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Pfade in Einsamkeit ist die Uebersetzung des englischen Titels Pahths in Solitude von Eve Baker, 1995. Eve Baker hat mit ihrem Buch Pfade in Einsamkeit ein zugleich informatives und originelles Werk geschrieben. Es zeigt nicht nur profundes Wissen als Grundlage intellektueller Auseinandersetzung mit der großen monastischen Tradition, sondern zeugt von eigener spiritueller Erfahrung, die die Autorin freimütig aeußert. Dargestellt werden die verschiedenen Aspekte von Einsamkeit - ein Begriff, der mittlerweile fast nur negativ verstanden wird. Einsamkeit und Stille sind in unserer heutigen Gesellschaft kaum zu finden; wer einsam ist, gilt als absonderlich, kennt nicht die Spielregeln der Gesellschaft. Daher ist es von besonderem Interesse, wie die Autorin die Berufung zur Einsamkeit inmitten unserer geschaeftigen Gesellschaft sieht - sozusagen als Kontrapunkt zu den herrschenden Normen und Vorstellungen, moeglicherweise sogar als Korrektiv. Die Einsamkeit als solche erfaehrt hier eine Wertschaetzung, die nicht nur der modernen Gesellschaft, sondern auch unserem kirchlich-christlich gepraegtem Leben abhanden gekommen ist. Sie wird als eigener, unverzichtbarer Wert beschrieben; der uns in das Geheimnis unseres Lebens fuehrt. Die Berufung zur Einsamkeit kann der Ruf Gottes sein; wer diesem folgt, stellt sich gegen die Erwartung, permanent in Aktion zu sein. Denn auch aus christlicher Sicht zaehlt inzwischen vor allem der, der sich aktiv fuer andere einsetzt, sich engagiert und praktische Naechstenliebe uebt. Dieses Buch gibt einen sehr guten Ueberblick ueber das Leben der Einsiedler, ueber die Einsamkeit als solche und ueber die Einsamkeit im Laufe der Geschichte. Dabei geht der Blick der Autorin ueber das Historische hinaus in die Tiefe und laesst uns teilhaben am Wesen der Einsamkeit.
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Seitenzahl: 214
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Ahab erzählte Isebel alles, was Elija getan, auch dass er alle Propheten mit dem Schwert getötet habe. Sie schickte einen Boten zu Elija und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das antun, wenn ich morgen um diese Zeit dein Leben nicht dem Leben eines jeden von ihnen gleich mache. Elija geriet in Angst, machte sich auf und ging weg, um sein Leben zu retten. Er kam nach Beerscheba in Juda und ließ dort seinen Diener zurück. Er selbst ging eine Tagereise weit in die Wüste hinein. Dort setzte er sich unter einen Ginsterstrauch und wünschte sich den Tod. Er sagte: Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben; denn ich bin nicht besser als meine Väter. Dann legte er sich unter den Ginsterstrauch und schlief ein. Doch ein Engel rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Als er um sich blickte sah er neben seinem Kopf Brot, das in glühender Asche gebacken war, und einen Krug mit Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder hin. Doch der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal, rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich. Da stand er auf, aß und trank und wanderte, durch diese Speise gestärkt, vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Gottesberg Horeb. Dort ging er in eine Höhle, um darin zu übernachten. Doch das Wort des Herrn erging an ihn: Was willst du hier, Elija? Er sagte: Mit leidenschaftlichem Eifer bin ich für den Herrn, den Gott der Heere, eingetreten, weil die Israeliten deinen Bund verlassen, deine Altäre zerstört und deine Propheten mit dem Schwert getötet haben. Ich allein bin übriggeblieben, und nun trachten sie auch mir nach dem Leben. Der Herr antwortete: Komm heraus, und stell dich auf den Berg vor den Herrn! Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle.
1. Könige 19,1 – 13a
Einführung
Teil 1: Aspekte von Einsamkeit
Kapitel 1 Gesellschaft und Einsamkeit
Kapitel 2 Der Künstler als Einsamer
Kapitel 3 Physische Einsamkeit
Teil 2: Historische Wurzeln
Kapitel 4 Innere Einsamkeit
Kapitel 5 Der monastische Pfad
Kapitel 6 Reisende und Wanderer
Kapitel 7 Institutionen und Eremiten
Teil 3: Die christliche Einsamkeit
Kapitel 8 Die christliche Einsamkeit: eine neue Berufung?
