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Kurd Laßwitz' Buch "Phantastische Zukunftsgeschichten" ist eine Sammlung von visionären und erfinderischen Erzählungen, die den Leser in eine Welt der Science-Fiction entführen. Mit seinem präzisen und detaillierten Schreibstil malt Laßwitz faszinierende Bilder von zukünftigen Gesellschaften und Technologien. Die Geschichten erkunden Themen wie Raumfahrt, Künstliche Intelligenz und Zeitreisen auf eine Weise, die sowohl unterhaltsam als auch grundlegend nachdenklich ist. In der deutschen Literatur gilt Laßwitz als einer der wichtigsten Pioniere des Genres und diese Sammlung zeigt seine kreative Genialität in voller Pracht. Phantastische Zukunftsgeschichten ist ein Meisterwerk, das sowohl Liebhaber der Science-Fiction als auch literarische Kenner gleichermaßen faszinieren wird. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Seitenzahl: 197
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Books
Phantastische Zukunftsgeschichten versammelt eine maßvoll kuratierte Auswahl von Texten Kurd Laßwitz’, eines prägenden Pioniers der deutschsprachigen Zukunftsliteratur. Die hier gebündelten Stücke zeigen den Autor als Forscher der Möglichkeiten, als skeptischen Moralist und als heiteren Spieler mit Ideen. Enthalten sind unter anderem Unverwüstlich, Jahrhundertmärchen, Der gefangene Blitz, Das Lächeln des Glücks, Die drei Nägel, Der Schirm, Die entflohene Blume, Unser Recht auf Bewohner anderer Welten, Die Universalbibliothek, Die Fernschule, Der Traumfabrikant, Prinzessin Jaja! und Auf der Seifenblase. Gemeinsam öffnen sie ein Panorama, in dem Neugier, Erkenntnislust und gesellschaftliche Verantwortung in wechselnden Formen aufeinandertreffen.
Ziel dieser Zusammenstellung ist es, einen kompakten, doch repräsentativen Zugang zu bieten. Sie versteht sich nicht als vollständige Ausgabe, sondern als konzentriertes Lesebuch wesentlicher kürzerer Prosastücke und Reflexe seines Denkens. Viele der Texte erschienen ursprünglich in Zeitschriften oder in zeitgenössischen Sammelbänden; hier stehen sie nebeneinander, um Spannweiten sichtbar zu machen: vom spielerischen Märchen bis zur nüchternen Denkerzählung, vom satirischen Einfall bis zur gedanklich geschärften Skizze. Der Band will die Vielfalt erfahrbar machen und zugleich ein konsistentes Profil zeichnen: Laßwitz als Autor, der das Mögliche prüft, indem er das Alltägliche mit dem Unerhörten in produktive Reibung bringt.
Die vertretenen Gattungen und Tonlagen sind bewusst heterogen. Neben Erzählungen im klassischen Sinn finden sich moderne Märchen, satirische Miniaturen und Texte mit deutlich essayistischem Charakter. Unser Recht auf Bewohner anderer Welten entfaltet eine argumentierende Haltung, während Die Universalbibliothek als Gedankenspiel in erzählerischer Form auftritt. Andere Stücke nutzen eine märchenhafte Oberfläche, um erkenntnis- oder sozialkritische Fragen zu verhandeln. Diese Wechsel der Textsorten folgen keiner Willkür, sondern einem gemeinsamen Impuls: Fiktion dient als Versuchsanordnung, in der Begriffe, Werte und Möglichkeiten überprüft werden, ohne dass die erzählerische Spannung der bloßen Illustration geopfert wird.
Verbindende Themen sind die Wege des Wissens, die Ethik des Fortschritts und die menschliche Maßstäblichkeit vor dem Ungeheuren. Laßwitz interessiert, wie Neugier in Verantwortung übergeht, wie Zufall und Gesetzmäßigkeit einander durchdringen und wie Sprache, Bilder und Modelle Wirklichkeit formen. Nicht selten wählt er Dinge des Alltags – einen Schirm, eine Seifenblase, eine Blume – als Einstieg und erhebt daraus einen Blick, der in größere Horizonte übergeht. Dabei bleiben seine Ausgangssituationen klar umrissen; die Entwicklungen, die folgen, zielen weniger auf Überraschungseffekte als auf Einsicht, die sich Schritt für Schritt erschließt und vertieft.
