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Der Band fragt, wie Philosophical Care als eine neue helfende Tätigkeit praxistheoretisch begründet werden kann. Ausschlaggebend ist dabei, dass diese Care-Richtung sich selbst begründet, das heißt philosophisch fundiert wird. Eine solche Selbstbegründung hat auf die aktuelle Professionalisierungsherausforderung wie auf die bestehende Sorgeproblematik zu reagieren. Zu den zentralen Ergebnissen der Untersuchung zählt eine inhaltliche Neubestimmung des Philosophiebegriffs. Philosophical Care ist eine zwischenmenschliche Form von sorgender Begleitung und wird als selbstreferentielles System rekonstruiert. Maßgebend ist dabei, dass Philosophical Care mit den Menschen und nicht für sie arbeitet. Mit der Entwicklung und Etablierung von Philosophical Care ist auch die akademische Philosophie dazu aufgefordert, sich zu verändern und neu Position zu beziehen.
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Seitenzahl: 589
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Omar Ibrahim
Philosophical Care
Entwurf einer praxistheoretischen Grundlegung
W. Kohlhammer
1. Auflage 2025
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung:
W. Kohlhammer GmbH, Heßbrühlstr. 69, 70565 Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-046282-3
E-Book-Formate:
PDF: ISBN 978-3-17-046283-0
epub: ISBN 978-3-17-046284-7
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Cover
Danksagung
Geleitwort
1 Einleitung
1.1 Erfassung des Untersuchungsgegenstandes und erste forschungsthematische Eingrenzung
1.2 Von der Theoriebildung zur Praxistheorie
Theoriestruktur und Theoriefunktion
Theorieobjekt und Theoriediskurs
Praxistheorie und Praxisanwendung
1.3 Methodik der Arbeit
Transzendentalkritische Analyse
Problemorientierung
Orientierung im Bedeutungsraum
1.4 Formale Haltepunkte zur Theoriebildung
Zur Bedeutung der Haltepunkte
Theoriebildende Haltepunkte der vorliegenden Forschung
1.5 Forschungsdesiderat und Fragestellung
Dringlichkeit der Forschung: Sorgeproblematik
1.6 Übersicht der Arbeit
Zusammenfassung des Kapitels
2 Begriffliche Grundlagen
2.1 Zur Bestimmung des Philosophiebegriffs
Formale Bestimmungsversuche
Praktische Bestimmungsversuche
Exkurs: Kunst und Körperlichkeit in der Philosophie
2.2 Philosophische Schlüsselkompetenzen
2.2.1 Die Einsicht
2.2.2 Das Urteilen
2.2.3 Das Radikale Bedenken
2.3 Die Sorge um den Menschen als Seele
Die Seele
Die Sorge
Schlaglichter der Seelsorge
2.4 Care als Antwort auf die Sorgeproblematik
2.5 Die Klientel
Zusammenfassung des Kapitels
3 Transzendentalkritische Problemstellungen von Philosophical Care
3.1 Die Begegnung
Systemimmanenz
Epoché
Das Gegenüber
3.2 Die Beziehung
Gastfreundschaft
Das Selbst
Die Mit- und Umwelt
3.3 Der Austausch
Zuhören
Dialogische Praxis
Schweigen
3.4 Über die Methodik
Expressive Vernunft
Philosophische Mäeutik
Dialektik
3.5 Die Inhalte
Thematischer Skopus
Klassifikation
Episteme
3.6 Die Ziele
Problembewusstsein
Bildung
Lebensführung
Zusammenfassung des Kapitels
4 Differenztheoretische Standortbestimmung
4.1 Philosophical Care und Seelsorge
Mögliche Gemeinsamkeiten
Mögliche Unterschiede
4.2 Philosophical Care und Philosophische Praxis
Mögliche Gemeinsamkeiten
Mögliche Unterschiede
4.3 Kriterien der Klientel
Die Praxis bestimmt die Klientel
Die Klientel bestimmen die Praxis
Zusammenfassung des Kapitels
5 Schlussbemerkungen
5.1 Beantwortung der Leitfrage
5.2 Zum (neuen) Selbstverständnis der Philosophie
Professionalisierungsherausforderung
Praxisbezogene Haltepunkte
5.3 Abschlussgedanken
Literaturverzeichnis
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Grosser und tiefempfundener Dank gebührt Isabelle Noth, welche nicht nur die Chance zur Verfolgung dieses Projektes zugrunde gelegt und ermöglicht hat, sondern stets und durch die gesamte Forschungszeit hindurch mit Rat und Tat stützend und fördernd zur Seite gestanden ist.
Weiter sind die hilfreichen Kommentare und Supervisionen von Luca Di Blasi und Claus Beisbart zu erwähnen. Sie haben wesentlich zur Qualität dieser Arbeit beigetragen. Auch ihnen ist herzlich für ihr Engagement zu danken.
Für den akademischen und stets freundlichen Austausch ist Elmar Anhalt, Alexander Fischer, Magdalene Frettlöh, Ute Gahlings, Michael Hampe, Ralf Jox, Franziskus Knoll, Jirko Krauss, Evelyn Krimmer, Caroline Krüger, Karma Lobsang, Cyrill Mamin, Frank Mathwig, Nikolett Moricz, Mathias Mütel, Karin Mykytjuk, Kevin Reuter, Martin Roth, Marcello Ruta, Patrick Schuchter, Andreas Wagner, Thomas Wild und Mathias Wirth zu danken. Ebenfalls haben die Teilnehmenden an unterschiedlichen wissenschaftlichen Veranstaltungen und die Studierenden in den Seminaren spannende Meinungen und Gedanken erarbeitet und zur Reflexion angeregt.
Im privaten Bereich haben folgende Personen mit ihrem Interesse, ihrem Einsatz und ihren Anregungen wesentliche Aspekte zur Entwicklung der Idee von Philosophical Care beigetragen. Ihre Fragen, Ideen, Kritik und Bemerkungen werden wertgeschätzt: Patricia Banzer, Fabian Baumgartner, Fabian Dali, Fion Emmenegger, Franz Engels, Büsra Firat, Elischa Geissbühler, Robin Gerstgrasser, David Herrmann, Giacomo Ladelfa, Lisa Polosek, Stefanie Rieger, David Schmezer, Christine Schmocker, Noemi Somalvico, Matthias Stöckli, Laura Studer und Jonas Wittwer. Das Lektorat von Thomas Gerber, Sarah-Maria Hebeisen und Jan Wälti haben den Endprozess der Schaffungsphase deutlich erleichtert. Herzlichen Dank dafür.
Ohne meine Familie und ihre Unterstützung wäre dieses Projekt ebenfalls nicht möglich gewesen. Margret, Mohammed, Khadija, Tina, Moritz, Naila und Numa haben die Zeit während dem Projekt unermesslich bereichert. Einen Dank hierfür lässt sich kaum in Worte fassen, sondern nur gut behütet im Innern aufbewahren.
Die Arbeit ist im Gedenken meinem Vater Jamal gewidmet, der sie leider nicht mehr lesen konnte.
Omar Ibrahim begibt sich mit diesem Entwurf auf die Spur einer neuen, bewussteren Herangehensweise zu Philosophieren und etabliert sich als Wegbereiter der neuen philosophischen Ausrichtung Philosophical Care, die sich elegant mit Seelsorge und Care verknüpft – ohne sich darin aufzulösen.
Die Wahl des Terminus Philosophical Care gegenüber Philosophischer Praxis begründet er wie folgt: Philosophische Praxis orientiere sich weitgehend (was die Struktur der Begegnung betrifft) an der Psychotherapie. Philosophical Care orientiere sich hingegen eher an der Seelsorge (aber ohne theologisches Selbstverständnis), die Begegnungen niederschwelliger, flexibler und vielfältiger strukturieren kann. Das trifft einen starken inhaltlichen Punkt. Die „Praxis“ in „Philosophische Praxis“ wird allzu oft in Analogie zur Organisationsform der psychotherapeutischen Praxis gedacht. Ibrahims terminologische Abkehr reagiert auf diese Engführung. Das ist wohltuend und klug. Auf der anderen Seite muss mit Blick auf die empirische Realität von Philosophischer Praxis auch gesagt werden, dass einige Philosophische Praktiker*innen diese Flexibilisierung von Begegnungsformen ohnehin schon längst vollzogen haben. Begleitende Formen des philosophischen Gesprächs in allen möglichen Ausprägungen sind ja Realität und keineswegs festgelegt auf ein quasi-therapeutisches oder beraterisches Setting. Die Problematik besteht eher auf der Ebene der theoretischen Verständigung im Diskurs. Am Ende des Tages wird es eine Geschmacksfrage sein, unter welchem Begriff wir die vielen Formen des philosophischen Gesprächs in Begleitung und Beratung subsumieren.
Ibrahim fundiert seine Praxistheorie über einen transzendentalen Ansatz. Das verleiht dem Unterfangen eine bemerkenswerte Begründungsstärke im Gegensatz zu gegebenenfalls ähnlichen Bemühungen, die z. B. Philosophische Praxis anhand von Beispielen und dann in Abhebung von anderen Gesprächspraktiken zu begründen versuchen. Dazu orientiert er sich an selbst gewählten „Haltepunkten“, die mehrere Professionen und Fachbereiche umschließen und die theoretische Fundierung strukturieren. Nicht nur beweist er damit einen feinsinnigen Blick auf geschichtliche Entwicklungen mehrerer Disziplinen, er hebt auch die professionell begleitete Tätigkeit des Philosophierens, wie sie als Philosophische Praxis gerade weltweit mehr Bekanntheit erlangt, auf ein höheres Niveau – ohne dabei jedoch das Philosophieren in den Elfenbeinturm zu verbannen. Philosophie sei dabei als Set von bestimmten Schlüsselkompetenzen definierbar, die axiologisch philosophischen Praktiken zugrunde liegen und sich so eben aus der philosophischen Tätigkeit begründen lassen. Diese Schlüsselkompetenzen seien Einsicht, Urteilen und radikales Bedenken. Es erweise sich, dass diese philosophischen Schlüsselkompetenzen auch in der Begleitung und in der Entwicklung der Praxistheorie selbst Anwendung finden.
