Perry Rhodan Neo 178: Krisenzone Apas - Kai Hirdt - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan Neo 178: Krisenzone Apas E-Book und Hörbuch

Kai Hirdt

4,0

Beschreibung

Im Jahr 2036 entdeckt der Astronaut Perry Rhodan auf dem Mond ein außerirdisches Raumschiff. Damit erschließt er der Menschheit den Weg zu den Sternen. Nach vielen Fortschritten und Rückschlägen wird die Erde ab 2051 unbewohnbar, während Milliarden Menschen zu einem unbekannten Ort transportiert werden. 2055 reist Rhodan mit dem riesigen Fernraumschiff MAGELLAN in die Galaxis Andromeda, findet dort aber keine Spur zur vermissten Erdbevölkerung. Er kehrt in die Milchstraße zurück – doch die Passage schlägt fehl. Die MAGELLAN strandet in der sogenannten Eastside. Die Besatzung begegnet den fremdartigen Blues und knüpft nach anfänglichen Konflikten erste Freundschaften, findet sogar eine Spur zu der Weltraumarche, in der elf Milliarden Menschen im Tiefschlaf ruhen. Um sie zu bergen, benötigt Rhodan gewaltige Mengen einer Substanz, die er nur von den Blues erhalten kann. Prompt gerät er mitten in die KRISENZONE APAS ...

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Zeit:5 Std. 47 min

Sprecher:Axel Gottschick

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Band 178

Krisenzone Apas

Kai Hirdt

Cover

Vorspann

1. Lukosta Atisi

2. Aan Hadralok

3. Waikara Atisi

4. Ussein Parkh

5. Waikara Atisi

6. Lukosta Atisi

7. Aan Hadralok

8. Lukosta Atisi

9. Ussein Parkh

10. Waikara Atisi

11. Lukosta Atisi

12. Ussein Parkh

13. Waikara Atisi

14. Aan Hadralok

15. Ussein Parkh

16. Lukosta Atisi

17. Aan Hadralok

18. Lukosta Atisi

19. Ussein Parkh

20. Waikara Atisi

21. Lukosta Atisi

22. Aan Hadralok

23. Ussein Parkh

24. Lukosta Atisi

25. Waikara Atisi

26. Lukosta Atisi

27. Aan Hadralok

28. Lukosta Atisi

29. Ussein Parkh

Impressum

Im Jahr 2036 entdeckt der Astronaut Perry Rhodan auf dem Mond ein außerirdisches Raumschiff. Damit erschließt er der Menschheit den Weg zu den Sternen. Nach vielen Fortschritten und Rückschlägen wird die Erde ab 2051 unbewohnbar, während Milliarden Menschen zu einem unbekannten Ort transportiert werden.

2055 reist Rhodan mit dem riesigen Fernraumschiff MAGELLAN in die Galaxis Andromeda, findet dort aber keine Spur zur vermissten Erdbevölkerung. Er kehrt in die Milchstraße zurück – doch die Passage schlägt fehl.

Die MAGELLAN strandet in der sogenannten Eastside. Die Besatzung begegnet den fremdartigen Blues und knüpft nach anfänglichen Konflikten erste Freundschaften, findet sogar eine Spur zu der Weltraumarche, in der elf Milliarden Menschen im Tiefschlaf ruhen.

Um sie zu bergen, benötigt Rhodan gewaltige Mengen einer Substanz, die er nur von den Blues erhalten kann. Prompt gerät er mitten in die KRISENZONE APAS ...

1.

Lukosta Atisi

Zum dritten Mal prüfte sie die Einsatzbereitschaft aller Systeme. Zum dritten Mal war alles in Ordnung. Insbesondere die Sensoren ihres Beiboots befanden sich in Bestzustand – das war wichtig für die bevorstehende Mission.

Nun blieb nur noch abzuwarten, bis das Mutterschiff die Zielregion erreichte und die kleinen Kartierungseinheiten ausschleuste.

»Lukosta?« Ihr Erster Jhervis, Jorvi Femmapol, meldete sich über Bordfunk.

Sie kniff alle vier Augen zusammen. Als sie Femmapol das Kommando über die LEPANA übergeben hatte, hatte sie den strikten Befehl erteilt, die Kommunikation auf das Nötigste zu beschränken. Ihr Stellvertreter hatte diese Anordnung sicher an die gesamte Besatzung weitergegeben. Er selbst fühlte sich offenbar nicht daran gebunden. Zu allem Überfluss sprach er sie auf einer offenen Frequenz mit ihrem Vornamen statt ihrem Rang an.