Stilistisch verbindet Laßwitz präzise, unpathetische Prosa mit leiser Ironie und didaktischer Geduld. Er bevorzugt schlüssige Prämissen, sorgfältige Übergänge und eine Sprache, die technische oder philosophische Begriffe sparsam, aber treffend einsetzt. Die Rätsel seiner Geschichten liegen selten im Geheimnisvollen, sondern im gedanklichen Gehalt; das Wunder entsteht aus Plausibilität. Zugleich erlaubt er sich humorvolle Brechungen und eine freundliche Skepsis gegenüber modischen Gewissheiten. Diese Mischung macht seine Texte zugänglich und anspruchsvoll zugleich: sie sind einladend erzählt und zugleich so gebaut, dass sie zum Mitdenken verführen und Gesprächsanlässe über die Lektüre hinaus schaffen und tragen.
Die anhaltende Bedeutung dieser Stücke liegt in ihrer Fähigkeit, über ihre Entstehungszeit hinaus Fragen zu formulieren, die uns weiter beschäftigen: Wie ordnen wir Wissen? Wie lernen und kommunizieren wir über Abstand hinweg? Welche Regeln geben wir dem Umgang mit dem Fremden? Motive wie eine umfassende Bibliothek oder eine Fernschule gewinnen heute neue Lesbarkeit, ohne dass die Geschichten auf aktuelle Technik verkürzt würden. Sie erinnern daran, dass Fortschritt eine kulturelle Praxis ist und dass Zukunft nicht bloß an Geräten hängt, sondern an der Art, wie wir Hypothesen prüfen, Irrtümer korrigieren und Maßstäbe aushandeln.
Die Texte dieser Sammlung sind unabhängig voneinander lesbar und doch in ihrem Zusammenspiel erhellend. Man kann sie einzeln kosten, als präzise formulierte Denkanstöße, oder nacheinander, als langsame Entfaltung einer Haltung zur Welt. Sie laden ein, Fragen zu stellen, statt Antworten zu fixieren, und setzen darauf, dass Lektüre ein Experiment in offenem Ausgang ist. Wer Laßwitz neu entdeckt, findet hier einen geeigneten Einstieg; Kennerinnen und Kenner werden Verbindungen und Kontraste neu wahrnehmen. So versteht sich dieser Band als Einladung zu einem Gespräch über Möglichkeiten – ernsthaft, heiter und der Zukunft zugewandt.
Kurd Laßwitz (1848–1910) studierte Mathematik, Physik und Philosophie in Breslau und Berlin und lehrte am Ernestinum-Gymnasium in Gotha; er gilt als Vater der deutschsprachigen Science-Fiction. Seine Phantastische Zukunftsgeschichten entstanden im Kontext des deutschen Kaiserreichs (ab 1871) und der Gründerzeit, als Industrialisierung, Urbanisierung und neue Medien Alltagsvorstellungen umformten. In Gotha, mit seiner astronomischen Tradition um die Seeberg-Sternwarte, verband Laßwitz Bildungsauftrag und spekulative Literatur. Die in der Sammlung vereinten Texte wie Unverwüstlich, Der gefangene Blitz, Die Universalbibliothek oder Auf der Seifenblase spiegeln zugleich Begeisterung und Skepsis gegenüber dem beschleunigten Wissens- und Technikbetrieb, der die kulturelle Debatte über Fortschritt, Moral und gesellschaftliche Teilhabe prägte.
