Perry Rhodan-Olymp Paket 1-12 - Perry Rhodan - E-Book

Perry Rhodan-Olymp Paket 1-12 E-Book

Perry Rhodan

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Beschreibung

Es ist die Welt der Freihändler, ein Planet der Wirtschaft und des Handels: Olymp, seit Jahrtausenden ein Knotenpunkt der Milchstraße. Weil der herrschende Kaiser seine eigenen Pläne verfolgt, gerät Olymp in einen interstellaren Konflikt. Gleichzeitig rückt Shoraz ins Interesse der Großmächte: Die unwichtig wirkende Museumswelt birgt ein Geheimnis, das Jahrmillionen alt ist. Und ausgerechnet Sichu Dorksteiger, die Lebensgefährtin von Perry Rhodan, hält sich auf Shoraz auf, als unbekannte Raumschiffe den Planeten abriegeln ... Perry Rhodan-Olymp: die neue Science-Fiction-Miniserie nach Exposés von Susan Schwartz. Zwölf farbenprächtige Science-Fiction-Romane, die eine eigenständige Geschichte innerhalb des Perry Rhodan-Universums erzählen.

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Cover

Vorwort

Nr. 1 – Mysterium

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Prolog: Shoraz: Das Unglück

1. Terra

2. 3. Mai 1550 NGZ

3. Olymp, 4. Mai 1550 NGZ

4. Landung auf Shoraz

5. Olymp

6. Die Ruinen

7. Rückblende: Wie es dazu kam

8. Olymp

9. Shoraz

10. SHEONA

Epilog

Lesermagazin

Nr. 2 – Die Museumswelt

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Perry Rhodan

2. Olag

3. Talin Buff

4. Sichu Dorksteiger

5. Talin Buff

6. Sichu Dorksteiger

7. Olag

8. Perry Rhodan

9. Piri Harper

10. Sichu Dorksteiger

11. Talin Buff

12. Gucky

13. Sichu Dorksteiger

14. Gucky

15. Frank Sulu

16. Perry Rhodan

17. Sichu Dorksteiger

18. Gucky

19. Frank Sulu

20. Piri Harper

21. Perry Rhodan

22. Sichu Dorksteiger

23. Frank Sulu

24. Perry Rhodan

25. Piri Harper

26. Gucky

27. Frank Sulu

28. Onara Gholad

29. Perry Rhodan

Lesermagazin

Nr. 3 – Im Auftrag des Kaisers

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Böses Erwachen

2. Argyris Beryn Mogaw

3. Piri Harper

4. Argyris Beryn Mogaw

5. Sichu Dorksteiger

6. Bekannte Fremde

7. Sichu Dorksteiger

8. Frank Sulu

9. Sichu Dorksteiger

10. Die Masken fallen

11. Argyris Beryn Mogaw

12. Onara Gholad

13. Piri Harper

14. Argyris Beryn Mogaw

15. Gefangen im Misstrauen

Lesermagazin

Nr. 4 – Im Netz von Adarem

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Ort unbekannt

2. System Boscyks Stern

3. Ort unbekannt

4. Shorsystem

5. Frachtumschlagstation 3

6. Ort unbekannt

7. SHEONA

8. ETSI

9. Adarem

10. SHAREE

11. Olymp

12. ETSI

13. Adarem

14. Olymp

15. SHAREE

16. Adarem

17. ETSI

18. SHAREE

19. Adarem

Lesermagazin

Nr. 5 – Die Prospektorin

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Der Direktor

2. Perry Rhodan

3. Onara Gholad

4. Perry Rhodan

5. Piri Harper

6. Mahé Elesa

7. Sichu Dorksteiger: Vor dem Gespräch

8. Mahé Elesa

9. Sichu Dorksteiger: Das Gespräch

10. Mahé Elesa

11. Onara Gholad: Das Gespräch

12. Mahé Elesa

13. Sichu Dorksteiger: Das Gespräch

14. Piri Harper

15. Perry Rhodan

16. Onara Gholad: Das Gespräch

17. Mahé Elesa

18. Der Direktor

Lesermagazin

Nr. 6 – Olymp in Aufruhr

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Piri Harper

2. Talin Buff

3. Piri Harper

4. Beryn Mogaw

5. Piri Harper

6. Beryn Mogaw

7. Derin Paca

8. Falk Anrin

9. Ram Nanuku

10. Onara Gholad

11. Ram Nanuku

12. Onara Gholad

13. Ram Nanuku

14. Talin Buff

15. Onara Gholad

16. Perry Rhodan

Lesermagazin

Nr. 7 – Land der Seligen

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Piri Harper

2. Gucky

3. Piri Harper

4. Gucky

5. Piri Harper

6. Gucky

7. Piri Harper

8. Gucky

9. Trade City

10. Gucky

11. Piri Harper

12. Ypheris Bogyr

Lesermagazin

Nr. 8– Die Herren von Adarem

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Adarem

2. Geheimgefängnis

3. Forschungsanlage

4. »Wildblumentrakt«

5. Labortrakt 3

6. Kadurs Reich

7. Wildblumensektion

8. Kadurs Reich

9. Lagerraum

10. Büro des Gefängnisdirektors

11. Labortrakt 3

12. Olymp

13. Labortrakt 3

Lesermagazin

Nr. 9 – Rückkehr ins Chaos

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Das Wiedersehen

2. Indrè Capablanca – 32 Jahre zuvor

3. Indrè Capablanca – Ein neuer Gegner

4. Indrè Capablanca – Abschied von Olymp

5. Zwischenspiel

6. Indrè Capablanca – Begegnung auf Aurora

7. Indrè Capablanca – Amira und Derin

8. Indrè Capablanca – Der Feind

9. Indrè Capablanca – Die Hon'kantari

10. Indrè Capablanca – Showdown im Araraumer

11. Zwischenspiel

12. Martynas Deborin – 1522 NGZ

13. Martynas Deborin – Der Weg der Schmerzen

14. Martynas Deborin – Krystophar und Crystalla

15. Capablancas Wohnung

16. Gucky

Lesermagazin

Nr. 10 – Adarem antwortet nicht

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Shoraz: Rettungsmission

SHEONA: Adarem antwortet nicht

Olymp: Der Morgen bringt Sorgen

Shoraz: Was tun?

SHEONA: Der Beobachter

Olymp: Gut gelaunt!

Shoraz: Durch die Wüste

Olymp: Zur Unterschrift!

Zwischenspiel: SHASTA

Olymp: Unsichtbar?

Zwischenspiel: SHASTA

Olymp: Der Entschluss

Olymp: Deal ist Deal

Zwischenspiel: SHASTA

Olymp: Geht die Welt unter?

Olymp: Belauscht

Shoraz: »Das glaub ich jetzt nicht!«

Olymp: Tamrätin?

Shoraz: Die Raumer

SHEONA: In die Knie zwingen

Das Ultimatum verstreicht

Lesermagazin

Nr. 11 – Flotte der Robotraumer

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Kostin Shalaufdag

2. Gucky

3. Kostin Shalaufdag

4. Bain Gherma

5. Kostin Shalaufdag

6. Falk Anrin

7. Kostin Shalaufdag

8. Falk Anrin

9. Kostin Shalaufdag

10. Bain Gherma

11. Perry Rhodan

12. Talin Buff

13. Perry Rhodan

14. Falk Anrin

15. Perry Rhodan

16. Piri Harper

17. Perry Rhodan

Lesermagazin

Nr. 12 – Der Mutaktor

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Der Weg nach Shoraz

2. SHAREE

3. Ich, Ypheris Bogyr, Teil 1

4. Shoraz

5. Onara Gholad: die Landung

6. SHEONA: Was Anrin verheimlicht hat

7. Ich, Ypheris Bogyr, Teil 2

8. Warten in der Wüste

9. Ich, Ypheris Bogyr, Teil 3

10. Warten auf den Sturm

11. Der Mutaktor

12. Der Intensivator

13. Ihr habt hier nichts mehr verloren

14. ETSI

15. SHEONA

16. Talin Buff

17. Ypheris Bogyr

18. Abschied

Lesermagazin

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

Mysteriös. Intrigant. Tödlich.

Es ist die Welt der Freihändler, ein Planet der Wirtschaft und des Handels: Olymp, seit Jahrtausenden ein Knotenpunkt der Milchstraße. Weil der herrschende Kaiser seine eigenen Pläne verfolgt, gerät Olymp in einen interstellaren Konflikt.

Gleichzeitig rückt Shoraz ins Interesse der Großmächte: Die unwichtig wirkende Museumswelt gehört zum Olymp-Komplex und birgt ein Geheimnis, das Jahrmillionen alt ist. Sichu Dorksteiger, Perry Rhodans Lebensgefährtin und begnadete Wissenschaftlerin, bricht zu Forschungszwecken nach Shoraz auf. Kurze Zeit später riegeln unbekannte Raumschiffe den Planeten ab …

Nr. 1

Mysterium

Intrigen auf der Handelswelt – ein alter Planet wird zum Konfliktherd

Susan Schwartz

Das Jahr 1550 Neuer Galaktischer Zeitrechnung: Seit über 3000 Jahren reisen die Menschen zu den Sternen. Sie haben zahlreiche Planeten besiedelt und sind faszinierenden Fremdvölkern begegnet. Sie haben Freunde ebenso wie Gegner gefunden, streben nach Verständigung und Kooperation.

Besonders Perry Rhodan, der die Menschheit von Beginn an ins All geleitet hat, steht im Zentrum dieser Bemühungen. Mit der Gründung der Liga Freier Galaktiker tragen diese Bestrebungen inzwischen Früchte. Eine neue Ära des Friedens bricht an.

Aber nicht alle Gruppierungen innerhalb und außerhalb der Liga sind mit den aktuellen Verhältnissen zufrieden. Perry Rhodan wird in diese Aktivitäten verwickelt, als er einen Hilferuf seiner Frau Sichu Dorksteiger erhält.

Sie weilt auf Shoraz, wo sie einem Millionen Jahre alten Geheimnis auf der Spur ist. Zusammen mit dem Mausbiber Gucky bricht Rhodan nach Shoraz auf – dort erwartet sie ein kosmisches MYSTERIUM ...

