Perry Rhodan 3318: Konstrukt der Ylanten - Susan Schwartz - E-Book

Perry Rhodan 3318: Konstrukt der Ylanten E-Book

Susan Schwartz

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Beschreibung

Die Erde in der Zukunft, gut viertausend Jahre von unserer Zeit entfernt, in der Mitte des 23. Jahrhunderts Neuer Galaktischer Zeitrechnung … Die Menschen leben in Frieden und Freiheit. Ihr Netz aus Handelsbeziehungen und Bündnissen umfasst zahlreiche ­Planeten in der Milchstraße. Mit einem Experimentalraumschiff, dem PHOENIX, will Perry Rhodan die Kontakte zu anderen Sterneninseln ausbauen. Dann aber taucht eine Fremde auf Terra auf, die sich Shrell nennt. Sie fordert von Perry Rhodan, in ein weit entferntes Sternenband zu reisen, um dort seinen ältesten Freund zu töten: Reginald Bull. Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, erschafft sie an drei Stellen das Brennende Nichts. Es wird die Erde und den Mond vernichten, wenn Rhodan ihr nicht gehorcht. Unter Zwang begibt sich Rhodan auf eine weite Reise. In der Milchstraße wird währenddessen fieberhaft am Brennenden Nichts geforscht. Zu einem zusätzlichen Rätsel wird beim Mond das KONSTRUKT DER YLANTEN …

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Seitenzahl: 169

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Nr. 3318

Konstrukt der Ylanten

Sie sind Spezialistinnen der USO – unterwegs in einem seltsamen Gebilde

Susan Schwartz

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Rückblende

2. Tekener-Tower, Terrania City

3. Deringhouse Station

4. Konstrukt: Der Saal

5. Deringhouse Station

6. Konstrukt: Flucht

7. Atemlos durch das Konstrukt

8. Deringhouse Station: Kontakt

9. Die Enthüllung

10. Amok und Rettung

11. Ein Haluter auf Abwegen

12. Neue Erkenntnisse

13. Der bessere Weg

Journal

Leserkontaktseite

Glossar

Impressum

Die Erde in der Zukunft, gut viertausend Jahre von unserer Zeit entfernt, in der Mitte des 23. Jahrhunderts Neuer Galaktischer Zeitrechnung ...

Die Menschen leben in Frieden und Freiheit. Ihr Netz aus Handelsbeziehungen und Bündnissen umfasst zahlreiche Planeten in der Milchstraße. Mit einem Experimentalraumschiff, dem PHOENIX, will Perry Rhodan die Kontakte zu anderen Sterneninseln ausbauen.

Dann aber taucht eine Fremde auf Terra auf, die sich Shrell nennt. Sie fordert von Perry Rhodan, in ein weit entferntes Sternenband zu reisen, um dort seinen ältesten Freund zu töten: Reginald Bull. Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, erschafft sie an drei Stellen das Brennende Nichts. Es wird die Erde und den Mond vernichten, wenn Rhodan ihr nicht gehorcht.

Unter Zwang begibt sich Rhodan auf eine weite Reise. In der Milchstraße wird währenddessen fieberhaft am Brennenden Nichts geforscht. Zu einem zusätzlichen Rätsel wird beim Mond das KONSTRUKT DER YLANTEN ...

Die Hauptpersonen des Romans

Aurelia Bina – Die Posmi könnte für viele aktuelle Probleme der Schlüssel sein.

Icho Tolot – Der Haluter bietet der Menschheit erneut seine Hilfe an.

Cameron Rioz – In dem jungen Mann schwelt die Wut.

Monkey

1.

Rückblende

Terrania City, 3. August 2250 NGZ

Hinter vorgehaltener Hand nannte man ihn »den Koordinator«. Betonung auf dem Artikel.

Afar Altairs Aufgabe war, sämtliche Fäden der Außendiensteinsätze aufzunehmen und in seiner Verwaltung zu sammeln, zu sortieren und zu analysieren.

Hörte sich für die agilen, abenteuerlustigen und risikobereiten Außenagenten langweilig an, aber das war längst nicht alles.