Die Elektrifizierung der Städte, das Licht der Glühlampe (Edison 1879), die Erprobung des Wechselstroms (Tesla, Westinghouse), die Entdeckung elektromagnetischer Wellen durch Heinrich Hertz in Karlsruhe und Bonn (1887–1889) sowie Röntgens X-Strahlen in Würzburg (1895) lieferten Laßwitz zentrale Impulse. Sie machten Wetter, Energie und Kommunikation zu gestaltbaren Größen und nährten zugleich Ängste vor Kontrollverlust und Entfremdung. Motive gebändigter Naturkräfte, schützender oder gefährlicher Apparate und der Ambivalenz technischer Wunder finden sich quer durch Erzählungen der Sammlung, etwa in Der gefangene Blitz, Der Schirm oder Unverwüstlich, wo technische Kühnheit stets an ethische Prüfungen und soziale Folgen rückgebunden wird.
Die astronomischen Debatten der 1870er und 1890er Jahre über Planetensysteme, die berühmten Marskanäle bei Giovanni Schiaparelli (1877) und die populären Spekulationen von Percival Lowell prägten die Frage nach Bewohnern anderer Welten. Zugleich knüpfte Laßwitz an die kosmopolitischen Perspektiven der Aufklärung an, die in Gotha, Weimar und Jena ein lebendiges Erbe hatten. In diesem Klima entwickelte er die Idee eines naturwissenschaftlich informierten Respekts vor dem Fremden. Texte wie Unser Recht auf Bewohner anderer Welten verhandeln, im Horizont von Völkerrecht und Kolonialkritik, Verantwortlichkeiten einer Kontaktaufnahme und spiegeln so die Spannung zwischen wissenschaftlicher Neugier, moralischem Universalismus und imperialer Gegenwart.
Parallel wuchs die Informationsordnung: Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Leipzig, die Preußische Staatsbibliothek in Berlin, die Dewey-Notation (1876) und die internationalen Dokumentationsinitiativen um Paul Otlet und Henri La Fontaine (ab 1895) zielten auf umfassende Erschließung des Wissens. Die Reichspost modernisierte Verkehr und Fernmeldewesen, wodurch Bildung und Forschung beschleunigt vernetzt wurden. Vor diesem Hintergrund imaginieren Die Universalbibliothek und Die Fernschule die Demokratisierung des Zugangs zu Texten und Unterricht. Laßwitz denkt die Utopie technischer Verfügbarkeit stets mit: Ordnung kann befreien, aber auch uniformieren; Distanzlernen eröffnet Teilhabe, stellt jedoch Autorität, Prüfungspraxis und die soziale Dimension des Lernens infrage.
Die gesellschaftliche Frage im industriellen Kaiserreich, Streiks und Arbeiterbildung, das Gothaer Programm der Sozialdemokratie 1875 und die Anti-Sozialistengesetze 1878–1890 bildeten den politischen Hintergrund, gegen den Technikutopien gelesen wurden. Weltausstellungen in Paris 1889 und 1900 ästhetisierten Fortschritt, während Konsum und Reklame neue Traumwelten eröffneten. Laßwitz reflektiert diese Ambivalenz zwischen Emanzipationshoffnung und Warenzauber literarisch; der Traum als Ware, Glücksversprechen und Illusion – etwa in Jahrhundertmärchen, Das Lächeln des Glücks oder Der Traumfabrikant – verweist auf die Formation einer modernen Vergnügungsindustrie, die Zeit, Aufmerksamkeit und Begehren rationalisiert und damit neue, subtilere Abhängigkeiten erzeugt.
Philosophisch stand Laßwitz an der Schnittstelle von Naturforschung und Neo-Kantianismus. Als Autor der Geschichte der Atomistik von Demokrit bis Dalton (1890) kannte er die wissenschaftstheoretischen Kontroversen um Energetik (Ostwald), Materialismus und Monismus (Haeckel). Seine Erzählungen prüfen mithin nicht nur technische Plausibilität, sondern auch die Bedingungen von Erkenntnis, Freiheit und Verantwortung. Wenn Titel wie Die drei Nägel oder Die entflohene Blume das Wunderbare streifen, geschieht dies häufig als Versuchsanordnung zur Erörterung von Gesetzmäßigkeit und Ausnahme. Das spiegelt sich auch in normativen Entwürfen wie Unser Recht auf Bewohner anderer Welten, wo kosmische Neugier rechtlich-ethisch domestiziert wird.