Die Hauptpersonen des Romans

Perry Rhodan – Der Terraner stolpert über die Fallstricke der Bürokratie.

Sichu Dorksteiger – Die Ator begibt sich in die Unterwelt.

Gucky – Der Mausbiber wird als Laborratte beschimpft.

Talin Buff – Der Rospaner ist seinem Kaiser treu ergeben.

Beryn Mogaw

Prolog

Shoraz: Das Unglück

»Das hat doch alles keinen Sinn mehr!« Hag Monin richtete sich auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Wir können hier rumhacken, so viel wir wollen, an der Stelle kommen wir nicht weiter.«

»Aber ich bin ganz sicher, dass wir richtig sind!«, erwiderte Ralf Tebor. »Sieh es dir doch an, hier!« Er hielt dem terranischen Kollegen sein Spezialgerät unter die Nase.

Monins Augen weiteten sich. »Du hast recht«, flüsterte er. »Da ist etwas ...«

Tebor strahlte übers ganze Gesicht. Er wandte sich dem Rest der Forschergruppe zu. Sie waren insgesamt achtzehn – so viele wie nirgendwo sonst im gesamten Grabungskomplex. Diese Stelle hatte sich als besonders diffizil erwiesen, die Messdaten ließen aber zugleich auf außergewöhnlich wertvolle Funde hoffen. Hierfür war jeder Aufwand gerechtfertigt.

Sie befanden sich ein gutes Stück unter der Planetenoberfläche, Tonnen von Sand lasteten auf den Felsen über ihnen. Von außen war nicht zu erkennen, dass sich an diesem Ort ein weiterer versiegelter Museumsbereich verbarg. Es war nicht abzusehen, wie tief hinab in den Untergrund er reichte.

Roboter ließen sie in diesem Stadium der Sondierung nicht mehr zu. Alles musste sehr behutsam freigelegt werden, unter Umständen wurden sonst Relikte aus tiefer Vergangenheit unwiderruflich zerstört.

Sämtliche Anwesende waren Spezialisten auf ihrem Gebiet, zum Teil hochdekorierte Wissenschaftler. Das sah man ihnen in diesem Moment nicht an, denn sie waren mit Hämmern, Pickeln und Schaufeln ausgerüstet, die Monturen über und über staubbedeckt. Belüfter sorgten für eine ausreichende Sauerstoffversorgung und Heizung, dennoch hatte es nicht mehr als fünf Grad Celsius. Immerhin konnten sie auf die Helme verzichten.

»Wir machen weiter!«, ordnete Tebor an. Er hatte den Zugang zu dem Raum, den sie derzeit freilegen wollten, entdeckt. Ihm stand die Aufsicht der Arbeiten zu. »Leute, wenn wir das schaffen ... werden sich alle Museen, Universitäten und Wissenschaftskanäle nur so um uns reißen! Ich wette, allein mit dem, was wir hier drin finden, könnten wir schon die halbe Galaxis kaufen!«

»Die Wette gewinnen wir alle«, stellte Monin fest. Der riesige, antike Schatz, den der eiskalte Wüstenplanet Shoraz barg, lag noch zu neunzig Prozent unter Sand und Gestein verborgen. Sie kratzten gerade mal an der Oberfläche und hatten bereits mit den ersten Freilegungen unglaublich wertvolle Relikte entdeckt.

Die anderen beendeten ihre Pause, tranken den letzten Schluck und bissen noch ein Stück Energieriegel ab. Dann reihten sie sich an der zugewiesenen Wand auf und setzten mit behutsamem Klopfen, Hämmern und Kratzen ihre Arbeit fort.

»Übrigens, hast du dir das Ding auch schon angeschaut?«, erkundigte sich Monin, während er einen Stein aufschlug, der innen hohl war. Freudestrahlend präsentierte er den Überrest eines elektronischen Geräts. »Ich glaube, wir nähern uns der Tür oder dem Zugangsschott!«

Tebor gab sofort weitere Anweisungen. Die Wissenschaftler rückten zusammen und arbeiteten noch eifriger. »Welches Ding soll ich mir angeschaut haben?«, fragte der Archäologe dann. »Hier gibt es Millionen Dinge, die ich anschauen will.«

»Das, was sie vor Kurzem in der zweiten Grabkammer gefunden haben.«

»Ach so, das. Nein, hab ich nicht. Ich habe lediglich mitgekriegt, dass Sichu Dorksteiger es sofort vereinnahmt hat und völlig hin und weg davon ist.«

Jeder, der auf Shoraz forschte, kannte die geniale Hyperphysikerin. Sie zählte zu den am meisten anerkannten und zitierten Wissenschaftlern. Wenn sie von einem Fundstück beeindruckt war, bedeutete das eine Menge. Womöglich sogar den ganz großen Wurf.

Umso ehrgeiziger arbeitete Ralf Tebor an seiner Ausgrabung. Er brauchte unbedingt einen Erfolg, denn seine Aufenthaltsgenehmigung lief bald ab.

»Gondo hat gesagt, das Ding sei verflucht.«

»Wie bitte? Jetzt mach aber einen Punkt! Gondo ist ein abergläubischer Idiot, das weiß jeder. Ich habe keine Ahnung, wie der überhaupt eine Zulassung erhalten ...«

Ein dumpfer Knall unterbrach ihn, ließ die Wände erzittern.

Das Klicken, Scharren und Kratzen erstarb augenblicklich. Alle hielten inne und lauschten.

»Ich glaube, das kam von draußen«, wisperte Monin.

»Verdammt, da ist was passiert!«, stieß Tebor hervor. »Hörst du die Schreie?« Hektisch versuchte er, nach außen Kontakt aufzunehmen, doch der Funk war verstummt.

»Eine Explosion!«, rief jemand. »Ich bin ganz sicher! Wir sollten raus und helfen!«

In diesem Augenblick ertönte ein seltsames Kling, laut genug, um die restlichen Worte zu übertönen.

»Garit, spinnst du, warum machst du weiter?«

»Aber das war ich n...«

Kling.

Ein Zittern durchlief den Boden.

Sie standen alle still, starrten einander mit geweiteten Augen an.

»Was ... ist ... das?«, flüsterte eine Frau.

Das Zittern setzte sich an den Wänden fort. Feines Geröll löste sich und rieselte herunter.

»Niemand bewegt sich!«, sagte Tebor leise und tonlos, um nicht mit dem Schalldruck seiner Stimme weitere Erschütterungen zu verursachen. »Vielleicht eine Folge der Explosion ...«

Es beruhigte sich.

Sie verharrten eine Minute. Eine zweite.

»Sieht aus, als wäre es vorbei«, bemerkte Monin.

Falsch.

Tebor wollte gerade vorschlagen, nach draußen zu gehen, da ertönte ein Knacken. Dann ein Reißen.

Noch einmal ein kurzes Innehalten, in das jemand ein »Oh ver...«, flüsterte, ohne das Wort beenden zu können.

Der Raum um sie herum explodierte.

Gestein, Metallteile, Relikte flogen kreuz und quer wie Geschosse. Der Boden erbebte so heftig, dass die Wissenschaftler den Halt verloren.

Verzweifelt versuchten sie, sich vor den umherfliegenden Trümmern zu schützen und gleichzeitig zum rettenden Ausgang zu gelangen. Einige stürzten, andere stießen taumelnd zusammen, hielten sich aneinander fest.

Das Knacken und Reißen ging in ein ohrenbetäubend berstendes Kreischen über. Der Boden warf sich empor, bekam Risse – und klaffte schließlich auf.

Dann sackte der Raum ab und krängte auf die Seite wie ein untergehendes Schiff im Sturm.

Der Lärm übertönte die Schreie der Forscher, die nur noch hilf- und orientierungslos umhertaumelten.

Tebors Hand schnellte vor und packte Monins Arm, der plötzlich abrutschte. Dessen Hände waren blutig, die Fingernägel waren ihm abgebrochen beim vergeblichen Versuch, sich in den Fels zu krallen. Aber auch Tebor verlor zusehends den Halt, als der Boden immer steiler kippte.

Unter ihnen tat sich ein gähnender Schlund auf.

»Ach, verflucht!«, rief Monin. »Wer gießt jetzt meine Blumen?«

1.

Terra

1. Mai 1550 NGZ, Nacht

Perry Rhodan war gerade eingeschlummert, da wurde er von dem Komsignal geweckt. Als er die Anruferkennung identifizierte, war er erstaunt – eine ungewöhnliche Uhrzeit.

Er nahm das Gespräch an, und in einem kleinen Hologramm zeigte sich das Abbild einer ätherisch schönen Frau mit smaragdgrüner Haut, die mit goldenen Mustern bedeckt war, und silbernen Haaren – sie entstammte unverkennbar dem Volk der Ator. Die grünen Punkte in ihren bernsteinfarbenen Augen schienen zu leuchten und zu tanzen.

»Sichu?«, fragte er. »Ist alles in Ordnung?«

»Ja, entschuldige, ich habe nicht an die Uhrzeit bei dir gedacht«, sagte die Ator und lächelte. »Aber ich konnte nicht mehr erwarten, es dir zu erzählen.«

Die herausragende Hyperphysikerin weilte seit Monaten auf der geheimnisvollen Museumswelt Shoraz, eingeladen von der Archäologengesellschaft ABDA. Alle paar Tage meldete sie sich bei Rhodan, um sich privat auszutauschen und von ihrer Arbeit zu berichten.

»Du bist ja ganz aufgeregt ...« So kannte Perry Rhodan seine Ehefrau gar nicht. Zumindest nicht im wissenschaftlichen und öffentlichen Bereich – da wirkte sie stets kühl und distanziert. Nur privat, und auch dann meist nur, wenn sie unter sich waren, zeigte sie ihr wahres Temperament.

»Das liegt an dem, was wir heute entdeckt haben«, antwortete Sichu Dorksteiger. »Ich glaube, wir haben endlich den entscheidenden Durchbruch erreicht! Bei den aktuellen Ausgrabungen wurde eine versiegelte Kammer gefunden. Möglicherweise eine weitere Grabkammer, und ...«

Die folgenden Worte wurden von einem gewaltigen Knall übertönt.

Die Verbindung riss ab.