»Tharvis Lukosta Atisi hier«, nahm sie den Ruf entgegen. »LEPANA, welcher Notfall liegt vor?«

»Gar keiner«, bestätigte Femmapol ihre Vermutung. »Ich wollte dir nur viel Erfolg wünschen. Viel Erfolg – und viel Glück.«

Er hatte nicht mal ein schlechtes Gewissen, dass er sie in ihrer Konzentration unterbrach. Zum hundertsten oder tausendsten Mal fragte Lukosta sich, ob der militärische Teil der apasischen Flotte auch mit solchen Undiszipliniertheiten zu kämpfen hatte. Sie konnte es sich nicht vorstellen. Herausfinden würde sie es nicht mehr. Sie hatte sich für einen anderen Weg entschieden und sich der Forschungs- und Kolonisationsflotte angeschlossen.

»Wir werden kein Glück brauchen«, erwiderte sie knapp. »Der Einsatzplan steht in allen Details. Wenn alle sich an ihre Anweisungen halten, sind keine Unregelmäßigkeiten zu erwarten. So weit ist die Raum-Zeit-Diffusion in diesem Sektor noch nicht, dass es zu einer echten Gefährdung kommt.«

»Weiß ich«, sagte Femmapol. »Dein Plan ist perfekt, wie immer. Ich fürchte nur, dass Hadraloks Leute dir in die Quere kommen könnten. Wir agieren in militärischem Sperrgebiet.«

Lukosta setzte ihre Startvorbereitungen fort. »Der Einsatzplan ist vom Zweiten Block der Raumfahrt geprüft worden. Es liegt eine Ausnahmegenehmigung vor, die der Militärbasis Kohnla rechtzeitig übermittelt wurde. Es besteht kein Grund zu der Annahme, dass unsere eigenen Militärkräfte diese zivile Forschungsmission behindern könnten.«

Femmapol stieß drei dissonante Töne aus. »Du hast wirklich nicht viel von deiner Mutter gelernt, oder? Wenn das Militär dich drangsalieren will, wird es das tun, Genehmigung hin oder her.«

»Meine Mutter ist Politikerin«, sagte Lukosta kühl. »Ich bin in erster Linie Pilotin, in zweiter Linie Forscherin. Leute wie ich hätten es sehr viel einfacher, wenn es weniger Leute wie meine Mutter gäbe.«

Jorvi Femmapol neigte die violette Kopfplatte, sodass Lukosta für einen Moment alle vier Augen sehen konnte. Anscheinend hatte ihr Stellvertreter gesagt, was er zu sagen hatte. Er unterbrach die Verbindung.

Lukosta Atisi war zufrieden. Sie konnte sich wieder auf ihre Mission konzentrieren.

Ihr Raumfahrzeug glitt als Erstes ins All hinaus, gefolgt von den neunundsechzig gleichartigen Kleindiskussen, die sie für diesen Einsatz von verschiedenen Mutterschiffen hatte abkommandieren lassen. Dort verzichtete man ungern auf die wundervoll vielseitigen Einheiten, die im Weltraum, in einer Planetenatmosphäre und sogar unter Wasser operieren konnten.

Aber Lukosta Atisi hatte sich durchgesetzt, zumindest gegen die Tharvizen. Gleich jedoch würde sie sich an die Piloten ihres Geschwaders wenden müssen. Das war noch einmal eine ganz eigene Herausforderung. Im Moment indes war sie allein in der wunderbaren Weite des Alls. Sie genoss die Stille und Erhabenheit, das Wissen, dass jedes zivilisatorische Chaos in weiter Ferne lag. Hier draußen folgten die Sphären ihren geordneten Bahnen, wie sie es seit Äonen taten.

Doch damit konnte es sehr bald vorbei sein, wenn Lukosta mit ihren düsteren Befürchtungen recht behielt. Was Jahrmillionen oder -milliarden Bestand gehabt hatte, mochte in wenigen Jahren oder sogar Monaten zusammenstürzen. Zwei gravitative Niederungen hatten sich bereits knapp außerhalb des Pahlsystems gebildet und gefährdeten die Raumfahrt in den Randzonen zwischen dem achten und elften Planeten.

Sie befürchtete, dass sich eine weitere Niederung bildete, weiter innen, auf Höhe der Kohnlabahn. Das würde nicht nur die Militärbasis auf dem sechsten Planeten des Systems gefährden, sondern wahrscheinlich auch die Raumfahrt zwischen den inneren Welten unmöglich machen. Der Kontakt zwischen Apas, dem vierten Planeten der Sonne Pahl, und den Kolonien auf den Nachbarwelten Zama und Krum würde zusammenbrechen.