Der deutschsprachige Buchmarkt mit Zentren in Leipzig und Berlin, Zeitschriften wie Die Gartenlaube und populärwissenschaftliche Reihen boten Laßwitz ein gebildetes, bürgerliches Lesepublikum, in dem Lehrerinnen und Lehrer, Ingenieurinnen und Ingenieure sowie aufstiegsorientierte Angestellte stark vertreten waren. Gegenüber Jules Verne und H. G. Wells blieb seine Rezeption bescheidener, doch würdigten Kritiken die didaktische Klarheit und moralische Reflexion seiner Zukunftsentwürfe. Mehrere der hier versammelten Stücke kursierten zunächst in Periodika, bevor sie in Sammelbänden erschienen. Diese Publikationswege formten die Erwartung einer Literatur, die belehrt und unterhält, und festigten den Ruf des Autors als seriöser Popularisator.
Die späten Jahrzehnte des Kaiserreichs, geprägt von Weltpolitik, Flottengesetzen und kolonialen Expansionen, verschärften die Frage, ob technische Macht zwangsläufig zu Herrschaftsstreben tendiert. Laßwitz antwortete mit satirischer Distanz und normativer Skepsis, die sich in Stoffen mit höfisch-gesellschaftlicher Chiffrierung wie Prinzessin Jaja!, aber auch in Motiven fragiler Balance wie Auf der Seifenblase niederschlägt. Sein Tod 1910 bewahrte ihn vor der Erfahrung des Krieges; dennoch lasen Weimarer und spätere Generationen die Erzählungen als Vorboten moderner Ambivalenzen. Die heutige Sammlung bündelt diese Perspektiven und macht sichtbar, wie eng wissenschaftliche Imagination, Rechtsethik und Alltagsmoderne in seinem Werk verschränkt sind.
Geräte und Verfahren bändigen Naturkräfte oder versprechen Schutz und Glück, vom eingefangenen Strom bis zum schützenden Schirm und der Idee der Unverwüstlichkeit.
Der Ton schwankt zwischen staunender Technikfreude und nüchterner Skepsis; im Fokus stehen Kontrolle, Risiko und die dünne Grenze zwischen Erfindungsgeist und Hybris.
Märchenhafte Stoffe dienen als Spiegel moderner Gesellschaft, um Konventionen, Machtdispositive und Fortschrittsgläubigkeit spielerisch zu befragen.
Leicht ironisch, pointiert und moralfokussiert zeigen die Texte, wie kleine Regeln und Worte große Wirkungen entfalten und Rationalität gegen Gewohnheit antritt.
Ungewöhnliche Perspektiven und Personifikationen machen physikalische und biologische Phänomene anschaulich, wenn eine Blume entkommt oder eine Reise über eine Seifenblase führt.
Die Mischung aus kindlicher Neugier und populärwissenschaftlicher Klarheit erzeugt sanfte Satire; zentral sind Maßstabwechsel, Wahrnehmung und die Würde des Lebendigen.
Fernunterricht und die Produktion von Träumen erkunden, wie Technik Lernprozesse und innere Bilder formt.
Der Ton ist verspielt und warnend zugleich: Demokratisierung von Bildung trifft auf Standardisierung der Erfahrung und die Lenkbarkeit der Aufmerksamkeit.
Ein Katalog aller möglichen Bücher und die Frage nach Rechten gegenüber außerirdischen Bewohnern werden als klare Versuchsanordnungen über Erkenntnis, Wahrscheinlichkeit und Verantwortung entfaltet.
Die Texte argumentieren präzise und nüchtern, öffnen aber imaginäre Horizonte: Wissen erscheint als kombinatorische Weite, Ethik als notwendige Grenze von Macht.