Er zielt mit seinem Konzept von Philosophical Care auf einen in der akademischen Philosophie wie auch in der Philosophischen Praxis noch unterrepräsentierten Anwendungsbereich ab: das Philosophieren in der Care, als Care. Er argumentiert damit für eine Handlungswirksamkeit der Philosophie und gegen die Reduzierung des Philosophierens als Philosophische Praxis. Zugleich zeigt er große Umsicht im Umgang mit Themen aus den Care-Professionen, so dass professionelle Care-Tätige nicht den Eindruck gewinnen, Philosophical Care würde ihre Kompetenzen unterwandern. Dabei plädiert er auch stark für ein Prinzip der Augenhöhe mit den Klientel von Philosophical Care. So wird Philosophical Care ein Weg zur Bildung als Person, die den Menschen als Menschen anspricht und wertschätzt: Philosophical Care dürfte hier mit linearen Erwartungen brechen und mutet uns einen dialektischen, aber im Grunde doch einfach verständlichen Gedankengang zu. Philosophical Care ist weder Mittel (zu etwas anderem: Gesundheit, Wohlbefinden, Problemlösen) noch reiner Selbstzweck (l’art pour l’art, reine Mussetätigkeit), sondern werde am besten so gedacht, dass wir die Ermöglichung als Ziel verstehen: die Ermöglichung zu tieferem Problembewusstsein, zu selbsttätiger Bildung oder zu gemeinsamen Werden in der Lebensführung. Diese bei Omar Ibrahim transzendental und philosophisch-theoretisch entwickelte Perspektive hat ein bestätigend empirisches Korrelat in unseren Forschungsergebnissen. Gäste von philosophischen Einzelgesprächen benennen solche Qualitäten, die den genuinen Wert eines Raums für freie Erkundung von Lebensthemen beschreiben.
Das Buch hat einen hohen Anspruch – möge ihm viel Zuspruch erfahren. Wir wünschen ihm aber auch viel (dialogisch-zivilisierten) Widerspruch, weil er für eine dringend benötigte Ebene der Reflexion im Feld von Philosophischer Praxis und Philosophical Care den Diskurs mit wunderbar herausfordernden Spielzügen eröffnet.
Abschließend lässt sich sagen, dass der Autor mit der Verknüpfung von Philosophie und sorgender Tätigkeit den Grundstein für eine große Zukunft von Philosophical Care legt. Wir begleiten ihn gern auf seinem Weg.
Patrick Schuchter und Stefanie V. Rieger, Wien und Graz im März 2025
In der vorliegenden Arbeit geht es darum, eine praxistheoretische Grundlegung für Philosophical Care als eine Form der sorgenden Tätigkeiten zu entwerfen. Hierfür wird im Kapitel (1) versucht, eine solche Herausforderung in einem ersten Schritt überhaupt erst richtig zu erfassen. Diese erfassende Orientierungsarbeit erweist sich dabei selbst als ein philosophisches Unterfangen (Achenbach, 2023: 131), welches im ersten Kapitel einführender und methodologischer Ausarbeitungen bedarf. Dabei sind zwei Fragerichtungen massgebend, welche die Leitfrage und das Forschungsdesiderat sowie den restlichen Aufbau der Arbeit strukturieren werden:
Versteht man Philosophical Care als eine unter vielen möglichen Richtungen der Philosophie stellt sich erstens die Frage, wieso ein solcher Zuschnitt gezogen werden soll. Was ist neu und innovativ an Philosophical Care, weshalb lässt sie sich nicht auf andere philosophische Richtungen reduzieren und wie soll ein solcher Zuschnitt überhaupt begründet werden können?
Zweitens lässt sich anschliessend fragen, wo der Vorrang im Hinblick auf die Entwicklung einer praxistheoretischen Grundlegung von Philosophical Care besteht, sowohl bezogen auf das Forschungsverständnis, die Anwendung in der Praxis als auch für das Verständnis der Philosophie generell. Weshalb bedarf es solch einer Anstrengung, eine Philosophical Care in Form einer Praxistheorie zu theoretisieren?
Kapitel (1) versucht diese beiden Fragen in einem ersten Ansatz zu strukturieren, ohne sie damit schon vollständig zu beantworten. Zuerst wird die Forschungsthematik, dem Vorhaben dieser Arbeit entsprechend, anhand der Professionalisierungsherausforderung von zwei verschiedenen philosophischen Tätigkeitsfeldern (Philosophische Seelsorge und Philosophische Praxis) in den Fokus gerückt. Anschliessend wird ein Vorverständnis von Philosophical Care präsentiert und entsprechende forschungsthematische Eingrenzungen vorgenommen. Aufbauend auf diesen einleitenden Überlegungen werden theoretische und praxistheoretische Überlegungen vorgenommen, um darzustellen, wie Philosophical Care durch eine Praxistheorie untersucht, verstanden und entwickelt werden soll (1.2). Dies wird ergänzt mit einigen methodologischen Überlegungen, welche die vorliegende Untersuchung strukturieren und leiten werden (1.3). Hierbei werden einige Grenzen gesetzt und Inhalte angenommen, welche expliziert werden sollen, um die unternommene Theoriebildung in den wissenschaftlichen Diskurs einbetten zu können und um das Verständnis zu erleichtern (1.4). Diese Gedanken münden schliesslich in der Erklärung des Forschungsdesiderates und der Fragestellung der vorliegenden Arbeit (1.5). Das Kapitel wird durch einen Überblick über die gesamte Strukturierung der Arbeit abgerundet und die wesentlichen Punkte des Kapitels werden nochmals zusammengefasst (1.6).
Der Zugang zur Thematik soll durch die Herausforderung zur Professionalisierung sorgender Tätigkeiten vorgenommen werden.[1] Was kann unter Professionalisierungsherausforderung verstanden werden? Professionalisierung bezieht sich sowohl auf axiologische Normen und Bewertungs- sowie Kontrollmöglichkeiten einer institutionalisierten Berufsgruppe als auch auf die einzelnen Praktizierenden. »Die Professionellen nutzen das abstrakte Wissen für den jeweiligen Einzelfall, sind aber an der Verallgemeinerbarkeit [und Vermittlung; O.I.] des Wissens interessiert« (Mieg, 2018: 16). Die Herausforderung dabei betrifft unterschiedliche Disziplinen, wobei hier jene Disziplinen berücksichtigt werden, die erstens akademisch verwissenschaftlicht sind oder werden können und zweitens sich auf die sorgende Tätigkeit gegenüber Menschen und ihre Mit- und Umwelt richten (Benner, 2015: 54, Lahav, 2017: 27). Darunter sollen hier die philosophische Seelsorge und die Philosophische Praxis fallen, ohne damit zu behaupten, dies wären die einzigen Disziplinen unter den sorgenden Tätigkeiten, welche jene besagten Kriterien erfüllen. Jene beiden Disziplinen helfen jedoch, Philosophical Care als den antizipierten Untersuchungsgegenstand praxistheoretisch genauer zu erfassen.
Zuerst muss die Professionalisierungsherausforderung noch genauer geklärt werden. Die Professionalisierungsherausforderung erstreckt sich auf zwei Dimensionen. Dabei geht es um die Überführung von Wissen, wobei unter Wissen in Anlehnung an Foucault hier verschiedene Erkenntnisverfahren und -wirkungen in bestimmten Situationen verstanden werden sollen (Foucault, 1992: 32): Erstens muss das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis geklärt werden. Die Professionalisierung bezieht sich dabei nicht nur auf die Erfassung und Lösung von Problemsituationen innerhalb der Praxis, sondern versucht, diese in der Praxis dadurch theoretisch zu fundieren, so dass sie über ein Alltagsverständnis der Praxis hinausgeht. Dabei geht es nicht nur oder nicht primär um den Wahrheitsgehalt jener propositionalen Aussagen, sondern um die performative Form der daraus erklärbaren interaktiven Praxis (Bohnsack, 2020: 9). Wie in Kapitel (1.2) noch genauer gezeigt wird, hängen Theorie und Praxis unweigerlich miteinander zusammen (Weniger, 1964: 16f). Es kommt jedoch bei der Professionalisierungsherausforderung darauf an, wie erfolgreich diese Wissensüberführung von beiden Richtungen her stattfinden kann.
In der zweiten Dimension geht es bei der Professionalisierungsherausforderung nicht nur um die Überführung von Wissen im Hinblick auf Theorie und Praxis, sondern auch um die Übertragung des Wissens von akademischen Institutionen oder der Wissenschaft[2] in die Gesellschaft und umgekehrt (Gahlings, 2023: 59). Während die Überführung von Wissen zwischen Theorie und Praxis sich meistens an Problemstellungen orientiert, die epistemologischer oder ethischer Art sind, werden die Transgressionen zwischen Wissenschaft/akademischen Institutionen und Gesellschaft von konkreten politischen und gesellschaftskontextuellen Prozessen im Sinne von Problemstellungen getragen (Bohnsack, 2020: 10).
Im Hinblick auf die Professionalisierungsherausforderung lässt sich folglich die Frage stellen, in welcher Berufstätigkeit Philosophinnen und Philosophen arbeiten können und welcher Sinn besagte Arbeit hat, insofern sie sich als sorgende Tätigkeit versteht. Viele philosophische Bemühungen haben sich seit längerer Zeit in den akademischen Bereich verlagert und verselbständigt (Ibrahim, 2023).[3] Oft wird der wissenschaftliche Jargon der Philosophie zudem von der Gesellschaft als elitär, sperrig und weltfremd erlebt, welcher nur noch selten mit lebensweltlichen Problemen in Berührung kommt (vgl. Adorno, 2015). Dies ist keine notwendige Entwicklung und es bedeutet auch nicht, dass Vorträge und Publikationen nicht doch auch Auswirkungen auf Einzelmenschen oder Gruppierungen haben könnten. Eine philosophische Lebensferne ist jedoch für die Professionalisierungsherausforderung von sorgenden Tätigkeiten in und mit der Philosophie nicht zuträglich. Philosophinnen und Philosophen können dieser Entwicklung daher entgegenhalten (Helmig, 2014: 4, Horkheimer, 1974: 274).
Ein möglicher und mutiger Versuch, diesem Vorhaben einer philosophischen Tätigkeit der Sorge zu entsprechen, findet sich bei Wilhelm Schmid, welcher in der Schweiz als philosophischer Seelsorger für einige Jahre in einem Krankenhaus gearbeitet hat. Sein philosophischer Erfahrungsbericht (2016) geht hauptsächlich auf seine persönlichen Erlebnisse ein und kann daher nicht zu einer praxistheoretischen Grundlage für eine philosophische Seelsorge verallgemeinert und verwendet werden.
Es finden sich in seinen anderen Werken (bspw. 1998, 2014, 2017) zwar theoretische Ansatzpunkte zur Lebenskunst, diese werden jedoch nur ungenügend auf die Überführung von Wissen im oben genannten Sinne zwischen Theorie/Praxis und Wissenschaft/Gesellschaft abgestimmt. Es ist sogar anzunehmen, dass er diese fehlende Überführung absichtlich unterlassen hat (Fellmann, 2009: 140). Die Überführung des Wissens wäre schliesslich jeder einzelnen Person überlassen. Folglich würde es eine Gesamtschau und Umdeutung seiner theoretischen Werke und seines Erfahrungsberichts bedürfen, um der oben beschriebenen Professionalisierungsherausforderung gemäss entsprechen zu können. Wie eine Praxistheorie der philosophischen Seelsorge nach Schmid aussehen würde, bleibt also unter- oder gar unbestimmt.