Gewaltsam schob sie den Gedanken von sich. Noch gab es keine hieb- und stichfesten Beweise, dass diese Entartung des Raums bevorstand. Noch konnte sie hoffen.

Am Ende dieses Tages jedoch würde es damit vorbei sein. Wissen würde die Hoffnung ersetzen. Zum Guten oder zum Schlechten.

»Formation einnehmen!«, wies sie ihre Piloten an. »Keine Eigenmächtigkeiten. In drei Tausendsteln beginnen wir.«

Sie lehnte sich in ihren Sitz zurück und beobachtete im Holoring um ihren Kopf herum die Manöver. Sie hatte die besten Piloten der Forschungsflotte für die Kartierung angefordert. So gut wie jeder hatte gegen ihren Einsatzplan Protest eingelegt und vorgeschlagen, das Gebiet von Sonden durchkämmen zu lassen.

Doch darum ging es Lukosta nicht. Sonden hatten keine Intuition, Piloten schon. Positroniken konnten ein Schiff sicher durch eine Raumregion steuern, ohne Auffälligkeiten zu bemerken. Gute Piloten bemerkten jedoch, wenn ihr Gefährt anders reagierte als erwartet – selbst wenn diese Abweichungen komplett im Toleranzbereich lagen.

Deshalb hatte Lukosta befohlen, dass die besten und erfahrensten Piloten, derer sie habhaft werden konnte, ein Suchmuster abflogen. Stupide geradeaus, mit gleichbleibender Geschwindigkeit, bis zum Ende der zugeteilten Bahn, und dann auf Parallelkurs zurück.

Sie wollte nicht wissen, ob sich irgendwo messbare Zonen erhöhter Gravitation gebildet hatten. Dafür hätten tatsächlich Sonden gereicht, deren Einsatz billiger und sicherer gewesen wäre. Nein, Lukosta interessierte, wo die Piloten ein schlechtes Gefühl hatten. Wo etwas nicht stimmte, was die Positroniken nicht bemerkten. Sie hatte die Berichte über die ersten beiden Niederungen studiert. Lange bevor die Raumfahrt dort gefährlich geworden war, hatten Piloten gemeckert, dass ihre Raumschiffe nicht richtig spurten. Man hatte sie verlacht, bis ein Militärkonvoi havarierte. Die plötzliche Gravitationsverschiebung hatte die Apasos siebenunddreißig molkexgepanzerte Schiffe und Hunderttausende Leben gekostet.

Lukosta Atisi hatte seit knapp einem Monat ein schlechtes Gefühl, wenn sie die Kohnlabahn kreuzte, und sie hatte die Weitsicht und das Selbstvertrauen, es nicht dabei zu belassen.

Problematisch war nur, dass sie für ihre Untersuchung exzellente Piloten benötigte. Das brachte sie zu dem Teil ihrer Arbeit, den sie hasste. Planeten folgten ihren Bahnen, Monde umrundeten sie in stabilem Orbit. Himmelskörper waren verlässlich. Lebende Wesen generell nicht, und Piloten erst recht nicht, jedenfalls wenn sie in all ihrer Brillanz einfach nur ein stupides Suchmuster abfliegen sollten.

»Formation einnehmen, habe ich gesagt!«, wiederholte sie ihren letzten Befehl. »Das gilt auch für dich, Aptafu. Und für Sufoggan auch. Schert euch auf eure Plätze! Ihr fliegt ja, als säße die braune Kreatur des Leichtsinns an den Kontrollen!«

Aptafu nahm seinen Position im Suchgitter ein, Sufoggan noch nicht. Er schickte ihr eine Bildnachricht. Lukosta öffnete sie und bekam nichts als eine türkisfarbene Wolke zu sehen. Der Pilot umkurvte die ganze Formation in einer gewaltigen Schraube. Zwei weitere Diskusse schlossen sich ihm an.

»Lukosta Atisi an Forschungsgeschwader!« Unmelodiös ließ sie ihre Stimmbänder schnarren, damit jedem klar wurde, dass sie es ernst meinte. »Ihr könnt der türkisfarbenen Kreatur der Freiheit später huldigen! Für den nächsten Zehnteltag sind Hellblau und Rostrot eure Farben, Verantwortung und Wachsamkeit! Ich weiß, unsere Arbeit ist nicht spannend, aber sie ist notwendig, und niemand anders als ihr kann sie leisten. Ich bin auf euch angewiesen! Apas ist auf euch angewiesen!«

Sufoggan ordnete sich endlich an seinen Platz in der Formation ein, seine beiden Nachahmer kehrten ebenfalls auf ihre zugewiesenen Stellen zurück. Damit ging Lukostas Zeitplanung präzise auf. Zwei Tausendsteltage hatte sie für die unvermeidbaren eitlen Mätzchen der Piloten eingeplant, und genauso war es gekommen.

