Pferdeinternat Inselglück - Liebe und Lampenfieber - Emma Norden - E-Book

Pferdeinternat Inselglück - Liebe und Lampenfieber E-Book

Emma Norden

5,0

Beschreibung

Mila hat Herzklopfen! Ihre Gefühle für Jan spielen verrückt. Bei den Proben zur Schulaufführung kommt sie ihm endlich näher. Doch dadurch vernachlässigt sie das Springtraining mit ihrem Hengst Adesso und hat immer weniger Zeit für ihre Freunde. Als auch noch Pony Renate krank wird, macht sie sich große Vorwürfe. Kann Mila Pferde, Freundschaft und Liebe vereinen? Die spannende Pferdebuch-Reihe für Mädchen ab 10 Jahren mit jeder Menge Ponys, Reitturnieren, Freundschaften und natürlich der ersten Liebe – mit viel Herz und Humor erzählt. Lesespaß für alle Ostwind- und Pferdefans.

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Herzklopfen

Mila rutschte wie ein nasser Sack von Adessos Rücken und ließ sich mitsamt ihrer Reitkappe auf dem Kopf ins Gras plumpsen. „Ich brauch ’ne Pause!“, stöhnte sie und wischte sich mit einer dramatischen Geste über die Stirn.

Adesso war Milas Verhalten offensichtlich nicht ganz geheuer. Er stupste sie mit dem Maul an, wie um zu fragen, ob es ihr auch wirklich gut ging.

Mila grinste. „Alles in Ordnung, mein Schöner … bis auf den Muskelkater, der meinen ganzen Körper lahmlegt. Ich kann mich kaum noch bewegen.“

Charly, Milas beste Freundin, ließ sich elegant von ihrer Stute Vanilla neben Mila ins Gras gleiten und lachte. „Ja, Tamara nimmt uns im Moment auch ganz schön hart ran. Ich glaube, ich bin in meinem Leben noch nie so viel geritten. Und das will echt was heißen.“ Sie deutete auf den Kirschbaum, der mitten auf der Wiese stand. „Lass uns in den Schatten gehen. Es ist so schrecklich heiß heute.“

Mila nickte und führte Adesso zu dem knorrigen Baum. Charly und Vanilla folgten ihnen.

Schon merkwürdig, wie schnell die Zeit seit ihrer ­Ankunft auf der Insel Marum vorbeigegangen war, dachte Mila. Und wie sich ihr Leben verändert hatte. Noch vor vier Monaten hatte sie weder Charly noch das Inselinternat gekannt. Sie hatte mit Mama und Papa auf dem Festland gelebt und so oft sie konnte ihr Pferd Adesso und ihr kleines Appaloosa-Pony Renate bei ihrer früheren Reitlehrerin Aurelie im Stall besucht. Doch als ihre Eltern beschlossen hatten, für ein Jahr mit Ärzte ohne Grenzen nach Kenia zu gehen, hatten sie gleichzeitig entschieden, dass Mila diese zwölf Monate auf Marum im Pferdeinternat Inselglück verbringen sollte. Nicht zuletzt, weil dort die Schwester von Milas Vater, Tante Caro, als Mathelehrerin arbeitete.

Zuerst hatte Mila sich heftig gegen diesen Plan gewehrt. Aber Aurelie hatte sie schließlich überzeugen können, sich das Internat wenigstens einmal anzusehen. Mittlerweile musste Mila zugeben, dass es ihr auf Insel­glück sehr gut gefiel. Besonders Charly, ihre neue beste Freundin, wollte sie nicht mehr missen. Und auch Tini, die Tochter von Tante Caro. Mila hatte ihre kleine Cousine richtig lieb gewonnen. Es war einfach zu niedlich, wie begeistert sie mit Renate spielte! Selbst das Reiten nahm Mila nun viel ernster. Obwohl sie zuvor noch nie professionellen Springunterricht gehabt hatte, war Tamara, ihre Reitlehrerin, sehr zufrieden mit ihren Leistungen. Das war für Mila aber noch nicht einmal das Wichtigste. Das Wichtigste war, dass ihr das Spring­training total viel Spaß machte – vorausgesetzt, sie hatte gerade keinen Muskelkater.