In seinem großen Büro im 86. Stockwerk des Tekener-Towers war eine lange Wand komplett von unterschiedlich großen Holos bedeckt, es mussten Hunderte sein, die praktisch das Geschehen des gesamten Liga-Bereichs und des Galaktikums zeigten.

Die Turmpositronik KENNON arbeitete eng mit Altair zusammen, sammelte die Meldungen einer Vielzahl von Mediensendern, egal ob professionell oder eher im Trividder-Bereich, und projizierte die Nachrichten und Meldungen, die den von Altair eingegebenen Filtern entsprachen. Das waren keineswegs die wichtigsten Informationen der Hauptsender, diese wurden auf einer anderen Wand fortlaufend gezeigt. Bei der großen Wand handelte es sich um die eher niederrangigen Nachrichten, die es nicht in die Schlagzeilen der Großen schafften, aber deswegen nicht weniger bedeutend sein mussten. Oft kam es auf die kleinen, scheinbar nebensächlichen Dinge an.

Altair war einer der Stellvertreter Aurelia Binas und hatte schon kurz nach Beginn seiner Ausbildung vor mehreren Jahrzehnten gezeigt, dass er am besten für den Innendienst geeignet war.

Nicht nur dass er auf bewundernswerte Weise den Überblick über den Wust an Bilderfluten behalten konnte, sondern er verfügte auch über ein perfektes Gedächtnis. Er wusste genau, wann er ein Holo vergrößern und Audio zuschalten musste, verarbeitete in Windeseile die Informationen, die er für bedeutend hielt, und veranlasste Meldungen – an die TLD-Chefin, den Außendienst – und gab Aufträge heraus. Häufig zählten auch Aktionen dazu, in Nöte geratene Außenagenten zu retten, oder diplomatisches Eingreifen bei drohenden Konflikten.

Wurde aufgrund einer besorgniserregenden Nachricht eine Konferenz einberufen, so konnte Altair, der bis dahin mindestens ein Dutzend weitere Aktivitäten angestoßen hatte, den Inhalt der Sendung wörtlich wiedergeben. Ob dazwischen eine Stunde oder ein Tag vergangen war, spielte keine Rolle.

»Mr. K ...«, so kürzte er KENNON zumeist ab, »... hat mir beigebracht, mich richtig zu organisieren, wie eine Bibliothek mit gut strukturierter Datenbank«, pflegte er seinen Bewunderern zu sagen. »Ich weiß einfach, unter welchem Stichwort ich suchen muss, und fische die richtige Datei heraus.«

Dazu tippte er mit dem Zeigefinger an seine linke Schläfe. »Die kleinen grauen Zellen sind nichts anderes als eine organische Positronik, wenn man sie richtig trainiert. Das kann jeder lernen, der genug Enthusiasmus und Durchhaltevermögen dafür aufbringt.«

Das brachte aber so gut wie niemand auf, weil man es eben für langweilig hielt. Altair ergänzte die beiden Eigenschaften aber noch durch einen hervorragenden analytischen Verstand und hohe Intelligenz. Eine solche Kombination war nach wie vor selten.

Afar Altair war in Terrania geboren und hatte in seinem 76-jährigen Leben die Stadt nur zweimal verlassen. Zumindest behauptete er das. Er war Städter durch und durch, der Weltraum konnte ihm gestohlen bleiben, genauso wie der Rest des Planeten.

»Ich bin doch ständig in der Galaxis unterwegs.« Er wies auf die lange Holowand. »Das sind ja wohl Reisen und Sightseeing genug für mehrere Leben. Ich bin mit der gesamten Milchstraße verbunden, ich sehe sie, ich kenne sie, ich erlebe sie. Jeden Tag, jede Stunde, insgesamt.«

In seiner freiwillig gewählt kargen Freizeit reiste er ebenfalls – er spielte Multi-Cluster, eine Mischung aus Schach, Würfel und Poker, mit mindestens sechs Mitspielern in anderen Systemen, per Hyperfunk.