Insofern musste sie ihre Überlegungen korrigieren: Lebende Wesen waren durchaus verlässlich, solange man auf ihr Geltungsbedürfnis und ihren Starrsinn baute. Das Leben wäre nur so viel einfacher gewesen, wenn jeder ohne Ziererei einfach getan hätte, was richtig und notwendig war.

Sie gab das Signal. Ihr Forschungsgeschwader setzte sich in Bewegung.

Seit vier Hundertsteln durchkämmten sie das Nichts. Lukosta hing ihren Gedanken nach. Das wirklich Unberechenbare im Pahlsystem, glaubte sie, waren nicht die Schwerkraftverhältnisse in den Niederungen oder die Eigenmächtigkeiten ihrer Geschwaderpiloten – sondern Strömungen und Mächte, die im Höchsten Block wirkten. Die Regierung der Apasos wurde von so vielen Intrigen geprägt, dass jeder Beschluss sich nur Tage später in sein Gegenteil verkehren konnte.

Der Erste Block der Fortpflanzung agitierte gegen den Zweiten Block der Raumfahrt, der Vierte Block der Wehrhaftigkeit stellte den Dritten Block der Statistik infrage. Oft waren die Auseinandersetzungen nicht mal von Sachfragen geprägt – damit hätte Lukosta sich noch abgefunden. Stattdessen waren es meist die Zugehörigkeit des Blockbakan zu einer bestimmten Familie oder deren Klientel, die über die Politik des Ministeriums entschied.

So konnte es durchaus vorkommen, dass der Dritte Block der Statistik bestimmte Forschungen verschleppte oder verschwinden ließ, weil die Ergebnisse befreundeten Blöcken nicht behagten. Auch hatte Lukosta oft das Gefühl gehabt, dass ihr Bruder Telmap als Bakan des Zweiten Blocks bestimmte Vorstöße aus dem Ersten Block nur deshalb torpedierte, weil die Familien Atisi und Hadralok sich seit Jahrhunderten befehdeten.

Und über allem thronte Lukostas Mutter, Waikara Atisi, und spielte die Interessen meisterhaft gegeneinander aus. Oft genug war Lukosta deshalb mit ihr in Streit geraten, oft genug hatte sie sich angehört, dass bestimmte berechtigte Anliegen der politischen Raison geopfert werden müssten.

Sie konnte es nicht mehr hören. Nicht zuletzt ihrer Mutter wegen fühlte Lukosta sich am wohlsten zwischen den Sternen, wenn sie zwei oder drei Planetenbahnen von Apas und dem Höchsten Block entfernt war.

Aber auch an diesem Ort war sie nicht sicher, wie sich zeigte. Anders als von ihrem Stellvertreter befürchtet, war es nicht das Militär, das ihre Forschungsmission störte, sondern ein Baki aus dem Höchsten Block – einer der Nachsänger ihrer Mutter, die stets und ständig um sie herumscharwenzelten und versuchten, sich für einflussreiche Posten zu empfehlen. Höchst widerwillig nahm Lukosta den Funkruf entgegen.

»Was gibt's?«, fragte sie ohne jedes Begrüßungszeremoniell. Sie ärgerte sich über die Störung, und das lenkte sie von ihrer Mission ab, für die sie ausgeglichen und entspannt sein musste.

Der Berater ihrer Mutter war sichtlich pikiert. »Ich habe eine Nachricht von Mayat Waikara Atisi. Ihre Mutter wünscht Ihre sofortige Rückkehr. Ihre Mission ist abzubrechen.«

»Was?« Lukosta wäre beinahe aus ihrem Pilotensitz aufgesprungen, hätten schützende Prallfelder sie nicht an Ort und Stelle gehalten. »Warum? Hat sie mich an den Ersten Block verkauft? Es gibt eine Genehmigung für diese Forschungen! Ich bin in offiziellem Auftrag des Zweiten Blocks ...«

»Nein, so ist es doch gar nicht!« Der Baki ruderte verzweifelt mit den Händen in der Luft, als fürchte er, seine Kopfscheibe könnte fallen und er müsse sie fangen. »Sie müssen ...«

»Gar nichts muss ich!«, schnappte Lukosta Atisi. »Richten Sie meiner Mutter aus, dass ich heute Abend vorbeikomme, wenn ich wieder auf Apas gelandet bin. Nach Abschluss der Mission. Vielleicht. Wenn ich Lust habe.«

2.

