Perry Rhodan 3127: Mondmörder - Kai Hirdt - E-Book

Perry Rhodan 3127: Mondmörder E-Book

Kai Hirdt

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Beschreibung

In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem 6. Jahrtausend nach Christus, genauer dem Jahr 5658. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat. Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen. Die Angehörigen der Sternenvölker stehen gemeinsam für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, man arbeitet intensiv zusammen. Als die Liga Freier Galaktiker durch drei Deserteure erfährt, dass in der Nachbarschaft der Milchstraße ein sogenannter Chaoporter gestrandet sei, entsendet sie unverzüglich ihr größtes Fernraumschiff, die RAS TSCHUBAI, unter dem Kommando von Perry Rhodan Denn von FENERIK geht wahrscheinlich eine ungeheure Gefahr für die Galaxis aus. Während Rhodan in der kleinen Galaxis Cassiopeia auf der Suche nach dem Chaoporter ist, tauchen in der Milchstraße Wesen unterschiedlicher Völker auf. Sie sehen sich selbst als Sachwalter der Superintelligenz ES. Ihre Aufgabe sei es, die Milchstraße gegen eine große Gefahr zu wappnen. Ihre aktuellen Aktionen spielen sich auf der Erde und den anderen Planeten des Sonnensystems ab – auch der Mond spielt eine Rolle. Dort agiert ein MONDMÖRDER ...

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Nr. 3127

Mondmörder

Eine fremde Kultur auf dem Erdtrabanten – NATHANS Kinder unter Verdacht

Kai Hirdt

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Lessings Gesetz

2. Bronzebunt

3. Carnevale

4. Acht im Canyon

5. Die friedfertigsten Wesen

6. Zwei Punkte

7. Menschmaschine

8. Avalon

9. Euphorie auf Rezept

10. Concordia

11. Eindeutig, unmittelbar

12. Brüder

13. Anfängerfehler

14. Goldenes Blut

15. Väter und Söhne

16. Blaustich

17. Mosaik

18. Die letzte Prüfung

19. Schuldig

20. Der Ring

Leserkontaktseite

Glossar

Risszeichnung Space-Jet der ZALTERTEPE-Klasse

Impressum

In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Dies entspricht dem 6. Jahrtausend nach Christus, genauer dem Jahr 5658. Über dreitausend Jahre sind vergangen, seit Perry Rhodan seiner Menschheit den Weg zu den Sternen geöffnet hat.

Noch vor Kurzem wirkte es, als würde sich der alte Traum von Partnerschaft und Frieden aller Völker der Milchstraße und der umliegenden Galaxien endlich erfüllen. Die Angehörigen der Sternenvölker stehen gemeinsam für Freiheit und Selbstbestimmtheit ein, man arbeitet intensiv zusammen.

Als die Liga Freier Galaktiker durch drei Deserteure erfährt, dass in der Nachbarschaft der Milchstraße ein sogenannter Chaoporter gestrandet sei, entsendet sie unverzüglich ihr größtes Fernraumschiff, die RAS TSCHUBAI, unter dem Kommando von Perry Rhodan Denn von FENERIK geht wahrscheinlich eine ungeheure Gefahr für die Galaxis aus.

Während Rhodan in der kleinen Galaxis Cassiopeia auf der Suche nach dem Chaoporter ist, tauchen in der Milchstraße Wesen unterschiedlicher Völker auf. Sie sehen sich selbst als Sachwalter der Superintelligenz ES. Ihre Aufgabe sei es, die Milchstraße gegen eine große Gefahr zu wappnen.

Ihre aktuellen Aktionen spielen sich auf der Erde und den anderen Planeten des Sonnensystems ab – auch der Mond spielt eine Rolle. Dort agiert ein MONDMÖRDER ...

Die Hauptpersonen des Romans

Jean Lessing – Der Inspektor der Mondpolizei erhält einen heiklen Auftrag.

Ustus Ezoge – Der junge Gauner wird zum Opfer eines Angriffs.

Marisa Thenaki – Die Expertin für Ylanten setzt sich engagiert für ihre Schützlinge ein.

Alshock – Der Ylant benutzt das »Gesicht« einer alten Dame.

Bruno Cappa

1.

Lessings Gesetz

Die Handschellen klickten.

Rein mechanisch war das nicht nötig. Terranische Ordnungsbehörden verwendeten seit Jahrtausenden Fesseln aus einem Kunststoff, der leichter und stabiler war als klassischer Stahl und völlig lautlos in die Verschlussposition glitt.