»Sichu?«, rief Rhodan, obwohl er wusste, dass sie ihn nicht mehr hören konnte. »Sichu!«

Für einige Sekunden saß er wie gelähmt im Bett und rekapitulierte, was gerade geschehen war. Ob etwas anderes als eine Explosion der Grund für den Abbruch des Funkkontakts gewesen sein könnte.

Aber ihm fiel nichts sonst ein, was den Lärm kurz vor Gesprächsende erklären konnte. Hatte sie sich während des Anrufs an der Ausgrabungsstelle befunden, mochte es sich bei dem Geräusch um die harmlose Sprengung des Zugangs zu der versiegelten Kammer gehandelt haben.

Ja. Rhodan beruhigte sich. Das musste es sein. Die einzige logische Erklärung.

Er legte sich hin.

Setzte sich wieder auf. Es ließ ihm keine Ruhe. Denn seine Frau sollte sich inzwischen wieder gemeldet haben. Um zu erklären, weshalb die Verbindung auf einmal weg gewesen war. Oder um Rhodan mitzuteilen, was sie gefunden hatten. Es war nicht ihre Art, nach einem plötzlichen Abbruch zu schweigen. Ohne Abschiedsgruß.

Der Blick auf den Chrono zeigte, dass inzwischen eine Stunde vergangen war.

Die Schutzmauer der »einzig logischen Erklärung« bekam Risse und zerbröckelte. Rhodan rief auf Shoraz an, in der Zentralstelle der Grabungsstätte. Es gab dort immer jemanden, der Anrufe entgegennahm, wenn ein Wissenschaftler nicht erreichbar war. Rund um die Uhr.

»Die Verbindung kann nicht hergestellt werden«, teilte ihm die Mikropositronik seines kleinen Schlafzimmerterminals mit.

Zunehmend beunruhigt, stand er auf, duschte kurz, zog sich an, ging in sein Arbeitszimmer und aktivierte das leistungsfähige System, mit dem er in seiner Eigenschaft als Liga-Kommissar von zu Hause aus arbeitete.

Er durfte allerdings nicht die Pferde scheu machen – seine Anfrage musste diskret bleiben. Er verglich kurz die Zeitzonen und entschied, dass es zwar ein wenig früh war, aber durchaus schon als Dienstzeit auf Olymp gelten konnte. Einen Versuch war es wert. Auch hierfür hatte er von Sichu Dorksteiger einen direkten Kontakt erhalten, zu der Behörde, die für die Angelegenheiten von Shoraz zuständig war.

Es dauerte einige Zeit, bis jemand reagierte. Das Bild blieb desaktiviert und eine männliche Stimme schnarrte reichlich bürokratisch: »Zollbehörde, Abteilung Archäologie und Kunst, Unterabteilung Shoraz, was gibt's?«

Rhodan war dankbar, dass keine Bildverbindung bestand – was bei solchen Behörden durchaus üblich war –, denn auch er wollte möglichst unerkannt bleiben. »Hier ist das Verwaltungsbüro von Sichu Dorksteiger, Terra«, äußerte er. Der andere hatte seinen Namen nicht genannt, also brauchte Rhodan auch keinen zu erfinden. »Wir wurden während einer wichtigen Funkbesprechung mit Shoraz unterbrochen.«

»Und was haben wir damit zu tun? Wie kommst du überhaupt an diese Nummer?«

»Wenn ich vielleicht ausreden dürfte ...«

»Der Tag fängt schon gut an.«

»Stimmt, deswegen rufe ich an. Das war doch Ironie, oder?«

Für einen Moment hatte Rhodan Sorge, dass der Beamte die Verbindung unterbrach, doch diesmal lachte er sogar kurz.

»Na schön, du machst ja auch nur deine Pflicht – Verwaltung. Meistens rufen bei mir nur Leute an, die nicht einverstanden sind, dass sie ihre Fundsachen nicht einfach mitnehmen und verkaufen dürfen. Oder behaupten, der Kunstgegenstand wäre ein Erbstück ihres Opas.« Der Mann wurde nun sogar richtig redselig. Vielleicht hatte er inzwischen seinen valusischen Morgenkaffee getrunken, dessen positive Eigenschaften von vielen Völkern geschätzt wurden.

»Mir geht es nur darum, dass ich keinen Kontakt mehr herstellen kann«, sagte Rhodan. »Meine Chefin befindet sich aktuell auf Shoraz, deswegen habe ich von ihr diese Kontaktadresse erhalten. Ich weiß nicht, an wen ich mich sonst wenden soll.«

»Mit technischen Problemen habe ich nichts zu tun. Aber meine dafür zuständige Kollegin sitzt nur ein Büro weiter, unsere Behörde ist gut ausgerüstet. Kleinen Moment, bitte, ich frage mal schnell nach.«

Rhodan war erstaunt über diese Zuvorkommenheit, er hatte sich auf eine lange Diskussion eingestellt. Aber es waren ja nicht alle Behörden gleich.

Eine halbe Minute später bekam er schon die Antwort. »Die Kollegin teilt mit, dass allgemein die Funkverbindung nach Shoraz gestört sei. Kein Grund zur Sorge. Das komme öfter vor, die Ursache dafür sei ein Sandsturm. Shoraz ist eine ziemlich unwirtliche Welt.«

»Aber das ist doch ...«, setzte Rhodan an.

Aber der Kontakt war bereits weg. Ohne Abschied, ohne alles, als wäre die Verbindung schlicht gekappt worden. Vom Empfänger selbst oder einer Schaltstelle dazwischen.

Rhodan wollte das nicht auf sich beruhen lassen und ließ die Verbindung neu aufbauen. Doch auch nach mehrmaligen Versuchen konnte er niemanden mehr erreichen.

»Das ist jetzt aber mehr als seltsam«, murmelte er.

Sein besonderer Sinn läutete inzwischen ein ganzes Arsenal an Glocken, Gongs, Pfeifen und Trommeln. Der Beamte hätte Rhodan zwar bei allzu lästigen Nachfragen abgewimmelt, aber den Anruf nicht einfach mitten im Satz beendet.

Da stimmte etwas ganz und gar nicht. Vor allem diese lapidare Aussage, das wäre sozusagen Routine wegen Sandstürmen ...

Sichu Dorksteiger hatte Perry Rhodan schon einmal während eines Sandsturms angerufen. Die Verbindung war zwar ziemlich schlecht gewesen, aber sie hatte funktioniert.

Erneut blickte er auf die Uhr. Die Nacht schritt langsam auf die Dämmerung zu. Noch zu früh, aber Rhodan entschied, dass er keine Stunden mehr warten wollte. Bei Gesellschaften wie der ABDA, für die in der ganzen Galaxis Forschungsgruppen, Prospektoren und Wissenschaftler unterwegs waren, würde die Kommunikationszentrale unter Garantie rund um die Uhr besetzt sein.

Gerade bei archäologischen Funden zählte jede Stunde Zeitgewinn, um rechtzeitig Fördermittel für weitere Grabungen und dergleichen zu beantragen – und Anträge an die örtlichen Regierungen zu stellen. Es war ein stetes Rennen gegen die Konkurrenten und Ringen um prominente, einflussreiche Unterstützer.

Deshalb hatte sich die ABDA vor über einem Jahr bei Sichu Dorksteiger gemeldet und sie wegen ihres herausragenden Rufs in Wissenschaftskreisen eingeladen, im Fall einer erfolgreichen Grabungsgenehmigung mit nach Shoraz zu kommen. Noch bevor seine Frau etwas zu ihm gesagt hatte, hatte Rhodan schon gewusst, dass sie sich das nicht entgehen lassen würde.

Shoraz, das zum Sternenreich des Olymp-Komplexes gehörte, galt seit fast fünf Jahrzehnten als die bedeutendste archäologische Fundstätte im Einflussbereich der LFG, der Liga Freier Galaktiker, einem mächtigen Zusammenschluss zahlreicher Völker der Milchstraße. Die Warteliste für eine Expedition nach Shoraz war sehr lang. Die Zugangsbeschränkungen waren äußerst streng reglementiert, selbst für Berühmtheiten. Dennoch hatte Sichu Dorksteigers Name ganz oben auf der Liste bewirkt, dass die Bewilligung statt erst nach den üblichen zwei Jahren Wartezeit schon nach zehn Monaten eingetroffen war.

Rhodan sah ihr strahlendes Gesicht noch vor sich, als die gute Nachricht eintraf – seine Frau hatte sich selten so sehr auf etwas gefreut. »Leider haben wir nur drei Monate zur Verfügung bekommen, wie jeder – aber wir werden sie bestmöglich nutzen!«

*

Eine freundliche Stimme unterbrach seine Gedanken. »Guten Morgen! ABDA Inc., Komzentrale, was kann ich für dich tun?«

Diesmal bestand eine Bildsprech-Verbindung. Rhodan versuchte, das erstaunlich frische Lächeln des jungen Manns zu erwidern.

In kurzen Worten schilderte er sein Anliegen. Ganz im Gegensatz zu der Behörde auf Olymp zeigte sich der ABDA-Mitarbeiter alarmiert.

»Ich werde mich sofort mit dem Vorstand in Verbindung setzen«, versprach er. »Die sind es ohnehin gewohnt, aus dem Bett geholt zu werden. Wir werden uns schnellstmöglich wieder bei dir melden.«

Es verging eine knappe Stunde, dann kam der Rückruf.

Moghani Virei, die Vorstandsvorsitzende der ABDA, meldete sich persönlich. »Wir danken für die Information«, sagte sie. »Auch unsere Versuche, zu Shoraz durchzudringen, oder nach Olymp, sind fehlgeschlagen. Wir haben keine Erklärung dafür und nehmen diese Sache, bedingt durch unsere langjährigen Erfahrungen, sehr ernst. Wir stimmen dir zu, dass sich dafür keine harmlose Erklärung finden lässt. Während ich mit dir spreche, wird bereits unsere Besatzung zusammengetrommelt, und wir beginnen mit den Startvorbereitungen.«

»Und ich komme mit!«, verkündete Rhodan.

Virei zögerte. »Oh, das müsste ich zuerst ...«

»Da gibt es keine Diskussion«, unterbrach er sie.

