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Altbekannte und vertraute biblische Texte werden aus einer ungewohnten Perspektive beleuchtet, so dass ein neues, manchmal überraschendes Verstehen möglich wird. Die methodische Anleitung orientiert sich an jüdischer Hermeneutik und systemischer Gesprächsführung. Sie erklärt und verdeutlicht die Entstehung der vorgelegten Texte zu biblischen Geschichten.
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Seitenzahl: 104
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Für Birgit, Andrea, Beate und Michael
Vorwort
Der Zugang – Die Begegnung mit dem Text
Die Methode
Perspektivwechsel – Texte zu biblischen Geschichten
Leben mit der Schuld (Gen 4,1 – 16)
Heilung im Doppelpack (Matth 15,21 – 28)
Die Ölkrise (Matth 25,1-13)
Die nordfriesische Schweineschwanz-Methode (Mk 10,17 – 27)
Erfahrung kann dumm machen (Luk 5.1 – 11)
Quo vadis? (Luk 10,25 -37)
„Let it be!“ (Luk 10,38 – 42)
Die Macht der Gewohnheit (Luk 13,10-17)
Ein Fest als Verstörung (Luk 15,11 – 32)
Eine unglaubliche Zumutung (Luk 17,11 – 19)
Loslassen können (Luk 24,50 – 53)
Wirklich geheilt? (Joh 5,1 – 15)
Die Gefahr des Augenscheinlichen (Joh 9,1 – 7)
Anhang: Ergebnisse einer Bibelarbeit zu Luk 7,36-50
Als Lehrtrainer der „Arbeitsgemeinschaft Kurzgespräch“ (AgK)1 biete ich seit vielen Jahren in entsprechenden Seminaren ein Gesprächsführungsmodell an für Menschen, die in helfenden Berufen2 tätig sind und oft situationsbedingt nur kurze Zeit für anfallende Gespräche zur Verfügung haben.
Das „Geheimnis“ dieser Gesprächsführung besteht darin – und das kann gerade auch in einem kurzen Gespräch gut gelingen -, beim jeweiligen Gegenüber durch gezielte Interventionen einen Perspektivwechsel herbeizuführen, so dass sich neue Wege aus einer verengten oder verfahrenen Situation eröffnen. –
Irgendwann hatte ich dann die Idee, das, was bei einer Begegnung im Gespräch möglich ist, auch auf die Begegnung mit einem biblischen Text zu übertragen, um auch hier neue Sichtweisen zu eröffnen. Und das erscheint mir als sinnvoll und notwendig. Denn wenn z.B. der Predigthörer schon beim Hören des Predigttextes oder spätestens nach den ersten zehn Sätzen der Predigt weiß, vorauf das Ganze hinausläuft, stellt sich eine gewisse Langeweile ein, die der Lebendigkeit der biblischen Texte nicht gerecht wird.
Alexander Deeg stellt fest, „dass ein Grundproblem die Predigtgeschichte durchzieht: die Konventionalität dessen, was gesagt wird, die problematische Erwartbarkeit“3. Wenn beim Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“ (Luk 15,11ff.) alles auf die Reue des Sohnes und die unendliche Barmherzigkeit des Vaters hinausläuft, wenn in der Geschichte von Maria und Marta (Luk 10,38ff.) alles darauf hinausläuft, dass Zuhören besser ist als Aktion oder dass jeder von uns einen Anteil von Maria und Marta in sich hat-, dann ist für den mehr oder weniger geübten Predigthörer die Langeweile vorprogrammiert.
Was eine gute Predigt ist, wird man bei den verschiedenen Geschmäckern kaum sagen können, wohl aber, was eine schlechte Predigt ausmacht: wenn das Erwartbare kommt. –
Das Gleiche gilt für alle Formen von Bibelarbeit in den unterschiedlichsten Formen und Gruppen: wenn es beim Erwartbaren bleibt, geht die Lebendigkeit verloren.
Ich werde in einem ersten Teil dieses Buches den Hintergrund meines dialogischen Zugangs zu biblischen Texten erläutern, in einem zweiten Teil eine dafür hilfreiche Methode vorstellen und im dritten Teil 13 daraus entstandene Texte anfügen.
1 Informationen unter www.kurzgespraech.de
2 Damit sind alle Berufe gemeint, die es mit Menschen zu tun haben: Seelsorge, Beratung, Sozialarbeit, Kindergarten, Schule, Pflege usw.