Aber die menschliche Psyche hielt mit der Materialentwicklung nicht Schritt. Eine lange Untersuchungsreihe hatte gezeigt: Das Geräusch signalisierte für Polizist und Delinquenten, dass die Jagd vorbei war. Fehlte es, musste man mit deutlich mehr Widerstand beim Abtransport des Gefangenen rechnen. Seitdem wurden Handschellen mit Minilautsprechern ausgerüstet, die das Klicken im Verschlussmoment künstlich einspielten.

Auch diesmal zeigte der Trick seine Wirkung. Der Täter hörte auf zu zappeln und sich im Griff der beiden Polizisten zu winden. Nun folgte unweigerlich der nächste Schritt: in Tränen ausbrechen und die eigene Unschuld beteuern.

»Ich war es nicht!«, krakeelte der Mann, dessen Ex-Frau nach ihrer einseitigen Kündigung des Ehevertrags verschwunden war. »Ihr habt den Falschen!«

Inspektor Jean Lessing seufzte. Menschen. Sie waren so berechenbar.

*

Im Präsidium in Luna City angekommen, ließ sich Lessing in seinen Stuhl fallen und legte die Füße auf den Tisch. Statistisch betrachtet standen ihm ein paar Tage vollständiger Langeweile bevor: In einer Gesellschaft, die das Problem materieller Not beseitigt hatte, waren Verbrechen ein seltenes Gut geworden.

Was blieb, waren Taten aus Leidenschaft, aus Rachsucht und aus Gier. Nichts davon kam so häufig vor, dass der leitende Ermittler der Luna City Police ständig im Einsatz war.

So hatte Lessing viel Zeit, sich durch die Abteilung Fortbildung der Präsidiumsbibliothek zu arbeiten. Die Bibliothekarin war eine Frau von Format und Humor, was dazu führte, dass unter Fortbildung sämtliche Kriminalromane eingeordnet waren, derer sie hatte habhaft werden können. Der Inspektor freute sich stets, von originellen Verbrechen und Verbrechern zu lesen. Zwar fielen auch sie letztlich auf Leidenschaft, Rachsucht oder Gier zurück, aber die Täter pflegten zumindest einen inspirierenden Modus Operandi. Viel anspruchsvoller als die langweiligen Fälle, die seinen Arbeitsalltag so vorhersehbar machten.

Besonders für die Frühphase des Genres hatte er ein Faible entwickelt: für die Zeit, in der Ermittler noch ihr eigenes Hirn benutzen mussten statt eines positronischen. Seine Helden hießen Sherlock Holmes und Hercule Poirot. Mit Ersterem verband ihn die hoch aufgeschossene, hagere Gestalt, mit Letzterem der eiförmige Kopf. Zu Poirots Ehren hatte er sich sogar einen kleinen Schnurrbart stehen lassen und trug das blonde Haar an den Kopf pomadiert wie einen Helm oder eine Schicht gelben Lacks.

Lessing strich über sein Bärtchen. Ein einziges Mal wünschte er sich einen ebenso interessanten Fall wie seine Idole. In dieser Hinsicht hatte der Polizeidienst ihn völlig enttäuscht. Er hatte feststellen müssen, dass Straftäter keineswegs unberechenbare, originelle Geister waren, sondern oft nur so dumm, dass ihre Verhaltensweisen Normaldenker verblüfften.

Schon im zweiten Dienstjahr hatte er Lessings Gesetz formuliert, das noch 20 Jahre später unwiderlegt Bestand hatte: Willst du das Motiv einer Handlung ergründen, suche nach der erstbesten, simplen und zugleich völlig eigennützigen Erklärung.

Diese schlichte Leitlinie bescherte ihm die höchste Aufklärungsquote der Luna Police. Die Ermittlungsdauer war meist nur eine mathematische Funktion davon, wie intelligent der Täter war. Üblicherweise nicht besonders, weshalb Lessing wenig Zeit im aktiven Ermittlungsdienst und viel mit seiner Fortbildung verbrachte. Nur einen einzigen Mann hatte er nie fassen können.

Bisher.

Lessing griff nach dem Lesegerät, um zum vierten Mal »Das Böse unter der Sonne« zu durchleuchten, da baute sich ein Holosignal auf. Die Präsidiumspositronik meldete sich. Lessings Suchroutine hatte angeschlagen.