Kapitel 9 Einsamkeit endecken
Kapitel 10 Praktische Einsamkeit
Kapitel 11 Das Gebet des Einsamen
Kapitel 12 Kontemplatives Leben
Anhang: Lektüre zum Thema
Eve Baker
Einsamkeit ist heute schwer zu finden. Die Berge, die einmal Orte der Einsamkeit waren, sind Spielplätze vieler geworden. Stadtkultur ist die vorherrschende geworden, und man fühlt sich nicht wohl, wenn man nicht in der Menge ist. Einsamkeit und Schweigen sind sowohl eine Bedrohung als ein Vorwurf. Die Probleme von heute, Krieg, Armut, Hungersnot und Verschmutzung der Umwelt drängen uns, eine gerechtere und stabilere Gesellschaft und ein nachhaltiges Universum zu installieren. Die religiöse Aufgabe wird heute darin gesehen, Gemeinschaft zu schaffen, in der Hoffnung, dass wir lernen mögen, zusammen in Frieden in unserer überbevölkerten Welt zu leben.
Es gibt viele, die umständehalber, wegen des Berufs, aus Krankheits- oder Altersgründen in einsamer Weise leben. Ihre Einsamkeit ist nicht notwendigerweise eine willkommene Erfahrung; sie kann als Vereinsamung oder Isolation von menschlichen Kontakten empfunden werden. Für solche ist Einsamkeit eine Erfahrung von Bitterkeit, unterstrichen durch moderne soziologische Theorie; wie die heutige Mode in der Spiritualität arbeitet sie mit einem Modell von Zusammengehörigkeit. Lag noch wie im Mittelalter vor fünfzig Jahren der Hauptaspekt der Spiritualität auf der Rettung der Seele eines Jeden, so ist es heute wichtig, dass jeder von seinem Unglück, seiner Armut und seiner Verhaltensstörung gerettet wird. Nach diesem Modell ist der einsame Mensch einer, der den Werten der Gesellschaft entfremdet ist.1 Das in der Medizin allgemein anerkannte Modell der Isolation, führt uns dazu anzunehmen, dass das was abgeschnitten ist, abweichend, eine Verirrung ist. Diejenigen, die einsam sind, sind krank, benachteiligt und unglücklich.
Und doch scheint es so, dass Einsamkeit nie so sehr gesucht worden ist wie heute. Hinter dieser Suche steht eigentlich nicht der psychische Druck des städtischen Lebens, der den Wunsch aufkommen lässt „weg von allem“ zu sein. Die meisten Leute heutzutage haben weit mehr Freizeit als unsere Vorfahren je kannten. Abwechslung und Szenenwechsel sind Teil des modernen Lebensmusters. Die Idee der Ferien hat ihre Wurzel in der jüdischen Institution Sabbat, der reguläre Tag, an dem Lasten niedergelegt werden, die Ruhe von täglicher Sorge. Das heutige Wochenende mit seiner rasenden Aktivität hat nicht denselben erholsamen Effekt. Das Vergnügen ist da, es ist der Frieden, der fehlt.
Aber die Retreat-Bewegung blüht auf; der Mensch sucht etwas, das er in seinem täglichen Leben vermisst, Stille und Einsamkeit. Sogar religiöse Kommunitäten, bei denen man doch mehr Stille und Einsamkeit als an anderen Orten erwarten würde, haben inzwischen ein oder zwei Caravans in Wäldern versteckt. Diese Suche nach äußerer Einsamkeit spiegelt die Suche nach innerer Einsamkeit, zu der sich eine wachsende Anzahl berufen fühlt. Diese immer umfangreicher werdende Bewegung scheint den heutigen Theologien entgegenzulaufen, die nämlich mit einem Bild von einem immanenten Gott arbeiten, einem der gefunden werden soll in den Anderen, den Ebenbildern der menschlichen Inkarnation Christi. Solche Modelle sind an die Stelle der früheren getreten, der Modelle von einem über der Welt thronenden Gott und göttlichem Herrscher, der sich in Hierarchie und Monarchie als menschliche Institutionen widerspiegelte. Diese Vorstellungen sind inzwischen leer und sinnlos geworden. Die tatsächliche Macht, die die alten Gebilde einmal beinhalteten, ist heute zu gesichtslosen internationalen Körperschaften übergegangen.