3 Alexander Deeg, Mehr wagen. Überlegungen zur Qualität auf der Kanzel. In: Zeitzeichen 2/2015, s. 8
Seitdem es biblische Texte gibt, gibt es auch verschiedene Möglichkeiten und Wege, diese Texte auszulegen: historisch-kritisch, existential, tiefenpsychologisch, feministisch …. Bei all diesen Interpretationsmethoden geht es darum, den biblischen Text nach bestimmten Kriterien auszulegen. Ich habe diese verschiedenen Methoden als hilfreich, teilweise auch als spannend erlebt: die „Wahrheit“ eines Textes ist nie eindimensional, sondern vielfältig. Mit jeder dieser unterschiedlichen Methoden bekam und bekommt der „Rohdiamant Text“ einen neuen Facettenschliff.
Die intensivste Form, mit einem biblischen Text in Kontakt zu kommen, habe ich im Bibliodrama erlebt. Hier ist die Begegnung mit dem Text erlebbar, hier geschieht wirklicher Dialog. Und es wird deutlich, dass es nicht um Auslegung, sondern um Begegnung im unmittelbaren Sinn geht.
Nun ist es nicht realistisch, jeden biblischen Text für eine Andacht, eine Predigt über den zeitlichen Aufwand eines Bibliodramas anzugehen.
Ich habe aus der jüdischen Hermeneutik die Grundlage für eine praktikable Möglichkeit abgeleitet, der dialogischen Begegnung mit dem biblischen Text nahe zu kommen. Und so entwickelte ich eine Methode, die ich in naher Verwandtschaft zum Bibliodrama und Bibliolog verstehe. Sie ist ausgelegt für eine Arbeit in der Gruppe, kann aber nach einiger Übung und Erfahrung auch im inneren Diskurs von einer Person durchgeführt werden.
Bevor ich nun die von mir praktizierte Methode beschreibe, will ich die wesentlichen Züge der jüdischen Hermeneutik skizzieren.4
Natürlich gilt: es gibt nicht die jüdische Hermeneutik, wie es auch nicht die christliche Hermeneutik gibt. Aber es gibt Grundlinien, die sich durch die Zeiten und durch die verschiedenen Ausprägungen hindurch ziehen.
Von Anfang an wurde die Tora Gottes5 nicht nur als alleiniger und absoluter Text der Gemeinde vorgelesen und –gestellt, sondern immer gleichzeitig mit Erklärungen versehen, damit die Gemeinde das Vorgelesene verstehen konnte. „Zur schriftlichen Tora kommt nun die ‚mündliche Tora‘ hinzu …; seit den frühesten Anfängen ist die dialogische Anlage als ihr charakteristisches Merkmal zu erkennen: Die mündliche Tora (die später in vielen Sammlungen zusammengefaßt wurde)6 erscheint nicht in Form eines verbindlichen Einheitstextes, sondern als Diskussion derer, die sich um das Verständnis der Überlieferung bemühen.“7 Und beides gehört unabdingbar zusammen.
Und so gibt es zusätzlich und daneben die Midraschim (Plural), was die Bewegung des Untersuchens, des Herausfindens meint – „geschaffen in vielen Formen, von der Analyse bis zu der Schaffung von Fabeln und Geschichten, die die niedergeschriebenen verstärkten und ergänzten. Midrasch klärte strittige Passagen oder Widersprüche innerhalb der Texte, der Erklärung, dem Verständnis, der Vergegenwärtigung seiner Absicht und implizierten Verhaltensregeln, ihrer Leitgedanken … Midraschim füllen dicke Bücher und existieren bis heute zu zahllosen Gelegenheiten … in den Familien zu Hause, in den Synagogen“8 und den Studienhäusern.
Peter Pitzele, der „Erfinder“ des Bibliologs, versteht den Bibliolog als zeitgenössische Interpretation des Midrasch.