Präsenzspiele mochte er nicht besonders, da er sich privat von den vielen persönlichen Begegnungen und Konferenzen des Arbeitstages erholen musste, wie er sagte.

Keine Frage, dass sein privater Wohnbereich mit unerwartet bescheidenen Ausmaßen nicht weit von seinem Büro entfernt lag. »Allzeit bereit«, lautete seine Devise. Damit konnte man nur als überzeugter Junggeselle leben. Er brannte für seine Arbeit, sie machte ihn glücklich.

So auch am 3. August.

Es war der Tag, an dem der Stellvertretende Direktor sich auf eine einzige Sache konzentrierte: den bevorstehenden Zusammenprall der beiden Anomalien.

*

Seit der Zündung des Brennenden Nichts war der Tekener-Tower für den Publikumsverkehr geschlossen, und die höchste Sicherheitsstufe galt fortlaufend. Oberste Priorität hatte Shrells Ultimatum beziehungsweise die Frage, ob und wie man es aushebeln könnte.

Altair betrachtete den Aufmarsch der Medien bei Atlan Village mit Sorge. Sogar eine Demonstration gab es. Der Stellvertretende Direktor stand in ständigem Kontakt mit den örtlichen Polizeibehörden, mehrere Einsatzgruppen seiner Agenten standen in Bereitschaft, um die Polizisten vor Ort abzulösen oder zu ergänzen. In den subplanetar angelegten Labors und Fertigungsanlagen herrschte Hochbetrieb.

Aurelia Bina war seit einiger Zeit vor Ort, um das bedrohte Gebiet zu räumen und sich um alles andere zu kümmern, gegen den Rat Altairs.

Mit seiner Risikoanalyse war Altair nicht allein. Nahezu die gesamte Führungsriege hatte während der Lagebesprechung versucht, auf die Chefin einzuwirken, sie solle nicht selbst dorthin gehen.

Niemand wusste, was geschehen würde, sobald das Brennende Nichts und der Ableger aufeinandertrafen. Es war schlichtweg ein zu hohes Risiko.

Bina ließ natürlich nicht mit sich reden. Die Posmi vertraute ihren eigenen Hochrechnungen und glich sie mit ihren Zielen und ihrer Verantwortung ab. Als sie ihre Entscheidung verkündete, gab es niemanden, der sie infrage gestellt hätte. Dazu kannten sie Aurelia Bina viel zu gut. Ihre Entscheidungen waren final.

Nun, vielleicht war niemand nicht ganz zutreffend: Altair war der Einzige, der trotzdem das letzte Wort behielt. Er hatte ebenfalls Durchsetzungsvermögen und war außerdem stur. Das kam von seiner eher schmächtigen Statur und dem völlig unscheinbaren Aussehen, mit dem er einst als Kind nicht sonderlich ernst genommen worden war, vor allem, weil er nicht nur unsportlich war, sondern alles hasste, was mit Bewegung zu tun hatte.

Altair hatte blasse Haut, weil er so gut wie nie den Tower verließ, wässrige blaue Augen und ein eher unbeholfenes Gangwerk bei 1,70 Metern Größe – das zeichnete ihn aus: als kompletten Durchschnittstypen ohne sonderliches Temperament.

Präsenz zeigte er durch gute Leistung und Beharrlichkeit, sonst hätte ihn niemals jemand wahrgenommen. Privat war ihm das egal, da er ohnehin am liebsten allein war, aber für seine Arbeit, vor allem wenn man wie er Karriere gemacht und einen Führungsposten innehatte, war das unerlässlich.

»Es ist unsere Pflicht, darauf hinzuweisen, Aurelia. Möglicherweise stellt uns das vor ungeahnte Herausforderungen, und dann brauchen wir alle Kräfte – besonders deine.« Altairs Stimme war das einzig Markante an ihm, ein schöner, meistens freundlicher Bariton, und nahezu immer ruhig. Das unterstrich sein Selbstbewusstsein und seine Ausgeglichenheit.