Wiederkehren die Spannung zwischen Fortschrittseuphorie und Vorsicht, das Experiment als Erzählform, und der Perspektivwechsel vom Kosmos bis zum Mikrokosmos.
Stilistisch verbindet die Sammlung sachliche Argumentation mit heiterer Ironie und anschaulicher Allegorie, um große Ideen in alltagsnahen Szenarien erfahrbar zu machen.
Was marterst du das arme Hirn Mit Fragen und mit Schlüssen? Komm her und laß dir von der Stirn Die finstern Falten küssen! Mit Sorgen hast du nachgedacht Dem Laufe dieser Dinge Und zweifelst, ob der Liebe Macht Den Weltprozeß bezwinge?
Wenn ich dir in die Augen schau', Die lieben, klaren Augen, Dann wissen wir ja ganz genau, Warum wir für uns taugen. Wir waren stets uns zugesellt, Willst du dich recht entsinnen, Seitdem im Raum sich dehnt die Welt Und seit die Zeiten rinnen.
Ich glaube, daß du neben mir Zum Zentrum dich gerichtet Zuerst, da als Atome wir Zur Sonne uns verdichtet. Wir flogen dort schon Arm in Arm Beim ersten Gravitieren, Und wurden so gemeinsam warm Und konnten oszillieren.
Und als der Nebelring in Glut Geschleudert ward ins Weite, Nicht sank uns der Atomen-Mut, Du flogst mir zum Geleite. Und als die Erde sich geballt, Da hielt es uns nicht länger, Uns band der Liebe Vollgewalt Im Molekül noch enger.
Doch ach, entsetzlich war die Zeit, Kaum mag ich mich erinnern; Wir wurden grausam bald entzweit, Mich trieb es nach dem Innern. Dann sucht' ich, ach, von Ort zu Ort Umsonst, die ich erkoren, – Ich glaubte schon, es riß dich fort, Als wir den Mond verloren.
So lebten fern wir und allein Millionen wohl von Jahren; Mein Herz, mein Herz war ewig dein – Erst spät hast du's erfahren. Als das Geschick von dir und mir Sich endlich ließ erbitten: In der Grauwacke krebsten wir Als kleine Trilobiten.
Als in der Kohlenformation Wir dann uns wiederfanden, Warst du ein Labyrinthodon, Ich lag in deinen Banden. Auf deinen holden Wickelzahn Sang ich ein Lied alsbalde, Sah ich dich mir von ferne nah'n Im Sigillarienwalde.
Im Trias und im Jura auch Und im System der Kreide Warst du nach treuer Liebe Brauch Mir Trost und Augenweide. Wir wurden endlich miozän Und Säugetier-gestaltet; Und selber in der Eiszeit Weh'n Sind wir uns nicht erkaltet.
Und immer klüger wurden wir, Als Jahr' auf Jahre gingen; Ich bin gewiß, nur neben dir Zum Menschen könnt' ich's bringen. Denkst du daran, wie um und um Vor uns die Tiere zagten, Als wir noch im Diluvium Den Höhlenbären jagten?
Mit meiner Axt von Feuerstein Hab' ich in jenen Tagen Rhinozerosse kurz und klein Zur Freude dir geschlagen. In unsrer Höhle saßen wir Aus Knochen Mark zu saugen, Und schon wie heute sah ich dir In die geliebten Augen.
Und wo wir auch im Lauf der Zeit Noch später uns getroffen, Du warst allein in Luft und Leid Mein Sehnen und mein Hoffen, Ob wir am heil'gen Nilusstrand Zum Isissterne blickten, Und ob wir im gelobten Land
Vom Stock die Traube pflückten; In Aphroditens heil'gern Hain In stillen Mondesnächten, Wie in des Zirkus dichten Reih'n Beim grimmen Todesfechten; Nach blutiger Barbarenschlacht Im Flammenschein der Städte, in deutsche Kirchen düstrer Nacht
Bei Weihrauch und Gebete. Und heute wieder ganz modern Lieb' ich dich ohne Maßen. Ich grüße höflich dich von fern, Treff ich dich auf den Straßen. Dein Bild, gemalt vom Sonnenstrahl, In meiner Tasche trag' ich, In Versen meine Liebesqual Dir durch die Reichspost sag' ich.