Dieses unabdingbare Miteinander von schriftlicher und mündlicher Tora wird verdeutlicht in dem bildhaften Wort vom „schwarzen und weißen Feuer“:
Das „schwarze Feuer“ sind die Buchstaben der Tora. Das „weiße Feuer“ sind die Zwischenräume zwischen den Buchstaben. Nur beides zusammen ist die ganze Tora. Das „schwarze Feuer“ meint die wörtliche Bedeutung des Textes. Das „weiße Feuer“ steht für die Ideen, Auslegungen, Andeutungen hinter dem Text – die Botschaften zwischen den Zeilen, die zum Leben kommen, wenn wir mit dem Text in Beziehung trete Die schwarzen Buchstaben begrenzen; sie sind begrenzt und festgelegt. Die weißen Räume dazwischen verweisen uns auf den Bereich jenseits des Intellekts – des Grenzenlosen, des sich immer Verändernden und Verwandelnden. Sie stehen auch für das Schweigen, für das noch nicht Sagbare, das Unsagbare. Die weißen Räume zwischen und um die schwarzen Buchstaben herum nehmen zweimal so viel Raum ein wie die schwarzen Buchstaben. Ja, das weiße Feuer bildet die Grundlage für das schwarze Feuer.
Die jüdische Exegese „legt sich nicht den Text als Gegenstand objektiver Untersuchung zurecht, sondern nimmt gleichsam am Tisch der biblischen Erzähler Platz und beteiligt sich an ihrem Gespräch … da geht es nicht immer nur mit feierlichem Ernst zu, sondern Witz und Ironie machen sich Raum, nichts wird in ein System historischer oder logischer Stimmigkeit gezwängt … Eben die Ungezwungenheit dieser narrativen Theologie gibt ihr eine eigentümliche Autorität – die Autorität der Erfahrung und des gelebten Glaubens, die aus ihr atmet.“9
Es gibt keine endgültige Lesart oder Auslegung der Tora, sondern immer nur die nächste.
Ich empfinde diese jüdische Zugangs- und Umgangsweise zu bzw. mit biblischen Texten als sehr inspirierend und in einem bestimmten Sinne auch wahrhaftig: Ich muss eine biblische Geschichte nicht „neutral“ auslegen, sondern darf mich selbst mit meiner Geschichte, meinen Emotionen, meiner Phantasie einbringen. Das geschieht zwar „unter der Hand“ immer; hier aber wird das Einbringen der eigenen Person zum genuinen Bestandteil der Begegnung mit dem Text.
Und umgekehrt: Wenn ich einen biblischen Text zu Gehör bringe (in einer Andacht, einer Predigt oder …), dann sitzen da Menschen, die ernst genommen werden wollen – mit ihrer Lebensgeschichte, mit ihren Emotionen, Einstellungen, traumatischen Erlebnissen usw.
Beispiel: Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Luk 15):10 Viele der Hörer – gerade mit einem christlichen Hintergrund – identifizieren sich häufig mit dem zweiten Sohn. Und sie empfinden es als ungerecht, wie der Vater in der Geschichte mit ihm umgeht, weil sie aus ihrer Familiengeschichte heraus denken und empfinden. Ich weiß aus Gesprächen mit Hunderten von Menschen, die sich als Christen verstehen, dass sie mit diesem Gleichnis, genauer gesagt: mit der traditionellen Auslegung der Geschichte zeitlebens hadern bzw. sich dagegen sperren (und dann dabei noch ein schlechtes Gefühl haben, weil es ja „richtig“ sein soll, dass der verlorene Sohn bei seiner Rückkehr einen „Staatsempfang“ bekommt, während der gewissenhafte und korrekt handelnde zweite Sohn in seinem Ärger abgekanzelt wird). Sie fühlen sich be- oder sogar verurteilt.
In vielen (Bibel-)Gesprächen nach der unter II beschriebenen Methode mit ganz unterschiedlichen Gruppen (kirchlich und nichtkirchlich, Erwachsene und Jugendliche) habe ich herausgefunden, dass diese Geschichte viel mehr Facetten hat, als es auf den ersten Blick zu sein scheint. Und ich erlebe dann, dass sich Menschen, die immer mit dieser Geschichte gehadert haben, sich plötzlich mit ihr versöhnen können – nicht in dem Sinne, dass sie sich bestätigt fühlen, sondern so, dass sie den Text und sich selbst in einem neuen Licht sehen und dass sie die Herausforderung zur Verantwortung für ihr eigenes Leben begreifen und annehmen können.
4 Eine umfangreichere Darstellung ist zu finden bei Horst Klaus Berg, Ein Wort wie Feuer. Wege lebendiger Bibelauslegung. Kösel- u. Calwer-Verlag, München und Stuttgart. 1991, S. 386ff.
5 Die Tora (hebr.: „Gebot“, „Weisung“, „Belehrung“) ist der erste Teil der hebräischen Bibel. In den christlichen Bibelübersetzungen sind dies die fünf Bücher Mose.