*

Ohne zu klopfen, betrat Lessing das Büro von Iaroslav Debelius. Der Polizeidirektor, ein kleiner Mann mit roten Locken und rotem Gesicht, zuckte schuldbewusst zusammen, schaltete jedoch sofort danach um auf plakative Jovialität. Er sprang auf und eilte zur Tür.

»Inspektor! Wie immer eine Freude, dich zu sehen!« Es hätte gerade noch gefehlt, dass er Lessing auf die Schulter schlug. Zum Glück war er dafür zu klein. »Was führt dich zu mir?«

»Ich will den Ezoge-Fall.«

Debelius' Grinsen fror ein, während die Panik seine Augen weitete. Ustus Ezoge war der Sohn von Riemal Ezoge, einem Großindustriellen, der viel für die politische Karriere des Direktors spendete.

Niemand, der unter Debelius Karriere machen wollte, ermittelte ernsthaft gegen Ezoge. Lessing allerdings war seine Karriere ziemlich egal. Riemal gehörte nach Lessings Ansicht seit Jahrzehnten hinter Gitter, aber er hatte nie die nötigen Beweise herbeischaffen können. Bisher.

Bei Riemals Sohn Ustus sah die Sache anders aus. Er war dumm, brutal und selbstverliebt und hätte eindeutig im Gefängnis sitzen müssen. Allein Lessing hatte ihn dreimal wegen Drogenhandel, Körperverletzung und Rennen mit illegal modifizierten Fahrzeugen verhaftet. Leider waren in allen drei Fällen wichtige Beweise auf unerklärliche Weise verschwunden, bevor es zur Verhandlung kam.

Danach hatte Debelius ihn immer anderweitig eingesetzt, wenn der Junge wieder im Blickpunkt von Ermittlungen auftauchte. Die anderen Polizisten hatten erstaunlicherweise nie etwas Belastendes gefunden. Darum hatte Lessing die Suchroutine eingerichtet.

»Ich bin nicht sicher«, sagte Debelius zögerlich, »ob du der Richtige ...«

»Ich schon«, unterbrach Lessing kühl. »Seit wann ist er zurück?«

Nach Lessings Wissen hatte Riemal seinen Sohn aus der Stadt geschickt, nachdem er eine Woche zuvor einen Nachtclubbesitzer attackiert hatte. Er sollte außer Sicht bleiben, bis Gras über die Sache gewachsen war, wie es in der von der Erde eingeschleppten Redewendung hieß, die auf dem Mond nicht besonders viel Sinn gab.

»Ist er gar nicht«, behauptete der Direktor.

»Was hat er getan?«

»Nichts!« Debelius klang geradezu entrüstet über die Andeutung, der reiche Kriminelle könnte etwas Kriminelles getan haben. »Er ist das Opfer!«

Lessing hob eine Braue. Das wäre wirklich eine Überraschung gewesen – falls es stimmte. »Was ist passiert?«

»Ustus Ezoge hält sich seit ein paar Tagen als Gast im Ylatorium auf.«

Lessing nickte anerkennend: eine gute Wahl. Ylatorium hieß das Gebiet, welches das Mondgehirn NATHAN der Menschheit abverhandelt hatte, um dort die sogenannten Ylanten anzusiedeln. Der Hauptrechner der Menschheit betrachtete diese Roboter als seine Kinder, und auch sonst war er in Lessings Augen wunderlich. Jedenfalls wohnten dort nur rund 3000 Menschen unter zwölf Millionen Robotern, und sie waren fast völlig vom Rest der Zivilisation auf dem Mond separiert. Ein schlaues Versteck.

»Er wurde«, informierte ihn Debelius weiter, »bei einem friedlichen Spaziergang unprovoziert angegriffen und brutal zusammengeschlagen. Wir müssen den Täter schnellstens finden und ausschalten.«

Schnellstens, natürlich. Was auch sonst? Schließlich ging es um das Kind von Debelius' Sponsor. Da wollte Riemal Leistung von der Polizei sehen, die er sich so viel kosten ließ.

»Ist irgendjemand hier schneller als ich?«, fragte Lessing.

»Nein, aber ...«

2.

Bronzebunt

Das Ylatorium umfasste das gesamte Mare Ingenii, eine Tiefebene auf der erdabgewandten Seite des Mondes, nicht besonders groß. Im Schnitt durchmaß sie 280 Kilometer.