Aan Hadralok

Drei Millionen Azaraq jubelten Aan Hadralok zu – die größte Zuschauermenge aller Zeiten zur Einweihung einer Enzymzapfstation. Er war zufrieden; nicht weil der große Zuspruch seiner Eitelkeit zupasskam, sondern weil das, was er zu sagen hatte, ein großes Publikum verdiente. Oder sogar benötigte, um genau zu sein.

»Zwei Tausendstel«, informierte ihn sein Baki. Kalvas Ufenor stand wie ein Fels in der Brandung, ungeachtet des Gewusels um sie herum.

Über hundert Kinder rannten auf dem Podium umher, und niemand kümmerte sich darum, dass sie Ruhe gaben und aufhörten zu stören. Es gab einen Grund, warum Hadralok lieber mit Erwachsenen arbeitete. Aber diesen Luxus hatte er nicht mehr, seit er dem Ersten Block der Fortpflanzung vorstand. Ein einflussreicher Posten – aber in Momenten wie diesem sehnte er sich nach seiner Zeit beim Militär zurück.

Jemand zupfte ihn am Ärmel. Hadralok sah nach unten. Eins der Kinder – man hatte ihm ihre Namen gesagt, er hatte sie verdrängt – hatte den Kopf nach hinten gelegt und sah zu ihm empor. »Mir ist langweilig! Fang an!«

Hadralok prüfte, dass das Akustikfeld noch nicht angeschaltet war, dann antwortete er. »Zurück zu den anderen! Verschwinde!«

»Du bist blöd.« Damit ließ das Kind ihn stehen, kehrte aber nicht zu der Gruppe der anderen spielenden Bälger zurück.

Befehl und Gehorsam. Es war so einfach. Warum verstanden diese unerträglichen Kinder das einfach nicht?

Hadralok kümmerte sich nicht weiter darum. Ufenor würde den Winzling schon einfangen und rechtzeitig an Ort und Stelle abliefern.

Ein Tausendstel, signalisierte sein ehemaliger Jhervis und nunmehriger Baki.

Hadralok atmete durch und trat nach vorn, an den Rand des Podiums. Hinter ihm erschien ein gewaltiges Hologramm seiner selbst. Für die drei Millionen Azaraq, die ihm zuhörten, sollte der Besuch sich lohnen. Sie sollten etwas zu erzählen haben, wenn sie nach Hause zurückkehrten.

»Apasos!«, begann er seine Rede. Beschwörend hob er die Arme. Hinter ihm tat sein Hologramm dasselbe. Es war irritierend, sich selbst zu beobachten. Kurz war er versucht, die hinteren Augen einfach zu schließen. Aber das hätte irgendeine Kamera aufgezeichnet, und man hätte es als Zeichen der Unsicherheit auslegen können.

»Apasos von Zama!«, wiederholte er. Das wogende Meer an Köpfen vor ihm kam zur Ruhe, Hunderttausende Gespräche verstummten. Nur die Kinder plärrten fröhlich weiter, aber sie wurden von den Akustikfeldern übertönt.

»Ich neige mein Haupt vor eurem Mut und eurem Pioniergeist!« Er tat, was er sagte. »Heute wurde der zehnmilliardste Apaso hier auf Zama geboren.« Eine Lüge, das war schon zehn Tage her; aber es war eine gute Geschichte. »Was vor hundertzwanzig Jahren als kleine Kolonie begann, ist heute die drittgrößte Apasowelt unseres Reiches. Das ist etwas, worauf eure Älteren, worauf ihr, worauf eure Kinder stolz sein können. Zama erbringt seinen Beitrag zur Stärke des apasischen Volkes!«

Jubel brandete auf. Hadralok beschwichtigte ihn mit gönnerhaften Gesten.

»Je größer die Kolonie, desto mehr Kinder zeugt ihr. Diese höchste Pflicht erfüllt ihr vorbildlich – und der Erste Block der Fortpflanzung weiß es zu würdigen. Das Katlyk im Körper eurer Kinder ist unverzichtbar, um unsere Flotte für bevorstehende Konflikte zu rüsten. Die Zapfstation hinter mir wird es auf Jahre hinaus ermöglichen, dass eure Kinder ihren Beitrag leisten. Auf Jahre hinaus!«

Jubel.

»Keine Engpässe mehr bei der Katlykgewinnung. Zama wird den Ruhm ernten, den es verdient – den ihr verdient!«

Noch mehr Jubel. Als wäre es etwas anderes als selbstverständlich, dass jeder Apaso seinen Beitrag für den bevorstehenden Konflikt zu leisten hatte.