Heute ist Suche nach Einsamkeit eine Suche nach Gott, dem göttlich Anderen, der uns in das Mysterium von Gottes Sein zieht, jenseits von uns selbst. Schweigen und Einsamkeit weisen hin auf das Unbekannte, das was jenseits unserer täglichen Erfahrung von Lärm und Geschäft der modernen Welt ist. Einsam zu sein bedeutet nicht vom realen Leben zu fliehen, sondern sich des Mysteriums bewusst zu sein, das Teil des menschlichen Lebens ist. Das ganze Konzept dessen was wir unter Menschsein verstehen, beinhaltet die Dimension des Mysteriums. Die moderne wissenschaftliche Weltsicht trachtet danach, dieses Element des Mysteriums im menschlichen Leben auszuschließen; in der Praxis behandelt die moderne Medizin uns alle, als wären wir eine Sammlung von Körpern in unterschiedlichen Stadien des Verfalls, die wie Maschinen geflickt und repariert werden müssen, um wieder voll zu funktionieren. Psychologische Medizin behandelt Aspekte menschlichen Verhaltens mit der Absicht, dass der Mensch wieder zum „Normalen“ zurückkehrt. Normen sind natürlich statistische Fiktionen; nichtsdestoweniger bilden sie die Grenzen sozialer Akzeptanz, das Zwangsbett, wo man gestreckt oder gekürzt wird bis es passt.2
Wenn das Element des Mysteriums aus menschlichem Leben entfernt wird, sind wir eingeschränkt innerhalb der Grenzen menschlichen Wissens, in der Sphäre der Spezialisten, wo - um es populär auszudrücken - mehr und mehr über weniger und weniger bekannt ist. Mit Hilfe von Wissen halten wir uns das Mysterium vom Leib und räumen die Bedrohung weg, die unser Sein mit sich bringt. Die Experten bewachen die Welt und bewahren sie vor dem Risiko, nicht zu sein. Der Experte ist derjenige, der mehr weiß als die meisten.
Wissen in dem Sinn, wie wir es im Westen verstehen, ist Macht. Strukturen von Wissen sind die Art und Weise, durch die wir uns selbst in der Welt platzieren und Macht über die Existenzängste erlangen. In dieser Art nehmen wir uns selbst als Objekte, zähmen sie und machen sie und damit uns zu Werkzeugen unserer Bemühungen. Die westliche Zivilisation basiert auf dieser Idee von Herrschaft, vom Menschen, der das Zentrum und der Dreh- und Angelpunkt des Universums ist, vom Menschen als Maß aller Dinge. Im Zeitalter des Computers scheint die totale Kontrolle alles Wissens zum Greifen nahe zu sein. Wir sind einen langen Weg gegangen seit Kolumbus, dessen Freunde ihn davon abhalten wollten, sich jenseits der Grenzen der bekannten Welt zu bewegen, weil er sonst von der Kante in den Abgrund des Nichts fallen würde.
Doch ist es das tiefgreifende Mysterium menschlichen Lebens, das uns zu etwas macht, was mehr ist als nur ein Problem sozialer oder medizinischer Technik. Unser Anfang und unser Ende, unsere Geburt und unser Sterben sind mysteriöse Ereignisse, deren wir gewahr werden, wenn wir andere beobachten wie sie geboren werden oder sterben. Es ist das Element Mysterium, das das Thema von Religion ist; sie nähert sich ihm in erster Linie nicht mit Hilfe von Analyse oder Reduktion (obwohl diese beiden Methoden und andere in westlicher Religion vorhanden sind), sondern durch Ehrfurcht oder Anbetung, eine Anerkennung des Mysteriums jenseits des Wissens.