Gerd Achenbach befasst sich weitaus stärker mit der Professionalisierungsherausforderung in seiner Entwicklung der Philosophischen Praxis, welche er gegen Ende des 20. Jahrhunderts ins Leben gerufen hat.[4] Mit der Gründung und Weiterentwicklung der Philosophischen Praxis als Form der philosophischen Beratung (Achenbach, 2010: 15, Brandt, 2017: 72) wird versucht, Menschen durch Philosophie in diversen Situationen durch personale Kommunikation in unterschiedlichen Formen zu unterstützen. »Die philosophische Lebensberatung in der Praxis des Philosophen etabliert sich als Alternative zu den Psychotherapien« (Achenbach, 2023: 15).
Neben Achenbach haben sich auch andere Philosophinnen und Philosophen schon kurz danach dieser Bemühung angeschlossen. Achenbach und andere Philosophische Praktikerinnen und Praktiker orientieren sich in der sorgenden Tätigkeit im Hinblick auf die Professionalisierungsherausforderung hauptsächlich an Konzepten der Psychotherapie (Achenbach, 2010: 290ff, Brandt, 2017: 168ff) und nicht an der Seelsorge, u.a. in Bezug auf das Setting der Care-Tätigkeit, Sitzungsdauer etc. Dies ist eine Engführung, die nirgends ausreichend begründet wird. Auch wenn sich die Philosophische Praxis immer wieder vehement von der Psychotherapie differenzieren will (bspw. Achenbach, 2023: 95), sind die offensichtlichen Parallelen nicht zu vernachlässigen. Eine Engführung an der Psychotherapie erweist sich jedoch als unbegründet, worauf im nächsten Abschnitt und in Kapitel (4) noch genauer eingegangen wird.
Somit unterscheidet sich Achenbachs Ansatz deutlich von jener philosophischen Seelsorge von Schmid, da sich Schmid bei seiner Tätigkeit eher an der religiös-spirituellen Seelsorge orientiert.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass bisher noch keine ausdifferenzierte Praxistheorie der sorgenden Tätigkeit existiert, welche philosophisch begründet wird und sich nicht primär an psychologischen und psychotherapeutischen Konzepten orientiert (vgl. Ibrahim, 2023). Somit findet man die Antwort für die zu Beginn aufgeworfene Frage, wieso ein Zuschnitt auf Philosophical Care in der vorliegenden Arbeit gezogen wird. Philosophical Care soll jenen Nischenplatz einnehmen, was im nächsten Abschnitt noch deutlicher zutage treten soll. Sie bildet damit einen möglichen Zweig unter verschiedenen philosophischen Bemühungen.
Bevor nun Philosophical Care als Untersuchungsgegenstand erfasst und entwickelt werden soll, was nun genau neu an Philosophical Care ist, bedarf es einer Klärung eines möglichen Einwandes: Wird durch solch ein Unterfangen nicht die wissenschaftliche Freiheit philosophischer Bemühungen eingeschränkt, mit der sie sich bisher behaupten konnte, sobald sie sich an solche lebensweltlichen Probleme richtet?
Darauf kann mit der Frage erwidert werden, was genau unter Freiheit verstanden werden soll? Ist es eine Freiheit von dogmatischer Expertise, dann verliert sie diese Freiheit nicht (Hampe, 2014: 375 und Kapitel 3). Die Meinung einer Freiheit philosophischer Bemühungen von jeglicher gesellschaftlichen Orientierung ist jedoch sowohl historisch als auch konzeptionell fehlgeleitet (Rieger-Ladich, 2020: 73). Philosophisches Wissen hat im oben verstandenen Sinne nach Foucault keinen Selbstzweck und kann nicht nach der Devise l’art pour l’art verstanden werden (Scheler, 2019: 117). In diesem Sinne sollte philosophisches Wissen gesellschaftstauglich oder für Einzelpersonen existenziell wertvoll sein: Es muss bei Bedarf stets neu ausformuliert werden, indem es in einen gesellschaftskontextuellen und/oder existenziellen Prozess durch Reflexion immer wieder aufs Neue verortet wird (Hofmann in Staude, 2010: 196). Damit ist nicht gemeint, dass willkürliche Ansprüche an philosophische Bemühungen gestellt werden können, sondern dass sich gesellschaftskontextuelle Prozesse (bspw. in der Form von Problemstellungen) und philosophische Bemühungen in einem kritisch reflexiven Dialog gegenübertreten (Horkheimer, 1974: 273).
An Mittelstrass anschliessend wird hier die Ansicht vertreten, dass der Untersuchungsgegenstand oder das Forschungsobjekt nicht die Disziplin bestimmt (Mittelstrass, 2003: 8f). Sorgende Tätigkeit für Menschen ist als Proprium nicht allein der Psychotherapie oder anderen Disziplinen je einzeln vorbehalten (Staub-Bernasconi, 2018: 200). Vielmehr ist ein interdisziplinäres Verhältnis zu entdecken, bei welchem auch die Philosophie das Ihrige dazu beitragen kann. Erst durch den ausführlichen Dialog unterschiedlicher Disziplinen kann das Forschungsobjekt, hier die sorgende Tätigkeit gegenüber Menschen, aus verschiedenen Perspektiven erweitert und bearbeitet werden (Zima, 2017: 259). Als Ziel schwebt also die gemeinsame, interdisziplinäre Bearbeitung der sorgenden Tätigkeit für Menschen vor, wobei Philosophical Care in diesem ersten Schritt ihre Position ausarbeiten muss. Damit ist nun auch die zweite Frage der Einleitung in ihrer Deutlichkeit entfaltet, wieso Philosophical Care untersucht werden soll. Ihr Vorverständnis soll in einem ersten Schritt genauer erfasst werden.
Um die Erfassung des Untersuchungsgegenstandes voranzubringen, lohnt es sich, die einzelnen Begriffe des Titels der vorliegenden Arbeit separat zu analysieren. Dadurch können jene relevanten Abgrenzungen gezogen werden, welche für die Untersuchung von Philosophical Care und die Strukturierung der gesamten Arbeit bestimmend sind. Die Differenzierungen helfen dabei in zweierlei Hinsicht: Zum einen wird ein gewisses Vorverständnis generiert, welches für die Untersuchung tragend sein wird. Mehr und mehr werden im Verlauf der Arbeit dem Vorverständnis Elemente hinzugefügt, um sich am Schluss rückbesinnend nochmals dieselben Fragen stellen zu können. Das bedeutet, es wird die These vorgebracht, dass die Ausarbeitung einer Praxistheorie zum Verständnis von Philosophical Care notwendig ist. Zum anderen hilft die Erfassung des Vorverständnisses auch, Philosophical Care von ähnlichen, verwandten Strömungen und Disziplinen begrifflich und schwerpunktmässig abzugrenzen. Zur Wiederholung lautet der Titel samt Untertitel: Philosophical Care, Entwurf einer praxistheoretischen Grundlegung.
Wie lässt sich das Vorverständnis von Philosophical Care[5] konturieren? Sobald das Vorverständnis weiter ausgearbeitet ist, kann ein neuer Vergleich zu den benachbarten und verwandten Strömungen und Disziplinen durchgeführt werden (vgl. Kapitel 4). Es lautet entsprechend wie folgt:
Philosophical Care begleitet Menschen in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen durch personale Kommunikation und begründet sich selbst aus der Philosophie heraus. Philosophical Care kann durch eine Praxistheorie ausgearbeitet und verstanden werden.
Eine Praxistheorie zu Philosophical Care existiert in diesem Sinne noch nicht. Entsprechend findet sich auch keine ausdrückliche Literatur zu diesem Thema. So ist es auch nicht möglich, sich exegetisch auf einzelne, bestimmte Werke zu fokussieren und diese für den wissenschaftlichen Diskurs wieder aktuell zu machen. Die Spuren für eine Praxistheorie zu Philosophical Care liegen sprichwörtlich vielmehr verstreut in den vielen Winkeln und Gassen der gesamten Philosophiegeschichte.[6]
Philosophical Care ist dem hier erarbeiteten Vorverständnis zufolge eine Form der sorgenden Tätigkeit und nicht als eine theoretische Strömung zu betrachten. Sie unterscheidet sich in diesem Sinne bspw. von der Care Ethik[7] und ebenso von der theoretischen Betrachtung der Philosophie der Lebenskunst (Fellmann, 2009, Krämer, 2018 Schmid, 1998), welche die sorgende Tätigkeit begriffsanalytisch oder ethisch untersucht.
Wie im folgenden Unterkapitel (1.2) noch genauer ausgeführt wird, kann Philosophical Care jedoch durch eine Praxistheorie verstanden werden. In diesem Sinne ist die Praxistheorie zu Philosophical Care, welche hier entworfen wird, eher mit der didaktischen Philosophie und der Philosophischen Praxis verwandt. In der didaktischen Philosophie wird die Frage behandelt, welche Inhalte und Kompetenzen durch philosophische Bemühungen vermittelt werden können und welche Rolle die Philosophie in der Erziehung einnimmt (vgl. Meyer, 2016, Stavemann, 2015). Dabei kann eine philosophisch praktische Rolle ausgeübt werden, wie dies beispielsweise in der sokratischen Gesprächsführung vorkommt.
Ähnlich wie die didaktische Philosophie verfügt die schon erwähnte Philosophische Praxis über eine Praxistheorie. Auch sie orientiert sich an den Lehren und Ideen des Sokrates und anderer antiken Griechen, aber bezieht sich bspw. auch auf modernere Denker und Denkerinnen, welche sich die Philosophischen Praktikerinnen und Praktiker oft selbst aussuchen. Die philosophische Beratung nimmt dabei, wie schon erwähnt wurde, eine alternative oder ergänzende Position gegenüber der Psychotherapie ein. Menschen können die Philosophische Praxis beanspruchen, wenn sie Unterstützung benötigen, um ihr eigenes Leben zu verstehen und zugleich verstanden werden wollen (Krauss, 2022: 14, Lindseth, 2014: 23). Hierbei geht die Philosophische Praxis personenzentriert vor und folgt keiner spezifischen einzelnen Methode, orientiert sich jedoch hauptsächlich an philosophischen und psychotherapeutischen Prinzipien (Achenbach, 2010: 17).
Obwohl Philosophical Care Elemente aus allen drei Richtungen (Care Ethik, didaktische Philosophie und Philosophische Praxis) aufnimmt, kann sie nicht auf eine einzelne oder auf die Summe dieser drei reduziert werden. Der Grund dafür liegt in dem im Vorverständnis verwendeten Begriff begleiten. Wie in Kapitel (3) noch ausführlich gezeigt wird, kann die Begleitung nicht auf die Beratung oder auf die Didaktik reduziert werden. Ausschlaggebend hierfür ist das Motto: Care ist mehr.[8] Denn die Begleitung orientiert sich unter anderem primär an der Beziehungsgestaltung, welche achtsam, inbegriffen und bildsam (vgl. Kapitel 2) gebildet wird und umfasst andere und weitere Aspekte als die Beratung und die Didaktik.