»Das Katlyk eurer Kinder«, rief Hadralok begeistert, »wird das Molkex formen, das unsere Flotte vor den heimtückischen Gatasern schützt! Der Krieg gegen diese Geißel der Galaxis wird kommen, das ist unvermeidbar. Wir Apasos lieben den Frieden, doch wir wissen uns zu schützen, wenn man uns bedroht. Das werden die Gataser lernen. Diese Lektion bringen wir ihnen bei. Oder? Bringen wir es ihnen bei?«

Wütende Schreie aus drei Millionen Kehlen waren die Antwort. Gut. Zumindest die Bewohner von Zama hatten verstanden, was die Stunde geschlagen hatte. Anders als die Zauderer im Komitee, die den notwendigen Präventivschlag wieder und wieder verzögerten.

»Wir alle leisten unseren Beitrag!«, rief er. »Eure Kinder liefern das Katlyk; ihr geht in den Kampf, oder ihr besiedelt die Welten, die uns Apasos zustehen! Das Schicksal hat uns eine besondere Rolle zugedacht, und wir werden sie einnehmen! Jeder Einzelne von uns hat seine Aufgabe dabei. Werden wir sie erfüllen?«

»Ja!«, brandete ihm der vielstimmige Schrei entgegen.

»Apasos von Zama!«, überschrie er sie. »Es ist an der Zeit! Die ersten Tropfen des wertvollen Katlyk werden entnommen! Eure Kinder bringen uns dem Sieg näher!«

Mediziner hatten die ersten zwanzig Kinder einigermaßen auf Linie gebracht, hatten sie in mobile Behandlungsstühle verfrachtet und setzten die Zapfnadel an ihren Hälsen an.

Was für ein Quatsch, dachte Aan Hadralok. Die Anlage hinter uns kann dreißigtausend Kinder am Tag melken, und wir veranstalten hier draußen eine Inszenierung mit zwanzig Stück. Aber nur so hatten die drei Millionen vor ihm wirklich das Gefühl, im feierlichen Moment mit dabei zu sein. Also war der Unsinn wohl doch nötig.

Aan Hadralok stimmte die apasische Kriegshymne an. Ruhig und kraftvoll perlten die Töne aus seinem Hals. Seine Gesangsstimme war viel gerühmt, und sie verfehlte ihre Wirkung nicht. Die ersten Zuhörer fielen ein. Dann dauerte es nicht mehr lange. Drei Millionen Apasos, im Lied vereint, sangen, wie sie ihre Feinde zermalmen würden.

»Das war hervorragend«, sagte Kalvas Ufenor, als sie die Veranstaltung endlich verlassen konnten und das Raumschiff bestiegen, das sie nach Apas zurückbringen sollte.

»Das war Zeitverschwendung«, stellte Aan Hadralok richtig. »Diese Leute sollten ihren Beitrag freiwillig leisten, ohne dass ich dafür gut Wetter machen muss.«

»Leider sieht nicht jeder Apaso so klar oder ist so diszipliniert wie Sie«, stellte der Baki das Offensichtliche fest.

Hadralok verzichtete darauf, es zu kommentieren. Sein ehemaliger Adjutant hatte ja recht. Ihr Volk würde sich bald gegen die Gataser verteidigen müssen, und dafür waren diese Auftritte eine unerlässliche Vorbereitung. Er wünschte nur, dass jemand anderes diese lästige Pflicht hätte erledigen können.

Aber als Bakan des Ersten Blocks konnte er das nur zum Teil abwenden. Er war inzwischen fast sicher, dass Waikara Atisi ihm den Posten aus reiner Bosheit angeboten hatte. Er hatte sich vom Renommee und Einfluss des Amts blenden lassen und seiner vielversprechenden Militärkarriere den Rücken gekehrt.

»Hat sich etwas getan, während wir diesen Zirkus veranstalten mussten?«, fragte er ungehalten.

»In der Tat.« Ufenor rief die Berichte auf, die Hadraloks Vertraute aus dem Vierten Block der Wehrhaftigkeit und der Neunzehnten Vorsicht übermittelt hatten. Seine Beziehungen zu Militär und Geheimdienst hatten sich schon häufiger als wertvoll erwiesen. Manches Mal hatte er wichtige Informationen vor den Bakans der anderen Blöcke erhalten und so im Komitee der Achtzehn Vorsichten einige Entscheidungen in die richtige Richtung lenken können.