Aurelia Bina war eine Posmi, ein positronisch-semitronischer Roboter mit Gefühlskomponente, der wie ein Mensch aussah und auftrat und auch Bürgerrechte besaß. Jemand, der so außergewöhnlich war, benötigte normalerweise keinen Schutz.

Aber Altair hatte kein gutes Gefühl, und normalerweise irrte er sich darin nicht. Durch jahrzehntelange Erfahrung hatte er ein besonderes Gespür dafür entwickelt.

Das wusste die Chefin und nahm es sonst immer ernst.

Bis auf diesmal.

»Zur Kenntnis genommen, Afar. Du hast während meiner Abwesenheit die Leitung – und wirst von deinem Büro aus alles überwachen, um sofort eingreifen zu können. Ich setze mein volles Vertrauen in dich, du bist der Beste auf deinem Gebiet.« Sie nickte ihm zu.

Sprachlosigkeit ringsum. Die Chefin sprach nur sehr selten auch nur die Andeutung eines Lobes aus. Dass sie jemanden so direkt als »den Besten« bezeichnete, bedeutete, dass er es war. Keine Frage, dass sich niemand darüber beschweren würde, dass Altair die Leitung übertragen wurde. Er hatte nun einmal den besten Überblick und konnte schnell Entscheidungen fällen.

Einer nach dem anderen in der Runde nickte ihm ebenfalls zu, und während Bina sich auf den Weg machte, erwarteten die anderen von Altair die ersten Anweisungen.

»Dann legen wir mal los!«, sagte er abschließend und kehrte in sein Büro zurück. Die Holobilder und seine Auswertung dazu hatte er bereits schmerzlich vermisst.

*

Während sich die großen Nachrichtensender mit ihren Meldungen überschlugen, konzentrierte Altair sich vor allem auf das Geschehen rund um Aurelia Bina. Sie war wie immer mittendrin, gab sogar ein kurzes Interview, versuchte die Demonstranten abzuwiegeln – und dann trat das erwartete und voller Sorge betrachtete Ereignis ein.

In Windeseile wurde der Platz vor der Absperrung geräumt, die Kameras der Medien schwirrten nur so herum.

Altairs Blicke huschten in rasender Geschwindigkeit zwischen den Holos hin und her, sein Verstand nahm hoch konzentriert alles auf, filterte im Sekundenbruchteil, und seine Finger flogen blind über die Sensorfelder, um KENNON Befehle zu geben.

Illustration: Swen Papenbrock

Vom Basislager aus waren alle Agenten im Einsatz, Polizeigleiter standen über Atlan Village, und Truppen waren am Boden unterwegs.

Die TLD-Chefin, die Altair nie aus den Augen verlor, hatte sich so nahe wie möglich an den Ort des Geschehens begeben.

Und dann geschah etwas sehr Seltsames.

*

Auf einmal regte Aurelia Bina sich nicht mehr, stand nicht wie abwartend, sondern wie erstarrt, während die Anomalien ineinanderflossen und der Ableger von dem großen Original verschluckt wurde.

»Da stimmt etwas nicht«, stieß Altair alarmiert hervor.

Es war nur ein minimaler Unterschied zu Binas vorheriger Haltung, aber Altair als geschultem Beobachter fiel es auf.

Gleichzeitig geschahen eine Menge Dinge hinter den Kulissen, die Meldungen prasselten nur so herein. Und dennoch entging es ihm nicht.

Optisch betrachtet war das Ereignis unspektakulär verlaufen, aber im hyperenergetischen Bereich war einiges los; man sprach von einem Stochastischen UHF-Puls, kurz SUP.

Und ein schlauer Nachrichtensender mit dem Logo TNT, der kurz zuvor das Interview mit Bina geführt hatte, versuchte, mit seinen Sonden näher heranzugelangen. Gewiss hatte dort niemand erkannt, was Altair sah, aber man wollte noch einmal ein Interview zum aktuellen Geschehnis – doch das war genau in diesem Moment fatal.