Die Sprache des Mysteriums ist Weisheit, nicht wissenschaftlicher Diskurs.3 Es ist die Tragödie der westlichen Kirche, dass sie ihren Glauben mehr in scientia, sicherem Wissen als in sapientia, Weisheit darstellt. Scientia sucht danach, die Grenzen des Mysteriums zurückzustoßen, sapientia sucht danach, das Mysterium zu präsentieren. Das ist die Funktion der Liturgie, welche nie auf das Niveau bloß menschlicher Angelegenheiten reduziert werden sollte. Die Orthodoxen Kirchen mit ihren Ikonostasen haben äußerste Betonung auf das Element Mysterium in ihrer Liturgie gelegt, was vielleicht das Geheimnis ihres augenblicklichen Reizes für westliche Sucher ausmacht. Westliche Liturgien in ihren Reformen der letzten zwanzig Jahre haben nach Bedeutung gesucht, auf Kosten des Mysteriums. Vielleicht ist es jetzt Zeit, ein paar Dichter anzuwerben, um die Sprache des Mysteriums wieder zu formulieren.4 Das tiefgreifende Mysterium Gottes bewegt sich wie ein Schatten jenseits der Grenzen der prosaischen Sprache. Wie in der Musik schaffen die stillen Sequenzen der Liturgie den offenen Raum für Gott.
Im Schweigen und in Einsamkeit entsteht der Sog, dem Mysterium Gottes zu begegnen. Man kann nicht das Mysterium in Worten fassen oder wie Jakob an der Furt (Gen 32,27)5 danach streben, den Namen zu wissen, um Macht zu haben (über das Mysterium, über Gott). Der / das Unbekannte bleibt jenseits unseres Verstehens. Vielmehr hat das Mysterium, hat Gott die Macht, uns zu sich zu ziehen; der ganz andere ist es, der unser ganzes Sein sucht. Dieses Schweigen und diese Einsamkeit begegnen uns vielleicht sprunghaft, als eine Erfahrung, die uns manchmal unter Druck setzt, oder es kann etwas sein, das besondere Anforderungen an unser Leben stellt. Man wird einsam, wenn man Ja sagt zu diesen Forderungen.
Der Einsame ist der Überbringer der Zukunft, dessen was noch nicht geboren ist, des Mysteriums, das jenseits des Lampenlichtkreises oder der Kante der bekannten Welt liegt. Es gibt einige, die in diese unbekannte Welt des Mysteriums einfallen und zurückkommen und Kunst hervorbringen. Das sind die schöpferischen Künstler, die Dichter, die uns ihre Vision des Mysteriums anbieten. Orpheus, der legendäre Dichter und Musiker, wird dargestellt als einer, der die Macht über das Mysterium und die natürliche Welt hat, der die wilden Tiere verzaubert, der Bäume rausreißt und Felsen von ihrem Platz rückt und Flüsse in ihrem Strom stoppt. Aber es gibt auch jene, die Einsamkeit zu ihrem Heim machen, die noch weiter in die innere Wüste ziehen, von der sie wohl kaum Kunstwerke mit zurückbringen. Das sind die Kontemplativen, jene die in das Herz des Mysteriums gezogen werden. Kontemplative haben keine Funktion und kein Amt. Sie sind in der Welt wie ein Fisch im Meer, um Katarina von Sienas Satz zu gebrauchen, als Teil des Mysteriums. Dass sie notwendig sind, ist durch die Tatsache belegt, dass sie in allen religiösen Traditionen existieren. Kontemplative sind in der Regel nicht zu Aktivität berufen. Sie sind nutzlose Leute und deshalb wenig verstanden in einer Welt, die alles nach Nützlichkeit und am Verkaufswert misst. Sie kommen nicht zurück und bringen Kunst hervor, wie etwa der Dichter, sondern sie bleiben in der Wüste, weisen auf das Mysterium hin, ziehen andere mit hinein.
Hinweis:
EB
bedeutet Eve Baker
WAL
bedeutet Wolfgang Albers
1. Der Fülle an Literatur in der Sozialanalyse und Beratung, ebenso an moderner Dichtung des 20. Jahrhunderts liegt dieses Modell zugrunde. Das deutsche Wort Einsamkeit beschränkt sich dabei dem Sinn nach auf Allein(gelassen)sein, Verlassenheit, Vereinsamung, was eher hinter dem englischen Wort loneliness steht.