Sie hob eine schwarze, mit blauen Streifen gefärbte Augenbraue. »Sollte mich das jetzt irgendwie beeindrucken?«

Für einen Augenblick war Rhodan überrascht. Dann musste er lachen. »Verzeihung. Altes Rollenverhalten.«

»Ich weiß.« Sie schenkte ihm ein knappes Lächeln. »Wenn ich das kurz erklären dürfte: Unser Raumschiff hat keine Zulassung für die Passagierbeförderung. Wir dürfen nicht einmal Familienangehörige mitnehmen. Es gibt da sehr strenge, aber sinnvolle Vorschriften. Es geht um Haftung, Versicherung und dergleichen, weil unsere Unternehmungen oft mit Gefahren verbunden sind.«

Mit so einer Hürde hatte Rhodan nicht gerechnet. Im rein zivilen Leben kannte sich der LFG-Kommissar nicht sonderlich gut aus. »Ich werde trotzdem mitfliegen«, beharrte er.

»Unter einer bestimmten Voraussetzung ist das ja auch möglich.« Die Vorstandsvorsitzende wirkte ein wenig ungehalten, weil sie sich schon wieder unterbrochen sah. »Es ist uns nämlich erlaubt, Sponsoren und Fördermitglieder mitzunehmen, damit sie sich vor Ort überzeugen können, was wir mit ihren Finanzmitteln anstellen.«

»Ich verstehe.« Rhodan lächelte. »Dauert die Antragstellung lange?«

»Normalerweise ein paar Wochen«, antwortete Virei. »Denn alle Anträge werden gründlich geprüft und bei einer Sitzung eingehend besprochen. Auch wenn wir auf Unterstützung angewiesen sind – wir müssen wissen, ob der Antragsteller sein Versprechen überhaupt halten kann und einen guten Leumund hat.« Sie zeigte perfekte, mit Diamantschimmer überzogene Zähne. »Ich denke, in deinem Fall können wir das Verfahren auf wenige Minuten abkürzen. Ich sende dir gerade den Antrag. Sobald er ausgefüllt bei mir zurück und die erste Zahlung eingetroffen ist, steht deiner Beteiligung nichts im Weg.«

»Wie viel wird denn erwartet?«

»Das steht dir völlig frei, hierüber gibt es keine Vorschriften. Wir haben auch Förderer, die nur kleine, zweistellige Beiträge im Jahr leisten können. Sie sind uns genauso wichtig und teuer wie die großen Spender.«

»Diese dürfen aber wohl kaum mit an Bord, oder?«, spottete er.

»Gewiss nicht, doch wir wollen jetzt nicht spitzfindig werden. Ich kann die Regeln nicht brechen, aber dehnen. Deshalb – einfach den Antrag unterschrieben zurückschicken, dazu eine beliebig hohe Spende, und wir haben sämtlichen kritischen Augen Genüge getan.« Vireis Miene wurde ernst. »Wir müssen transparent bleiben, denn es gibt reichlich Leute, die uns am Zeug flicken wollen. Wir sind derzeit in drei verschiedene Schlichtungsverfahren verwickelt, und sobald diese beigelegt sind, kommen die nächsten. Versicherungen, Zollbehörden und andere sitzen uns ebenfalls im Nacken.«

»Und wenn ich noch jemanden mitnehmen möchte?«

»Ich schätze, das lässt sich gegen eine weitere kleine Spende machen, ohne dass die Person Fördermitglied werden muss.« Die dunkelhäutige Frau mit den ozeanblauen Mandelaugen musterte ihn. »Ich bin der gesamten Gesellschaft gegenüber verantwortlich«, erklärte sie. »Sichu Dorksteigers Beteiligung an dieser Expedition hat uns enorm geholfen und einige weitere wichtige Forschungen ermöglicht. Dafür sind wir sehr dankbar. Auch wenn es gerade nicht so wirkt, ich bin sehr froh, dass du persönlich mitfliegst. Sollte sich die Angelegenheit tatsächlich als dramatisch herausstellen, brauchen wir jemanden mit Erfahrung. Wir geraten zwar immer wieder in Konflikte, aber gerade Shoraz ist ein sehr heikles Thema – wegen der vielen Völker, die daran beteiligt sind. Und der Kaiser von Olymp versteht in Bezug auf Shoraz keinerlei Spaß.« Sie hielt kurz inne. »Wenn man es genau nimmt, versteht er in nichts einen Spaß ...«

»Zumindest die zuständige Behörde war nicht sehr entgegenkommend«, gab ihr Rhodan recht.

»Ja, das ist bekannt«, bestätigte Virei. »Die Verträge, die wir unterzeichnen mussten, sind fast hundert Seiten lang. Verstoßen wir nur gegen einen einzigen Absatz, riskieren wir hohe Strafen – womöglich den Ausschluss.«

»Wir werden keinen Ärger bereiten. Mir ist es wichtig, dass Diskretion gewahrt wird. Mein Name sollte nirgends erwähnt werden. Auch wenn es derzeit vermutlich allein auf Terra mindestens tausend Perry Rhodans gibt.«

»Hervorragend, darin sind wir uns einig! Willkommen an Bord – und viel Erfolg.«

*

Der Antrag und die beiden Spenden waren abgeschickt; nun galt es, die Sachen zu packen. Und sich mit jemandem in Verbindung zu setzen, dem Perry Rhodan mehr vertraute als jedem anderen.

Am Vormittag, während er gerade einige organisatorische Dinge für seine Abwesenheit regelte, machte es auf einmal Plopp, und eine helle Stimme erklang. »Bin schon da, Großer! Und ich hab dir was mitgebracht.«

Rhodan ging ins Wohnzimmer, wo Gucky mit zwei Schutzanzügen in den Händen stand. Der kleinere war maßgeschneidert für Mausbiber mit plattem Schwanz, der andere für einen hochgewachsenen, schlanken Terraner.

»Nicht schlecht, in der kurzen Zeit, nicht wahr? Das Standardmodell wird blitzschnell angepasst, und das ohne Aufpreis. Ich hab mir gedacht, du möchtest auch lieber ein gutes Teil anstatt der zivilen Ausführung«, bemerkte der Ilt. »Sind natürlich keine SERUNS ...«

»... die wir auch nicht brauchen, weil wir nicht zu sehr auffallen wollen. Aber danke für diese Idee.« Rhodan nahm den bronzefarbenen Anzug in Empfang. »Kein Dunkelblau?«

»Du bist zivil, Mann!« Gucky verdrehte die Augen. »Ein ganz normaler Typ von nebenan.«

»Deiner ist rot.«

»Bist du farbenblind? Das nennt man mauve!

2.

3. Mai 1550 NGZ

Shoraz meldet sich nicht

»Ich hoffe, wir sind bald da! Diese Unwissenheit macht mich verrückt!« Gucky wanderte nervös durch die Gastunterkunft, wo er sich mit Perry Rhodan aufhielt.

Platz gab es genug: einen zentralen Wohnraum, von dem aus ein Schlaf- sowie ein Studierraum und eine luxuriöse Hygienezelle erreicht werden konnten. Vor allem an dem Studierraum war deutlich ersichtlich, dass es sich um ein Forschungsschiff handelte.

Der Ilt sprach aus, was den Terraner nicht minder beschäftigte. Seit Tagen gab es keine Verbindung zu Rhodans Frau mehr – seit der Explosion.

Lebte sie noch? War sie verletzt? Was war geschehen?

»Meinst du, es würde helfen, wenn ich aussteige und schiebe?«

»Du kannst es ja mal versuchen«, spöttelte Rhodan.

»Andererseits, Sichu ist überaus erfahren«, versuchte Gucky, sie beide zu beruhigen. »Sie ist eine hochdekorierte Wissenschaftlerin und im Gegensatz zu den meisten ihrer Kollegenschaft auch noch militärisch ausgebildet. Sei es im Nahkampf oder in Strategie, so leicht macht ihr keiner was vor.«

»Das ist mir bewusst.« Rhodan klang ruhiger, als er sich fühlte. »Doch wenn du dich zu nah an einer Explosion aufhältst, nützt das alles nichts.«

»Stimmt. Selbst unsterbliche Zellaktivatorträger wie wir sehen dann alt aus.« Die runden Ohren des Mausbibers wackelten.

Er war klein, von Natur aus ein wenig rundlich, hatte einen platten Biberschwanz und seidenweiches, rötliches Fell. Sein Gesicht wurde von großen, dunklen, klugen Augen dominiert, sein auffälligstes Merkmal war der Nagezahn, den er bei guter Laune oder einer zündenden Idee gern zeigte.

Momentan war der Zahn trotz des halbherzigen Scherzes nicht zu sehen, zu sehr war er in Sorge gefangen. »Ich könnte in der Zentrale ja mal nachfragen ...«

»Lass die Leute in Ruhe ihre Arbeit machen«, unterbrach ihn Rhodan. »Es geht nicht schneller, wenn du sie dauernd störst.«

»Wir hätten ein eigenes Raumschiff nehmen sollen!«, beschwerte sich der Ilt zum wiederholten Mal.

»Es ist alles in Ordnung so.« Rhodan verließ seinen bequemen Platz und ging zu dem gut ausgestatteten Kabinenterminal. »Die ETSI ist ein gutes Schiff, und ich halte es für besser, wenn wir unauffällig reisen. Gerade unter diesen Umständen.«

»Ich verstehe das ja«, murmelte Gucky. »Nicht jeder soll wissen, dass Sichu und du ein Paar seid. Es ist eine private Rettungsaktion ... Sofern eine Rettung überhaupt notwendig ist und sich das Ganze nicht als völlig harmlos herausstellt«, fügte er hastig hinzu. »Aber weißt du, diese Untätigkeit – die war noch nie mein Ding.«

»Wem sagst du das?« Perry Rhodan lächelte dem Mausbiber kurz zu. »Du hättest nicht mitkommen müssen ...«

»Wa... Spinnst du?«, empörte sich Gucky. »Seit mehr als dreitausend Jahren sind wir nun befreundet, stehen Seite an Seite, haben mehrfach alles durchgemacht, was man durchmachen kann – und jetzt soll ich dich im Stich lassen, nur weil es nicht um die Rettung des Universums geht? Sondern um eine gute Freundin von mir, die dir zudem sehr viel bedeutet?«

»... aber ich bin sehr dankbar dafür«, vollendete Rhodan seinen unterbrochenen Satz, nachdem Guckys atemlos vorgetragener Protest beendet war. »Das bedeutet mir viel. Sonst hätte ich dich nicht um deine Begleitung gebeten.«

»Oh. Ach so. Ja, dann ...« Guckys schwarze Knopfnase kräuselte sich leicht. »Sichu ist bestimmt nichts passiert«, wiederholte er, um von diesem Thema abzulenken. »Wahrscheinlich wird sie uns ein wenig mitleidig ansehen und uns dann zum Spielen schicken, damit sie ihren Erwachsenenkram weitermachen kann.« Kurz blitzte sein Nagezahn auf.