Hadralok überflog die Dateien, während sein Baki das Wichtigste zusammenfasste. Bei einer Meldung horchte er auf: »Der Versorgungskonvoi für unsere Kolonie im Skavtilsystem wurde angegriffen und aufgerieben. Siebzehn von zwanzig Schiffen wurden zerstört.«

»Gataser?«, fragte Hadralok erzürnt, korrigierte sich jedoch sofort. »Nein. Die Pestpelze hätten alle Schiffe zerstört. Gataser kennen nur Sieg oder Untergang.«

»Nicht unbedingt.« Ufenor zögerte, als sei es ihm unangenehm, seinem Bakan zu widersprechen.

»Raus damit!«, forderte Hadralok.

»Die Neunzehnte Vorsicht weiß zu berichten, dass die Gataser unerwartet einige Flottenkontingente bewegt haben. Sie haben etwas vor. Es kann sein, dass der Befehl dazu bei den Angreifern eingegangen ist, bevor sie die letzten unserer heldenhaften Raumfahrer im Konvoi feige vernichten konnten.«

»Heldenhaft.« Hadralok spuckte das Wort beinahe aus. Wären diese Azaraq heldenhaft gewesen, wären sie der Raumflotte beigetreten, statt Waren durchs All zu fliegen oder sinnlose Experimente zu machen, deren Ergebnisse keinerlei Bedeutung für die Verteidigung des apasischen Imperiums hatten. Aber so etwas konnte man ja nicht öffentlich sagen.

Er durchdachte die politische Verwertbarkeit der Informationen. »Heißt das, die Gataser haben den Angriff abgebrochen, und wir haben Zeugen, dass sie uns auf unserem Territorium angegriffen haben?«

»Wir haben keine Beweise, dass es Gataser waren«, sagte Ufenor bedauernd. »Aber es ist plausibel. Ihre Kampfweise und dazu der eigenartige Abbruch des Angriffs, gerade wenn die Gataser ihre Flotte umstrukturieren – es passt zu gut zusammen.«

Hadraloks Gedanken rasten. Warum zogen die Gataser ihre Kampfschiffe zusammen? Stand der Angriff bevor, den er schon so lange fürchtete? Konnte er das Komitee endlich überzeugen, dass sie handeln mussten?

»Eine akute Gefahr für das Pahlsystem oder unsere äußeren Kolonien besteht nicht«, nahm Ufenor ihm die Hoffnung. »Die Gataser bilden keine Kontingente, die für eine groß angelegte Offensive geeignet wären. Es wirkt eher so, als teilten sie ihre Kräfte und schickten lauter Kleinverbände aus. Als würden sie etwas suchen.«

Das verblüffte Hadralok. Er hatte fest mit dem Angriff gerechnet – aber so hatten sie noch einmal Aufschub gewonnen.

Mehr noch. Wenn die Gataser auf diese Weise ihr Zentralsystem entblößten, bot das den Apasos eine ungeahnte Chance. Sie konnten das Machtzentrum ihrer Feinde zerstören, bevor diese ihrerseits den mächtigsten Konkurrenten überrollen und vernichten konnten.

Sofern es gelänge, das Komitee davon zu überzeugen. Aber das würde scheitern. Waikara Atisi hatte die Hälfte der Posten mit Feiglingen und Zauderern besetzt. Bisher hatte jedes Mal die entscheidende Stimme gefehlt, um zu beschließen, was für den Schutz des Imperiums sein musste.

»Eins noch«, ergänzte Ufenor. »Darüber gibt es keinen schriftlichen Bericht.«

Hadralok wartete gespannt.

»Das Problem mit der unkooperativen Führung des Zweiten Blocks ist gelöst«, fuhr der Baki fort. »Telmap Atisi wird Ihnen im Komitee nicht mehr widersprechen. Er hatte einen Unfall.«

»Er ist tot?«, vergewisserte sich Aan Hadralok.

»Bedauerlicherweise ja«, bestätigte Kalvas Ufenor.

3.

Waikara Atisi

Die Regierungschefin prüfte den Sitz ihres Gewands, ehe sie Lukosta Atisi einließ. Das weiße Kleid der Trauer bedeckte ihren Pelz vollständig. Waikara Atisi hatte ihren Posten erreicht und gehalten, weil sie sich in keiner Situation eine Blöße gab.

Auch nicht nach dem Tod ihres ältesten Sohns. Auch nicht gegenüber ihrer eigenen Familie. Egal wie sehr das manchmal schmerzte.

Sobald sie zufrieden war, gab sie ihrer Baki in der Vorkammer das Signal.