Altair gab Alarm und rief das Basislager an. »Ihr müsst Aurelia sofort abschirmen! Niemand außer uns darf an sie heran!«

»Verstanden.« Keine Rückfragen – die konnten später gestellt werden.

Drei Agenten und vier Roboter eilten zur TLD-Chefin, umringten sie und aktivierten eine audiooptische Privatsphäre, die von außen undurchdringlich war. Gleichzeitig näherte sich ein TLD-Gleiter, der nicht nur die Kameras verscheuchte, sondern auch ein weiteres Sperrgitter aktivierte, nachdem er gelandet war.

Natürlich brachte das die Medien erst recht auf den Plan und warf Fragen auf, die sie beantwortet haben wollten. Aber nicht sofort.

Ungeduldig wartete der Stellvertretende Direktor auf Rückmeldung. Die restliche Führungsriege war inzwischen bei ihm eingetroffen.

»Vielleicht ist ja gar nichts«, murmelte jemand.

Das konnte nicht einmal annähernd beruhigen, weil jeder wusste: Da war etwas. Altair hatte sich bisher nie geirrt, und niemand reagierte schneller als er, wenn es dann eintrat.

Endlich baute sich ein Holo auf: Die Einsatzleiterin vor Ort meldete sich.

Inde Stir wirkte verstört. »Aurelia rührt sich nicht mehr ...«

»Genau darum geht es«, erwiderte Altair. »Und was bedeutet das nun präziser?«

»Das wissen wir nicht. Aurelia steht völlig starr da, als ob sie sich desaktiviert hätte – aber wir können ihre positronische Aktivität messen. Sie reagiert auf nichts, keinen Impuls, ob wir sie nun antippen oder ansprechen oder Funkkontakt aufzunehmen versuchen. Ihre Augen sind offen, aber blicklos. Lediglich der Blinzelreflex gegen Austrocknung der organischen Hornhaut findet statt.«

2.

Tekener-Tower, Terrania City

3. bis 10. August 2250 NGZ

Die Stille Kammer war kein ortsgebundener Raum, sondern wurde immer dort angelegt, wo man sie haben wollte. Keine Positronik hatte zu ihr Zugang – nicht einmal KENNON.

Meistens bestimmten die TLD-Chefs die Lage des Zimmers, doch Aurelia Bina hatte das Afar Altair überlassen, da er den Tower als Arbeitsplatz sowieso nie verließ, während sie zumeist unterwegs war.

Also war die Stille Kammer derzeit neben seinem Büro gelegen, über eine verborgene Tür betretbar. Dort war nun Aurelia Bina untergebracht.

Der gesamte Tower befand sich in heller Aufregung und Sorge. Das Schicksal der Chefin verstörte alle, weshalb eine Art Betriebsversammlung einberufen wurde, bei der die Mitarbeiter informiert wurden, dass man sich unter allerstrengster Geheimhaltung darum bemühen würde, die Posmi zu reaktivieren. Über ihren Zustand durfte nichts, aber auch gar nichts nach außen dringen. Agenten im Außeneinsatz durften unter keinen Umständen davon erfahren.

Die Presse wurde informiert, dass Aurelia Bina sich zurückgezogen habe, um einige besondere Erkenntnisse des Zusammenflusses der Anomalien und in Bezug auf den SUP zu analysieren. Ihre hohe Konzentration und dadurch Reglosigkeit habe verständlicherweise auf Außenstehende irritierend gewirkt; jedoch sei alles in Ordnung.

Die Abschirmung sei notwendig geworden, um sie nicht zu stören – so, wie sie bis auf Weiteres nicht für Interviews zur Verfügung stehe. Also eigentlich genau so, wie vor dem SUP-Zwischenfall.

Einige weitere beruhigende Anmerkungen folgten. Außerdem gab die Stellvertretende Direktorin für Öffentlichkeitsarbeit eine auf allen Frequenzen übertragene Pressekonferenz, auf der sie den Medien ein paar Häppchen hinwarf, um sie zufriedenzustellen. Und um von dem Thema abzulenken, indem sie geschickt ein paar Bemerkungen einstreute, die Anlass zu anderen Gerüchten gaben.