»Das würde ich mir wünschen«, sagte Rhodan aufrichtig.

Irgendwie glaubte er nicht daran und, wie er aus Guckys Gesichtsausdruck ablas, sein kleiner Freund tat es auch nicht.

*

Zwei Stunden später befanden sie sich im Anflug auf den Wüstenplaneten Shoraz. Das kleine System mit der gelben Sonne Shor lag 318 Lichtjahre von Olymp und gut 6500 Lichtjahre von Terra entfernt. Der innere Planet war nicht mehr als ein kleiner Steinklumpen, die Planeten drei und vier waren Gasriesen.

Shoraz als der zweite Planet umkreiste Shor in der habitablen Zone und war eine knapp marsgroße, einsame Welt. Die Schwerkraft war zehn Prozent niedriger als auf der Erde. Der Planet besaß eine schwache Sauerstoffatmosphäre. Zu dünn, um sich länger als zwei Minuten ohne Helm zu bewegen, und zu kalt, um es dauerhaft ohne wärmende Schutzmontur auszuhalten.

Derzeit herrschte in der Zielregion mit minus 15 Grad Celsius »Hochsommer«. Hier und da klammerte sich ein wenig zähe Vegetation an den mineralhaltigen Boden, der überwiegende Teil des Planeten jedoch bestand aus Sand, der in häufigen Stürmen immer wieder umgeschichtet wurde. Eine lebensfeindliche und abgesehen von ein paar Bakterien und niedrigen Pflanzen nahezu tote Welt.

Bis vor fünfzig Jahren hätte niemand vermutet, welchen unglaublich kostbaren Schatz Shoraz barg. Ein Schatz, der mehr als sechs Millionen Jahre alt war.

Rhodan und Gucky stellten gerade ihre Ausrüstung zusammen und legten die Anzüge an, als sich der Erste Pilot und zugleich Kapitän, Samiro Huam, meldete. »Wir nähern uns dem Ziel. Du und dein Begleiter seid in die Zentrale eingeladen.«

»Wir kommen gern«, sagte Rhodan erfreut zu.

»Das finde ich zuvorkommend«, stellte Gucky fest.

Sie machten sich umgehend auf den Weg – zu Fuß, da die Unterkunft nicht weit von der Zentrale entfernt lag.

»Ich mag die ETSI«, sagte der Mausbiber unterwegs.

Kein Wunder, der für zivile Zwecke umgebaute 60-Meter-Raumer der AEOLUS-Klasse ließ keine Wünsche offen. Die ABDA, das stellte Rhodan nicht zum ersten Mal fest, musste vermögende Förderer haben und durch ihre Forschungen und Expeditionen auch Gewinne erzielen.

Bevor Rhodans Frau ihre Zusage gegeben hatte, hatte sie selbstverständlich recherchiert und festgestellt, dass diese Archäologengesellschaft schon seit gut hundert Jahren existierte und als seriös galt. Auf allen Wissenschaftskanälen gab es Tausende Interviews und Beiträge, dazu kamen Publikationen, Vorlesungen und vieles mehr. Die für die Gesellschaft tätigen Wissenschaftler waren nahezu alle bereits anerkannt, wenn nicht sogar Koryphäen.

Dennoch hatte es auch für die ABDA keine Ausnahme bezüglich der Warteliste für Shoraz gegeben – bis Sichu Dorksteiger ganz oben gestanden hatte. Und bisher hatte sie diese Entscheidung nicht bereut und sich ebenfalls positiv über das Forschungsschiff geäußert gehabt.

Weil spendable Geldgeber, die mitfliegen wollten, gewisse Ansprüche hatten, war das Innenleben der ETSI in den Bereichen der Unterkünfte und den Gemeinschaftsräumen freundlich und ansprechend gestaltet, fast wie eine Hotelanlage. Die Gänge waren in warmen Farben gehalten, gut ausgeleuchtet, mit Bildern, Holos, Skulpturen und anderen Hinguckern sowie besonderen Pflanzen dekoriert, die nicht zu groß wurden und auch an Bord eines Raumschiffs gedeihen konnten. Ähnlich waren die Wohnquartiere eingerichtet, mit stylishen Möbeln und bester technischer Ausstattung.

Insgesamt bestand die Besatzung aus fünfzehn Personen. Fünf waren für den Flug, Funk, Verpflegung und Logistik zuständig, die übrigen zehn hatten diverse Ausbildungen für alle möglichen Einsätze, vor allem vor Ort – Fährdienste, Bergung, Transport und dergleichen.

Bis zu fünfzehn Wissenschaftler konnten mitfliegen Für Shoraz waren allerdings nicht so viele auf einmal zugelassen worden, weshalb man sich auf »Schichten« geeinigt hatte. Mit Ausnahme von Dorksteiger wurden die Forscher nach vorab festgelegten Zeiträumen ausgetauscht.

Auch die Besatzung hatte bequeme Einzelquartiere, der zentral gelegene Freizeitbereich wurde von allen gern frequentiert; es gab dort auch spezielle Bereiche für wissenschaftliche Diskussionen und Besprechungen in gemütlichem Ambiente.

Überall konnte man sich an Automaten Snacks oder warme Speisen und Getränke aller Art holen. Auch für Guckys besondere Vorlieben, etwa Mohrrübensaft, war gesorgt.

Perry Rhodan musste zugeben, dass es an Bord angenehm war. Trotzdem ließ es seine Unruhe nicht zu, dass er sich tatsächlich entspannte. Viel lieber hätte er diese kurze Reise zu dritt unternommen.

*

Die kleine Zentrale war mit bequemen Pneumosesseln ausgestattet, ansonsten herrschten Technik und der gewohnte nüchterne Standard vor. Im Halbrund vor dem 3-D-Zentralholo saßen die beiden Piloten: mittig der Kapitän, rechts von ihm die Zweite Pilotin Dja Dibaba.

Der Rimaner Samiro Huam war 76 Jahre alt, ein Bürger der Republik Plophos. Rhodan hatte sich kundig gemacht, Huam galt als sehr guter Pilot und Navigator, als Kapitän war er eher zurückhaltend.

Dibaba, die terranische Nachfahrin schwarzafrikanischer Auswanderer von Far Foumban war mit 54 Jahren ebenfalls recht erfahren. Sie machte einen sehr konzentrierten Eindruck.

An der linken Seite schließlich saß die Terranerin Milena Jovanotti, zuständig für Funk und Ortung. Sie war Anfang vierzig und neu an Bord, wirkte jedoch ruhig und versiert.

Es gab noch sechs weitere Sessel, die allesamt unbesetzt waren, die übrigen Besatzungsmitglieder befanden sich in ihren Abteilungen.

»Bitte, nehmt doch Platz«, forderte der Kapitän die beiden Gäste auf und wies auf zwei Sessel. »Wir rufen gerade die Kontrollstelle auf Olymp an.«

»Auf Olymp?«, wiederholte Gucky erstaunt.

»Ja, diese befindet sich sogar im Kaiserlichen Palast«, bestätigte Huam. »Shoraz ist seit der Entdeckung der Anlagen absolute Chefsache, wie man so schön sagt. Die speziell nur für Shoraz zuständige Abteilung untersteht dem Argyris direkt und berichtet auch nur ihm.«

»Drunten auf Shoraz gibt es keinen Kontrollturm?«

»Das ist nicht erforderlich, da immer nur eine begrenzte Anzahl Schiffe bis zu einer bestimmten Größe landen darf. Die meisten setzen ihr Team deshalb ab und verschwinden wieder. Im Orbit dürfen sie auch nur eine gewisse Zeit parken.«

»Es gibt hoffentlich keine Probleme, dass die ETSI früher eintrifft als erwartet?«, erkundigte sich Rhodan stirnrunzelnd.

Der Kapitän schüttelte den Kopf. »Das ist kein Problem, wir landen ja nicht – obwohl die ETSI klein genug dafür wäre. Wir benötigen lediglich die Anflugfreigabe und müssen uns dafür anmelden, auch den Grund und die Aufenthaltsdauer nennen. Das sind reine Formalitäten, die uns keinerlei Schwierigkeiten bereiten werden, denn wir haben ja den Zulassungsbescheid für einen längeren Zeitraum erhalten. Wie oft wir in dieser Zeit kommen und gehen, spielt keine Rolle.«

Gucky nickte lebhaft. »Ja, die Bürokratie muss leben.«

Im Außenbeobachtungsholo war bisher nur ein sehr sternenarmer Sektor zu sehen. Dibaba wies auf einen kleinen, gelben Punkt. »Unser Ziel«, ließ sie die Gäste wissen.

Immerhin, befand Rhodan, sie schienen es gewohnt zu sein, Passagiere an Bord zu haben. Die Besatzung war distanziert, aber freundlich. Über die Identität der beiden Reisenden waren sie informiert und auch über die Anweisung, absolutes Stillschweigen darüber zu bewahren.

Ob das Schiffspersonal Rhodan und Gucky eigenständig erkannt hätte, war selbst bei der gebürtigen Terranerin nicht gesagt. Die Unsterblichenriege gehörte längst nicht mehr zum allgemeinen Schulwissen, da sie mittlerweile hauptsächlich im Hintergrund agierte. Selbstverständlich wurden sie im Fach Geschichte behandelt, aber wer passte da schon so genau auf? Es war alles lange her, und deshalb waren die einzelnen Kapitel nicht allzu ausführlich.