Im vorliegenden Buch ist Einsamkeit (solitude) der Zustand, dem freiwillig zugestimmt wird, oft eine innere Haltung, die äußerlich in geschäftiger Umgebung möglicherweise nicht auszumachen ist. Es gibt einen Lebensstil, der als einsam bezeichnet wird. Und wenn er nicht ausdrücklich mit Anachoret, Eremit, Einsiedler, Mönch, Anchorit, Rekluse oder Prophet bezeichnet wird, ist er ein Einsamer (solitary). WAL
2. Vgl. die griechische Sagengestalt Prokrustes: der hinterhältige, aber mächtige Wegelagerer, der seine Gäste, die auf ihn hereinfallen, gewaltsam streckt, wenn sie für das Bett zu klein sind, oder gewaltsam kürzt, wenn sie zu groß sind.
3. Hölderlin beklagt seinen verhängnisvollen Irrtum, durch Wissenschaft dem Geheimnis des Lebens auf die Spur kommen zu können: „Ach, wär ich nie in eure Schulen gegangen! Die Wissenschaft, der ich in den Schacht hinunter folgte …, die hat mir alles verdorben. Ich bin bei euch so recht vernünftig geworden, habe gründlich mich unterscheiden gelernt, bin nun vereinzelt in der schönen Welt, ausgeworfen aus dem Garten, wo ich wuchs und blühte, und vertrockne.“ (F. Hölderlin, Hyperion, Erster Band, erstes Buch, a.a.O., S. 128)
4. Karl-Josef Kuschel, Vielleicht hält Gott sich einige Dichter, S. 11: „… damit das Reden von ihm jene heilige Unberechenbarkeit bewahre, die den Priestern und Theologen abhandengekommen ist.“, Mainz 1991
5. Abkürzungen der Bibelstellen entsprechen der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Stuttgart 2000; was Jakob an der Furt des Grenzflusses Jabbok „in der Einsamkeit der Nacht“ erfährt, beschreibt Heinz Zahrnt als unsere Grunderfahrung: „die Unverfügbarkeit menschlichen Daseins“, in: Von der Kraft der sieben Einsamkeiten (Hrsg. R. Walter), S. 99-104, Freiburg i. Br. 1984
Menschen begegnen Einsamkeit unterschiedlich. Die einen sehen sie als Vereinsamung, die als typisch moderne Erfahrung beschrieben wird. Aber Vereinsamung ist nicht Einsamkeit. Vereinsamung, anders als Einsamkeit, ist sozial bestimmt; man erfährt Vereinsamung als einen Mangel an sozialem Wert. Wir leben in einer Gesellschaft, die die Menschen weitgehend nach ihrem Nutzen für die Gesellschaft bewertet; Arbeitslose fühlen sich heute wertlos, weil sie keine bezahlte Anstellung haben, die der einzige Wert wäre, den sie kennen. Der Wert der Menschen ist ihr ökonomischer Wert geworden, ihre Fähigkeit, Reichtum für sich oder für andere anzuhäufen. Deshalb haben die sehr Jungen, die Alten und die Kranken keinen Wert und werden Bürger 2. Klasse.
Das Image eines jeden ist etwas, das von frühester Kindheit an aufgebaut wurde. Man ist in der Rolle geschlechtlicher und sozialer Stereotype festgelegt, bestimmt durch die Werte der eigenen Eltern, die sich durch ihre Lebensaussichten und ihren Status in der Gesellschaft ergeben. Zugegeben sind solche Rollen heute vielfältiger als sie zu Zeiten unserer Großeltern waren, als noch die mittelalterliche Vorstellung von „ständischem Leben“ galt; man war in eine soziale Rolle geboren, für einen gewissen Platz auf der Leiter bestimmt und diesem Status entsprechend gekleidet. Universale Erziehung und Marks and Spencer1 sind Teil der Revolution gewesen, die schließlich die mittelalterliche Welt umgestoßen hat. Nur in der Römisch-Katholischen Kirche ist so etwas noch sichtbar, hier ist noch von „ständischem Leben“ die Rede.
Feministische Schriftstellerinnen studierten die Rolle der Frauen in unserer Gesellschaft und haben gezeigt, dass das Selbst-Image vieler Frauen gänzlich ein soziales Konstrukt ist. Obwohl wir in der modernen Welt Frauen haben, die führende Geschäftsleute, Rechtsanwälte, Ingenieure, Ärzte und Pfarrer sind, sind viele von ihnen noch durch die übriggebliebene Schuld gelähmt. Ihr geschäftiges und wirtschaftlich erfolgreiches Leben bedeutet, dass sie nicht fähig sind, sich voll der einzigen Rolle hinzugeben, die die Gesellschaft bisher einer Frau erlaubte, die der Ehefrau und Mutter. So etwas ist die Last sozialer Konditionierung. Wir fühlen uns nicht zufrieden, bis wir des Images von uns im Spiegel der Anderen ansichtig werden.
