Spielball des Wassers geworden: eine Tefroderin! Sie würde innerhalb von Sekunden an ihm vorübertreiben und in den Dagir-Fall stürzen!

Instinktiv löste Tihomir per Notknopf zwei Tentakel von Ankerplatz Drei, stieß sich ab und griff nach der Fremden.

Als er sie am Bein berührte, schlug und trat sie um sich. Vermutlich hatte sie keine Ahnung, was sie da gepackt hatte, und sie war in Panik. Sie drohte ihm zu entgleiten, war am äußersten Rand seines Handlungsspielraums. Hastig löste er den dritten Tentakel, zerrte sie zu sich.

»In Ankerplatz Vier befestigen!«

Die Tentakel arbeiteten sich dorthin vor. Noch hielt der eine, der in Ankerplatz Drei steckte, doch das dem Helmvisier vorgespiegelte Untergrundholo zeigte Risse im Gestein. Die Strömung war zu stark, das Gewicht zu groß. Sie mussten abtauchen!

Illustration: Swen Papenbrock

Tihomir schoss mit der Frau nach oben, um sie noch einmal atmen zu lassen.

Die Fremde hörte auf zu zappeln. Sie schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen – und erstarrte, als Tihomir sie nach unten riss. Rasch sanken sie zwei, drei Meter. Er konnte auf den steigenden Druck, dem sie ausgeliefert war, keine Rücksicht nehmen. Erst auf sechs Metern war es deutlich ruhiger. Die Strömung ließ nach.

Der Haltestrang riss, und sie trieben schneller voran. Zwei Tentakel bohrten sich in Ankerplatz Vier: zu wenige! Ehe sie Halt gefunden hatten, würde der Fluss Tihomir und die Fremde fortreißen. Der Roboter entschied selbsttätig, Ankerplatz Fünf anzuwählen. Tihomir hoffte inständig auf Erfolg. Ankerplatz Sechs war kritisch, und wenn sie die Sieben verpassten, waren sie tot. Sein Anzug würde ihn nicht vor den messerscharfen Felsen am Grund des Dagir-Falls schützen.

Die Frau starrte ihn mit weit aufgerissenen, graublauen Augen an. Ihre Haut war ungewöhnlich hell für eine Tefroderin. Panik stand in ihrem Blick.

Instinktiv starrte er zurück. »Vertrau mir!«, sagte er, auch wenn sie ihn nicht hören konnte. Er versuchte sie mit seinem Blick zu beruhigen, ihr zu zeigen, dass er wusste, was er tat. Gleichzeitig riss er das Notfallmundstück von der Halterung am Anzug. Diese primitive Technik war eine Sicherung, falls Wasser in die Montur drang. Nun war sie ein Geschenk des zweiköpfigen Gottes Kovpar.

Die Frau begriff und schnappte sich den Automat, zog ihn zu sich. Sie schien zu wissen, wie man ihn benutzte, pustete kräftig hinein und atmete mit anschwellender Brust ein.

Gut so!

Sie klammerte sich mit der anderen Hand an ihn, wurde ruhiger.

Drei Tentakel steckten inzwischen in Ankerplatz Fünf, aber keiner von ihnen hatte sich tief genug vorgearbeitet, um eine Rückkehr zum Ufer möglich zu machen. Die Mechanik war auf einen Körper samt Ausrüstung ausgelegt, nicht auf zwei. Tihomirs Herz fühlte sich tonnenschwer an.

»Spezialtornister lösen!«

Das Gerät an sich wog an die 15 Kilogramm – eine überflüssige Last.

Der Tank sank nach unten und trieb mitsamt dem gefundenen Gold von ihnen fort, doch noch immer fanden die Tentakel keinen endgültigen Halt. Ihnen fehlten die entscheidenden Sekunden ohne Belastung.

Ankerplatz Sechs war kritisch. Von ihm gab es keinen Weg an Land. Er diente lediglich als Notbremse. Das Sicherheitsnetz, das zu ihm gehörte und angeblich Touristen vor dem Tod bewahren sollte, war mehr Idee als wirklicher Schutz. Es war für eine Person konstruiert und glich einer Leine, weil es sich zusammengeschlungen im Fluss bewegte. Manchmal kamen ganze Baumstämme den Fluss entlang, die es mitrissen, obwohl es einen Durchlass nach unten erlaubte. Aber wenn das Netz hielt, hätten sie lange genug Zeit, sich zu Ankerplatz Sieben zu retten.

Jedenfalls der Theorie nach. Tihomir hatte das Netz nie benutzen müssen, ebenso wenig wie Ankerplatz Sieben. Als er diese Stellen durch einen anderen Roboter hatte einrichten lassen, war er überzeugt davon gewesen, ein Sicherheitsfanatiker und Spinner zu sein. Aber sein Freund Roel hatte keine Ruhe gegeben, bis auch diese letzte Bastion erfolgreich eingerichtet war. Sofern er lebend mit der Fremden aus dem Fluss kam, würde er Roel ein Zitronenbitter ausgeben.

»Ankerplatz Sechs mitbenutzen!«, befahl er. Ein Tentakel schlang sich um das Netz.