Wer also nicht in politischer oder medialer Richtung studierte oder arbeitete, musste nicht zwangsläufig Bescheid wissen. Aus der Medienöffentlichkeit hatten sich die Zellaktivatorträger schon lange zurückgezogen, sofern sie keine Auftritte bei besonderen Ereignissen hatten. Angesichts der Flut an täglichen Informationen vergaßen die Leute auch das meist schnell. Sie konsumierten und kümmerten sich ansonsten nicht weiter um das, was außerhalb ihres unmittelbaren Lebensumfelds stattfand, solange alles beim Alten blieb.

Gewiss, Gucky war der einzige noch lebende Ilt, der Letzte seiner Art, und hätte somit auffallen können. Doch der LFG gehörten über zehntausend Siedlungswelten an; auf manchen davon gab es ebenfalls kleine, behaarte Intelligenzen. Dorksteiger hatte erzählt, dass auf Shoraz einige Forscher eher animalisch denn humanoid aussahen, hinzu kamen Insektoide, tellerköpfige Jülziish und reptiloide Angehörige des topsidischen Volkes.

Bei diesem bunten Gemisch würden ein hochgewachsener, aber durchschnittlich aussehender Terraner und selbst ein Mausbiber nicht sonderlich auffallen. Rhodan und seine Frau hatten sogar vor Sichu Dorksteigers Abreise noch darüber gewitzelt, dass, wenn die beiden sich als Wissenschaftler ausgäben und heimlich auf einen Besuch vorbeikämen, es keiner merken würde.

Nun würde sich herausstellen, ob sie damit richtiggelegen hatten.

*

»Ich erreiche endlich die Kontrollstation!«, rief Jovanotti. Sie wandte sich wieder ihrem Arbeitspult zu.

Im Zentralholo erschien ein kleines Fenster, das allerdings leer blieb.

»Hallo?« Sie stieß einen leisen Fluch aus. »Schon wieder weg. Das gibt's doch nicht!« Sie warf dem Kapitän einen Blick zu. »Ich versuche es weiter. Das Erkennungssignal stimmt, der zugewiesene Kode auch. So lange haben die noch nie gebraucht!«

Der kleine, gelbe Punkt rückte allmählich näher. Davor war bei genauem Hinsehen nunmehr ein heller, vielleicht ockerfarbener »Dreckfleck« erkennbar, weiter links davon zwei grün und blau schimmernde, etwas größere Punkte.

Dann, auf einmal, wurde das kleine 3-D-Fenster hell, zeigte jedoch nur ein Behördenlogo mit der Beschriftung »Kontrollstelle« in Interkosmo und vier weiteren verbreiteten Verkehrssprachen.

»ETSI, hier Kontrollstelle«, schnarrte eine für alle hörbare Stimme, die Rhodan vertraut vorkam. Interessiert beugte er sich vor.

»Ja, sehr schön, dass wir jemanden erreichen«, antwortete die Funkoffizierin. »Wir erbitten Anflugfreigabe, Grund ist ...«

»Abgelehnt!«

Jovanotti hielt inne und warf einen weiteren ratlosen Blick zu ihrem Kapitän, der ihr durch Nicken signalisierte, fortzufahren. Auch die Zweite Pilotin zog eine verwirrte Miene. Rhodan nickte grimmig; das hatte er erwartet.

»Kennst du den?«, wisperte Gucky, der seine Reaktion beobachtet hatte, ihm zu. »War er das, der dich neulich in der Nacht hat abblitzen lassen?«

»Ich glaube, ja.«

Jovanotti blieb dran. »Wiederholen bitte, ich habe nicht verstanden.«

»Du hast sehr gut verstanden. Die Anflugerlaubnis wird nicht erteilt.«

»Hierfür erbitte ich die genaue Begründung, dazu bin ich laut Vertrag berechtigt, um gegebenenfalls Widerspruch einzulegen.«

»Die Begründung willst du haben? Na schön. Auf Shoraz hat sich ein Vorfall ereignet, der die höchste Sicherheitsstufe aktiviert hat. Solange diese gilt, darf niemand starten oder landen. Bemüh dich also nicht weiter, sondern zieh dich zurück und hol dein Team ab, wenn die Freigabe wieder erteilt werden kann. Du wirst informiert, wie jeder andere. Eine Nachfrage ist nicht erforderlich und wird nicht beantwortet. Kontrollstation Ende.«

Das Bild erlosch. Mit hochgezogenen Brauen starrte die rothaarige Frau auf ihr Holopult. »Soll ich es bei einer anderen Stelle versuchen?«

»Zwecklos«, mischte sich Rhodan ein. »Das genau ist der Grund unserer Anwesenheit. Er wurde soeben bestätigt – da ist gewaltig etwas faul auf Shoraz.«

»Es gab also tatsächlich eine Explosion«, piepste Gucky mit gesträubtem Nackenfell. »Und wir wissen nicht, was dort unten los ist ...« Seine feinen Tasthaare zitterten. »Verflixt noch mal, jetzt mache ich mir aber wirklich Sorgen!«

»Das geht uns auch so«, sagte Huam. »Gut, dass unser Vorstand gleich auf dich gehört und uns losgeschickt hat, Perry.«

Rhodan übersetzte das für sich als: »Bin ich froh, dass du ab jetzt die Verantwortung übernimmst.« Wenigstens gab es keinen Kompetenzstreit, in dieser Situation nur ein Vorteil.

Gucky hopste auf dem Sitz herum. »Am liebsten würde ich gleich teleportieren und ...«

»Das lässt du schön bleiben«, mahnte Rhodan. »Erstens wissen wir nicht, was da los ist, zweitens schonst du gefälligst deine Kräfte, wenn wir ein anderes Transportmittel haben. Drittens brauchen wir nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Was haben wir besprochen? Diskretion!«

»Wir fliegen noch ein Stück näher heran!«, ordnete der Kapitän an. »So nah, wie wir können, ohne dass die Kontrollstelle sich wieder einschaltet.«

»Gibt es hier so etwas wie eine Patrouille?«, erkundigte sich Rhodan.

»Nein«, antwortete Dibaba. »Die Schiffe halten sich an die Anweisungen, weil sie sonst Vertragsbruch begehen. Ab einer Distanz von sechshunderttausend Kilometern überwachen Sonden den Raum und melden jede Übertretung sofort an Olymp weiter.«

»Wir sollten also größeren Abstand halten – oh, sofort stopp!«, rief Jovanotti hektisch dazwischen. »Schaut euch das an!«

Die Zweite Pilotin reagierte ohne Zögern, noch bevor der Kapitän den Befehl geben konnte, und gab Gegenschub.

Die ETSI war vor langer Zeit aus der Raumflotte ausgemustert und mit einer gut ausgestatteten Antriebstechnik in den zivilen Dienst überstellt worden. Neben Antigrav und Andruckabsorber verfügte sie über Inerter, Gravotron-Feldtriebwerke und Protonenstrahltriebwerke. Der Überlichtantrieb war nicht auf dem allerneuesten Stand der Technik, besaß mit den Hawk-III-Linearkonvertern, den Conchal-Aggregaten und DeBeerschen Kompritormladern aber immerhin eine Reichweite von fast 300.000 Lichtjahren.

Das Hauptholo rückte nun den Planeten Shoraz ins Zentrum, immer noch aus großer Distanz, sodass er nicht viel mehr als wie ein kleiner, gelber Mond aussah. Der Grund, weswegen Jovanotti nicht näher heranzoomte, war schnell ersichtlich.

Im Orbit befanden sich etliche 120-Meter-Kugelraumer, die den Planeten quasi abriegelten.

»Es sind dreißig!«, präzisierte die Ortungsoffizierin. »Sie haben keine terranische Identifizierung.« Dann zögerte Jovanotti kurz, nahm einige Schaltungen vor und nickte.

3.

Olymp, 4. Mai 1550 NGZ

Ein bedeutendes Fest

»Und beeil dich!«, scholl die Stimme des Kaisers hinter ihm her.

Talin Buff eilte.

Soweit er es vermochte. Er war knapp unter eineinhalb Meter groß, seine Gestalt rundlich, seine Beine stämmig und kurz. Immerhin, die Füße waren beweglich – er trug geschlossene, dreigeteilte »Zehenlederschuhe«. Dadurch kam er einigermaßen voran, eher watschelnd als laufend, doch er war immer motiviert, nicht zu langsam zu sein.

Selten erlebte der Rospaner den Argyris derart angespannt und erwartungsvoll. »Ein hoher Diplomat wird erwartet!«, hatte der Kaiser angekündigt, ohne ins Detail zu gehen, von welchem Volk oder Staat der Besucher stammte. »Alles muss perfekt sein, hörst du, es darf nichts, absolut gar nichts schiefgehen!«

Das wurde sonst auch gefordert. Nun aber lag eine solche Dringlichkeit und ein Unterton von ... ja, Angst in der Stimme seines Herrn, dass Buff sich Flügel wünschte, um seine Wünsche schneller denn je erfüllen zu können.

Dabei war der Argyris sogar noch »zuvorkommend und höflich« gewesen, wie er sich selbst zumeist bezeichnete. Das bedeutete, er hatte weniger geschrien und niemanden entlassen. So wichtig also musste der Besuch sein, dass sogar der Kaiser zahmer wurde!

Talin Buff brannte darauf, zu erfahren, um wen es sich handelte. Doch niemand außer dem Kaiser schien es zu wissen. Sosehr Buff auch rätselte – er kam einfach nicht drauf, wer so bedeutend sein könnte. Und was der Grund dieses Besuchs sein mochte.

Immerhin – bei all der Aufregung und Anspannung ging Buff davon aus, dass es ein positiver Anlass war. Denn schließlich wurde ein Empfang mit Pomp und Pracht vorbereitet.

Im großen Audienzsaal mit seinen vielen Säulen, mit all seinem Stuck, den Marmorböden, der teuer gehandelten, doch geschmacklos zusammengewürfelten Kunst. Als wäre das nicht schon Prunk genug, war er festlich geschmückt worden. Mit Girlanden, Holokerzen zusätzlich zu den schwebenden Lüstern, Blumen und dergleichen mehr. Künstler nahmen ihre Plätze ein, Akrobaten probten den letzten Schliff.

Leise Musik spielte bereits, die Musiker übten sich ein. Livrierte Lakaien und Adjutantinnen eilten geschäftig hin und her, überwachten den Aufbau des gewaltigen Buffets mit den erlesensten Speisen aller Welten des Olymp-Komplexes.