Lessing überflog das Territorium zügig und in geringer Höhe. Ein kurzer, rotvioletter Glanz im Licht der Gleiterscheinwerfer, dann wieder grauer Mondstaub. Das musste eine der berühmten Bronzehütten gewesen sein, in denen die Ylanten hausten. Wobei es rund 450 Jahre nach Gründung des Ylatoriums immer noch völlig unklar war, wozu die Maschinen Wohnräume brauchten.

Am liebsten hätte sich Lessing seinem Ziel über mehrere Stunden genähert und das Zentrum des Mare in einer weiten Spirale angeflogen. Er hatte gern ein Gefühl für die Umgebung eines Tatorts. Lessings Gesetz ließ sich leichter anwenden, wenn man das Umfeld eines Täters kannte. Oft hieß der erstbeste, simple, eigennützige Wunsch nur: Ich will hier weg. Da half es, wenn man wusste, was hier war.

Unglücklicherweise fehlte dafür die Zeit. Debelius rechnete nicht mit schnellen Resultaten, aber die Ermittlungen mussten zumindest schnell beginnen. Deshalb flog Lessing in gerader Linie.

»Inspektor Lessing«, funkte er sein Ziel an, »Luna Police. Ich erreiche euch in etwa zehn Minuten und bitte um Zuweisung eines Landeplatzes.«

Eine ganze Weile hörte er nichts, dann statisches Rauschen, schließlich die schrille Stimme eines vermutlich älteren Mannes. »Was will die Polizei bei uns? Ihr habt hier nichts verloren!«

Lessing rieb sich kurz die Hände, glättete seinen Schnäuzer und zählte gedanklich bis zehn. Dieses Gespräch hatte er in geringen Varianten schon Tausende Male geführt. Wichtigtuer, die seine Arbeit behinderten.

»Uns wurde ein Verbrechen im Khasurn gemeldet«, sagte er so nüchtern wie möglich. »Wir wurden angefordert. Ich komme, um die Sachlage zu überprüfen.«

Die Bronzehütten wurden mehr, sie standen dichter beisammen, identische, metallische Quader von warmem Glanz. Bald lagen sie in mehreren Schichten übereinander, wild gegeneinander verdreht, ohne erkennbare Ordnung. Als hätte ein wenig begabter Zweijähriger seine Bauklötze gestapelt, nachdem Ustus ihm eine ordentliche Portion seiner Drogen verabreicht hatte.

Lessing betrachtete das Wirrwarr mit unerwartetem Wohlgefallen. Es gab seinem Hirn etwas zu tun. NATHAN und seine Kinder bauten mit Sicherheit nichts Zufälliges. Es existierte ein Muster, er hatte es nur noch nicht erkannt. Vielleicht würde er das Rätsel lösen, während er die unvermeidlichen und unvermeidlich drögen Verhöre führte.

»Das wüsste ich!«, erklang die Stimme wieder. »Alle Kommunikation nach außen läuft über mich!«

»Dann muss etwas Ungewöhnliches geschehen sein.« Lessing bemühte sein diplomatisches Talent. »Jedenfalls wurden wir angefordert ...« Er suchte den Namen in den Falldaten.

Schon zeigte sich in der Ferne der Khasurn, eines der beiden auffällig herausstechenden Gebäude im Ylatorium: ein Rundturm, der trichterförmig auskragte. Eolan da Gonozal, ein auf Terra geborener Arkonide, hatte damals die Initiative ergriffen, und verschiedene Firmen aus Neu-Atlantis hatten das Bauwerk im arkonidischen Stil errichtet. Es wurde von zahlreichen Scheinwerfern vom Bodenniveau her angestrahlt und glänzte wie eine ausglühende Fackel.

Illustration: Dirk Schulz

Einst hatten sich darin ein Forschungszentrum und das Kommando einer Jägerflotte niedergelassen, aber beide Einrichtungen waren überflüssig, seit Terra und Luna auf diese Seite des Dyoversums zurückgekehrt waren. Stattdessen waren Privatpersonen eingezogen, hauptsächlich Menschen, die es unter ihresgleichen nicht aushielten. Jeder war im Turm willkommen, solange er die anderen Bewohner respektierte. Niemand stellte Fragen nach der Herkunft oder zukünftigen Absichten.

Theoretisch der perfekte Ort für Ustus, um eine Weile zu verschwinden. In der Praxis nicht so sehr. Respekt lag dem jungen Mann nicht, wie Lessing wusste. Seine Arbeitshypothese war, dass Ustus Ezoge sich eine wohlverdiente Abreibung eingehandelt hatte. Aber das würden die Ermittlungen zeigen.