Lukosta stürmte in ihr Büro. Ohne Worte legten sie ihre Schädelplatten aneinander, drückten die aufgezeichneten Andrixen mit dem Zeichen der Familie Atisi aneinander und hielten sich gegenseitig an den Schultern. So verharrten sie ein Tausendstel und teilten stumm ihre Trauer, bevor Lukosta losließ und einen Schritt zurücktrat. »Wie ist es passiert?« Ihre Stimme war ein hässliches Kratzen.

»Ein Unfall«, sagte Waikara bitter. »Ein Pilotenfehler, heißt es. Telmap hatte seinen Gleiter in Handsteuerung und hat bei einem riskanten Manöver die Kontrolle ...«

»Das ist eine Lüge!«, begehrte Lukosta sofort auf. »Ein so erfahrener Pilot wie Telmap ...«

»Ich weiß«, unterbrach Waikara. »Und glaube mir, ich werde herausfinden, wer dafür verantwortlich ist. Ich habe einen Verdacht, aber keine Beweise.«

»Ich werde dir helfen!«, rief Lukosta. »Ich finde heraus ...«

Waikara lachte. »Oh ja, du wirst mir helfen. Aber anders, als du denkst.«

»Was heißt das?«, fragte Lukosta misstrauisch.

Waikara ließ langsam die kühle Luft in ihre Lungen strömen und machte sich auf die unvermeidliche Auseinandersetzung gefasst. »Es gibt Bedeutenderes als Telmaps Tod«, sagte sie. »Er betrifft nur uns. Es gibt jedoch Themen, die für unser ganzes Imperium wichtig sind.«

Lukosta starrte sie einen Moment lang fassungslos an, dann schrie sie auf. »Wie kannst du das sagen? Hast du über deiner Politik nun ganz den Verstand verloren? Was bist du für eine Mutter?«

Waikara antwortete nicht. Sie wartete ab, bis ihrer Tochter keine Beleidigung mehr einfiel. »Sei still!«, forderte sie dann. »Es gibt wirklich Bedeutenderes als den Tod deines Bruders. Telmaps wegen trauert heute eine Mutter. Wenn wir aber nicht rasch handeln, werden bald Milliarden von Müttern trauern. Glaubst du wirklich, das ist unwichtig?«

Wie Waikara vorausgesehen hatte, fehlten Lukosta die Worte. Erst nach einer ganzen Weile brachte ihre Tochter ein »Wieso?« heraus.

»Weil ich einen Fehler gemacht habe«, gestand Waikara. »Aan Hadralok will seit Jahren gegen die Gataser kämpfen, obwohl sie uns zahlenmäßig deutlich überlegen sind. Wir können einen solchen Krieg gewinnen, das hat er immer wieder vorgerechnet. Aber wir können auch verlieren. Und egal was von beidem eintritt. Bis wir Klarheit haben, werden Milliarden von Apasos und Milliarden der feigen Brut von Gatas sterben.«

Lukosta wollte etwas sagen, aber Waikara duldete keine Unterbrechung. »Ich hatte vermutet, wenn ich Hadralok in den Fortpflanzungsblock befördere, hätte er zu viel mit seinen Aufgaben zu tun, um diesen Irrsinn weiterzuverfolgen. Leider ist das Gegenteil eingetreten. Er nutzt seine Position, um Stimmung für den Krieg zu machen, und sein Nachfolger im Vierten Block der Wehrhaftigkeit spricht sich überraschenderweise auch für den schnellen Angriff aus. Hadralok muss etwas gegen ihn in der Hand haben, was meine Spione bei der Überprüfung nicht entdeckt haben. Ich habe, wie es scheint, auf den falschen Mann gesetzt.«

»Ein Krieg gegen Gatas?«, fragte Lukosta ungläubig. »Das ist Wahnsinn!«

Nachsichtig wackelte Waikara mit dem Schädel. Sie verstand, warum die Jugend so dachte. Irgendwann einmal war sie selbst so idealistisch gewesen. »Keineswegs«, zerstörte sie die Illusion ihrer Tochter. »Der Krieg gegen Gatas wird kommen, so oder so. Wenn wir sie nicht vernichten, vernichten sie uns. Aber noch sind wir nicht bereit, sondern erst in ein paar Jahren. Dann werden wir diese Pest aus dem Universum fegen.«

Lukostas Lippen zuckten mehrfach, aber weder sprach sie noch sang sie Klagelaute oder die Melodie des Unglaubens.

»Ich erkläre es dir.« Waikara ließ sich ruhig hinter ihrem Schreibtisch nieder. »Ich habe den Dritten Block der Statistik etwas untersuchen lassen, und die Ergebnisse entsprechen genau dem, was ich vermutet habe.«

Ihre Tochter wirkte verwirrt von dem scheinbaren Themenwechsel.