Ohne diesen Spiegel sind wir vereinsamt und haben keine Idee unseres eigenen Wertes. Wir suchen Anerkennung unserer selbst und unserer Rolle in der Welt. Wir sind Sohn oder Tochter von jemand, Bruder von jemand, Mutter von jemand, Angestellter von jemand, Chef von jemand. Arbeitslosigkeit und Rente werfen uns aus der Welt der Arbeit mit ihrer Wertehierarchie und ihrer Bestätigung unserer Kompetenz und Bedeutung. Tod oder erzwungene Trennung entfernt uns von denen, die wir lieben und die uns lieben. Wenn uns unsere Ordnungen der Selbstbestätigung vorenthalten werden, sind wir vereinsamt; wir haben für niemanden einen Wert.
Diese Art Vereinsamung ist ein Leiden der modernen Gesellschaft und Teil von dem, was Marx „falsches Bewusstsein“ nannte, durch das der Mensch sich von einem wahrhaftigen menschlichen Bewusstsein entfernt. Wie flackernde Bilder beim Fernsehen erscheinen die Werte als echt, aber sie sind eine Illusion. Die politischen und religiösen Institutionen dieser Gesellschaft sind so eingerichtet, dass sie die Werte einer solchen Gesellschaft bestärken. Außerhalb jener Gesellschaft genießen sie keinerlei Wertschätzung. Sie bieten ein Mitspracherecht – streng begrenzt. Die einzige Alternative zu solchen Ordnungen wäre Revolution; die freilich läuft gewöhnlich darauf hinaus, dass die neue Gesellschaft ihre politischen Institutionen so reformiert, dass sie den alten wieder sehr ähnlich werden.
Religiöse Institutionen tendieren dazu, den Status quo und damit den göttlich geordneten Stand der Gesellschaft zu stärken, wie es sich in England mit der etablierten Kirche verhält; Kirche und Staat halten die Gesellschaft wie zwei Buchstützen. Immer hat es dieses institutionelle Element in der Religion gegeben, dem durch das prophetische Element widersprochen worden ist. Das stellt unerschütterlich fest, dass die Wahrheit nicht in der allgemein akzeptierten, komfortablen und konformistischen Lebensweise liegt. Der Prophet ist der Außenseiter, derjenige, der in der Wildnis haust, der mit einem Minimum an gesellschaftlicher Abhängigkeit auskommt und der angebotenen Komfort von sich weist. Als Einsamer kritisiert der Prophet die Gesellschaft im Namen einer höheren Autorität und einer weiteren Vision, wie die Gesellschaft sein könnte.
Was ist der Unterschied zwischen Vereinsamung und Einsamkeit? Vereinsamt ist einer, der sich benachteiligt fühlt, weil er nicht das bekommt, was ihm nach der gesellschaftlichen Vorstellung von Wirklichkeit zusteht. Der Einsame andererseits steht allein und sucht Bestätigung nicht in der Gesellschaft, sondern in der Vision von etwas Größerem jenseits dieser Gesellschaft. Die Einsamkeit selbst sorgt für die notwendige Distanz zum Saal der Spiegel.