Es zischt der Dampf, es saust das Rad, Es regt sich ohne Endnis. Es ringt die Welt mit Wort und Tat Nach freier Selbsterkenntnis. Und wenn zu neuem Leben wir Hier wiederum erwachen, Dann fahr' ich durch die Luft mit dir, Sturmgleich, im Flügelnachen!
Will die Knospe noch immer nicht springen? Jetzt muß doch bald die ersehnte Stunde kommen, da sie sich öffnet, daß er hinausblicken kann und die lichten Sterne schaun und das Land, das er vor allem liebt – – Dauert denn ein Jahrhundert so lange, selbst für einen kleinen Kulturgeist, der sonst durch die Zeiten fliegt wie ein Sonnenblick durch den Weltraum?
Aber er sitzt ja im Gefängnis[1q]! Da kann er nichts tun als träumen, träumen von dem letzten frohen Tage, an dem er draußen war, träumen von dem nächsten, der nun kommen muß – – Regt sich die Knospe noch nicht? Ach, nur in der seltenen Neujahrsnacht, wenn ein neues Jahrhundert anfängt, dann ist ihm ein Tag der Freiheit gegönnt. Dann durchschaut er mit seinen hellen Geisteraugen die Dinge und Menschen nah und fern. Und dann hat er wieder ein Jahrhundert Zeit, nachzudenken, wie es wohl das nächste Mal sein wird.
Ungeduldig pocht er mit den kleinen Geisterfäusten an die Wand des grünen Gefängnisses. Und da sie nicht weichen will, faltet er die Flügel zusammen und träumt wieder.
Wie wird es diesmal draußen aussehen? Wie mag's seinem guten Freunde gehen, den sie den Michel nennen? Eigentlich ist der ja dran schuld, daß der kleine Kulturgeist eingesperrt wurde. Es ist freilich schon lange her – –
Damals war er ganz vergnügt umhergeflogen, weit hinweg von sonnigen Geländen bis zu den dunkeln Fichten am Nordmeer. Dort sah er einen Riesenknaben ausgestreckt, der schlief zwischen den Muscheln am flachen Strande, seine starke Faust umklammerte den entwurzelten Stamm einer jungen Fichte, und wild hingen ihm die blonden Locken über die geschlossenen Augen. Sofort war der Kleine von dem jungen Riesen entzückt. Die Augen wollte er sehen, die Augen! Und rasch schob er die Haare vom Antlitz zurück.
Aber das war gerade der Zauber. Die Lider aufreißen, daß es hervorquoll wie ein Himmel blauen Lichts, aufspringen und lockenschüttelnd, den Baumstamm schwingend hinwegtoben, das hatte der Riesenjunge im Augenblick getan. Erschrocken starrte ihm der kleine Kulturgeist nach. Doch da hatte ihn auch schon jemand an den Flügeln und schüttelte ihn. Das war der Genius der Menschheit selbst.