Daher, so hier die These, ist Philosophical Care wiederum weitaus näher an der philosophischen und der religiös-spirituellen Seelsorge angesiedelt. Auch die Seelsorge wird als Form der Begleitung verstanden werden (Emlein, 2017: 26), die sich nicht auf die oben genannten Aspekte (Ethik, Didaktik, Beratung) reduzieren lässt. Anders als die philosophische Seelsorge verfügt die religiös-spirituelle Seelsorge über ihre jeweilige ausgewiesene Praxistheorie (Poimenik/Seelsorgelehre). Wie dieses Näheverhältnis zwischen Philosophical Care und Seelsorge sowie deren Praxistheorien genauer zu bestimmen ist, wird sich im Verlauf der Arbeit noch deutlicher abzeichnen.
Es ist hier jedoch wichtig, schon einmal zwei mögliche Abgrenzungskriterien zwischen Philosophical Care, Philosophischer Praxis und Seelsorge aufzuweisen: Erstens ist Philosophical Care im Gegensatz zur Seelsorge nicht religiös-spirituell motiviert. Seelsorge ist grundlegend in der Theologie verankert, auch wenn die Seelsorgelehre auf andere Disziplinen wie die Psychologie, die Soziologie und die Erziehungswissenschaft referiert. Wie in Kapitel (3) noch weiter ausgeführt wird, geht es bei Philosophical Care nicht um den Ausschluss religiöser Inhalte oder Umgangsformen, sondern um eine zumindest vorübergehende Einklammerung religiöser Interessen und Motive, sowie deren künftige und mögliche Anschlussfähigkeit (Frankl, 2020b: 294).[9] Philosophical Care ist aber auch keine humanistische, anthropologisch begründete Seelsorge.
Zweitens orientiert sich Philosophical Care nicht an der Psychotherapie, wie dies die Philosophische Praxis tut, sondern versucht, sich durchgängig philosophisch selbst zu begründen.[10] So kommt die Philosophische Praxis meistens in klar institutionalisierten, privaten oder halbprivaten Praxen zu ihrer Ausübung. Seelsorge findet im Gegensatz auch ausserhalb solcher Institutionen statt (bspw. in der Alltagsseelsorge, Schulseelsorge, Gefängnisseelsorge, Spital- & Krankenhausseelsorge, Telefonseelsorge, Internetseelsorge etc.). Dies wird durch das eigene Auftragsverständnis begründet. In dieser Hinsicht entspricht Philosophical Care der religiös-spirituellen Seelsorge, die sich ebenfalls selbst theologisch begründen und rechtfertigen lässt. Diese Selbstbegründung von Philosophical Care soll das Ziel der vorliegenden Arbeit sein (1.5).
Wendet man sich nun dem Untertitel zu: Entwurf einer praxistheoretischen Grundlegung bedarf es weiteren Klärungen. Da die Praxistheorie für Philosophical Care im Rahmen des Vorverständnisses so noch nicht existiert, ist die vorliegende Arbeit in ihrem Entwurfscharakter aufzufassen. Das bedeutet, es werden Aussagen und Behauptungen aufgestellt, die sich erst in der wissenschaftlichen Diskussion behaupten werden müssen und weder einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit noch auf Vollständigkeit erheben können und dürfen (Zima, 2017: 208f). Vielmehr wird die vorliegende Untersuchung als ein möglicher Entwurf deklariert. Was unter praxistheoretischer Grundlegung verstanden werden soll, wird in den nächsten drei Unterkapiteln noch genauer ausgeführt. Es geht um das Verhältnis von Praxis, Theorie und dem Nachdenken über die Praxis als Praxistheorie (1.2) sowie um die möglichen methodischen Formen einer Grundlegung (1.3) und deren theoretischen Haltepunkte (1.4).
Um eine Praxistheorie zu entwerfen, ist es nötig, genauer zu verstehen, was mit Theorie und mit Praxistheorie gemeint ist. Verstehen ist stets kontextbedingt, sei dies nun historisch, kulturell oder soziopolitisch, und daher in einer bestimmten Weise auch kontingent (Bieri, 2017: 15, Noth, 2010: 268). »Nichts, buchstäblich nichts ist mit absoluter Notwendigkeit so, wie es gerade ist, woraus sich ableiten lässt, dass alles auch anders sein könnte« (Nassehi, 2021: 36). Das bedeutet, dass es keiner notwendigen oder allgemeingültigen Vorgabe zuzurechnen ist, dass der Begriff Philosophical Care oder die Form der Theoriebildung so entwickelt wird, wie dies in der vorliegenden Arbeit geschieht (Safranski, 2015: 165). Er ist aber auch nicht willkürlich, sondern kontingent. Auch der Theoriebegriff selbst weist unterschiedliche Konzepte und Verstehensformen auf, wenn man auf die Wissenschaftsgeschichte zurückblickt (Schmolke, 2011: 61). Jene Arten etwas zu verstehen, sind selbst wiederum durch den Lauf der Zeit revidier- und veränderbar.
Wo beginnt man also mit dem Verstehensprozess? Und wie kann das geschichtliche, kontextuelle Kontingente je schon im Verstehensprozess mitgedacht werden? Was man versteht, erfasst man meistens in Metaphern also in Welt- und Selbstbildern, die einzelne Aspekte beleuchten und andere hingegen verdecken (Blumenberg, 2019: 25, Lakoff & Johnson, 2018: 18). Dies gilt auch für Theorien und Praxistheorien. Man versteht dabei etwas (x) als etwas anderes (y) (Heidegger, 2006: 149). Heterogene Aspekte können so durch ein Wie oder durch ein Als miteinander in Beziehung gebracht werden. Sie bringen etwas von einem Ort zum anderen hinüber (gr. metaphorein). Diese Metaphern sind meistens jene, welche man durch die Sozialisierung in die eigene Gesellschaft und durch den Soziolekt im wissenschaftlichen Feld erlernt hat.
All diese Punkte müssen für eine praxistheoretische Grundlegung in Betracht gezogen werden. Dabei sollte nun bei der Theoriebildung der eigene Verstehenshorizont erklärt werden und zusätzlich sollte die Theoriebildung sowohl zeitgemäss als auch wandelbar sein (Danner, 2006: 65).[11] So kann auf die Kontingenz des Verstehenskontexts eingegangen werden.
Zusätzlich kann die Theoriebildung auch als wesentlicher Baustein für die Professionalisierung betrachtet werden (Bohnsack, 2020, Oevermann, 2010). Wie könnte dementsprechend eine Praxistheorie von Philosophical Care aussehen? Welche Punkte müssen dabei zusätzlich beachtet werden? Um diese Fragen zu beantworten und Philosophical Care durch eine Praxistheorie verstehen zu können, bedarf es dementsprechend vorbereitende Erläuterungen des Verständnishorizontes bezüglich der Frage, was unter einer Praxistheorie verstanden werden kann und wie diese in der vorliegenden Arbeit entwickelt werden soll. Dabei werden mögliche Themen der Theoriebildung aufgegriffen, welche zum Schluss auf die Praxistheorie bezogen werden.[12]
Theorie (gr. theoria) bedeutet ursprünglich so viel wie Betrachtung eines Untersuchungsgegenstandes. Die Betrachtung beinhaltet jedoch stets eine bestimmte, zugehörige perspektivische Festlegung (Bennent-Vahle, 2022: 21). Die Festlegung kommt unter anderem vom bereits erwähnten Verstehenshorizont. So führt Schmolke aus: »Theorien schärfen die Wahrnehmung für ein bestimmtes Phänomen. Durch eine theoretische Fokussierung werden uns bestimmte Phänomene, bestimmte Aspekte an Phänomenen bzw. Zusammenhänge zwischen Phänomenen überhaupt erst bewusst« (Schmolke, 2011: 20). In der Theorie wird der Untersuchungsgegenstand nicht einfach direkt abgebildet, sondern wird selbst im Prozess der Theoriebildung mitgeformt, respektive rekonstruiert und ist damit gewissen vorgängigen Entscheidungen des perspektivischen Verstehenshorizonts ausgesetzt. Denn das Untersuchungsobjekt erhält durch die Betrachtung/Festlegung eine neue Deutungs- und Bedeutungsebene.
Diese neu erschlossene Bedeutungsebene findet sich in der Theorie beispielsweise als Satzsystem (Mittelstrass, 1974: 31), als Modell (Anhalt, 2012: 164ff), in Form von Denkfiguren (Barthes, 2019: 16), als semiotisch möglichst dichte Beschreibung (Geertz, 2015: 35), als wissenschaftlicher Diskurs (Zima, 2017: 20) oder als empirisch getestete Hypothesen (Nassehi, 2021: 21) wieder. Unabhängig davon, wie oder welche Elemente für die Bedeutungsebene erschlossen werden, ermöglicht die Theoriebildung eine Ordnung und Systematisierung. Hierbei kann man von einer Theoriestruktur sprechen, die jedoch den oben genannten dynamischen Prozessen unterworfen ist.
Der Theorieprozess ist daher ein wissenschaftssoziologischer und wissenschaftsphilosophischer Aspekt, welcher sich auf die Dynamik der Theoriebildung bezieht, der hier nicht weiterverfolgt werden muss (bspw. Kuhn, 2020). So verstanden sind diese Theoriestrukturen stets interessensbedingt, worauf gleich noch bei der Theoriefunktion eingegangen wird. Eine Theorie zusammengefasst kann als eine unter möglichen Perspektiven auf den Untersuchungsgegenstand verstanden werden, wobei sich die Struktur der Theorie im vorliegenden Verstehenshorizont in zwei Dimensionen jeweils ausarbeiten lässt.
Die erste mögliche Unterscheidung auf die Theoriestruktur hin, die hier getroffen werden kann, besteht zwischen der autopoietischen und der differentiellen Theoriebildung (Zima, 2017: 121).
Eine autopoietische Theoriebildung versucht, die Theorie aus dem Untersuchungsgegenstand selbst abzuleiten. Sie ist insofern selbstgebend. Sie bildet ein System, das in sich selbstreferentiell arbeitet. Es werden bspw. axiomatische Begriffe definiert und analysiert wie bspw. in der Geometrie, um anschliessend Schlussfolgerungen daraus zu ziehen.
Die differentielle Theoriebildung zeichnet sich hingegen dadurch aus, dass das Forschungsobjekt, sei dies nun ein Gegenstand, ein Phänomen oder eine Methode usw. im Unterschied zu einem ähnlichen Gegenstand, Phänomen oder einer anderen Methode (unter Einbezug eines relationalen Dritten) verglichen wird. Dabei kann die Differenz aber auch erst als funktionale Setzung verstanden werden, die vom Theoretiker oder der Theoretikerin festgelegt wird (Rucker & Anhalt, 2017: 82f). Konzepte werden nach dieser Ansicht nach durch den Bezug auf ähnliche oder gegenteilige Konzepte verstanden (Blumenberg, 2019: 10). Dabei werden die Relata jener Vergleiche explizit aufgeführt und anschliessend zumindest von einer Perspektive her untersucht.