6 Die Mishna (hebr.: „Wiederholung“) ist die erste größere Niederschrift der mündlichen Tora und damit einer der wichtigsten Sammlungen religionsgesetzlicher Überlieferungen des rabbinischen Judentums. Die Mishna bildet die Basis des Talmud.
Der Talmud (hebr.: „Belehrung“) liegt in zwei Ausgaben vor: dem Babylonischen Talmud und dem Jerusalemer Talmud (auch Palästinensischer Talmud genannt). Der Talmud enthält keine biblischen Gesetzestexte (Tora), sondern zeigt auf, wie diese Regeln in der Praxis und im Alltag von den Rabbinern verstanden und ausgelegt werden.
7 A.a.O., S. 387
8 Peter Pitzele, Die Brunnen unserer Väter. Midraschim und Bibbliologie über Berischit – Genesis, Kohlhammer-Verlag, 2012.
9 Horst Klaus Berg, a.a.O. S. 390
10 Vgl. dazu meinen Text Nr. 13
Diese Methode ist in dem Sinne „demokratisch“, dass es auch dann, wenn Theologen in einer Gruppe anwesend sind, keinen Vorsprung für Fachleute gibt – bis auf die 3. Phase, in der es um Hintergrundinformationen geht (die ansonsten vom Gesprächsleiter eingebracht werden).
Ich beschreibe nun die Methode als einen Gruppenprozess. Ich hatte schon darauf hingewiesen, dass dieser Prozess bei ausreichender Übung auch individuell im inneren Diskurs gelingen kann.
Die Schritte sollten in der folgenden Reihenfolge durchgeführt werden:
Lesen bzw. Hören des Textes
wortgetreue Wiederholung
Informationen - Hintergrundwissen
Emotionen
Phantasie
Mustererkennung
Überlegungen zur kreativen Umsetzung
Kreative Umsetzung
Für die Begegnung mit dem Text sollte eine Stunde zur Verfügung stehen, für die kreative Umsetzung eine weitere Stunde.
Zu 1: Lesen bzw. Hören des Textes
Denkbar sind verschiedene Möglichkeiten:
Vorlesen durch den Leiter/die Leiterin
Lesen reihum
Lesen mit verteilten Rollen (sofern eine Geschichte das hergibt)
bei kürzeren Texten: mehrmaliges Lesen
Ich bevorzuge die erstgenannte Variante, weil dadurch der Spannungsbogen eines Textes/einer Geschichte besser gewahrt bleibt.
Ich wähle in einer mehrheitlich katholischen Gruppe meistens die Luther-Übersetzung, in einer mehrheitlich evangelischen Gruppe die Einheitsübersetzung, um die Hörgewohnheiten der Teilnehmenden zu „verstören“.
Zu 2: Wortgetreue Wiederholung
Die Gruppenmitglieder werden aufgefordert, den Text aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren – nicht dem Sinne nach, sondern wörtlich. Der Leiter/die Leiterin oder ein Gruppenmitglied achtet auf die korrekte Abfolge. Es ist erstaunlich, dass selbst bekannte Geschichten wie z.B, die Geschichte vom Brudermord (Gen 4) oder die Geschichte vom verlorenen Sohn (Luk 15) oft nicht in der wirklichen Abfolge „gewusst“ , sondern vom sog. Zielpunkt (skopus) der Geschichte rückwärts interpretiert werden. Auch Anfänge der Geschichte werden häufig nicht mehr erinnert, weil der Augenmerk auf dem (angeblichen) Zielpunkt des Textes liegt. Die Gefahr ist, dass bei dieser Zielgerichtetheit oft Dinge, die am Wege liegen, nicht mehr wahrgenommen werden.
Die Wort-Wörtlichkeit ist wichtig, um den Text in seiner Ganzheit und Wirklichkeit wahrzunehmen. Teilnehmende sagen immer wieder: „Diesen oder jenen Vers der Geschichte habe ich noch nie wahrgenommen!“ Wir hören oft nur das vermeintlich Bekannte und schließen so manches, was der Text auch noch zu bieten hat, aus.11
Diese Erkenntnis sollte barmherzig machen denen gegenüber, die einen Text/eine Geschichte der Bibel in einer Andacht, einer Predigt hören. Ich kann nicht davon ausgehen, dass jeder Hörer, den „wirklichen“ Text dann immer im Ohr hat.