»Was fällt dir ein«, herrschte der ihn an, »meinen weisen Zauber zu brechen? Der Junge sollte noch schlafen, bis er verständiger geworden ist. Nun hast du mir tausend Jahre Geschichte ruiniert! Jetzt läuft der Bengel hin und schlägt mir den kranken Onkel Römerreich tot und die alte Erbtante Antike und versteht doch ihr Testament noch gar nicht zu lesen! Das wird ein schönes Mittelalter werden! Aber dich, vorwitziger Schwarmgeist, will ich zur Strafe in die Fichte im Zauberwald sperren. Nur in der Neujahrsnacht eines neuen Jahrhunderts öffnet sie eine Knospe, und dann magst du hinausgucken, und sonst nicht!«
Und so saß denn der Kleine im grünen Kerker. Wenn aber der Tag der Freiheit kam, dann sah er die Dinge mit Verstand an; denn er war jetzt nachdenklich geworden. Und den Riesenjungen, der inzwischen herangewachsen war, besuchte er gern. Dem war's auch nicht immer gut gegangen. Der totgeschlagene Onkel ging in langer Kutte als Geist in seinem Hause um, und Michel mußte sich hübsch still und folgsam ducken. Und vorgestern, als Geistchen das vorletzte Mal draußen war, da hatten sie den Michel ganz windelweich geschlagen, da saß er zusammengebückt und festgeschnürt und schlief. Aber das letzte Mal, da war's schon besser. Zu einem Manne war er erstarkt; Arme und Füße waren noch gefesselt, den Kopf aber trug er wieder aufgerichtet, groß leuchteten die blauen Augen, doch nicht mehr wild, die Locken waren von der Stirn zurückgestrichen, und Gedanken sah man darunter gehen – wunderbare, tiefe Gedanken, wie sie der Menschheit noch nie erblüht waren – –
Ja, das war überhaupt ein herrlicher Tag!
Wie er an dem Hause vorüber kam und in das Zimmer spähte, wo die beiden Dichter miteinander sprachen. Das war eine neue Welt!
Der Große, dem die Götteraugen so siegreich strahlten, als schaue er die Zukunft vor sich wie eine offene Tempelhalle, – das war Goethe.
Und der andere, der den Kopf in die Hand stützte und nachsann, – das war Schiller.
Und vor ihm das aufgeschlagene Buch mit dem gelehrten Titel, – das war von Kant.
Wovon sprachen sie doch? O, er erinnerte sich wohl. Er hatte ja ein Jahrhundert Zeit gehabt, darüber nachzudenken.
Von der Menschheit sprachen sie, von dem großen Jahrhundert, das mit dieser Nacht vorübergerauscht war. Von der Menschheit, die nun zum ersten Male mündig geworden sei, da sie das neue Wort begriffen hatte: »Bestimme dich aus dir selbst!«
Ja, sie hatte sich aus sich selbst bestimmt, den Spukgeist vertrieben und die lebendige Natur befragt, die Millionen Welten, die draußen im unendlichen Nachtraum strahlten, die grünen Fluren und das wogende Meer und den Berge gebärenden Erdball.
Und sich selbst hatte sie befragt, nach ihrem Recht und nach ihrer Pflicht. Da klang aus ihrer eigenen heiligen Tiefe der befreiende Ruf: Du sollst! Handle gut aus Achtung vor deinem Gesetz! Handle gut um der eigenen Würde willen, die dem Menschen gebührt, einem jeden! Das Unabänderliche und das Unerreichbare, vereine es in dir, daß es golden leuchte im freien Spiel der Seele! Verschmilz es im schönen Scheine zum Ideal, daß es dich packe mit der warmen Wirklichkeit des Gefühls, daß es dich durchflute und läutere mit dem heiligen Schauer, der dem Augenblick Dauer verleiht! Vertrauend blick hinein ins Gewirr der Arbeit, daß du das Ganze schon siehst, wo noch die Rüststücke splittern, daß du selbst dich aufbaust zur Menschenhöhe!
So schauten diese Männer in das kommende Jahrhundert.
Und das Jahrhundert schaute auf sie, auf die Unsterblichen, die einer neuen Menschheit ihren Odem eingehaucht hatten.
Glückliches Land, das diese Männer sein nennen durfte! Glückliches Jahrhundert, an dessen Wiege diese Götterpaten die unvergänglichen Gaben zurückließen, die drei ewigen Lampen der Freiheit, der Würde, der Schönheit – – –
Wieder sind hundert Jahre vorüber. Auf dem Werk jener Gewaltigen fußend, welch erhabene Genien müssen am Ende des neuen Jahrhunderts wandeln, müssen dem zwanzigsten den Gruß des Willkomms singen und sagen? O wenn die Knospe endlich sich öffnete!