Keine Perspektive vermag es, alle unterschiedlichen Aspekte zu beleuchten (Rucker & Anhalt, 2017: 84, Seel, 2009: 10). So ist es beispielsweise möglich, Philosophical Care in gewissen Hinsichten mit der Philosophischen Praxis und der religiös-spirituellen Seelsorge zu vergleichen (Kapitel 4). Autopoietische und differentielle Theoriebildung schliessen sich gegenseitig nicht notwendig aus, da viele Formen der theoretischen Orientierung aus einer Mischform beider Ansätze aufgebaut sind (Stegmaier, 2008: 12f). Auch die vorliegende Arbeit wird aus beiden Formen bestehen.
Die zweite Dimension der Theoriebildung erstreckt sich im Unterschied zwischen der transzendentalkritischen Analyse (im Sinne von Kant[13]) und der Bottom-Up Reflexion, wobei Letztere beispielsweise auf empirischen oder phänomenologischen Befunden und Beobachtungen fusst.
Die Idee der transzendentalkritischen Analyse besteht hingegen darin, dass die Anfänge einer solchen Theorie in Setzungen von Prämissen oder in diversen Problemfeldern und nicht in unmittelbaren Erfahrungen bestehen (Böhme, 1994: 323). Diese können entsprechend nicht empirisch begründet werden. Damit ist nicht gemeint, dass die Problemfelder oder Satzentwürfe keinen Bezug zur Lebenswelt aufweisen – es lassen sich deren Elemente finden (Mittelstrass, 1974: 75) –, aber die transzendentalkritische Analyse geht davon aus, dass diese in einem ersten Schritt expliziert und strukturiert werden müssen. »Das heisst also, dass das Gegebene in der Anschauung bereits so organisiert wird, dass es nachher durch bestimmte Begriffe auch denkbar ist« (Böhme, 1994: 321) und in der Lebenswelt oder in der Praxis reflektiert werden kann.
Eine Bottom-Up Reflexion geht hingegen direkt von Praxisbeispielen aus und versucht, allgemeine Elemente herauszukristallisieren und in Form einer Theoriestruktur zu ordnen. Wie im folgenden Unterkapitel (1.3) gezeigt werden soll, ist die vorliegende Arbeit transzendentalkritisch angelegt.
Wozu dient eine Theorie in einer dieser Strukturen? Was hilft es, sich an diesen Gedanken bei der Theoriebildung zu orientieren?
In der vorliegenden Arbeit wird davon ausgegangen, dass die Theorie eine funktionale Antwort auf gesellschaftliche Problemstellungen darstellt (Böhm, 2011: 45). Die Theorie wird also stets auf ein Interesse hin oder aus einer Ideologie herausgebildet. Damit wird nicht zwangsläufig behauptet, dass die Theorie die Lösung zu der Problemstellung liefert. Es ist ebenso möglich, dass die Theorie durch die Formung der neuen Deutungsebene neue Reflexionsebenen und dementsprechend zusätzliche Problemfelder freilegt. In pragmatischer Sicht kann sie bspw. dazu dienen, den Darstellenden dabei zu helfen, einen schwer erfassbaren Sachverhalt angemessen darzustellen (Anhalt, 2012: 169). Entsprechend kann Theorie Orientierung bieten, für jene die sich mit ihr und der damit einhergehenden Praxis beschäftigen. Die zu entwickelnde Theorie muss daher erstens zweckdienlich sein und zweitens müssen sich ihre Sprache und ihre Methodik auf diesen Zweck hin orientieren (Mittelstrass, 1974: 129). Die Entwicklung einer Praxistheorie von Philosophical Care versucht also, auf eine gesellschaftliche Problemstellung zu antworten (Kapitel 1.5). Anschliessend sollen nun einige Bemerkungen zum Theorieobjekt und zum dazugehörigen Diskurs erläutert werden.
Philosophical Care in ihrer praxistheoretischen Grundlegung der vorliegenden Arbeit ist sowohl das Forschungsobjekt als auch das Forschungsfeld zugleich. Das Theorieobjekt geht aus den Operationen hervor, welche von der Theorie als Instrumente bereitgestellt werden. Anhalt fasst diesen Punkt treffend zusammen: »Ein theoretischer Gegenstand ist in diesem Sinne eine Funktion theoretischer Operationen« (Anhalt, 2012: 291). Jene Operationen können bspw. Argumente und Systematisierungen sein, die der Theoriebildung förderlich sind. »Theoretische Argumente sind solche, die sich zumuten, die Gegenstandskonstitution selbst kontingent zu setzen, also etwa das Verhältnis von Begriff und Gegenstand oder die Frage nach den erkenntnisleitenden Unterscheidungen oder auch nach der Art des jeweiligen Gegenstandes reflexiv behandeln und zugleich zum Gegenstand expliziter Entscheidungen zu machen« (Nassehi, 2021: 22f). Philosophical Care wird folglich als Phänomen praxistheoretisch untersucht. Dabei werden bisher noch nichtexistierende Forschungsdimensionen aufgespannt, auf welchen das Forschungsobjekt untersucht und in Problem- und Aufgabenfelder gegliedert werden kann, was im Sinne der transzendentalkritischen Analyse vollzogen wird. Im Forschungsobjekt bei der Theoriebildung wird klar, dass Philosophical Care weder schlicht in der Realität aufgefunden wird, noch rein als Konstruktion begriffen werden kann, sondern immer beide Aspekte miteinander verbindet. Dass also Philosophical Care in gewisser Weise schon praktiziert wird, versteht sich damit von selbst. Jedoch wird durch die Theoriebildung das Forschungsobjekt in seiner Auffassung verändert.
Hierbei müssen drei Punkte beachtet werden: Erstens ist es wichtig, die Skalierung des Theorieobjektes richtig einzustellen. Es darf weder zu gross noch zu klein sein. Sobald Elemente darunterfallen, die nicht zu Philosophical Care gehören, wird das Theorieobjekt verkannt, und sobald Elemente wegfallen, die sich als tragend für die Theoriebildung erweisen, kann eine praxistheoretische Grundlegung nicht mehr erfolgreich durchgeführt werden. Diese Skalierung geschieht in einem hermeneutischen Prozess (Zima, 2017: 14), in welchem die besagte Perspektivität (Kapitel 1.3) stets neu kalibriert wird.
Zweitens bedarf es für diesen hermeneutischen Prozess ein gewisses Vorverständnis (Stegmaier, 2008, Weniger, 1964: 21), welches weiter oben schon angeführt wurde. Das Vorverständnis geht stets mit einer Engführung einher und ist daher auch als Forschungsperspektive im Hinblick auf das Theorieobjekt zu betrachten. »Eine solche Theorie lässt sich von dem Satz leiten, dass Systeme nur sehen, was sie sehen können, aber nicht sehen, was sie nicht sehen können« (Nassehi, 2021: 26). Jene Engführung hilft jedoch dabei, sich bei der Theoriebildung zurechtzufinden und mit einer möglichen Blick- und Forschungsrichtung arbeiten zu können.
Drittens zeigt sich, dass das Vorverständnis einen konstruktivistischen Teil dazu beiträgt, wie das Theorieobjekt verstanden wird (Nassehi, 2021: 24). Konstruktion des Theorieobjekts soll hier nicht als Gegensatz zur Erkenntnis des Theorieobjekts verstanden werden, sondern als eine gegenseitige Bedingung, welche die Aneignung einer neuen Deutungsebene überhaupt erst erschliessen lässt. Vielmehr kann die Konstruktion als die bewusste Engführung, aufbauend auf dem Vorverständnis, verstanden werden. Hierbei soll die Konstruktion auch nicht als willkürlich aufgefasst werden, sondern als einer bestimmten Form folgend der angestrebten Reflexion, also der Funktion der Theorie (bspw. Reliabilität, Klarheit, Diskursfähigkeit etc.).
Die hier angestrebte Reflexion verweist darauf, dass die Theoriebildung stets in einen Diskurs eingegliedert ist. Insofern ist die Reflexion als Diskurs im Sinne von Foucault (2014) zu betrachten, da die Theoriebildung, wie schon erwähnt, in ihrer Funktion auf gesellschaftliche Problemstellungen antwortet und daher versprachlicht sowie interessengeleitet ist (Seel, 2009: 5). Aus der Ursache, dass der Diskurs interessengeleitet ist, folgt nicht, dass bei der Theoriebildung durch die Reflexion nicht eigene, neue Werte vertreten werden können (Nowotny et al., 2014: 80).
Jene Werte, wie bspw. die Diskursfähigkeit, müssen sich im wissenschaftlichen Feld gegenüber Kritik behaupten. Dabei werden die Gütekriterien der Haltepunkte relevant (vgl. Kapitel 1.4).
Die Diskursfähigkeit erstreckt sich wiederum über zwei Dimensionen: Zum einen geht es darum, dass die Theoriebildung erschütterbar sein kann und auch erschüttert werden soll (Zima, 2017: 97). Erschütterbar ist nicht mit falsifizierbar gleichzusetzen, da sich die Falsifikation als Kontrollinstanz nicht überall anwenden lässt und hauptsächlich auf Satzmengen rekurriert, währenddem sich die Erschütterbarkeit auf Erkenntnisprozesse oder -instrumente bezieht. Es kann also bspw. Kritik an der Perspektive oder an der Methode hervorgebracht werden, dadurch diese jedoch nicht zwangsläufig widerlegen. Die Theorie oder das Theorieobjekt können zusätzlich in ihrer Funktion erschütterbar sein, was stets eine Ermessenssache im wissenschaftlichen Feld darstellt.[14]
Zum anderen muss die Theoriebildung offen sein für die Alterität, offen sein für andere Diskurse und Blickwinkel (Zima, 2017: 259). Der Theoriediskurs sollte also so gestaltet werden, dass er mit anderen Theorien in Dialog treten kann und sich auch bis zu einem gewissen Grad in andere theoretische Soziolekte übersetzen lässt. Philosophical Care und andere Theorien treten so in das Spiel des Gründe-Geben-und-nach-Gründen-Verlangens (Brandom, 2016: 107) ein. Zusätzlich muss die Diskursfähigkeit im Verständnis der Professionalisierungsherausforderung auch auf die Wissensüberführung von Wissenschaft und der Gesellschaft reagieren können (vgl. Kapitel 1.5).