Lessing hatte den Namen entdeckt. »Ein gewisser Geroni Tant hat uns den Angriff gemeldet. Der Bürgermeister eures Khasurns, glaube ich.«

»Ich bin Geroni Tant«, sagte der Alte. »Und ich habe nie und nimmer ...«

Die Verbindung riss plötzlich ab.

Irritiert versuchte Lessing, sie wieder aufzubauen. Er nahm Bewegungen nahe am Boden wahr und verlangsamte ein wenig. Zum ersten Mal in seinem Leben sah er NATHANS Ylanten mit eigenen Augen. Lessing hatte sein gesamtes Leben auf dem Mond verbracht, war aber nie ins Ylatorium gereist – Maschinen waren schließlich noch berechenbarer als Menschen.

Erst erkannte er zwei Roboter, dann eine Gruppe von fünfen, bald eine größere Ansammlung. Sie sahen alle völlig identisch aus: einen Meter achtzig groß, mit Bronzekörpern wie menschengroße Gliederpuppen. Ihre Köpfe waren gesichtslos.

Ihr Verhalten erschloss sich ihm nicht: Einige marschierten in Formation, andere bauten Bronzehütten genau dort, wo ihre Kameraden unterwegs waren. Wieder andere standen herum und wedelten wild mit den Armen, ganz wie Menschen bei einer erregten Diskussion. Aber warum sollten Maschinen so debattieren? Sie hätten zum Disput nicht nahe beieinanderstehen müssen. Das Ylatorium war nicht überkuppelt, es gab also keine schalltragende Atmosphäre. Der Datenaustausch musste über Funk erfolgen.

Tant meldete sich wieder. Der Bürgermeister kicherte. »Lustige Geschichte«, sagte er. »Das war doch ich, hast recht. Hab's in den Protokollen gefunden. Ich werde langsam vergesslich, das passiert leider immer häufiger. Was wolltest du noch mal?«

»Einen Landeplatz«, sagte Lessing leicht fassungslos. »Um einen tätlichen Angriff zu untersuchen.«

»Ja natürlich!«, sagte Tant. »Was denn sonst? Wird gemacht, wird gemacht!«

Der Gleiter bestätigte den Empfang des Peilsignals und zog automatisch hoch, um auf dem Dach des Khasurns zu landen.

Lessing hoffte, dass der Bürgermeister nicht repräsentativ für alle Bewohner des Ylatoriums stand. Er hatte kein gutes Gefühl bei dem Fall.

*

Geroni Tant empfing Lessing auf dem Dach. Aus öffentlich verfügbaren Informationen hatte der Inspektor erfahren, dass er 180 Jahre alt war. Körperlich hatte der kleine Mann sich gut gehalten, er wirkte drahtig und fit. Doch als der Gleiter landete, sah er völlig überrascht aus, dass ein Gast kam. Dann konzentrierte er sich erkennbar, und schließlich ging ihm ein Licht auf.

»Willkommen, Inspektor.« Mit ausgestreckter Rechter eilte er Lessing entgegen. »Du möchtest eine kleine Führung durch unser Heim?«

Beim Sprechen zeigte er die rötlich verfärbten Zähne eines Mannes, der gern und lange Simulacrum nahm. Die Droge war im ganzen Solsystem geächtet. Im Ylatorium, ohne eigene Polizeikräfte, wurde sie jedoch offensichtlich straffrei konsumiert. Tants Gedächtnislücken erschienen damit in einem ganz neuen Licht.

Der Inspektor ergriff die angebotene Hand und schüttelte sie. »Ich freue mich auf einen Rundgang«, sagte er.

Das war zwar keineswegs der Grund seiner Anwesenheit, aber wie schon beim Anflug wollte er Informationen über das Tatortumfeld sammeln, wenn man es ihm denn schon anbot. Wem war der junge Ezoge so sehr auf die Füße getreten, dass dieser sich gewaltsam rächte? Bot sich die Chance, etwas Größeres aufzudecken – etwas, das den Jungen dahin brachte, wohin er schon seit Jahren gehörte?

Der Khasurn hätte nicht nur drei-, sondern zigtausend Bewohnern Platz geboten. Im Ergebnis standen die meisten Etagen leer. Tant führte Lessing durch die Parklandschaft der obersten Etage, die teils aus echten Pflanzen bestand, teils aus unvorstellbar detailverliebten Bronzenachbildungen. Die Decke war transparent und ließ das Sonnenlicht ein.