Mila rupfte einen Halm aus der Erde und steckte ihn sich zwischen die Zähne. Dann lehnte sie sich mit einem Seufzer gegen den Baum. Die raue, rissige Oberfläche des Stamms tat ihren müden Rückenmuskeln richtig gut. Eine Baum-Massage, fuhr es ihr durch den Kopf und sie lächelte. Sie atmete tief durch und beobachtete Adesso, dessen Fell in der Junisonne glänzte. Er mampfte in aller Ruhe Gras und wirkte völlig zufrieden. Das war wirklich einer dieser perfekten Momente, in denen einfach alles stimmte. Die Sonne, die Landschaft und die Menschen und Tiere um einen herum. Ein Moment, in dem man absolut gar nichts vermisste … Plötzlich spürte sie ein Ziehen in der Brust. Na ja, so ganz richtig war das nicht. Sie vermisste ihre Eltern und Aurelie. Dann gab es da noch jemanden … Jan.

Jan ging mit ihr in eine Klasse, wohnte aber nicht im Internat und nahm auch nicht am Reitunterricht teil. Und er war der süßeste und netteste Junge, den sie je getroffen hatte. Mit seinen blonden Strubbelhaaren und den braunen Augen erinnerte er Mila immer an einen großen ­Michel aus Lönneberga. Die Fischerhemden, die er so gerne trug, unterstrichen die Ähnlichkeit sogar noch.

Mila guckte verstohlen nach rechts zu Charly. Ob ihre Freundin wohl bemerkt hatte, dass sich gerade ein dickes Grinsen auf ihrem Gesicht breitgemacht hatte?

Doch Charlys Augen waren geschlossen.

Offensichtlich genoss auch sie die Ruhe und die Viersamkeit.

Mila überlegte: Vielleicht war das die Gelegenheit, mit Charly über die Jan-Sache zu sprechen?

Mila nahm den Halm aus dem Mund und kitzelte Charly damit am Hals.

„Hey, störe meine Kreise nicht!“, sagte Charly und schlug die Augen auf.

„Kreise? Welche Kreise?“, fragte Mila verdutzt.

„Ach, das ist nur so ein Spruch von einem uralten Griechen“, antwortete Charly.

„Es wird immer rätselhafter … Ich frage jetzt besser nicht weiter nach“, beschloss Mila. Sie hielt kurz inne, bevor sie fortfuhr. Dann nahm sie all ihren Mut zusammen und fragte: „Warst du eigentlich schon mal verliebt?“

Charly sah Mila verwundert an. „Na, das nenn ich mal Themen-Hopping. Von den alten Griechen zu meinen privaten Seelenlagen.“ Dann überlegte sie einen Moment und sagte: „Ich glaube, nicht richtig. Nicht mit nachts Wachliegen und Nicht-mehr-essen-können und so. Am Anfang des Jahres fand ich Jakob mal ganz süß. Aber das hat sich mittlerweile wieder gelegt. Jetzt mag ich ihn einfach nur noch wie einen Kumpel. Und du?“

„Deswegen frage ich ja“, antwortete Mila. „Mein Herz pocht immer so verrückt und zieht sich in alle Richtungen und dann hab ich immer wieder das Gefühl, wie auf Watte zu laufen. Wenn ich die Augen zumache, sehe ich blonde Wuschelhaare und alles Mögliche fliegt in meinem Bauch herum: Schmetterlinge, Hummeln … Hubschrauber. Manchmal ist mir auch richtig schlecht …“

„Dann ist es auf keinen Fall Verliebtheit“, schluss­folgerte Charly bestimmt.

„Du denkst also, ich habe eine fiese Krankheit?“, fragte Mila schockiert.