Der Einsame ist nicht notwendigerweise einer, der sich aus der Gesellschaft zurückzieht, sondern einer der scharfen Auges die Institutionen der Gesellschaft wahrnimmt. Es gibt solche, die von Natur aus sozial unangepasst sind, jene die sich nicht in eine Übereinstimmung mit sozialen Normen haben sozialisieren lassen. Ihr unangepasstes Verhalten mag durchaus pathologische Elemente haben, aber unter ihnen sind jene, die so schöpferisch und originell sind, dass ihre besondere Art sie von sozialen Werten unabhängig macht. Ihre schöpferische Kraft kann sie oft Wege führen, die der Normale für komisch hält. Sie leben gewissermaßen ihre Kreativität auf Kosten dessen aus, was die meisten für das normale Leben halten. Aber ohne solche Leute wäre die größte Höhe menschlichen Geistes nie erreicht. Die großen Entdeckungen in Kunst, Musik, Literatur und Wissenschaft wären nie gemacht, und die tollsten technischen Errungenschaften, die wir in der heutigen Welt für selbstverständlich halten, wären nie entwickelt worden.2
Diese Erneuerer sind jene, die außerhalb der Welt stehen, mit der sich die meisten von uns abfinden. Ihre Augen richten sich auf den Horizont, hinter dem die Möglichkeit von etwas Neuem, etwas noch Unbekannten liegt. Sie bewegen sich immer in die Zukunft, in die Welt, die noch wird; das ist zwangsläufig ein Ort der Einsamkeit, der von wenigen Anderen bewohnt ist.
Es gibt auch jene, deren individuelle Unternehmung auf Kosten der Gesellschaft stattgefunden hat. Solche sind die Industriemagnaten, deren Fähigkeiten in den Dienst persönlichen Strebens nach Macht und der Anhäufung von Reichtum gestellt werden. Solche Männer (denn sie sind fast immer Männer) gab es in der Geschichte. In der Vergangenheit waren sie oft Soldaten und Eroberer; in der Jagd nach Macht und Status fegten sie über die Welt in einer Orgie der Vernichtung und Verhinderung intakter Gesellschaften. Alexander „der Große“ weinte, nachdem er sich demgrößten Teil der bekannten Welt seiner Zeit aufgedrängt hatte, weil es keine weiteren Welten zu erobern gab. Solche Männer sind in der Tat Einsame nach ihrer Wahl, denn alles, was sie anrühren, ist zu Asche geworden, und ihre Imperien, seien sie Militär- oder Geschäftsimperien, lösen sich nach ihrem Tod auf, und sie hinterlassen der Welt kein bleibendes Denkmal oder irgendeinen Nutzen.
Andererseits sind die Helden der klassischen Welt3 Einsame noch ganz anderer Art. Sie waren Männer, die berufen waren, Träger eines besonderen Schicksals zu sein, Gefahren und Leiden zu durchstehen. Freilich sind sie ganz menschlich, aber Archetypen des Exils, wie Odysseus, von tragischem Schicksal, wie Ödipus, von persönlicher Ehre, wie Achilles. Ihre übermenschlichen Eigenschaften führten dazu, dass ihnen ein Kult eingerichtet wurde und man ihnen Opfer darbrachte. Noch mehr verhält es sich so in späterer Zeit mit christlichen Heiligen, denen ein Altar errichtet und ein Kult mit Verehrung gestiftet wurde. Haben die Sporthelden von heute mit ihrer supergrellen Herrlichkeit dieselbe Macht, den menschlichen Geist anzusprechen?
Der Heldenkult des 19. Jahrhunderts war ein Führerkult. Viktorianische Helden und Heldinnen waren Typen für besondere Stärke und besonderen Mut, verbunden mit der Fähigkeit, sich selbst zu opfern, entsprechend einer unternehmerischen Gesellschaft, die den Erfolg, was man persönlich erreicht hat, betont. Ihr Triumph war ein Triumph des Willens über widrige Umstände. Anders als die, die in griechischen Geschichten dem Willen der Götter gehorchten und ihn ausführten, waren sie eher selbstgemachte Helden. Odysseus, wie ihn Homer darstellt,4 unternahm Reisen, deren Sinn er nicht verstand; er war eigentlich derjenige, der den kosmischen Konflikt zwischen Zeus, dem Gott einer geordneten und stabilen Welt, und Poseidon, dem Gott von Erdbeben und einem ruhelosen und unentwegt veränderlichen Meer, auszutragen hatte.
Helden von heute haben keine Macht, unsere Vision vom Leben zu erweitern; sie führen nur Kunststücke auf, mit denen wir uns indirekt identifizieren sollen. Begleitet von Fernsehkameras und ihrem unheroischen Team besteigen sie den Everest, überqueren den Atlantik allein, erringen sportliche Trophäen, sie treiben menschliche Durchhaltekraft zum äußersten und werden von allem erdenklichen Beistand moderner Wissenschaft unterstützt. Jenseits der Grenzen solcher Helden ist die Fiktion vom Supermann, der mit der Hilfe von Zaubermächten alle Hindernisse beseitigt und jeden Konflikt löst. Superfrau andererseits, so stellen wir nebenbei fest, ist nur diejenige, die es fertigbringt, alle Rollen, die die moderne Welt Frauen auferlegt, zusammenzuhalten.