In seinen Armen zitterte die Fremde. Ihr musste erbärmlich kalt sein. Sie trug nur einen dünnen, ärmellosen Overall. Zahlreiche Kratzer an den Armen zeugten von ihrem Unglück. Auch am Kopf hatte sie eine Wunde, aus der es blutete, doch sie war weiterhin wach und bei Bewusstsein. Ihre großen Augen waren weit aufgerissen. Das blonde, gebleichte Haar umwölkte den Kopf wie ein sich auflösendes Bündel vergilbter Wasserpflanzen.

In den Anzeigen bewegten sich zwei der sechs Tentakel zu Ankerplatz Sieben.

Das Netz spannte sich, ruckte, doch es hielt.

Die Fremde blinzelte. Ihr Gesicht war rot vor Kälte. Es war hell und folgte damit einem Modetrend, Haare deutlich aufzuhellen bis hin zum Arkonidenweiß, die Augen wurden grün, grau, blau oder violett und die Haut deutlich blasser als üblich.

Tihomir hielt nicht viel von solchem Firlefanz, geschweige denn davon, nachts auf schlüpfrigen Schwingbrücken herumzuturnen, um damit später vor seinen Freunden anzugeben. Trotzdem faszinierte ihn diese Fremde, die der Fluss so gewaltsam und unverhofft in sein Leben gespült hatte. Er wollte sie um jeden Preis retten!

Endlich kam die erlösende Meldung. Ankerpunkt Sieben war voll intakt, die Tentakel tief genug hineingebohrt. Schnell verband er sich mit dem Material des R-1200-GS.

Tihomir hielt die Fremde noch fester und bewegte sich in Bodennähe. Er konnte durch die variierende Länge der Tentakel den Weg dirigieren. Während die vorderen Streben kürzer wurden, verlängerten sich die hinteren. Sie näherten sich dem Ufer. Kurz darauf hatten sie festen Grund unter den Füßen und kamen schneller voran.

Kaum dass sie mit dem Oberkörper aus dem Wasser waren, ließ die Fremde ihn los und stolperte auf das rettende Land zu. Tihomir fing sie, ehe sie stürzen konnte. Die Uferregion war tückisch, die Steine spitz, doch zusammen schafften sie es zu Büschen und Gras. Erst als sie wirklich an Land waren, löste Tihomir den letzten Tentakel. Der R-1200-GS arbeitete sich neben ihm ans Ufer und koppelte sich selbsttätig ab.

Die Fremde ließ sich auf weißes Strahlmoos fallen. Sie zuckte wie in Krämpfen und hielt sich den blutenden Kopf. Ob sie verborgene Verletzungen hatte? Gebrochene Rippen oder eine angerissene Leber vielleicht?

Er nahm den Helm ab. »Was tut dir am meisten weh?«

»Es sind die Ohren ...« Sie hustete. »Und die Kälte ... Nichts, was sich nicht richten lässt.« Ihre Antwort kam zittrig, die Zähne schlugen aufeinander.

Tihomir hätte ihr gerne eine Decke oder ein Wärmeaggregat gegeben. »Ich rufe einen Gleiter. Du brauchst medizinische Versorgung.«

»Danke.«

Tihomir setzte einen Notruf ab, dann kniete er sich neben die Fremde. »Wie heißt du?«

»Sona. Ich bin von der Brücke gestürzt.«

»Dachte ich mir. Es gibt immer wieder von Dämpfen benebelte Idioten, die in solchen Nächten ...« Er verstummte. »Entschuldige.«

»Du hast recht.« Sie setzte sich auf. Ihre Augen glänzten feucht. »Es war idiotisch. Ohne dich ... Ich will gar nicht darüber nachdenken. Du hast mir das Leben gerettet. Wie ist dein Name?«

»Tihomir.«

»Hast du da unten nach Gold gesucht?«

»Ja.«

»Du hast einen Tornister abgestoßen. War da welches drin?«

»Nicht der Rede wert«, behauptete Tihomir. »Solange der Verwunschene Rücken steht, mache ich mir darüber keine Gedanken.«

»Der Verwunschene Rücken?«

»Das ist ein Gebäude im Herzen von Parhu, das ...«

Sona schauderte. »Ich weiß, was der Verwunschene Rücken ist! Wegen dieses Dings bin ich von der Brücke gefallen!«

Lag es am Schock? Was sie sagte, ergab keinen Sinn. »Was meinst du?«

»Auf dem Verwunschenen Rücken leuchtet das Zauberlicht. So sagt es die Legende. Natürlich ist es ein ganz normales Licht, aber ich wollte es von der Brücke aus sehen. Weißt du, dass man die Oberseite des Gebäudes bei guten Sichtverhältnissen von hier oben aus erkennen kann?«

»Ja.« Natürlich wusste er das! »Hab deine Ersparnisse immer in Sichtweite!« Das hatte Weu ihm geraten, und wer war er, nicht auf seinen Freund zu hören, der es in seinen Jahren als Touristenführer weit gebracht hatte? Genau deshalb hatte er schließlich seine geheimen Goldvorräte in jenem rätselhaften Gebäude versteckt.

Die Anlage des Verwunschenen Rückens war von Unbekannten erbaut worden, die sie vergessen hatten. Niemand wusste, wem sie wirklich gehörte. Sie stand unter Kuriositätenschutz, weil sie den Touristen gefiel. Vermutlich steckte die Stadtverwaltung dahinter. Der Erste Matior war ein Schlitzohr.

»Deshalb bin ich runtergefallen«, wiederholte Sona. Ein Schaudern ging durch ihren Körper. »Ich konnte ihn nicht finden.«