Und ehrfurchtsvoller Schauer durchzittert das Herz des kleinen Gefangenen.
Und da – siehe – es wächst, es dehnt sich das grüne Gewölbe – und es schimmert von außen – –
Die Knospe springt auf – o Seligkeit! Offen liegt der Himmel, liegt Land und Meer – und alles auf einmal umfaßt der Geisterblick.
Er starrt und starrt. Die Genien sucht er, die großen Unsterblichen, die das Geheimnis des neuen Jahrhunderts zu verkünden wissen, der Zeit, die sie selbst geschaffen – rein und klar, wie es nimmer zuvor die Menschheit vernommen.
Er starrt vergebens, er findet sie nicht. Sie sind nicht da – nicht ein einziger ist da.
Und dem kleinen Kulturgeist rinnen die Tränen herab. Große, runde Tränen, aus denen der weite Himmel glänzt.
Und wie sie fallen, zerstieben sie in Millionen Tröpfchen. Demantstaub ist über die Erde gestreut, und das ganze Land leuchtet.
Wie anders sieht es nun aus!
Millionen und aber Millionen Sternchen schlingen ihre Strahlen ineinander. Sie ergänzen sich, sie verstärken sich zu mildem Lichte.
Und nun erblickt er die neuen Menschen. Wie das ineinander wirkt, wie sich das zusammenschließt, wie das hinübergreift über die Erde mit Riesenarmen, die allen gemeinsam gehören, auch dem Kleinsten! Dort jagt es durch die Lande, dort dampft es über das Meer, dort zuckt es Kunde, redet Sprache im Augenblick durch Fernen, zu denen die Schnellpost Tage brauchte. Das sind die neuen Nerven in einem neuen Riesenleib, das sind die neuen Riesen, die lebendig gewordene Natur in einem großen Willen, das sind die Riesen der Arbeit, der Pflicht, der Hoffnung.
Die großen Genien schweben leuchtend im Äther, aber im Lande schafft ein großes Volk – – – Und nun erblickt der kleine Kulturgeist seinen Freund, den Michel. Höher noch ragt der mächtige Kopf, aber auch die Arme sind frei, und mutig umfassen sie den Erdball. Nur noch die Füße sind gefesselt.
Der Genius der Menschheit schwebt vorüber.
Fragend fleht zu ihm das Geistchen:
»Warum willst du meinem Freunde nicht auch die Füße lösen?«
Der aber winkt majestätisch:
»Hüte dich, hüte dich! Hast du noch immer nicht Geduld gelernt? Marsch mit dir hinein in die Knospe! Dort harre, was dein nächster Tag dir bringen wird.«
Ich bin geboren –
»Geboren? Was ist das wieder für ein Unsinn? Eine von den Dummheiten der Menschen, worauf sie sich noch etwas einbilden. Ich bin nicht geboren, bin niemals geboren worden[2q]. Oder bist du vielleicht geboren, altes Zählwerk?«
»Tick-tack, tick-tack«, sagte die Uhr im Zählwerk des elektrischen Stroms.
»Sprich deutlicher, ich verstehe dich nicht«, rief die Glühlampe.
»Weiß nicht, ob ich geboren bin«, antwortete die Uhr. »Ich habe noch nie darüber nachgedacht. Aber ich habe schon viele Glasbirnen, wie du bist, sich zu Tode brennen sehen, also werden sie wohl auch geboren worden sein.«
»Rede nicht so dumm! Bin ich die Glasbirne? Bin ich der Kohlenfaden? Du freilich, du bist ein trauriges Federwerk, du wirst aufgezogen, sonst läufst du ab. Aber ich – ich bin ganz etwas anderes.«
»Tick-tack, tick-tack –«
»Jetzt freilich haus' ich in einer Glühlampe, jetzt leucht' ich nur auf den Tisch hier, auf die blauen Hefte und auf die weißen Bogen, und auf den Menschen – Aber einst – Soll ich dir's erzählen?«
»Warum fragst du erst? Du wirst mir's ja doch erzählen.«