Die Helden der Antike sind wie die christlichen Helden diejenigen, die eine besondere Last menschlichen Leids tragen, die aufleuchten lassen, wie menschliches Leben sich ändert und verwandeln lässt, und die auf einen Sinn jenseits bloß menschlichen Seins hinweisen. Sie sind Sinnstifter, Träger von Transzendenz.
Das ist die Funktion der Schamanen in „primitiven“ Gesellschaften, dass das Göttliche eine menschliche Realität wird. Wenn der Schamane in ekstatische Trance verfällt, dann ist er auf einer Reise in eine andere Geisteswelt, die der diesseitigen Sinn verleiht. Die Rolle des Schamanen als spiritueller Führer und Heiler hängt von dieser Fähigkeit ab, sich zwischen den beiden Welten, der sichtbaren und unsichtbaren, zu bewegen. Männer und Frauen werden gewöhnlich Schamanen nach einer Periode von Leiden oder Krankheit, die sich löst, wenn sie sich darauf einlassen, Werkzeuge, „Channels“ der Geister zu sein. Als solche sind sie Einsame.5
Leiden und Lastentragen scheinen zum Leben biblischer Propheten zu gehören. Ihre spirituelle Last war das Wort Gottes, das sie dazu bewegte, zum Volk zu sprechen, das aber lieber nicht auf solche störenden Dinge hören wollte. Amazja, der Priester von Bet-el, fordert Amos auf, wegzugehen und irgendwo anders zu prophezeien, aber nicht in Bet-el, dem königlichen Heiligtum und nationalen Tempel. „Ich bin kein Prophet“, antwortet Amos, „auch keines Propheten Sohn, sondern ich bin ein Hirte und ein Versorger von Feigenbäumen; aber Gott hat mich von der Herde weggeholt und zu mir gesagt: ‚Geh und prophezeie meinem Volk Israel‘ (Am 7,12-15). Der Druck des Geistes war unwiderstehlich. „Der Löwe hat gebrüllt, wer wird sich nicht fürchten? Der Herr hat gesprochen, wer kann anders als prophezeien?“ (Am 3,8).
Jesaia sagte: „Der Herr sprach zu mir mit seiner starken Hand über mir (Jes 8,11) und warnte mich, ich sollte nicht auf dem Weg dieses Volkes gehen.“ Einsamkeit war auf die Propheten geworfen. Jeremia klagt: „Ich bin den ganzen Tag über eine Witzfigur; jedermann macht sich lustig über mich. Denn immer, wenn ich spreche, schreie ich und rufe: ‚Gewalt und Zerstörung!‘ Denn das Wort des Herrn ist mir den ganzen Tag lang zum Vorwurf und zum Spott geworden. Wenn ich sage: ‚Ich will ihn nicht erwähnen, nicht mehr in seinem Namen sprechen‘, dann ist es in meinem Herzen so als wenn brennendes Feuer in meinen Knochen verschlossen wäre, und ich mag es nicht mehr darin halten, und ich kann es nicht“ (Jer 20,7-9).
Der Einsame hält zwei Welten zusammen: das Exil und den Ort, den er verlassen musste. Versöhnung der beiden mag die Aufgabe sein, die er immer erfüllen wollte, aber es gelang ihm nie. Der Einsame ist die Stimme, die in der Wildnis ruft; der Ruf ist notwendig, ebenso die Last, die ihm damit auferlegt ist, ob sein Ruf gehört wird oder nicht. Die Propheten waren von einer blendenden Vision von Gottes Wahrheit und Gerechtigkeit besessen, die Zustimmung forderte.
Ein Gefühl von Getrenntsein markierte die frühesten christlichen Gemeinschaften, die als jüdische Sekte begonnen hatten und sich im Laufe der Zeit von den Juden deutlich trennten, bis hin zur Bildung einer eigenen Körperschaft. Die ersten Christen hielten sich regulär zum Tempel und zur