»Heute nur einheimische Küche!«, hatte der Argyris befohlen. »Wir müssen zeigen, was wir zu bieten haben!«

Ob die Gäste wohl Gemüsehändler sind?, fragte sich Buff. Etwas anderes konnte er sich nicht vorstellen.

Fliegenfänger, so hatten sich die anderen Kinder im Waisenhaus oft über ihn lustig gemacht, weil sein runder Kopf mit dem ausgeprägten Kinn und den seitlichen, ovalen, großen, schwarzen Augen ein bisschen einer Kröte ähnelte. Allerdings passte seine deutlich vorstehende Nase nicht dazu, die ein wenig wirkte wie der Ansatz eines Rüssels.

Das Schimpfwort traf ohnehin nicht zu, die wulstigen Lippen seines breiten Munds hatten noch nie etwas Tierisches berührt. Er mahlte mit seinen kräftigen Kauleisten stattdessen faseriges Gemüse, auch Algen, bestimmte Blumen, Blätter und was es ebenso an Dekoration an des Kaisers Tafel gab. Beryn Mogaw hingegen bevorzugte Fleisch in allen Variationen, mit dicken Soßen und kohlenhydrathaltigen Beilagen.

Weil er der Einzige seiner Art war, zumindest auf Olymp, und zudem überaus sanftmütig, hatte Talin Buff es im Waisenhaus nie leicht gehabt. Der Schimpfname Fliegenfänger war noch das Freundlichste gewesen. Kinder waren die Könige des Mobbens, egal zu welcher Art sie gehörten. War ein Opfer erst mal auserkoren, konnte nichts mehr daran geändert werden.

Seine Eltern hatten ihn als wenige Tage altes Baby einfach vor der Tür des Waisenhauses abgesetzt, das von der Familie Mogaw betrieben wurde. Eine der ersten Familien in Trade City, märchenhaft reich, auch an Einfluss.

Der Rospaner, wie Buff irgendwann bezeichnet wurde – es war der Einfall eines Zöglings gewesen, der das lustig fand, ohne je zu erklären, was das Wort zu bedeuten hatte –, erfuhr nie etwas über seine Herkunft. Ob er nun einem Volk oder zweien angehörte, auf Olymp kannte man seine Spezies nicht.

Vor fünfzig Jahren, Talin Buff war gerade 13 Jahre alt gewesen, waren der Patriarch der Mogawsippe, seine Ehefrau und sein ältester Sohn zur Besichtigung ins Waisenhaus gekommen. Der damals 45-jährige Beryn Mogaw hatte den tollpatschigen Rospaner, den die anderen Zöglinge sogar vor den hohen Gästen verlachten, als spaßig und skurril erachtet und ihn kurzerhand mitgenommen.

Buff machte sich keine Illusionen darüber, was Mogaw damals motiviert hatte. Er war etwas Einzigartiges, also musste Mogaw es besitzen. Buff war klein, sah für Menschen ein wenig lächerlich aus, war schüchtern – also das ideale Ziel, um die Launen abzureagieren. Ein Spielzeug für alle Gelegenheiten.

Aber er war auch Mogaws Vertrauter geworden. Der Einzige, dem der nunmehrige Kaiser wirklich und vorbehaltlos vertraute. Buff wich niemals von Mogaws Seite, schlief vor dessen Schlafzimmertür auf einer unbequemen Bank. Er tat alles, was sein Herr wünschte oder befahl.

Buff wusste, wie schlecht ihn sein Herr behandelte. Aber das war immer noch besser, viel besser als das, was ihm im Waisenhaus widerfahren war. Und es war besser als alles, was ihm außerhalb dieser schützenden Mauern drohen würde.

Er war klein, hatte keine Herkunft, keine Freunde, niemand nahm ihn ernst. Keiner würde ihm jemals eine Chance geben. Wohin sollte er gehen? Wo sollte er leben? Er hatte niemanden. Nichts gelernt. Seine Talente waren stets unbeachtet geblieben, und er hatte sich zwar dies und das selbst beigebracht, aber keinen Abschluss vorzuweisen.

Dort draußen, in dieser lauten, lärmenden Welt – wer würde schon seine zarte Mezzosopranstimme hören? Er hatte Angst vor der Freiheit, weil er sie nicht kannte.

Nicht alles war eitel Wonne in Trade City, das wusste Buff sehr genau. Er hatte Beryn Mogaws Werdegang zum Argyris jede Minute miterlebt. Und den gleichzeitigen Niedergang des Volkes.

Da draußen, in den Randbezirken, gab es Menschen, die sogar noch ärmer waren als Buff und nur mit Mühe von der Grundversorgung leben konnten. Selbstverständlich musste niemand verhungern, aber das verhinderte nicht, dass man in Armut lebte und nicht mehr daraus herauskam.

Im Palast war Talin Buff privilegiert, er hatte einen Platz, wo er hingehörte, stets genug zu essen und zu trinken, und er konnte sich als Beryn Mogaws persönlicher Vertrauter und Diener – mochten andere ihn doch abfällig als treues Hündchen bezeichnen – überall frei bewegen, was nicht allen gestattet war.

Das Wichtigste war: Sein Herr brauchte ihn. Er behandelte Buff zumeist schlecht und trat ihn auch schon mal, aber nie redete er davon, den Rospaner wegzujagen. Sie waren ein seltsames Paar, das auf unerklärliche Weise zusammengehörte – das war selbst Mogaw klar. Fünfzig Jahre waren eine lange Zeit, jedes anderen Spielzeugs wäre der Kaiser schon nach wenigen Tagen überdrüssig geworden. Der stillen, treuen Seele Talin Buff aber nie. Dem kleinen, graubraunen Wesen vertraute er alles an, kein Gedanke blieb verborgen.

Buff war ein Geheimnisträger, was Mogaw vermutlich nicht einmal bewusst war, weil er den Rospaner als nicht sonderlich intelligent erachtete. Aber er würde das Vertrauen seines Retters ohnehin niemals missbrauchen.

Ja, Retters! Er war unendlich dankbar seit dem Tag, an dem er mitgenommen worden war und zum ersten Mal Pracht und Reichtum kennenlernte. 13 Jahre alt, und schon war er dort angekommen, wovon andere ihr Leben lang träumten! Das brachte eine Lebensschuld, die Buff niemals abtragen konnte. Er schwor sich, seinem Herrn treu zu dienen bis ans Ende. Das war nur recht und billig.

Und da Buff viel über Begriffe wie Ehre und Pflicht gelesen hatte, nahm er diesen Schwur sehr ernst. Schließlich besaß er sonst nichts.

*

Zurück zu den Gemüsehändlern. Buff ging von dieser Vermutung aus, weil seit zwei Wochen hoch über dem Palast, als schimmernder Punkt erkennbar, ein stolzer 2000-Meter-Kugelraumer schwebte: die SHEONA, mit vielen wichtigen Leuten an Bord.

Seit dem Eintreffen des Riesen gab es jeden Tag mehrere stundenlange Konferenzen mit dem Wirtschaftsrat von Olymp, verschiedenen Ministerien und Teilnehmern aus dem Raumschiff.

Buff nahm daran nicht mehr teil, weil er grundsätzlich einschlief; er fand alles sehr unspannend und langweilig. Ewige Verhandlungen über Rabatte und winzige Preisänderungen, Zölle und so vieles mehr. Er hatte nie verstanden, welche Verhandlungspartner das überhaupt waren, und es interessierte ihn auch nicht. Lieber kümmerte er sich um das Wohlergehen aller und dass der Zeitplan eingehalten wurde.

Was bedeutete, dass seit zwei Wochen Großalarm herrschte, denn alles musste reibungslos verlaufen. Der Argyris hatte seinem Vertrauten aufgetragen, dem Protokollchef zur Hand zu gehen und die gesamte Organisation zu überwachen. Der Protokollchef war während dieser Zeit dreimal ausgetauscht worden, weil es nun mal keine hundertprozentige Perfektion gab, doch Buff war geblieben, wie immer. Was nicht zur Steigerung seines Ansehens beitrug. Zumeist übersahen ihn die anderen geflissentlich oder behandelten ihn wie Luft.

Und nun sollte der bedeutendste Gast, der sich anscheinend bislang in vornehmer Zurückhaltung geübt hatte, von diesem Schiff zum opulenten Empfang kommen. Offenbar waren die Verhandlungen positiv verlaufen. Der Argyris hatte sich zwar nicht euphorisch gezeigt wie sonst bei einem erfolgreichen Geschäftsabschluss, doch er schien einigermaßen hoffnungsvoll, dass alles gut ausgehen würde.

Gewiss – bisher war tatsächlich alles gut verlaufen, die endgültige Entscheidung mit der Vertragsunterzeichnung aber stand noch aus. Sehr viel schien davon abzuhängen, denn so lange hatten Gespräche noch nie gedauert, und so nervös, besorgt und fast ängstlich kannte man Mogaw nicht.

Buff konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, worum es ging. Beryn Mogaw war Kaiser, aber darüber hinaus auch Familienpatriarch und Geschäftsmann geblieben. Nach wie vor behielt er die Kontrolle über sämtliche Abschlüsse. Ohne seine Zustimmung durfte nichts zugesichert oder abgelehnt, kein Vertrag unterschrieben werden.

Dies war ein häufiger Kritikpunkt beim Volk, wie Buff aus gelegentlichen Unterhaltungen der Mitarbeiter aus Trade City mitbekam, die allerdings grundsätzlich abbrachen, sobald er bemerkt wurde.

Die Leute zeigten sich unzufrieden über die mangelnde Trennung zwischen Regierung, Politik und Geschäft. Sie kreideten dem Kaiser an, dass er seine Prioritäten falsch setzte und vor allem versuchte, den Staat wie eine Firma zu führen, was die meisten als untragbaren Interessenskonflikt erachteten. Mogaw setzte in vielen Belangen seinen Einfluss als mächtiger Geschäftsmann durch, besaß eine größere wirtschaftliche Macht als alle anderen und musste sich deshalb nur selten diplomatisch zeigen.

Hinzu kam der Nepotismus. Alle Posten in den Ministerien waren ab einer gewissen Hierarchiestufe ausschließlich mit Freunden und Loyalen besetzt.