Charly sah Mila fest in die Augen. Dann lächelte sie. „Das ist auf jeden Fall Mega – Verliebtheit, wenn du mich fragst. Und lass mich raten: blonde Wuschelhaare? Oh girl, ich habe es ja gewusst. Du bist in Jan verknallt!“

„Ist das so offensichtlich?“ Mila sah beschämt zu ­Boden.

„Einer besten Freundin bleibt eben nichts verborgen“, meinte Charly tröstend. „Hast du es ihm schon gesagt?“

Mila hob erschrocken den Kopf. „Bist du vom wilden Pferd gebissen? Nein, natürlich nicht. Lieber werfe ich beim Turnier jede einzelne Stange! Das wär doch oberpeinlich!“

„Tja, dann wird es schwierig werden herauszufinden, ob Jan das Gleiche fühlt, oder?“

„Das will ich ja auch gar nicht herausfinden!“, rief Mila wütend. „Ich möchte diese blöde Verliebtheit wieder loswerden.“ Sie ballte die Fäuste und boxte in die Luft. „Geh weg, weg, weg!“, schrie sie.

Adesso sah besorgt auf und kam auf Mila zu.

„Hey, Mila, mach nicht die Pferde scheu.“

Mila stand auf und streichelte Adessos Hals. „Sorry, mein Schöner. Ich bin bald wieder die Alte …“

„Deine Wutausbrüche müsste Adesso doch inzwischen gewohnt sein.“ Charly konnte ein Kichern nicht unterdrücken. „Bestimmt gehen so auch deine ungeliebten Gefühle weg. Mit einer Urbrülltherapie.“

„Du meinst so eine Urschreitherapie für Menschen, die leicht wütend werden? Könnte mir gefallen.“ Mila grinste nun auch.

„Exakt. Kombiniert mit einer Abhärtungstherapie“, schlug Charly vor. „Soll bei Angst vor Spinnen ja Wunder bewirken. Vielleicht hilft es, dich jeden Tag mit Jan zu verabreden. Dann merkst du wahrscheinlich, dass er gar nicht so toll ist.“

Mila schüttelte den Kopf. „Also ich weiß nicht, Charly. Ich hab doch keine Angst vor Jan. Und glaubst du nicht, dass ich mich nur noch viel mehr verliebe, wenn ich mich jeden Tag mit ihm treffe? Nee, das ist eine Quark­idee.“

„Dann weiß ich auch nicht weiter.“ Charly blies sich eine rote Lockensträhne aus dem Gesicht. „Kirschbaum-Schatten hin oder her. Es ist so heiß, ich kann nicht mehr denken.“ Sie warf einen Blick auf ihre goldene, teuer aussehende Armbanduhr. „Wir haben noch eine gute Stunde bis zum Abendessen. Was meinst du, sollen wir noch an den Strand?“

Sobald sie das Wort „Strand“ hörten, spitzten Vanilla und Adesso die Ohren und drehten unternehmungs­lustig ihre Köpfe in Richtung Meer.

„Super. Vier zu null Stimmen für den Strand. Los geht’s.“

Mila schwang sich auf Adessos Rücken und Charly auf Vanillas.

Zuerst ritten sie wegen der stechenden Sonne langsam, als sie aber die Dünen hinter sich gelassen hatten und ihnen die salzige Meeresbrise um die Nase wehte, galoppierten sie los.