Bisher wurde gezeigt, wie hier Theoriebildung verstanden wird und was sie grob gesagt leisten sollte. Eine Theorie ist eine interessengeleitete Struktur von Sätzen, Figuren oder eines Diskurses, welche auf eine gesellschaftliche Problemstellung zu antworten versucht. Dabei muss das Theorieobjekt und der dazugehörige wissenschaftliche Diskurs in einem fortlaufenden Spiel des Gründe-Gebens-und-nach-Gründen-Verlangens eingespeist werden, um sich in seiner Aufgabenstellung behaupten zu können. Dies ist jedoch noch nicht alles, das für die vorliegende Untersuchung betrachtet werden muss. Wissensformen von Theorien müssen unterschieden werden in rein theoretisches Wissen und Praxiswissen, die selbst nicht kategorial voneinander getrennt sind, sondern andere Schwerpunkte setzen. Diese Unterscheidung aber muss für die Theoriebildung noch weiter ausdifferenziert werden, da die Praxistheorie eine mögliche Brücke zwischen diesen beiden schlägt (Thiersch, 2014: 197). Es lohnt sich, nun einige Bemerkungen über das Konzept der Praxistheorie und deren Anwendung anzustellen, bevor auf die Methodik der vorliegenden Arbeit eingegangen wird.
Was ist eine Praxistheorie? Die Praxistheorie kann als Nachdenken über die Praxis verstanden werden. In der Praxistheorie wird die Praxis zum Theorieobjekt. Dabei zeichnet sich die Praxis in vielen Fällen bei diversen Tätigkeiten durch ein Handelnkönnen und ein Sich-auf-etwas-Verstehen aus. Am Ort der konkreten Praxis müssen komplexe und folgenreiche Einsichten gewonnen und Urteile gefällt werden (Roser, 2017: 35). Hierbei kann davon ausgegangen werden, dass die Praxis von diversen Wirklichkeitsschichten[15] dieses Könnens und Verstehens durchzogen ist, welche theoretisch betrachtet werden können (Benner, 2015: 46). Diese können systematisiert und reflektiert werden. Slunecko schreibt hierzu: »Üblicherweise definiert sich eine Wissenschaft durch den Anspruch auf einen bestimmten Realitätsbereich, den sie wissenschaftlich durchdringen will, und durch die Wahl der Methoden, derer sie sich dazu bedient« (Slunecko, 2017: 19). Die mögliche Funktion einer Praxistheorie ist dementsprechend die Antworten auf Problemstellungen in der Praxis zu liefern (Gadamer, 2018: 14).
Um zu erörtern wie diese Funktion umgesetzt werden kann, vergleicht man bspw. die Unterteilung von Psychologie und Psychotherapie. Beide untersuchen denselben Forschungsgegenstand (die menschliche Psyche), unterscheiden sich jedoch darin, dass die Psychologie sich mit der Erkenntnis von menschlichem Erleben und Verhalten befasst, während dem sich die Psychotherapie primär mit der verändernden Praxis der Behandlung und den damit einhergehenden Tätigkeiten auseinandersetzt (Lacan, 2017: 32).
Die Psychologie als wissenschaftliche Disziplin und Untersuchung der menschlichen Psyche strebt eine epistemische Systematik an, die anschliessend zu einer oder mehreren Theorien geformt werden (Jaspers, 1923: 323, Marinoff, 2000: 23). Dabei liegt das Verständnis verschiedener Kausalzusammenhänge im Vordergrund. So werden regelmässig auftretende Phänomene zu erklären versucht. Aus diesen Kausalzusammenhängen und dem theoretischen Überbau können anschliessend heuristische Schlüsse gezogen werden (Jaspers, 1923: 319, Rogers, 2021: 31). Die Theorie ist daher ein perspektivisches Hilfsmittel, entweder definiert durch Axiome (bspw. ein Menschenbild) oder durch Methoden der Datenerhebung zum Verstehen von Phänomenen im Rahmen von allgemeinen Kausalzusammenhängen (Brandt, 2017: 41).
Die Psychotherapie richtet sich hingegen nicht auf die Erkenntnis systematischer Kausalzusammenhänge, sondern auf die Praxis der Behandlung von Störungen der menschlichen Psyche, wobei die Behandlung auf verschiedene Ziele wie Gesundheit, Glück, Selbstverwirklichung und/oder gesellschaftliche Integration abzielen kann (Jaspers, 1958: 34). Damit werden nicht nur Therapieziele angesprochen, sondern es können auch selbstbildende, emanzipative Aspekte gefördert werden. Ein solch theoretisches »Wissen verändert in diesem Fall die Bedingungen des Alltagsbewusstseins und des lebensweltlichen Umgangs mit sich selbst und anderen« (Slunecko, 2017: 15).
Bei der Psychotherapie geht es dabei je um das Handelnkönnen im Umgang mit Störungen der menschlichen Psyche und nicht nur um deren Erkenntnis. Man orientiert sich so verstanden an Problemfeldern und Aufgaben, die jenen Tätigkeiten der Behandlung entsprechen. Die Kriterien einer erfolgreichen Psychotherapie richten sich also nach der Güte in der praktischen Umsetzung, wobei die Angemessenheit der Erkenntnis systematischer Kausalzusammenhänge wohl eine Auswirkung auf die Güte der praktischen Auswirkung hat. Das bedeutet, je besser oder adäquater die Erkenntnisse der Psychologie und anderen Bezugsdisziplinen wie die Medizin und die Neurowissenschaften sind, umso besser kann eine Behandlung durch die Psychotherapie stattfinden.[16] Die Praxis der Psychotherapie – hier ganz besonders die kognitive Verhaltenstherapie – bedarf daher der Erkenntnis der Psychologie, Medizin und Neurowissenschaft und bildet zugleich im besten Fall den Interessenshorizont der psychologischen Forschung (Gadamer, 2018: 201). Man findet also unterschiedliche Funktionen von Theorien, welche jedoch eng miteinander zusammenhängen können. Dies gilt auch für die akademische Philosophie und die Praxistheorie von Philosophical Care (Schmid, 2016: 372).
Es scheint nämlich angebracht zu sein, zu behaupten, dass sich die Praxistheorie von Philosophical Care ähnlich, jedoch nicht kongruent, zur akademischen Philosophie, wie sich die Psychotherapie zur klinischen Psychologie verhält. Die Praxistheorie von Philosophical Care nimmt direkten Bezug auf die Leistungen der akademischen Philosophie, um sie anschliessend auf die Problemstellungen der Praxis zu übersetzen sowie zu reflektieren. Zusammenfassend lässt sich die Teilung so aufgliedern, dass es den Individualakt (Weniger, 1964: 10) von Philosophical Care gibt (wie die Therapiesitzung), die Praxistheorie von Philosophical Care (wie die Psychotherapie) und die akademische Philosophie als Bezugsdisziplin (wie die klinische Psychologie). Dabei wird nicht von einem Instruktionalismus ausgegangen, bei welchem ein starres Regelwerk von oben herab die einzelnen Betrachtungen und Handlungsweisen festlegt, wie in Kapitel (2) noch ausführlicher dargestellt wird.
Damit drängt sich aber unweigerlich die Frage auf, welche philosophischen Bemühungen überhaupt eine praktische Rolle einnehmen können (Habermas, 2004: 347). Eine mögliche Antwort darauf, kann die sorgende Tätigkeit sein (Hampe, 2014: 240), welche durch eine transzendentalkritische Analyse freigelegt werden kann. Was unter einer transzendentalkritischen Analyse verstanden werden kann und welcher Methodik die vorliegende Arbeit folgt, soll nun erörtert werden.
Einer Methodik zu folgen bedeutet, dass ein geregeltes Verfahren angewendet wird, um an ein mehr oder minder antizipiertes Ziel zu gelangen (Schönwälder-Kuntze, 2020: 9, Pickel & Sammet, 2014: 29). Welches Ziel wird aber in der vorliegenden Arbeit verfolgt? Im Hinblick auf das bisher grob bearbeitete Vorverständnis lässt sich eine Leitfrage entwickeln, welche die gesamte Arbeit strukturieren wird. Sie wird in Kapitel (1.5) nochmals explizit und ausführlicher aufgegriffen und lautet wie folgt:
Welche theoretischen Haltepunkte für Philosophical Care können herauskristallisiert werden, um damit den Anspruch der Entwicklung und zugleich der Begründung einer eigenständigen Praxistheorie gerecht zu werden?
Wie schon erwähnt wurde, ist Philosophical Care sowohl Forschungsobjekt als auch Forschungsfeld zugleich. Auf ihm lässt sich eine Praxistheorie entwickeln und so die Leitfrage beantworten. Hierbei wird eine explorative-analytische Methode gewählt, welche versucht, einzelne Elemente aufzudecken und in einen systematischen Zusammenhang zu bringen. Das bedeutet, dass verschiedene Theorien und Problemstellungen betrachtet und diese in einen Zusammenhang gestellt werden, um damit das Forschungsfeld einzugrenzen gegenüber Aspekten, die es höchstens tangieren oder gar nicht betreffen. Dies geschieht wiederum nicht willkürlich, sondern aus dem Verständnis des Philosophie- und Carebegriffs (vgl. Kapitel 2) heraus (Aspekt der Selbstbegründung). Als explorativ ist sie zu verstehen, weil durch die Arbeit hindurch keine themenspezifische Argumentation entwickelt wird, die sich bspw. an Fällen orientiert, oder welche Prämissen Punkt für Punkt abhandelt, sondern weil einzelne Konzepte auf dem Hintergrund von Problemstellungen auf den Entwurfscharakter der Praxistheorie von Philosophical Care hin betrachtet werden. In diesem Sinne kann eine praxistheoretische Grundlegung dieses Forschungsfeldes auch unter anderen Wegen angegangen werden.
Für die praxistheoretische Grundlegung bedarf es entsprechend weitere methodologische Engführungen und Entscheidungen, welche diese explorative-analytische Methode unterstützend ergänzen, denn sie alleine kann selbst nicht ausreichend richtungsweisend sein (Schönwälder-Kuntze, 2020: 10). Dabei soll auf die transzendentalkritische Analyse sowie auf die Problemorientierung verwiesen werden. Zum Schluss wird nochmals die Orientierung im Forschungsfeld aus systemischer Sicht im Hinblick auf das Theorieobjekt aufgegriffen.
Transzendental ist von transzendent im Sinne Kants zu unterscheiden. Die transzendentalkritische Analyse geht von den allgemeinen Eigenschaften aus und nicht vom transzendent Weltjenseitigen, demjenigen, welches der menschlichen Erkenntnis nicht zugänglich ist. Dabei bilden jene allgemeinen Eigenschaften die Voraussetzung oder die Möglichkeitsbedingungen für ein Phänomen wie Philosophical Care (Niquet, 1991: 23, Schönwälder-Kuntze, 2020: 22). Mit Kritik (gr. kritein) wird hier eine Unterscheidungsleistung angesprochen. Es geht darum, jene allgemeinen Eigenschaften von andern zu unterscheiden und diese voneinander für die Analyse abzugrenzen. Die transzendentalkritische Analyse deckt folglich jene notwendigen und evtl. gemeinsam hinreichenden Bedingungen auf, die für eine Reidentifikation des Forschungsobjekts gebraucht werden. Zusammenschau (gr. synopsis) des gesamten Phänomens und Zergliederung (gr. dihairesis) der einzelnen Möglichkeitsbedingungen sind die dazugehörigen Werkzeuge (Ludwig, 2021: 43, Zehnpfennig, 2017: 166). Das bedeutet, es wird untersucht, was Philosophical Care an Bedingungen erfüllen muss, um überhaupt als solche gelten zu können, wodurch zugleich das Forschungsfeld in seinen Eckpunkten aufgespannt wird.