Wer ein Wort der Kritik wagte, flog sofort hochkant hinaus. Manche verloren ihren Posten schon, bevor sie ihn antraten, nur weil sie zur falschen Zeit etwas Missverständliches geäußert hatten.

Buff gab sein Möglichstes, um einen positiven Einfluss auf seinen Herrn auszuüben, indem er ihn besänftigte, ihm kleine Präsente machte, seinen Lieblingswhisky kredenzte und all solche Kleinigkeiten. Mehr konnte er nicht tun. Seine Gedanken interessierten Beryn Mogaw nicht, und schon eine einzige Andeutung in dieser Richtung konnte einen unkontrollierten Wutausbruch hervorrufen.

War dies alles richtig? Buff gestattete sich keine Wertung, denn seine Dankbarkeit und Loyalität überwogen alles. Es gab zudem Momente, in denen der Kaiser zugänglich war, freundlich, und sogar Fragen stellte zu der einen oder anderen Angelegenheit.

Das gab Talin Buff stets Hoffnung, dass ein guter Kern in seinem Herrn steckte. Wie sonst hätte er es fünf Jahrzehnte mit ihm ausgehalten, ohne verrückt zu werden?

*

Der Protokollchef brüllte gerade seine Assistentin und deren vier Assistenten an, als Buff hinzukam. Der Mann, wie auch immer er heißen mochte – es lohnte nicht, sich den Namen zu merken –, hatte erst an diesem Morgen seinen Dienst angetreten, schien aber in der Lage, die Vorgänger mit Stimmgewalt und Einschüchterung bestens zu vertreten.

Das würde ihm indes nichts nützen. Am Ende des Tages war er seinen Posten vermutlich trotzdem wieder los, weil etwas nicht richtig gegart gewesen war oder eine Haarlocke falsch herum gelegen hatte.

»Und was willst du, du Spitzel?«, fuhr er Buff an.

Der schnaubte erschrocken und versuchte, den Kopf, der ohnehin auf einem kurzen Hals saß, zwischen den hochgezogenen Schultern zu verstecken. »Hatschi«, antwortete er. Noch so eine Eigenart, die andere lächerlich fanden – wenn er sich aufregte, musste Talin Buff niesen.

»Das solltest du nicht sagen«, warnte die Assistentin, eine geborene Aresianerin mit hüftlangem, goldglitzerndem Haar, hellblauer Haut und türkisfarbenen Augen.

Meresa, wie sie hieß, war eine der wenigen, die schon lange am Kaiserhof dienten. Das lag nicht zuletzt daran, dass die Aresianer über eine einzigartige Gabe verfügten: Ihr Körpergeruch verströmte Pheromone, die sich jeweils individuell auf das Gegenüber einstellten. Sei es nun Terraner, Arkonide, Jülziish oder Topsider. Damit sorgten die Aresianer dafür, dass schlichtweg jeder sie mochte, selbst der Argyris Beryn Mogaw.

Zum Glück waren die zum Olymp-Komplex gehörenden Aresianer nicht machtgierig, sie benutzten ihre Gabe stets nur im direkten Diskurs. Meresa hätte längst die Oberste Hofmeisterin, ja vielleicht sogar Argyrisa sein können, das wollte sie aber gar nicht.

»Zu viel Verantwortung und zu viel Arbeit«, hatte sie einmal zu Buff gesagt. Ja, die Aresianer schätzten Anstrengungen nicht besonders. Meresa wollte in einem Palast leben und Privilegien genießen, ohne allzu viel dafür tun zu müssen. Da jeder sie mochte, wenn sie das so wollte, stellte das kein Problem dar.

Buff war der Einzige, bei dem ihre Pheromone nicht funktionierten. Nicht einmal diese hormonellen Lockstoffe konnten ihn also auf chemische Weise einem bekannten Volk zuordnen.

Aber Buff mochte Meresa auch ohne derartige Manipulation, sie war eine der wenigen, die ab und zu mit ihm redeten und dabei sogar freundlich waren. Prinzipiell hätte er sie bei Mogaw anschwärzen können, da er ja um ihre Manipulationen wusste, aber im Gegenzug verpfiff sie ihn nicht, wenn er hier und da mal etwas mitgehen ließ. Das war keine Absicht, Buff war die Kleptomanie angeboren. Das musste aber nicht jeder erfahren.

»Warum sollte ich das nicht sagen? Es stimmt doch, oder?« Wütend funkelte der Protokollchef den Rospaner an, woraufhin der prompt wieder niesen musste. Er hatte Angst vor aggressiven Personen, das löste einen Fluchtreflex in ihm aus.

»Nun, wenn dem so wäre, würde Talin auf der Stelle dem Kaiser sagen, wie du ihn beschimpft hast«, erwiderte Meresa und zwinkerte Buff zu. »Du bist noch nicht lange genug bei uns, um zu wissen, dass Talin absolut neutral ist und sich aus allem heraushält. Er macht seine Arbeit und erhält weder Lohn noch Dank dafür. Es besteht also kein Grund zu Feindseligkeiten.«

»Wenn du es sagst!«, fauchte der Protokollchef und rauschte davon.

»Wieso hast du ihn nicht pheromonisiert?«, flüsterte Buff schüchtern. Er hatte ein wenig damit gerungen, die Frage zu stellen, aber Meresa war nie unfreundlich zu ihm gewesen.

»Mein Körper wehrt sich dagegen«, antwortete sie schmunzelnd. »Außerdem hatte ich jemand anderen vorgeschlagen, und der da hat sich einfach angebiedert.« Sie zuckte die Achseln. »Bis morgen früh hat sich das sowieso erledigt.«

Der Ansicht war Talin Buff auch. Dann bemerkte er die Uhrzeit und bekam einen Schreck.

»Ich muss fort! Sie kommen!«, fistelte er. »Hatschi, Hatschi!« Eilig watschelte er los.

Selbst wenn nun noch etwas fehlte – es war zu spät. Die Gäste trafen jeden Moment ein.

*

Der Kaiserliche Palast, der in die Argyrische Säule des Ostens auf dem Hauptplatz »Morgendämmerung« von Trade City integriert war, hatte tausend Zimmer – oder mehr, so genau zählte das wohl niemand. Die ovale Basis der Säule besaß 500 Meter Durchmesser und verjüngte sich bis zu einer Höhe von 1000 Metern auf die Hälfte. Der Palast war im oberen Drittel untergebracht, darunter befanden sich der Regierungssitz mit dem Olympischen Tag, dem Parlament, sowie die meisten Ministerien. Ganz unten lagen die Büros für Lobbyisten und Verwaltungsgremien.

Die Hauptgänge des Palasts waren mittig mit einem automatischen Beförderungsband ausgestattet, weil dem Kaiser die weiten Wege zu Fuß nicht zuzumuten waren. Wobei er seine ausgedehnte Wohnresidenz, die in der Nähe des Prunk- und Audienzsaals lag, sowieso kaum verließ. Auch die unterschiedlich großen Konferenzräume befanden sich dort.

Den Rest des Palasts hatte Mogaw noch nie besichtigt. Talin Buff hatte keinen weiten Weg zurückzulegen, doch er war sehr froh um das Laufband, das ihn schneller voranbrachte. Die Flure waren groß und holografisch mit Stuck, Seidenteppichen und Bildern ausgestattet. Je nachdem, wer zu Besuch kam, oder unter welchem Motto die Woche stand, wurde das täuschend echte Dekorationsbild angepasst.

Haptisch zu erfassen waren indes die vielen großen und kleinen Statuen und Büsten des Kaisers, die er seit seiner Amtsübernahme in stetig steigender Zahl aufstellen ließ. Manche hatte er selbst anfertigen lassen, viele waren aber auch Geschenke von Politikern und Geschäftspartnern, um seiner Eitelkeit zu schmeicheln.

Zum Glück gab es überall Informationshologramme, die den Weg wiesen, weil man sich sonst heillos zu verirren drohte. Buff hatte als Ziel »Transmitterraum« angegeben und folgte nun den bunten Richtungsanzeigen.

Der Gang zum Transmitterraum war durch eine transparente Sicherheitsschleuse abgeriegelt, die nur mit Kode geöffnet werden konnte. Vor der Schleuse und dahinter waren je zwei schwer bewaffnete und mit prächtig-kaiserlichen, rüstungsartigen Schutzanzügen bekleidete Palastwachen aufgestellt, die rund um die Uhr Schichtdienst hatten.

Buff brauchte keinen Kode, ihn kannte jeder, und er hatte überall Zutritt. Eine der Wachen öffnete die Schleuse für ihn, als er eilig auf diese zuwatschelte. Überrascht und dankbar hob Buff seine dreifingrige Hand. Wie die Menschen zu nicken, war er nicht in der Lage, und den Mund zu einem Lächeln zu verziehen, schreckte die anderen eher ab.

Der Gang war zehn Meter lang und endete in einer zweiten, ebenso bewachten, durchsichtigen Schleuse. Dahinter öffnete sich der zwanzig Meter hohe, metallverkleidete Raum mit dem wuchtigen Käfigtransmitter. Der Protokollchef war bereits vor Ort und hatte am Rand des am Boden markierten Sicherheitskreises Position bezogen. Der Techniker an der Kontrollkonsole meldete soeben, dass die Gäste avisiert seien.

Buff unterdrückte ein Niesen und hielt sich im Hintergrund, so unsichtbar wie möglich. Er konnte darauf vertrauen, dass ... Moment, die Gäste? Wieso wusste er nichts davon?

In diesem Moment flimmerte das Empfangsfeld auf, und zwei Personen materialisierten darin. Mit einem einzigen Schritt hatten sie praktisch in Nullzeit eine Distanz von zweihunderttausend Kilometern überbrückt.

Menschen, erkannte Buff. Ein großer, leicht übergewichtiger Mann in unangenehm bunter, in mehreren Lagen fallender Kleidung sowie einem pompösen, nach oben konisch zulaufenden Hut mit Kettenverzierungen und einer Troddel an der Spitze.

»Ist das etwa unser Begrüßungskomitee?«, röhrte er mit unangenehm lauter Stimme.

Oje, dachte Buff mit einem Anflug von Déjà-vu. Entweder wird er mit dem Kaiser sofort ein Herz und eine Seele, oder sie werden sich hassen.