Mila liebte es, wenn der Sand unter Adessos Hufen nach hinten wegspritzte. Wie hatte sie nur früher ohne Strandausritte leben können? Nun wollte sie sie auf keinen Fall mehr missen. Und Adesso ging es genauso. Mila spürte, wie sie sich beim Galopp durch den weichen Sand entspannte. Hier musste sie sich keinen Reitregeln unterwerfen. Keine Tamara, die ihr sagte, dass sie ihre Fersen zwei Millimeter nach hinten nehmen und die Zügel im richtigen Moment loslassen sollte. Keine Hindernisse, die im korrekten Winkel übersprungen werden mussten. Nur auf die Strandkörbe und die Badegäste, die sich bei dem schönen Wetter häuften, mussten sie achtgeben. Herrlich! Mila hatte das Gefühl, dass mit jeder Welle, die an den Strand rollte, auch ein wenig Glück in sie hineinschwappte. Selbst Adesso war nicht wiederzuerkennen. Sobald er an seinen Hufen das Wasser spürte, schien er sich wieder in ein junges Fohlen zu verwandeln, das he­rumtollte, kleine Bocksprünge machte und einfach gar nicht genug vom Planschen bekommen konnte. Mila hörte die Badegäste lachen, als Adesso mit dem Maul durchs Wasser fuhr und Vanilla nass spritzte.

„Hey, du ungezogener Festlandhengst!“, rief Charly und hob drohend den Zeigefinger. „Lass dich bloß nicht noch mal dabei erwischen, sonst kriegst du von mir keine Karotten mehr.“

Adesso schnaubte und stampfte mit dem Huf auf. Diesmal traf der Schwall Wasser Charlys Reithose.

„Also, echt, du bist unmöglich, Brauner!“ Charly wendete und ritt zurück an den Strand.

„Gut gemacht!“, flüsterte Mila Adesso ins Ohr. „Und um Karotten musst du dir zum Glück keine Sorgen ­machen. Tini schleppt die kiloweise für Renate an. Da fallen für dich immer welche ab.“

Adesso nickte, als hätte er verstanden.

„Wir müssen zurück!“, rief Charly. „Zumindest, wenn wir noch eine Chance auf Frau Käthes Nudeln haben wollen.“

„Wir kommen!“, rief Mila zurück. Beim Gedanken an die leckeren Tagliatelle bolognese, die ihnen die Köchin des Internats, Frau Käthe, versprochen hatte, knurrte ihr der Magen. Und diesmal, da war sie sich ganz sicher, war es kein Hubschrauber der Fluglinie Jan Petersen.

Extra-Sondertraining

Als Mila und Charly durch das schmiedeeiserne Tor von Inselglück ritten, kam ihnen Tini auf Renate entgegen. Sie winkte Mila und Charly schon von Weitem zu.

Mila wunderte sich. Tini sah heute ganz normal aus … T-Shirt und Leggings. Und auch an Renate konnte sie kein einziges Stückchen Kostüm oder Schmuck erkennen. Nanu? Ihre kleine Cousine hatte doch sonst jeden Tag eine andere Idee, wie sie sich selbst und Renate ­verkleiden konnte.

„Tini, warum seid ihr heute denn nackt?“, versuchte Mila der Sache auf den Grund zu gehen.

„Wie meinste das denn?“, fragte Tini und blickte ­erschrocken an sich herunter.

„Ich meine, warum seid ihr nicht verkleidet wie sonst immer?“

„Ach so. Sag das doch gleich“, meinte Tini erleichtert. „Puh, für einen Moment hab ich echt geglaubt, ich hätte vergessen, mir ’ne Hose und ein T-Shirt anzuziehen. Nee, heute Morgen wollte ich Renate als Mammut Manni verkleiden und mich als Sid, das Faultier. Du weißt schon, die aus Ice Age. Aber sie hat den Pelz immer wieder ab­geschüttelt. Keine Ahnung, warum.“

„Vielleicht, weil es heute mit 33 Grad Celsius alles andere als Ice Age ist?“, warf Charly ein.  „Renate hat bestimmt ohnehin schon mit ihrem dicken Fell zu kämpfen.“

„Könnte sein“, grübelte Tini. „Oder die Schaumstoff-Mammutzähne waren ihr irgendwie im Weg.“

„Durchaus möglich.“ Mila grinste. „Ich persönlich glaube, es war eine Mischung aus beidem.“