Hinter den Kulissen mühten sich die besten Positroniker ab, Bina zu sich zu bringen.

Dann erhielt Altair einen überraschenden Anruf: Icho Tolot meldete sich von Luna.

»Ich muss dringend mit Aurelia Bina sprechen«, bat der Haluter. »Ich habe auf allen Wegen versucht, sie zu erreichen, aber vergeblich. Da ich zu dir durchgestellt wurde – kannst du mir behilflich sein?«

»Es tut mir leid«, antwortete Altair mit schlechtem Gewissen. Er log nicht gerne, und einem großen Freund der Menschen gegenüber noch weniger. »Aurelia ist in einer, wie sie sagte, geheimen Mission unterwegs und hat mich instruiert, sie nicht zu stören.«

»Aber bei mir wird sie doch eine Ausnahme machen? Wenn sie erfährt, weswegen ich anrufe, wird sie sich bestimmt gleich auf den Weg zu mir machen. Ich befinde mich in Deringhouse Station auf Luna, und wir benötigen Unterstützung.«

»Sie hat gesagt niemand, und ehrlich gesagt, traue ich mich nicht, gegen diese Anweisung zu verstoßen. Du kennst meine Chefin länger und daher besser als ich und weißt, wie sie reagieren kann.«

Altair geriet selten ins Schwitzen, aber nun war es so weit. Keinesfalls durfte er Tolot verärgern. Wie sollte er ihn nur abwimmeln?

»Ich nehme das auf mich«, sagte Tolot prompt. »Und ich werde dafür sorgen, dass es sich für dich nicht nachteilig auswirkt.«

Kurzes Schweigen.

»Würdest du mich endlich bitte zu ihr weiterleiten? Oder mir mitteilen, wie ich sie erreichen kann?« Tolots Stimme wurde spürbar autoritärer. Als Nächstes würde er ihm bestimmt seine Kegelzähne zeigen ...

Altair wusste nicht weiter. Die meisten Agenten im Außendienst waren geschulte Lügner, ihnen ging das leicht von den Lippen, und sie hätten bestimmt einen Ausweg gewusst. Wahrscheinlich hätte er sagen sollen, dass er es versuchen werde und den Kontakt unterbrochen, um sich mit den anderen zu besprechen, welche Geschichte sie Tolot auftischen sollten.

Aber Altair war eine ehrliche Haut. Und Tolot lebte so lange mit den Menschen, dass er seine Mimik lesen konnte. »Ich kann nicht«, sagte er leise.

Erneutes kurzes Schweigen.

»Na schön«, sagte Tolot dann. »Ich vertraue dir jetzt etwas an, das noch nicht bekannt ist, aber bald bekannt werden wird, weil wir es nicht verhindern können. Es findet quasi in der Öffentlichkeit statt. Es ist wichtig, dass der TLD darüber Bescheid weiß, um auf Presseanfragen reagieren zu können.«

»Etwas mit NATHAN?«, schreckte Altair auf. »Er wurde doch von dem Brennenden Nichts geschluckt?«

»Ja, und es hat mit ihm zu tun – auf eine gewisse Weise.« Tolot zögerte kurz. »Seine Kinder ... die Ylanten sind erwacht. Und ... sie fangen an, sich zu demontieren.«

Altair schnappte nach Luft. Die nächste Krisensitzung stand damit an. Seine Finger flogen über das Sensorfeld.

»Das ist allerdings sehr ... alarmierend«, stieß er hervor.

»Verstehst du, weshalb ich um Aurelia Binas Hilfe bitte? Sie muss unbedingt hierherkommen. Egal was sie angewiesen hat, das muss sie sofort erfahren – und das wird sie auch erwarten.«

»Ja.«

Der Haluter wirkte leicht irritiert. »Und?«

»Sie wird nicht kommen«, wich Altair aus. »Sie ist überhaupt nicht hier, sondern ... sehr weit weg.«

»Was für ein Unsinn, vor wenigen Stunden war sie doch noch ...« Tolot unterbrach sich. Seine Stielaugen fuhren leicht aus ihren Höhlen. »Verstehe«, brummte er. »Sie ... hat es auch erwischt.«

Altair zog die Schultern hoch. Mit einer wedelnden Handbewegung gebot er den anderen, die soeben sein Büro betraten, im Hintergrund abzuwarten.