Diese Methode fördert das antizipierte Unterfangen, dass die explorative Methode nicht willkürlich durchgeführt wird, da sie von Prinzipien ausgeht, welche die zugrundeliegenden Möglichkeitsbedingungen des Forschungsgegenstandes darstellen. Rückblickend auf die Fragestellung sind die Möglichkeitsbedingungen von den Haltepunkten (vgl. Kapitel 1.4) her definiert. Haltepunkte sind die selbst gesetzten Engführungen und Zuschnitte, welche das Forschungsobjekt umreissen und konturieren. Haltepunkte und Möglichkeitsbedingungen beeinflussen sich so in einer hermeneutischen Forschungsweise gegenseitig, indem ständig wieder die Perspektivität jener Anstösse gewechselt wird. Solche Perspektiven können niemals den gesamten Sachverhalt in den Fokus rücken, sondern sind durch ihre Standortgebundenheit auf eine je bestimmte Weise positioniert und fokussiert (Seel, 2009: 81). Sie können insofern als gleichursprünglich verstanden werden und differenzieren sich nur anhand der Frage, von wo aus gestartet wird.
Nun verhält es sich so, dass im folgenden Unterkapitel methodische Haltepunkte für die Arbeit angeführt werden, sowie später andere Haltepunkte, welche Philosophical Care in ihrer Selbstbegründung aufweisen soll. Es ist wichtig, hier beide voneinander zu unterscheiden. Die transzendentalkritische Analyse steht jedoch in Verbindung zu beiden Sets an Haltepunkten.
Eine transzendentalkritische Analyse in diesem Sinne kann a priori durchgeführt werden. Die Erkenntnisquelle ist hier das Denkvermögen. Es handelt sich also um die methodische Anwendung, um Ideen, Begriffe und Diskurse zu entwickeln, Zusammenhänge zu postulieren und zu analysieren sowie Faktisches und Kontrafaktisches vorzustellen (Staub-Bernasconi, 2018: 145, Zehnpfennig, 2017: 201).
Um es klar zu stellen, wird hier a priori so verstanden, dass sie nicht von Erfahrungen diverser Einzelfälle in der Praxis ausgeht. Vielmehr werden im Sinne Kants die allgemeinen Bedingungen von Philosophical Care, die in den alltäglichen sorgenden Tätigkeiten schon vorkommen, herausgefiltert und systematisch expliziert. Anders als Kant, Hegel, Husserl und andere wird in der Analyse jedoch nicht von apodiktischen Axiomen ausgegangen, sondern von Problemstellungen. So kann Philosophical Care durch ein bestimmtes Set an Problemstellungen definiert werden, welches Philosophical Care überhaupt erst in ihrem Vollzug ermöglicht. Diese Problemstellungen bieten ebenso Haltepunkte als Möglichkeitsbedingungen an, sind jedoch in ihrer inferentiellen Rolle nicht dogmatisch, sondern als Entwürfe aufzufassen. Dementsprechend ist die vorliegende Arbeit in ihrer Methodik auch problemorientiert.
Es existieren unterschiedliche Formen von Problemen, die sich auf einem Kontinuum aufspannen, zwischen völlig neuartigen Problemen und schon institutionalisierten Problemen (Stimmer, 2020: 27). Viele Probleme befinden sich irgendwo zwischen diesen beiden Eckpunkten. Institutionalisierte Probleme können abgearbeitet werden, wobei es wenig Reflexion für das eigene methodische Handeln bedarf. Der Entwurf einer Praxistheorie liegt jedoch weitaus näher bei einem neuartigen Problem, was bedeutet, dass unterschiedliche Ebenen neu entworfen, Forschungsfelder, Methoden etc. aufgespannt und erörtert werden müssen, womit auch eine eigenständige Prozessüberprüfung erforderlich ist.
Die Theoriefunktion bei einer problemorientierten Methodik besteht nun nicht primär darin, Antworten auf bestimmte Fragen zu liefern, sondern das Problembewusstsein zu schärfen. Anders als die lösungsorientierte Forschung zielt sie nicht darauf ab, Probleme zu beseitigen, sondern diese angemessen zu verstehen, was unweigerlich Teil der philosophischen Tätigkeit sein kann (Achenbach, 2023: 132). In ähnlicher Weise formuliert es auch Rucker: »So können Lösungen für Probleme erst entwickelt werden, wenn Problemstellungen formuliert und begründet worden sind« (Rucker, 2014: 33).
Darin kann auch ein Erkenntniswert liegen, so hier die Annahme. Sie unterstützt demzufolge den analytischen Teil der oben erwähnten Methodik. Ziel einer problemorientierten Arbeit ist es also, die Komplexität in ihrer Reichweite aufzuzeigen und zu bewahren. Unter komplex werden hier zwei sich ergänzende Aspekte zusammengefasst. Zum einen können bei einem komplexen Sachverhalt oder einer komplexen Situation keine allgemeinen Regeln angegeben werden, welche die Struktur ganzheitlich wiedergeben (Adorno, 1997: 325, Rucker & Anhalt, 2017: 25). Die Situation oder der Sachverhalt sind zu unvorhersehbar oder nicht völlig erklärbar in ihren Zusammenhängen der einzelnen Elemente und Strukturen, sowie in ihrer verändernden Dynamik.
Zum anderen sind komplexe Sachverhalte oder Situationen immer nur aus einer Perspektive zu betrachten und nie vollständig oder objektiv fassbar (Lyotard, 2019: 102, Rucker & Anhalt, 2017: 28). Man kennt dementsprechend oft nur eine Seite. Andere Bezüge oder Fokussierungen werden dadurch ausgeblendet. Dabei kann auch zwischen der Situation (der jeweiligen Perspektive) und dem Sachverhalt (dem jeweiligen Forschungsgegenstand) im Hinblick auf die Komplexität unterschieden werden (Mittelstrass, 2003: 21). Es kann also nicht nur das Problembewusstsein von Philosophical Care als Forschungsgegenstand bearbeitet werden, sondern auch die praxistheoretische Perspektive auf Philosophical Care, welche versucht, letztere in ein wissenschaftliches Forschungsfeld einzugliedern.
Die Verarbeitung dieser Komplexität kann durch das funktionale System der Philosophie auf das Problembewusstsein hin erfolgen. Darunter werden in der vorliegenden Arbeit drei Dinge verstanden: Als erstes wird der Frage nachgegangen, welche Problemfelder sich zuordnen lassen, um die Komplexität im Forschungsfeld zu erfassen. Dabei geht es um die Eigentümlichkeit von Philosophical Care und zwar wird diese, wie schon erwähnt, aufgrund von Problemstellungen und nicht durch Axiome, Ziele oder Werte bestimmt.[17] Wie sich in den folgenden Kapiteln zeigen wird, wird stets von Problemstellungen und nicht von einer Menge von Axiomen ausgegangen.
Zweitens kann nun erfragt werden, wie solche Problemstellungen von Philosophical Care überhaupt auftreten oder erscheinen können. Dies wird ebenfalls durch die transzendentalkritische Analyse und die theoriebildenden Haltepunkte, welche als notwendige inhaltliche und methodische Setzungen verstanden werden können (vgl. Kapitel 1.4), offenbar.
Drittens wird bei den Antworten auf diese Fragen nicht Halt gemacht, sondern es werden neue Problemfelder eröffnet, die über die vorliegende Arbeit hinausreichen. Dies führt zu einem Zirkel der Problemgenerierung (Anhalt, 2012: 81). Anstatt also abschliessende Antworten auf die ersten zwei Fragen zu liefern, werden weitere, angrenzende Fragen aufgeworfen, die mit den bisher gestellten Fragen zusammenhängen und so das Problembewusstsein erweitern sollen (Nowotny et al., 2014: 61, Schmolke, 2011: 20). Das Kriterium um zu entscheiden, als wie erfolgreich sich die vorliegende Untersuchung erweist, zeigt sich darin, ob und wie dieses Problembewusstsein durch die Arbeit befördert werden konnte. Es soll damit ein Niveau von Problembewusstsein erreicht werden, hinter das künftige Forschungen nicht zurückfallen sollen. Die vorliegende Arbeit strukturiert sich so verstanden anhand verschiedener Probleme, deren Antworten sie nicht zu liefern, sondern deren Komplexität als Problembewusstsein[18] systemintern zu steigern versucht.
Wenn man sich an Problemstellungen orientiert, kann man sich metaphorisch gedacht in einem Problemraum orientieren. Der Raum erstreckt sich dabei in diverse Dimensionen, auf welchem Flächen und Felder aufgespannt, sowie Punkte und Kreuzungen gesetzt werden können. Jene Ortsmerkmale werden von den jeweiligen Problemstellungen bestimmt. Sie geben dem Forschungsobjekt Struktur.
Orientieren wird hier als praktisches Wissen und dementsprechend als Können verstanden (Stegmaier, 2008: 22). Damit ist nicht gemeint, dass die Forschung im Vorab determiniert wäre (Nowotny et al., 2014: 51), aber dass durch die Orientierungsfähigkeit eine gewisse Richtung eingeschlagen wird, die bedeutungsvoll ist und zugleich auch begründet werden soll. Mit der Orientierungsleistung wird schliesslich ein System in diesem Forschungsfeld etabliert, welches das Forschungsobjekt repräsentiert. Dabei wird ein System als ein intelligibles, differenzierbares, transformatives und mehr oder minder strukturiertes Geschehen verstanden (Luhmann, 2024: 56). Systeme sind anders formuliert als Relationen zwischen Elementen (Strukturen und Prozessen). Zentral für das Verständnis von Systemen ist die Differenz zu ihrer Umwelt. »Das System ist eine Form von zwei Seiten« (Luhmann, 2024: 74). Das bedeutet, dass die Umwelt jene Aspekte umfasst, welche nicht Teil der notwendigen und gemeinsam hinreichenden Möglichkeitsbedingungen darstellen. Dies gilt bei der Analyse von Philosophical Care als Forschungsobjekt auch.
Durch den Blick auf den Problemraum als Forschungsfeld wird demzufolge ein neuer Sinn- und Bedeutungsraum als System aufgespannt. Was heisst das? Bedeutung und Sinn sind ein möglicher Verarbeitungsmodus von menschlichem Bewusstsein, Sprache und sozialen Systemen wie Gesellschaften oder Theorien (Nassehi, 2021: 27). Dabei verweisen Sinn und Bedeutung, wie im kontingenten Verstehensprozess gezeigt wurde, immer auf andere Aspekte (als-Struktur). Um den Sinn- oder den Bedeutungsraum aufzuspannen, in welchem man sich orientieren kann, bedarf es Haltepunkte, welche im nächsten Unterkapitel definiert und in den folgenden Kapiteln expliziert werden sollen.