„Morgen probiere ich Hui Buh. Da brauch ich nur ein Laken, das ist ihr bestimmt lieber“, überlegte Tini. Dann fasste sie sich an die Stirn. „Oh Mann, jetzt hab ich vor lauter Mammut vergessen, dass ich euch sagen soll, dass Luke heute Abend ein Extra-Sondertraining angesetzt hat. Ihr sollt nach dem Abendessen mit den Pferden auf die Weide kommen. Aber ihr braucht sie nicht zu satteln oder zu trensen.“

Oh nein. Mila hatte sich so auf ein bisschen Quatschen im Gemeinschaftsraum gefreut. Und auf eine lange kalte Dusche mit dem neuen tollen afrikanischen Peeling, das ihre Mutter ihr aus Kenia geschickt hatte. Und jetzt noch ein Training? Übertrieben es Luke und Tamara nicht ein wenig? Klar, das große Jahresabschluss-Turnier rückte immer näher und vorher hatte Tamara sie noch für ein Turnier auf dem Festland angemeldet. Aber zwei Trainingseinheiten an einem Tag? Nein danke. So weit reichte Milas Ehrgeiz nicht. Andererseits: auf die Weide ohne Sattel? Das klang nicht nach einem normalen Training, tröstete sie sich. Sie blickte zu Charly, die mit versteinerter Miene auf Vanilla saß. Die schien von dem Sonder-­Extratraining auch alles andere als begeistert zu sein.

„Die spinnen, die Trainer“, meinte sie düster. „Da bleibt uns nur, uns gleich ins Getümmel um die Pasta zu werfen, um nachher nicht vor Schwäche vom Pferd zu plumpsen.“

„Pasta?“, sagte Mila aufgeregt. „Auf geht’s!“ Sie ritten los in Richtung Ställe.

Tini schnalzte mit der Zunge und auch Renate setzte sich langsam in Bewegung.

„Genau!“, rief sie Mila und Charly hinterher. „Basta! Sagt meine Mama auch immer.“

Zwei Stunden später führten Mila und Charly ihre Pferde auf die große Weide hinter dem Stall. Franzi und ihr schwarzer Hengst Black Velvet warteten schon.

„Das Essen war meine Rettung“, sagte Charly. „Jetzt ist es zumindest möglich, dass ich die Stunde überlebe.“

„Ja, die Nudeln und die kalte Dusche“, flüsterte Mila zurück. „Ich bin echt mal gespannt, was jetzt kommt.“

„Und ich erst“, meinte Franzi, die sich trotz der Hitze in ein hautenges schwarzes Reiterdress gepresst hatte. Man musste schon genau hinsehen, um zu erkennen, wo Franzi aufhörte und Black Velvet begann. „Ich hab das doch richtig verstanden, oder? Luke wird heute beim Training dabei sein?“

Mila nickte. „Zumindest hat Tini uns das gesagt.“ Sie zwinkerte Charly zu. Franzi hätte es zwar nie zugegeben, aber es war ziemlich offensichtlich, dass ihr Luke, der Trainer für Natural Horsemanship, ziemlich gut gefiel. Mila konnte sie sogar ein wenig verstehen. Luke sah toll aus und er war unglaublich nett. Besonders faszinierend war sein Umgang mit Pferden. Er ritt sein Pferd, Jolly Jumper, nur ohne Zügel und ohne Sattel. Jolly reagierte allein auf Lukes Gewichtsverlagerungen und auf seine Stimme. Luke war wie ein echter Pferdeflüsterer. In den letzten Wochen hatte er auch Mila und Adesso geholfen. Sie hatten vorher schon eine tolle Beziehung gehabt, aber nun verstand Mila ihr Pferd umso besser. Und Adesso sie natürlich auch. Kein Wunder also, dass Franzi sich in ihn verguckt hatte.

Nach und nach trudelten Milas restliche Klassenkameraden ein. Mark und Jakob, die ungleichen Zwillingsbrüder, mit ihren Pferden Feuerfuchs und Windfuchs, Nele auf ihrem Schimmel Fairy, Isa und ihre Stute Melodie und zum Schluss Michel und Pferdinand.