»Ja«, murmelte er. Geheimhaltung hin oder her, wenn Tolot schon die richtigen Schlüsse zog, war es ohnehin Marginalie.

»Wie schlimm ist es?«

»Sehr schlimm.«

»Hat sie angefangen, sich zu demontieren?«

»Im Gegenteil. Sie ist weit fort. Irgendwo tief in sich drin.«

Tolot verarbeitete diese Nachricht einen Moment lang. »Bringt sie zu mir, das ist wichtig. Das hängt alles zusammen – der SUP, die Ylanten, Aurelia. Ich bin sicher. Etwas ist geschehen, das verschiedene Reaktionen ausgelöst hat. Wir können ihr womöglich helfen!«

Altair schüttelte den Kopf, genauso wie alle anderen Anwesenden, die die Unterhaltung mitverfolgen konnten. Sie waren sich einig. »Das kommt nicht infrage, Tolot. Bei allem Respekt, aber das ist TLD-Sache. Wir werden einen Weg finden. Und dann werden wir euch helfen.«

»Bitte! Ich kann euch helfen!«

»Konntest du denn bisher den Ylanten helfen?«

»Aber wir müssen zusammenarbeiten!«

»Unmöglich. Sobald Aurelia reaktiviert ist, wird sie entscheiden, was zu tun ist. Bis dahin ... kümmern wir uns.«

Altair beendete die Verbindung. Das war der schlimmste Tag seiner ganzen Karriere. Es geschah nicht oft, dass er die Contenance verlor. Er schlug mit der Faust so krachend auf den Tisch, dass die integrierte Positronik Alarm schlug und Selbstreparaturprozeduren einleiten musste.

Mit wildem Blick starrte der Stellvertretende Direktor gut eine halbe Minute vor sich hin und knetete seine schmerzende Hand.

Niemand unterbrach ihn dabei, niemand rührte sich. Man gab ihm die Zeit, die er brauchte.

Nach 45 Sekunden räusperte er sich, stand auf und strich seinen Anzug glatt. »An die Arbeit.«

*

Es wurde zermürbend. Posbis wurden um Hilfe gebeten, selbst die Überlebenden aus Zhobotters ehemaligem Stab stellten sich zur Verfügung.

»Sollten wir nicht doch KENNON hinzuziehen?«, schlug jemand vor.

»Wir wissen nicht, welche Auswirkungen das haben kann, wenn KENNON sich positronisch mit Aurelia zu verbinden versucht«, lehnte Altair ab. »Das Risiko ist viel zu hoch.«

Icho Tolot rief noch zweimal vergeblich an und gab schließlich auf.

Dann meldete sich Monkey. Mit ganz klaren Vorstellungen, dass der TLD ihm Aurelia Bina zu überstellen habe.

»Wie kann der das wissen?« Man war allgemein alarmiert und diskutierte auf der täglichen Krisensitzung darüber.

»Wir haben einen Maulwurf ... oder mehrere«, wurde die Vermutung geäußert.

»Monkey hat natürlich seine Verbindungen in den TLD«, sagte Altair. »Aber mir sind alle namentlich bekannt, mehr von ihnen gibt es nicht. TLD und USO sind keine einander feindlich gesinnten Geheimdienste. Und ich weiß definitiv, dass nichts nach außen gedrungen ist.«

Altair hatte eine Kommunikationssperre verhängt, alles lief ausschließlich über sein Büro. Sicherlich gab es noch die Möglichkeit der privaten Kommunikation außerhalb des Towers. Aber wenn das herauskäme – und das würde es –, stünden dem betreffenden Agenten harte Zeiten bevor.

»Aber wie hat er dann davon erfahren?«