Ein Stockwerk tiefer lag die erste Wohnetage. »Wir haben die meisten Zwischenwände herausgebrochen«, erklärte der Bürgermeister. »Viel Platz für unsere Buntfamilien.«

Lessings Nachfrage ergab, dass diese fast ein Drittel der Khasurn-Bewohner umfassten: Menschen jederlei Geschlechts, die mit dem Konzept der Monogamie wenig anfangen konnten. Hier wuchsen Kinder mit vielen Vätern und vielen Müttern auf. Wer ihre tatsächlichen biologischen Erzeuger waren, wussten sie nicht und wollten es auch nicht erfahren.

Der Inspektor grübelte über die Implikationen dieser Lebensweise nach – wie verhinderte beispielsweise die Nachfolgegeneration ungewollte Inzucht?

Die Antwort auf die Frage bekam er einige Decks tiefer auf der Medostation: Die Mitglieder der Buntfamilien trugen ein kleines Armband, erklärte ihm ein Mediker mit einem ebensolchen Band am Handgelenk. Berührten sich zwei davon, leuchtete ein grünes oder rotes Licht, je nachdem, wie sehr sich das Genmaterial ähnelte. Wer Rot sah, lenkte seine Freiersfüße flugs in eine andere Richtung.

»Hat sich Ustus Ezoge hier an jemanden herangemacht?«, erkundigte sich Lessing.

Es hätte dem notorischen Aufreißer ähnlich gesehen. Wildes Herumflirten war zudem eine seit Jahrtausenden bewährte Methode, sich in kürzester Zeit großen Ärger einzuhandeln.

»Wer?«, fragte Tant.

Lessing massierte sich die Nasenwurzel. »Das Opfer. Der Angegriffene. Seinetwegen bin ich hier.«

Tant musterte ihn eine Weile grüblerisch, dann erhellten sich seine Züge. »Ach so. Nein. Nicht, dass ich mich erinnern würde.«

Das war keine Aussage, die Lessing in irgendeiner Richtung weiterhalf.

Sie setzten die Führung fort, besichtigten die Eremitagen: ganze Stockwerke, die jeweils nur von einem einzelnen Einsiedler bewohnt wurden. In der dritten davon meldete sich Lessings Komarmband.

Gibt es schon Ergebnisse?, wollte Debelius wissen.

Bin dran, schrieb er schlicht zurück. Es wurde Zeit, die Führung abzubrechen und das Opfer zu befragen, bevor die zweite Nachricht dieser Art kam.

»Kannst du mich zu dem Opfer bringen?«, bat er den Bürgermeister.

Zu Lessings Verblüffung fragte dieser nicht nach, wen er meinte, sondern sagte sofort: »Natürlich. Unsere Besucherquartiere sind im vierzigsten Stock.«

Über den zentralen Antigravschacht erreichten sie die Zieletage, und Tant ging weiter zielstrebig voran. »Hier wohnen er und seine Freundin«, erklärte er.

»Freundin?«, hakte Lessing nach. Davon hatte Debelius nichts erwähnt – nach Lessings Informationen war Ezoge allein ins Ylatorium geflohen.

»Ja«, sagte Tant. »Die junge Jeremiana, aus der Buntfamilie Mulo. So ein liebes, nettes Mädchen.«

Lessing ächzte. So viel zu der erst fünf Minuten alten Auskunft, dass Ezoge keine Beziehung eingegangen war. Er brauchte dringend einen anderen Ansprechpartner, jemanden ohne Drogenproblem.

Aber nun war er hier, und er wollte sein Gespräch führen. Entschieden klopfte er an die Tür.

Das liebe, nette Mädchen machte auf. Jeremiana war hübsch, ihre Haut samtbraun, die Augen strahlend grün – eine ungewöhnliche Kombination, falls sie nicht mit farbigen Linsen oder Irisimplantaten nachgeholfen hatte. Das kinnlange, schwarze Haar war strohig und zerzaust, die Augen gerötet. Keine Drogeneinwirkung, sagte Lessings Erfahrung. Sie hatte geweint.

»Guten Tag«, sagte er. »Mein Name ist Jean Lessing. Ich komme von der Luna Police, um den Angriff auf deinen Freund ...«

Krachend schlug die Tür zu.