Es wird sich also zeigen, dass das System von Philosophical Care Sinnattraktoren aufweist, die trotz aller problemorientierter Komplexität immer wieder als Haltepunkte auftauchen (vgl. Kriz in Slunecko, 2017: 270, Luhmann, 2009: 247f). Diese finden sich in den Philosophischen Schlüsselkompetenzen (vgl. Kapitel 2.3) wieder. Anhand dieser drei Schlüsselkompetenzen, die das Orientierungsfeld strukturieren, werden die systeminterne Relevanz zur Selbstbegründung als auch die Abgrenzungsmöglichkeiten gegenüber anderen Tätigkeiten und Ansätzen möglich. Zusätzlich wird die Systemrationalität, also deren Konsistenz durch besagte Selbstreferenz aus der Eigenbegründung offenbar. Die Haltepunkte als Sinnattraktoren helfen dabei, Halt zu finden und eine Forschungsrichtung zu verfolgen. Sie bilden wesentliche Punkte und ermöglichen Grenzziehungen für die Raumkoordinaten. Eine Orientierung als Können wird durch diese Richtungsgebung ermöglicht und gleichzeitig auch konstituiert.
Orientiert man sich in einem Problemraum, ist ein System nicht als geschlossen und ebenfalls nicht als technisch zu verstehen. Vielmehr ist es offen und daher für unterschiedliche Sinnbezüge und heterogene Beschreibungsvarianten zugänglich. Es steht damit aber auch im Austausch mit der Umwelt. Luhmann hält entsprechend fest, »dass das offene System selbst auf Beziehungen zwischen System und Umwelt beruht und dass diese Beziehungen nicht statisch, sondern zugleich dynamisch sind«, womit komplexitätstheoretische Überlegungen und problemorientierte Ansätze ermöglicht werden, was ein rein technisches Verstehen ausschliesst (Luhmann, 2024: 64). Zudem darf das System Philosophical Care hier nicht als statisch aufgefasst werden. »Vielmehr ist die Dynamik von der Geschichte des Systems und seinem augenblicklichen Zustand abhängig« (Kriz in Slunecko, 2017: 271).
Zusätzlich wird durch den neuen Bedeutungsraum ein neuer Soziolekt für diesen neu aufgespannten Raum entwickelt (Fricker, 2023: 147, Geertz, 2015: 291). Das bedeutet, dass Begriffe verwendet und in Zusammenhang gebracht werden müssen, die sowohl in der Praxis als auch in der Theorie vorkommen (bspw. epoché/Unvoreingenommenheit). Um die Problemstellungen, die nun systematisiert und strukturiert werden, in einen Diskurs einzugliedern, bedarf es also Termini sowie Denk- und Argumentationsweisen, die für dieses Vorhaben angemessen sind. Sie müssen nicht zwangsläufig neu sein, jedoch dürfen sie nicht blind traditionelle Methoden oder Techniken imitieren (Gadamer, 2018: 173). Somit werden in der vorliegenden Arbeit Elemente aufgegriffen, die schon existieren, werden aber neu zusammengefügt und teilweise auch mit neuen Bedeutungen ausgestattet. Dies alles dient dazu, der Fragestellung der Arbeit entgegenzukommen.
Für die praxistheoretische Grundlegung und die Orientierung im Problemraum bedarf es Haltepunkte (Anhalt, 2012: 107, Noth, 2010: 301). Dies ist bei jeder festlegenden, philosophischen Bemühung der Fall. Dies gilt aber nicht nur für philosophische Bemühungen, sondern für die Theoriebildung im Allgemeinen. Hierzu nochmals Rucker: »Durch die Bearbeitung von Problemen werden Beschreibungen in Relation zu bestimmten Problemstellungen sowie nach Massgabe spezifischer Instrumentarien und damit im Horizont spezifischer theoretischer Voraussetzungen angefertigt« (Rucker, 2014: 33).
Haltepunkte unterscheiden sich dabei von Vorurteilen im Sinne von Gadamer, da Letztere Urteile implizit prägen (Gadamer, 2010: 283), während die Haltepunkte die Theoriebildung systematisch strukturieren (Poltrum, 2016: 66). Ähnlich wie die Vorurteile ist es für die Haltepunkte jedoch wichtig, dass sie für den wissenschaftlichen Diskurs expliziert werden (Brandom, 2002: 105, Hofmann in Staude, 2010: 190). Dadurch kann der wissenschaftliche Diskurs jene Haltepunkte in einem laufenden Prozess evaluieren und entsprechend annehmen, abändern oder verwerfen (Rorty, 2012: 21). Die Evaluation und Bewertung jener entwickelten Haltepunkte finden dabei sowohl in der Philosophie als auch in der Auseinandersetzung mit anderen Disziplinen und der Gesellschaft statt (vgl. Kapitel 1.5). Zuerst soll der Fokus den Haltepunkten allgemein zugewendet werden, um anschliessend die theoriebildenden Haltepunkte der vorliegenden Arbeit aufzulisten.
Was ist hier unter Haltepunkte zu verstehen? Haltepunkte bilden die Vorbedingung, um überhaupt eine Theoriebildung vorantreiben zu können. Wie schon erwähnt wurde, werden sie a priori getroffen und entsprechend im Vorab expliziert, um sie in den wissenschaftlichen Diskurs erstens einzugliedern und anschliessend evaluieren zu können (Mittelstrass, 1974: 75, Stegmaier, 2008: 15). Jede Beschreibung einer Perspektive oder eines Sachverhalts beruht auf Voraussetzungen, die selbst nicht problematisiert werden können, damit Anderes, also ein Drittes, thematisiert und problematisiert werden kann (Bennent-Vahle, 2022: 29).
Haltepunkte weisen also auf zwei funktionale Aspekte gleichzeitig hin: Zum einen geht es darum, mittels der Haltepunkte eine gewisse Orientierung (sich festhalten) bei der praxistheoretischen Grundlegung bereitstellen zu können. Man wählt eine oder mehrere Methoden aus, man entscheidet sich für bestimmte philosophische Ansichten, man bezieht sich auf einen ausgewählten Bestand an Literatur und Forschung etc.
Zum anderen wird bei diesen Haltepunkten auch förmlich eine Grenze gezogen (Halt gemacht), hinter welche im Rahmen der Arbeit nicht weiter zurückgegangen werden kann (Rapp, 1994: 15f, Rucker & Anhalt, 2017: 113). So wird nicht versucht, zu begründen, weshalb nun diese Methode, oder jene philosophische Haltung allgemein rechtfertigbar ist oder nicht, sondern sie wird für die Untersuchung vorausgesetzt und zieht dort eine Grenze. Mit solchen Haltepunkten wird ein gewisser Standpunkt gewählt, um Philosophical Care zu betrachten und zu versuchen, sie theoretisch zu untermauern. Dieser Standpunkt definiert sich genau durch jene Haltepunkte, welche die Position des Standpunktes im Problem-, respektive im Orientierungsraum bestimmt und den Verstehenshorizont aufspannt. Dass dabei einige unterschiedliche Aspekte ausgeblendet werden, gehört zum Halt-Machen, also zur Limitierungsfunktion notwendigerweise dazu (Krauss, 2022: 12).
Die Aussagen und Behauptungen der Haltepunkte sind keineswegs als dogmatisch zu betrachten. Eine philosophische Bemühung die sich als dogmatisch verstehen würde, verlöre dadurch unmittelbar ihren philosophischen Status (Hampe, 2014: 11). Die Festlegungen sind viel eher als provisorisch zu verstehen, welche die Funktion erfüllen, unterschiedliche Denkweisen und Perspektiven aufzuzeigen. Ein solcher Standpunkt schliesst also die mögliche Existenz anderer Standpunkte nicht aus, es wird jedoch versucht, ihn anhand von Gütekriterien gegenüber anderen zu behaupten. Solche Gütekriterien sind als analytische Spezifikationen zu bestimmen, die entweder klassifikatorisch oder qualitativ sein können (Cavell, 2016: 51). Beide hängen jedoch zusammen, müssen aber aus analytischer Sicht für die Verständlichkeit unterschieden werden. Sie unterscheiden sich von den noch zu behandelnden intra-, inter- und transdisziplinären Kriterien der Forschungsdringlichkeit (vgl. Kapitel 1.5).
Klassifikatorische Kriterien geben an, ob etwas einen bestimmten Status besitzt (Foot, 2014: 75). Beispielsweise kann man Kriterien angeben, wann etwas als Fahrzeug betrachtet werden kann. Ein Auto zählt zweifellos zu den Fahrzeugen, ein Stein hingegen nicht. Diese Klassifikation muss nicht notwendigerweise kategorial aufgefasst werden, als eine Entweder-oder-Entscheidung, sondern kann auch graduell differenziert werden. Ist ein Rollstuhl bspw. ein Fahrzeug? Klassifikatorische Kriterien entscheiden, wie akkurat die Aspekte der Haltepunkte bei der Untersuchung von Philosophical Care aufgegriffen werden und sie dadurch auszeichnen. Es handelt sich um die notwendigen und gemeinsam hinreichenden Möglichkeitsbedingungen. Die komparative Handlung der Auslese wird hier durch die transzendentalkritische Analyse verfolgt, bei welcher erhoben wird, welche Aspekte für Philosophical Care im Hinblick auf die Problemstellungen aufgenommen werden sollten. Wie akkurat die transzendentalkritische Analyse sein wird, bestimmt dabei die Wahl der Haltepunkte und umgekehrt.[19]
Qualitative Gütekriterien geben hingegen an, ob etwas gewisse Standards oder Anforderungen erfüllt (Foot, 2014: 123). Ein gutes Messer muss bspw. nicht nur als ein Messer deklariert werden können, es muss seine Funktion auch durch die Schärfe und Handhabung qualitativ exemplifizieren. Ähnliches kann nun auch für Philosophical Care gelten. »Die Bezugnahme auf das Ethos einer Praxis gehört also zur Beschreibung ihrer Erfüllungsbedingungen« (Jaeggi, 2020: 176). Die ersuchten Haltepunkte müssen daher auch funktionale, qualitative Erwartungen erfüllen.
Drei dieser Kriterien können hier, unabhängig vom Ziel der problemorientierten Methodik (vgl. Kapitel 1.3), angeführt werden: Erstens können die Haltepunkte in ihrer gemeinsamen Konsistenz ermessen werden (Stegmaier, 2008: 7f). Dabei müssen Widersprüche zwischen Haltepunkten in Theorie und Praxis nicht notwendigerweise als schlechtes Zeichen betrachtet werden, doch muss untersucht werden, wie produktiv auf der Ebene der Praxistheorie mit diesen Widersprüchen umgegangen werden kann.