„Hey, was willst du hier?“, fuhr Mark Michel an.

Michel blieb ganz ruhig. „Nach was sieht es denn aus? Ich trainiere hier.“

Mark trat ganz nah an Michel heran und zischte: „Ich habe aber überhaupt keinen Bock darauf, dass du bei uns mitmachst, verstanden? Wenn du in deinem Schneckentempo durch den Parcours reitest, raubst du uns nur wertvolle Übungszeit. Das nervt mich schon an Mila. Aber dass jetzt auch noch du im Weg stehst, finde ich total beschissen!“

Er packte Michel am Kragen, aber der ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und lächelte weiter.

Das schien Mark noch mehr zu provozieren. Sein Mund wurde zu einem schmalen Strich. „Dein Lachen wird dir schon noch vergehen, dafür sorge ich.“

„Willst du mir etwa drohen?“, fragte Michel. „Das würde ich an deiner Stelle sein lassen …“

„Lass ihn in Ruhe!“, rief Jakob, Marks Zwillingsbruder, und zog Mark von Michel weg. „Was soll das denn?“

Mila klammerte sich erschrocken an Adessos Mähne. Ob die anderen wohl genauso dachten wie Mark? Nein, das konnte sie sich nicht vorstellen. Nicht mal Nele, die ihr am Anfang das Leben im Internat ganz schön schwer gemacht hatte. Ganz plötzlich, als würde sich in Mila ein Schalter umlegen, wurde sie wütend. Und zwar so wütend, dass sie nicht mehr klar denken konnte und ihrem Zorn einfach freien Lauf ließ.

„Du tickst doch nicht mehr richtig!“, schrie sie Mark an. „Bist du dermaßen von Ehrgeiz zerfressen, dass du überhaupt nicht raffst, dass Michel und ich gar nicht in derselben Prüfungsklasse wie ihr anderen antreten? Wir sind also keine richtige Konkurrenz für euch. Und wenn du denkst, dass du nicht genug trainieren kannst, brauchst du ja das Gemeinschaftszimmer in den nächsten Wochen abends nicht mehr zu betreten und kannst in der Zeit allein weitertrainieren. Ich werde dich sicher nicht vermissen. Und ich glaube, die anderen können auf Typen wie dich auch gut und gerne verzichten.“ Mila sprangen vor Zorn Tränen in die Augen.

Michel lief zu ihr. „Coole Ansage, auch wenn das bei der Hitze irgendwie ein Widerspruch zu sein scheint“, sagte er lächelnd und legte ihr den Arm um die Schulter. „Hey, du zitterst ja.“

Erst jetzt merkte Mila, wie aufgeregt und wütend sie war. Michels Arm um ihre Schultern beruhigte sie jedoch fast augenblicklich. Wie machte er das nur? War es seine ruhige Stimme? Oder diese unglaubliche Gelassenheit? Egal, auf jeden Fall tat es gut und die Wutwellen ebbten langsam ab.

„Ja, genau. Tut euch zusammen, dann wird vielleicht mal ein ganzer Reiter aus euch“, ätzte Mark weiter.

„Was ist denn hier los?“, fragte Luke, der sich auf Jolly Jumper näherte, und den letzten Satz gehört hatte.

„Schon gut“, sagte Michel. „Wir haben das schon unter uns geklärt. Alles in bester Ordnung.“

Luke musterte Mila, deren Augen rot und verweint aussahen. „Wirklich?“, wollte er wissen.

Mila durfte Michel jetzt nicht enttäuschen. Sie zwang sich zu einem Lächeln und versuchte, ihre Stimme so ­locker wie möglich klingen zu lassen. „Klar, was soll schon sein? Es kann losgehen.“

„Äh, Luke, womit eigentlich?“, flötete Franzi mit hoher Stimme und legte ihren Kopf schief. Dann schmiegte sie sich an Black Velvets Hals.